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Friedrich Schiller
Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet
(26. 6.1784)
(Vorgelesen bei einer öffentlichen Sitzung der kurfürstlichen deutschen
Gesellschaft zu Mannheim im Jahr 1784.)
Ein allgemeiner,
unwiderstehlicher Hang nach dem Neuen und Außerordentlichen, ein
Verlangen, sich in einem leidenschaftlichen Zustande zu fühlen, hat,
nach Sulzers Bemerkung, der Schaubühne die Entstehung gegeben. Erschöpft
von den höheren Anstrengungen des Geistes, ermattet von den einförmigen,
oft niederdrückenden Geschäften des Berufs und von Sinnlichkeit
gesättigt, musste der Mensch eine Leerheit in seinem Wesen fühlen, die
dem ewigen Trieb nach Tätigkeit zuwider war. Unsre Natur, gleich
unfähig, länger im Zustande des Tiers fortzudauern, als die feinern
Arbeiten des Verstandes fortzusetzen, verlangte einen mittleren Zustand,
der beide widersprechende Enden vereinigte, die harte Spannung zu
sanfter Harmonie herabstimmte und den wechselweisen Übergang eines
Zustandes in den andern erleichterte. Diesen Nutzen leistet überhaupt
nun der ästhetische Sinn oder das Gefühl für das Schöne. Da aber eines
weisen Gesetzgebers erstes Augenmerk sein muss, unter zwei Wirkungen die
höchste heraus zu lesen, so wird er sich nicht begnügen, die Neigungen
seines Volks nur entwaffnet zu haben; er wird sie auch, wenn es irgend
nur möglich ist, als Werkzeug höherer Plane gebrauchen und in Quellen
von Glückseligkeit zu verwandeln bemüht sein, und darum wählte er vor
allen andern die Bühne, die dem nach Tätigkeit dürstenden Geist einen
unendlichen Kreis eröffnet, jeder Seelenkraft Nahrung gibt, ohne eine
einzige zu überspannen, und die Bildung des Verstandes und des Herzens
mit der edelsten Unterhaltung vereinigt.
Derjenige, welcher
zuerst die Bemerkung machte, dass eines Staats festeste Säule Religion sei
– dass ohne sie die Gesetze selbst ihre Kraft verlieren, hat vielleicht,
ohne es zu wollen oder zu wissen, die Schaubühne von ihrer edelsten
Seite verteidigt. Eben diese Unzulänglichkeit, die schwankende
Eigenschaft der politischen Gesetze, welche dem Staat die Religion
unentbehrlich macht, bestimmt auch den sittlichen Einfluss der Bühne.
Gesetze, wollte er sagen, drehen sich nur um verneinende Pflichten –
Religion dehnt ihre Forderungen auf wirkliches Handeln aus. Gesetze
hemmen nur Wirkungen, die den Zusammenhang der Gesellschaft auflösen –
Religion befiehlt solche, die ihn inniger machen. Jene herrschen nur
über die offenbaren Äußerungen des Willens, nur Taten sind ihnen
untertan – diese setzt ihre Gerichtsbarkeit bis in die verborgensten
Winkel des Herzens fort und verfolgt den Gedanken bis an die innerste
Quelle. Gesetze sind glatt und geschmeidig, wandelbar wie Laune und
Leidenschaft – Religion bindet streng und ewig. Wenn wir nun aber auch
voraussetzen wollten, was nimmermehr ist – wenn wir der Religion diese
große Gewalt über jedes Menschenherz einräumen, wird sie oder kann sie
die ganze Bildung vollenden? – Religion (ich trenne hier ihre politische
Seite von ihrer göttlichen), Religion wirkt im Ganzen mehr auf den
sinnlichen Teil des Volks – sie wirkt vielleicht durch das Sinnliche
allein so unfehlbar. Ihre Kraft ist dahin, wenn wir ihr dieses nehmen –
und wodurch wirkt die Bühne? Religion ist dem größern Teile der Menschen
nichts mehr, wenn wir ihre Bilder, ihre Probleme vertilgen, wenn wir
ihre Gemälde von Himmel und Hölle zernichten – und doch sind es nur
Gemälde der Phantasie, Rätsel ohne Auflösung, Schreckbilder und
Lockungen aus der Ferne. Welche Verstärkung für Religion und Gesetze,
wenn sie mit der Schaubühne in Bund treten, wo Anschauung und lebendige
Gegenwart ist, wo Laster und Tugend, Glückseligkeit und Elend, Torheit
und Weisheit in tausend Gemälden fasslich und wahr an dem Menschen
vorübergehen, wo die Vorsehung ihre Rätsel auflöst, ihren Knoten vor
seinen Augen entwickelt, wo das menschliche Herz auf den Foltern der
Leidenschaft seine leisesten Regungen beichtet, alle Larven fallen, alle
Schminke verfliegt und die Wahrheit unbestechlich wie Rhadamanthus
Gericht hält.
Die Gerichtsbarkeit der
Bühne fängt an, wo das Gebiet der weltlichen Gerichte sich endigt. Wenn
die Gerechtigkeit für Gold verblindet und im Solde der Laster schwelgt,
wenn die Frevel der Mächtigen ihrer Ohnmacht spotten und Menschenfurcht
den Arm der Obrigkeit bindet, übernimmt die Schaubühne Schwert und Wage
und reißt die Laster vor einen schrecklichen Richterstuhl. Das ganze
Reich der Phantasie und Geschichte, Vergangenheit und Zukunft stehen
ihrem Wink zu Gebot. Kühne Verbrecher, die längst schon im Staub
vermodern, werden durch den allmächtigen Ruf der Dichtkunst jetzt
vorgeladen und wiederholen zum schauervollen Unterricht der Nachwelt ein
schändliches Leben. Ohnmächtig, gleich den Schatten in einem
Hohlspiegel, wandeln die Schrecken ihres Jahrhunderts vor unsern Augen
vorbei, und mit wollüstigem Entsetzen verfluchen wir ihr Gedächtnis.
Wenn keine Moral mehr gelehrt wird, keine Religion mehr Glauben findet,
wenn kein Gesetz mehr vorhanden ist, wird uns Medea noch anschauern,
wenn sie die Treppen des Palastes herunter wankt und der Kindermord
jetzt geschehen ist. Heilsame Schauer werden die Menschheit ergreifen,
und in der Stille wird jeder sein gutes Gewissen preisen, wenn Lady
Macbeth, eine schreckliche Nachtwandlerin, ihre Hände wäscht und
alle Wohlgerüche Arabiens herbeiruft, den hässlichen Mordgeruch zu
vertilgen. So gewiss sichtbare Darstellung mächtiger wirkt, als toter
Buchstabe und kalte Erzählung, so gewiss wirkt die Schaubühne tiefer und
dauernder als Moral und Gesetze.
Aber hier unterstützt sie
die weltliche Gerechtigkeit nur – ihr ist noch ein weiteres Feld
geöffnet. Tausend Laster, die jene ungestraft duldet, straft sie;
tausend Tugenden, wovon jene schweigt, werden von der Bühne empfohlen.
Hier begleitet sie die Weisheit und die Religion. Aus dieser reinen
Quelle schöpft sie ihre Lehren und Muster und kleidet die strenge
Pflicht in ein reizendes, lockendes Gewand. Mit welch herrlichen
Empfindungen, Entschlüssen, Leidenschaften schwellt sie unsere Seele,
welche göttliche Ideale stellt sie uns zur Nacheiferung aus! – Wenn der
gütige August dem Verräter Cinna, der schon den tödlichen Spruch auf
seinen Lippen zu lesen meint, groß wie seine Götter, die Hand reicht:
»Las uns Freunde sein, Cinna!« – wer unter der Menge wird in dem
Augenblick nicht gern seinem Todfeind die Hand drücken
wollen, dem göttlichen Römer zu gleichen? – Wenn Franz von Sickingen,
auf dem Wege, einen Fürsten zu züchtigen und für fremde Rechte zu
kämpfen, unversehens hinter sich schaut und den Rauch aufsteigen sieht
von seiner Feste, wo Weib und Kind hilflos zurückblieben, und er –
weiter zieht, Wort zu halten – wie groß wird mir da der Mensch, wie
klein und verächtlich das gefürchtete unüberwindliche Schicksal!
Eben so hässlich, als
liebenswürdig die Tugend, malen sich die Laster in ihrem furchtbaren
Spiegel ab. Wenn der hilflos kindische Lear in Nacht und Ungewitter
vergebens an das Haus seiner Töchter pocht, wenn er sein weißes Haar in
die Lüfte streut und den tobenden Elementen erzählt, wie unnatürlich
seine Regan gewesen, wenn sein wütender Schmerz zuletzt in den
schrecklichen Worten von ihm strömt: »Ich gab euch alles!« – wie
abscheulich zeigt sich uns da der Undank? wie feierlich geloben wir
Ehrfurcht und kindliche Liebe! –
Aber der Wirkungskreis
der Bühne dehnt sich noch weiter aus. Auch da, wo Religion und Gesetze
es unter ihrer Würde achten, Menschenempfindungen zu begleiten,
ist sie für unsere Bildung noch geschäftig. Das Glück der Gesellschaft
wird eben so sehr durch Torheit als durch Verbrechen und Laster gestört.
Eine Erfahrung lehrt es, die so alt ist als die Welt, dass im Gewebe
menschlicher Dinge oft die größten Gewichte an den kleinsten und
zärtesten Fäden hangen und, wenn wir Handlungen zu ihrer Quelle zurück
begleiten, wir zehnmal lächeln müssen, ehe wir uns einmal entsetzen.
Mein Verzeichnis von Bösewichtern wird mit jedem Tag, den ich älter
werde, kürzer und mein Register von Thoren vollzähliger und länger. Wenn
die ganze moralische Verschuldung des einen Geschlechtes aus einer und
eben der Quelle hervorspringt, wenn alle die ungeheuren Extreme von
Laster, die es jemals gebrandmarkt haben, nur veränderte Formen, nur
höhere Grade einer Eigenschaft sind, die wir zuletzt alle einstimmig
belächeln und lieben, warum sollte die Natur bei dem andern Geschlecht
nicht die nämlichen Wege gegangen sein? Ich kenne nur ein Geheimnis,
den Menschen vor Verschlimmerung zu bewahren, und dieses ist – sein Herz
gegen Schwächen zu schützen.
Einen großen Teil
dieser Wirkung können wir von der Schaubühne erwarten. Sie ist es, die
der großen Klasse von Thoren den Spiegel vorhält und die tausendfachen
Formen derselben mit heilsamem Spott beschämt. Was sie oben durch
Rührung und Schrecken wirkt, leistet sie hier (schneller vielleicht und
unfehlbarer) durch Scherz und Satire. Wenn wir es unternehmen wollten,
Lustspiel und Trauerspiel nach dem Maß der erreichten Wirkung zu
schätzen, so würde vielleicht die Erfahrung dem ersten den Vorrang
geben. Spott und Verachtung verwunden den Stolz der Menschen
empfindlicher, als Verabscheuung sein Gewissen foltert. Vor dem
Schrecklichen verkriecht sich unserer Feigheit, aber eben diese Feigheit
überliefert uns dem Stachel der Satire. Gesetz und Gewissen schützen
uns oft vor Verbrechen und Lastern – Lächerlichkeiten verlangen einen
eigenen feinern Sinn, den wir nirgends mehr als vor dem Schauplatz üben.
Vielleicht, dass wir einen Freund bevollmächtigen, unsre Sitten und
unser Herz anzugreifen, aber es kostet uns Mühe, ihm ein einziges Lachen
zu vergeben. Unsere Vergehungen ertragen einen Aufseher und Richter,
unsre Unarten kaum einen Zeugen. – Die Schaubühne allein kann unsre
Schwächen belachen, weil sie unsrer Empfindlichkeit schont und den
schuldigen Thoren nicht wissen will. Ohne rot zu werden, sehen wir unsre
Larve aus ihrem Spiegel fallen und danken insgeheim für die sanfte
Ermahnung.
Aber ihr großer
Wirkungskreis ist noch lange nicht geendigt. Die Schaubühne ist mehr als
jede andere öffentliche Anstalt des Staats eine Schule der praktischen
Weisheit, ein Wegweiser durch das bürgerliche Leben, ein unfehlbarer
Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele. Ich gebe
zu, dass Eigenliebe und Abhärtung des Gewissens nicht selten ihre beste
Wirkung vernichten, dass sich noch tausend Laster mit frecher Stirne vor
ihrem Spiegel behaupten, tausend gute Gefühle vom kalten Herzen des
Zuschauers fruchtlos zurückfallen – ich selbst bin der Meinung, dass
vielleicht Molières Harpagon noch keinen Wucherer besserte, dass der
Selbstmörder Beverley noch wenige seiner Brüder von der abscheulichen
Spielsucht zurückzog, dass Karl Moors unglückliche Räubergeschichte die
Landstraßen nicht viel sicherer machen wird – aber wenn wir auch diese
große Wirkung der Schaubühne einschränken, wenn wir so ungerecht sein
wollen, sie gar aufzuheben – wie unendlich viel bleibt noch von ihrem
Einfluss zurück? Wenn sie die Summe der Laster weder tilgt noch
vermindert, hat sie uns nicht mit denselben bekannt gemacht? – Mit
diesen Lasterhaften, diesen Thoren müssen wir leben. Wir müssen ihnen
ausweichen oder begegnen; wir müssen sie untergraben oder ihnen
unterliegen. Jetzt aber überraschen sie uns nicht mehr. Wir sind auf
ihre Anschläge vorbereitet. Die Schaubühne hat uns das Geheimnis
verraten, sie ausfindig und unschädlich zu machen. Sie zog dem Heuchler
die künstliche Maske ab und entdeckte das Netz, womit uns List und
Kabale umstrickten. Betrug und Falschheit riss sie aus krummen
Labyrinthen hervor und zeigte ihr schreckliches Angesicht dem Tag.
Vielleicht, dass die sterbende Sara nicht einen Wollüstling schreckt,
dass alle Gemälde gestrafter Verführung seine Glut nicht erkälten, und
dass selbst die verschlagene Spielerin diese Wirkung ernstlich zu
verhüten bedacht ist – glücklich genug, dass die arglose Unschuld jetzt
seine Schlingen kennt, dass die Bühne sie lehrt seinen Schwüren
misstrauen und vor seiner Anbetung zittern.
Nicht bloß auf Menschen
und Menschencharakter, auch auf Schicksale macht uns die Schaubühne
aufmerksam und lehrt uns die große Kunst, sie zu ertragen. Im Gewebe
unsers Lebens spielen Zufall und Plan eine gleich große
Rolle; den letztern lenken wir, dem ersten müssen wir uns blind
unterwerfen. Gewinn genug, wenn unausbleibliche Verhängnisse uns nicht
ganz ohne Fassung finden, wenn unser Muth, unsre Klugheit sich einst
schon in ähnlichen übten und unser Herz zu dem Schlag sich gehärtet hat.
Die Schaubühne führt uns eine mannigfaltige Szene menschlicher Leiden
vor. Sie zieht uns künstlich in fremde Bedrängnisse und belohnt uns das
augenblickliche Leiden mit wollüstigen Tränen und einem herrlichen
Zuwachs an Muth und Erfahrung. Mir ihr folgen wir der verlassenen Ariadne durch
das widerhallende Naxos, steigen mit ihr in den Hungerturm Ugolino's
hinunter, betreten mit ihr das entsetzliche Blutgerüst und behorchen mit
ihr die feierliche Stunde des Todes. Hier hören wir, was unsre Seele in
leisen Ahnungen fühlte, die überraschte Natur laut und unwidersprechlich
bekräftigen. Im Gewölbe des Towers verlässt den betrogenen Liebling die
Gunst seiner Königin. – Jetzt, da er sterben soll, entfliegt dem
geängstigten Moor seine treulose sophistische Weisheit. Die
Ewigkeit entlässt einen Toten, Geheimnisse zu offenbaren, die kein
Lebendiger wissen kann, und der sichere Bösewicht verliert seinen
letzten grässlichen Hinterhalt, weil auch Gräber noch ausplaudern.
Aber nicht genug, dass
uns die Bühne mit Schicksalen der Menschheit bekannt macht, sie lehrt
uns auch gerechter gegen den Unglücklichen sein und nachsichtsvoller
über ihn richten. Dann nur, wenn wir die Tiefe seiner Bedrängnisse
ausmessen, dürfen wir das Urteil über ihn aussprechen. Kein Verbrechen
ist schändender, als das Verbrechen des Diebs – aber mischen wir nicht
alle eine Träne des Mitleids in unsern Verdammungsspruch, wenn wir uns
in den schrecklichen Drang verlieren, worin Eduard Ruhberg die
Tat vollbringt? – Selbstmord wird allgemein als Frevel verabscheut; wenn
aber, bestürmt von den Drohungen des wütenden Vaters, bestürmt von
Liebe, von der Vorstellung schrecklicher Klostermauern, Mariane den
Gift trinkt, er von uns will der Erste sein, der über dem
beweinenswürdigen Schlachtopfer einer verruchten Maxime den Stab bricht?
– Menschlichkeit und Duldung fangen an, der herrschende Geist unsrer
Zeit zu werden; ihre Strahlen sind bis in die Gerichtssäle und noch
weiter – in das Herz unsrer Fürsten gedrungen. Wie viel Anteil an diesem
göttlichen Werk gehört unsern Bühnen? Sind sie es nicht, die den
Menschen mit dem Menschen bekannt machten und das geheime Räderwerk
aufdeckten, nach welchem er handelt?
Eine merkwürdige Klasse
von Menschen hat Ursache, dankbarer als alle übrigen gegen die Bühne zu
sein. Hier nur hören die Großen der Welt, was sie nie oder selten hören
– Wahrheit; was sie nie oder selten sehen, sehen sie hier – den
Menschen.
So groß und vielfach
ist das Verdienst der bessern Bühne um die sittliche Bildung; kein
geringeres gebührt ihr um die ganze Aufklärung des Verstandes. Eben hier
in dieser höhern Sphäre weiß der große Kopf, der feurige Patriot sie
erst ganz zu gebrauchen.
Er wirft einen Blick
durch das Menschengeschlecht, vergleicht Völker mit Völkern,
Jahrhunderte mit Jahrhunderten und findet, wie sklavisch die größere
Masse des Volks an Ketten des Vorurteils und der Meinung gefangen liegt,
die seiner Glückseligkeit ewig entgegenarbeiten – dass die reinern
Strahlen der Wahrheit nur wenige einzelne Köpfe beleuchten,
welche den kleinen Gewinn vielleicht mit dem Aufwand eines ganzen Lebens
erkauften. Wodurch kann der weise Gesetzgeber die Nation derselben
teilhaftig machen?
Die Schaubühne ist der
gemeinschaftliche Kanal, in welchen von dem denkenden, bessern Teile des
Volks das Licht der Weisheit herunterströmt und von da aus in milderen
Strahlen durch den ganzen Staat sich verbreitet. Richtigere Begriffe,
geläuterte Grundsätze, reinere Gefühle fließen von hier durch alle Adern
des Volks; der Nebel der Barbarei, des finstern Aberglaubens
verschwindet, die Nacht weicht dem siegenden Licht. Unter so vielen
herrlichen Früchten der bessern Bühne will ich nur zwei auszeichnen. Wie
allgemein ist nur seit wenigen Jahren die Duldung der Religionen und
Sekten geworden? – Noch ehe uns Nathan der Jude und Saladin der Sarazene
beschämten und die göttliche Lehre uns predigten, dass Ergebenheit in
Gott von unserm Wähnen über Gott so gar nicht abhängig sei – ehe noch
Joseph der Zweite die fürchterliche Hyder des frommen Hasses bekämpfte,
pflanzte die Schaubühne Menschlichkeit und Sanftmut in unser Herz, die
abscheulichen Gemälde heidnischer Pfaffenwut lehrten uns Religionshass
vermeiden – in diesem schrecklichen Spiegel wusch das Christentum seine
Flecken ab. Mit eben so glücklichem Erfolge würden sich von der
Schaubühne Irrtümer der Erziehung bekämpfen lassen; das Stück ist
noch zu hoffen, Wo dieses merkwürdige Thema behandelt wird. Keine
Angelegenheit ist dem Staat durch ihre Folgen so wichtig als diese, und
doch ist keine so preisgegeben, keine dem Wahne, dem Leichtsinn des
Bürgers so uneingeschränkt anvertraut, wie es diese ist. Nur die
Schaubühne könnte die unglücklichen Schlachtopfer vernachlässigter
Erziehung in rührenden, erschütternden Gemälden an ihm vorüberführen;
hier könnten unsre Väter eigensinnigen Maximen entsagen, unsre Mütter
vernünftiger lieben lernen. Falsche Begriffe führen das beste Herz des
Erziehers irre; desto schlimmer, wenn sie sich noch mit Methode brüsten
und den zarten Schößling in Philanthropinen und Gewächshäusern
systematisch zu Grunde richten.
Nicht weniger ließen
sich – verstünden es die Oberhäupter und Vormünder des Staats – von der
Schaubühne aus die Meinungen der Nation über Regierung und Regenten
zurechtweisen. Die gesetzgebende Macht spräche hier durch fremde Symbole
zu dem untertan, verantwortete sich gegen seine Klagen, noch ehe sie
laut werden, und bestäche seine Zweifelsucht, ohne es zu scheinen. Sogar
Industrie und Erfindungsgeist könnten und würden vor dem Schauplatz
Feuer fangen, wenn die Dichter es der Mühe wert hielten, Patrioten zu
sein, und der Staat sich herablassen wollte, sie zu hören.
Unmöglich kann ich hier
den großen Einfluss übergehen, den eine gute stehende Bühne auf den
Geist der Nation haben würde. Nationalgeist eines Volks nenne ich die
Ähnlichkeit und Übereinstimmung seiner Meinungen und Neigungen bei
Gegenständen, worüber eine andere Nation anders meint und empfindet. Nur
der Schaubühne ist es möglich, diese Übereinstimmung in einem hohen Grad
zu bewirken, weil sie das ganze Gebiet des menschlichen Wissens
durchwandert, alle Situationen des Lebens erschöpft und in alle Winkel
des Herzens hinunter leuchtet; weil sie alle Stände und Klassen in sich
vereinigt und den gebahntesten Weg zum Verstand und zum Herzen hat. Wenn
in allen unsern Stücken ein Hauptzug herrschte, wenn unsre
Dichter unter sich einige werden und einen festen Bund zu diesem
Endzweck errichten wollten – wenn strenge Auswahl ihre Arbeiten leitete,
ihr Pinsel nur Volksgegenständen sich weihte, – mit einem Wort,
wenn wir es erlebten, eine Nationalbühne zu haben, so würden wir auch
eine Nation. Was kettete Griechenland so fest aneinander? Was zog das
Volk so unwiderstehlich nach seiner Bühne? – Nichts anders als der
vaterländische Inhalt der Stücke, der griechische Geist, das große
überwältigende Interesse, des Staats, der besseren Menschheit, das in
denselbigen atmete.
Noch ein Verdienst hat
die Bühne – ein Verdienst, das ich jetzt um so lieber in Anschlag
bringe, weil ich vermute, dass ihr Rechtshandel mit ihren Verfolgern
ohnehin schon gewonnen sein wird. Was bis hieher zu beweisen unternommen
worden, dass sie auf Sitten und Aufklärung wesentlich wirke, war
zweifelhaft – dass sie unter allen Erfindungen des Luxus und allen
Anstalten zur gesellschaftlichen Ergötzlichkeit den Vorzug verdiene,
haben selbst ihre Feinde gestanden. Aber was sie hier leistet, ist
wichtiger, als man gewohnt ist zu glauben.
Die menschliche Natur
erträgt es nicht, ununterbrochen und ewig auf der Folter der Geschäfte
zu liegen, die Reize der Sinne sterben mit ihrer Befriedigung. Der
Mensch, überladen von tierischem Genuss, der langen Anstrengung müde,
vom ewigen Triebe nach Tätigkeit gequält, dürstet nach bessern
auserlesenern Vergnügungen, oder stürzt zügellos in wilde Zerstreuungen,
die seinen Hinfall beschleunigen und die Ruhe der Gesellschaft
zerstören. Bacchantische Freuden, verderbliches Spiel, tausend
Rasereien, die der Müßiggang ausheckt, sind unvermeidlich, wenn der
Gesetzgeber diesen Hang des Volks nicht zu lenken weiß. Der Mann von
Geschäften ist in Gefahr, ein Leben, das er dem Staat so großmütig
hinopferte, mit dem unseligen Spleen abzubüßen – der Gelehrte zum
dumpfen Pedanten herabzusinken – der Pöbel zum Tier. Die Schaubühne ist
die Stiftung, wo sich Vergnügen mit Unterricht, Ruhe mit Anstrengung,
Kurzweil mit Bildung gattet, wo keine Kraft der Seele zum Nachtheil der
andern gespannt, kein Vergnügen auf Unkosten des Ganzen genossen wird.
Wenn Gram an dem Herzen nagt, wenn trübe Laune unsere einsamen Stunden
vergiftet, wenn uns Welt und Geschäfte anekeln, wenn tausend Lasten
unsre Seele drücken und unsre Reizbarkeit unter Arbeiten des Berufs zu
ersticken droht, so empfängt uns die Bühne – in dieser künstlichen Welt
träumen wir die wirkliche hinweg, wir werden uns selbst wieder gegeben,
unsre Empfindung erwacht, heilsame Leidenschaften erschüttern unsre
schlummernde Natur und treiben das Blut in frischeren Wallungen. Der
Unglückliche weint hier mit fremdem Kummer seinen eignen aus – der
Glückliche wird nüchtern und der Sichere besorgt. Der empfindsame
Weichling härtet sich zum Manne, der rohe Unmensch fängt hier zum ersten
Mal zu empfinden an. Und dann endlich – welch ein Triumph für dich,
Natur! – so oft zu Boden getretene, so oft wieder auferstehende Natur! –
wenn Menschen aus allen Kreisen und Zonen und Ständen, abgeworfen jede
Fessel der Künstelei und der Mode, herausgerissen aus jedem Drange des
Schicksals, durch eine allwebende Sympathie verbrüdert, in ein Geschlecht
wieder aufgelöst, ihrer selbst und der Welt vergessen und ihrem
himmlischen Ursprung sich nähern. Jeder Einzelne genießt die
Entzückungen aller, die verstärkt und verschönert aus hundert Augen auf
ihn zurückfallen, und seine Brust gibt jetzt nur einer Empfindung Raum –
es ist diese: ein Mensch zu sein.
(Erstdruck
Leipzig, G. J. Göschen’sche Verlagsbuchhandlung 1784; hier Quelle:
Projekt Gutenberg, an moderne Rechtschreibung angepasst G. E.)
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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
11.03.2026