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Das
Reich im Zeitalter des Absolutismus (1648-1806)
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Kontinuität und Wandel im
Deutschen Reich (1763-1806
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Baustein: teachSam-Quiz Bevölkerungsentwicklung 1 (docx-Download
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Nach den Krisen des 17. Jahrhunderts mit seiner "demographischen
Schrumpfungsphase" (Schilling
1994a, S.480) in seiner ersten Hälfte war das 18. Jahrhundert
europaweit ein
Jahrhundert des Bevölkerungswachstums, das in
unterschiedlichen Regionen aber sehr unterschiedlich ausfiel. Am
stärksten wuchs die Bevölkerung in Ost- und Ostmitteleuropa, weniger
stark in Italien und im Gebiet des Heiligen Römischen Reichs bzw. des
Alten Reichs, wo die großen •
Bevölkerungsverluste
im •
Dreißigjährigen Krieg
(1618-1648
erst allmählich ausgeglichen werden konnten. Hier es in
Deutschland wohl drei bis vier Generationen bis etwa zu Beginn der
1740er Jahre der Bevölkerungsstand von 1618 wieder erreicht wurde. (vgl. Schmidt 2009,
S.23)
Die Gründe für dieses Wachstum der Bevölkerung sind vielfältig. Auf der
einen Seite nahm die durchschnittliche Lebenserwartung zu, auf der
anderen Seite stieg die Geburtenrate an. In Kriegen kamen nicht mehr so
viele Menschen wie im 17. Jahrhundert um. Mit den letzten »Pestwellen,
der »Großen
Pest von 1708-1714 während des »Großen
Nordischen Kriegs in Nord- und Osteuropa mit Schwerpunkt im
Ostseeraum, bei der etwa 1 Million Menschen umkamen, und der Pest in
Südfrankreich, die in »Marseille
und der »Provence
tobte (1720) verlor diese neben den
Pocken Geißel der Menschheit, die in
ihren schlimmsten Zeiten fast die Hälfte der Menschen in Europa getötet
hatte, ihren Schrecken, da moderne medizinische und hygienische
Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung eingeführt wurden. (Stollberg-Rielinger
200/62023, S.45) .
Da die landwirtschaftliche Produktion im gleichen Zeitraum ebenfalls
erhöht werden konnte, zudem noch die Verkehrsverbindungen besser wurden,
konnten auch Missernten mit ihrem drastischen Geburtenrückgang als Folge,
wie 1770/72 geschehen, nicht mehr jene Hungersnöte auslösen, denen in
den langen Jahren zuvor immer wieder Hunderttausende zum Opfer gefallen
sind. Und auch Krieg und Seuchen dezimierten die Bevölkerung nicht mehr
im gleichen Ausmaß wie früher. Aber noch immer wüten Krankheiten wie die
»Pocken,
»Typhus,
»Ruhr und
»Malaria unter den Menschen. Vor allem die Pocken sind
es, die alle drei bis fünf Jahre wüten, und vor allem Kleinkinder
hinraffen. Noch 1804 erkranken daran 800.000 Menschen, wovon 75.000
sterben. (vgl.
Demel 2005, S.81) Trotzdem: die Sterblichkeit der älteren
Kinder geht vielerorts zurück, was auch in bestimmten Regionen dazu führt,
dass das Heiratsalter der Frauen, im allgemeinen wohl immer noch zwischen
dem 25 und 27 Jahren, deutlich sinkt. Die Säuglingssterblichkeit bleibt
dagegen hoch und verändert sich noch kaum. (vgl.
ebd., S.82)
Hinzukommen aber auch andere
• strukturelle Faktoren wie z. B.
das •
Heiratsalter und die Bedingungen für Eheschließung und Familiengründung
sowie die Art und Weise, wie die •
Partnerwahl
vonstatten gegangen ist.
Angaben über die Bevölkerungsentwicklung in der frühen Neuzeit im
Allgemeinen und in der Zeit von •
Absolutismus und Aufklärung (ca. 1650–1789)
beruhen allesamt auf Schätzungen, die auf der Grundlage von
Einzelzählungen, Steuer- oder Bürgerverzeichnissen hochgerechnet sind. (vgl.
ebd., vgl.
Möller 1994,
S.66) Zudem kommt hinzu, dass die Zahlen sich oft auf unterschiedliche
Gebiete beziehen. So gesehen tut man wohl gut daran, zu betonen, dass
Abweichungen von einem Viertel oder sogar mehr möglich sind.
In Europa insgesamt stieg die Bevölkerung von ca. 80 bis 85 Millionen um
1500 herum, über 100 bis 110 Millionen um 1600 auf über 175
Millionen bis 1800. (vgl.
Vogler 2003,
S.263, vgl.
Schorn-Schütte
2009, S.27) Das machte den Kontinent neben China und Indien zu den
damals am dichtesten besiedelten Regionen der Welt. (vgl.
Schorn-Schütte
2009, S.27)
Die
Bevölkerungsentwicklung in "Deutschland" könnte sich vom Spätmittelalter bis zur Mitte
des 18. Jahrhunderts wie folgt entwickelt haben.
|
Spätmittelalter |
12 bis 13
Mio. |
um 1700 |
15 Mio. |
|
um 1600 |
15 Mio. |
um 1750 |
16-18 Mio. |
|
um 1650 |
10 Mio. |
|
|
(nach W. Buchholz, Raum und Bevölkerung in der
Weltgeschichte, Bd. 3, Würzburg:
Ploetz-Verlag 1966, S.46)
In Deutschland in den Grenzen von 1871 könnten bei aller Vorsicht zu
Beginn des 18. Jahrhunderts etwa 15 Millionen Menschen gelebt haben und
damit immer noch etwa 2 Millionen weniger als die einer anderen als der
obigen Schätzung zufolge 17 Millionen vor dem •
Dreißigjährigen Krieg
(1618-1648). (vgl.
Schmidt 2009,
S.23)
Das
nachfolgende
•
Einfache Liniendiagramm
veranschaulicht angesichts der geschilderten Problematik der
Datengrundlage die Grundzüge der Bevölkerungsentwicklung in dem
anzeigten Zeitraum.

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Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war Deutschland ein
Agrarstaat und die
überwiegende Mehrheit der Menschen lebte auf dem Lande. Schätzungen
zufolge waren dies im 18. Jahrhundert bei leicht abnehmender Tendenz ca.
vier Fünftel der Gesamtbevölkerung. (vgl.
Möller 1994,
S.78) Noch 1780 waren
in Deutschland von den 10 Millionen Beschäftigten insgesamt noch mehr
als 3/5 aller Beschäftigten (65%) im Agrarsektor (Primärsektor) tätig.
(vgl. Henning, 1973, S.20)
Die
allgemeine Bevölkerungszunahme in Europa im 18. Jahrhundert fiel auch
auf dem Gebiet des Alten Reichs (Heiliges Römisches Reich) mit seinen
zahlreichen Territorien und mannigfaltigen Herrschaftsstrukturen
unterschiedlich aus, wobei die Schätzungen noch durch erschwert werden,
dass sich die Grenzen einzelner Territorien immer wieder verschoben
haben. So lassen sich mit aller Vorsicht nur Näherungswerte für
bestimmte Regionen betrachten, ohne dass die Ergebnisse ohne Weiteres
auf das Ganze übertragen werden können.
In Pommern stieg die Bevölkerung
zwischen 1700 und 1800 um 138 Prozent, in Schlesien um 100 Prozent und
in Württemberg um 94 Prozent.
Untersucht man die Entwicklung
in Preußen,
dann fällt die Antwort darauf, wie groß die Bevölkerungszunahme
ausgefallen ist und welche Ursachen sie hatte, kompliziert aus, denn
hier spielten territoriale Erweiterungen und Wanderungsgewinne, die sich
aus der »merkantilistischen Förderung der Einwanderung durch den "Großen
Kurfürsten" »Friedrich
Wilhelm (1620-1688) und »Friedrichs
II. (1712-1786), des Großen, ergaben, eine besonders wichtige Rolle.
Der Große Kurfürst, der sich zum
»calvinistischen Glauben bekannte und eine eine
»tolerante Religionspolitik praktizierte, sorgte mit seiner Aufnahme
von etwa 20.000 in Frankreich nach dem Blutbad der »Bartholomäusnacht
(23./24.8.1572) verfolgter »Hugenotten
für einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung
Brandenburg-Preußens. Dabei steht diese Maßnahme, das gilt es gerade
heute zu betonen, dafür, "wie wenig Bedeutung der volksmäßigen Einheit
eines Staates im 17. und 18. Jahrhundert beigemessen wurde" (Möller 1994,
S.80). Erst die zweite Phase der "nationalstaatlich eingehegten Moderne"
(Schmidt 2009,
S.14, S.395) im 19. Jahrhundert erklärte "den homogenisierenden Nationalstaat
nach preußischem Vorbild" (ebd.,S.395)
zu ihrem Ziel. Jedenfalls wanderten zwischen 1685 und dem
Beginn des 19. Jahrhunderts fast 350.000 Personen aus anderen deutschen
Territorien oder dem Ausland in Preußen ein (vgl.
Möller 1994,
S.80), die auf unterschiedliche Weise als bäuerliche Kolonisten,
Handwerker und Gelehrte zu einer Verbesserung der Ernährungslage und zum
allgemeinen Wohlstand des Landes beigetragen haben.
Dass trotz zahlreicher Kriege und Seuchen, die immer wieder Zehntausende
hinrafften, diese massiven Bevölkerungsverluste immer wieder
ausgeglichen werden konnten, es aber zu keiner regelrechten
Bevölkerungsexplosion kam, hatte verschiedene
strukturelle Gründe. Die
Bevölkerungsexplosion fand in Deutschland erst 19. Jahrhundert statt, in
dem sich die deutsche Bevölkerung in den 80 Jahren zwischen 1800 und
1880 verdoppelte, während dies zuvor ca. 300 Jahre von etwa 1500 bis
1800 dauerte. (vgl.
Schilling 1994a,
S.480)
Der
Anteil alter Menschen über 55 Jahre betrug im 16. bis 18.
Jahrhundert Schätzungen zufolge 5-10% der Gesamtbevölkerung (vgl.
Schorn-Schütte
2009, S.263). Noch im 17. Jahrhundert hatte ein
neugeborenes Kind,
vor allem wegen der immens hohen »Kindersterblichkeit, gerade mal die
(statistische) Aussicht auf 30 Lebensjahre, wenn nicht Kriege,
Missernten, Naturkatastrophen und Seuchen seinem Leben schon vorher ein
Ende setzten.(vgl.
Bolte/Kappe/Schmid 1980,
S.45ff.)
Nach zwanzig Jahren, wenn die Kinder erwachsen wurden, waren
jedenfalls im besten Fall noch die Hälfte eines Jahrgangs am Leben. In
den Städten war die Zahl angesichts der miserablen hygienischen
Verhältnisse mit ihrem durch Latrinen verseuchten Trinkwasser meistens
noch deutlich geringer. In Berlin gab es 1785 noch "Straßen, wo große
Kloaken aufgetürmt liegen, faule Sümpfe in beständiger Gärung fließen
und schädliches Ungeziefer sich generieret; selbst am königlichen Schloß
sind Exkremente von Menschen und Tieren zu finden" (zit. in:
Glatzer (Hg.)
1956, S.301 f., h: zit. n.
Schilling 1994a,
S.84)
Immerhin: Wer erwachsen wurde, hatte, wenn er nicht als Mann im Krieg
vorher umkam oder als Frau dem Kindbettfieber erlag, eine
Lebenserwartung von 60 Jahren oder sogar mehr. (vgl.
Demel 2005,
S.82, vgl. Schmidt 2009, S.26)