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Einzelne Aspekte

Trunksucht / Trinksucht

Frühe Neuzeit (ca. 1350-1800) – « – Einzelne sozial- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte – Kranke und Gesunde

 
GESCHICHTE
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▪ Johann Michael Moscherosch (1601-1669): Philander von Sittawald (ab 1640)

In der ▪ Frühen Neuzeit (ca.1350–1800) stellte die Trunksucht bzw. Trinksucht ein großes gesellschaftliches Problem dar. Man wusste zwar schon, dass übermäßiges Trinken zu gesundheitlichen Problemen führen konnte, doch wurde die Trunksucht noch nicht im heutigen Sinne als Suchterkrankung verstanden. Wenn das Trinken alkoholischer Getränke, vor allem von Bier, zum Problem wurde, sah man darin einen Verlust der Selbstkontrolle, vor allem aber ein moralisches und religiöses Fehlverhalten.

Dessen ungeachtet war der Alkoholkonsum gesellschaftlich in zahlreichen Kontexten fest verankert. Wer es sich leisten konnte, trank zu den Mahlzeiten Bier oder Wein und viele gingen deshalb auch gerne in Wirtshäuser und Trinkstuben. Entscheidend war daher weniger, ob jemand Alkohol trank, sondern ob man dabei das der Situation angemessene Maß einhielt. Problematisch wurde Trinken insbesondere dann, wenn ein Mensch seine Arbeit vernachlässigte, seine Familie nicht mehr versorgte, gewalttätig wurde oder die öffentliche Ordnung störte.

Das Trinken alkoholischer Getränke, vor allem von Bier, gehörte zu unzähligen geselligen Zusammenkünften in allen Ständen bzw. Schichten.

Vor allem Adelige veranstalteten exzessive Saufgelage. Zu den Umgangsformen im • Leben des Adels gehörte es einfach, alkoholische Getränke zu sich zu nehmen. Im Grunde mündeten alle festlichen Zusammenkünfte des Adels, insbesondere Hochzeiten u. ä. in mehr oder weniger ausgiebigen Trinkgelagen.

Das Zutrinken wurde dabei zur "Trinkfehde" umfunktioniert, bei der es galt, den anderen "halb todt niederzutrinken oder zu zechen. Man hielt dies für eben so rühmlich, als über den Feind einen Sieg davon tragen." (vgl. Krünitz ab 1773, »Oeconomische Eyncklopädie)

Damit das Ganze nicht allzu sehr aus dem Ruder lief, wurden an manchen Höfen Trinkordnungen erlassen, die regelten, wie das Trinken bei der Tafel ablaufen und wie auf die Gesundheit (das so genannte Gesundheitstrinken) getrunken werden sollte.

Auch die Bauern und Handwerker nutzten bestimmte Anlässe, um den Alkohol reichlich fließen zu lassen. Manche Zünfte erließen dazu  »Trinkordnungen (Kommente), um die immer stärker um sich greifenden Zechgelage von Gesellen und ihre Auswüchse einzudämmen. Ein durchsoffenes Wochenende führte nämlich auch schnell dazu, den Montag blau zu machen (»blauer Montag), um einen Kater auszukurieren.

Das • Studentenleben war geprägt davon, dass bei allen Gelegenheit der Alkohol floss, was auf der anderen Seite dafür sorgte, dass die entsprechende Saufkultur und das studentische "Feiern" im Alkoholrausch immer wieder • zu einem öffentlichen Ärgernis in den • Universitätsstädten wurde.

Die allgemeine Trinksucht abzustellen, war eines der wichtigsten Ziele der ▪ Sozialdisziplinierung des Untertanenverbandes bei der • Herausbildung des modernen Staates in der frühen Neuzeit. Auch aus diesem Grunde gingen die weltlichen und geistlichen Obrigkeiten seit dem 16. Jahrhundert immer stärker gegen sie vor.

Man kann sich zur Verdeutlichung der strategischen Bedeutung dieser Aufgabe nur einmal vor Augen führen, mit welchen Problemen der Aufbau eines geordneten Post- und Postkutschensystems zu kämpfen hatte, wenn Fahrtzeiten deshalb nicht eingehalten wurden, weil die Kutscher, betrunken wie sie waren, erst einmal ihren Rausch ausschlafen mussten. (vgl. Gräf/Pröve 1997, S.247)

Trunksucht oder Trinksucht ist schon im Mittelalter ein Thema, das von Predigern und Moralisten angeprangert wurde. Aber auch in der satirischen Sauferzählung »Der Wiener Meerfahrt (um 1270) und in verschiedenen Benimmbüchern ("Tischzuchten" genannt) wie dem Deutschen Cato, einer Sammlung lateinisch abgefasster Lebensregeln, die Anfang des 13. Jahrhunderts erstmals ins Deutsche übertragen wurden, wurde das Thema aufgegriffen (vgl. Fasbender 2011, S.167), bis es gegen 1500 zu "einer sich über Deutschland gleichsam aus Fässern ergießenden Trunkenheitsliteratur" (vgl. ebd.) kam.

Seit dem 16. Jahrhundert gingen weltliche und geistliche Obrigkeit jedenfalls mit zahlreichen »Policey- und »Zuchtordnungen, mit denen sie tief in das Leben der Untertanen eingegriffen haben, auch gegen die Trunksucht vor.

Da sich die Trinksucht auch bei Bürgern und Bauern verbreitete, wurde das Zutrinken auch auf »Reichtagen des Heiligen Römischen Reiches in Reichstagsabschieden seit 1512 mit großer Regelmäßigkeit immer wieder sanktioniert, ohne dass dem Phänomen damit aber wirklich beizukommen war.

Schon 1513 haben die beiden sächsischen Kurfürsten, »Friedrich der Weise (1463-1525) und »Georg der Bärtige (1471-1539), ein Edikt auf großformatigen Tafeln öffentlich anschlagen lassen, welches das Fluchen und das Zutrinken (propinatio), das wettkampfartig verlaufende Sich-gegenseitig-Zuprosten und Trinken (bis zum Umfallen) künftig unter Strafe stehe. (vgl. Fasbender 2011, S.165) Ihre Motive waren wohl dafür eher fürsorglicher Art, waren aber auch Maßnahmen zur Sozialdisziplinierung der Untertanen durch die Landesfürsten.

Ein Beispiel für solche Verordnungen ist die ▪ Polizeiordnung der Gräfin »Anna von Ostfriesland (1562-1621) aus dem Jahr 1545, in der es u. a, heißt, "dass die schweren Laster der Gotteslästerung, des Fluchens, Spielens, des Zu- und Volltrinkens, Tag und Nacht in Wirtshäusern Liegens sowie der Prunksucht in der Kleidung, was Weib und Kind sowie den Mann selbst an den Bettelstab bringt, dazu Streit und blutige Schlägereien, Ehebruch, Kuppelei und Hurerei, Wucher und alle anderen Bosheiten, von denen die Welt nun leider voll ist, nicht ungestraft bleiben" könnten und zur Anzeige zu bringen seien.

In der Folge wurden vielerorts die Trinkstuben geschlossen und die Zeiten für den Ausschank alkoholischer Getränke verkürzt. Zudem startete man unter den Adeligen eine ideologische Offensive, indem man Vereinigungen wie den vom Landgrafen »Moritz von Hessen 1600 gestifteten »Temperenzorden gründete, der die "Ordensbrüder" - Ehrensache versteht sich - in gewissen Grenzen zur Enthaltsamkeit, vor allem aber zur Mäßigung beim Alkoholkonsum, verpflichtete. Wer zum Orden gehören wollte, durfte sich zwei Jahre lang nicht "vollsaufen" und nicht mehr als sieben Becher Wein zu einer Mahlzeit zu trinken. (vgl. Krünitz ab 1773, »Oeconomische Eyncklopädie). Besonders nachhaltig waren aber auch solche ideologischen und auf freiwillige Unterwerfung unter eine sich selbst auferlegte soziale Disziplin setzenden Maßnahmen nicht. Es dauerte nicht lange, da waren diese Vereinigungen nämlich wieder von der Bildfläche verschwunden und die Ordensmitglieder zu ihrer alten Lebensart zurückgekehrt. (vgl. ebd.),

Dem Problem der Trunksucht war also nicht so ohne weiteres beizukommen, und auch alles, was dagegen von den Kanzeln gepredigt oder was dagegen auch geschrieben wurde, lief im Grunde genommen ins Leere. Da nützte es wahrscheinlich auch wenig, wenn die Trunkenheit geradezu dämonisiert wurde. Der Prototyp solcher Schriften über die Trunksucht dürfte "Wider den Saufteufel (...) Item ein Sendbrieff des Hellischen Sathans/ an die Zutrincker/ vor 45 Jahren zuuor ausgangen. Item ein Sendbrieff Matthei Friderichs / an die follen Brüder in Deudschem Lande" (1561) (»google-books) von Mattheus Friedrich sein. Der Pfarrer von Görenz, der mit allem Nachdruck von den weltlichen und geistlichen Obrigkeiten verlangte gegen die Trunksucht, die für ihn "die Mutter aller Sünden" darstellte. Insbesondere gelte es gegen die Unsitte des Zutrinkens, das wechselseitige Zuprosten und Trinken in einer Art Wettkampf (auch Saufduell genannt), vorzugehen, weil "aus dem zutrincken/ Trunckenheit / vnd aus Trunckenheit viel Gottslesterung / Todtschlege/ und sonst viel laster entstehen". Friderich personifizierte das Trunkenheitslaster mit dem Teufel bzw. dem "Sauffteufel" und beeinflusste damit diese Art von Teufelsliteratur, die mit Andreas Musculus (seit 1555) ihre Blüte erlebte. Dass die Trunkenheit zur Hauptsünde deklariert wurde, zeigt auch die seinerzeit offenbar gern erzählte "Geschichte von jenem Mann, den der Teufel einst vor die Wahl stellte, ob er lieber durch Trunkenheit, Ehebruch oder Mord sündigen wolle. Der gute Mann wählte natürlich die Trunkenheit, doch leider verging er sich im Suff zuerst an der Nachbarin und erschlug dann auch noch den hinzueilenden Gatten. Dieser narrative Nachweis des Trunkenheits-Primats gab den Moralisten Anlass, den Punkt 'Schädigung der Seele“ durch bewährte Sündenkataloge weiter zu strukturieren: Unkeuschheit vorweg, dann Gotteslästerung, Streitsucht, Zorn, Trägheit, Verschwendung, Diebstahl, Verleumdung, Torheit und Verzweiflung" (Fasbender 2011, S.165), die allesamt zu Trinkersünden erklärt wurden. Dass, der Vollständigkeit halber nachgetragen, auch die Warnungen von Ärzten und Medizinern vor den gesundheitlichen Folgen des übermäßigen Alkoholkonsums weitgehend ungehört blieben, zeigt, dass auch "sachliche" Argumente wenig Aussicht auf Erfolg hatten, der Trunksucht Einhalt zu gebieten.


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Der Kampf gegen den "Sauffteufel" rief also immer wieder unterschiedliche Akteure auf den Plan. Auch »Martin Luther (1483-1546) sah sich genötigt, "betrunkene Schweine" öffentlich zu brandmarken und sprach davon, dass wohl "jeglich Land seinen eigenen Teufel haben" müsse und der "Deutsche Teufel" eben der "Weinschlauch" sei und "Sauff" genannt werden müsse. Fazit: "der Sauff bleibt ein allmächtiger Abgott bei uns Deutschen" (Krünitz ab 1773, »Oeconomische Eyncklopädie).

Zwar wurde das Saufen ähnlich wie die Völlerei (übermäßiges Essen) moralisch als ein Laster und eine Todsünde betrachtet, doch galt dies eben nur für das Übermaß. Trinken in Maßen war hingegen überall erlaubt und gehörte zur Geselligkeit dazu.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 11.08.2026

  
   Arbeitsanregungen:
  1. Warum galt Trunksucht in der Frühen Neuzeit nicht als Krankheit, sondern vor allem als moralisches und religiöses Fehlverhalten?
  2. Welche Bedeutung hatte der Konsum von Alkohol im gesellschaftlichen Leben der verschiedenen Stände und sozialen Gruppen?
  3. Welche Probleme konnten übermäßiger Alkoholkonsum und Trinkgelage für Familie, Arbeitsleben und öffentliche Ordnung verursachen?
  4. Mit welchen Maßnahmen versuchten weltliche und geistliche Obrigkeiten, übermäßigen Alkoholkonsum einzuschränken?
  5. Warum kann der Kampf gegen die Trunksucht als Beispiel für die "Sozialdisziplinierung" in der Frühen Neuzeit angesehen werden?
 

 
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