Verse verbindet
man heutzutage vor allem mit ▪
lyrischen Texten, zu deren Merkmalen oft auch ein bestimmtes
Versmaß (Metrum)
gehört, das bestimmten Schemata folgt und Gedichten einen
bestimmten rhythmischen Charakter verleiht.
Dass Dramen in der
Regel in Prosa
verfasst werden (Ausnahme:
Prosagedicht),
wie dies heute in den allermeisten Fällen ist, gilt indessen für
bestimmte frühere Zeiten nicht.
So hat z. B. ▪
Gotthold Ephraim Lessing
(1723-1781) die Figurenrepliken in seinem Drama ▪ "Nathan
der Weise (1779)" im
Blankvers
gestaltet und dieses ganze Drama als "dramatisches
Gedicht" bezeichnet. Und auch ▪
Friedrich Schiller
(1759-1805) benutzte diese Bezeichnung für seine Dramen »"Don
Carlos" (1783/1787) und »"Wallenstein"
(1799).
Werden
sämtliche Repliken der Figuren in einem Drama in Versform
gestaltet, kann man von einem Versdrama sprechen.
Die Zeiten, in denen solche Dramen eine gewisse Konjunktur
besaßen, änderten sich jedoch schon im 18. Jahrhundert
allmählich unter dem Einfluss der
▪ aufklärerischen Forderung nach einer "natürlichen" Dramensprache
wieder, wenngleich, wie das Beispiel Lessings zeigt, selbst
einer der Vertreter gegen die "unnatürliche" Sprache auf der
Bühne, aus verschiedenen Gründen in seinem bedeutendsten Werk
zur prosanahen Form des ▪
Blankverses zurückkehrte.
Mit
der Versform, die meistens alle Figuren eines Dramas sprechen,
wird die Dramensprache in einem "rhetorisch hohen und metrisch
gebundenen Stil" (Pfister
1977, S.172) ästhetisch homogenisiert. Das bedeutet, die
Unterschiede, die das natürliche Sprechen von Menschen
auszeichnet, werden mit der Versform in gewisser Weise
eingeebnet.
Der
Autor, der die Versform wählt, stellt damit aber vor allem
die poetische Funktion der dramatischen Rede heraus. Der
Zuschauer als Rezipient der dramatischen Rede soll seine
Aufmerksamkeit dadurch auf
die Sprache selbst mit ihrer konkreten Materialität und
Strukturiertheit richten. (vgl.
ebd.)
Dass die Figuren in solchen Fällen von der Normalsprache
abweichen und deren Normen durchbrechen, hat also in der Regel
nichts mit dem Charakter der Figuren zu tun, sondern zielt auf
die Reflexion des Lesers bzw. Zuschauer über die Sprache selbst.
Für die Kommunikation der Figuren untereinander spielt "diese
'unnatürliche' Redeweise" (vgl.
ebd.,
S.167), solange sie nicht selbst im Drama in Dialogen oder
Monologen thematisiert wird, keine Rolle.
Wird die
Sprache von Figuren in solchen Fällen zur
▪
Figurencharakterisierung
herangezogen, muss man die homogenisierende Dominanz
der ▪
poetischen Funktion der Sprache berücksichtigen und nur das
heranziehen, was die dramatische Rede einer bestimmten Figur von
denen anderer Figuren unterscheidet. Ein
• gutes Beispiel liefert dafür der Blankvers in
•
Heinrich von Kleists (1777-1811) •
Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹.
Die Art und Weise
wie sich ein
▪
Sprecherwechsel, also das Wechseln der Sprecherrolle von
einer auf die andere Figur übergeht, in dramatischen Dialogen
von Versdramen abspielt, hat neben den allgemeinen Bedingungen
und
▪
Formen des
Sprecherwechsels in Dialogen, die auch außerhalb der
dramatischen Fiktion eine Rolle spielen, einige
stilistisch-rhetorische Besonderheiten.
Das Versmaß
(Metrum) legt nicht fest, wie und an welcher Stelle sich der
Sprecherwechsel in einem Vers vollzieht. Dafür gibt es aber
verschiedene Varianten.
-
Die seit der
Antike bekannte
Stichomythie (Zeilenrede) organisiert den
Sprecherwechsel dadurch, dass alternierend jeder Sprecher in
einem Dialog jeweils einen ganzen Vers lang zur Sprache
kommt.
-
Es kann aber
auch sein, dass der Sprecherwechsel, ohne dass es zu einem
regelrechten
Unterbrechungsverhalten kommt, auch innerhalb eines
Verses vollzogen werden. Eine Besonderheit stellt dabei der
so genannte Hakenstil (Antilabe) dar,
bei dem eine Äußerung in der Mitte eines Verses beginnt und
in der Mitte des nächsten oder später folgenden Verses
endet.
-
Findet ein
erregter Wortwechsel zwischen einem oder mehreren Figuren
statt, "können sich in einem Vers mehrere Äußerungen
zusammendrängen." (Asmuth
62004, S.80)