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Absolutismus
und Aufklärung (ca. 1650-1789)
▪
Die Aufklärung
•
Aspekte der politischen und
gesellschaftlichen Entwicklung
•
Überblick
•
Bevölkerungsentwicklung
•
Ökonomische Verhältnisse
Größe
allein sagte im 18. Jahrhundert nicht unbedingt etwas über die sozialkulturelle
Bedeutung einer Stadt aus, auch wenn die Anzahl gebilderter Bürgerinnen und
Bürger in den Kleinstädten gewöhnlich natürlich nicht sehr groß war.
Eher
als die Größe spielte hier das soziokulturelle Profil der Stadt eine
entscheidende Rolle. So verteilten sich die Schwerpunkte des literarischen
Lebens, wie
D'Aprile/Siebers (2008, S.30) betonen, "anders als in den Phasen
der mittleren und späten Aufklärung. Während in der ersten Hälfte des
18.Jahrhunderts die handelsbürgerlichen Metropolen des Städtedreiecks
Hamburg, Leipzig und Zürich dominierende kulturelle Funktionen innehatten,
setzten sich seit 1740/50 zunehmend Universitäts- bzw. Residenzstädte wie
Halle, Göttingen, Braunschweig, Wolfenbüttel oder Berlin an die Spitze der
Aufklärungsöffentlichkeit."

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Es gab eine Reihe
verschiedener Gründe, die dafür sorgten, dass eine Stadt zu einem "Zentralort
aufklärerischer Kommunikation" (ebd.)
werden konnte.
Die "literarische
Zentralität" (ebd.)
Zürichs, das 1750 etwa 11.000 Einwohner hatte (1800: 12.000) (vgl.
Mitchell 2003,
74 ff.), beruhte vor allem auf dem Wirken von »Jakob
Bodmer (1698-1783) und »Johann
Jakob Breitinger (1701-1776).
Sie gaben ab 1721 gemeinsam
die »Moralische
Wochenschrift Discourse der Mahlern heraus. Darin sollten nach
dem Beispiel des englischen »Spectators
(1711) von »Richard
Steele (1672-1729) und »Joseph
Addison (1672-1719) "die Sitten der Zeitgenossen beobachtet und
gebessert werden durch das Mittel wöchentlich erscheinender, meist satirisch
angehauchter Betrachtungen." (Flueler
1926, S.38) Sie befassten sich mit dem Verhältnis der beiden
Geschlechter in der Schweiz und anderen Sitten und Gebräuchen der
Eidgenossen.
Jakob
Bodmer (1698-1783) entdeckte die mittelhochdeutsche Dichtung neu und
übersetzte die antiken Epen
Homers und
Werke von »John
Milton (1608-1674). Sein wichtigster Beitrag zur deutschen
Literaturgeschichte war der gemeinsam mit seinem Freund »Johann
Jakob Breitinger (1701-1776) geführte Streit mit dem »Johann
Christoph Gottsched (1700-1766), über das Wunderbare und Unnatürliche in
der Dichtung.
In seiner »Critischen
Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie(1740) setzte er sich
mit dem Thema des Wunderbaren in der Dichtung auseinander. Im Kontext mit
Miltons »"Paradise
Lost" (Verlorenes Paradies)" (1665/67) bezog er Stellung gegen die
rationalistische Ablehnung alles Wunderbaren durch Gottsched. Dabei stellte
er sich auf die Seite des englischen »Sensualismus
Miltons und vertrat die Auffassung, dass das Wunderbare und Übernatürliche
ein wesentlicher Bestandteil der Dichtung sei und zur Erzeugung von
Erstaunen und Ehrfurcht beitrage. In der Gegenüberstellung des Wunderbare
und Wahrscheinlichen betonte er jedoch, dass beide Elemente in der Dichtung
miteinander verbunden sein müssten, um eine überzeugende Wirkung zu
erzielen.
Mit dieser Position stellte er sich eindeutig gegen den •
Leipziger Gottsched. Dieser ließ der
Phantasie keinen Vorrang vor der Vernunft und lehnte das Wunderbare,
übernatürliche Erscheinungen – literarisch verkörpert in Miltons
»"Paradise
Lost"– und religiöse Themen in der Literatur auf der Grundlage der
Theorie der »möglichen
Welten von »Gottfried
Wilhelm Leibniz (1646-1713),
wonach »Gott
die beste aller möglichen Welten erschaffen hat, ab.
Seine starre Haltung führte zum Zürcher
Literaturstreit mit Bodmer und Breitinger, die zwar ähnlich
rationalistisch dachten, aber im »reformierten
Zürich andere Akzente beim Wunderbaren und in der religiösen Dichtung
setzten.
Der zunehmend satirisch und persönlich geführte Streit war das literarische
Hauptereignis von 1730 bis 1745, wurde von Zeitgenossen jedoch als
politischer Machtkampf zweier konkurrierender Parteien wahrgenommen. 1743
griff
Jakob Immanuel Pyra (1715-1744) Gottsched mit seiner Streitschrift
Erweis, dass die Gottschedianische Sekte den Geschmack verderbe (1743)
an. Gottsched geriet in der Auseinandersetzung schnell in die Defensive,
zumal Bodmer auch wichtige Autoren der Zeit auf seine Seite ziehen konnte.
Bodmers
Werk gilt als eine Reaktion auf die rationalistischen Tendenzen der Zeit und
als eine Verteidigung der Phantasie und des Gefühls in der Poesie. Es war
ein wichtiger Beitrag zur deutschen Literaturtheorie und hatte großen
Einfluss auf die weitere Entwicklung der Literaturdiskussion. Statt die
Antike zu verherrlichen, hob er das Mittelalter hervor und beeinflusste so
die • Romantik.
Der Philologe und Professor
am Züricher Gymnasium Johann Jakob
Breitinger (1701-1776) war enger Freund und Mitarbeiter von Jakob
Bodmer und an dessen Übersetzungen häufig beteiligt. Mit diesem war er
Ansicht, dass die idealisierende Naturnachahmung das Wesen aller Kunst ist
und die Dichtung nicht nur erfreuen und belehren (delectare et prodesse)
solle, wie Gottsched forderte, sondern auch seelisch ergreifen und affektive
Reaktionen hervorrufen solle. Sein Hauptwerk Critische Dichtkunst von
1740 war daher in gewisser Weise das Gegenstück zu Gottscheds Critischer
Dichtkunst (zuerst 1729, 4. Auflage 1751)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
20.08.2025