Wilk (2002,
S.44f.) hat die Geschichte der sexistischen Werbung zwischen 1940
und 1990 in den Kontext der in diesen Jahrzehnten dominierenden
Frauenbilder gestellt und diese Entwicklung "von Klementine bis zu
Kate Moss" mit plakativen "Überschriften" für die jeweiligen
Jahrzehnte versehen.
Bühler (2004,
S.5 ) hat die Darstellung sexistischer Werbung Im Spiegel der Zeiten
von Wilk (2002,
S.44f.) (1940-1990) zusammengefasst, auf die hier ebenfalls
zurückgegriffen wird.
Der Ausgangspunkt: Das Frauenbild im Nationalsozialismus
In der Zeit des
Nationalsozialismus orientierte sich das Leitbild von Weiblichkeit
vor allem an einer mythisch verklärten Mütterlichkeit.
Dementsprechend drehten sich die körperlichen Idealvorstellung über
Frauen um üppige Körperformen, pralle Brüste, breite, so genannte
"gebärfreudige“ Becken, die dem Leitbild der Mütterlichkeit der Frau
entsprechen. Der Körper der Frau und die Vorstellungen von ihrer körperlichen
Schönheit waren stets Teil ihres Dienstes für die
nationalsozialistische Volksgemeinschaft, von Volk und Rasse. Auf
ihre Gebärfunktion reduziert und ihre Aufgabe, die rassistisch
reine Nachkommenschaft aufzuziehen, führte dazu, das Frauen bis zur
Kriegswirtschaft aus dem Berufsleben, insbesondere auch
qualifizierten Berufen verdrängt und hinter den Herd verbannt
wurden. (vgl.
Wilk 2002,
S.45)
Frauenbild in Gesellschaft und Werbung der 1950er Jahre
Die 1950er Jahre
bringen unter den Rahmenbedingungen des Wirtschaftswunders und
zunehmenden Wohlstands auch einen Wandel des Frauenbildes mit sich,
das sich in der Werbung dieser Zeit niederschlägt. "Wie vor dem
zweiten Weltkrieg erblühte auch ab 1945 das patriarchale
Familiemodell. Weibliche Schönheit wird zur partnerschaftlichen
Bindekraft umgedeutet: Nur eine Frau, die hin und wieder neuen Pfiff
in ihr Äußeres bringt, hat eine Chance, ihren Mann vom Seitensprung
abzuhalten. Verwandlungskunst steht ganz oben auf der Liste
femininer Ideale" (ebd.,
die vom später aufkommenden Jugendlichkeitskult, so Wilk weiter,
unterschieden werden müsse.
Weibliche Reize und weibliches, meist hauswirtschaftliches Know how gewinnen als
Leitbilder die Oberhand und es kommt zum "Aufstieg von
Marylin und
Klementine" oder dem männlichen Pendant der letzteren
"Herrn Kaiser" die wie jene ihre Expertise demonstrierten und den
potentiellen Kunden durch vorwiegend sachliche Argumente ihre
Kaufentscheidung erleichtern sollten. (vgl.
ebd.)
»Klementine
in der Ariel-Werbung war so eine Sympathieträgerin und »Karin
Sommer in »Spots
bei der Beratung für»
Jacobs.
In der »Fresswelle
der 50er-Jahre lässt man die Zeit der vom Krieg und dem Mangel
danach gekennzeichnete körperliche Ausgezehrtheit und Magerheit des
Körpers hinter sich, so dass rundliche Formen und Beleibtheit zum
Symbol für Wohlstand und Gesundheit avancieren.
Weibliche Stars, die
als besonders verführerisch gehandelt wurden, trugen mit den
Kleidergrößen 40/42 ganz andere Weiten als unsere modernen eher
dürren Models mit 34 oder 36. Eine große Oberweite war wichtig und
wer sie besaß, wie z. B. »Liz
Taylor (1932-2011), »Marilyn
Monroe (1926-1962), »Gina
Lollobrigida (geb. 1927), »Anita
Ekberg (1931-2015) oder »Sophia
Loren (geb.1934) u. a. "Busenwunder" der Zeit waren zwar
schlank, aber eben nicht dürr oder gar magersüchtig.
Die Werbespots, die
im Vorabendprogramm im so genannten "Werbefernsehen" meistens
zwischen zwei Serien gezeigt wurden, standen "im Dienste
hegemonialer Heile-Welt-Phantasien, in denen Frauen die Szenerie
›dekorieren‹." (ebd.,
S.46)
Dabei wurden den Frauen klare
Rollenerwartungen zugeschrieben. Sie hatten alles für ihr
"trautes Heim" zu tun, sollten die Kinder und ihren Mann umsorgen
und ihm, der draußen in der Welt zu arbeiten hatte, den Rücken frei
halten.
Frauen in der Werbung der 1960er Jahre zwischen sexueller Revolution
und dem Ideal freier Persönlichkeitsentfaltung
"»Bissige Barbies«
auf dem Weg nach oben" überschreibt
Wilk (2002,
S.46) dieses Kapitel und bringt damit pointiert auf den Punkt,
worum es unter dem Blickwinkel der Entwicklung des Frauenbildes und
entsprechender Reaktionen der Werbung geht.
Erstmals kommt in
dieser Zeit ein gesellschaftlicher Diskurs über die Benachteiligung
der Frauen in Gang. Zugleich verbreitet sich in einer Art »"sexueller
Revolution" seit der Erfindung der »Anti-Baby-Pille
das Ideal einer weitgehend selbstbestimmten Sexualität auch von
Frauen, denen allerdings auf dem Weg dahin immer noch ein starker
gesellschaftlicher Gegenwind, vor allem aus dem Bereich der Kirchen,
entgegenweht. Immerhin: Sexuelles Lustempfinden und das Gespräch
darüber werden Zug um Zug enttabuisiert. Als 1964 der
»Minirock und die »Strumpfhose
in Mode kamen, wandelten sich zugleich auch die von der Werbung
propagierten Schönheitsideale, die ihren sinnfälligen Ausdruck darin
fanden, dass eine magersüchtige junge »Kindfrau
namens »Twiggy
(geb. 1949) zum Supermodel ihrer Zeit werden konnte. Das
Aufkommen der Marktforschung führt dazu, dass sich die Werbung
grundsätzlich auch an bestimmten Zielgruppe von Frauen ausrichten
kann. Die Themen der Werbespots sind Freiheit und Harmonie, was die
widerstrebenden Entwicklungstendenzen des in Bewegung geratenen
Frauenbildes zum Ausdruck bringt.
Die 1970er Jahre: "Selbstbestimmung auf der Light-Welle"
Die Entwicklung in
den 1970er Jahren überschreibt
Wilk (2002,
S.49) in pointierter Weise mit "Selbstbestimmung auf der Light-Welle".
In dieser Zeit
brechen die »Studentenbewegung
und die antiautoritäre Bewegung der so genannten 68er mit vielen
den Werten der bürgerlichen Moral. Sie machen den nackten Körper zu
einem Symbol für Liebe, Freiheit und Frieden. 1973 kauften Frauen
erstmals mehr Hosen als Röcke und legten ihre unpraktischen Gewänder
zu Gunsten des angesagten "sports look" ab. Der in Mode-, Frauen-
und Freizeitmagazinen bevorzugte Frauentyp war "schlank, sportlich
und konsumfreudig", dem Eigenschaften wie "Selbstbestimmung",
"Selbstverwirklichung" und "Authentizität" als Schlagworte
zugeschrieben wurde, "während die Fitness- und Aerobic-Welle dem
Körperideal die Attribute ›muskulös‹ und ›durchtrainiert‹
hinzufügen." (ebd.)
Das Kalorienzählen wurde "in" und katapultierte "Du-darfst-Produkte“ an die Spitze die Light-Welle
beim Konsum, zu deren Kauf sich ein Millionenpublikum vor den
Fernsehern als liebster Freizeitbeschäftigung der Deutschen gerne
anregen ließ.
Die »neue
oder zweite Frauenbewegung zu Beginn der 1970er Jahre
entwickelte auf vielen Feldern ihre Aktivitäten. Sie führten z. B.
dazu, dass von 1976 an die Ehefrau nicht mehr verpflichtet war, den
Namen ihres Ehemannes anzunehmen, sondern auch der Geburtsname der
Frau Ehename werden konnte. 1977 trat bei der Ehescheidung das
Zerrüttungsprinzip an die Stelle des Schuldprinzips. Das führte auch
zu einer Änderung des Unterhaltsrechts. Bis zu diesem Zeitpunkt
hatte nämlich, der "schuldig" geschiedene Ehepartner keinen
Anspruch auf Unterhalt durch seinen Ex-Partner. Im selben Jahr wurde
auch, was längst überfällig war, die rechtliche Grundlage der so genannten "Hausfrauenehe" abgeschafft. Frauen waren seitdem nicht
mehr verpflichtet, den ehelichen (Familien-)Haushalt zu führen.
Aber auch im
Bereich sexueller Selbstbestimmung kam es zu grundlegenden
Änderungen.
So wurden 1973 die
»Kuppeleiparagraphen
in der Bundesrepublik Deutschland (§§ 180 und 181 StGB; in der
DDR 1968 abgeschafft) reformiert, die die "Gewährung oder
Verschaffung von Gelegenheit der »Unzucht"
grundsätzlich unter Strafe stellten.
1974 bis 1976 wird
durch Novellierung des »Paragraph
218 StGB
in der Bundesrepublik Deutschland der Schwangerschaftsabbruch
erleichtert. Die zunächst beschlossene Fristenlösung
(Schwangerschaftsabbruch wie in der seit 1972 in der DDR geltenden
Regelung während der ersten 12 Wochen straffrei, allerdings in der
Bundesrepublik mit Beratungspflicht) wird vom »Bundesverfassungsgericht aber
1985 für verfassungswidrig erklärt und deshalb durch das
Indikationenmodell ersetzt (Abtreibung nur bei Gefährdung des Lebens
oder der Gesundheit der Mutter, Zeugung durch bestimmte
Sexualdelikte wie z. B. Vergewaltigung, drohender Behinderung des
Kindes oder sozialer Notlage zulässig). Damit setzte es einen,
allerdings nur vorläufigen , Schlusspunkt unter eine öffentlich
breit ausgetragene Kontroverse, die mit der
Titelseite der
Zeitschrift »Stern am
6. Juni 1971 – »Wir
haben abgetrieben! –
einen besonderen Höhepunkt gefunden hatte.
Sexistische Werbung unter dem Siegel der Individualisierung in den
1980er Jahren
In den 1980er Jahren stand die sexistische Werbung immer stärker
unter dem Trend zu immer stärkerer
•
Individualisierung.
Die Planung des
• eigenen Lebens, die in hochdifferenzierten Gesellschaften als
"Zwang und die Möglichkeit, ein eigenes Leben zu führen" (Beck,
Eigenes Leben 1995 S. 9), verstanden werden muss, und die Entwicklung
von der •
Wahl-
und Bastelbiografie förderte auch in der Werbung den
"Tanz ums goldene Selbst". (Wilk 2002,
S.50) Dazu "(versuchten) Labels wie ›Spaß-‹ oder ›Ego-Gesellschaft‹
(...) das ichzentrierte Klima einzufangen, in dem sich der Wert
sozialer Verbundenheit so weit verringerte, dass anonyme
Massenveranstaltungen und Massenmedien zum Näheersatz wurden. (ebd.)
Zahlreiche Magazine erschienen, in denen Lifestyle-Artikeln,
Trendempfehlungen, Typbestimmungen und
Selbsterfahrungstipps dominierten und einen neuen weiblichen
Werbetyp präsentierten: Die verwöhnte, eher hochnäsig wirkende junge
Frau, die verführerisch wirken, aber auch dafür stehen sollte, dass
sie ihren eigenen Weg sucht und geht.
In den 1990ern dominiert in der sexistischen Werbung das Ideal sehr schlanker
und stets durchtrainierter weiblicher Körper, die im Fitness-Boom geschaffen und
gestaltet worden sind. Auch wenn dieses Ideal für die Mehrheit der Frauen
unerreichbar ist, in der Werbung wird Frau als jung, intelligent und gut
aussehend vorgeführt. Sie versprüht einen Hauch von Luxus und immer auch ihre
erotische Wirkung. (ebd.)
In der Mitte der 1990er Jahre kommt ein weiterer weiblicher Werbetyp hinzu: Das
Magergirlie. Es ist jung und äußerst mager, seine Haare sind ungekämmt und sie
hat keine Sonnenbräune auf der Haut. Aufmüpfig soll sie rüberkommen und sich als
Gegenmodell zur Karrierefrau dienen, die in den Augen von immer mehr Frauen als
als Vorbild angesehen wird. Vor allem junge Frauen fühlten sich aber
zunehmend von dem Schlankheitswahn verfolgt. (vgl.
ebd.) Das Girlie ist eine
Mädchenfrau mit besonderen Eigenschaften. Sie stellt keine Konkurrenz für den
Mann dar, nicht mit dem Mann, weil sie in ihrem Alter weder
Berufserfahrung gesammelt, noch in irgendeiner Weise draußen in der (männlichen)
Welt Karriere gemacht hat. Sie wirkt in ihrem äußerst abgemagerten Körper als
Kindfrau ewig pubertierend, hilfsbedürftig und weltfremd.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
03.04.2026
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