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Kranke und Gesunde

Überblick

Frühe Neuzeit (ca. 1350-1800) – Einzelne sozial- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte

 
GESCHICHTE
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In der ▪ Frühen Neuzeit (ca.1350–1800) gehörten Krankheiten zum Alltag der Menschen. Von schweren Krankheiten gezeichnete Menschen, die z. B. die Pocken überlebt hatten und von ihren mit Narben entstellten Gesichtern gezeichnet waren, gehörten ebenso zum öffentlichen Leben, wie Menschen mit einer Geisteskrankheit.

Wer über längere Zeit krank war, konnte nicht arbeiten und verlor möglicherweise sein Einkommen. Besonders für arme Familien konnte eine Erkrankung deshalb schnell existenzbedrohend werden. Große Epidemien beeinträchtigten darüber hinaus Handel und öffentliches Leben und konnten die • Bevölkerungsentwicklung ganzer Städte und Regionen beeinflussen.

Dass trotz zahlreicher Kriege und Seuchen, die immer wieder Zehntausende hinrafften, die massiven • Bevölkerungsverluste immer wieder ausgeglichen werden konnten, ohne dass es zwar zu einer allmählichen Bevölkerungszunahme, nicht aber zu einer regelrechten Bevölkerungsexplosion kam, hatte eine ▪ Reihe von Ursachen.

Das frühneuzeitliche Verständnis von Krankheit ist von unserem heutigen grundlegend verschieden. weil vor allem in vielen Fällen Krankheit und persönliches Verhalten nicht so klar voneinander abgrenzt waren.

Ursachen von Krankheiten und der allgemeine Umgang mit ihnen

Die Ursachen von Krankheiten erklärte man anders als heute. Ärzte orientierten sich häufig an der antiken »Vier-Säfte-Lehre (Humoralpathologie). Krankheit galt als Störung des Gleichgewichts von Blut, Schleim sowie gelber und schwarzer Galle. Behandlungen wie Aderlass, Schröpfen, Abführmittel und pflanzliche Arzneien sollten dieses Gleichgewicht wiederherstellen. Gleichzeitig konnten Krankheiten religiös als Prüfung oder Strafe Gottes verstanden werden.

Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung wurde von studierten Ärzten behandelt. Eine wichtige Rolle spielten Bader und Wundärzte, die beispielsweise Wunden versorgten, Zähne zogen oder Knochenbrüche behandelten. Apotheker stellten Arzneimittel her, während Hebammen für Schwangerschaft und Geburt zuständig waren. Hinzu kamen heilkundige Frauen und Männer, deren Wissen häufig innerhalb von Familien weitergegeben wurde.

Die meisten Kranken wurden zu Hause von ihren Familien gepflegt. Die Hospitäler, die es in den Städten gab, waren noch keine Krankenhäuser im heutigen Sinne, sondern dienten gleichzeitig der Versorgung von Kranken, Armen und alten Menschen. Die medizinische Heilung stand dabei also nicht immer im Mittelpunkt. Trotzdem entwickelten Städte zunehmend Formen organisierter Kranken- und Armenfürsorge.

Bestimmte Kranke wurden allerdings von der übrigen Bevölkerung getrennt. Menschen mit ansteckenden Krankheiten konnten in besonderen Einrichtungen oder außerhalb der Stadt untergebracht werden. Dabei verbanden sich Fürsorge und Schutz der Bevölkerung mit Ausgrenzung und sozialer Kontrolle.

Dabei waren die Menschen Krankheiten keineswegs hilflos ausgeliefert, sondern entwickelten vielfältige Strategien zu ihrer Behandlung und Bewältigung. Familie, Nachbarschaft, Heilkundige, Kirche und städtische Einrichtungen wirkten dabei zusammen.

Allerdings begann die Ausgrenzung kranker Menschen schon im 16. Jahrhundert als Menschen, die an »"Aussatz" erkrankt waren, in • »Leprakolonien (Leprosorien) räumlich isoliert wurden.

Besonders Krankheiten wie die weit verbreitete • Trunksucht,  Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und/oder psychische Leiden wurden immer auch als Ausdruck von Sünde, Laster oder falscher Lebensführung verstanden, für die der Einzelne nach christlicher Vorstellung selbst verantwortlich war.

Wer sich regelmäßig betrank und davon krank wurde, durfte also kaum auf Verständnis für seine Alkoholkrankheit hoffen, sondern stand für sein Laster oder seine Sünde letztlich am Pranger, ähnlich wie bei Völlerei, sexueller Ausschweifung oder anderen Formen eines vermeintlich ungezügelten Lebens.

Krankheiten und Seuchen

Die Kindersterblichkeit war in der ▪ Frühen Neuzeit (ca.1350–1800)hoch, und Epidemien konnten innerhalb kurzer Zeit zahlreiche Menschen töten. Besonders gefürchtet war die Pest, daneben waren Pocken, Ruhr, Typhus, Tuberkulose und Syphilis und andere Krankheiten verbreitet. Mangelernährung und schlechte hygienische Bedingungen, die • vor allem in vielen Städten herrschten, erhöhten zusätzlich das Krankheitsrisiko.

Die Säuglings- und Kindersterblichkeit war so außerordentlich  hoch, dass in vielen Regionen, Schätzungen zufolge, etwa ein Drittel bis zur Hälfte aller Kinder das zehnte Lebensjahr nicht erreichte. Noch im 17. Jahrhundert hatte ein neugeborenes Kind, vor allem wegen der immens hohen »Kindersterblichkeit, gerade mal die (statistische) Aussicht auf 30 Lebensjahre, wenn nicht Kriege, Missernten, Naturkatastrophen und Seuchen seinem Leben schon vorher ein Ende setzten. (vgl. Bolte/Kappe/Schmid 1980, S.45ff.) Nach zwanzig Jahren, wenn die Kinder erwachsen wurden, waren jedenfalls im besten Fall noch die Hälfte eines Jahrgangs am Leben. Je nach Region und Epoche starben 30 bis 50 Prozent aller Kinder vor dem zehnten Lebensjahr, viele sogar bereits im ersten oder zweiten Lebensjahr.

Besonders bei Seuchen griffen die Obrigkeiten ein. Erkrankte konnten isoliert, Häuser gesperrt und Reisende unter Quarantäne gestellt werden. Städte kontrollierten ihre Tore oder beschränkten Märkte. Damit entstanden erste Formen einer staatlich organisierten Gesundheitspolitik.

Als Geißeln der Menschheit besonders gefürchtet waren die »Pest und die »Pocken, die verheerendsten und immer wiederkehrenden  Seuchen in der Geschichte der Menschheit.

Die Pest trat immer in wieder in Wellen auf und konnte innerhalb kurzer Zeit Millionen von Menschen töten. Bei der letzten großen Pestwelle, die »Große Pest von 1708-1714 mit Schwerpunkt im Ostseeraum kamen noch etwa 1 Million Menschen um, und auch während der Pest in Südfrankreich, die in »Marseille und der »Provence tobte (1720), kam es noch einmal zu einem Massensterben. Menschen flohen aus den betroffenen Städten vor den strengen Quarantänemaßnahmen, die ergriffen wurden, um die Ausbreitung der Seuche einzudämmen.

Auch die Pocken, neben der Pest die zweite Geißel der Menschheit, töteten in ihren schlimmsten Zeiten fast die Hälfte der Menschen in Europa (vgl. Stollberg-Rielinger 200/62023, S.45) Wer die Krankheit überlebte, war meistens durch Narben entstellt oder erblindet.

Erst als im 18. Jahrhundert moderne medizinische und hygienische Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung eingeführt wurden, gingen diese beiden großen Seuchen mehr und mehr zurück. Das hieß aber aber nicht, dass beide Krankheiten völlig verschwanden. Auch weiterhin wüteten die »Pocken weiter. Alle drei bis fünf Jahre kam es wieder zu großen Ausbrüchen, die vor allem Kleinkinder hinrafften. Noch 1804 erkranken daran 800.000 Menschen, wovon 75.000 sterben. (vgl. Demel 2005, S.81) Erst die Entdeckung der Pockenschutzimpfung durch den britischen Landarzt Edward Jenner (1749-1823) im Jahr 1796 leitete nach und nach eine neue Ära ein, in der die Pocken vielerorts in Europa ihren Schrecken verloren.

Der »Aussatz (Lepra), der »seit der Antike bekannt war, ist nicht in gleicher Weise »hochinfektiös wie die anderen Geißeln der Menschheit. Die Krankheit ging, nachdem sie im Hochmittelalter ihren epidemiologischen Höhepunkt hatte, schon im 16. und 17. Jahrhundert europaweit zurück und war im 18. Jahrhundert wohl aufgrund der sich entwickelnden natürlichen Immunität der Bevölkerung, der Selektions- und Isolierungsmaßnahmen Betroffener von der übrigen Bevölkerung sowie • Verbesserung der allgemeinen Hygiene, vor allem in den Städten, nahezu gänzlich verschwunden. Als sich die Krankheit im 11. wieder verbreitete und im 13. Jahrhundert besonders stark wütete, errichtete man vor allem außerhalb größerer Städte besondere Einrichtungen für Erkrankte, so genannte • »Leprakolonien (Leprosorien), Leprosen- oder Siechenhäuser. Das erste Leprosorium entstand wohl schon im Jahr 460 im französischen Jura. (vgl. Jütte 2013, Lepra, kindle-edition)  Dorthin wurden Erkrankte, solche die aufgrund ähnlicher Symptome als solche galten oder auch Personen, die an an anderen Krankheiten wie der Syphilis erkrankt waren oder Menschen, die an  epileptischen Anfällen litten, auffälligen Hautausschlägen litten oder  "sonst »arm und schwach« waren" (ebd.), verbracht. Sofern sie sich nicht selbst meldeten, wurden solche Personen auch auf den von Magistraten für die gesamte Bevölkerung verpflichtend gemachten, so genannten "Lepraschauen" als (lepra)krank eingestuft. Zugleich war es den Bürgern bei Strafe verboten, Leprakranke zu beherbergen, auch wenn dies nicht immer durchzusetzen war (vgl. ebd.). Wo sich die Kranken noch, meisten nur für eine Übergangszeit, noch außerhalb der Leprosorien bewegen und aufhalten durften, mussten sie teilweise besondere Kleidung tragen und mit Klappern oder Glocken auf sich aufmerksam machen, damit andere Menschen Abstand halten konnten. Auch wenn die Unterbringung in Leprosorien eine Maßnahme zur Ausgrenzung von Kranken war, die in gewisser Weise modellbildend für die • spätere Ausgrenzung geistig und psychisch Erkrankter und anderer Personen war, dienten sie auch der Versorgung der Erkrankten. Für die restliche Welt aber wurde die Lepra in Europa zu einem Verhängnis, denn mit der europäischen Expansion, der Kolonialisierung und dem Sklavenhandel verbreiteten sich Lepra-Erreger später weltweit.

»Ruhr und »Typhus verbreiteten sich in der ▪ Frühen Neuzeit (ca.1350–1800) vor allem dort immer wieder, wo Menschen unter schlechten hygienischen Bedingungen lebten, etwa in überfüllten Städten, aber auch während Kriegen. Und auch die »Malaria und die »Masern trafen oft viele Menschen.

Die »Tuberkulose, damals häufig "Schwindsucht" genannt, verlief dagegen meist langsam und führte zu zunehmender körperlicher Schwäche und häufig zum Tod.

Die Geschlechtskrankheit »Syphilis, die im Volksmund auch als "Große Blattern" oder mit anderen Begriffen bezeichnet wurde, verbreitete sich seit dem 15. Jahrhundert in Europa. Da sie besonders stark unter Söldnertruppen wütete, sprach man auch, auch je nach Blickwinkel auch von "Franzosenkrankeit" (morbus gallicus) oder von einer "italienischen Krankheit". »Beschreibungen der Krankheit und ihrer Folgen existieren schon seit Ende des 15. Jahrhunderts und stellen nicht nur die schweren körperlichen Symptome und Schäden, die die Krankheit verursachte, dar, sondern auch die gesellschaftliche Stigmatisierung und Ausgrenzung der von der zusehends als "Lustseuche" verstandenen Betroffenen. Oft reichte auch der bloße Verdacht oder üble Nachrede, dass man für eine Weile von allen gesellschaftlichen Veranstaltungen einschließlich dem Kirchenbesuch ausgeschlossen wurde. »Syphilis«-Kranke waren es jedenfalls, die eine besonders große Abscheu bei ihren Zeitgenossen hervorriefen. (vgl. Jütte 2013, Stigmatisierung, kindle-edition)

Ausgehend vom 19. Jahrhundert, vor allem aber in der Zeit des • Nationalsozialismus (1933-1945) wurde der »Syphilis-Begriff mehr und mehr politisiert und zu einem ideologischen Kampfbegriff. Dazu wurde der Begriff »antisemitisch, »antifeministisch und »rassistisch aufgeladen und die Krankheit zu einer »Chiffre für bestimmte als »"dekadent" abgewertete zivilisatorische Entwicklungen umgedeutet. Unter der NS-Herrschaft waren Ideologeme wie »"Syphilisation" oder "Syphilisierung" Teil der rassistischen und antisemitischen Sprache, die der Propaganda zum Einsatz kam, um  vor der "Vergiftung" und der »"Versyphilisierung des Volkskörpers" zu warnen, mit der das "Volk" auf die Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung von Millionen von Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma und viele andere eingestimmt wurde. Bis heute ruft die politische Rechte immer wieder vergleichbare Konnotationen auf, wenn sie ihre politischen Gegner oder deren Einstellungen als »"linksversifft" oder »"linksgrünversifft" diffamiert und die entsprechenden Narrative mit anderen antisemitischen, rassistischen und antifeministischen Narrativen verknüpft. (vgl. Stokowski 2021, vgl. Diskurs-Atlas Antifeminismus, vgl. Wikipedia)

Die Vorstellung, dass es auch Geisteskrankheiten gibt, war in der Frühen Neuzeit lange nicht vorhanden. Der "Irre" war vielleicht anders, aber deshalb eben nicht "krank". Wie »Michel Foucault (1936-1984) aufzeigt, wurde der •"Wahnsinnige" erst im 17. Jahrhundert sozial konstruiert, indem er als der "Unvernünftige" medizinisch identifiziert wurde und erst vom Dialog mit den "Vernünftigen" ausgeschlossen und seit Mitte des 17. Jahrhunderts in geschlossenen Anstalten eingesperrt wurde. (vgl. Foucault 1961/1973) Im Mittelalter und auch noch am Beginn der Frühen Neuzeit, im • Zeitalter der Renaissance (ca.1350-1450), galt ein "Irrer" nicht als gänzlich vernunftlos, den man bekämpfen und ausgrenzen musste.

Krankheiten, das zeigt nicht zuletzt diese Praxis, hatten damit nicht nur medizinische, sondern auch erhebliche politische, soziale, wirtschaftliche Folgen.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 12.08.2026

  
   Arbeitsanregungen:
  1. Nennen Sie vier Krankheiten, die in der Frühen Neuzeit weit verbreitet waren.
  2. Beschreiben Sie, welche Maßnahmen Städte und Obrigkeiten zur Bekämpfung von Seuchen ergriffen.
  3. Erklären Sie, warum Krankheiten in der Frühen Neuzeit nicht nur als medizinisches, sondern teilweise auch als moralisches oder religiöses Problem verstanden wurden.
  4. Erläutern Sie am Beispiel der Kindersterblichkeit, welche Auswirkungen Krankheiten und Seuchen auf die Bevölkerungsentwicklung der Frühen Neuzeit hatten.
  5. Analysieren Sie, welche unterschiedlichen Personen und Einrichtungen an der Behandlung und Versorgung von Kranken beteiligt waren und welche Aufgaben sie übernahmen.
  6. Beurteilen Sie die Aussage: "Der Umgang mit Krankheiten in der Frühen Neuzeit war zugleich von Fürsorge, medizinischer Behandlung und gesellschaftlicher Ausgrenzung geprägt." Belegen Sie Ihr Urteil anhand des Textes.
 

 
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