"In den
zwangsrekrutierten Heeren des 18. und zum Teil auch noch
der ersten Hälfte des 19. Jh., die sich für die
Interessen ihrer großen und kleinen Herren schlagen
mußten, war der Deserteur eine charakteristische
Erscheinung."
(Steinitz 1972, S.151f.) Das wohl in das letzte
Drittel des 18. Jahrhundert zurückgehende Lied ist oft
als fliegendes Blatt erschienen. (vgl.
ebd., S.177.) Es schildert das Schicksal eines
jungen Mannes, der Opfer der damals üblichen
Zwangsrekrutierung wird. Es beleuchtet schonungslos die
Praxis des so genannten "Pressens" von Soldaten, die
Brutalität des absolutistischen Krieges und die soziale
Ungerechtigkeit der damaligen Zeit.
Mit List hat man mich gefangen
(Wo
soll ich mich hinwenden)
1.
Wo soll ich mich hinwenden,
Bei der betrübten Zeit?
An allen Ort und Enden
Ist nichts als Krieg und Streit.
Rekruten fanget man,
So viel man haben kann;
Soldat muß alles werden,
Es sei Knecht oder Mann.
2.
Mit List hat man mich g'fangen,
Als ich im Bette schlief;
Da kam der Hauptmann gegangen,
Ganz leise auf mich griff:
„Ei Bruder! bist du da?
Von Herzen bin ich froh!
Steh' nur auf, Soldat mußt werden,
Das ist nun einmal so!"
3.
So bin ich nun gefangen,
Mit Eisen angelegt;
Als wär' ich durchgegangen,
So hat man mich belegt.
Ach Gott, verleih' Geduld,
Ich bitt' um deine Huld!
Mein Schicksal will ich tragen,
Vielleicht hab' ich's verschuld't.
4.
Der König hat's beschlossen
Zu streiten für sein Land;
Viel Kinder werden erschossen
Durch der Feindlichen Hand.
Das ist des Krieges Lauf:
Rekruten hebt man auf,
Viel tausend Kinder müssen
Ihr Leben geben drauf.
5.
Dem König muß ich dienen,
So lang ich's Leben hab';
Werd' ich einmal erschossen,
Wirft man den Leib ins Grab.
Allwo in einer Schicht —
Ach Gott, erbarme dich! —
Viel Kamerad begraben;
Vielleicht betrifft's auch mich!
6.
Man hört Kanonen knallen,
Daß es die Luft erschallt;
Viel tausend Brüder fallen,
Verlieren ihr' Gestalt,
Seufzen in ihrem Blut,
Das stromweis fließen thut,
Müssen den Geist aufgeben;
O du unschuldig's Blutl
7.
„Adje nun, Vater und Mutter,
Adje, mein lieber Freund!
Muß mich zur Reis' begeben,
Zur Residenz noch heut'.
Der Himmel schütze euch!
Wann ich im Felde bleib',
Betet für meine Seele,
Daß sie komm' ins Himmelreich!
8.
„Ach Vater, Schwester, Bruder,
Stellt euer Weinen ein!
Es kann nichts Anders helfen,
Soldat muß ich jetzt sein,
's regieret in der Welt
Die Falschheit und das Geld;
Der Reiche kann sich helfen,
Der Arme muß ins Feld."
9.
Der Vater weint um seinen Sohn,
Die Mutter um ihr Kind;
Das Weib bedauert.ihren Mann,
Weil sie geschieden sind;
Die Schwester um den Bruder,
Die Kinder um den Vater;
Das ist ein Lamentiren,
Daß man nicht hören kann.
10.
Mein Schätzlein steht von weiten,
Schaut mich ganz traurig an;
Ich sag' es allen Leuten,
Was sie mir Gut's getan.
Ob ich gleich fortmarschier',
Bleibt doch mein Herz bei dir
Und bis zum Tod ergeben,
Gib mir das dein' dafür!
11.
Noch einen Kuß wirst geben
Zum Zeugnis deiner Treu;
Ich geb' dir zwei dagegen
Und liebe dich aufs Neu.
Leb' wohl, denk' oft an mich!
Und glaube sicherlich:
Wann ich einst wiederkomme.
Gewiß heirat' ich dich!
12.
Man hört die Vöglein singen,
Die liebliche Musik;
Ich wünsch' vor allen Dingen
Ein angenehmes Glück.
Leb' wohl, denk' oft an mich!
Und glaube sicherlich:
Wann ich zu Hause komme,
Gewiß heirat' ich dich!
(aus:
Steinitz 1972, S.174f.)