•
Wanderbühnen
im Barock (1600-1720)
•
Überblick
• Robert Browne und die englischen Komödianten
• Johannes Velten
und die deutschen Wandertruppen
•
Die Narrenfigur des
Pickelhäring
Mitte des 18.
Jahrhunderts begannen in der Zeit der der ▪
Literaturepoche der
▪
Aufklärung
(1720-1785) einige besonders bekannte und renommierte
• Wandertheatergruppen das bis dahin übliche Improvisationsspiel
einzuschränken. Sie spielten immer häufiger ganze Stücke und
hielten sich bei ihren Aufführungen an die Vorlage der meist
französischen Dramentexte und begannen diese mittels des
französisch-pathetischen Theaterstils auf die Bühne zu bringen.
Dabei
orientierten sie sich an der Rezeption des »französischen Klassizismus
und seiner •
Regeln durch »Johann
Christoph Gottsched (1700-1766) (s. •
Gottsched: Von Comödien oder Lustspielen, 1730, Auszüge)
der mit seiner moraldidaktischen Ausrichtung des Theaters die
deutsche Bühne von der als "primitiv" empfundenen Wandertruppe
und der »Stegreifkomödie
(»Hanswurst-Figuren)
befreien wollte. Im Grunde zielte dies zunächst einmal auf eine
grundlegende Geschmacksveränderung
des Publikums, das noch immer am liebsten dahinging, wo ihm die
gewohnte derb-komische Unterhaltung geboten wurde.
Während
allerdings in Franreich in dieser Zeit schon die "Kritik an den
Klassizismus-Heroen
Corneille
[1606-1684] und
Racine [1639-1699]"
laut wurde, die den "exaltiert-pathetischen" "Kothurnstil
auf der Bühne" (Maurer-Schmoock
1982, S.150) mit seinem hochtrabendes, schwülstiges Sprechen
anprangerte und mehr Natürlichkeit und Angemessenheit
einforderte, hielten Gottsched und die progressiven deutschen
Wandertruppen am "nachgeahmten, outrierten, abgezirkelt-starren
Spielstil, französischer Hofmanier" fest.
Sie
präsentierten ihre Stücke in den von den französischen Vorbilden
bevorzugten, schwerfälligen und monotonen,
Alexandrinerversen mit ihrer regelmäßigen Betonung. In ihren
Aufführungen dominierte das Wort und die künstlerische
Präsentation der dieser Worte als »Deklamation.
Das anfangs
durchaus vorhandene Interesse des Publikums an den neuartigen
Stücken flaute allerdings bald wieder ab. Es kehrte zu seinen alten Theatervorlieben von
Possen, Harlekiniaden, Singspielen und Opern etc. zurück und
wandte der von der Bühne verordneten Geschmacksveränderung den
Rücken zu. (vgl.
Fischer-Lichte 1993,
S.100).
Die Gründe dafür
sind sicher vielfältiger Natur. Einer der Gründe dürfte aber
sein, dass die altbekannten Narren sich mit ihrer exzessiven
Freizügigkeit zumindest am Rand der
• Scham- und Peinlichkeitsschwellen der Zeit bewegten, die mehr und mehr
körperliche Vorgänge verbargen (Bologne
2001, S.12) Der Bürger allerdings, für den Gottsched die
französischen Vorlagen übersetzte und selbst als Autor tätig
war, und das Theater der Neuberin zielten auf das Idealbild
eines Bürgers, der "gegen die unvernünftigen Verlockungen eines
ungezügelten Leibes- und Liebesgenusses gefeit" (Fischer-Lichte 1993,
S.92) war, ganz so wie ihn auch die •
Christliche Sexualmoral,
das Sexualstrafrecht und die Policey-Ordnungen in der frühen Neuzeit
herauszubilden suchten.
In dem in gewisser
Hinsicht in allen Epochen der Geschichte vorhandenen "Gleichgewicht
zwischen exzessiver Freizügigkeit und exzessiver Prüderie" (ebd., S.2)
scheinen die teils obszönen Darbietungen der Harlekin- und
Hanswurst-Figuren den Zuschauerinnen und Zuschauern aller
Stände, mit Ausnahme des Klerus, der sie naturgemäß verurteilte, in
einer sich mehr und mehr repressiv entwickelnden Sexualität
aber einfach besonderes Vergnügen und ein soziales Ventil zur Entlastung geboten
haben. Insofern holte, wie auch Erika
Fischer-Lichte
(1993, S.78) betont, die Wanderbühne "das Ausgegrenzte in den
Rahmen der Gesellschaft zurück", indem sie eine "Entlastungsfunktion
für diejenigen Zuschauer (übernahm), die sich dem Druck des
Zivilisationsprozesses, den Anforderungen der neuen Verhaltensideale
noch nicht gewachsen fühlten." Insofern schufen sie auch ein Ventil
gegen die ▪
soziale Disziplinierung der frühneuzeitlichen
Gesellschaft.
Auch das wie
schon eh und je französisch orientierte adelige Publikum fand
nach anfänglichem Interesse keinen Spaß mehr an den Stücken, die
das Gottsched-Neubersche Reformbündnis mit seiner durchaus "als
Akt kultureller Disziplinierung deutbaren Gottsched'schen
Bühnenreform" (Alt
2007, S.245) ihnen mit erhobenem moralischen Zeigefinger
präsentierte. Man hatte genug von den wortgewaltig eintönigen
Deklamationen, zumal man seine Rezeptionsgewohnheiten vor allem
an den mit Schau-Effekten überladenen Opern ausgebildet hatte. (Maurer-Schmoock
1982, S.121) Wo immer das Publikum eine Wahl hatte, wie z.
B., in Berlin, ging es lieber zu "Hans Wurstens lächerlicher
Verwandlung" der Truppe von »Franz
Schuch (1716-1763) statt in »Racines
(1639-1699) ›Iphigénie‹,
das die •
Ackermannsche Truppe im Programm hatte. (ebd.)
Auch »Friederike
Caroline
Neuber (1697-1760) musste dies bei ihrem letzten
Gastspiels in Hamburg im Winter 1739/40 Hamburg 1739/40
erfahren. Während die Ränge
während ihrer Theateraufführung nahezu leer blieben, wollte sich
das Publikuml ieber in der Oper mit
Singspielen und Ballett unterhalten lassen oder strömte sogar "in
die Bude des »starken Mannes«" (Fischer-Lichte 1993., S.100),
wo der Kraftakrobat und Theaterprinzipal »Johann Karl Eckenberg (1684-1748), dem wohl "letzten
Repräsentanten der Haupt- und Staatsaktion, sowie der niedrigen
Possenreißerei" (Schneider
1850), seine andernorts wegen ihrer "Thorheit und
Niederträchtigkeit" und der Fülle von Zoten (vgl. Haude-
und Spener’sche Zeitung aus dem Jahr 1742, zit. n.
Wikipedia) längst schon in Kritik geratenen Vorstellungen
präsentierte. Seine "lustige(n) und gruselige(n) Stegreifspiele
wie Die artige Grundsuppe der Welt oder Doktor Faustus
Höllenfahrt" und dazu noch weitere "verblüffende Jongleur-
und Eskamoteur-Kunststücke" (Fischer-Lichte 1993, S.100)
waren eben mancherorts mehr gefragt als das französische
Theater der Neuberschen Truppe.
Ungeachtet der
Tatsache, dass
»Friederike
Caroline
Neuber (1697-1760) letzten Endes keinen Erfolg damit hatte,
eine umfassende Geschmacksveränderung beim breiten Publikum zu
bewirken, hat sie doch großen Anteil an der weiteren Entwicklung
des literarischen Theaters im deutschsprachigen Raum gehabt.
Als Prinzipalin
der • 1737 mit ihrem
Mann in
•
Leipzig
gegründeten Neuber'schen Komödianten und eine der
besten und bekanntesten Schauspielerinnen ihrer Zeit hatte sie,
noch ehe sie Übersetzungen französischer Stücke besaß, wie •
einige andere Theatergruppen der Zeit schon frühzeitig damit
begonnen, das reine Improvisationsspiel einzuschränken, sich
strenger an zumeist französische Dramentexte zu halten und diese
mittels des französisch-pathetischen Theaterstils darstellerisch
umzusetzen.
Außerdem bemühte sich Friederike Caroline Neuber, mit ihren
Mitteln Voraussetzungen für ein neuartiges,
zeitgemäßes und niveauvolles Theater zu
schaffen, indem sie u. a. die Professionalisierung der
Schauspielkunst ihrer Truppe vorantrieb und herausragende Schauspieler
verpflichtete. Zugleich setzte
sie alles daran, ihre Schauspieler auch außerhalb
des Theaters zu einem anständigen und moralisch
unanstößigen Verhalten anzuhalten, um das
Negativ-Image der Schauspieler als • "fahrendes Volk", auf das die meisten
herabsahen, zu verbessern. Ihre Theatergesellschaft
spielte nach den •
Regeln, die
Gottsched für Tragödien und •
Komödien (1730),
orientiert an den französischen Vorbildern,
aufgestellt hatte, um dem "Pöbeltheater" den Kampf
anzusagen.
Das •
Reformbündnis
der Neuberin mit dem Leipziger Professor Gottsched,
das die beiden 1737 schlossen, hatte zum Ziel, das deutsche Theater nach dem Muster der »französischen
Klassizisten »Pierre
Corneille (1606-1684), »Jean Racine (1639-1699)
und »Molieres
(1622-1673) umzubauen.
Dazu sollten die »Stegreifkomödie,
die derb-komischen Possenreißerei der "Comedians"
der Zeit, der »Harlekins,
»Hanswursts
und •
Pickelhärings etc., die allesamt Symbolfiguren
für oberflächliche und auf bloße Showeffekte
ausgerichtete Rivalitäten in einem dominant •
nonverbalen, körperbetonten Spiel
waren, von der Bühne vertrieben werden (vgl. Brauneck
2012, S.199). Statt dessen sollte ein davon
"gereinigtes" Theater die Bühne
beherrschen, das der
Unterhaltung und moralischen Besserung des Publikums
gleichermaßen dienen konnte.
Angesichts der
Tatsache, dass das Publikum die »Hanswurstiaden der anderen
Wandertheater eigentlich mit großem Genuss sah, war der
Weg, den
Friederike Caroline Neuber mit ihrem Ziel ging, den Geschmack
des Publikums grundlegend zu verändern, nicht ohne Risiko.
Sie hatte schließlich als Prinzipalin
auch dafür zu sorgen, dass ihre Theaterkompanie finanziell
versorgt war. Dass sie diese Risiken einging, und dabei die
ersten Schritte "in die Richtung einer disziplinierten
Schauspielkunst, weg von einem den Stars in den Truppen
überlassenen Improvisationstheater" (Brauneck
2012, S.199) ging, macht sie im Nachhinein zur wichtigsten
Theaterreformerin ihrer Zeit.
Die Absichten
der "Neuberin" schlugen sich auch in ihrer Repertoireliste nieder.
Dabei sollten vor allem französische Tragödien wie
Cinna ou la clémence d´Auguste (tragédie)‹ (1641) und ›Le
Cid (tragi-comédie‹, später in tragédie umbenannt,
(1636/1637) von
Pierre
Corneille (1606-1684) oder
Jean Racines (1639-1699) wie ›Iphigénie‹
(1674) gespielt werden. Und natürlich war auch »Johann
Christoph Gottscheds (1700-1766) »"Sterbender Cato"
(1732) als Prototyp eines regelkonformen deutschen Trauerspiels
in Neubers Repertoireliste. (vgl.
ebd., S.127) Mit der Uraufführung des Stückes •
1731 in
•
Leipzig
feierten die Neuber'schen Hofkomödianten einen
großen Erfolg.
Dieses Repertoire wurde aller Rückschläge zum
Trotz von einem der Nachfolger Neubers »Johann Friedrich Schönemann (1704-1782),
ehemals selbst Schauspieler in der Neuberschen Truppe
aufgegriffen und mit Gottsched abgestimmt (vgl.
ebd.), als er, nun Leiter einer eigenen Theatergesellschaft,
1745 das Generalprivileg erhielt, in allen schlesischen und
preußischen Städten "regelmäßige" Dramen aufzuführen. (vgl.
Fischer-Lichte 1993,
S.91).
Da es in dieser Zeit noch kaum Übersetzungen der zum
Vorbild des künftigen Regeldramas herangezogenen
Franzosen gab, hing der Erfolg der Neuberin und
ihrer Truppe auch davon ab, ob »Johann
Christoph Gottsched (1700-1766) und auch seine Frau •
Luise
Adelgunde Victorie (1713-1762) die Zusagen einhielten, der Prinzipalin
eine ausreichende Zahl von Übersetzungen und einiger
deutschsprachiger Musterdramen zu liefern, die dem
Publikum präsentiert werden konnten. Nur dann
nämlich bestand Aussicht, den »Hanswurst
– die Symbolfigur für alle oberflächlichen Rivalitäten" (Brauneck
2012, S.199) von der Bühne zu vertreiben und der neuen
moraldidaktischen Ausrichtung des Theaters den Weg
zu bahnen.
Die Vertreibung des Hanswurst von der deutschen
Bühne, die die Neuber'schen Komödianten •
1737 bei
einem ihrer Auftritte nach ihrer •
Verdrängung vom Theaterschauplatz Leipzig drei Jahre
zuvor, in der Stadt inszenieren, rechnet zwar
noch einmal mit »Joseph
Ferdinand Müller (1700-1761) ab, der sie mit
seinen Intrigen um den Theaterschauplatz Nr. 1 im
deutschsprachigen Raum ausgebootet hatte, das Rad
zurückdrehen kann sie damit aber nicht. Auch sie
weiß, dass ihre Truppe ohne Zugeständnisse an den
Publikumsgeschmack keine Zukunft hat. Und so tut
sie, was auch »Moliere
(1622-1673) in Frankreich machte, aber auch •
Luise
Adelgunde Victorie Gottscheid (1713-1762) in Deutschland
in ihren Lustspielen
tat (vgl.
Alt 2007, S.187): Sie schmuggelte die alten
Typenfiguren (•
Lustige Personen) quasi in ihre Stücke versteckt
ein, oder gewährte ihnen, allerdings "von
allzu derben Wortspielen gereinigt" (ebd.)
in Nachspielen der von ihr aufgeführten Lustspiele
den Mindestspielraum, den die Zuschauer erwarteten.
(vgl. Maurer-Schmoock
1982, S.121)
Dem
kam auch die Gesamtdramaturgie eines Theaterabends entgegen, an
dem nach dem Geschmack des zahlenden Publikums "Dichtung,
Gesang und Tanz, Pantomime und Posse gleichermaßen vertreten"
sein mussten. (ebd.,
S.133) Zunächst gab es ein Vorspiel oder einen Prolog, dann
folgte das Hauptstück und zum Abschluss erwartete das Publikum
ein heiteres Nachspiel. Inwieweit die Neuberin der mehr oder
weniger ungeschriebenen Maxime folgte: "Je tragischer das
Hauptstück, desto harlekinesker der Abgesang." (ebd.)
kann an dieser Stelle nicht geklärt werden.
Dem Publikum
war
es jedenfalls einerlei, ob die Schauspieler der Neuberschen Truppe ein
größeres Können besaßen als die anderen. Ihre auf Typisierung
und Repräsentation hin ausgelegte französische Darstellungsweise
mit ihren höfischen Kostümen und Gebärden wurde jedenfalls vom
weniger gebildeten deutschen Publikum nicht verstanden und blieb
deswegen auch im Hinblick auf die intendierte
Geschmacksveränderung beim breiten Publikum weitgehend
folgenlos.
Da half auch kaum nicht wirklich weiter, dass die Neuberin
verschiedene Strategien entwickelte, um das Publikum auf diesem
Weg mitzunehmen. Da sie sich der möglichen Widerstände gegen
ihre "gereinigte" Bühne bewusst war, nutzte sie die auch sonst
übliche Gewohnheit, Prologe dem eigentlichen Hauptstück
voranzustellen, um den Zuschauern eine geeignete Einführung in
das Stück und die Besonderheiten seiner Darstellung zu
vermitteln. Eben so ließ sie immer wieder Broschüren drucken und
verteilen, die neben Informationen zum Stück auch auf die
Notwendigkeit "einer gereinigten, nach den Regeln der Vernunft
eingerichteten Schaubühne" (Fischer-Lichte 1993,
S.99) hinwiesen. Und selbstverständlich dienten auch ihre
Theaterzettel, die gewöhnlich im Anschluss an eine
Abendvorstellung ausgegeben wurden, um das nächstfolgende Stück
anzukündigen, weniger der reißerischen Reklame, sondern waren
eher dazu da, seriöse Informationen über den nächsten
Theaterabend zu vermitteln. (vgl. Maurer-Schmoock
1982, S.137)
Was die Zuschauer*innen von dem Auftritt der Schauspielgruppen
in der Stadt erwarteten, war und bliebt vor allem Unterhaltung und hier
waren Possen aller Art, derbe Späße und obszöne Gesten,
überhaupt das •
nonverbale, körperbetonte Spiel
wohl immer noch so gefragt wie eh und je.
Das literarische Schauspiel
blieb gegenüber den anspruchslosen Unterhaltungen eigentlich stets im
Hintertreffen, "alles in allem ein desolater und deprimierender
Zustand: für Harlekiniaden war kein Eintrittspreis zu hoch, auch
französische Komödianten sowie italienische Sänger und Tänzer
fanden Resonanz" (ebd.),
während ernsthafte Schauspielarbeit oft vor leeren Stuhlreihen
präsentiert wurde. Da war es schon eine Ausnahme, wenn die
Truppe von »Konrad
Ernst Ackermann (1712-1771), der sich ebenfalls •
um ein zeitgemäßes, niveauvolles Theater bemühte, mit seinen
Vorstellungen »rührender
Lustspiele von »Christian
Fürchtegott Gellert (1715-1769) wie »Die
Betschwester (1745), von »William
Shakespeares (1564-1616) Komödie »Der
Kaufmann von Venedig (1596/98) und dem »bürgerlichen
Trauerspiel »Miß
Sara Sampson (1755) von »Gotthold
Ephraim Lessing (1729-1781) auf der Frankfurter
Frühjahrsmesse 1757 neben den Stegreiftruppen von »Joseph
Ferdinand Müller (1700-1761), »Gerwaldi
Wallerottys (um 1700-1781) mit ihren Mudartpossen und der
Truppe um den Harlekin »Franz
Schuch, dem Älteren (1716-1763) nicht gänzlich unterging,
sondern ihr, allerdings an Zahl beträchtlich geringeres Publikum
fanden. (vgl.
Fischer-Lichte 1993,
S.101)
So scheiterten denn auch alle Bestrebungen
die Hanswurstiaden und »Haupt-
und Staatsaktionen, die noch in der Tradition der •
Pickelhäring-Stücke
der englischen Komödianten des 17. Jahrhunderts standen,
zurückzudrängen, am zahlenden Publikum, von dessen
Zuspruch die Wanderbühnen schließlich abhingen. "Volles
Haus nur bei Hanswurst!" (ebd.,
S.120 ) war die Botschaft, die die
Prinzipale der Wandertruppen, die über die das Stückrepertoire
entschieden, nicht überhören durften.
Gottscheds Kampf gegen "›lauter schwülstige und mit
Harlekins=Lustbarkeiten untermengte Haupt= und Staats = Actionen‹,
lauter unnatürliche Romanstreiche und Liebesverwirrungen, lauter
pöbelhafte Fratzen und Zoten" (zit. n.
Stephan
1992, S.133) hatte im Zusammenwirken mit »Friederike
Caroline
Neuber (1697-1760), auf • nord- und mitteldeutschen Bühnen durchaus
Erfolg. Im Süden hingegen hielten sich die
•
Lustige Figuren weiter.
Und auch sonstwo tauchten Stücke mit lustigen Figuren immer wieder
im Spielplan auf, weil sie
eben beim Publikum besonders gut ankamen.
Dennoch war das Verdikt, das Gottsched über die lustigen Figuren
verhängte, folgenreich. Selbst »Gotthold
Ephraim Lessing (1729-1781), der in seiner »Hamburgischen
Dramaturgie (1767-1769) komischen Figuren im Drama wieder
Bedeutung verlieh, konnte die von Gottsched bewirkte Verbannung der
lustigen Figur von der Bühne eines literarischen Theaters nicht mehr umkehren. Heute lebt sie,
abgesehen von Dialektstücken als Clownfigur im Zirkus weiter, und hat
auch in der Figur des Schwejk eine funktional umgewandelte
Fortsetzung gefunden. (vgl.
Poloni 2007,
S.601ff.)
Dennoch:
Von einer Geschmacksveränderung des Publikums, wie sie Gottsched und
Neuber anstrebten, konnte jedenfalls noch viele Jahre nicht die Rede
sein. (vgl.
Fischer-Lichte 1993,
S.101).
Am Ende
scheiterte die Neuberin mit ihrem anspruchsvollen Programm an
dem mangelnden Interesse des breiten bürgerlichen Publikums an
einem literarisch anspruchsvollen Theater, das im Rahmen des
gesellschaftlichen und ökonomischen Wandels, der die Freizeit
der bürgerlichen Bevölkerung durch eine wachsende
Arbeitsbelastung erheblich verkürzte, eben stärker zu leichter
Unterhaltung als anspruchsvollem Theater tendierte. (vgl.
ebd., S.102)
Auch wenn die
Orientierung insbesondere am klassizistischen französischen
Drama zu einer spürbaren Verbesserung des Niveaus der fortan
produzierten Komödien führte, fühlten sich schon bald etliche
namhafte Dichter, darunter vor allem »Gotthold
Ephraim Lessing (1729-1781), von der "starre(n)
Regeldogmatik Gottscheds und seiner Freunde" (Stephan
1992, S.135) in ihrer Gestaltungsfreiheit eingeengt, so dass
die vom Ehepaar Gottsched und der Neuberin geprägte aufklärerische Komödie in
Deutschland vergleichsweise schnell ihren herausragenden Platz
verlor. Eine wirkliche "Sittenschule für den Bürger" (vgl.
Fischer-Lichte 1993,
S.84) wurde sie jedenfalls nicht.