teachSam- Arbeitsbereiche:
Arbeitstechniken - Deutsch - Geschichte - Politik - Pädagogik - PsychologieMedien - Methodik und Didaktik - Projekte - So navigiert man auf teachSam - So sucht man auf teachSam - teachSam braucht Werbung


 

 

Bausteine

Die Subsidienverträge Karl Eugens

Württemberg zur Zeit Herzog Carl Eugens (1728-1793)

 
GESCHICHTE
Grundbegriffe der Geschichte Europäische Geschichte Frühe Neuzeit (1350-1789) Zeitalter der Renaissance (ca.1350-1450) Zeitalter der Entdeckungen (1415-1531) Reformation und Glaubenskriege (1517-1648)  Absolutismus und Aufklärung (ca. 1650-1789) Die Entstehung des frühmodernen Territorialstaats im Absolutismus  Repräsentation von Macht im höfischen Absolutismus ÜberblickLudwig XIV. (1638-1715) und der Hof von Versailles [ Württemberg zur Zeit Herzog Carl Eugens (1728-1793) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Zeittafel Württemberg und das Reich Fürst und Land: Dualistischer Ständestaat in Württemberg ] Herzöge und Könige von Württemberg 1628-1918 Carl Eugen von Württemberg: Kurzbiographie Pädagogische Gründungen Carl Eugens Versailles in Schwaben: Ludwigsburg zur Zeit Carl Eugens Quellen Bausteine Beginn des bürgerlichen Zeitalters  ▪ Deutsche Geschichte
 

Württemberg zur Zeit Herzog Carl Eugens (1728-1793)
Konkurrenzkampf und Prasserei: Absolutistische Repräsentation von Macht
Versailles in Schwaben: Ludwigsburg zur Zeit Carl Eugens
Höfische Festkultur zur Zeit Carl Eugens

Kapp, Friedrich:
[Die Subsidienverträge Herzog Carl Eugens von Württemberg] (1874)

Bekanntlich zeichneten sich die während des siebenjährigen Krieges bei [S. 91] der Reichsarmee stehenden bayrischen Truppen durch nichts weniger als durch Heldenthaten aus. Von welcher Beschaffenheit sie aber bei Ausbruch des amerikanischen Krieges gewesen sein müssen, geht aus der von Seb. Bruner in seinem Buche: „Der Humor in der Diplomatie“ mitgetheilten Korrespondenz hervor. Es schreibt nämlich der kaiserliche Gesandte Graf Lehrbach am 24. März 1778, also zwei Jahre nach dem Anerbieten des Kurfürsten und einige Monate nach dessen Tode, an den Minister Fürsten Kaunitz-Rittberg: „Der Militärstand ist nach der Cameral-Einrichtung auf 15,000 Mann, dermalen kaum 3000 Mann unter Gewehr, nebst einem Invaliden- und Garnison-Regiment. Zum Unterhalt dieser 15,000 Mann, worunter 39 Generale, sind alle Monat 93,000 fl. Vorschuß bestimmt, wovon der Unterhalt der Festungen, des Generalstabs und Alles, was zum Militärstand gehörig, zu bestreiten wäre, welche auch so verwandt werden, als ob dieser Stand wirklich vollzählig wäre. Welches auch leicht begreiflich, wenn man unter Anderem diesen Unfug beherziget, daß wenn eine Offiziers- oder andere Frau gesegneten Leibes war, hat man es entweder durch bloße Protektion oder mittelst Geldverwendungen, welches in diesem Lande für alle Gattungen von Bedienstungen oder Gnadenerweisungen der schicklichste Erhaltungsweg war, dahin gebracht, daß für noch nicht geborene und zur Welt gebrachte Leibesfrucht eine Offiziersstelle ertheilt worden ist. Wenn dann entweder eine todte Frucht zur Welt gekommen oder gar eine Tochter oder ein Sohn, der aber gleich oder nicht lange nachher gestorben, so hat die Familie oder Eltern der Kinder doch immer die Erträgnisse der gegebenen Offizierspatente fortgenossen. Die für die Beurlaubten ersparten Gelder fließen in die Tasche des Kurfürsten.“ Natürlich gerieth unter solchen Umständen Alles in Unordnung; es herrschte unter den Truppen Unzufriedenheit und Desertion. Kurz vor Ausbruch der französischen Revolution waren bei den Chevauxlegers-Regimentern 150 Pferde und 40 Sättel und für erstere nicht einmal die gehörigen Pferdestriegel vorhanden.

Es war also kein Wunder, wenn die bayrischen Soldaten zu jener Zeit nach den päpstlichen als die schlechtesten in Europa galten, und es war weise von Suffolk, daß er kurzer Hand das kurfürstliche Anerbieten verwarf. Dagegen zog er die ihm im Dezember 1776 gewordenen Offerten Würtemberg's und Brandenburg-Anspach's näher in Betracht und betraute zu Anfang des Jahres 1777 den Obersten Faucitt mit einer[S. 92] Sendung an die Höfe von Stuttgart und Anspach, um womöglich sofort mit ihnen einen Truppenlieferungs-Vertrag abzuschließen.
Da dieses Kapitel nur den verfehlten Versuchen Suffolk's, deutsche Hülfstruppen zu erlangen, gewidmet ist, so mögen hier zuerst die Verhandlungen mit Würtemberg ihren Platz finden, wenn sie auch, der Zeit nach, einige Wochen nach dem mit Anspach geschlossenen Vertrage begonnen und beendigt wurden.

Sir Joseph Yorke hatte Suffolk im September 1775 den Herzog von Württemberg als einen Fürsten genannt, der wohl im Stande sein werde, einige Tausend Mann zu liefern; auch der Herzog selbst hatte sich dem Minister angeboten. Es kam also zunächst auf den Versuch an, Verhandlungen mit ihm anzuknüpfen.

Das Herzogthum Württemberg zählte zu jener Zeit bei einer Größe von ungefähr 200 Quadratmeilen 514,575 Einwohner. Der Herzog Karl Eugen (1744–1793), der berüchtigte Peiniger Schubart's und Moser's, sowie spätere Gründer der Karlsschule, war zu jener Zeit noch der Landes- und Volksquäler, der nach dem von ihm zuerst öffentlich aus dem Französischen übersetzten zynischen Grundsatz handelte: „Was Vaterland! Ich bin das Vaterland!“ und sich erst im Jahre 1778 unter dem Einfluß einer verständigen und sanften Frau zu einem bessern Lebenswandel bekehrte. Zwanzig Jahre früher nannte er die Beschwerde seiner Stände über den ohne ihr Wissen mit Frankreich abgeschlossenen Subsidien-Vertrag, der ihm drei Millionen Gulden einbrachte, aufrührerisch und unanständig und drohte der ständischen Vertretung mit dem Asperg. Herzog Karl Eugen hat übrigens die Ehre, durch seinen Ex-Feldscherer Schiller der Nachwelt viel genauer bekannt geworden zu sein, als er verdient; so dankbar ist das deutsche Volk gegen seinen großen Dichter, daß es den kleinen Tyrannen, weil er fördernd und hemmend in dessen Jugend eingriff, sogar in Dichtung und Sage verherrlicht hat. Der Leser kann für die nähere Charakteristik dieses Mannes deshalb füglich auf die populären Lebensbeschreibungen Schiller's von Palleske und Scherr verwiesen werden. Hier nur ein Zug, der ihm unter seinen Zeitgenössischen Brüdern und Vettern als den rohesten und grausamsten kennzeichnet. Als er Schubart mit gerade demselben Recht eingekerkert hatte, mit welchem ein tunisischer Seeräuber seiner Zeit Menschen an den Küsten des Mittelmeeres stahl, zwang er sein volle zehn Jahre eingesperrtes und gemartertes Opfer sogar, ihn, den gnädigsten[S. 93] Peiniger, an seinen Geburtstagen zu besingen. Der arme gebrochene Mann ließ sich leider zu dieser Entehrung mißbrauchen. Die Sammlung der Schubart'schen Gedichte ist reich an derartigen, auf Bestellung gelieferten Ergüssen. Ein paar Proben, auf gutes Glück herausgegriffen, mögen in der Anmerkung Platz finden.[3]

Auch die Herzöge von Würtemberg machten wie ihre fürstlichen Kollegen seit Menschenaltern gern Geschäfte in Truppenlieferungen und waren in der Herbeischaffung von wohlqualifizirten Subjekten durchaus nicht bedenklich. In dieser Beziehung ist Karl Eugen nicht schlechter als seine Vorfahren; er handelte höchstens noch rücksichtsloser und konsequenter als sie. Man ist in der That oft in Verlegenheit, wem von ihnen man den Preis zuerkennen soll, aber in letzter Instanz muß man sich doch für Karl Eugen als den niederträchtigsten entscheiden.

Die langjährigen Zwistigkeiten des Herzogs mit seinen Ständen [S. 94] wurzeln zum großen Theil in der Willkür, mit welcher er seine Truppen aushob und erhielt; sie geben uns das aktenmäßig beglaubigte Material an die Hand, zur Beurtheilung der Soldateska während der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Nirgend im damaligen Deutschland war das Rechtsbewußtsein so ehrlich und schroff entwickelt als bei den braven Schwaben. Eine kurze Uebersicht über ihre Streitigkeiten mit dem Herzog ist äußerst lehrreich für das Verständniß der uns beschäftigenden Epoche. Ex uno disce omnes!

In den ersten Jahren seiner Regierung enthielt sich Karl Eugen jedes gewaltthätigen Eingriffs in die Rechte seiner Unterthanen und zwang sie namentlich nicht zum Dienste. Erst allmälig entwickelte sich der Sultan in ihm. Als der siebenjährige Krieg ausgebrochen war, und als der Herzog neben den 6000 Mann Hülfstruppen, die er Frankreich geliefert hatte, sein Reichskontingent stellen sollte, das bis dahin nicht vorhanden war, da schritt er mit einer Rücksichtslosigkeit zur gewaltsamen Aushebung seiner Bürger und Bauern, die im schroffsten Gegensatze zu deren verbrieften Rechten stand und zu langjährigen Zwistigkeiten mit den Landständen führte. Der berüchtigte Major Rieger erhielt Vollmacht, in kürzester Zeit die nöthige Truppenzahl zu liefern. So schwer das war, da die Schwaben gegen Friedrich den Großen als Beschützer des Protestantismus in Deutschland nicht dienen wollten — Karl Eugen war katholisch — so erfüllte Rieger doch seinen Auftrag. Wer achtzehn Jahre und sonst tauglich war, mußte Soldat werden; vom Feld und aus den Werkstätten, aus den Häusern und aus den Betten holte man die Leute, umstellte Sonntags die Kirche und ließ sie von da gewaltsam fortschleppen; zur Unterzeichnung der Kapitulation aber zwang man sie durch Hunger und Gefängniß. Beamte, die sich hierbei nicht recht thätig zeigten, wurden mit strengen Strafen bedroht. Die auf solche Art zusammengeraffte Mannschaft empörte sich jedoch, als sie in's Feld ziehen sollte, und Rieger mußte mit noch grausamerer Strenge ein neues Heer zusammenbringen. — Ueber dies Verfahren entstand allgemeiner Unwille im Lande; indessen fruchteten die wiederholten wehmüthigsten, aber respektvollsten Vorstellungen des ständischen Ausschusses nicht. Weil aber die Desertionen so sehr überhand nahmen, daß die Truppen in kurzer Zeit 360 Deserteure zählten und im September 1757 allein aus dem Feldlager bei Linz 62 ausrissen, so wurden die Gesetze gegen das Desertiren bedeutend verschärft. Selbst wer mit Gewalt zum Kriegsdienst[S. 95] weggenommen war, wurde, sobald man ihn wieder ergriff, gehängt und mit Vermögensverlust bestraft. Wer einem Deserteur half, verlor das Bürgerrecht, wurde ohne weitern Prozeß ins Zuchthaus abgeführt und hier, unter wiederholtem Willkomm (d.h. Stockprügeln) zu harter Arbeit angehalten. Um das Entkommen der Ausreißer zu verhindern, wurde befohlen — in der Würtembergischen Geschäftssprache nannte man die Maßregel Deserteur-„Attrapirungs-Anstalten“ — daß die Nachtwächter auf den Nebenwegen längs den Dörfern alle Nächte streichen mußten. Wenn Lärm gemacht wurde, so hatte die aufgerufene Gemeinde augenblicklich alle Straßen, Brücken, Nebenwege und Fußsteige zu besetzen und wenigstens vier und zwanzig Stunden lang besetzt zu halten. Wegen eines einzigen Ausreißers hatte in solchen Fällen Tübingen 106, Herrnberg 92, Böblingen 101, Besigheim 48 Mann auszuschicken; der kleine, aus fünfzig Familien bestehende Ort Dachtel stellte in einem Jahre 1488 Mann auf die Alarmplätze. Nicht selten verloren beim Widerstand bewaffneter Ausreißer arme Familienväter Leben oder Glieder. Derjenige Ort aber, auf dessen Gemarkung ein Deserteur nicht aufgehalten wurde, obgleich es hätte geschehen können, mußte einen Mann von der Größe des Entwichenen stellen, und namentlich sollte dann bei den Söhnen des Ortsvorstehers der Anfang gemacht werden. Dieser Befehl war alle Monate von der Kanzel zu verkündigen. Am 1. Oktober 1758 erhielten die Beamten den Auftrag, die Aushauser fortwährend namhaft zu machen und allenfalls gleich einzuschicken, „und zwar nicht blos solche, die ihr Vermögen schon verthan hätten, sondern überhaupt Alle, welche ein liederliches Leben führten, Trunkenbolde, Raisonneure, illegale Müßiggänger, unruhige Köpfe, subtile und schleichende Aufwiegler oder andere dem Publikum politisch oder zur Last fallende Leute, welche nicht über 60 Jahre alt, nicht gebrechlich und wenigstens 5 Fuß 8 Zoll hoch seien.“ Als Grund für diesen Befehl wurde vom herzoglichen Zuchtmeister angegeben, daß viele Beispiele von solchen Leuten vorhanden seien, die sich im Militärdienst ganz und gar geändert und der hier herrschenden preiswürdigsten Ordnung und Disziplin dergestalt folgsam erzeigt hätten, daß man sich bei ihrer einstigen Entlassung gehorsame, ruhige und vernünftige Bürger an ihnen zu versprechen habe.

Die Beschwerden der Landstände „mit ihrer in Staatssachen schwachen Einsicht“, wie der Herzog meinte, wurden keiner Antwort gewürdigt, der [S. 96] Landschafts-Konsulent Moser aber, die Seele der Opposition und der berühmte Staatsrechtslehrer, ward verhaftet und auf den Asperg geschafft.

Als 1760 nach Ablauf des Subsidienvertrages mit Frankreich der Plan mißlungen war, 6000 Mann Fußvolk in spanische Dienste zu bringen, wurde die um's Vierfache gesteigerte Militärlast von 10,290 Mann auf's Land gewälzt. Der Herzog versprach zwar, daß er sich alle Mühe geben werde, um durch einen neuen Subsidienvertrag seinen lieben und getreuen Unterthanen eine nicht geringe Erleichterung des verlangten Militärbeitrags zu verschaffen; es wollte aber kein soldatenbedürftiger Fürst die Würtemberger. Während diese unter tüchtiger Führung zu den allerbesten deutschen Soldaten gehörten, war zu jener Zeit ihre Abneigung gegen den Dienst ganz berechtigt. Damals war das Militär bei seinen eigenen Landsleuten verachtet und verabscheut. Den jungen Würtemberger wandelte ein Schauder an, wenn er nur Soldaten sah; lieber verließ er das elterliche Haus oder erlegte starke Majoritätsgelder, um heirathen zu dürfen, wenn er von einer Aushebung hörte. Die Ursachen dieser Abneigung vor dem Militärstand lagen in den allzuschroffen Kriegsartikeln, in dem kläglichen Sold, der zerlumpten Kleidung, den abgedrungenen Kautionen, in der schlechten Behandlung der Soldaten, in den nicht gehaltenen Kapitulationen, den erzwungenen Loskaufungsgeldern und dem Schicksal der verwahrlosten, Abscheu und Ekel erregenden Invaliden und der abgedankten als Bettler herum ziehenden Soldaten. Deßwegen wähnte man damals, das Militär sei blos ein Zuchtinstitut, wohin nur Taugenichtse, Aussauger, Faullenzer, Verschwender, mißrathene Söhne und Sträflinge gehörten. Der Bauernbursche glaubte, daß das Soldatenhandwerk nur durch Stockprügel und Regimentsstrafen erlernt werden könne. Selbst noch zu Anfang der französischen Revolution waren die Würtembergischen Soldaten bloß ein Haufen zusammengestoppelter, der Strapazen ganz ungewohnter Leute, von denen die meisten nur darum gern in's Feld zogen, um eine schickliche Gelegenheit zum Ausreißen zu finden. Der Abgang wurde zwar durch Werbungen wieder ersetzt, aber die Rekrutentransporte waren öfters, noch ehe sie die Standquartiere erreichten, unterwegs durch Desertion oder durch die Künste fremder Werber auf die Hälfte herabgeschmolzen, so daß man sie zuletzt stets durch Husaren begleiten ließ. Lange Zeit war daher auch das Desertiren und Rekrutiren die größte Kompagnieneuigkeit und Desertion der gewöhnliche Frührapport. Ein Theil des Kontingentes[S. 97] aber bestand aus alten und gebrechlichen Leuten, welche täglich um ihren Abschied oder den Invalidengehalt baten, und der kleinere Theil war durch die vielen Veränderungen und das böse Beispiel der Deserteure ganz mißmuthig und verdrießlich geworden. Die Artillerie allein machte eine Ausnahme von diesem schlechten Zustand. (Pfaff's Geschichte des Militärwesens in Würtemberg. Stuttgart. 1842. pp. 66–87.)

So viel sich auch die Landstände beklagten, sie fanden kein Gehör. Im Jahre 1764 beliefen sich ihre Militärbeschwerden auf mehr denn fünfzig, darunter die Klage über die ohne Wissen der Landschaft geschlossenen Bündnisse und Subsidienverträge, über die gewaltsamen Aushebungen, über die den jungen Leuten abgedrungenen Loskaufgelder von 50–100 fl., über das Verfahren gegen diejenigen, welche ihre Kapitulationszeit vollendet hatten und nun durch Fuchteln, Stockschläge, Einkerkerung und andere harte Strafen zu längerm Dienste oder zu Arbeiten beim herzoglichen Bauwesen gezwungen wurden, wo sie oft lange Zeit weder Sold noch Lohn erhielten und daher in zerrissenen Monturen, ohne Schuhe und Strümpfe auf dem Bettel umherziehen mußten. Die Stände klagten ferner über die zu strengen Strafen gegen Deserteure, über die Wegführung der mit Gewalt weggenommenen Unterthanen in's Ausland, über die harte Bestrafung der verheiratheten Bürger, welche bei der angeordneten Landesdefension nicht erschienen, und der Eltern und Verwandten der Rekruten, wenn sie diese verbärgen, über das auf Befreiung vom Militärdienst gesetzte hohe Lösungsgeld, welches im Ganzen gegen 500,000 fl. betrage und welches selbst solche zahlen müßten, welche ihre Kapitulationszeit schon überstanden hätten, über die Fortdauer der Einquartierung, ungeachtet der ansehnlichen Beiträge des Landes zum Kasernenbau, über die durch den häufigen Garnisonswechsel verursachten Unkosten, über die höchst beschwerlichen „Deserteurs-Attrapirungsanstalten“, über die Bedrohung und Bestrafung der Gemeindevorsteher, welche beschuldigt würden, daß sie Ausreißer hätten durchkommen lassen, über die Erleichterung der Soldaten- und die Erschwerung der bürgerlichen Ehen, über den Schaden, welchen Gewerbe und Landwirthschaft durch die gewaltsame Wegnahme der Handwerksburschen und Dienstknechte erlitten, über die erzwungene Uebernahme der ausgemusterten Wagen- und Artilleriepferde, wodurch den Aemtern ein Schaden von 200,000 fl. erwüchse, über die vielen Leistungen von Vorspann bei „Campements“ und Garnisonswechseln, den Ruin der[S. 98] Felder und die Verhinderung der Leute an ihren Feldarbeiten, sowie endlich über den übergroßen Generalstab, die zahlreichen Offiziere und die kostbaren Montirungen und Equipirungen.
Der Herzog, erbittert über den nur zu gerechten Tadel, schickte die Landstände nach Hause. Diese ließen sich aber durch seine Drohungen nicht einschüchtern, sondern reichten, durch die Könige von Dänemark, England und Preußen als Garanten der Würtembergischen Verfassung unterstützt, am 30. Juli 1764 eine gerichtliche Klage gegen des Herzogs verfassungswidriges Betragen beim Reichshofrath ein, welcher am 15. Mai 1765 den Landständen Recht gab und Karl Eugen zur gütlichen Beilegung des Streites aufforderte. Jetzt gab dieser nach. Das Resultat der Verhandlungen war der sog. Erbvergleich vom 2. März 1770, welcher die Rechte des Herzogs und der Landschaft festsetzte. Von jetzt an hörten die schreiendsten Mißstände wenigstens eine Zeit lang auf; im Uebrigen ging bald Alles wieder seinen alten Schlendrian. Als 1782 die Stände sich von Neuem darüber beschwerten, daß die Ursache der starken Auswanderung neben den Forst- und Jagdklagen in den Beschwernissen liege, welche der Unterthan durch das Militärwesen zu erdulden habe, nannte der Herzog ihre Bemerkungen eine ganz unanständige Zensur.
Wie sehr übrigens die Stände in ihren Streitigkeiten mit dem Herzog Recht hatten, beweist u.A. die von dem letztern 1765 und 1766 bewirkte Reduktion seines Offizierkorps, um dem Reichshofrath weniger schuldig gegenüber treten zu können. So entließ er im erstgenannten Jahre 3 Generalmajore, 3 Obersten, 1 Obristlieutenant, 5 Majore, 62 Hauptleute, 113 Lieutenants und 26 Fähndriche, während er 1766 noch 1 Feldzeugmeister, 1 Generallieutenant, 5 Generalmajore, 3 Obersten, 1 Major und 1 Rittmeister pensionirte. Die Offiziere selbst waren nichts als rohe Landsknechte, denn sie wurden nicht so sehr nach der Tüchtigkeit als nach den Vorzügen der Geburt gewählt, am Willkommensten aber waren Ausländer. Hierdurch aber kam ein Geist des Uebermuths unter die Offiziere, durch welchen sämmtliche Klassen des Bürgerstandes schwer leiden mußten; denn diese wurden „recht rittermäßig gehudelt“, selbst an Ober- und Staatsbeamten wurden Rippenstöße und Stockprügel ausgetheilt, „das Heiligthum der Landesrechte und Freiheiten aber mit Füßen getreten.“ Nur eine einzige, dem Ende der uns beschäftigenden Periode angehörige und in Schlözer's Staats-Anzeigen erzählte Anekdote möge hier als[S. 99] charakteristisch für den Geist des würtembergischen Kriegsheers einen Platz finden. Am 24. Mai 1783 ließ ein Lieutenant von Böhnen in Stuttgart einen an der Hauptwache vorbeigehenden Kammerrath, weil er den Hut nicht vor ihm abgezogen, in die Wachtstube schleppen und ihm fünfundzwanzig Stockschläge aufzählen. Der Geprügelte erhielt einzelne Hiebe auf den Kopf und schwebte mehrere Tage in Lebensgefahr. Es sei der hochmüthigen Schreiberseele schon recht geschehen, meinte das Hofgesindel. Natürlich kam der adlige Lieutenant so gut wie straffrei davon.
Der Herzog wußte zu gut aus eigener Erfahrung, daß man mit rebellischen Unterthanen so leicht und schnell nicht fertig wird und lächelte ungläubig ob der Naivetät Suffolk's, als dieser die Revolution in einem Feldzug niederwerfen zu können erklärt hatte. Karl Eugen wartete deshalb auch seine Zeit ab. Kaum hörte er von den Siegen der Engländer auf Long Island, als er dem König zur glücklichen Niederwerfung der Rebellion Glück wünschte und zugleich seine Truppen für den nächsten Feldzug anbot. Dieser Brief wurde von Wilhelm Römer, dem würtembergischen Agenten in London, am 9. Dezember 1776 überreicht. Bald darauf kam der Herzog selbst. Es scheint aber nicht, daß sein persönliches Erscheinen einen günstigen Eindruck auf Suffolk gemacht habe, wenigstens förderte es die Verhandlung nicht. Am 19. Januar 1777 bot Römer in aller Förmlichkeit 3000 Würtemberger an, die gegen Mitte März in Heilbronn eintreffen und sich dort einschiffen sollten. „Ich erlaube mir — schrieb Römer — am Schlusse zu versichern, daß der Herzog bei seiner hohen persönlichen Ehrerbietung vor Seiner Majestät Alles aufbieten wird, sich bei dieser Gelegenheit durch sorgfältig ausgewählte Mannschaften und gute Ausrüstung der Offiziere und Soldaten auszuzeichnen, und daß er den König, Ew. Lordschaft und den Oberbefehlshaber in Amerika zu befriedigen suchen wird.“

Als Suffolk am 14. Januar 1777 Faucitt seine Instruktionen für Anspach gab, fügte er einen gleichlautenden Auftrag für Würtemberg bei. „Der König — sagte er — will die 3000 Mann, welche der Herzog ihm angeboten hat, annehmen. Die zu liefernden Truppen sollen aus 100 Mann per Kompagnie, mit je vier Offizieren und eben so viel Sergeanten, ein Sechstel des Ganzen aber aus Jägern bestehen, falls Sie so viel gute und erfahrene Jäger haben können. Je jünger die Offiziere, desto besser! Jedes Bataillon muß seine Geschütze mitnehmen[S. 100] und das ganze Korps am 10. März zur Einschiffung fertig sein.“ „Die Mittheilung mag Ihnen von Nutzen sein — fügte Suffolk in einem vertraulichen Schreiben hinzu — daß der Herzog von Würtemberg und der Markgraf von Anspach besonders warm wünschen, ihre Truppen Seiner Majestät zu vermiethen, und daß die desfallsigen Vorschläge nicht von uns ausgegangen, sondern von ihnen gemacht sind. Römer, des Herzogs hiesiger vertrauter Agent, hat mir zudem versprochen, daß die zu liefernden 3000 Mann möglichst auf den englischen Fuß gestellt und mit so wenig überflüssigem Zubehör versehen sein sollen, als nur möglich ist. Hoffentlich denkt der Herzog nicht daran, einem Offizier von höherm Rang als General-Major den Befehl über seine Truppen zu übertragen.“

Als Suffolk das Anerbieten des Herzogs annahm, war er von der falschen Voraussetzung ausgegangen, daß dessen stehendes Heer doppelt so groß als das versprochene Kontingent sei, in welchem Irrthum er durch einen im englischen Kriegsministerium befindlichen Bericht des Hauptmanns Pleydell bestärkt wurde. Dieser Offizier hatte nämlich Stuttgart zu Anfang September 1775 besucht und war offenbar durch die glänzende Außenseite der würtembergischen Residenz, durch den Herzog und seine Minister geblendet worden; er hatte die auf dem Friedensfuß stehende Armee des Herzogs auf 5500 Mann geschätzt und sich äußerst anerkennend über die guten Eigenschaften der Truppen, die schönen Kasernen, die prächtigen Uniformen und die guten Pferde ausgesprochen.

Anders lautete die Lesart, die jetzt Faucitt bei genauerer Besichtigung gab.

„Ich wurde — schreibt er am 7. Februar 1777 von Stuttgart — dem Herzoge am Tage meiner Ankunft von Anspach (3. oder 4. Februar) vorgestellt. Er versprach mir sofort, dem Könige die 3000 Mann zur festgesetzten Zeit zu liefern; die Minister versicherten aber, daß dieses Versprechen sich unmöglich erfüllen lasse. Ich bedaure, daß meine Verhandlungen an diesem Hofe voraussichtlich zu Nichts führen werden. Der Herzog ist nicht im Stande, ein Drittel der in Aussicht gestellten Truppen zu liefern. Sein Kredit und seine Finanzen sind bei einer so niedrigen Ebbe angekommen, daß er, selbst wenn er die Truppen auszuheben vermag, unmöglich gute Waffen und Uniformen anschaffen kann, um sie für's Feld auszurüsten. Seit ich in Deutschland bin, habe ich schon viel von des Herzogs ruinirten Verhältnissen gehört; ich finde jetzt die weitgehendsten[S. 101] Schilderungen bestätigt, namentlich aber sind seine Mittel so erschöpft, daß er gar nicht an die Ausrüstung eines Korps für Amerika denken kann. Seine ganze Armee besteht aus 1690 Mann (Offiziere und Unteroffiziere nicht mit eingeschlossen). Die Kavallerie beträgt 410 Mann; die Infanterie 1060 und die Artillerie 220 Mann. Ein Infanterie-Regiment hat im Durchschnitt 240 Mann und ein Kavallerie-Regiment 120 Mann! Ein großer Theil der Soldaten ist beurlaubt. Was bei den Fahnen steht, ist der steif, alt und dekrepit gewordene Ueberrest aus dem letzten Kriege. Um die Desertion zu verhindern, giebt man den Soldaten, deren Zeit längst abgelaufen ist, ihre fällig gewordene Löhnung nicht. Ihre Waffen stammen aus dem letzten Kriege, sie sind von allen Kalibern, dabei abgenutzt und werthlos. Ihre Feld-Ausrüstung und Zelte sind von noch schlechterer Beschaffenheit. Die Offizierszelte sind in Stücke geschnitten und in verschiedene Formen gebracht, um bei den ländlichen Festen des Herzogs zu dienen. Ohne neue Zelte können sie gar nicht marschiren. Dieser entmuthigende Zustand der würtembergischen Armee erschreckte mich derartig, daß ich mir des Herzogs Geständniß, er könne nicht alle 3000 Mann in der vorgeschriebenen Zeit liefern, zu Nutze machte und erklärte, ich müsse auf der ganzen Zahl bestehen, jedenfalls Ihnen aber erst Bericht erstatten. Der Herzog ernannte zwei seiner Minister und einen Major zur Unterhandlung mit mir, welche keinen der bisherigen Verträge kannten. Ich entwarf einen nach dem Muster des braunschweigischen, da dieser der mäßigste von allen ist. Die Subsidien beschränkte ich auf sechs Monate, statt zwei Jahre wie in Braunschweig einzuräumen. Ebenso bewilligte ich vor dem Abmarsch nur sieben Tage Löhnung statt zwei Monate. Ich war natürlich bereit, bessere Bedingungen zu gestatten, falls es verlangt würde. Die Herren machten aber nicht die geringsten Einwendungen.“

„Ich kann mich noch immer nicht — fährt Faucitt von Kassel aus am 17. Februar 1777 fort — über den Aerger der Enttäuschung in Stuttgart beruhigen. Ich fürchte, daß dieser bedeutende Ausfall an Truppen ernstliche Unannehmlichkeiten nach sich ziehen wird. Ich bin mir aber bewußt, recht gehandelt zu haben. Alle Manöver schlugen bei mir fehl. Weder die schmeichelhaften Höflichkeiten, noch die ausgesuchteste Artigkeit und Aufmerksamkeit haben mich verlockt. Ich habe auch nicht für einen Bruchtheil der Truppen abgeschlossen, da diese, ganz abgesehen von ihrer schlechten Equipirung und Bewaffnung, doch für den aktiven Dienst[S. 102] nicht getaugt haben würden. Der Herzog hat sich seit einigen Jahren so sehr weibischen Vergnügungen hingegeben, daß er das Militärwesen ganz vernachlässigt und in Verfall gebracht hat. Was ich in seinem Arsenal in Ludwigsburg sah, hat mich in meinen ersten ungünstigen Eindrücken nur bestärkt. Ich fand daselbst nur einen schönen Artillerie-Train, den wir aber nicht brauchen können; die dort befindlichen Gewehre verschiedensten Kalibers sind alt, ihre Schlösser zerbrochen oder außer Ordnung; die wenigen Zelte sind alte schäbige Ueberreste aus dem letzten Kriege. Ich zog mich deshalb so gut ich konnte aus der Schlinge, sprach von gegenseitigem Mißverständniß über Zahl und Lieferungszeit der Truppen und reiste ab.“

Suffolk gab Faucitt unbedingt Recht und meinte nur, ob man nicht Malsburg einen Wink geben und die brauchbaren württembergischen Jäger nicht zur Vervollständigung der hanauischen Jäger-Abtheilung benutzen könne. Malsburg verstand den Wink und fast ein Drittel der letzten drei hanauer Jäger–Kompagnien, die im April in Nimwegen ankamen, waren Württemberger.

Uebrigens regte Faucitt selbst im April 1777 von Kassel aus den Plan wieder an, wenigstens 1000 bis 1500 Mann vom Herzog von Würtemberg zu miethen, der nach wie vor von Ehrerbietung gegen den König von England überströmte und es sich als besondere Gnade ausbat, daß seine Truppen einigen Antheil an der Niederwerfung der amerikanischen Rebellion nehmen dürften. Suffolk meinte zwar, diese Dienstwilligkeit ziele mehr darauf hin, eine bedeutende Summe Geldes nach Stuttgart zu ziehen, als Sr. Majestät Streitkräfte bedeutend zu verstärken, allein er bevollmächtigte Faucitt, die Verhandlungen mit Karl Eugen wieder anzuknüpfen und ihm die den Hessen gewährten Bedingungen einzuräumen, wenn er bis zum Frühjahr zwischen 1500 und 4000 Mann erhalten könne. Indessen hatte der englische Minister immer noch Mißtrauen in die Tüchtigkeit der würtembergischen Truppen und brach im Dezember die schwebenden Unterhandlungen ganz ab, als — wie wir später sehen werden — in Folge der vom König von Preußen gegen die deutschen Hülfskontingente ergriffenen Maßregeln ihre Verschiffung den Rhein hinunter vorläufig unmöglich wurde.

(aus: Kapp, Friedrich (1874): Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika (2. Aufl., Berlin 1874), S.91-102, Projekt Gutenberg

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 18.06.2026

     
   
   Arbeitsanregungen
  1. Zum bayerischen Militärwesen: Auf welche skurrile Weise wurden laut dem Bericht des Grafen Lehrbach von 1778 im bayerischen Militär Offiziersstellen vergeben und wie profitierte die Familie bzw. der Kurfürst finanziell davon?
  2. Zur Person Karl Eugens: Mit welchem bekannten zynischen Grundsatz (den er aus dem Französischen übersetzte) beschrieb Herzog Karl Eugen von Württemberg sein absolutistisches Herrschaftsverständnis gegenüber den Landständen?
  3. Zu den Zwangsrekrutierungen: Warum weigerten sich viele württembergische Bürger und Bauern im Siebenjährigen Krieg, gegen Friedrich den Großen zu kämpfen, und mit welchen drastischen Methoden trieb Major Rieger dennoch Truppen ein?
  4. Zu den Anti-Desertions-Maßnahmen: Was verbarg sich hinter den sogenannten württembergischen „Deserteur-Attrapirungs-Anstalten“ und welche Pflichten wurden den umliegenden Gemeinden auferlegt, wenn ein Soldat floh?
  5. Zum Konflikt mit den Ständen: Welches juristische und politische Resultat brachte die Klage der württembergischen Landstände vor dem Reichshofrath (1765) langfristig ein, und wie reagierte der Herzog Jahre später (1782) auf erneute Kritik?
  6. Zur Fehleinschätzung der Engländer: Auf welcher falschen Voraussetzung basierte das anfängliche Vertrauen des englischen Ministers Suffolk in die württembergischen Truppen, und wer hatte ihm diesen fehlerhaften Eindruck vermittelt?
  7. Zur Inspektion durch Faucitt: In welchem tatsächlichen Zustand fand der englische Oberst Faucitt die württembergische Armee und deren Ausrüstung im Februar 1777 in Stuttgart und Ludwigsburg vor?

mit KI erstellt

   
 

 
ARBEITSTECHNIKEN und mehr
Arbeits- und ZeitmanagementKreative ArbeitstechnikenTeamarbeit ▪ Portfolio ● Arbeit mit Bildern  Arbeit mit Texten Arbeit mit Film und VideoMündliche KommunikationVisualisierenPräsentationArbeitstechniken für das Internet Sonstige digitale Arbeitstechniken 
 

   
  Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA)
Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von
externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de
-
CC-Lizenz