Im Zentrum von Friedrich Schiller Überlegungen zur Schönheit,
die er in seiner
Abhandlung • "Über Anmut und
Würde" (1793)
darlegt, steht, wie
Schilling (2005, S.389ff.) ausführt, die Frage, ob man
Schönheit objektiv erklären kann.
Schiller wollte einen klaren Begriff des Schönen finden – etwas,
das nach »Immanuel
Kant (1724-1804) kaum möglich war. In den so genannten
Kallias-Briefen entwickelt Schiller deshalb die Idee,
dass Schönheit zwar sinnlich wahrgenommen wird, aber dennoch
objektiv beschreibbar sein kann.
Dabei knüpft er teilweise an den frühaufklärerischen Philosophen
Christian Wolff an, der Schönheit als Ausdruck von sinnlicher
Vollkommenheit verstand. Schiller geht jedoch weiter: Für ihn
ermöglicht die Erfahrung des Schönen auch eine besondere Form
von Freiheit im menschlichen Leben.
Eine wichtige Unterscheidung in Schillers Denken ist die
zwischen Schönheit und Anmut. Diese Idee leitet er aus einem
griechischen Mythos ab: Die Göttin der Schönheit besitzt einen
Gürtel, der Anmut verleiht und Liebe erweckt. Daraus folgt für
Schiller:
Schiller beschreibt Schönheit als etwas, das von der Natur
gegeben ist. Anmut dagegen entsteht durch das Handeln des
Menschen selbst. Sie zeigt sich besonders in Bewegungen oder im
Verhalten einer Person. Deshalb nennt Schiller Anmut eine
"bewegliche Schönheit“, während die gewöhnliche Schönheit eher
fest und äußerlich ist.
Für Schiller ist Anmut eng mit Freiheit verbunden. Die Natur
gibt dem Menschen zwar seinen Körper und sein Aussehen, doch der
Mensch selbst bestimmt durch seinen Willen und seine Haltung,
wie er sich bewegt und verhält. Dadurch entsteht Anmut als
Ausdruck der Persönlichkeit.
Schiller verbindet seine ästhetischen Überlegungen auch mit
moralischen Fragen. Er kritisiert, dass Kant die Pflicht sehr
streng darstellt. Diese Strenge könne Menschen dazu bringen,
Moral nur als Zwang zu erleben. Schiller dagegen betont, dass
Sinnlichkeit und Moral nicht unbedingt Gegensätze sein müssen.
Für ihn sollte der Mensch beide Seiten verbinden.
Deshalb bewundert Schiller die Vorstellung des Menschen im
antiken Griechenland. Dort seien Natur und Vernunft, Körper und
Geist nicht getrennt gewesen. Diese Harmonie ist für Schiller
ein Ideal: Der Mensch soll ein "ganzer Mensch" sein, bei dem
Gefühl, Verstand und moralisches Handeln zusammenwirken.
In seinen Schriften über Kunst betont Schiller außerdem, dass
Dichtung und Kunst eine wichtige Aufgabe haben. Sie können die
verschiedenen Fähigkeiten des Menschen wieder miteinander
verbinden – zum Beispiel Vernunft und Fantasie oder Kopf und
Herz.
Auch politisch lassen sich seine Gedanken deuten. Schiller
spricht von einer idealen Form der Freiheit, die weder durch
strenge Herrschaft noch durch Chaos bestimmt ist. Freiheit liegt
für ihn zwischen diesen beiden Extremen. Gleichzeitig betont er,
dass Freiheit nicht einfach von außen gegeben werden kann –
jeder Mensch muss sie selbst verwirklichen. Im Gegensatz zu
seinen späteren Schriften, die seine "ästhetische Konzeption in
eine geschichtsphilosophische Perspektive rücken und die
Möglichkeit politischer Freiheit vom geglückten Ausgang einer
ästhetischen Erziehung zu ihr abhängig machten", geht es, so
Brittnacher (1998a, S.588) in • "Über Anmut und
Würde" (1793)
darum, "dem einseitigen politischen Freiheitsbegriff einen
umfassenderen entgegenzustellen, der moralisch orientiert,
anthropologisch erweitert und ästhetisch vermittelt sein soll."
Schließlich beschreibt Schiller Anmut als sichtbaren Ausdruck
der Seele. Sie zeigt sich besonders in freien und natürlichen
Bewegungen eines Menschen. Während Schönheit eher ein Geschenk
der Natur ist, ist Anmut ein Verdienst des Menschen, weil sie
aus seinem freien Handeln entsteht.