Wer wie die Mitglieder der • wandernden
Schauspieltruppen im 18. Jahrhundert ohne
einer Stadt- oder Dorfgemeinde als Bürger anzugehören, von Stadt
zu Stadt zog, zählte nach zeitgenössischer Auffassung zum "fahrenden
Volk". Daher mussten die Wandertruppen mit einem
sozialen Vorurteil umgehen, das sie zu
einem "ehrlosen Volk" abwertete.
(vgl.
Fischer-Lichte 1993, S.107)
Vor allem der Klerus arbeitete
daran, dass die Komödianten Außenseiter blieben. Seine Prediger verdammten
von den Kanzeln der Kirchen das Theater schlechthin "als Blendwerk der
Hölle" und die Kirche
verweigerte den Komödianten häufig die Erteilung von Sakramenten.
(vgl.
Maurer-Schmoock 1982, S.107) Allerdings betraf diese Ausgrenzung nicht
nur die Theaterleute allein, sondern alle, die am unteren Ende der sozialen
Stufenleiter "ohne Standesehre“
lebten und oft •
gänzlich vom religiösen und geselligen öffentlichen Leben
ausgeschlossen wurden. (vgl.
Demel 2005,
S.120) Auch wenn dies in diesem Umfang für die Wandertruppen nicht der Fall
war, dürfte das oft Anstoß erregende Verhalten ihrer Mitglieder in der
Öffentlichkeit auch darauf zurückzuführen sein, dass der "wirksame Kitt" (
ebd,) verloren ging, der diese noch irgendwie an die Gesellschaft und
ihre Verhaltensnormen binden konnte. (vgl.
ebd., S.122)
Auch die Universitätsstädte machten immer
wieder Front gegen das Theater der Wandertruppen und versuchten sogar, ein
generelles Auftrittsverbot durchzusetzen. (vgl.
Maurer-Schmoock 1982., S.108f,) Selbst die •
Neuber'sche Truppe
der »Prinzipalin
»Caroline
Neuber (1697-1760) musste sich
1728 während eines Gastspiels
in »Wittenberg mit den
Befürchtungen der Universitätsleitung befassen, ihre
Studenten "könnten dem Zeit- und Geldverderb ausgesetzt werden und
unzüchtige Händel mit allerlei Weibspersonen beginnen." (Noe
2007, S.XIII)
Die meisten Schauspieler, die mit den Wanderbühnen durch die Lande zogen,
waren zudem auch in den Augen der Bürger verkrachte Existenzen. In gewisser Weise
traf dies auch zu, denn meistens waren es veramte Studenten oder Studenten, die ihr
Studium abgebrochen hatten, die für eine gewisse Zeit zumindest als
Schauspieler ihren Lebensunterhalt verdienten. (vgl.
Maurer-Schmoock 1982., S.106)
Die Bürgerinnen und Bürger des 18. Jahrhunderts sahen in einem Schauspieler,
wenn sie seinen Darbietungen auf der Bühne folgten, zwar einen beliebten und verherrlichten Abgott, im gesellschaftlichen
Leben blickten sie auf ihn als geächteten Komödianten herab. (vgl.
ebd., S.103) Schauspieler wurden "mit Marktschreiern,
Quacksalbern, Spielleuten, Bärenführern, Gauklern und Schlimmerem
gleichgesetzt und gleich behandelt." (ebd.,
S.104)
Das lag aber auch daran, dass tatsächliche
Marktschreier, Quacksalber und
fahrende Ärzte, die oft mit einer großen Truppe von Musikanten, Seiltänzern,
Marionetten- und Puppenspielern, Artisten (Springern), Heiducken
(romantisierte Wegelagerer wie etwa Piraten), kleinwüchsigen Menschen, die
man als "Zwerge" anpries, und schwarzhäutigen Menschen, die man "Mohren"
nannte, wie die Wandertruppen der Schauspielergesellschaften überall durchs
Land zogen.
Im Grunde war das Spektakel, das diese "Schausteller" veranstalteten, kaum etwas
anderes als eine werbewirksam inszenierte Verkaufveranstaltung, bei der die
"spektakulären und zukräftigen komödiantischen Aufführungen" vor allem dem
Zweck dienten, die " – meist reichlich dubiosen – Produkte werbewirksam an
den Mann [...] bringen" zu können. (ebd.,
S.105)
Das Bild, das sich das städtische Publikum von solchen "Schaustellern"
machte, konnten auch die ambitionierten Wandertruppen der Schauspieler wie
z. B. die der •
Prinzipale
• Carl
Andreas Paulsen (1620–1678) oder
Johannes
Velten (1634-1692) weder im •
Barock (1600-1720) abschütteln, noch eine Prinzipalin wie •
Caroline
Neuber (1697-1760), die wie kaum eine andere mit einer
literarisierten Bühne in dieser Zeit für eine Geschmacksveränderung des
Publikums kämpfte und dabei sogar •
ihre eigene soziale Existenz und die Zukunft ihrer Schauspieltruppe aufs
Spiel setzte.
Aller
Vorurteile, Hemmnisse und Widerstände zum Trotz konnten
die Wanderbühnen bis etwa 1780 herum "ihre Stücke vor Fürsten und Kleinadel,
Akademikern und Kaufleuten, Beamten und Handwerkern weitgehend
unbeanstandet, ja meist äußerst erfolgreich aufführen". (Fischer-Lichte 1993,
S.68) Erst die »Pietisten wandten sich um die Jahrhundertwende massiv
gegen ihr öffentliches Auftreten, weil sie von den negativen
Wirkungen ihrer Stücke zutiefst überzeugt waren. In gewisser Weise
zeigte sich darin aber "bereits ein von der bürgerlichen Elite
eingeleiteter Funktionswandel des Theaters" (ebd.,
S.69)
Da es in dieser Zeit aber in den
Städten so gut wie • keine festen Spielstätten gab und die zehn bis zwanzig
Mitglieder der Theatergruppen nirgendwo das Bürgerrecht besaßen
und erlangen konnten, blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als
sich auf die an ihren Auftrittsorten unterschiedlich
ausgeprägten Vorurteile und sonstige Bedingungen einzustellen und sich damit
abzufinden.
Dennoch träumten ihre
Mitglieder wohl nicht selten davon, als Bürger in einer Stadt
sesshaft werden und dort als Schauspieler arbeiten zu können.
Wo Prinzipale dies ernsthaft betrieben, gingen wesentliche
Impulse zum Abbau der sozialen Vorurteile von den Schauspielgruppen selbst
aus. So hat sich •
Conrad Ekhof (1720-1776) die Sesshaftwerdung in Gotha und seinen
Direktorenposten am dortigen Hoftheater •
durch sein eigenes Verhalten, das Vorurteile abbauen konnte, erarbeitet.
Mancherorts konnten
Prinzipale, wie man die Leiter der Wandtruppen bezeichnete, das
Bürgerrecht erwerben, wie z. B. »Konrad
Ernst Ackermann (1712–1771)
•
in Hamburg oder »Johann
Karl Eckenberg (1684-1748) •
in Berlin und auf eigene Kosten Komödienhäuser nach
höfischem Vorbild als Logen- und Rangtheater mit einer »Guckkastenbühne
als Spielstätten errichten. Anderswo wurden ihnen von der
jeweiligen Stadt geeignete Räumlichkeiten vermietet oder
verpachtet. (vgl.
ebd., S.109)
Aber insgesamt gesehen war der Weg dahin am Beginn des 18. Jahrhunderts noch lang und die Magistrate hatten noch
kein hinreichendes Interesse daran, mit einem Theater die
Attraktivität ihrer Städte nach innen und außen auf Dauer zu erhöhen.
So mussten die Wandertruppen eben nach
einem gewöhnlich nicht länger als vierzehn Tage dauernden
Gastspiel in einer Stadt (vgl. Noe
2007, S.XI) und möglichst schnell an
den nächsten Ort kommen, für den sie eine Auftrittsgenehmigung
erhalten hatten.
Und es war keineswegs so, dass alle Städte die
Wandertruppen mit offenen Armen empfingen. Auftrittsverbote aus
verschiedenen Gründen waren also nicht selten. Wenn sie es
gut trafen, wurden sie im Winter von Mäzenen wie etwa Fürsten oder
Stadtverwaltungen auch für längere Zeit engagiert und spielten dann,
was gewünscht wurde, an den dafür vorgesehenen Orten. (vgl.
ebd.)
Hatten sie die
Auftrittsgenehmigung, mitunter auch durch ein •
landesherrliches
Privileg zuerkannt, unterstanden sie während ihres Aufenthalts
in den Städten der weiteren Aufsicht durch die Behörden. Auch
bei der Auswahl ihrer Stücke waren die Wandertruppen keineswegs
frei.
Die städtischen Behörden machten sich durch verlässliche
Kontaktpersonen meist schon vorher ein Bild von der Truppe und
ihrem Repertoire. Häufig verlangten sie auch geschlossene
Probevorstellungen, um über die moralische Qualität der Stücke
urteilen zu können. Gab es Beanstandungen dann sprachen sie
regelmäßig Verbote für bestimmte Stücke aus oder verlangten,
dass bestimmte Textpassagen gestrichen wurden.
Auch bei den
Einnahmen der Wandertruppen hielten die Städte mit
städtischen Steuern, die schon mal 25 Prozent der Einnahmen
ausmachen konnten, •
seit dem 17. Jahrhundert die Hand auf. Mitunter schrieben sie den Wandertruppen
sogar
vor, •
wo sie ihre Einnahmen wieder auszugeben hatten, um die
Geldflüsse, die durch die Wandertruppen ausgelöst wurden, unter
Kontrolle zu halten. (vgl. Noe
2007, S.XI)
Trotzdem
verdienten Wanderbühnen bei ihren meist gut besuchten
Aufführungen in den Städten, die von den Magistraten oft nur erlaubt
wurden, wenn eine ökonomischen Interessen dienende »Messe
in der Stadt stattfand (vgl.
Fischer-Lichte 1993, S.66), im Allgemeinen so viel, dass
die Wandertruppe ein Auskommen fand, weiterreisen und die Kosten für benötigte Requisiten,
Kostüme u. ä. davon bestreiten konnte. Allerdings deckten die
Einnahmen die Ausgaben für den Transport, die Anschaffung
von Dekorationen und Kostümen und die vergleichsweise geringen
Gehälter der Schauspieler nicht immer. (vgl.
Maurer-Schmoock 1982., S.118)
Dass dabei in einer überwiegend von •
Kleinstädten geprägten Städtelandschaft der Konkurrenzkampf um begehrte
Auftrittsorte in publikumsträchtigen Residenz- und größeren Städten ein
wichtiger Faktor war, der auch das Verhältnis der Wandertruppen untereinander
beeinflusste, wird auch daran ersichtlich, dass die Prinzipale loyale
Mitglieder der eigenen Truppe immer wieder auf die Reise schickten, um
ausgemachte Publikumslieblinge, die bei anderen Truppen arbeiteten,
abzuwerben. (vgl.
ebd., S.112)
Gert Egle. zuletzt bearbeitet am:
01.09.2025