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Aspekte der Textanalyse

Überblick

Friedrich Schiller (1759-1805) –  Sonstige WerkeÜber Anmut und Würde (1793)

 
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In seiner Abhandlung • "Über Anmut und Würde" (1793), die Mitte Juni 1793 in der Zeitschrift »Neue Thalia erschien, setzte sich • Friedrich Schiller (1759-1805) zum ersten Mal umfassend mit der Philosophie »Immanuel Kants (1724-1804) auseinander und lieferte zugleich eine "systematische Begründung seiner Überlegungen zur Ästhetik" Brittnacher (1998a, S.587), die er später in seinem Werk • "Über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts"  (1795) auf der Grundlage seiner "leidenschaftlich bewegte(n) Analyse der misslichen kulturellen Situation des modernen Menschen" (Wilkinson/Willoughby 1977, S.15) zu seinem Erziehungsprogramm durch Kunst ausbaute. Dabei griff er darauf zurück, was er schon in dem einen oder anderen kleineren Beitrag zur Theorie des Schönen und Erhabenen ausgeführt hatte. (z. B. Über das Pathetische (1793)

Im Gegensatz zu seinen späteren Schriften, die seine "ästhetische Konzeption in eine geschichtsphilosophische Perspektive rücken und die Möglichkeit politischer Freiheit vom geglückten Ausgang einer ästhetischen Erziehung zu ihr abhängig machten", geht es, so Brittnacher (1998a, S.588) weiter, in • "Über Anmut und Würde" (1793) darum, "dem einseitigen politischen Freiheitsbegriff einen umfassenderen entgegenzustellen, der moralisch orientiert, anthropologisch erweitert und ästhetisch vermittelt sein soll."

Die Auseinandersetzung mit »Immanuel Kants (1724-1804) Vernunftethik führte Schiller in seiner Abhandlung auf ästhetischem und moralphilosophischen Terrain. Sie sollte Kants Theorie jedoch nicht grundsätzlich in Frage stellen, sondern sollte Kants schwierige Philosophie für alle verständlich zu machen ("Kant für alle"). Letzten Endes wollte er zeigen, dass man mit Hilfe der Kunst komplizierte Fragen über Moral und das menschliche Dasein besser verstehen kann. Ob und inwieweit ihm das gelungen ist, ist heute kaum zu sagen, zumal für heutige Leser*innen Sprache und Stil des Textes durchaus schwer verständlich dürfte.

Für Immanuel Kant ist das • Schöne und das • Erhabene oder auch das Schöne keine Objekteigenschaft, sondern eine subjektive Größe, die dadurch auch "keine universale Geltung beanspruchen kann." (ebd., S.589)

Vereinfacht gesagt, ist für Kant das Schöne keine Eigenschaft bestimmter natürlicher Objekte, die uns über unsere sinnliche Wahrnehmung zugänglich sind und bestimmte Sinneseindrücke einschließlich bestimmter Gefühle bewirken, sondern ein besonderes Gefühl, das sich einstellt, wenn man spürt, was sonst mit den Sinnen gar nicht wahrgenommenen werden kann: die Tätigkeit der Vernunft. (vgl. Zelle 2005a, S.399). Im Grunde ist die Schönheit also die "Wirkung eines Gegenstandes auf die menschlichen Erkenntnisvermögen." (Brittnacher 1998a, S.589)

Schiller hat diese Subjektivierung des Schönen nicht geteilt  Stattdessen ging er davon aus, dass man an einem Gegenstand so etwas wie ein objektives Schönheitsmerkmal feststellen kann. Daher sei er, wie Brittnacher (1998a, ebd.)  weiter ausführt, auch davon überzeugt gewesen, dass Freiheit nicht über die in einem Kunstwerk gestalteten Inhalte anschaulich gemacht werden könne, sondern nur über "das Schöne als bloße Form der Gestaltung, das in seiner offenbaren Harmonie keinem äußeren Zweck, sondern allein seinem inneren Gesetz zu folgen scheint". (ebd.) In der Praxis, so nahm Schiller an, wird ein Kunstwerk, das diese Idee der Freiheit repräsentiert, rezipiert und entfaltet im Spiel mit der Einbildungskraft des Betrachters seine Wirkungen, ohne dabei an bestimmte Gegenstände bzw. Inhalte gebunden zu sein. Die "Erfahrung des Schönen", die der Rezipient macht. wird damit also zum "Medium einer innerweltlichen Freiheit des Menschen" (Schilling 2005, S.389)

In seiner Abhandlung macht Schiller die Begriffe "Anmut" und "Würde" zu den "Prüfsteinen seiner ästhetischen Theorie" (Brittnacher 1998a, S.589), wobei gerade der Begriff der Anmut, der seit jeher als Sonderfall des Schönen gilt wie kaum ein anderer im Umfeld des Schönen, "entschieden das Unbegreifliche und Geheimnisvolle der Kunst für sich reklamiert". (ebd.)

Der Gürtel, so heißt es in Schillers Abhandlung, "(besitzt) die Kraft (...) , dem, der ihn trägt, Anmut zu verleihen und Liebe zu erwerben." Der auf den antiken Mythos der Göttin von Gnidus  (= gr. Göttin der Liebe »Venus) zurückgehende • "Gürtel des Liebreizes" (Schiller), den »Venus abnehmen, anlegen und ausleihen kann, findet Schiller "den willkommenen Beleg für seine gegen Kant entwickelte Behauptung, das Schöne sei ein objektives – aber keineswegs schon naturgegebenes – Merkmal ästhetischer Gegenstände." (ebd., S.590)

Wenn Schiller betont, dass die Anmut ▪ "kein ausschließendes Prärogativ des Schönen" sei, gibt er dem Begriff auch eine moralische Dimension, weil er sie auch dem, was gemeinhin nicht unbedingt schön erscheint, dem "Nichtschönen" zuerkennt. (vgl. ebd., S.591)

Mit seiner Aussage "Anmut (ist) nur ein Vorrecht der Menschenbildung" macht Schiller darauf aufmerksam, dass etwas, das objektiv schön ist, nur anmutig schön werden kann, durch "eine Intervention menschlicher Subjektivität." (ebd.) Dementsprechend macht, in den Worten Schillers "die architektonische Schönheit [...] dem Urheber der Natur, Anmut und Grazie machen ihrem Besitzer Ehre. Jene ist ein Talent, diese ein persönliches Verdienst."

Seine These, "Anmut ist eine bewegliche Schönheit; eine Schönheit nämlich, die an ihrem Subjekte zufällig entstehen und ebenso aufhören kann", verweist auf den Unterschied zwischen der "Schönheit der Bewegung" und der "Schönheit des Baus", der "architektonischen Schönheit", unter der Schiller "Vorzüge" versteht"die man bloß der Natur und dem Glück zu verdanken hat", als äußerliche Qualitäten der menschlichen Erscheinung wie "ein glückliches Verhältnis der Glieder, fließende Umrisse, ein lieblicher Teint, eine zarte Haut, ein feiner und freier Wuchs, eine wohlklingende Stimme usf." Die "architektonische Schönheit des Menschen" ist für ihn "der sinnliche Ausdruck eines Vernunftbegriffs:" Anmut zeigt sich, vereinfacht ausgedrückt, in den Bewegungen und im Verhalten eines Menschen, wenn Herz und Verstand im Einklang zueinander stehen.

Wenn für Schiller die "Anmut (...) die Schönheit der Gestalt unter dem Einfluss der Freiheit (ist); die Schönheit derjenigen Erscheinungen, die die Person bestimmt." dann deutet er "die sich in schöner Bewegung präsentierende Anmut" anthropologisch, wie Brittnacher (1998a, S.591) feststellt. So gäben die mühelosen Bewegungen der Anmut eine verlässliche Auskunft darüber, dass sich der Mensch mit sich selbst in Harmonie befindet. Das Besondere der Anmut besteht dabei darin, dass der Mensch zwar in einer sinnlichen Art und Weise sein moralisches Empfinden mitteile, aber dabei von bloßer Sinnlichkeit getrieben ist.

Indem Anmut für Schiller eine vom Menschen hervorgebrachte Schönheit darstellt, ist sie, wie Schiller weiter betont, eine Eigenschaft des Subjekts und damit auch "abhängig von der Art seines Empfindens und Wollens, also von Zuständen, die er selbst in seiner Freiheit und nicht die Natur nach ihrer Notwendigkeit bestimmt."

Brittnacher (1998a S.591f.) zieht daraus den Schluss, dass "dieser Bezug auf die Sittlichkeit des Menschen, die sich im freien Gebrauch seiner natürlichen Gegebenheiten äußert, (...) der Schillerschen Schönheitslehre ihre moralische Dimension (verleiht). Ohne sinnliche Erscheinung ist Schönheit undenkbar, doch anmutig darf das sinnliche Material erst genannt werden, wenn es zugleich einer Idee der Vernunft korrespondiert." Welcher Art die Idee sein soll, die "die Vernunft in das Schöne hineinträgt, und durch welche objektive Eigenschaft der schöne Gegenstand fähig sei, dieser Idee zum Symbol zu dienen", bleibt von Schiller unbeantwortet.

Im Hinblick auf die Doppelnatur des Menschen als Gefühls- und Vernunftwesen wollte Schiller die menschliche Schönheit am Begriffspaar Anmut und Würde erklären. Schillers emphatisches Anliegen war, den kantischen Dualismus zwischen der physischen und der geistig-vernünftigen Natur des Menschen in einer Synthese der „schönen Seele“ zu versöhnen, bei der Pflicht und Neigung harmonierten.

 

 Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 16.03.2026

 
 

 
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