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Über Sexualität sprechen

Let's talk about porn: Über sexuelle Grenzverletzungen im Internet miteinander reden

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Der so genannte "Safer Internet 2024" hat das Thema aufgegriffen: Wie gehen Jugendliche online mit sexuellen Inhalten um, die ihnen Schritt auf Schritt bzw. Klick auf Klick begegnen? Wie reagieren Sie auf sexuelle Übergriffe?

Kira Thiel u. a. (2024) haben sich ausführlich mit diesen und anderen Fragen beschäftigt. Sie betonten unter Verweis auf entsprechende Forschungsergebnisse, dass Jugendliche im Internet und insbesondere in Interaktionskontexten hre Sexualität digital ausprobieren. Dabei würden  dabei häufig die persönlichen Grenzen von Jugendlichen überschritten. Ungefragt zugesandte Nacktfotos (z. B. Dick Pics) oder anzügliche Bemerkungen, Sex-Bot-Nachrichten, die auf dubiose Webseiten leiten sollen, sexualisiertes Cybermobbing oder der Anbahnung von sexuellem Missbrauch (Cybergrooming) ist das, was Jugendlichen auf ihrem Weg durchs Netz ständig begegnen kann. Und das betrifft inzwischen eine sehr große Zahl von Jugendlichen. So gaben laut aktuellem Jugendmedienschutzindex 45 Prozent der Kinder und Jugendlichen an, schon einmal online belästigt worden zu sein. Fast die Hälfte (46%) der Befragten gab in einer anderen Studie, dass sie sich schon einmal durch Nachrichten über Messenger-Dienste wie WhatsApp, Telegram, Facebook oder Messenger belästigt gefühlt zu haben. Und: 40 Prozent berichteten, dass sie sich belästigt fühlten, wenn sie ungewollt mit mit sexuellen Bildern oder Videos konfrontiert wurden.

In einer Studie des Hans-Bredow-Instituts (HBI) wurde daher 2022 genauer analysiert, wie 12- bis 17-Jährige diese Erfahrungen subjektiv bewerten. Dabei rückte sie die verschiedenen Formen digitaler Grenzüberschreitungen, die häufig zu beobachtende Sprachlosigkeit der Betroffenen, um das Erlebte zu artikulieren und zu kommunizieren und das fehlende Rechtsbewusstsein Jugendlicher, die sich solchen sexuellen Übergriffen aktiv beteiligen, ins Zentrum ihrer Analysen.

Die Formen digitaler Grenzüberschreitungen sind wie die  Erlebnisse der Jugendlichen vielfältig und reichen von punktuellen Belästigungen bis hin zu strategischer Manipulation. Eine der verbreitesten Formen sind  Belästigungen via Messenger & Social Media. Besonders Mädchen berichten von ungefragt zugesandten Nacktfotos (z. B. "Dick Pics") oder anzüglichen Kommentaren auf Instagram und Snapchat. Aber auch Sex-Bots sind im Netz unterwegs. Die automatisierten Profile, die oft auf auf pornografische Plattformen (z. B. OnlyFans) locken wollen, sind weit verbreitet, wenn auch meist nur kurzfristige Belästigungen. Das ist beim Cybergrooming ganz anders. Hier bauen Täter (oft Erwachsene mit Fake-Profilen) über längere Zeit Vertrauen auf, um Jugendliche sexuell zu manipulieren. Oft genug verschwimmen aber auch die Grenzen, weil die sexuelle Belästigung oft in Kombination mit Cybermobbing auftritt , etwa wenn Ex-Partner mit der Veröffentlichung von Intimbildern drohen.

Die Wissenschaftler*innen fanden aber auch heraus, dass die Jugendlichen große Schwierigkeiten damit haben, das Erlebte einzuordnen. Viele nutzen vage Begriffe wie "weird", "suspekt" oder "komisch", weil ihnen die Sprache fehlt, mit der sie ausdrücken könnten, was sie fühlen. Diese "Sprachlosigkeit" hat verschiedene Ursachen. Oft erkennen die Heranwachsenden die Grenze zwischen harmlosem Flirt und Übergriff erst spät.  Erhalten sie Komplimente von Fremden werden diese immer wieder als schmeichelhaft missverstanden, bevor die Situation kippt. Aber auch auch Gewöhnungseffekte lassen sich beobachten. Je häufiger die jungen Leuten mit derartigen sexuellen Grenzverletzungen und Übergriffen in Berührung kommen, desto eher stumpfen sie auch dagegen ab. Werden sie z. B. immer wieder mit "Dick Pics" konfrontiert, dann bezeichnen sie solche Übergriffe als "normal" oder sogar "lustig", was ihre emotionale Distanzierung verdeutlicht.

Die Forscher*innen führen dazu das Beispiel einer 17-Jährigen jungen Frau an, "die eine unangenehme Erfahrung mit einer älteren Person auf Snapchat gemacht hatte, und diese als ›suspekt‹ bezeichnete: ›Also mich hatte auf Snapchat, ich glaube, der war fast dreißig und da war ich noch 14, und der hat das dann trotzdem weitergemacht und das war ein bisschen, ja, eklig. […] Also da war ich ja noch 14, das heißt, ich habe geantwortet. Und der hatte mich auch gefragt, wie alt ich bin. Und da habe ich ja 14 geantwortet. Da meinte er dann so: ‘Ja, ein bisschen jung, aber geht ja noch.‘ Und ob ich denn nicht ein Bild schicken könnte und so. Und ja, genau, und dann aber so/ Der hatte dann immer Snaps geschickt, also nicht, also so von seinem Gesicht und so, also ja, von seinem Gesicht. Und da habe ich dann aber nicht mehr drauf geantwortet. Also das war mir dann auch ein bisschen, ja, suspekt, nenne ich es mal (lacht)‹ (Emily, 17)."

Immer wieder ist Scham und Angst im Spiel, wenn sie Jugendlichen das Erlebte für sich behalten. Viele Jugendliche scheuen sich, mit Eltern oder Lehrkräften zu sprechen, zumal "das sensible Thema „Sexualität“ in der Altersgruppe allgemein häufig schambesetzt ist:"

Sie fürchten negative Konsequenzen (z. B. Handyverbot), mangelndes technisches Verständnis der Erwachsenen oder dass das Problem "aufgebauscht" wird. Opfern und jugendlichen Tätern ist zudem meistens unklar, welche Online-Handlungen strafrechtlich relevant sind. Doch nicht nur das mangelnde Rechtsbewusstsein ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung. Auch die Tatsache, dass Minderjährige in der Regel ihre Eltern einbeziehen müssen, wenn sie rechtliche Hilfe in Anspruch nehmen wollen, ist eine Hürde, die bei  schambesetzten Themen oft abgelehnt wird.

Um die Sprachlosigkeit zu überwinden, braucht es geschützte Räume zur Reflexion. Das Projekt zeigt, dass hypothetische Fallbeispiele (Szenarien) Jugendlichen helfen, eigene Erfahrungen sicherer einzuordnen und Hilfsangebote kennen zu lernen, ohne sich sofort persönlich offenbaren zu müssen. Ein hypothetisches Szenarium diese Funktion erfüllen:

"Ezra (15) wurde auf Snapchat von jemandem geaddet, den sie nicht kennt und hat den Kontakt aus Neugier angenommen. Kurz darauf schickt dieser Kontakt ihr einen Snap. Als Ezra den Snap öffnet, sieht sie, dass es ein Nacktfoto ist. Klara (13) wurde vor einiger Zeit von einer Person, die sich als Tom (13) vorgestellt hat, über Instagram angeschrieben. Am Anfang haben sie sich vor allem über Hobbys und Schule ausgetauscht. Irgendwann wollte Tom nur noch auf WhatsApp mit ihr chatten, das war OK für Klara. Jetzt fragt er sie ständig, welche Klamotten sie beim Schlafen trägt, macht ihr viele Komplimente und möchte sich mit ihr treffen."

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 26.05.2026

     
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