Wer sich im Unterricht mit dem • Sexualleben
in der • Frühen Neuzeit
(ca.1350-1800) beschäftigt, muss eine große Zahl von Fragen
reflektieren.
Zu ihnen zählt zunächst einmal ein Verständnis dafür, welche
Bedeutung • Sexualität in der Entwicklung
von Jugendlichen in der •
Adoleszenz
hat und welche Rolle sie im Leben der Schülerinnen und Schüler
für ihren • reflektierten Ich-Welt-Bezug
und die Herausbildung ihrer •
Identität spielt. Zudem kommt ein Aspekt hinzu, der ganz
allgemein mit dem •
Sprechen über Sexualität zu tun hat.
Die damit in Zusammenhang stehenden Fragen sollen an dieser Stelle
jedoch nicht im einzelnen erörtert werden.
Wahrscheinlich trifft jede/r, der sich mit dem • Sexualleben
in der • Frühen Neuzeit
(ca.1350-1800) beschäftigt, auf viele Dinge, die einem
aus heutiger Sicht befremdlich erscheinen. Um einen Zugang zu ihnen
zu finden, muss man
zunächst begreifen, dass
Das
gilt insbesondere, wenn man versucht, Beispiele •
sexualisierter
Gewalt aus historischen Dokumenten zu rekonstruieren. Aus
heutiger, insbesondere feministischer Sicht, ist die
patriarchalische Gesellschaft der Frühen Neuzeit eine »Rape-Culture,
bei der Sex stets im Kontext des Ausüben von Macht und Unterdrückung
vor allem gegenüber Frauen verstanden werden muss.
»Sexualität
ist in der Triebstruktur des Menschen fest verankert. Sie ist, wie
die »Weltgesundheitsorganisation (WHO)
definiert, "ein
zentraler Aspekt des Menschseins über die gesamte Lebensspanne
hinweg, der das biologische Geschlecht, die Geschlechtsidentität,
die Geschlechterrolle, sexuelle Orientierung, Lust, Erotik,
Intimität und Fortpflanzung einschließt. Sie wird erfahren und
drückt sich aus in Gedanken, Fantasien, Wünschen, Überzeugungen,
Einstellungen, Werten, Verhaltensmustern, Praktiken, Rollen und
Beziehungen. Während Sexualität all diese Aspekte beinhaltet, werden
nicht alle ihre Dimensionen jederzeit erfahren oder ausgedrückt.
Sexualität wird beeinflusst durch das Zusammenwirken biologischer,
psychologischer, sozialer, wirtschaftlicher, politischer, ethischer,
rechtlicher, religiöser und spiritueller Faktoren.“– WHO: Defining
sexual health. Report of a technical consultation on sexual health,
28–31 January 2002, zit. n.
Wikipedia)
Sexualität trägt
evolutionsbiologisch betrachtet, zur bestmöglichen Fortpflanzung auch
unserer Spezies bei und ist Teil unserer "biologischen
Verhaltenssoftware". Wie sie im Laufe der Menschheitsgeschichte in
menschlichen Gesellschaften wirksam wurde und ist, hängt dabei von
vielen Faktoren ab. Ob und inwieweit ihr im Zuge der Evolution bis in
unsere Gene hinein sexuelles Verhalten eingeschrieben wurde, ist in der
Forschung bis heute ein umstrittenes Thema.
Hier genügt es
festzustellen, dass es
kein allgemeingültiges Konzept einer
"natürlichen" Sexualität des Menschen gibt, auf das sich ohne
weiteres zurückgreifen ließe, um die geschichtlichen Formen der
Sexualität an ihrem vermeintlich "natürlichen Original" zu messen.
Eigene Voraussetzungen von Einstellungen zur Sexualität reflektieren
Wer sich auf die Suche nach den Vorstellungen begibt, die die
Menschen in der ▪
Frühen Neuzeit (ca. 1350–1800) über Liebe, Erotik und
Sexualität gehabt haben, muss sich auf eine Zeitreise einlassen, die
nur dann funktioniert, wenn man die Brille moderner Ansichten
abnimmt und sich auf eine Fremderfahrung einlässt, die viel Anderes,
Unverständliches und, aus unserer heutigen Sicht, ganz und gar
"Unmögliches" bereithält.
Allzu schnell werden ansonsten beim Betrachten von bildlichen
Darstellungen und Texten der
Zeit Maßstäbe an das Fremde angelegt, mit denen wir uns im Grunde
genommen nur schnell und
ohne weitere Mühe ihren Sinn zurechtschustern und dabei alles
Befremdliche einebnen, ohne dass die Begegnung mit diesem uns und
unsere Vorstellungen und sozialen Praktiken in diesem Bereich
einbezieht und damit ermöglicht, zu neuen Erkenntnissen in einem
selbstreflexiven Prozess zu gelangen.
Schnelle Antworten darauf, wie, wann, warum oder wie häufig "sie"
"es" vor vierhundert Jahren "gemacht" haben, um wie in einer Art
Lexikon der Erotik in alten, vergilbten Ansichten zu blättern,
taugen daher wenig. Wer sich aber ernsthaft und auch mit der
Bereitschaft, etwas Zeit und Mühe darauf zu verwenden, darauf
einlässt, wird in den nachfolgenden Ausführungen, die in keiner
Weise den Anspruch erheben wollen und können, das Thema in allen
Facetten und schon gar nicht erschöpfend darzustellen, vielfache
Möglichkeiten finden, die Zugänge zu dieser fremden Welt eröffnen
können und interessante Vergleiche mit unserem heutigen Empfinden
und Umgehen mit Erotik und Sexualität finden, bei der ja schon ein einzelner
Mausklick genügt, um in die "Untiefen" der Pornographie zu kommen.
Das Eigene im Fremden erkennen
Liebe und Erotik sind in den permissiven Gesellschaften wie der
unseren in einer Weise
gerahmt, dass vielen Menschen, die hier leben, andere Gestaltungen
des Geschlechterverhältnisses als zurückgeblieben und unakzeptabel
vorkommen.
Wenn Frauen, die in den aufgeklärten Gesellschaften Europas
leben, aufgrund religiöser Überzeugungen und der Normen der streng
patriarchalisch ausgerichteten Kultur, der sie sich zugehörig
fühlen, so kleiden, dass ihre Geschlechtsmerkmale, so gut es geht,
dem männlichen Blick entzogen sind, wenn Muslima, sofern sie es
überhaupt wagen, im Burkini ein öffentliches Bad betreten oder muslimische Frauen Männern die Begrüßung mit Handschlag verweigern,
dann geraten unsere Vorstellungen über das Recht darauf, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, schnell an ihre Grenzen.
Auf breite Ablehnung stoßen soziale Praktiken traditionaler, meist
muslimischer Gesellschaften, bei denen die männlichen
Familienmitglieder darüber wachen sollen, dass ihre weiblichen
Verwandten keinen vorehelichen Geschlechtsverkehr haben oder sich gar des
Ehebruchs schuldig machen. Wenn wir dann noch hören, dass in manchen
dieser traditionalen Gesellschaften, in denen das islamische Recht
gilt, "ehebrechende" Frauen gemäß der »Scharia
auf grausame Weise hingerichtet werden, dann empfinden wir eine
solche Abscheu darüber, dass wir uns nicht einmal mehr in solche
Praktiken hineindenken wollen. Religiöser Fundamentalismus, wir
kennen ihn meistens als Islamismus, mit dem wir die meisten dieser
Erscheinungen in Verbindung bringen, ist uns heute ganz und gar
fremd.
Wenn es um Fragen geht, die mit Liebe, Erotik und Sexualität
verbunden sind, reagieren wir also, wenn wir auf Anderes und Fremdes
treffen, das nicht zu unseren permissiven Vorstellungen in diesem
Bereich passt, auf unterschiedliche Art und Weise.
Vorstellungen, in denen es oft um ein keusches Leben geht,
erscheinen vielen als verklemmt und spießig und vor allem repressiv.
Keuschheit ist dieser Auffassung nach stets Ausdruck einer
patriarchalisch dominierten repressiven Sexualmoral. Dass
vorehelicher Geschlechtsverkehr auch bis heute in modernen
Gesellschaften zumindest sozial sanktioniert ist, zeigt ein Blick
auf einige Staaten des mittleren Westens der USA, in denen solche
puritanisch-evangelikale Traditionen, die auch andere Schamgrenzen
ziehen, nahezu ungebrochen fortgeführt werden.
Geht es um Sexualität und die Sexualmoral reagieren wir heute, auch
wenn dies nicht alle Formen von Sexualität betrifft, besonders
sensibel, weil es dabei auch immer, wie
Willems
(2012, Bd. I, S.50) betont,
um die "Vorstellung von der Selbstverwirklichung in der
Liebe" geht, in die sich, unserem modernen Verständnis
nach, niemand mehr, weder durch Religion oder Gesellschaft reinreden
lassen will.
Wer sich mit Liebe und Erotik im Barock befasst, muss sich über
diese Voraussetzungen eigenen Urteilens im Klaren sein. Er / sie
muss sich gerade in diesem Bereich auf eine Spurensuche einlassen,
die das Fremde bis zum gewissen Grade "erfahrbar", zumindest aber
nachvollziehbar werden lässt, um im besten Fall das Eigene besser zu
verstehen. Dabei muss man versuchen, die historische Distanz zu
überwinden und ihre Erscheinungsformen nicht mit vorschnellen
Interpretationen, die aus unserem eigenen Verständnis und Umgang mit
Sexualität resultieren, vorschnell zu überziehen, um das Fremde, das
Irritierende und Ungewöhnliche so schnell wie möglich in die
bewährten Denkmuster, mit denen wir uns in unserem Leben
orientieren, einzupassen, ja in diese hineinzuplanieren.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
20.08.2026
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