Brecht, Bertolt: Dramen- und Theatertheorie

Die Parabel als Experiment

Jan Knopf (1996)

 
 
  Brecht hat mehrere seiner Parabeln ausdrücklich als Experiment gekennzeichnet (durch Prologe bzw. Vorspiele: vgl. Der gute Mensch von Sezuan, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui). Die Analogie zum naturwissenschaftlichen Experiment stellt sich folgendermaßen her: aus dem gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen werden bestimmte Vorgänge, Prozesse herausgehoben und »isoliert« (das heißt: künstlerischen Gesetzen unterworfen: abgekürzt, konzentriert, »vereinfacht«); Ziel ist es - wie im naturwissenschaftlichen Experiment - das Funktionieren dieser Vorgänge und damit bestimmte Funktionsprozesse der Gesellschaft, die nicht unmittelbar zu sehen sind, sichtbar zu machen. Das »Subjektive“ liegt im »Wie« des »Versuchs-Aufbaus“ und vor allem auch in der künstlerischen Qualität des Sichtbar-Gemachten, den Bildern, den dramatischen oder sonstigen Bildern, die geschaffen werden für etwas, was unmittelbar nicht zu sehen ist; der objektive Gewinn ist, dass die subjektiven Bilder der Kunst auf objektive Prozesse verweisen (Demonstrationscharakter) und Erkenntnis sowie Bewusstsein davon fördern helfen. Wie z.B. das Atommodell von Ernest Rutherford nicht beansprucht, das Atom, wie es »wirklich« ist, abzubilden, so stellt auch der »Versuch« Brechts ein Bild von etwas her, das »normal« nicht zu sehen ist oder prinzipiell unsichtbar ist; seine »Richtigkeit« erhält das Modell einzig dadurch, dass es sich im Gebrauch bewährt.[…]
Das Problem des »Realismus« ist damit auf eine ganz andere Ebene als die der »Widerspiegelung« verschoben: realistisch ist nicht, was möglichst so aussieht, wie man die Dinge normal vorfindet (»gesunder Menschenverstand« etc.), das ist vielmehr Naturalismus; an realistische Darstellungen werden drei Forderungen gestellt: 1. die »Abbildung« muss das Abgebildete in seinen normalen Aussehen erkennen lassen (aufgehobener Naturalismus), 2. sie muss das Funktionieren des Abgebildeten demonstrieren (Verfremdung), 3. sie muss künstlerische - dem Abgebildeten adäquate - Bilder für das Funktionieren finden (Sichtbarmachen des Unsichtbaren); alle drei Forderungen verbürgen zusammen, dass ästhetischer Genuss (Gefühl) und intellektuelle Einsicht (Ratio) sich gemeinsam einzustellen vermögen.

(aus: Knopf  1996, S.407f.)
 

 
 
   Arbeitsanregungen:

Arbeiten Sie heraus:

  1. Worin besteht für Brecht die Ähnlichkeit der Parabel mit einem naturwissenschaftlichen Experiment?

  2. Welche Ziele verfolgt Brecht mit seinem dramatischen Experiment?

  3. Versuchen Sie zu erklären: Inwiefern ist der Parabeltyp des epischen Theaters von Bertolt Brecht "realistisch"?
     

 
     
   
 

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