Die •
Methoden zur szenischen Erarbeitung und
Gestaltung von Dramentexten gehen zunächst einmal von der
grundlegenden der Annahme aus, dass die bloße Lektüre
eines Dramentexts unvollständig bleibt und das Verstehen und Interpretieren
eines solchen Textes von seinem
▪
Partiturcharakter
ausgehen muss. Dabei kann dieses Verhältnis zum dramatischen Text
dramendidaktisch
mit Methoden umgesetzt werden, die entweder ▪
produktions- und
▪ theater- bzw. spielorientierten Ansätzen sind oder eine
Mischung zwischen beiden darstellen.

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Viele Methoden beim szenischen
Interpretieren im •
Literaturunterricht werden, wenn sie nicht als
• produktorientierte Schreibaufgaben
in einem individuellen Schreibprozess
konzipiert sind, in Gruppen praktiziert.
Dann stellen sie ein kollektives Interpretationsverfahren
dar, bei dem sämtliche
Teilnehmer*innen einen wichtigen Beitrag zur Deutung des Stücks leisten.
Als "Lern- und Interpretationsverfahren" kommt dies "den spezifischen gestischen situations-,
gruppen- und körperbezogenen Denk-, Wahrnehmungs- und Kommunikationsweisen der
Jugendlichen" (Scheller
1999, S.320)
besonders entgegen. Dabei können sie nämlich "auf höchst genussvolle Weise Literaturerfahrungen"
machen, "in denen die sinnliche
Wahrnehmung und die Körpersprache eine zentrale Vermittlerrolle spielen." (Schau
1996, S.7
Die szenische Interpretation soll auch bei
▪ theater- bzw. spielorientierten Ansätzen
nicht auf die
Aufführung oder gar eine gelungene Inszenierung hinarbeiten.
Stattdessen soll sie den Teilnehmer*innen durch die Handlungen, die
sie vornehmen, und die Haltungen, die sie einnehmen, die Gelegenheit
geben, sich dabei auch eigene Einstellungen und Haltungen bewusst zu
machen können, die zu ihrer Interpretation des Textes bzw. einer
Figur beitragen. Denn, so
Scheller (1999, S.324), im "szenischen Spiel können die
TeilnehmerInnen bei der Gestaltung der vom Text vorgegebenen Rollen
und Szenen eigene Haltungen entdecken, ausagieren, untersuchen und
auch ein Stück weit verändern, ohne dass sie dafür direkt
verantwortlich gemacht werden können. In diesem text- und
handlungsorientierten Blick auf die szenische Darstellung
unterscheidet sich die Interpretationsweise von anderen
literaturdidaktischen Ansätzen." (Scheller
1999, S.324)
Ein
Allgemeiner Fragenkatalog zur
Einfühlung in eine Figur kann dabei eine wirksame Hilfe zur
Einfühlung sein.
Szenische Interpretation im Literaturunterricht muss nicht stets das
Gesamtkonzept im Auge haben
Wer szenisches Interpretieren "als eine
ganzheitliche oder integrierte Form der Literaturvermittlung" (Schau
1996, S.7) im Literaturunterricht einsetzen will, muss indessen
nicht unbedingt das Gesamtkonzept realisieren und damit anstreben,
• szenisches Interpretieren im Sinne des
Konzepts von Scheller mit seinen personalen und intrapersonalen
Wirkungsabsichten "zu einer vollen Entfaltung" zu bringen (ebd.). Man kann, und dies entspricht wohl auch am ehesten schulischer Realität,
auch "dieses oder jenes Element von ihm ausleihen" (ebd.)
und immer wieder entscheiden, wann und wie viel davon umgesetzt werden
soll. (ebd.,
S.25) Dabei ist, wie
Schau (1996,
S.25) weiter betont, das Missverständnis auszuräumen, wonach "in jedem
Fall bei der Literaturinszenierung alle nur denkbaren Tätigkeiten
gleichzeitig mit gleich starker Intensität am Prozess der Vermittlung
und Aneignung beteiligt" sein müssen. Dementsprechend sei es sinnvoll und
realistisch, sich bewusst ausgewählte Tätigkeitskomplexe vorzunehmen,
die je nach Situation und Fall, aber auch Erfahrung und Vermögen der
Lerngruppe, festgelegt werden.
Beim szenischen Interpretieren wird, soweit es nicht als reine
produkt- oder
prozessorientierte
▪
Schreibaufgabe gestaltet wird, also keine Inszenierung
angestrebt, die sämtliche Aspekte erfasst und szenisch umsetzt. Auch
bei szenischen Darstellungen im Rahmen eines •
theater- bzw. spielorientierten Ansatzes geht es in keiner Weise
darum, die
Teilnehmer/-innen zu
Schauspieler*innen zu machen, die wie bei einer Aufführung die Rolle
bekleiden. Stattdessen sollen sie auch beim szenischen Interpretieren
eines dramatischen Textes den Text nur "ein wenig in der Rolle derer
lesen, für die er zum Lesen eigentlich gedacht ist, der Schauspieler
eben, die ihn lesen, um ihn dann spielen zu können." (Waldmann
52008, S.118)
In gewisser Weise lässt sich also die
szenische Interpretation schon in einen Bezug zur Bühnenarbeit bringen,
wenn man sie damit vergleicht, "wie die Schauspieler
-
sich die Rollen erlesen, die sie spielen sollen, und sich in ihre
Rollen einfühlen: sich vorstellen, wer die Figur, die sie spielen
sollen, eigentlich ist, wie sie fühlt und denkt, wie sie aussieht, sich
bewegt, spricht usw.
-
sich in die Zeit und die Umgebung, in der ihre Figur lebt und
handelt, hineinversetzen;
-
mit den anderen Schauspielern (und dem Regisseur) zusammen in
Sprech-, Stell- und Spielproben erkunden und ausprobieren, wie ihre
Figuren sich zueinander verhalten, wie sie sich begegnen, miteinander
sprechen, mit- und gegeneinander agieren." (ebd.)
Eine zentrale Rolle
bei den meisten • Methoden zur
szenischen Erarbeitung und Gestaltung von Dramentexten kommt der
Einfühlung in eine bestimmte Figur zu, die ausgehend von der
Textvorlage Aspekte beleuchten und zur Sprache/Darstellung bringen
kann, die der Text nur andeutungsweise thematisiert oder aus
verschiedenen Gründen ausspart. Dies betrifft vor allem die
psychischen Dispositionen einer Figur, kann sich aber auch auf
Handlungselemente beziehen. Sich in eine Figur oder eine
Handlungssituation einzufühlen, bedeutet dabei nicht, seiner
Fantasie ungezügelt Lauf zu lassen. Bezugspunkt aller Einfühlung ist
der Ausgangstext, eine fiktionale Figur oder eine bestimmte
Situation, deren Aspekte tiefer, unter Berücksichtigung von Gefühlen
ausgelotet werden und vor diesem Hintergrund plausibel erscheinen
müssen.
Setzt eine
Schreibaufgabe vor allem auf die Einfühlung in eine Figur, wie dies
z. B. bei • der
Erarbeitung und Gestaltung von
Rollenbiografien der Fall ist, darf man aber nicht automatisch
davon ausgehen, dass Schülerinnen und Schüler, abgesehen von
Informationen die ein Text zu einer Figur liefert, auch das
entsprechende Weltwissen
besitzen, um sich in eine bestimmte Figur, ihre Bedürfnisse und
Antriebe, Haltungen und Einstellungen einzufühlen. Wie soll es unter
diesen Umständen z. B. einer Jugendlichen gelingen, sich in einen
"alten weißen Mann" einzufühlen, der wie der Dorfrichter
•
Adam in
•
Heinrich von Kleists (1777-1811)
• Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ skrupellos die junge
•
Eve zu sexuellen Handlungen nötigen will? Wohlgemerkt, mit
Einfühlen ist hier nicht gemeint, den Täter und seine Tat zu
verstehen, im Sinne von entschuldigen, sondern ein Verfahren, seine
Innenwelt nach außen zu kehren.
Zahlreiche der dazu
hier zusammengestellten Methoden basieren auch Ansätzen, die der russische Schauspieler
und Theaterregisseur »Konstantin
Sergejewitsch Stanislawski (1863–1938) in seiner
Schauspieltheorie bzw. »Schauspielkonzept
dargelegt hat.
Mit diesem soll sich u. a. das Verhältnis von Schauspieler, Rolle und Figur
so entwickeln, dass Darsteller und Figur weitgehend miteinander
verschmelzen. Dies soll mit dem Mittel der Einfühlung erreicht
werden.
Stanislawski geht von der Annahme aus, dass diese Einfühlung nur dann
gelingen kann, wenn der Darsteller bzw. die Darstellerin Gefühle der
Figur auf der Bühne tatsächlich erlebt. Erst diese
naturalistisch-individuell spezifische Verkörperung kann seiner
Auffassung nach die für das Theater und ihren mitfühlenden
Zuschauer nötige Wirklichkeitsillusion schaffen.
Das oft auch als
"Stanislawski-Methode" bezeichnete Konzept fußt auf den fünf
Säulen: Rollenarbeit, Situationsanalyse, Herstellung eines
persönlichen Bezugs, Annäherung "von außen" über körperliche
Handlungen und Abbau von der Einfühlung möglicherweise
entgegenstehenden Ängsten oder Blockaden.
Auch die ▪
Kommunikationspsychologie kann mit Modellen wie dem von der
▪
innere Pluralität des Menschen
bzw. dem
▪
"inneren Team", wie sie Friedemann Schulz von Thun
entwickelt hat, ▪ wertvolle
Anregungen für die szenische Erarbeitung literarischer Texte
liefern
Das "Spiel" mit den inneren Stimmen kann dabei als ein internes
▪
Rollengespräch aufgefasst werden, etwa im Sinne eines
•
Rollenmonologs.
Es lässt sich als
produkt- oder
prozessorientierte
▪
Schreibaufgabe im produktionsorientierten Unterricht ebenso
durchführen, wie in einem szenischen Spiel.
Beispiele für die
Gestaltung als Schreibaufgaben finden sich auf teachSam z. B. hier:
•
Maria Stuart und ihre "inneren Stimmen";
•
Elisabeth und ihre "inneren Stimmen";
•Die Konfiguration innerer Stimmen von Elisabeth
(•
Friedrich Schiller:
Maria Stuart:
III,4 - Begegnung der Königinnen); •
Eve und ihre inneren
Stimmen (•
Kleist, Der zerbrochne Krug, 7. Auftritt)
Im szenischen Spiel
bieten die inneren Stimmen durch ihre Aufteilung verschiedener Stimmen auf
unterschiedliche Mitspieler/-innen ausgezeichnete Möglichkeiten zur
weiteren Differenzierung einmal gewonnener Standpunkte in einer Art
▪
szenischer Improvisation. Dabei kann auch die räumliche Position der
inneren Stimmen dynamisch gestaltet werden.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
31.01.2026
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