Die Ursachen von Krankheiten
erklärte man anders als heute. Ärzte orientierten sich häufig an der
antiken »Vier-Säfte-Lehre
(Humoralpathologie). Krankheit
galt als Störung des Gleichgewichts von Blut, Schleim sowie gelber
und schwarzer Galle. Behandlungen wie Aderlass, Schröpfen,
Abführmittel und pflanzliche Arzneien sollten dieses Gleichgewicht
wiederherstellen. Gleichzeitig konnten Krankheiten religiös als
Prüfung oder Strafe Gottes verstanden werden.
Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung wurde von studierten Ärzten
behandelt. Eine wichtige Rolle spielten Bader
und Wundärzte, die beispielsweise
Wunden versorgten, Zähne zogen oder Knochenbrüche behandelten.
Apotheker stellten Arzneimittel her, während
Hebammen für Schwangerschaft und Geburt zuständig waren.
Hinzu kamen heilkundige Frauen und Männer, deren Wissen häufig
innerhalb von Familien weitergegeben wurde.
Die meisten Kranken wurden zu Hause von ihren Familien gepflegt. Die
Hospitäler, die es in den Städten
gab, waren noch keine Krankenhäuser im heutigen Sinne, sondern
dienten gleichzeitig der Versorgung von Kranken, Armen und alten
Menschen. Die medizinische Heilung stand dabei also nicht immer im
Mittelpunkt. Trotzdem entwickelten Städte zunehmend Formen
organisierter Kranken- und Armenfürsorge.
Bestimmte Kranke wurden allerdings von der übrigen Bevölkerung
getrennt. Menschen mit ansteckenden Krankheiten konnten in
besonderen Einrichtungen oder außerhalb der Stadt untergebracht
werden. Dabei verbanden sich Fürsorge und Schutz der Bevölkerung mit
Ausgrenzung und
sozialer Kontrolle.
Dabei waren die Menschen Krankheiten keineswegs
hilflos ausgeliefert, sondern entwickelten vielfältige Strategien zu
ihrer Behandlung und Bewältigung. Familie, Nachbarschaft,
Heilkundige, Kirche und städtische Einrichtungen wirkten dabei
zusammen.
Allerdings begann die Ausgrenzung kranker Menschen schon im 16.
Jahrhundert als Menschen, die an »"Aussatz"
erkrankt waren, in • »Leprakolonien
(Leprosorien) räumlich isoliert wurden.
Besonders Krankheiten wie die weit verbreitete •
Trunksucht,
Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und/oder
psychische Leiden wurden immer auch als Ausdruck von Sünde, Laster
oder falscher Lebensführung verstanden, für die der Einzelne nach
christlicher Vorstellung selbst verantwortlich war.
Wer sich regelmäßig betrank und davon krank wurde, durfte also kaum
auf Verständnis für seine Alkoholkrankheit hoffen, sondern stand für
sein Laster oder seine Sünde letztlich am Pranger, ähnlich wie bei
Völlerei, sexueller Ausschweifung oder anderen Formen eines
vermeintlich ungezügelten Lebens.
Die Kindersterblichkeit
war in der ▪
Frühen Neuzeit (ca.1350–1800)hoch, und Epidemien konnten innerhalb kurzer Zeit zahlreiche
Menschen töten. Besonders gefürchtet war die Pest, daneben waren
Pocken, Ruhr,
Typhus, Tuberkulose und
Syphilis und andere Krankheiten verbreitet.
Mangelernährung und schlechte hygienische Bedingungen, die •
vor allem
in vielen Städten herrschten, erhöhten
zusätzlich das Krankheitsrisiko.
Die Säuglings- und Kindersterblichkeit
war so außerordentlich hoch, dass in vielen Regionen, Schätzungen
zufolge, etwa ein Drittel bis zur Hälfte aller Kinder das zehnte
Lebensjahr nicht erreichte. Noch im 17. Jahrhundert hatte ein
neugeborenes Kind,
vor allem wegen der immens hohen »Kindersterblichkeit, gerade mal die
(statistische) Aussicht auf 30 Lebensjahre, wenn nicht Kriege,
Missernten, Naturkatastrophen und Seuchen seinem Leben schon vorher ein
Ende setzten. (vgl.
Bolte/Kappe/Schmid 1980,
S.45ff.)
Nach zwanzig Jahren, wenn die Kinder erwachsen wurden, waren
jedenfalls im besten Fall noch die Hälfte eines Jahrgangs am Leben.
Je nach Region und Epoche starben 30 bis 50 Prozent aller Kinder vor dem
zehnten Lebensjahr, viele sogar bereits im ersten oder zweiten
Lebensjahr.
Besonders bei Seuchen griffen die
Obrigkeiten ein. Erkrankte konnten isoliert, Häuser gesperrt und
Reisende unter Quarantäne gestellt werden. Städte kontrollierten
ihre Tore oder beschränkten Märkte. Damit entstanden
erste Formen einer staatlich organisierten Gesundheitspolitik.
Als Geißeln der Menschheit besonders gefürchtet waren die »Pest
und die »Pocken,
die verheerendsten und immer wiederkehrenden Seuchen in der
Geschichte der Menschheit.
Die Pest trat immer in wieder in Wellen
auf und konnte innerhalb kurzer Zeit Millionen von Menschen
töten. Bei der letzten großen Pestwelle, die »Große
Pest von 1708-1714 mit Schwerpunkt im
Ostseeraum kamen noch etwa 1 Million Menschen um, und auch während der Pest in
Südfrankreich, die in »Marseille
und der »Provence
tobte (1720), kam es noch einmal zu einem Massensterben. Menschen
flohen aus den betroffenen Städten vor den strengen
Quarantänemaßnahmen, die ergriffen wurden, um die Ausbreitung der
Seuche einzudämmen.
Auch die Pocken, neben der Pest die
zweite Geißel der Menschheit, töteten in ihren schlimmsten Zeiten
fast die Hälfte der Menschen in Europa (vgl.
Stollberg-Rielinger
200/62023, S.45) Wer die Krankheit überlebte, war meistens durch Narben
entstellt oder erblindet.
Erst als im 18. Jahrhundert moderne medizinische und hygienische
Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung eingeführt wurden, gingen diese
beiden großen Seuchen mehr und mehr zurück. Das hieß aber aber
nicht, dass beide Krankheiten völlig verschwanden. Auch weiterhin
wüteten die »Pocken
weiter. Alle drei bis fünf Jahre kam es wieder zu großen Ausbrüchen,
die vor allem Kleinkinder hinrafften. Noch 1804 erkranken daran
800.000 Menschen, wovon 75.000 sterben. (vgl.
Demel 2005,
S.81) Erst die Entdeckung der Pockenschutzimpfung durch den
britischen Landarzt
Edward Jenner (1749-1823) im Jahr 1796 leitete nach und nach
eine neue Ära ein, in der die Pocken vielerorts in Europa ihren
Schrecken verloren.
Der
»Aussatz (Lepra),
der
»seit
der Antike bekannt war, ist nicht in gleicher Weise
»hochinfektiös
wie die anderen Geißeln der Menschheit. Die Krankheit ging, nachdem
sie im Hochmittelalter ihren epidemiologischen Höhepunkt hatte,
schon im 16. und 17. Jahrhundert europaweit zurück und war im 18.
Jahrhundert wohl aufgrund der sich entwickelnden natürlichen
Immunität der Bevölkerung, der Selektions- und Isolierungsmaßnahmen
Betroffener von der übrigen Bevölkerung sowie •
Verbesserung der allgemeinen Hygiene, vor allem in den Städten,
nahezu gänzlich verschwunden. Als sich die Krankheit im 11. wieder
verbreitete und im 13. Jahrhundert besonders stark wütete,
errichtete man vor allem außerhalb größerer Städte besondere
Einrichtungen für Erkrankte, so genannte • »Leprakolonien
(Leprosorien), Leprosen- oder Siechenhäuser. Das erste
Leprosorium entstand wohl schon im Jahr 460 im französischen Jura.
(vgl.
Jütte 2013,
Lepra, kindle-edition) Dorthin wurden Erkrankte, solche die
aufgrund ähnlicher Symptome als solche galten oder auch Personen,
die an an anderen Krankheiten wie der Syphilis
erkrankt waren oder Menschen, die an epileptischen Anfällen
litten, auffälligen Hautausschlägen litten oder "sonst »arm
und schwach« waren" (ebd.),
verbracht. Sofern sie sich nicht selbst meldeten, wurden solche
Personen auch auf den von Magistraten für die gesamte Bevölkerung
verpflichtend gemachten, so genannten "Lepraschauen" als (lepra)krank
eingestuft. Zugleich war es den Bürgern bei Strafe verboten,
Leprakranke zu beherbergen, auch wenn dies nicht immer durchzusetzen
war (vgl. ebd.).
Wo sich die Kranken noch, meisten nur für eine Übergangszeit, noch
außerhalb der Leprosorien bewegen und aufhalten durften, mussten sie
teilweise besondere Kleidung tragen und mit Klappern oder Glocken
auf sich aufmerksam machen, damit andere Menschen Abstand halten
konnten. Auch wenn die Unterbringung in Leprosorien eine Maßnahme
zur Ausgrenzung von Kranken war, die in gewisser Weise modellbildend
für die •
spätere Ausgrenzung geistig und psychisch Erkrankter und anderer
Personen war, dienten sie auch der Versorgung der Erkrankten.
Für die restliche Welt aber wurde die Lepra in Europa zu einem
Verhängnis, denn mit der europäischen Expansion, der
Kolonialisierung und dem Sklavenhandel verbreiteten sich
Lepra-Erreger später weltweit.
»Ruhr und
»Typhus
verbreiteten sich in der ▪
Frühen Neuzeit (ca.1350–1800) vor allem dort immer wieder, wo Menschen unter schlechten
hygienischen Bedingungen lebten, etwa in überfüllten Städten, aber
auch während Kriegen. Und auch die »Malaria
und die »Masern
trafen oft viele Menschen.
Die »Tuberkulose, damals häufig
"Schwindsucht" genannt, verlief dagegen meist langsam und führte zu
zunehmender körperlicher Schwäche und häufig zum Tod.
Die
Geschlechtskrankheit »Syphilis,
die im Volksmund auch als "Große Blattern" oder mit anderen
Begriffen bezeichnet wurde, verbreitete sich seit dem 15.
Jahrhundert in Europa. Da sie besonders stark unter Söldnertruppen
wütete, sprach man auch, auch je nach Blickwinkel auch von "Franzosenkrankeit"
(morbus gallicus) oder von einer "italienischen Krankheit". »Beschreibungen
der Krankheit und ihrer Folgen existieren schon seit Ende des
15. Jahrhunderts und stellen nicht nur die schweren körperlichen
Symptome und Schäden, die die Krankheit verursachte, dar, sondern
auch die gesellschaftliche Stigmatisierung und Ausgrenzung der von
der zusehends als "Lustseuche" verstandenen Betroffenen. Oft reichte
auch der bloße Verdacht oder üble Nachrede, dass man für eine Weile
von allen gesellschaftlichen Veranstaltungen einschließlich dem
Kirchenbesuch ausgeschlossen wurde. »Syphilis«-Kranke waren es
jedenfalls, die eine besonders große Abscheu bei ihren Zeitgenossen
hervorriefen. (vgl.
Jütte 2013,
Stigmatisierung, kindle-edition)
Ausgehend
vom 19. Jahrhundert, vor allem aber in der Zeit des •
Nationalsozialismus
(1933-1945) wurde der »Syphilis-Begriff
mehr und mehr politisiert und zu einem ideologischen
Kampfbegriff. Dazu wurde der Begriff »antisemitisch,
»antifeministisch
und »rassistisch
aufgeladen und die Krankheit zu einer »Chiffre
für bestimmte als »"dekadent"
abgewertete zivilisatorische Entwicklungen umgedeutet. Unter der
NS-Herrschaft waren Ideologeme wie »"Syphilisation"
oder "Syphilisierung" Teil der rassistischen und antisemitischen
Sprache, die der Propaganda zum Einsatz kam, um vor der
"Vergiftung" und der »"Versyphilisierung
des Volkskörpers" zu warnen, mit der das "Volk" auf die
Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung von Millionen von Jüdinnen und
Juden, Sinti und Roma und viele andere eingestimmt wurde. Bis heute
ruft die politische Rechte immer wieder vergleichbare
Konnotationen
auf, wenn sie ihre politischen Gegner oder deren Einstellungen als
»"linksversifft"
oder »"linksgrünversifft"
diffamiert und die entsprechenden Narrative mit anderen
antisemitischen, rassistischen und antifeministischen Narrativen
verknüpft. (vgl.
Stokowski
2021, vgl.
Diskurs-Atlas Antifeminismus, vgl.
Wikipedia)
Die Vorstellung, dass es auch Geisteskrankheiten gibt, war in der
Frühen Neuzeit lange nicht vorhanden. Der "Irre" war vielleicht
anders, aber deshalb eben nicht "krank".
Wie »Michel
Foucault (1936-1984) aufzeigt, wurde der •"Wahnsinnige"
erst im 17. Jahrhundert sozial konstruiert, indem er als der
"Unvernünftige" medizinisch identifiziert wurde und erst vom Dialog
mit den "Vernünftigen" ausgeschlossen und seit Mitte des 17. Jahrhunderts in
geschlossenen Anstalten eingesperrt wurde. (vgl.
Foucault
1961/1973) Im Mittelalter und auch noch am Beginn der Frühen
Neuzeit, im •
Zeitalter
der Renaissance (ca.1350-1450), galt ein "Irrer" nicht als
gänzlich vernunftlos, den man bekämpfen und ausgrenzen musste.
Krankheiten, das zeigt nicht zuletzt diese Praxis, hatten damit nicht nur medizinische, sondern auch
erhebliche politische, soziale, wirtschaftliche Folgen.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
12.08.2026