Das Heiratsalter und die Bedingungen,
die für die Eheschließung und die
Familiengründung galten, sind wohl mit
die wichtigsten strukturellen Faktoren, die auf die
Bevölkerungsentwicklung Einfluss genommen haben.
Das Heiratsalter war in den frühneuzeitlichen Gesellschaften Europas
hoch. Bei Männern lag durchschnittlich etwa zwischen 27 und 28 Jahren,
bei Frauen zwischen 25 und 26 Jahren. (vgl.
Schmidt 2009,
S.28) Im 17. und 18. Jahrhundert könnten im Alter von 30 Jahren maximal
ein Drittel der Männer und weniger als die Hälfte der Frauen verheiratet
gewesen sein. (vgl.
Schilling 1994a,
S.87)
Das hohe Heiratsalter der Frauen nahm entscheidenden Einfluss auf die
Fertilität der Bevölkerung. Es verkürzte die Fertilitätsphase der Frauen
und führte dazu, dass eine Frau entsprechend weniger Kinder bekam, wobei
dennoch 15 Geburten für eine Frau gar nicht so außergewöhnlich waren. (Schmidt 2009,
S.25) Da verheiratete Frauen in der Regel entweder schwanger waren oder
ihre Säuglinge längere Zeit stillten, was "unter den frühneuzeitlichen
Ernährungslagen zu einer verminderten Fruchtbarkeit bis hin zu einer
temporären Sterilität" (ebd.,
S.24 )führen konnte, wurden im Allgemeinen in einer in einer
durchschnittlichen Ehe etwa alle zweieinhalb Jahre ein Kind geboren
(vgl.
Schilling 1994a,
S.88). Doch selbst in Familien, deren Mütter sehr viele Geburten
erlebten, saßen angesichts der hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit
und dem Beginn des Arbeitslebens mit 12 bis 14 Jahren selten mehr als
fünf Kinder an einem Tisch (Schmidt 2009,
S.25) , und das jüngste und älteste Kind einer Familie lagen oft 20 bis
30 Jahre, also eine ganze Generation auseinander. (vgl.
Schilling 1994a,
S.88).
So wirkte die "verzögerte Heirat" wie eine "kollektive
Geburtenplanung" (ebd.,
S.24) bzw. eine "folgenreiche Familienplanung" (Schorn-Schütte
2009, S.28) der ländlichen und städtischen Bevölkerung in Europa.
Zugleich hemmte das hohe Heiratsalter nicht zuletzt auch wegen der
ohnehin geringen Lebenserwartung das Bevölkerungswachstum, reichte aber
angesichts des vorhandenen Geburtenüberschusses für das kontinuierliche
Anwachsen der Bevölkerung als Ganzes. (vgl.
Schilling 1994a,
S.86)
Wer in der Frühen Neuzeit in Mittel- und Nordeuropa heiraten wollte,
konnte dies nur tun, wenn Eltern und vor allem Landesordnungen und
Gemeinden ihre Zustimmung gaben.
Materielle Voraussetzung dafür "war die Existenz einer zur Ernährung der
zu erwartenden Familie ausreichenden Erwerbsstelle, das war
entweder ein Hof oder ein Handwerksbetrieb." (Schorn-Schütte
2009, S.28) Wer dies nicht vorweisen konnte, musste ehelos leben und konnte
sich nicht legitim fortpflanzen.
Die
meisten Kinder wurden ehelich geboren, der Anteil unehelich geborner
Kinder war regional unterschiedlich hoch und schwankte in den Städten
sehr. Allgemein könnte in Städten 10:1 und auf dem Land 16:1 betragen
haben. Dabei muss allerdings eine hohe Dunkelziffer eingerechnet werden,
"da Abtreibung und Kindesmord als Reaktion auf kirchliche,
gesellschaftliche und staatliche Sanktionen, zum Beispiel öffentliches
Auspeitschen, keine Seltenheit blieben." (Schilling 1994a,
S.87)
Allerdings zeigt auch die
seit Mitte des 18. Jahrhunderts sprunghaft
angestiegene Zahl unehelich geborener Kinder (Illigitimitätsquote), dass
sich viele jungen Leute bei ihrer Aufnahme sexueller Beziehungen "nicht
mehr um eheliche Eheverbote oder Einsprüche der Gemeinde" (Gestrich
2003, S.486) kümmerten und neue Arten gesellschaftlich ansonsten
nicht gewünschter Liebesbeziehungen eingingen.
Ob die voreheliche Sexualität
gesellschaftlich akzeptiert wurde, hing dabei auch von der
Schichtzugehörigkeit der jungen Menschen ab. Während voreheliche
Sexualität im bäuerlichen Bereich als Teil einer Art Kontrakt unter
bestimmten Regeln "ganz allgemein weitgehend akzeptiert" (Gestrich
2013, S.32) war, war die legitime Sexualität im Bürgertum völlig an
die Ehe gebunden und unehelich Kinder für bürgerliche Frauen eine
Katastrophe.
Als Knechte, Mägde, Gesellen, aber auch als zweite oder dritte Söhne,
wenn nur der erste Sohn den Besitz erbte (»Anerbenrecht),
musste ca. 10 bis 20 Prozent eines Jahrganges ganz auf die Ehe
verzichten, es sei denn Kriege, Missernten, Teuerungen oder Seuchen
verbesserten zeitweilig die Situation dieser "demographischen
Reservearmee" (Schmidt 2009,
S.24)
Die hohen Mortalitätsraten nach solchen "bevölkerungsgeschichtlichen
Krisen" (Schorn-Schütte
2009, S.29), in denen die Heiratsraten und die Zahl der Geburten
drastisch sanken, hatten damit "»segenreiche« Folgen für die Gesamtheit
der Bevölkerung; denn für einen längeren Zeitraum wurden Hofstellen und
Handwerksbetriebe früher frei als erwartet, die Neugründung von Familie
war sehr viel leichter möglich. Zugleich stieg in dieser Phase die
eheliche Fruchtbarkeit, denn angesichts der zahlreichen
Vollerwerbsstellen konnte sowohl das Heiratsalter sinken als auch die
erzwungene Ehelosigkeit abnehmen." (ebd.)