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Städtische Zentren der deutschen Aufklärung

Zürich

« Aufklärung (1720-1785)Historischer HintergrundGesellschaftliche, politische und kulturelle Rahmenbedingungen


FAChbereich Deutsch
Glossar
Literatur Autorinnen und Autoren Literarische Gattungen Literaturgeschichte Didaktische und methodische Aspekte Überblick Literatur auf dem Weg in die Moderne Literaturepochen Überblick Epochenüberblick Literatur des Mittelalters (ca. 750-1500) Frühe Neuzeit, Renaissance und Humanismus (1300-1600) Barock (1600-1720) Aufklärung (1720-1785) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund In aller Kürze Überblick [ Gesellschaftliche, politische und kulturelle Rahmenbedingungen Überblick [ Städtische Zentren der deutschen Aufklärung Überblick Göttingen Jena Weimar Wolfenbüttel Leipzig Hamburg Berlin Zürich ] Entstehung und Entwicklung eines literarischen Markts  Einzelne Aspekte der EpocheTextauswahl Bausteine Fragen und Antworten (KI) Empfindsamkeit (1740-1780)  Sturm und Dang (1760-1785) Weimarer Klassik (1786-1805) Jakobinismus (1789-1796) ▪ Romantik (1793-1835) Biedermeier (1820-1850) Das junge Deutschland und die politische Dichtung des Vormärz(1830-1850) Realismus (1850-1890) Naturalismus (1880 - 1910)  ▪ Gegenströmungen zum Naturalismus (1890-1930) Expressionismus (1910-1925)Literatur der Weimarer Republik (1918-1933) Deutsche Exilliteratur (1933-1945)  ▪ Literatur nach 1945 Literatur nach 1989 Literatur im 21. Jahrhundert Motive der Literatur Grundlagen der Textanalyse und Interpretation Literaturunterricht Schreibformen  Operatoren im Fach Deutsch
 

Absolutismus und Aufklärung (ca. 1650-1789)
Die Aufklärung
Aspekte der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung
Überblick
Bevölkerungsentwicklung
Ökonomische Verhältnisse

Größe allein sagte im 18. Jahrhundert nicht unbedingt etwas über die sozialkulturelle Bedeutung einer Stadt aus, auch wenn die Anzahl gebilderter Bürgerinnen und Bürger in den Kleinstädten gewöhnlich natürlich nicht sehr groß war.

Eher als die Größe spielte hier das soziokulturelle Profil der Stadt eine entscheidende Rolle. So verteilten sich die Schwerpunkte des literarischen Lebens, wie D'Aprile/Siebers (2008, S.30) betonen, "anders als in den Phasen der mittleren und späten Aufklärung. Während in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts die handelsbürgerlichen Metropolen des Städtedreiecks Hamburg, Leipzig und Zürich dominierende kulturelle Funktionen innehatten, setzten sich seit 1740/50 zunehmend Universitäts- bzw. Residenzstädte wie Halle, Göttingen, Braunschweig, Wolfenbüttel oder Berlin an die Spitze der Aufklärungsöffentlichkeit."


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Es gab eine Reihe verschiedener Gründe, die dafür sorgten, dass eine Stadt zu einem "Zentralort aufklärerischer Kommunikation" (ebd.) werden konnte.

Die "literarische Zentralität" (ebd.) Zürichs, das 1750 etwa 11.000 Einwohner hatte (1800: 12.000) (vgl. Mitchell 2003, 74 ff.), beruhte vor allem auf dem Wirken von »Jakob Bodmer (1698-1783) und »Johann Jakob Breitinger (1701-1776).

Sie gaben ab 1721 gemeinsam die »Moralische Wochenschrift Discourse der Mahlern heraus. Darin sollten nach dem Beispiel des englischen »Spectators (1711) von »Richard Steele (1672-1729) und »Joseph Addison (1672-1719) "die Sitten der Zeitgenossen beobachtet und gebessert werden durch das Mittel wöchentlich erscheinender, meist satirisch angehauchter Betrachtungen." (Flueler 1926, S.38) Sie befassten sich mit dem Verhältnis der beiden Geschlechter in der Schweiz und anderen Sitten und Gebräuchen der Eidgenossen.

Jakob Bodmer (1698-1783) entdeckte die mittelhochdeutsche Dichtung neu und übersetzte die antiken Epen Homers und Werke von »John Milton (1608-1674). Sein wichtigster Beitrag zur deutschen Literaturgeschichte war der gemeinsam mit seinem Freund »Johann Jakob Breitinger (1701-1776) geführte Streit mit dem »Johann Christoph Gottsched (1700-1766), über das Wunderbare und Unnatürliche in der Dichtung.

In seiner »Critischen Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie(1740) setzte er sich mit dem Thema des Wunderbaren in der Dichtung auseinander. Im Kontext mit  Miltons »"Paradise Lost" (Verlorenes Paradies)" (1665/67) bezog er Stellung gegen die rationalistische Ablehnung alles Wunderbaren durch Gottsched. Dabei stellte er sich auf die Seite des englischen »Sensualismus Miltons und vertrat die Auffassung, dass das Wunderbare und Übernatürliche ein wesentlicher Bestandteil der Dichtung sei und zur Erzeugung von Erstaunen und Ehrfurcht beitrage. In der Gegenüberstellung des Wunderbare und Wahrscheinlichen betonte er jedoch, dass beide Elemente in der Dichtung miteinander verbunden sein müssten, um eine überzeugende Wirkung zu erzielen.

Mit dieser Position stellte er sich eindeutig gegen den • Leipziger Gottsched. Dieser ließ der Phantasie keinen Vorrang vor der Vernunft und lehnte das Wunderbare, übernatürliche Erscheinungen – literarisch verkörpert in Miltons »"Paradise Lost"– und religiöse Themen in der Literatur auf der Grundlage der Theorie der »möglichen Welten von »Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1713), wonach »Gott die beste aller möglichen Welten erschaffen hat, ab.

Seine starre Haltung führte zum Zürcher Literaturstreit mit Bodmer und Breitinger, die zwar ähnlich rationalistisch dachten, aber im »reformierten Zürich andere Akzente beim Wunderbaren und in der religiösen Dichtung setzten.

Der zunehmend satirisch und persönlich geführte Streit war das literarische Hauptereignis von 1730 bis 1745, wurde von Zeitgenossen jedoch als politischer Machtkampf zweier konkurrierender Parteien wahrgenommen. 1743 griff Jakob Immanuel Pyra (1715-1744) Gottsched mit seiner Streitschrift Erweis, dass die Gottschedianische Sekte den Geschmack verderbe (1743) an. Gottsched geriet in der Auseinandersetzung schnell in die Defensive, zumal Bodmer auch wichtige Autoren der Zeit auf seine Seite ziehen konnte.

Bodmers Werk gilt als eine Reaktion auf die rationalistischen Tendenzen der Zeit und als eine Verteidigung der Phantasie und des Gefühls in der Poesie. Es war ein wichtiger Beitrag zur deutschen Literaturtheorie und hatte großen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Literaturdiskussion. Statt die Antike zu verherrlichen, hob er das Mittelalter hervor und beeinflusste so die • Romantik.

Der Philologe und Professor am Züricher Gymnasium Johann Jakob Breitinger (1701-1776) war enger Freund und Mitarbeiter von Jakob Bodmer und an dessen Übersetzungen häufig beteiligt. Mit diesem war er Ansicht, dass die idealisierende Naturnachahmung das Wesen aller Kunst ist und die Dichtung nicht nur erfreuen und belehren (delectare et prodesse) solle, wie Gottsched forderte, sondern auch seelisch ergreifen und affektive Reaktionen hervorrufen solle. Sein Hauptwerk Critische Dichtkunst von 1740 war daher in gewisser Weise das Gegenstück zu Gottscheds Critischer Dichtkunst (zuerst 1729, 4. Auflage 1751)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 20.08.2025

    
   Arbeitsanregungen
  1. Warum spielte im 18. Jahrhundert nicht allein die Größe einer Stadt eine entscheidende Rolle für ihre soziokulturelle Bedeutung?
  2. Welche Faktoren machten Zürich trotz seiner geringen Einwohnerzahl zu einem Zentrum aufklärerischer Kommunikation?
  3. In welchem zentralen literaturtheoretischen Punkt widersprachen Bodmer und Breitinger den Ansichten Gottscheds?
  4. Welche Funktion hatte Bodmers Critische Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie im Kontext des Zürcher Literaturstreits?
  5. Wie unterschied sich Breitingers Auffassung vom Zweck der Dichtung von derjenigen Gottscheds?
 
 
 

 
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