Der Prozess der • Aufklärung
ist an bestimmte
gesellschaftliche Bedingungen gebunden. Nur wo aufklärerische Kritik
möglich ist, also die Freiheit der Meinungsäußerung und ein Klima der
Toleranz herrschen, kann sich das Denken "aus den Bindungen der
tradierten, auf Offenbarungswahrheiten gegründeten christlichen Religion und
Theologie und dem durch das Christentum theologisch-metaphysisch begründeten
Weltbild mit seiner Staats- und Gesellschaftsordnung" befreien. (vgl.
Meyers
Taschenlexikon, Geschichte Bd.1, S.127)
Die Aufklärung, das war
eines ihrer wichtigsten Merkmale, suchte "die wahre Religion nicht mehr
in kirchlichen Dogmen, sondern in der praktischen Moral" (Schneiders
1997/42008, S.8) und erhob die "Tugend zur diesseitigen
Ersatzreligion" (ebd..
Hintergrund
dieses Wandels war die sich mehr und mehr breit machende "Skepsis
gegenüber überliefertem Wissen", die sich in dem seit langem
hinziehenden "Streit um die Deutungshoheit der christlichen Heilslehre
in konfessionellen Konflikten sowie die Unterminierung bzw.
Infragestellung der Bibel als einziger Erkenntnisquelle und universal
gültigem Geschichtsbuch durch die Entdeckung fremder Welten" (Meyer 2018,
S.12)niedergeschlagen hat.
Gerade die Religionskritik,
insbesondere »Voltaires
(1694-1788),
bereitet dabei dem weiteren gesellschaftskritischen Denken den Boden.
Seine »deistischen Auffassungen, wonach Gott die Menschen und die Welt zwar
erschaffen hat, dann aber in den Weltengang nicht mehr eingreift,
erschüttern die Grundfesten des seit der Renaissance mehr oder weniger
unbeschadet gebliebenen Menschen- und Weltbildes.
Aber nicht nur die
Religion und ihre Institutionen und religiösen Praktiken waren nach
Ansicht der Aufklärung zu kritisieren, sondern auch die Politik war in
den Augen der Aufklärer ein Bereich, indem Unvernunft, Unfreiheit und
Unmoral herrschte.
Die meisten Aufklärer
und Aufklärerinnen waren sich in diesen Weltvorstellungen einig, die
auch ihr gemeinsames Politikverständnis begründete: "Politik sollte
das Gemeinwohl, die res publica, auf der Grundlage der natürlichen
Ordnung aufbauen und somit die natürliche moralische Bestimmung des
Menschen verwirklichen." (Tricoire
2023, S.175 Kindle Edition)
Auch wenn auf dem
gemeinsamen ideellen Fundament sehr unterschiedliche politische
Programme entstanden, waren
politisch-gesellschaftliche Utopien
nicht das Geschäft der bedeutendsten Aufklärer.
Daher blieben auch ihre leitenden Kategorien wie ›Vernunft‹,
›Gefühl‹ oder ›Fortschritt‹ oft Worthülsen ohne konkreten Inhalt. (vgl.
Schmidt 2009,
S.398)
Insgesamt betrachtet
stehen die neuen politischen Visionen, die in der Aufklärungszeit
aufkommen, häufig in einer Kontinuitätsbeziehung zu älteren Ideen, auf
die sie Bezug nehmen und die sie innovativ weiterentwickelt haben. (vgl.
Tricoire 2023,
S.175 Kindle Edition.)
Im Allgemeinen "vertraten
Aufklärer anders als moderne Demokraten nicht die Idee, es gebe ein
politisches System, das für alle Staaten das beste sei." (ebd.,
S.175 Kindle Edition). Häufig gingen sie wie die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen
»Scholastiker
davon aus, dass sich eine ganze Reihe vom Herrschaftsformen legitim
waren, solange diese das »Naturrecht
nicht antastete. Ihre politischen Visionen knüpften sich im Allgemeinen
an Bestrebungen, wie die vorhandenen politischen und gesellschaftlichen
Strukturen reformiert werden konnten und damit Tugend und Allgemeinwohl
fördern konnten.
Allerdings gab es auch
»radikale
Aufklärer, die mit den scholastischen Traditionen brachen und
vertraten, dass sich nur ein bestimmtes politisches System mit dem »Naturrecht
vereinbaren lasse. (vgl.
ebd.)
Insgesamt betrachtet
stehen die neuen politischen Visionen, die in der Aufklärungszeit
aufkommen, häufig in einer Kontinuitätsbeziehung zu älteren Ideen, auf
die sie Bezug nehmen und die sie innovativ weiterentwickelt haben. (vgl.
ebd.)
Im Prozess der
frühneuzeitlichen Staatsbildung im Absolutismus, der nicht nur die
feudalen Zwischengewalten ausschaltete, sondern auch die
Sozialdisziplinierung seiner Untertanen auf vielfältige Weise in Angriff
nahm, wurde die Monarchie, "die seit Menschengedenken politischer
Normalzustand war" (Schneiders
1997/42008,S.8)
allerdings von der Aufklärung nur ausnahmsweise und erst spät in Frage
gestellt. Die größere
Anzahl der Aufklärer strebte mit dem Ziel der allgemeinen Weltverbesserung vor Augen
"eine Verbindung zwischen Aufklärung und Absolutismus in einem
aufgeklärten Reformabsolutismus" an. Der weitaus kleinere Teil
plädierte, allerdings meistens erst nach der Französischen Revolution,
"irgendeine Art von demokratischer Republik" an: "Die Sorge der
Aufklärer um Vernunft und Moral war offensichtlich größer als ihr
Interesse an einer Freiheit für alle." (Schneiders
1997/42008, S.8)