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Württemberg zur Zeit Herzog Carl Eugens (1728-1793)
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Konkurrenzkampf und Prasserei: Absolutistische Repräsentation
von Macht
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Versailles in Schwaben: Ludwigsburg zur Zeit Carl Eugens
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Höfische Festkultur zur Zeit Carl Eugens
Kapp, Friedrich:
[Die Subsidienverträge Herzog Carl Eugens von Württemberg] (1874)
Bekanntlich zeichneten sich die während des siebenjährigen Krieges
bei [S. 91] der Reichsarmee stehenden bayrischen Truppen durch
nichts weniger als durch Heldenthaten aus. Von welcher
Beschaffenheit sie aber bei Ausbruch des amerikanischen Krieges
gewesen sein müssen, geht aus der von Seb. Bruner in seinem Buche:
„Der Humor in der Diplomatie“ mitgetheilten Korrespondenz hervor. Es
schreibt nämlich der kaiserliche Gesandte Graf Lehrbach am 24. März
1778, also zwei Jahre nach dem Anerbieten des Kurfürsten und einige
Monate nach dessen Tode, an den Minister Fürsten Kaunitz-Rittberg:
„Der Militärstand ist nach der Cameral-Einrichtung auf 15,000 Mann,
dermalen kaum 3000 Mann unter Gewehr, nebst einem Invaliden- und
Garnison-Regiment. Zum Unterhalt dieser 15,000 Mann, worunter 39
Generale, sind alle Monat 93,000 fl. Vorschuß bestimmt, wovon der
Unterhalt der Festungen, des Generalstabs und Alles, was zum
Militärstand gehörig, zu bestreiten wäre, welche auch so verwandt
werden, als ob dieser Stand wirklich vollzählig wäre. Welches auch
leicht begreiflich, wenn man unter Anderem diesen Unfug beherziget,
daß wenn eine Offiziers- oder andere Frau gesegneten Leibes war, hat
man es entweder durch bloße Protektion oder mittelst
Geldverwendungen, welches in diesem Lande für alle Gattungen von
Bedienstungen oder Gnadenerweisungen der schicklichste Erhaltungsweg
war, dahin gebracht, daß für noch nicht geborene und zur Welt
gebrachte Leibesfrucht eine Offiziersstelle ertheilt worden ist.
Wenn dann entweder eine todte Frucht zur Welt gekommen oder gar eine
Tochter oder ein Sohn, der aber gleich oder nicht lange nachher
gestorben, so hat die Familie oder Eltern der Kinder doch immer die
Erträgnisse der gegebenen Offizierspatente fortgenossen. Die für die
Beurlaubten ersparten Gelder fließen in die Tasche des Kurfürsten.“
Natürlich gerieth unter solchen Umständen Alles in Unordnung; es
herrschte unter den Truppen Unzufriedenheit und Desertion. Kurz vor
Ausbruch der französischen Revolution waren bei den
Chevauxlegers-Regimentern 150 Pferde und 40 Sättel und für erstere
nicht einmal die gehörigen Pferdestriegel vorhanden.
Es war also kein Wunder, wenn die bayrischen Soldaten zu jener Zeit
nach den päpstlichen als die schlechtesten in Europa galten, und es
war weise von Suffolk, daß er kurzer Hand das kurfürstliche
Anerbieten verwarf. Dagegen zog er die ihm im Dezember 1776
gewordenen Offerten Würtemberg's und Brandenburg-Anspach's näher in
Betracht und betraute zu Anfang des Jahres 1777 den Obersten Faucitt
mit einer[S. 92] Sendung an die Höfe von Stuttgart und Anspach, um
womöglich sofort mit ihnen einen Truppenlieferungs-Vertrag
abzuschließen.
Da dieses Kapitel nur den verfehlten Versuchen Suffolk's, deutsche
Hülfstruppen zu erlangen, gewidmet ist, so mögen hier zuerst die
Verhandlungen mit Würtemberg ihren Platz finden, wenn sie auch, der
Zeit nach, einige Wochen nach dem mit Anspach geschlossenen Vertrage
begonnen und beendigt wurden.
Sir Joseph Yorke hatte Suffolk im September 1775 den Herzog von
Württemberg als einen Fürsten genannt, der wohl im Stande sein
werde, einige Tausend Mann zu liefern; auch der Herzog selbst hatte
sich dem Minister angeboten. Es kam also zunächst auf den Versuch
an, Verhandlungen mit ihm anzuknüpfen.
Das Herzogthum Württemberg zählte zu jener Zeit bei einer Größe von
ungefähr 200 Quadratmeilen 514,575 Einwohner. Der Herzog Karl Eugen
(1744–1793), der berüchtigte Peiniger Schubart's und Moser's, sowie
spätere Gründer der Karlsschule, war zu jener Zeit noch der Landes-
und Volksquäler, der nach dem von ihm zuerst öffentlich aus dem
Französischen übersetzten zynischen Grundsatz handelte: „Was
Vaterland! Ich bin das Vaterland!“ und sich erst im Jahre 1778 unter
dem Einfluß einer verständigen und sanften Frau zu einem bessern
Lebenswandel bekehrte. Zwanzig Jahre früher nannte er die Beschwerde
seiner Stände über den ohne ihr Wissen mit Frankreich
abgeschlossenen Subsidien-Vertrag, der ihm drei Millionen Gulden
einbrachte, aufrührerisch und unanständig und drohte der ständischen
Vertretung mit dem Asperg. Herzog Karl Eugen hat übrigens die Ehre,
durch seinen Ex-Feldscherer Schiller der Nachwelt viel genauer
bekannt geworden zu sein, als er verdient; so dankbar ist das
deutsche Volk gegen seinen großen Dichter, daß es den kleinen
Tyrannen, weil er fördernd und hemmend in dessen Jugend eingriff,
sogar in Dichtung und Sage verherrlicht hat. Der Leser kann für die
nähere Charakteristik dieses Mannes deshalb füglich auf die
populären Lebensbeschreibungen Schiller's von Palleske und Scherr
verwiesen werden. Hier nur ein Zug, der ihm unter seinen
Zeitgenössischen Brüdern und Vettern als den rohesten und
grausamsten kennzeichnet. Als er Schubart mit gerade demselben Recht
eingekerkert hatte, mit welchem ein tunisischer Seeräuber seiner
Zeit Menschen an den Küsten des Mittelmeeres stahl, zwang er sein
volle zehn Jahre eingesperrtes und gemartertes Opfer sogar, ihn, den
gnädigsten[S. 93] Peiniger, an seinen Geburtstagen zu besingen. Der
arme gebrochene Mann ließ sich leider zu dieser Entehrung
mißbrauchen. Die Sammlung der Schubart'schen Gedichte ist reich an
derartigen, auf Bestellung gelieferten Ergüssen. Ein paar Proben,
auf gutes Glück herausgegriffen, mögen in der Anmerkung Platz
finden.[3]
Auch die Herzöge von Würtemberg machten wie ihre fürstlichen
Kollegen seit Menschenaltern gern Geschäfte in Truppenlieferungen
und waren in der Herbeischaffung von wohlqualifizirten Subjekten
durchaus nicht bedenklich. In dieser Beziehung ist Karl Eugen nicht
schlechter als seine Vorfahren; er handelte höchstens noch
rücksichtsloser und konsequenter als sie. Man ist in der That oft in
Verlegenheit, wem von ihnen man den Preis zuerkennen soll, aber in
letzter Instanz muß man sich doch für Karl Eugen als den
niederträchtigsten entscheiden.
Die langjährigen Zwistigkeiten des Herzogs mit seinen Ständen [S.
94] wurzeln zum großen Theil in der Willkür, mit welcher er seine
Truppen aushob und erhielt; sie geben uns das aktenmäßig beglaubigte
Material an die Hand, zur Beurtheilung der Soldateska während der
letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Nirgend im damaligen
Deutschland war das Rechtsbewußtsein so ehrlich und schroff
entwickelt als bei den braven Schwaben. Eine kurze Uebersicht über
ihre Streitigkeiten mit dem Herzog ist äußerst lehrreich für das
Verständniß der uns beschäftigenden Epoche. Ex uno disce omnes!
In den ersten Jahren seiner Regierung enthielt sich Karl Eugen jedes
gewaltthätigen Eingriffs in die Rechte seiner Unterthanen und zwang
sie namentlich nicht zum Dienste. Erst allmälig entwickelte sich der
Sultan in ihm. Als der siebenjährige Krieg ausgebrochen war, und als
der Herzog neben den 6000 Mann Hülfstruppen, die er Frankreich
geliefert hatte, sein Reichskontingent stellen sollte, das bis dahin
nicht vorhanden war, da schritt er mit einer Rücksichtslosigkeit zur
gewaltsamen Aushebung seiner Bürger und Bauern, die im schroffsten
Gegensatze zu deren verbrieften Rechten stand und zu langjährigen
Zwistigkeiten mit den Landständen führte. Der berüchtigte Major
Rieger erhielt Vollmacht, in kürzester Zeit die nöthige Truppenzahl
zu liefern. So schwer das war, da die Schwaben gegen Friedrich den
Großen als Beschützer des Protestantismus in Deutschland nicht
dienen wollten — Karl Eugen war katholisch — so erfüllte Rieger doch
seinen Auftrag. Wer achtzehn Jahre und sonst tauglich war, mußte
Soldat werden; vom Feld und aus den Werkstätten, aus den Häusern und
aus den Betten holte man die Leute, umstellte Sonntags die Kirche
und ließ sie von da gewaltsam fortschleppen; zur Unterzeichnung der
Kapitulation aber zwang man sie durch Hunger und Gefängniß. Beamte,
die sich hierbei nicht recht thätig zeigten, wurden mit strengen
Strafen bedroht. Die auf solche Art zusammengeraffte Mannschaft
empörte sich jedoch, als sie in's Feld ziehen sollte, und Rieger
mußte mit noch grausamerer Strenge ein neues Heer zusammenbringen. —
Ueber dies Verfahren entstand allgemeiner Unwille im Lande; indessen
fruchteten die wiederholten wehmüthigsten, aber respektvollsten
Vorstellungen des ständischen Ausschusses nicht. Weil aber die
Desertionen so sehr überhand nahmen, daß die Truppen in kurzer Zeit
360 Deserteure zählten und im September 1757 allein aus dem
Feldlager bei Linz 62 ausrissen, so wurden die Gesetze gegen das
Desertiren bedeutend verschärft. Selbst wer mit Gewalt zum
Kriegsdienst[S. 95] weggenommen war, wurde, sobald man ihn wieder
ergriff, gehängt und mit Vermögensverlust bestraft. Wer einem
Deserteur half, verlor das Bürgerrecht, wurde ohne weitern Prozeß
ins Zuchthaus abgeführt und hier, unter wiederholtem Willkomm (d.h.
Stockprügeln) zu harter Arbeit angehalten. Um das Entkommen der
Ausreißer zu verhindern, wurde befohlen — in der Würtembergischen
Geschäftssprache nannte man die Maßregel Deserteur-„Attrapirungs-Anstalten“
— daß die Nachtwächter auf den Nebenwegen längs den Dörfern alle
Nächte streichen mußten. Wenn Lärm gemacht wurde, so hatte die
aufgerufene Gemeinde augenblicklich alle Straßen, Brücken, Nebenwege
und Fußsteige zu besetzen und wenigstens vier und zwanzig Stunden
lang besetzt zu halten. Wegen eines einzigen Ausreißers hatte in
solchen Fällen Tübingen 106, Herrnberg 92, Böblingen 101, Besigheim
48 Mann auszuschicken; der kleine, aus fünfzig Familien bestehende
Ort Dachtel stellte in einem Jahre 1488 Mann auf die Alarmplätze.
Nicht selten verloren beim Widerstand bewaffneter Ausreißer arme
Familienväter Leben oder Glieder. Derjenige Ort aber, auf dessen
Gemarkung ein Deserteur nicht aufgehalten wurde, obgleich es hätte
geschehen können, mußte einen Mann von der Größe des Entwichenen
stellen, und namentlich sollte dann bei den Söhnen des
Ortsvorstehers der Anfang gemacht werden. Dieser Befehl war alle
Monate von der Kanzel zu verkündigen. Am 1. Oktober 1758 erhielten
die Beamten den Auftrag, die Aushauser fortwährend namhaft zu machen
und allenfalls gleich einzuschicken, „und zwar nicht blos solche,
die ihr Vermögen schon verthan hätten, sondern überhaupt Alle,
welche ein liederliches Leben führten, Trunkenbolde, Raisonneure,
illegale Müßiggänger, unruhige Köpfe, subtile und schleichende
Aufwiegler oder andere dem Publikum politisch oder zur Last fallende
Leute, welche nicht über 60 Jahre alt, nicht gebrechlich und
wenigstens 5 Fuß 8 Zoll hoch seien.“ Als Grund für diesen Befehl
wurde vom herzoglichen Zuchtmeister angegeben, daß viele Beispiele
von solchen Leuten vorhanden seien, die sich im Militärdienst ganz
und gar geändert und der hier herrschenden preiswürdigsten Ordnung
und Disziplin dergestalt folgsam erzeigt hätten, daß man sich bei
ihrer einstigen Entlassung gehorsame, ruhige und vernünftige Bürger
an ihnen zu versprechen habe.
Die Beschwerden der Landstände „mit ihrer in Staatssachen schwachen
Einsicht“, wie der Herzog meinte, wurden keiner Antwort gewürdigt,
der [S. 96] Landschafts-Konsulent Moser aber, die Seele der
Opposition und der berühmte Staatsrechtslehrer, ward verhaftet und
auf den Asperg geschafft.
Als 1760 nach Ablauf des Subsidienvertrages mit Frankreich der Plan
mißlungen war, 6000 Mann Fußvolk in spanische Dienste zu bringen,
wurde die um's Vierfache gesteigerte Militärlast von 10,290 Mann
auf's Land gewälzt. Der Herzog versprach zwar, daß er sich alle Mühe
geben werde, um durch einen neuen Subsidienvertrag seinen lieben und
getreuen Unterthanen eine nicht geringe Erleichterung des verlangten
Militärbeitrags zu verschaffen; es wollte aber kein
soldatenbedürftiger Fürst die Würtemberger. Während diese unter
tüchtiger Führung zu den allerbesten deutschen Soldaten gehörten,
war zu jener Zeit ihre Abneigung gegen den Dienst ganz berechtigt.
Damals war das Militär bei seinen eigenen Landsleuten verachtet und
verabscheut. Den jungen Würtemberger wandelte ein Schauder an, wenn
er nur Soldaten sah; lieber verließ er das elterliche Haus oder
erlegte starke Majoritätsgelder, um heirathen zu dürfen, wenn er von
einer Aushebung hörte. Die Ursachen dieser Abneigung vor dem
Militärstand lagen in den allzuschroffen Kriegsartikeln, in dem
kläglichen Sold, der zerlumpten Kleidung, den abgedrungenen
Kautionen, in der schlechten Behandlung der Soldaten, in den nicht
gehaltenen Kapitulationen, den erzwungenen Loskaufungsgeldern und
dem Schicksal der verwahrlosten, Abscheu und Ekel erregenden
Invaliden und der abgedankten als Bettler herum ziehenden Soldaten.
Deßwegen wähnte man damals, das Militär sei blos ein Zuchtinstitut,
wohin nur Taugenichtse, Aussauger, Faullenzer, Verschwender,
mißrathene Söhne und Sträflinge gehörten. Der Bauernbursche glaubte,
daß das Soldatenhandwerk nur durch Stockprügel und Regimentsstrafen
erlernt werden könne. Selbst noch zu Anfang der französischen
Revolution waren die Würtembergischen Soldaten bloß ein Haufen
zusammengestoppelter, der Strapazen ganz ungewohnter Leute, von
denen die meisten nur darum gern in's Feld zogen, um eine
schickliche Gelegenheit zum Ausreißen zu finden. Der Abgang wurde
zwar durch Werbungen wieder ersetzt, aber die Rekrutentransporte
waren öfters, noch ehe sie die Standquartiere erreichten, unterwegs
durch Desertion oder durch die Künste fremder Werber auf die Hälfte
herabgeschmolzen, so daß man sie zuletzt stets durch Husaren
begleiten ließ. Lange Zeit war daher auch das Desertiren und
Rekrutiren die größte Kompagnieneuigkeit und Desertion der
gewöhnliche Frührapport. Ein Theil des Kontingentes[S. 97] aber
bestand aus alten und gebrechlichen Leuten, welche täglich um ihren
Abschied oder den Invalidengehalt baten, und der kleinere Theil war
durch die vielen Veränderungen und das böse Beispiel der Deserteure
ganz mißmuthig und verdrießlich geworden. Die Artillerie allein
machte eine Ausnahme von diesem schlechten Zustand. (Pfaff's
Geschichte des Militärwesens in Würtemberg. Stuttgart. 1842. pp.
66–87.)
So viel sich auch die Landstände beklagten, sie fanden kein Gehör.
Im Jahre 1764 beliefen sich ihre Militärbeschwerden auf mehr denn
fünfzig, darunter die Klage über die ohne Wissen der Landschaft
geschlossenen Bündnisse und Subsidienverträge, über die gewaltsamen
Aushebungen, über die den jungen Leuten abgedrungenen Loskaufgelder
von 50–100 fl., über das Verfahren gegen diejenigen, welche ihre
Kapitulationszeit vollendet hatten und nun durch Fuchteln,
Stockschläge, Einkerkerung und andere harte Strafen zu längerm
Dienste oder zu Arbeiten beim herzoglichen Bauwesen gezwungen
wurden, wo sie oft lange Zeit weder Sold noch Lohn erhielten und
daher in zerrissenen Monturen, ohne Schuhe und Strümpfe auf dem
Bettel umherziehen mußten. Die Stände klagten ferner über die zu
strengen Strafen gegen Deserteure, über die Wegführung der mit
Gewalt weggenommenen Unterthanen in's Ausland, über die harte
Bestrafung der verheiratheten Bürger, welche bei der angeordneten
Landesdefension nicht erschienen, und der Eltern und Verwandten der
Rekruten, wenn sie diese verbärgen, über das auf Befreiung vom
Militärdienst gesetzte hohe Lösungsgeld, welches im Ganzen gegen
500,000 fl. betrage und welches selbst solche zahlen müßten, welche
ihre Kapitulationszeit schon überstanden hätten, über die Fortdauer
der Einquartierung, ungeachtet der ansehnlichen Beiträge des Landes
zum Kasernenbau, über die durch den häufigen Garnisonswechsel
verursachten Unkosten, über die höchst beschwerlichen „Deserteurs-Attrapirungsanstalten“,
über die Bedrohung und Bestrafung der Gemeindevorsteher, welche
beschuldigt würden, daß sie Ausreißer hätten durchkommen lassen,
über die Erleichterung der Soldaten- und die Erschwerung der
bürgerlichen Ehen, über den Schaden, welchen Gewerbe und
Landwirthschaft durch die gewaltsame Wegnahme der Handwerksburschen
und Dienstknechte erlitten, über die erzwungene Uebernahme der
ausgemusterten Wagen- und Artilleriepferde, wodurch den Aemtern ein
Schaden von 200,000 fl. erwüchse, über die vielen Leistungen von
Vorspann bei „Campements“ und Garnisonswechseln, den Ruin der[S. 98]
Felder und die Verhinderung der Leute an ihren Feldarbeiten, sowie
endlich über den übergroßen Generalstab, die zahlreichen Offiziere
und die kostbaren Montirungen und Equipirungen.
Der Herzog, erbittert über den nur zu gerechten Tadel, schickte die
Landstände nach Hause. Diese ließen sich aber durch seine Drohungen
nicht einschüchtern, sondern reichten, durch die Könige von
Dänemark, England und Preußen als Garanten der Würtembergischen
Verfassung unterstützt, am 30. Juli 1764 eine gerichtliche Klage
gegen des Herzogs verfassungswidriges Betragen beim Reichshofrath
ein, welcher am 15. Mai 1765 den Landständen Recht gab und Karl
Eugen zur gütlichen Beilegung des Streites aufforderte. Jetzt gab
dieser nach. Das Resultat der Verhandlungen war der sog.
Erbvergleich vom 2. März 1770, welcher die Rechte des Herzogs und
der Landschaft festsetzte. Von jetzt an hörten die schreiendsten
Mißstände wenigstens eine Zeit lang auf; im Uebrigen ging bald Alles
wieder seinen alten Schlendrian. Als 1782 die Stände sich von Neuem
darüber beschwerten, daß die Ursache der starken Auswanderung neben
den Forst- und Jagdklagen in den Beschwernissen liege, welche der
Unterthan durch das Militärwesen zu erdulden habe, nannte der Herzog
ihre Bemerkungen eine ganz unanständige Zensur.
Wie sehr übrigens die Stände in ihren Streitigkeiten mit dem Herzog
Recht hatten, beweist u.A. die von dem letztern 1765 und 1766
bewirkte Reduktion seines Offizierkorps, um dem Reichshofrath
weniger schuldig gegenüber treten zu können. So entließ er im
erstgenannten Jahre 3 Generalmajore, 3 Obersten, 1 Obristlieutenant,
5 Majore, 62 Hauptleute, 113 Lieutenants und 26 Fähndriche, während
er 1766 noch 1 Feldzeugmeister, 1 Generallieutenant, 5
Generalmajore, 3 Obersten, 1 Major und 1 Rittmeister pensionirte.
Die Offiziere selbst waren nichts als rohe Landsknechte, denn sie
wurden nicht so sehr nach der Tüchtigkeit als nach den Vorzügen der
Geburt gewählt, am Willkommensten aber waren Ausländer. Hierdurch
aber kam ein Geist des Uebermuths unter die Offiziere, durch welchen
sämmtliche Klassen des Bürgerstandes schwer leiden mußten; denn
diese wurden „recht rittermäßig gehudelt“, selbst an Ober- und
Staatsbeamten wurden Rippenstöße und Stockprügel ausgetheilt, „das
Heiligthum der Landesrechte und Freiheiten aber mit Füßen getreten.“
Nur eine einzige, dem Ende der uns beschäftigenden Periode
angehörige und in Schlözer's Staats-Anzeigen erzählte Anekdote möge
hier als[S. 99] charakteristisch für den Geist des würtembergischen
Kriegsheers einen Platz finden. Am 24. Mai 1783 ließ ein Lieutenant
von Böhnen in Stuttgart einen an der Hauptwache vorbeigehenden
Kammerrath, weil er den Hut nicht vor ihm abgezogen, in die
Wachtstube schleppen und ihm fünfundzwanzig Stockschläge aufzählen.
Der Geprügelte erhielt einzelne Hiebe auf den Kopf und schwebte
mehrere Tage in Lebensgefahr. Es sei der hochmüthigen Schreiberseele
schon recht geschehen, meinte das Hofgesindel. Natürlich kam der
adlige Lieutenant so gut wie straffrei davon.
Der Herzog wußte zu gut aus eigener Erfahrung, daß man mit
rebellischen Unterthanen so leicht und schnell nicht fertig wird und
lächelte ungläubig ob der Naivetät Suffolk's, als dieser die
Revolution in einem Feldzug niederwerfen zu können erklärt hatte.
Karl Eugen wartete deshalb auch seine Zeit ab. Kaum hörte er von den
Siegen der Engländer auf Long Island, als er dem König zur
glücklichen Niederwerfung der Rebellion Glück wünschte und zugleich
seine Truppen für den nächsten Feldzug anbot. Dieser Brief wurde von
Wilhelm Römer, dem würtembergischen Agenten in London, am 9.
Dezember 1776 überreicht. Bald darauf kam der Herzog selbst. Es
scheint aber nicht, daß sein persönliches Erscheinen einen günstigen
Eindruck auf Suffolk gemacht habe, wenigstens förderte es die
Verhandlung nicht. Am 19. Januar 1777 bot Römer in aller
Förmlichkeit 3000 Würtemberger an, die gegen Mitte März in Heilbronn
eintreffen und sich dort einschiffen sollten. „Ich erlaube mir —
schrieb Römer — am Schlusse zu versichern, daß der Herzog bei seiner
hohen persönlichen Ehrerbietung vor Seiner Majestät Alles aufbieten
wird, sich bei dieser Gelegenheit durch sorgfältig ausgewählte
Mannschaften und gute Ausrüstung der Offiziere und Soldaten
auszuzeichnen, und daß er den König, Ew. Lordschaft und den
Oberbefehlshaber in Amerika zu befriedigen suchen wird.“
Als Suffolk am 14. Januar 1777 Faucitt seine Instruktionen für
Anspach gab, fügte er einen gleichlautenden Auftrag für Würtemberg
bei. „Der König — sagte er — will die 3000 Mann, welche der Herzog
ihm angeboten hat, annehmen. Die zu liefernden Truppen sollen aus
100 Mann per Kompagnie, mit je vier Offizieren und eben so viel
Sergeanten, ein Sechstel des Ganzen aber aus Jägern bestehen, falls
Sie so viel gute und erfahrene Jäger haben können. Je jünger die
Offiziere, desto besser! Jedes Bataillon muß seine Geschütze
mitnehmen[S. 100] und das ganze Korps am 10. März zur Einschiffung
fertig sein.“ „Die Mittheilung mag Ihnen von Nutzen sein — fügte
Suffolk in einem vertraulichen Schreiben hinzu — daß der Herzog von
Würtemberg und der Markgraf von Anspach besonders warm wünschen,
ihre Truppen Seiner Majestät zu vermiethen, und daß die desfallsigen
Vorschläge nicht von uns ausgegangen, sondern von ihnen gemacht
sind. Römer, des Herzogs hiesiger vertrauter Agent, hat mir zudem
versprochen, daß die zu liefernden 3000 Mann möglichst auf den
englischen Fuß gestellt und mit so wenig überflüssigem Zubehör
versehen sein sollen, als nur möglich ist. Hoffentlich denkt der
Herzog nicht daran, einem Offizier von höherm Rang als General-Major
den Befehl über seine Truppen zu übertragen.“
Als Suffolk das Anerbieten des Herzogs annahm, war er von der
falschen Voraussetzung ausgegangen, daß dessen stehendes Heer
doppelt so groß als das versprochene Kontingent sei, in welchem
Irrthum er durch einen im englischen Kriegsministerium befindlichen
Bericht des Hauptmanns Pleydell bestärkt wurde. Dieser Offizier
hatte nämlich Stuttgart zu Anfang September 1775 besucht und war
offenbar durch die glänzende Außenseite der würtembergischen
Residenz, durch den Herzog und seine Minister geblendet worden; er
hatte die auf dem Friedensfuß stehende Armee des Herzogs auf 5500
Mann geschätzt und sich äußerst anerkennend über die guten
Eigenschaften der Truppen, die schönen Kasernen, die prächtigen
Uniformen und die guten Pferde ausgesprochen.
Anders lautete die Lesart, die jetzt Faucitt bei genauerer
Besichtigung gab.
„Ich wurde — schreibt er am 7. Februar 1777 von Stuttgart — dem
Herzoge am Tage meiner Ankunft von Anspach (3. oder 4. Februar)
vorgestellt. Er versprach mir sofort, dem Könige die 3000 Mann zur
festgesetzten Zeit zu liefern; die Minister versicherten aber, daß
dieses Versprechen sich unmöglich erfüllen lasse. Ich bedaure, daß
meine Verhandlungen an diesem Hofe voraussichtlich zu Nichts führen
werden. Der Herzog ist nicht im Stande, ein Drittel der in Aussicht
gestellten Truppen zu liefern. Sein Kredit und seine Finanzen sind
bei einer so niedrigen Ebbe angekommen, daß er, selbst wenn er die
Truppen auszuheben vermag, unmöglich gute Waffen und Uniformen
anschaffen kann, um sie für's Feld auszurüsten. Seit ich in
Deutschland bin, habe ich schon viel von des Herzogs ruinirten
Verhältnissen gehört; ich finde jetzt die weitgehendsten[S. 101]
Schilderungen bestätigt, namentlich aber sind seine Mittel so
erschöpft, daß er gar nicht an die Ausrüstung eines Korps für
Amerika denken kann. Seine ganze Armee besteht aus 1690 Mann
(Offiziere und Unteroffiziere nicht mit eingeschlossen). Die
Kavallerie beträgt 410 Mann; die Infanterie 1060 und die Artillerie
220 Mann. Ein Infanterie-Regiment hat im Durchschnitt 240 Mann und
ein Kavallerie-Regiment 120 Mann! Ein großer Theil der Soldaten ist
beurlaubt. Was bei den Fahnen steht, ist der steif, alt und dekrepit
gewordene Ueberrest aus dem letzten Kriege. Um die Desertion zu
verhindern, giebt man den Soldaten, deren Zeit längst abgelaufen
ist, ihre fällig gewordene Löhnung nicht. Ihre Waffen stammen aus
dem letzten Kriege, sie sind von allen Kalibern, dabei abgenutzt und
werthlos. Ihre Feld-Ausrüstung und Zelte sind von noch schlechterer
Beschaffenheit. Die Offizierszelte sind in Stücke geschnitten und in
verschiedene Formen gebracht, um bei den ländlichen Festen des
Herzogs zu dienen. Ohne neue Zelte können sie gar nicht marschiren.
Dieser entmuthigende Zustand der würtembergischen Armee erschreckte
mich derartig, daß ich mir des Herzogs Geständniß, er könne nicht
alle 3000 Mann in der vorgeschriebenen Zeit liefern, zu Nutze machte
und erklärte, ich müsse auf der ganzen Zahl bestehen, jedenfalls
Ihnen aber erst Bericht erstatten. Der Herzog ernannte zwei seiner
Minister und einen Major zur Unterhandlung mit mir, welche keinen
der bisherigen Verträge kannten. Ich entwarf einen nach dem Muster
des braunschweigischen, da dieser der mäßigste von allen ist. Die
Subsidien beschränkte ich auf sechs Monate, statt zwei Jahre wie in
Braunschweig einzuräumen. Ebenso bewilligte ich vor dem Abmarsch nur
sieben Tage Löhnung statt zwei Monate. Ich war natürlich bereit,
bessere Bedingungen zu gestatten, falls es verlangt würde. Die
Herren machten aber nicht die geringsten Einwendungen.“
„Ich kann mich noch immer nicht — fährt Faucitt von Kassel aus am
17. Februar 1777 fort — über den Aerger der Enttäuschung in
Stuttgart beruhigen. Ich fürchte, daß dieser bedeutende Ausfall an
Truppen ernstliche Unannehmlichkeiten nach sich ziehen wird. Ich bin
mir aber bewußt, recht gehandelt zu haben. Alle Manöver schlugen bei
mir fehl. Weder die schmeichelhaften Höflichkeiten, noch die
ausgesuchteste Artigkeit und Aufmerksamkeit haben mich verlockt. Ich
habe auch nicht für einen Bruchtheil der Truppen abgeschlossen, da
diese, ganz abgesehen von ihrer schlechten Equipirung und
Bewaffnung, doch für den aktiven Dienst[S. 102] nicht getaugt haben
würden. Der Herzog hat sich seit einigen Jahren so sehr weibischen
Vergnügungen hingegeben, daß er das Militärwesen ganz vernachlässigt
und in Verfall gebracht hat. Was ich in seinem Arsenal in
Ludwigsburg sah, hat mich in meinen ersten ungünstigen Eindrücken
nur bestärkt. Ich fand daselbst nur einen schönen Artillerie-Train,
den wir aber nicht brauchen können; die dort befindlichen Gewehre
verschiedensten Kalibers sind alt, ihre Schlösser zerbrochen oder
außer Ordnung; die wenigen Zelte sind alte schäbige Ueberreste aus
dem letzten Kriege. Ich zog mich deshalb so gut ich konnte aus der
Schlinge, sprach von gegenseitigem Mißverständniß über Zahl und
Lieferungszeit der Truppen und reiste ab.“
Suffolk gab Faucitt unbedingt Recht und meinte nur, ob man nicht
Malsburg einen Wink geben und die brauchbaren württembergischen
Jäger nicht zur Vervollständigung der hanauischen Jäger-Abtheilung
benutzen könne. Malsburg verstand den Wink und fast ein Drittel der
letzten drei hanauer Jäger–Kompagnien, die im April in Nimwegen
ankamen, waren Württemberger.
Uebrigens regte Faucitt selbst im April 1777 von Kassel aus den Plan
wieder an, wenigstens 1000 bis 1500 Mann vom Herzog von Würtemberg
zu miethen, der nach wie vor von Ehrerbietung gegen den König von
England überströmte und es sich als besondere Gnade ausbat, daß
seine Truppen einigen Antheil an der Niederwerfung der
amerikanischen Rebellion nehmen dürften. Suffolk meinte zwar, diese
Dienstwilligkeit ziele mehr darauf hin, eine bedeutende Summe Geldes
nach Stuttgart zu ziehen, als Sr. Majestät Streitkräfte bedeutend zu
verstärken, allein er bevollmächtigte Faucitt, die Verhandlungen mit
Karl Eugen wieder anzuknüpfen und ihm die den Hessen gewährten
Bedingungen einzuräumen, wenn er bis zum Frühjahr zwischen 1500 und
4000 Mann erhalten könne. Indessen hatte der englische Minister
immer noch Mißtrauen in die Tüchtigkeit der würtembergischen Truppen
und brach im Dezember die schwebenden Unterhandlungen ganz ab, als —
wie wir später sehen werden — in Folge der vom König von Preußen
gegen die deutschen Hülfskontingente ergriffenen Maßregeln ihre
Verschiffung den Rhein hinunter vorläufig unmöglich wurde.
(aus:
Kapp,
Friedrich (1874): Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika
(2. Aufl., Berlin 1874), S.91-102,
Projekt Gutenberg
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
18.06.2026