Linguistische
Phänomene sind verbal und zeigen sich in einem
bestimmten Sprach- bzw. Sprechstil einer Figur oder
Informationen, die bei manchen Theaterstücken oder
Inszenierungen über einen Lautsprecher eingespielt werden.
So kann der
Sprachstil, den eine Figur pflegt, sehr aufschlussreich für
die Interpretation ihres Charakters sein, wenn z. B. sich
eine Figur stets "gepflegt" in einer gehobenen
Standardsprache ausdrückt oder eben umgangssprachlichen
"Slang" mit derben Formulierungen benutzt.
Allerdings
gilt dies nicht völlig uneingeschränkt. Der ▪
Korrespondenzbezug zwischen
Sprache und Figur gestaltet sich nämlich mitunter,
insbesondere bei ▪ Dramen der
geschlossenen Form, durchaus komplizierter. Wenn alle
Figuren darin wie z. B. in einem ▪
Versdrama eine Sprache mit
starker poetischer Stilisierung sprechen, dann steht
zunächst einmal das Bestreben des Autors dahinter, die
Sprache in seinem Drama insgesamt in einem "rhetorisch hohen
und metrisch gebundenen Stil" (Pfister
1977, S.172) ästhetisch zu homogenisieren. Damit stellt
der die poetische Funktion der dramatischen Rede heraus und
macht die Sprache selbst mit ihrer konkreten Materialität
und Strukturiertheit zum Gegenstand der Betrachtung durch
den Rezipienten. (vgl.
ebd.) Dass die Figuren in solchen Fällen von der
Normalsprache abweichen und deren Normen durchbrechen, hat
also in der Regel nichts mit dem Charakter der Figuren zu
tun, sondern zielt auf die Reflexion des Lesers bzw.
Zuschauer über die Sprache selbst. Für die Kommunikation der
Figuren untereinander spielt "diese 'unnatürliche'
Redeweise" (vgl.
ebd., S.167), solange sie nicht selbst im Drama in
Dialogen oder Monologen thematisiert wird, keine Rolle.
Wird die
Sprache von Figuren in solchen Fällen zur Charakterisierung
herangezogen, muss man sich die homogenisierende Dominanz
der poetischen Funktion der Sprache berücksichtigen und nur
das heranziehen, was die dramatische Rede einer bestimmten
Figur von denen anderer Figuren unterscheidet.
Im
Gegensatz zu der dominanten poetischen Funktion der Sprache
gegenüber ihrer expressiven in den oben genannten Fällen
gestalten sich die Korrespondenzbezüge zwischen Sprache und
Figur hingegen im ▪
naturalistischen Drama, bei dem dieser Bezug "sehr
streng gefasst und, dem Prinzip der sprachlichen
Differenzierung gemäß, jeder Figur ihre ganz individueller
Sprachstil zugeordnet (ist)" (vgl.
ebd., S.172), ganz anders.
Hier sollen
nämlich
bestimmte sprachliche Varietäten eine Figur
charakterisieren und z. B. ihre Zugehörigkeit zu einer
bestimmten Gruppe von Menschen signalisieren. Dies ist z. B.
der Fall, wenn eine Figur oder sämtliche Figuren ▪
Dialekt sprechen, der neben dem Merkmal der sozialen
Schicht auch eine Bindung an einen bestimmten Sprachraum
aufweist.
Im ▪
naturalistischen Drama, als Beispiel sei hier »Gerhart
Hauptmann (1862-1956), »Der
Biberpelz, »II.
genannt, steht der Dialekt dabei im Dienst der Darstellung
der bis dahin auf der Bühne ausgegrenzten Bereiche
bestimmter sozialer Milieus. Kleinbürgertum und
Industrieproletariat, die unteren soziale
Schichten, Randgruppen wie Dirnen, Alkoholiker, Geisteskranke werden damit
Handlungsträger (vgl. (Hofacker
1989/1992, S. 311)
Mutter
Wolffen steht dabei als typisches Beispiel, die von Anfang
an Dialekt spricht (»I,1)
Frau Wolff,
unsichtbar, von außen.
Adelheid! Adelheid! Stille; dann
wird von der andern Seite ans Fenster gepocht.
Wirschte gleich uffmachen!
Leontine,
im Schlaf. Nein, nein,
ick lass' mir nich schinden!
Frau Wolff. Mach uff,
Mädel, sonste komm' ich durchs Fenster.
Sie trommelt sehr stark ans Fenster.
Leontine,
aufwachend. Ach, du
bist's, Mama! Ick komme ja schon! Sie schließt innen auf.
Frau Wolff,
ohne einen Sack, welchen sie auf der
Schulter trägt, abzulegen. Was willst'n du hier?
Leontine,
verschlafen, 'n Abend,
Mama!
Frau Wolff. Wie bist'n du
reingekommen, hä?
Leontine. Na, übern
Ziejenstall lag doch der Schlüssel. Kleine Pause.
Frau Wolff. Was willste
denn nu zu Hause, Mädel?
Leontine,
läppisch
maulend. Ich soll woll man jar nich mehr
bei euch komm?
Frau Wolff. Na, sei bloß so
gutt un tu dich a bissel. Das hab' ich zu gerne.
Sie läßt den Sack von der Schulter
fallen. Du weeßt woll noch gar nich, wie spät
daß schonn is? Mach bloß, daßte fortkommst zu deiner
Herrschaft.
Leontine. Wenn ick da man
ooch wer mal'n bißken zu spät komm!
Frau Wolff. Nu nimm dich in
Obacht, hast de verstanden! Und sieh, daßte fortkommst,
sonst haste verspielt.
Leontine,
weinerlich, trotzig. Ick
jeh' nich mehr bei die Leute Mama!
Frau Wolff,
erstaunt. Du gehst nich
... Ironisch. Ach wo, das ist
ja was ganz Neues.
Leontine. Na brauch' ick
mir immer lassen schinden? [...]
Zugleich
steht das Beispiel auch dafür, dass bestimmte prosodischen
Elemente der Sprache auch schon im Zuge einer ▪
explizit-auktorialen
Charakterisierung im Nebentext, den ▪
Bühnenanweisungen
bzw. Regiebemerkungen, festgelegt sein können, ohne dass
damit der Inszenierung selbst allzu genaue Regeln vorgegeben
werden. Solche Formulierungen, wie "läppisch
maulend" z. B., dienen zu einer klareren
Herausarbeitung des
Sprechakts.
»Bertolt
Brecht (1898-1956) nutzt den unterschiedlichen Sprach-
und Sprechstil seiner Figuren in seinem Drama in seinem
Drama "Mutter
Courage und ihre Kinder" (1938/39) um ihren ▪
gesellschaftlichen Gestus und die gesellschaftliche
Bedingtheit ihres Handelns aufzuzeigen. Seine Titelfigur
spricht umgangssprachlich, zugleich sehr schlagfertig in
einem bayrisch-alemannisch gefärbten Dialekt.
- Mutter Courage: "Mir
tut so ein Feldhauptmann oder Kaiser leid, er hat
sich vielleicht gedacht, er tut was übriges und was,
wovon die Leute reden, noch in künftigen Zeiten, und kriegt
ein Standbild, zum Beispiel er erobert die
Welt, das ist ein großes Ziel für einen Feldhauptmann,
er weiß es nicht besser. Kurz, er rackert sich ab, und
dann scheiterts am gemeinen Volk, was vielleicht ein
Krug Bier will und ein bissel Gesellschaft, nix Höheres.
Die schönsten Plän sind schon zuschanden geworden
durch die Kleinlichkeit von denen, wo sie
ausführen sollten, denn die Kaiser selber können ja nix
machen, sie sind angewiesen auf die Unterstützung von
ihre Soldaten und dem Volk, wo sie grad sind, hab ich
recht?" (6. Szene, Hervorh. der Verf.)
Brechts Begriff des Gestus lässt allerdings nicht auf das
alltagssprachliche Verständnis von
Gesten bzw. Gestik reduzieren. Er ist damit auch nicht mit
▪
nonverbalem Verhalten oder - im besonderen Zusammenhang der Rede
- mit den so genannten
▪
Redegesten
gleichzusetzen. So können auch verschiedene Gesten den gleichen Gestus
ausdrücken. Dies verdeutlichen auch von Brecht selbst gewählte Beispiele:
"Ein Mensch, der einen Fisch verkauft, zeigt unter anderem den
Verkaufsgestus. Ein Mann, der sein Testament schreibt, eine Frau, die
einen Mann anlockt, ein Polizist, der einen Mann prügelt, ein Mann, der
zehn andere Männer ausbezahlt - in all dem steckt sozialer Gestus. Ein
Mann, seinen Gott anrufend, wird bei dieser Definition erst ein Gestus,
wenn dies im Hinblick auf andere geschieht oder in einem Zusammenhang, wo
eben Beziehungen von Menschen zu Menschen auftauchen."
Für Brecht sind daher Begriffe wie Gestus und gesellschaftlicher Gestus
unmittelbar aufeinander bezogen. Der Gestus einer Rede umfasst hauptsächlich die folgenden
Aspekte:
-
die innere Grundhaltung des Redners zum Thema (z. B.
weltanschauliche Positionen, eigener Wertehorizont)
-
die (gesellschaftlich bedingte) Beziehungsdefinition des Sprechers
zu seinen Zuhörern
(z. B. "Führer - Geführte", "Experte - Laien", "Chef - Mitarbeiter"
etc.)