Brecht, Bertolt: Dramen- und Theatertheorie

Einfachheit

Jan Knopf (1996)

 
 
  Mit dem Parabeltyp ist oft auch die Kennzeichnung des »Einfachen«, von der Forschung als Vorwurf gemeint, der »Vereinfachung« verbunden: das komplexe Geschehen werde parabolisch (und didaktisch) zubereitet, vor allem die Figurenzeichnungen ganz der Funktion, die die Figuren innerhalb der »Idee« zu erfüllen hätten, untergeordnet. Der Begriff der »Einfachheit« jedoch ist wie der der »Naivität«, den Brecht später für sein Theater gebraucht hat […], ein dialektisch konkreter, das heißt: zusammengesetzter Begriff. Er stellt das Ergebnis eines Prozesses dar und meint nicht, dass etwas »schlicht« so sei (bzw. dass mit ursprünglicher Naivität = gesundem Menschenverstand zu rechnen sei). Einfachheit bezieht sich auf das ästhetische Verfahren, Naivität auf die mögliche Zuschauerhaltung, die die »Einfachheit« zu genießen weiß. […]
»Einfachheit« in der Ästhetik bedeutet […] nicht Vereinfachung, sondern die Herstellung von Bildern, deren Genuss naiv, das heißt: unmittelbar möglich ist, die aber dennoch das Ergebnis höchst komplexer und vermittelter erkenntnismäßiger und ästhetischer Prozesse ist, das dann unmittelbar »einleuchtet« […].
Die Figuren gehen – bei diesem theoretischen Konzept (die Praxis ist eine andere Frage) – nicht in ihrer Funktion auf bzw. sind bloße »Verkörperungen« von Ideen, auch sie sind Ausdruck personaler Komplexität, und zwar auch dann, wenn es sich um »einfache Menschen« handelt, (vgl. z.B. die Courage). Brechtsche Einfachheit resultiert aus Realitätserfahrung und Realitätskenntnis: diese gerade sieht er beim Bürgertum oder den »gehobenen Schichten« gar nicht so ausgeprägt, wie sie es selbst glauben mögen, gelten doch ihre Anstrengungen dazu, möglichst wenig Realität zum Vorschein zu bringen, dafür aber sich an scheinbar komplizierten Gedanken irrealer Art zu delektieren. Brecht bestimmt den Gegenbegriff zu Einfachheit als den der Primitivität.

(aus: Knopf  1996, S.409f.)
 

 
 
   Arbeitsanregungen:
  1. Welche Kritik wird von der Forschung gegen den Brechtschen Parabeltyp erhoben, und womit wird sie begründet?

  2. Wodurch versucht Brecht diesem Vorwurf zu begegnen?
     

 
     
   
 

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