»Für Schiller
ist Anmut weit mehr als nur "hübsch aussehen". Er nutzt dafür
einen philosophischen Fachbegriff: die 2Schönheit in der
Bewegung".
Stell dir vor,
jemand bewegt sich ganz natürlich, ohne darüber nachzudenken –
zum Beispiel beim Tanzen oder bei einer Geste. Wenn diese
Bewegung harmonisch wirkt, nennt Schiller das Anmut.
Hier sind die
drei wichtigsten Punkte, um Schillers Konzept zu verstehen:
1. Die „schöne Seele“
Das ist der Kernpunkt: Anmut ist der äußere Ausdruck einer
schönen Seele. Eine schöne Seele hat jemand, bei dem
Pflicht (was man tun muss) und Neigung (was man tun
will) eins sind.
- Beispiel: Wenn du jemandem hilfst, nicht weil du musst
oder ein schlechtes Gewissen hast, sondern weil dein ganzer
Charakter einfach so eingestellt ist, dass du es gerne tust.
Diese Leichtigkeit sieht man dir dann in deinen Bewegungen
an – das ist Anmut.
2. Freiwilligkeit statt Zwang
Anmut kann man nicht erzwingen. Wenn du versuchst,
absichtlich „anmutig“ zu wirken, sieht das meistens verkrampft
oder künstlich aus.
- Schiller sagt: Anmut ist eine Gunst, die die
Natur dem Menschen schenkt. Sie zeigt sich nur dann, wenn
der Verstand (der Geist) dem Körper nicht befiehlt, wie er
auszusehen hat, sondern wenn beide im Einklang sind.
3. Das Bild des Gürtels (Die Göttin von Knidos)
Wie schon erwähnt, nutzt Schiller das Bild der Venus
(Aphrodite). Sie ist von Natur aus schön, aber erst wenn sie
ihren magischen Gürtel anlegt, bekommt sie Anmut.
Der Gürtel symbolisiert, dass Anmut etwas Flüchtiges
und Bewegliches ist. Man hat sie nicht dauerhaft wie eine
Augenfarbe, sondern sie entsteht im Moment der Handlung.«
1. Anmut als „bewegliche Schönheit“
»Schiller
unterscheidet zwischen der bloßen körperlichen Gestalt und der
Art, wie wir uns bewegen:
Fixe
Schönheit: Das ist die „architektonische“ Schönheit (z. B.
ebenmäßige Gesichtszüge). Sie ist ein Geschenk der Natur und
unterliegt der Notwendigkeit (Genetik).
Anmut:
Sie ist die Schönheit in der Bewegung. Da der Mensch seine
Bewegungen (Gestik, Mimik, Gang) durch seinen Willen steuern
kann, nennst Schiller dies eine "Freiheitserscheinung".
2. Anmut als Ausdruck der „schönen Seele“
Des ist der
wichtigste moralphilosophische Punkt. Anmut entsteht laut
Schiller dann, wenn die sittliche Gesinnung eines Menschen so
sehr Teil seines Wesens geworden ist, dass er das Richtige tut,
ohne darüber nachdenken oder sich dazu zwingen zu müssen.
Das Ideal:
Pflicht und Neigung sind eins.
Die Wirkung:
Ein Mensch mit Anmut strahlt eine Leichtigkeit aus. Er wirkt
nicht verkrampft oder streng (wie es Schiller bei Kants
Pflichtbegriff kritisierte), sondern „ungezwungen“.
Definition
nach Schiller: "Anmut ist die Schönheit der Gestalt unter
dem Einfluß der Freiheit."
3. Anmut als "persönliches Verdienst"
Während man für
ein schönes Gesicht nichts kann, ist man für seine Anmut selbst
verantwortlich.
Schönheit ist
ein Talent der Natur.
Anmut ist ein
Verdienst der Person, da sie zeigt, dass der Geist den
Körper harmonisch beherrscht.
4. Abgrenzung zur Würde
Um das Konzept
voll zu verstehen, muss man den Gegenbegriff kennen, den
Schiller im selben Atemzug nennt:
Anmut
zeigt sich, wenn das Gemüt im Gleichgewicht ist (Harmonie).
Würde
hingegen wird benötigt, wenn die Triebe oder äußeres Leid gegen
die Vernunft rebellieren. Hier muss der Geist den Körper mit
Gewalt beherrschen. Anmut ist also die "schöne" Freiheit, Würde
die "erhabene" Kraft des Geistes.
Zusammenfassung: Der "ganze Mensch"
Für Schiller
ist Anmut das sichtbare Zeichen dafür, dass ein Mensch kein
"Knecht" seiner Pflicht ist (wie bei Kant), sondern ein "Kind
des Hauses". Er gehorcht dem Moralgesetz nicht aus Angst oder
Zwang, sondern weil es seiner Natur entspricht. In der Anmut
verschmelzen Eros (Sinnlichkeit) und Ratio (Vernunft).«