Die
▪ antike Tragödie hat einen kultisch-religiösen Ursprung und
ist aus kultischen Opferspielen zu Ehren des gr. Gottes »Dionysos
entstanden, der in der ▪
griechischen Götterwelt als Gott des Weines, der
Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der
Ekstase gilt und meistens mit Efeu- bzw. Weinranken und
Weintrauben dargestellt wird.
Kaum ein anderer griechischer Gott
"hat eine vergleichbar ausführlich erzählte Lebensgeschichte" in
der er auf seiner Reise durch die Welt "in Gestalt von Löwe,
Stier oder Schlange seine Gegner täuscht und unter denen, die
seine Göttlichkeit nicht anerkennen, Furcht und Schrecken
verbreitet." (Brauneck
2012, S.11)
In der Literatur wird er erstmals in 21 Versen in den »Hymnen
Homers erwähnt, die wohl irgendwann zwischen dem 5. und 7.
Jahrhundert v. Chr. entstanden sein dürften und zum Lobpreis und
zur Anrufung des Gottes genutzt wurden. Später haben auch
namhafte griechische Tragödiendichter wie »Aischylos
(525-456 c. Chr.) oder »Euripides
(480 - 406 v. Chr.), der den um seine Anerkennung als
olympischer Gott kämpfenden Dionysos wohl als einziger
Tragödendichter hinter einer Theatermaske in seiner Tragödie "»Die
Bakchen" (406 v. Chr.) auftreten ließ (ebd.,
S.12), den Dionysos-Stoff bzw. -Mythos in ihren
Werken verarbeitet.
Grundsätzlich muss man aber zweierlei unterscheiden. Es gibt
auf der einen Seite den (archaischen) »Dionysoskult,
mit seiner "kollektive(n) Grenzüberschreitung im Rausch und im
Tanz" und seiner "sukzessive(n) Freisetzung einer Triebdynamik, die das
Kontrollsystem der sozialen Ordnung außer Kraft setzt" (ebd.,
S.12).
Auf der anderen Seite ist davon der von den »Peisistratiden
eingeführte Staatskult der »Großen
Dionysien zu unterscheiden, der die Integrationskraft
des Kultes bewahrte, aber kontrollierte und regulierte. Dabei
wirkt natürlich der ältere »Dionysoskult
auch in späteren Dionysos-Festen weiter.
Der
archaische Dionysos-Kult besteht vor allem aus
unterschiedlichen "Besessenheitsriten" (Michel Leiris 1979),
bei dem sich "die Fremdheit des Gottes (...) im Spiel auf
die Akteure des Kults als Erfahrung der eigenen Fremdheit
(überträgt), die im Wesen dessen wahrgenommen wird, dessen
Maske der Spieler trägt." (ebd.,
S.13)
Aus dem
ehemaligen volkstümlichen Bauerngott wurde im Zuge der
"Kultreform" (ebd.,
S.15) des
»Peisistratos (um 600–528/527 v. Chr.) "der
Dionysos der athenischen Agora, ein politischer Gott der
Stadt, Schirmherr der aristokratischen Polis" und
das Dionysos-Fest "zu einem repräsentativen Staatsfest" (ebd.,
Hervorh. d. Verf.). Dieses Fest sollte die wirtschaftliche und politische
Macht der Polis herausstellen und die Werte in Erinnerung
rufen und bestätigen, die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgten.
Und genau das war dann auch die Aufgabe, welche Tragödien
und • Komödien im Rahmen der Opferspiele zu Ehren von Dionysos
(»Dionysien)
hatten: "Während die Tragödie die großen mythischen
Erzählungen als Garanten eines von den Göttern verbürgten
Sinnes von Welt und Geschichte darstellte, prangerte die
Komödie die Laster und Schandtaten der politischen Klasse in
kaum überbietbarer Schärfe ab, überschüttete deren
Repräsentanten mit Spott und Hohn." (ebd.).
Kein Wunder
also, wenn annähernd 2000 Jahre später »Jakob
Michael Reinhold Lenz (1751-1792) seinen "Anmerkungen übers
Theater" (1774) über die Funktion der Tragödie kritisch
notierte:
"Die
Hauptempfindung, welche erregt werden sollte, war nicht
Hochachtung für den Helden, sondern blinde und knechtische
Angst vor den Göttern" (zit. n.
Asmuth
62004, S. 32)
Die Opferspiele zu Ehren von Dionysos (»Dionysien),
die sich meistens über mehrere Tage hingezogen, versetzten Athen
während der Festtage in einen "Ausnahmezustand" (Brauneck
2012, S.21): Jeder Bürger musste daran teilnehmen und
Verstöße gegen die verhängte Festordnung wurden mit dem Tod
bestraft. Schließlich ging, was da gefeiert wurde alle an,
sollte die Identifikation mit der Polis und ihren Institutionen
stärken, ihre Werte in Erinnerung rufen und so den
gesellschaftlichen Zusammenhalt nachhaltig fördern.
Gert Egle. zuletzt bearbeitet am:
09.09.2025
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