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Aufführungsberichte und -kritiken

Alles im Arsch

Ulrich Bergmann, Bonner Kammerspiele 2001

 
 
  Die Aufführung von  Friedrich Schillers »Maria Stuart« an den Bonner Kammerspielen  im Jahr 2001 unter der Regie von Andreas von Studnitz gab Anlass zu der folgenden Kritik von Ulrich Bergmann:

Königin Elisabeth steigt im Panzerkleid als Glamour-Star die steile Treppe zur Show hinab. Die Show ist die Staatspolitik. Irgendwie stimmt das ja auch. Die Minister benehmen sich in ihren grauen Anzügen wie die feinen Zuhälter der so genannten freien Wirtschaft. Na gut. Sie nehmen der Königin das Blech von der Seele und stellen es scheppernd ab. Da steht die blonde Venus nun auf den Stufen ihrer moralischen Treppe abwärts. Leicester will hoch. Er will Maria und Elisabeth, am liebsten die schöne Maria. Leicester betrügt beide Königinnen gleichzeitig. Leicester ist ein richtiges Arschloch. Da steht sein aufrichtiger Wille. Er reißt sich die Kleider vom Leib, während er die Stufen hinauf stürzt, und wirft sein nacktes Fleisch der englischen Königin zum Fraß vor.
Im schönen Schein der Bühne regnet es immer wieder mal in feinen Schwaden. Wahrscheinlich ist nicht das englische Wetter gemeint, sondern Spermienregen. In diesem Klima sieht die Welt sehr schön aus. Nach dem Streit der Königinnen, in dem beide ihre Hormone freilegen, kann Mortimer seine Geilheit nicht mehr zähmen. Er lässt die Hose fallen wie eine Maske, das Arschloch fällt über Maria her, aber er steht die Nummer nicht durch. [...] Maria ist auch nicht viel besser. Sie bleibt bis zum Schluss, was sie am Anfang war: Ein schwaches Weib. Kein Erkenntnisprozess, keine echte Läuterung in dieser Aufführung zugestanden. Sie darf die Treppe, auf der Elisabeth in unsere Realität hinabstieg, nicht als moralische Siegerin hinaufsteigen, zu stark oder ironisch sind die Striche.
Andreas von Studnitz zeigt uns in seiner leicht moralistischen Veranstaltung: Der Mensch ist schlecht. Er will Macht und Geld. Er liebt nur sich. Er hat keine Ideale. Er kennt nur Intrigen. Er ist geil. Er denkt mit dem Schwanz. Seine Seele liegt irgendwo zwischen zwei Löchern. Der Mensch ist ein Arschloch. Es gibt kein Ich, es gibt nur Es. Wir sind alle nur Zuhälter, geile Freier, Nutten und Stricher. Ja, Andreas von Studnitz kennt die Welt, wie sie wirklich ist! Er zeigt Schiller, was eine Harke ist! Idealismus ist nur Lüge oder Selbstbetrug! [...]
Diese Inszenierung war so gesehen fürn Arsch. Für die Ärsche im Publikum. Sie ging irgendwie am Arsch der Welt vorbei, am Arsch im Kopf, der solche Inszenierungen schon in den 70er Jahren sah, als das Regietheater die Klassiker zertrümmerte, Tabus in der moralischen Anstalt brach und den verstaubten Bildungsbürger vom Sockel stieß. Da war Andreas von Studnitz ein kleiner Junge. Jetzt holt er die nackten Ärsche wieder aus der Mottenkiste. Das Bonner Publikum war ja nicht geschockt, sondern schlecht amüsiert. [...]

Ulrich Bergmann

(aus: Der Philotast - Kritisches Online-Magazin zu Gesellschaft, Kunst und Kultur, Auszüge -  Abb.: Auszug aus der Abbildung auf der gleichen Seite, http://www.philotast.de/stuart.htm, 12.07.02)
 

 
 
   Arbeitsanregungen:
Arbeiten Sie aus den Aufführungskritik zu Friedrich Schillers »Maria Stuart« heraus.
  1. Welche Regiekonzeption verfolgt der Regisseur Andreas von Studnitz mit seiner Inszenierung?

  2. Beschreiben Sie auf dem Hintergrund der Konzeption das eingefügte Szenenfoto.

  3. Wie beurteilt der Kritiker diese Konzeption und ihre Umsetzung?

  4. Wie beurteilen Sie die Konzeption?

    » Die Begegnung der Königinnen in verschiedenen Regiekonzeptionen

 →Operatorenkatalog des Landes Baden-Württemberg)

 
     
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