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Christliche Sexualmoral, Sexualstrafrecht und Policey-Ordnungen

Sakramentalisierung und Klerikalisierung der Ehe

Frühe Neuzeit (1350-1800)  « –  Einzelne sozial- und mentalitätsgeschichtliche AspekteSexualleben

 
GESCHICHTE
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Sozialdisziplinierung als Mittel der Staatsentwicklung
Überblick
Aspekte der Sozialdisziplinierung (Oestreich/Schulze)

Seit dem 11. und 12. Jahrhundert begann die Kirche ihr sakramentales Modell der Ehe zu entwickeln, das neben bestimmten Verwandtschaftsverboten auch die Unauflöslichkeit der Ehe beinhaltete.

Dieses Modell ließ sich indessen nicht so einfach gegen die bis dahin in allen Gesellschaftsschichten geschlossene Laienehe durchsetzen. Diese kam wie ein Vertrag zwischen Familien als gewissermaßen "häuslicher Akt" (ebd., S.192,) zustande und war im Grunde genommen eine private Angelegenheit, auch wenn sie mit verschiedenen symbolischen Akten in unterschiedlichen Öffentlichkeiten geschlossen wurde.

Vor allem der ▪ Adel wollte sich von der Kirche mit ihren Verwandtschaftsverboten nicht in seine althergebrachten dynastisch orientierten Heiratsstrategien hereinreden lassen, bei der man sehr enge Verwandtschaftsbeziehungen der Brautleute nicht als Hindernis ansah. Und auch das mit der kirchlichen Sakramentalisierung geforderte Gebot der Unauflöslichkeit der Ehe drohte der gerne ausgeübten Praxis adeliger Herren, ihre Frauen unter gewissen Umständen wieder verstoßen zu können, einen Strich durch die Rechnung zu machen.

So dauerte es auch, von den Anfängen an gesehen, mehrere Jahrhunderte, bis sich das sakramentale kirchliche Modell gegen die kulturell verankerte Laienehe durchgesetzt hatte. (vgl. ebd., S.181ff.) Im 12. Jahrhundert jedenfalls scheint die Entscheidung gefallen: Die Unauflöslichkeit der Ehe war selbst vom Adel akzeptiert und als Norm verinnerlicht.

Nach dem Konzil von Trient (1545-1563) ging es der katholischen Kirche vor allem darum, ihre kirchlichen Heiratsrituale, mit der "Verlagerung des Akts der Eheschließung aus dem Haus, seinem traditionellen Ort, vor die Kirchentüren" (ebd., S.192) und der schriftlichen Registrierung der öffentlich zu vollziehenden Heiratszeremonie, die alleinige Kontrolle über die christliche Ehe und die sittliche Ordnung der Gesellschaft zu erlangen.

Diese Klerikalisierung der Ehe war in gewisser Hinsicht die logische Konsequenz der vorangegangenen Sakramentalisierung, hatte damit aber auch weit reichende Folgen. Mit der Registrierung der Ehe trug sie ebenso zur Modernisierung bei wie zur • Sozialdisziplinierung der Menschen.

Schließlich änderte die Unterschrift im kirchlichen Heiratsregister mit Angabe des genauen Zeitpunkts der Heirat so manches: Kinder, die vor diesem Heiratstermin geboren waren, wurden so von einer Minute zur anderen zu unehelichen Kindern. Und wenn Paare  allem religiösen und gesellschaftlichen Druck zum Trotz weiterhin nach den Riten der Laienehe oder im »Konkubinat, also unverheiratet zusammenlebten, ihre Kinder im Taufbuch der Pfarrei registrieren ließen, bekamen diese auch den Stempel eines amtlich-registrierten "Bastards" aufgedrückt. (vgl. ebd., S.191)

Martin Luther und die protestantische Auffassung zur innerehelichen Sexualität

»Martin Luther (1483-1546) und die meisten Protestanten waren gegen die katholische sakramentale Überhöhung der Ehe und sahen auch die innereheliche Sexualität fundamental anders.

Auch wenn wohl auch für sie die "in recht unterschiedlichen Schichten der alten Gesellschaft" herrschende Abneigung dagegen bestand, "allzu frei mit seiner Frau zu verkehren" und "man sich die eigene Frau eher keusch als verliebt wünschte" (Flandrin 1992, S.162), war Sexualität für sie eine ▪ anthropologische Grundtatsache, die nicht per se sündhaft war. Voraussetzung dafür war, dass sie sich in ehelichen Bahnen und damit in den Schranken bestimmter ehelicher Normen bewegte.

Bei allen Unterschieden zwischen beiden Konfessionen zielte die protestantische und katholische Ehepolitik (Sexualmoral, Ehedoktrin, Kirchenzucht usw.) bis ins 18. Jahrhundert hinein zunächst einmal auf den Schutz der christlichen Ehe auch in ihren Krisenzeiten.

Diesem Ziel war auch die überaus strenge Verfolgung von ▪ Ehebrechern und Ehebrecherinnen geschuldet, bei der die Protestanten die Katholiken oft übertrafen.

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 17.08.2026

 

 
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