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Entstehungsgeschichte

Der institutionelle kultische Kontext der griechischen Tragödie

Dramatische Texte Genres/GattungenTragödie Antike griechische Tragödie

 
FAChbereich Deutsch
Glossar
Literatur:▪ Autorinnen und Autoren Gattungen Erzählende Texte  Dramatische TexteÜberblick Strukturen dramatischer Texte Genres/Gattungen Überblick Tragödie Überblick Formen Antike griechische Tragödie [ Entstehungsgeschichte Überblick Der Begriff der Tragödie und seine genealogische Bedeutung Der institutionelle kultische Kontext der griechischen Tragödie Orte und Organisation der Aufführungen Gründe für den Erfolg der Tragödie als Gattung ] Rolle des Chores in der griechischen Tragödie Das griechische Theater als Maskentheater  Bürgerliches Trauerspiel Komödie Theorie des Dramas Didaktik: Das Drama im Literaturunterricht Methodenrepertoire zur szenischen Erarbeitung von Dramentexten Links ins Internet Textauswahl Bausteine Lyrische Texte Literarische Zweckformen Literaturgeschichte Motive der Literatur Grundlagen der Textanalyse und Interpretation Literaturunterricht Schulische Schreibformen Operatoren im Fach Deutsch ANALYSE UND INTERPRETATION EINES DRAMATISCHEN TEXTES
 

Die ▪ antike Tragödie hat einen kultisch-religiösen Ursprung und ist aus kultischen Opferspielen zu Ehren des gr. Gottes »Dionysos entstanden, der in der ▪ griechischen Götterwelt als Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der Ekstase gilt und meistens mit Efeu- bzw. Weinranken und Weintrauben dargestellt wird.

Kaum ein anderer griechischer Gott "hat eine vergleichbar ausführlich erzählte Lebensgeschichte" in der er auf seiner Reise durch die Welt "in Gestalt von Löwe, Stier oder Schlange seine Gegner täuscht und unter denen, die seine Göttlichkeit nicht anerkennen, Furcht und Schrecken verbreitet." (Brauneck 2012, S.11)

In der Literatur wird er erstmals in 21 Versen in den »Hymnen Homers erwähnt, die wohl irgendwann zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert v. Chr. entstanden sein dürften und zum Lobpreis und zur Anrufung des Gottes genutzt wurden. Später haben auch namhafte griechische Tragödiendichter wie »Aischylos (525-456 c. Chr.) oder »Euripides (480 - 406 v. Chr.), der den um seine Anerkennung als olympischer Gott kämpfenden Dionysos wohl als einziger Tragödendichter hinter einer Theatermaske in seiner Tragödie "»Die Bakchen" (406 v. Chr.) auftreten ließ (ebd., S.12), den Dionysos-Stoff bzw. -Mythos in ihren Werken verarbeitet.

Grundsätzlich muss man aber zweierlei unterscheiden. Es gibt auf der einen Seite den (archaischen) »Dionysoskult, mit seiner "kollektive(n) Grenzüberschreitung im Rausch und im Tanz" und seiner "sukzessive(n) Freisetzung einer Triebdynamik, die das Kontrollsystem der sozialen Ordnung außer Kraft setzt" (ebd., S.12).

Auf der anderen Seite ist davon der von den »Peisistratiden eingeführte Staatskult der »Großen Dionysien zu unterscheiden, der die Integrationskraft des Kultes bewahrte, aber kontrollierte und regulierte. Dabei wirkt natürlich der ältere »Dionysoskult auch in späteren Dionysos-Festen weiter.

Die Entwicklung des Dionysos-Kults

Der archaische Dionysos-Kult besteht vor allem aus unterschiedlichen "Besessenheitsriten" (Michel Leiris 1979), bei dem sich "die Fremdheit des Gottes (...) im Spiel auf die Akteure des Kults als Erfahrung der eigenen Fremdheit (überträgt), die im Wesen dessen wahrgenommen wird, dessen Maske der Spieler trägt." (ebd., S.13)

Aus dem ehemaligen volkstümlichen Bauerngott wurde im Zuge der "Kultreform" (ebd., S.15) des »Peisistratos (um 600–528/527 v. Chr.) "der Dionysos der athenischen Agora, ein politischer Gott der Stadt, Schirmherr der aristokratischen Polis" und das Dionysos-Fest "zu einem repräsentativen Staatsfest" (ebd., Hervorh. d. Verf.). Dieses Fest sollte die wirtschaftliche und politische Macht der Polis herausstellen und die Werte in Erinnerung rufen und bestätigen, die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgten. Und genau das war dann auch die Aufgabe, welche Tragödien und • Komödien im Rahmen der Opferspiele zu Ehren von Dionysos (»Dionysien) hatten: "Während die Tragödie die großen mythischen Erzählungen als Garanten eines von den Göttern verbürgten Sinnes von Welt und Geschichte darstellte, prangerte die Komödie die Laster und Schandtaten der politischen Klasse in kaum überbietbarer Schärfe ab, überschüttete deren Repräsentanten mit Spott und Hohn." (ebd.).

Kein Wunder also, wenn annähernd 2000 Jahre später »Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792) seinen "Anmerkungen übers Theater" (1774) über die Funktion der Tragödie kritisch notierte:

"Die Hauptempfindung, welche erregt werden sollte, war nicht Hochachtung für den Helden, sondern blinde und knechtische Angst vor den Göttern" (zit. n. Asmuth 62004, S. 32)

Die Opferspiele zu Ehren von Dionysos (»Dionysien), die sich meistens über mehrere Tage hingezogen, versetzten Athen während der Festtage in einen "Ausnahmezustand" (Brauneck 2012, S.21): Jeder Bürger musste daran teilnehmen und Verstöße gegen die verhängte Festordnung wurden mit dem Tod bestraft. Schließlich ging, was da gefeiert wurde alle an, sollte die Identifikation mit der Polis und ihren Institutionen stärken, ihre Werte in Erinnerung rufen und so den gesellschaftlichen Zusammenhalt nachhaltig fördern.

Gert Egle. zuletzt bearbeitet am: 09.09.2025

 
 

 
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