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Ibsen: Nora - Textauswahl

Ein in sittlicher Hinsicht sehr bedenkliches Stück

Paul Lindau (1881)

 
 
  Zu allen möglichen Consequenzen hätte ein solcher Vorfall [Noras Unterschriftenfälschung, d. Verf. ] führen können, z. B. dazu, daß er eine lose Ehe fester knüpft und inniger schließt, daß er dem Manne, der sich nicht die Mühe gegeben hat, sein Weib gründlich kennen zu lernen, die Augen öffnet - zu allem Möglichen, nur nicht zu dem, was Ibsen daraus gefolgert hat: zu einer dauernden Entfremdung der beiden Ehegatten, zur Loslösung Noras von ihrem Mann und ihren Kindern.
Wir folgen dem geistvollen und höchst interessanten Schauspiel bis zu dem Augenblicke, in dem die verhängnißvolle Urkunde mit der Fälschung Noras in den Händen eines zu jeder Schandtat bereiten Menschen sich befindet, mit der wärmsten Theilnahme; sobald aber dieses Document unschädlich gemacht wird und Ibsen nun dem Zuschauer zumuthet, den merkwürdigen Sprung mitzumachen, den beseitigten Stein des Anstoßes als einen Felsblock zu betrachten, der das Glück einer bisher ungestörten Ehe zertrümmert, steht der Zuschauer vor einer Unbegreiflichkeit, die ihm den Kopf schütteln macht, und die die beiden Helden um alle Sympathien, die sich sich bisher gewonnen hatten, bringt. [...]
Nora beklagt sich, daß sie von ihrem Manne immer nur wie leichtsinniges, fröhliches, lustiges Ding behandelt worden ist, das nur dazu da ist, Sonnenschein in die Familie zu bringen, zu lachen und zu scherzen, - ein Kind, das mit den Kindern wie mit lebendigen Puppen spielt. Wir fragen uns aber: woraus leitet Nora den Anspruch her, anders behandelt zu werden? Benimmt sie sich nicht genau wie eine kleine Frau, die man nicht ernsthaft nehmen kann, die ein liebenswürdiger, heitrer Cumpan für's Leben ist, die das Dasein des geplagten Mannes mit Rosen bestreut? Und ist das eine der Frau so vollkommen unwürdige Aufgabe? Muß die Frau wirklich an allen schweren Sorgen, die den Mann bedrücken, den vollen Antheil haben, und kann man sich nicht denken, daß die Aufgabe der Gattin schon recht würdig gelöst ist, wenn sie durch ihr heiteres, angeregtes Wesen dem Manne in den Mußestunden so viel Frische und Kraft gibt, daß der den harten Kampf des Daseins erfolgreich führen könne, wenn sie eine zärtliche, erheiternde Gattin und liebende Mutter ist?
[...] Aber diese Nora hat es sich nun einmal in den Kopf, - nein von dem Kopfe kann man da nicht reden , - gesetzt, daß ihr Mann, sobald er erfährt, wie sie eine Unterschrift gefälscht, wie sie hinter seinem Rücken Schulden gemacht - Schulden, deren Nothwendigkeit ihm ebenso wenig klar sein kann, wie ihm die Verwendung der erhobenen Gelder unverständlich ist -, wie sie mit einem Worte lauter Dinge begangen hat, die der Natur ihres Mannes widerwärtig sein müssen, - daß ihr Mann da sofort die tiefverborgenen Quellen ihres Handelns entdecken und thun müsse, was sie das »Wunderbare« nennt. Helmer müsse, wenn er Nora wirklich liebt, wie sie es will, auf der Stelle den ganzen mysteriösen Zusammenhang errathen; er müsse auch errathen, daß Nora bereit sei, in den Tod zu gehen, um es ihm unmöglich zu machen, sich für sie als Schuldigen zu bekennen. Das ist wirklich etwas viel verlangt, das ist gar zu »wunderbar«, und weil dieses »Wunderbare« nicht geschieht, deswegen ist Helmer des Zusammenlebens mit ihr unwürdig, deswegen werden die acht Jahre einer glücklichen Ehe aus ihrer Existenz mit einem Striche getilgt, deswegen wird mit einem Worte die Familie von ihr zu Grunde gerichtet! Ihre Kinderei, die in den acht Jahren der Ehe humoristisch und liebenswürdig gewesen ist, wird jetzt in diesem entscheidenden Momente pathetisch, tragisch und im äußersten Sinne antipathisch. In dieser Nora ist kein Funke von Liebe mehr. Sie meint vielleicht, daß es großartig ist, was sie thut; es ist einfach unverzeihlich und widerwärtig erschreckend.
An dieser Stelle, in der Mitte des letzten Actes, beginnt ein neues Schauspiel mit ganz neuen Figuren. Und das ist, abgesehen von allem Andern, auch ein starker Verstoß gegen die Composition des Kunstwerkes. So elastisch ist ein großes Publikum nicht, daß es, nachdem es sich durch den ganzen Abend eine feste Vorstellung von den Helden des vor ihm dargestellten Schauspiels gebildet hat, nun die völlige Wandlung, die der Dichter an diesen Figuren vornimmt, mitmacht. Man steht befremdet und ernüchtert vor diesem neuen Schauspiele, das vielleicht ein meisterhafter Roman hätte werden können. So reizend Nora als unbedachte kleine Frau ist, so abstoßend ist sie als verkanntes Weib, und es ist sehr bedenklich, daß der Dichter diesem verkannten Weibe Worte in den Mund legt, die an sich tief wirkende und poetisch richtige sind.
Man ist gewöhnt, nur solche Stücke als unsittliche zu bezeichnen, in welchen geschlechtliche Verhältnisse in einer Weise behandelt werden, die dem öffentlichen Schamgefühl zuwider ist. In diesem Sinne lässt sich gegen das Ibsen'sche Drama natürlich gar nichts sagen. Gleichwohl muß ich dasselbe als ein sittlicher Beziehung sehr bedenkliches bezeichnen, ja, es erscheint mir viel bedenklicher als die krassesten Ehebruchsdramen der französischen Schule. Hier werden mit großem dichterischen Talente und großer Beredsamkeit Gefühle und Gesinnungen ausgesprochen, die durchaus ungesund, und die, wie ich fürchte, wie dazu gemacht sind, in das Fleisch und Blut ungesunder weiblicher Organismen überzugehen und das Arsenal der »Verkannten« um Prachtstücke ersten Ranges zu bereichern. Das Begriffsvermögen der beschränktesten Person reicht gerade so weit, um die reizvolle Rolle der Unverstandenen und Verkannten zu verstehen. Zu einer Nora bringt jede phrasenhafte und oberflächliche Frau das nöthige Zeug mit. Daß Helmer, der ja sonst so klug ist, auf die lächerliche Verirrung Noras nichts zu erwidern hat, daß sie mit ihren kindischen, thörichten, ungesunden Ideen den Sieg davonträgt und das Schlachtfeld verläßt, nachdem sie den stärkeren Gegner zu Boden geworfen hat, daß der Unsinn siegt und die Vernunft untergeht, - das ist es, was ich nicht anders denn als unsittlich bezeichnen kann.

(aus: Paul Lindau: Nora, in: Die Gegenwart. Wochenschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben, Berlin: Stilke, Bd. 18, Nr. 48 (27.11.1880), S.348f.)

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   Arbeitsanregungen:
  1. Fassen Sie die wichtigsten Aussagen des zeitgenössischen Kritikers in Form von 1 bis 3 Thesen zusammen.
  2. Informieren Sie sich über die zeitgenössischen gesellschaftlichen Verhältnisse, die den Autor zu dieser Kritik veranlasst haben. (→Egle, Gert: Das Lebens- und Liebeskonzept der bürgerlichen Ehe)
  3. Verfassen Sie aus unserer modernen Sicht eine Gegenargumentation zu dieser Kritik in Form eines kommentierenden Leserbriefs

 

 
      
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