•
Wanderbühnen
im Barock (1600-1720)
•
Überblick
• Robert Browne und die englischen Komödianten
• Johannes Velten
und die deutschen Wandertruppen
•
Die Narrenfigur des
Pickelhäring
Die •
Wanderbühnen, deren "Wandertruppen"
schon im •
Barock (1600-1720) aus Italien,
• England, Frankreich und den
Niederlanden kommend überall in Europa unterwegs waren, gehörten
auch in der ▪
Literaturepoche der
▪
Aufklärung
(1720-1785) zu dem Erscheinungsbild der
Theaterlandschaft im deutschsprachigen und europäischen Raum.
Nachdem in dieser Zeit auch ▪
erste deutsche
Wandertruppen entstanden waren, die dem Beispiel der
ausländischen folgten, wurden im 18. Jahrhundert immer mehr
»deutsche Wanderbühnen gegründet, die sich im
deutschsprachigen Raum Konkurrenz machten.
Anders als das •
höfische Festspiel
im •
Barock (1600-1720)
das •
Jesuitentheater und das •
protestantische Schultheater verfolgten die
Wanderbühnen als
kommerzielle Unternehmen keine dezidierten politisch-ideologischen Ziele.
Sie befriedigten aber mit
ihren Darbietungen, die sie bei Hofe und in der Stadt als Ware
anboten, offenbar über viele Jahrzehnte vorhandene Bedürfnisse
ihres Publikums. (vgl.
Fischer-Lichte 1993, S.61)
Dabei mussten
die Wandertruppen im Allgemeinen ein Laufpublikum für ihre
Darbietungen interessieren. Jeder, der vorbeikam, sollte stehen
bleiben , den Darbietungen zusehen können und dafür bezahlen. Da
die Menschen, die unterwegs waren, aber oft ihren alltäglichen
Verrichtungen und Pflichten folgten, mussten die Darbietungen
"ihre Zuschauer unmittelbar aus der Geschäftigkeit des Alltags
heraus [...] rekrutieren", was sich auch auf die Darstellung
auswirkte: "In einem Zug mussten die Spieler beides leisten: die
Präsentation eines Geschehens und die Formation eines Publikums,
das heißt, die
Herstellung von Aufmerksamkeit in jedem Akt." (Rothe
2005, S.124)
Wer
wie die Schauspieler der Wandertruppen, ohne
einer Stadt- oder Dorfgemeinde als Bürger anzugehören, von Stadt
zu Stadt zog, zählte nach zeitgenössischer Auffassung zum "fahrenden
Volk" und so mussten auch die Wandertruppen mit dem sozialen Vorurteil umgehen, das sie zu
einem "ehrlosen Volk" abwertete.
(vgl.
Fischer-Lichte 1993, S.107) Der •
soziale Status der Schauspieler war
daher lange Zeit stets die eines Außenseiters und auch die Wanderbühnen
trafen immer wieder auf Schwierigkeiten, wenn sie um eine
Auftrittsgenehmigung in den Städten nachsuchten.
Neben den professionellen Schauspielgruppen waren aber auch eine Reihe
anderer herumziehender Gruppen unterwegs, die unterschiedliche Interessen
hatten und unterschiedliche Bedürfnisse ihres Publikums befriedigten.
Darunter befanden sich •
Marktschreier, Quacksalber und fahrende Wunderheiler und Ärzte, die wie die Wandertruppen der Schauspielergesellschaften
von Stadt zu Stadt zogen und dabei allerlei "Wundermittel" zum Verkauf
anboten.
Was die Zuschauer*innen von dem Auftritt der Schauspielgruppen in der Stadt
erwarteten, war vor allem Unterhaltung und hier waren Possen aller Art, derbe
Späße und obszöne Gesten, überhaupt das •
nonverbale, körperbetonte Spiel
wohl immer noch so gefragt wie eh und je. Und alle Bestrebungen die
Hanswurstiaden und »Haupt-
und Staatsaktionen, die noch in der Tradition der •
Pickelhäring-Stücke
der englischen Komödianten des 17. Jahrhunderts standen, zurückzudrängen,
scheiterten am zahlenden Publikum, von dessen Zuspruch die Wanderbühnen
schließlich abhingen. "Volles Haus nur bei Handwurst!" war die Botschaft,
die auch die Prinzipale der Wandertruppen, die über die das Stückrepertoire
entschieden, nicht überhören durften. Auch Prinzipale, die eigentlich das
Niveau ihrer Aufführungen heben wollten, konnten daher oft gar nicht anders
als die »Hanswurstfigur
in ihre Stücke irgendwie einzuschmuggeln, ob "ganz offen in den Nachspielen,
die zu Harlekins ureigener Domäne wurden oder unter anderem Namen in den
Lustspielen." (Maurer-Schmoock 1982, S.121)
Wer etwas anderes aufführte als das, was das Publikum erwartete, konnte sich
fast sicher sein, dass das Publikum mit den Füßen abstimmte. Das
literarische Schauspiel blieb gegenüber den anspruchslosen Unterhaltungen
stets im Hintertreffen, "alles in allem ein desolater und deprimierender
Zustand: für Harlekiniaden war kein Eintrittspreis zu hoch, auch
französische Komödianten sowie italienische Sänger und Tänzer fanden
Resonanz" (ebd.),
während ernsthafte Schauspielarbeit oft vor leeren Stuhlreihen präsentiert
wurde.
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Der Leipziger
Professor »Johann
Christoph Gottsched (1700-1766),
empfand wie manch anderer Intellektueller der Zeit nicht die geringste Sympathie für das platte
Komödienspektakel, das die
Wanderbühnen ihrem Publikum darboten. Er wertete ihre
Vorstellungen als ›lauter schwülstige und mit
Harlekins=Lustbarkeiten untermengte Haupt= und Staats = Actionen‹,
lauter unnatürliche Romanstreiche und Liebesverwirrungen, lauter
pöbelhafte Fratzen und Zoten" (zit. n.
Stephan
1992, S.133) ab.
Vor allem die so
genannten »Haupt-
und Staatsaktionen, waren ihm dabei ein Dorn im Auge. In
ihrer Mischung aus dramatischen Vorlagen
und Stegreiftheater, bei dem bei die Schauspieler "aus dem
»Stegreif" wie schon bei der •
Commedia
dell’arte (Improvisationskomödie) spielten, zielten solche Inszenierungen mehr auf möglichst spektakuläre Effekte,
zeigten möglichst pompöse Szenen (z. B. Krönungsszenen und
Festgelage), bei denen die Schauspieler prachtvolle
Kostüme trugen und kümmerten sich recht wenig um die
dichterische Vorlage, die sie eigentlich nur als Sprungbrett für
ihre Improvisationen nutzen. Effekt und Wirkung war alles, das
künstlerische Niveau dagegen galt nichts.
Mit einer
tiefgreifenden •Theater-
und Literaturreform leitete »Johann
Christoph Gottsched (1700-1766) eine beispiellose Wende in der deutschen Theatergeschichte ein,
die dem "Pöbeltheater" (zit. n.
Stephan
1992, S.133) ein für alle Mal ein Ende setzen sollte.
Sie basierte auf der Vorstellung, dass das Theater eine
Institution werden sollte, "von der aus »moralische Lehrsätze
... seinen Zuschauern auf sinnliche Art eingeprägt« werden
sollten." (Brauneck
2012, S.199)
Im Kern ging es
Gottsched dabei um die •
Etablierung
bestimmter Regeln für die Dramen, die diesen Zielen dienen
konnten und sollten. Sein literaturtheoretisches und •
literaturdidaktisches Programm wird dabei häufig als • Literarisierung des Theaters
bezeichnet.
Zwei Frauen
standen dem Professor an der »Universität
Leipzig, der aus der von ihm geleiteten »Deutschen
Gesellschaft, einer »Sprachgesellschaft,
ein ideales Forum für seine Reformbemühungen der Sprache und
Literatur gemacht hatte, zur Seite, die zu ihm und
seinen Reformbestrebungen auch dann noch hielten, wenn ihm wegen
seines Regeldogmatismus kräftiger Gegenwind entgegenblies.
Seine Frau »Luise
Adelgunde Victorie Gottsched (1713-1762) geb. Kulmus, oft
einfach nur "Gottschedin" genannt, verfasste einige der neuen
• regelkonformen Komödien.
Sie gehörte zu den bekanntesten schreibenden Frauen im 18.
Jahrhundert und kann mit Fug und Recht zu den •
Aufklärerinnen im 18. Jahrhundert Zeit gezählt werden. Mit
solchen Lustspielen sollte nach dem Willen ihres Mannes "das
Stegreifspiel, alles Possenhafte und Burleske wie auch alle
spektakulären Effekte der Bühnenmaschinerie [...]
zurückgedrängt, vor allem der »Hanswurst
– die Symbolfigur für alle oberflächlichen Rivalitäten – sollte
von der Bühne vertrieben werden." (Brauneck
2012,
Auch
•
Caroline Neuber (1697-1760),
ebenso wie Frau Gottsched eine •
Aufklärerin der Zeit, stellte sich an die Seite »Johann
Christoph Gottscheds.
Sie kam aus der Theaterpraxis und war »Prinzipalin
(Theaterleiterin und -unternehmerin) einer der bekanntesten •
Wanderbühnen, die zahlreiche
Gastsspiele in Städten wie Hamburg, Frankfurt, Braunschweig oder
Straßburg gab. Die Neubersche Truppe hatte in dieser Zeit schon
damit begonnen, ihr Improvisationsspiel einzuschränken, sich
strenger an die zumeist französischen Dramentexte zu halten und
diese mittels des französisch-pathetischen Theaterstils
darstellerisch umzusetzen. Angesichts der Tatsache, dass das
Publikum die Hanswurstiaden der anderen Wandertheater eigentlich
mit großem Genuss sahen, war der Weg, den Caroline Neuber ging,
nicht ohne Risiko, schließlich hatte sie auch dafür zu sorgen,
dass ihre Theaterkompanie finanziell versorgt war. Dass sie
diese Risiken einging, und dabei die ersten Schritte "in die
Richtung einer disziplinierten Schauspielkunst, weg von einem
den Stars in den Truppen überlassenen Improvisationstheater" (Brauneck
2012, S.199) ging, macht sie im Nachhinein zur wichtigsten
Theaterreformerin ihrer Zeit.
Gottscheds Verdammung des "Pöbeltheaters" beruht dabei auf einem
von den Aufklärern selbst verbreiteten Behauptung, die eine
"Trennung zwischen seriösem, literarischen Theater für sozial
höhere Schichten auf der einen Seite, und der lachorientierten
Possenreißerei der Wanderbühne für das niedrige Volk auf der
anderen Seite" (Noe
2007, S. XXIX, im Orig. kursiv) postulierte.
Die mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmende Einschätzung war
dabei im Sinne »Georg
Simmels (1858-1918) Ausdruck der von den oberen gebildeten
aufklärerischen und adeligen Eliten betriebenen sozialen
Abgrenzung vom "Pöbel" abzugrenzen oder, wie dies später »Pierre
Bourdieu (1930-2002) ausdrückt, das Bemühen um die »feinen
Unterschiede in Bereich des sozialen
Habitus als Form der "ästhetischen Distanzierung" (Bourdieu
1987/2014, S.68).
In jedem Fall soll damit eine künstliche Kluft zwischen den in
den verschiedenen Schichten durchaus ähnlichen Lachkulturen
postuliert werden, die mit der Realität der Zeit offensichtlich
wenig zu tun hatte. Während die Wandertruppen vornehmlich der
Volksbelustigung gedient hätten, so die These, habe die höfische
Komödie allein der fürstlichen Repräsentation gedient. "In einer
solchen Vorform der Milieutheorie", so
Noe 2007,
S. XXVIII, im Orig. kursiv) Die dadurch konstruierte "direkte
Korrelation zwischen der szenischen Barbarei und dem
sinnesorientierten Banausentum des Publikums" (ebd.,
im Orig. kursiv) sei aber schon deshalb fraglich, weil die
Wandertruppen durchaus auch "Stücke des hochliterarischen
ernsten Genres spielten" wie z. B.
schon »Johannes
Velten (1634-1692) mit seiner • "Bande Hochteutscher
Komödianten" im 17. Jahrhundert
•
mit ihren Bearbeitungen von Stücken
»Pierre
Corneilles (1606-1684), den »Trauerspielen
von »Daniel
Caspar von Lohenstein (1635-1683) und Stücken von »Molière
(1622-1673) (vgl.
ebd.,
S.XXVIII, im Orig. kursiv, vgl. Szyrocki
1979/1994, S.305)
Gert Egle. zuletzt bearbeitet am:
04.09.2025