Auch wenn Schillers Drama von seiner Gesamtkomposition her betrachtet
dem pyramidalen
Modell des (aristotelischen) Dramenaufbaus wie beim Drama der
geschlossenen Form nicht folgt, und eher, wie
Klotz (1969/76, S.224) betont, ein "dem •
offenen Drama nahe
stehendes Stück" handelt, fehlt dem Stück eben die strenge Akt- und
Szeneneinteilung, wie sie beim •
Drama der geschlossenen Form üblich ist.
Außerdem gibt es eine ganze Reihe verschiedener Handlungsort bzw.
-räume, die auf der Bühne zur Darstellung gebrachte Zeit der
Handlung umfasst einen längeren Zeitraum und auch die eingefügten
Lieder und Erzählungen passen nicht zum Ideal des Dramas der
geschlossenen Form.
Wenn die •
Komposition der »Räuber« also keine eindeutige Zuordnung zum
einen oder anderen Dramentyp zulässt, ist dies auch nicht weiter von
Bedeutung, denn auch
Pfister (1977, S. 322),
betont, dass der ex negativo, d. h. durch seine Abweichungen vom
Idealtyp des
•
Dramas der geschlossenen Form
gewonnene ideale Formtyp des offenen Dramas ein Konstrukt darstellt, das
"sehr unterschiedliche Formen der Negation einer geschlossenen Form"
umfasst. Und dazu zählen eben auch die Dramen des
•
Sturm und Drang.
Eine
der •
Formkonventionen des
so genannten Regeldramas, wie es
»Johann Christoph Gottsched (1700-1766)
gefordert hatte, die •
Lehre von den drei Einheiten
gibt Schiller in seinem Drama auf. Danach durfte ein Theaterstück nur an
einem einzigen Ort spielen (Einheit des Orts), nicht länger als 24
Stunden dauern (Einheit der Zeit) und nur eine einzige Haupthandlung
ohne Abschweifungen (Einheit der Handlung) haben.
•
Friedrich Schillers
Drama •"Die
Räuber" kennt solche engen Grenzen nicht.
Allerdings gewinnt
Hofmann (1996, S.86) bei seiner Interpretation des Dramas den
Eindruck, "dass Schillers Stück keine Aneinanderreihung
selbständiger Szenen darstellt, sondern ein rational
durchkonstruiertes Ganzes ist, in dem die einzelnen Teile eine klar
bestimmbare Funktion haben." Schiller habe damit offenbar
suggerieren wollen, "das der formalen Geschlossenheit eines
inhaltliche entspreche, und damit die moralische Unbedenklichkeit
des Stücks gewährleisten". (ebd.)
Im Übrigen könne man erkennen, dass die Räuber die "konventionelle
Abfolge eines Dramas - Exposition, Intrige/Verwicklung/ Peripetie/Anagnoris,
Katastrophe/Auflösung" umsetzten.
Der • Unmittelbarkeit des dramatischen Textes geschuldet widmen sich
auch in ▪
Schillers
Drama
• "Die
Räuber" verschiedene Szenen im ▪
1. Akt der
▪
Exposition. Entsprechend ihres Charakters als "Doppeltragödie" zweier
Menschen, "die jeder für sich und im Grunde ohne sonderliches Zutun
des andern ihre Verderben heraufbeschwörten" (Ibel
1982, S.47), wird nicht zuletzt wegen dieser "antithetischen
Zweigleisigkeit" (ebd.)
des Dramas gibt es in den Räubern auch eine zweiteilige Exposition,
die allerdings wegen zahlreicher gegenseitiger Wechselbeziehungen
der beiden Eingangsszenen für die kompositorische Einheit der
Exposition sorgen. So sind die ersten beiden Auftritte des ersten (•
I,1 und
• I,2) und des letzten Aktes
(V,1 und
V,2) den beiden Hauptfiguren •
Franz und •
Karl vorbehalten. "In dieser zweifachen Exposition",
betont
Hofmann (1996, S.86), "sind in meisterhafter Konzentration -
obwohl Spiegelberg in • I,2 ein
großer Redeteil zukommt - die Charaktere der beiden Brüder angelegt,
aus der sich die Handlung unschwer entwickelt."
Dabei ist es vor allem der "grelle Kontrast" (Sautermeister
2005, S.24), der zwischen dem in der Diktion des angeblichen
Korrespondentenberichts dargestellten Schurken und Taugenichts Karl
und dem ihm zugeschriebenen Genie, das Zuschauer und Leser in den
Bann eines Rätsel schlägt und der Exposition des Schauspiels jenen
erregenden Charakter verleiht, die Schiller in seinem sorgfältig
durchstrukturierten "dramatische(n) Erregungskabinett" in einer "regelrechte(n)
Folge von dramatische(n) Pointen (entwickelt)." Dazu zählt das von
Franz entworfene Zukunftsszenario, das den allein dem Lebensgenuss
zugewandeten Bruder in nicht allzu ferner Zukunft als kriminellen
Räuber sieht, und den Vater in der geradezu heiligen Pflicht, sich
für immer von diesem loszusagen, wolle er nicht selbst den •"Fluch
der Verdammnis Gottes" auf sich laden.