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Einzelne Aspekte

Die soziale Konstruktion des Wahnsinns

Frühe Neuzeit (ca. 1350-1800) – « – Einzelne sozial- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte – Kranke und Gesunde

 
GESCHICHTE
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In der ▪ Frühen Neuzeit (ca.1350–1800) gehörten Krankheiten zum Alltag der Menschen. Menschen mit geistigen Behinderungen und psychischen Erkrankungen gab es schon immer, sie galten als anders, aber deshalb nicht als "krank". Vom "Irren" als einem Kranken zu sprechen, ist eine Vorstellung, die erst im Zuge der historischen Entwicklung entsteht und hat mit dem Siegeszug der Vernunft zu tun, die das menschlich Andere als das "Unnormale" diskriminiert.

Wie »Michel Foucault (1936-1984) aufzeigt, wurde der "Wahnsinnige" erst im 17. Jahrhundert sozial konstruiert, indem er als der "Unvernünftige" erst medizinisch "vermessen" wurde, dann vom Dialog mit den "Vernünftigen" ausgeschlossen und seit Mitte des 17. Jahrhunderts in geschlossenen Anstalten eingesperrt wurde. (vgl. Foucault 1961/1973)

Im Mittelalter und auch noch am Beginn der Frühen Neuzeit, im • Zeitalter der Renaissance (ca.1350-1450) galt ein "Irrer" dagegen nicht als gänzlich vernunftlos und als Mensch, den man deshalb bekämpfen und ausgrenzen musste. Stattdessen "gehörte (es) zum guten Ton, dass Könige, Fürsten und höhere Adelige einen Hofnarren hatten" (Ziegler 2019, S. 35), der mit seiner "Narrenfreiheit" der Gesellschaft "respektlos, jenseits von Vernunft, Logik und Etikette" (ebd.) den Spiegel vorhalten durfte. Aber auch in anderen gesellschaftlichen Gruppen und Gemeinschaften "erlaubte man den Irren, im Schoß der Gesellschaft zu leben. Der sogenannte Dorftrottel [...] wurde von den anderen ernährt und versorgt." (Foucault 1961/1973, zit. n. ebd.).

Doch schon seit der Mitte des 15. Jahrhunderts entwickeln sich die ersten Grenzziehungen zwischen Vernunft und Wahnsinn, so dass dieser "zunehmend als die beunruhigende andere Seite der eigenen Kultur, als seine bedrohliche Nachtseite" (Sarasin 2005, S.30) erschien, wie dies in Bildern von »Hieronymus Bosch (1450-1516) und »Pieter Bruegel dem Älteren (1525/1530-1569)  zum Ausdruck kommt.


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In »Hieronymus Boschs (1450-1516) Gemälde "Das Steinschneiden" schneidet ein vermeintlicher Arzt einem Mann den "Stein der Torheit" aus dem Kopf. Das Bild verspottet zugleich medizinischen Scharlatanismus und menschliche Dummheit. Für die Geschichte des Wahnsinns ist es bemerkenswert, weil es zeigt, wie körperliche, moralische und geistige Vorstellungen ineinander übergehen.

In »"Dulle Griet" von »Pieter Bruegel dem Älteren (1525/1530-1569) zieht eine bewaffnete Frau, die "tolle Grete", durch eine groteske, höllische Welt. Dargestellt ist dabei nicht allein eine psychische Krankheit, sondern die "Tollheit" bzw. "Verrücktheit“ Gretes ist hier als moralische und gesellschaftliche Metapher zu verstehen.


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Auch in der Moralsatire "Das Narrenschiff (1492)" von Sebastian Brant (1457-1521) werden zeitgenössische Vorstellungen über Wahnsinn deutlich. Das erfolgreichste deutschsprachige Buch vor der • Reformation enthält eine Typologie von über 100 Narren, die sich auf einer Schiffsreise in das fiktive Land Narragonien befinden. Sie halten der Welt auf unterhaltsame Weise, aber stets kritisch und satirisch ihre Laster und Eigenheiten wie mit einem Spiegel vor. (vgl. Wikipedia). Zugleich verkörpert sich darin "noch die dunkle Wahrheit menschlichen Lebens, seine Fahrt ins Ungewisse, seine Todesbestimmtheit und Tragik, ja die »vertraute Fremdheit der Welt überhaupt« samt ihres »tragische(n) Wahnsinn(s)« (WuG 46/489)" (Fink-Eitel 1989/42002, S. 25, die in » « sind Zitate aus Foucault 1961/1973) 

Die allmähliche Ausgrenzung geisteskranker und psychisch erkrankter Menschen beginnt im Grunde schon damit, dass schon seit dem Hochmittelalter (11.-13. Jahrhundert) Menschen, die an »"Aussatz" erkrankt waren, in • »Leprakolonien (Leprosorien) räumlich isoliert wurden. Diese räumliche Isolierung, Internierung und Ausgrenzung einer hoch ansteckenden Krankheit wie Lepra, machte, wenn auch nur allmählich Schule.

Mit der Errichtung des »Hôpital général (deutsch "Allgemeines Hospital") in Paris per Dekret »Ludwigs XIV. (1638-1715) im Jahr 1656 erreichten solche Bestrebungen eine neue Qualität. Damit wurde nämlich eine Einrichtung institutionalisiert, die nicht dazu diente, Kranke zu behandeln, sondern "Irre, Verwirrte und und bettelnde Herumtreiber"(Ziegler 2019, S. 39) aus rechtlichen und ökonomischen Gründen einzusperren, die "in der bürgerlich-kapitalistischen Arbeitsgesellschaft, die sich unter den Fittichen der absolutistischen Monarchie formierte" (Fink-Eitel 1989/42002, S. 26), als Müßiggänger, Arbeitslose und Arbeitsunfähige nichts zu suchen hatten. In den dem Hôpital général angeschlossenen Arbeitshäusern sollten sie daher auch als billige Arbeitskräfte dienen "und in Krisenzeiten die Gesellschaft vor aufsässigen Arbeitslosen schützen." (ebd.) Dennoch war ihr Hauptzweck "ordnungspolitisch-»polizeilicher« Natur": "Die Wahnsinnigen gehörten zur diffusen Masse der Asozialen und Anormalen, kurz der Anderen, die die öffentliche Ordnung zu bedrohen schienen, so dass man glaubte, diese vor ihnen schützen zu müssen." (ebd.)

Mit der Internierung der Wahnsinnigen beginnt das, was Foucault die "große Gefangenschaft" nennt, die auch nicht mehr aufgehoben wurde, als man im Zusammenhang mit dem Aufkommen der Humanwissenschaften, die Wahnsinnigen als "geistig Erkrankte" betrachtete und sie psychiatrisch zu therapieren begann.

Für Foucault gibt es den Wahnsinn, "den die Psychologie und die Psychiatrie beschreiben, nicht immer schon", sondern dieser ist "als das verstoßene und bald eingesperrte Andere der Vernunft historisch entstanden" (Sarasin 2005, S.28) Wahnsinn ist für Foucault also "das andere der Vernunft" und diese stellt wiederum "den Prozess der Ausgrenzung" dar, "der das Andere der Vernunft zum Schweigen bringt." (Fink-Eitel 1989/42002, S. 24) Und: Diese Vernunft "die aus dem Sieg über den Wahnsinn hervorgegangen ist, (ist) eine kalt berechnende, überwältigende und einsperrende Vernunft", die "im Kern bürgerlich (ist), weil sie sich von ihrer Nützlichkeit her definiert."(Sarasin 2005, S.29)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 12.08.2026

  
   Arbeitsanregungen:
  1. Beschreiben Sie, wie Menschen, die als "irre" galten, im Mittelalter und zu Beginn der Frühen Neuzeit in die Gesellschaft eingebunden waren.
  2. Erläutern Sie anhand des Textes, wie sich die gesellschaftliche Wahrnehmung von "Wahnsinn" seit der Mitte des 15. Jahrhunderts veränderte.
  3. Analysieren Sie, welches Verständnis von "Wahnsinn" in Hieronymus Boschs Das Steinschneiden und Pieter Bruegels d. Ä. Dulle Griet zum Ausdruck kommt.
  4. Arbeiten Sie heraus, welche gesellschaftliche Funktion Sebastian Brants Das Narrenschiff (1492) erfüllt und welches Bild des "Narren" darin vermittelt wird.
  5. Untersuchen Sie die Gründe für die Internierung so genannter "Irrer" im Hôpital général und erklären Sie den Zusammenhang zwischen Ausgrenzung, gesellschaftlicher Ordnung und Arbeit.
  6. Beurteilen Sie Foucaults These, dass "Wahnsinn" nicht einfach eine zeitunabhängige Krankheit sei, sondern als "das Andere der Vernunft" historisch und gesellschaftlich hervorgebracht wurde. Beziehen Sie mindestens zwei Beispiele aus dem Text in Ihre Argumentation ein.
 

 
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