Dominiert die •
Ausdrucksfunktion,
auch •
expressive Funktion
genannt, der dramatischen Rede im
•
binnenfiktionalen, inneren Kommunikationssystem, dann lassen
sich oftmals aus dem Sprachverhalten und den vorgebrachten
Redeinhalten ▪
Rückschlüsse auf den Charakter einer Figur ziehen.
Expressiv
dominant sind z. B. knappe Ausrufe ("Gift! Gift! Von Eurem
Weibe! – Ich! Ich!" Franz von Weislingen im 5. Akt von Goethes
Drama Götz von Berlichingen). Tendenziell expressiv dominant ist wohl alles
monologische Sprechen, insbesondere jedoch ein so genannter
Reflexionsmonolog. (vgl. Pfister
1977, S.157)
Expressiv, ob dominant oder nur
unterschwellig, wirkt auch der ▪
gesellschaftlichen Gestus des Sprechens, wie »Bertolt
Brecht (1898-1956) ihn versteht, mit dem die
gesellschaftliche Bedingtheit des (Sprach-)Handelns sichtbar
gemacht werden soll.
So kann der
Sprachstil, den eine Figur pflegt, unter dem Blickwinkel seiner
Ausdrucksfunktion als
▪
Implizit-figurale Charakterisierungstechnik
also sehr aufschlussreich für die
Interpretation ihres Charakters sein, wenn sich z. B. eine Figur
stets "gepflegt" in einer gehobenen Standardsprache ausdrückt
oder eben umgangssprachlichen "Slang" mit derben Formulierungen
benutzt.
Allerdings ist dieser Korrespondenzbezug zwischen Sprache und
Figur in zahlreichen ▪ Dramen der
geschlossenen Form nicht so einfach möglich. So sprechen
beispielsweise in der Regel alle Figuren in einem ▪
Versdrama einen "rhetorisch
hohen und metrisch gebundenen Stil" (Pfister
1977, S.172). Ähnliches gilt für die ▪
Tragödie.
Die Dramensprache wird auf diese Weise für alle Figuren
gleichermaßen einheitlich gestaltet bzw.
ästhetisch
homogenisiert und statt der expressiven dominiert in einem
solchen Fall die ▪
poetische
Funktion der dramatischen Rede. Dass die Figuren in solchen Fällen von der
Normalsprache abweichen und deren Normen durchbrechen, hat
also in der Regel nichts mit dem Charakter der Figuren zu
tun, sondern zielt auf die Reflexion des Lesers bzw.
Zuschauer über die Sprache selbst. Für die Kommunikation der
Figuren untereinander spielt "diese 'unnatürliche'
Redeweise" (vgl.
ebd., S.167), solange sie nicht selbst im Drama in
Dialogen oder Monologen thematisiert wird, keine Rolle.
Im Gegensatz zu
der dominanten poetischen Funktion der Sprache gegenüber ihrer
expressiven in den oben genannten Fällen gestalten sich die
Korrespondenzbezüge zwischen Sprache und Figur hingegen im ▪
naturalistischen Drama ganz anders. Hier sollen
nämlich bestimmte sprachliche ▪
Varietäten
eine Figur
charakterisieren und z. B. ihre Zugehörigkeit zu einer
bestimmten Gruppe von Menschen signalisieren. Dies ist z. B. der
Fall, wenn eine Figur oder sämtliche Figuren ▪
Dialekt
sprechen, der neben dem Merkmal der sozialen Schicht auch eine
Bindung an einen bestimmten Sprachraum aufweist. Daher kommen im
naturalistischen Drama auch die bis dahin auf der Bühne
ausgegrenzten Kleinbürger und Proletarier, die unteren soziale
Schichten, Randgruppen wie Dirnen, Alkoholiker, Geisteskranke zu
Wort und werden Handlungsträger (vgl.
Hofacker
1989/1992, S. 311).
Die
•
Darstellungsfunktion (referentielle
Funktion) der dramatischen Rede dominiert vor allem dann
gegenüber den anderen Funktionen, wenn ein bestimmtes Geschehen
nur berichtet wird, weil es auf der Bühne aus verschiedenen
Gründen nicht dargeboten wird bzw. dargeboten werden kann.
Solche Berichte stellen z. B. der
Botenbericht,
die
Teichoskopie oder die
Expositionserzählung dar. Sie richten sich als Technik zur
Informationsvergabe primär an den Zuschauer, gehen aber wie beim
Botenbericht nicht unbedingt in ihrer Darstellungsfunktion auf,
sondern können, da dieser ja auch die Aufmerksamkeit der anderen
Figuren und der Zuschauer gleichermaßen erregen und
aufrechterhalten will, auch eine •
phatische Funktion, die dazu dient, den Partnerbezug im
Dialog herzustellen und zu intensivieren. (vgl. Pfister
1977, S.155, S. 161)
Die •
Appellfunktion (appellative
Funktion) der dramatischen Rede hängt natürlich von der
jeweiligen Kommunikationssituation und dabei insbesondere der
Beziehung zwischen den Dialogpartnern ab, die u. a. darüber
entscheiden kann, ob jemand z. B. eine Empfehlung ausspricht,
einen gut gemeinten Rat oder einen Befehl erteilt, ob und wie
der Sprecher sein Gegenüber beeinflussen oder umstimmen willen.
Die •
metasprachliche Funktion der Sprache ("was bedeutet
das?", "was soll das sagen?") zielt auf die
Fähigkeit der Sprache, sich selbst sprachlich zum Thema zu
machen, also auf einer Metaebene, statt auf der Objektebene,
über Sprache selbst zu reden.