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Textauswahl zur Rezeptionsgeschichte

Ludwig Alexander Lamotte: Eine Aufführung der Räuber unter Räubern (1789)

Friedrich Schiller (1759-1805): Die Räuber

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren Friedrich Schiller Biographie
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Ludwig Alexander LaMotte (1748 - 1798), der 1748 in Freudenstadt im Schwarzwald geboren wurde, wurde als Theologe im Tübinger Stift ausgebildet und wurde dann ab 1770 Hofmeister in Marschlins, Nimes und Montpellier. Aufgrund siner Probeschrift "Über den Einfluss der französischen Literatur in die Sitten der deutschen Nation" wurde er 1780-94 Professor des Naturrechts und der französischen Literatur an der • Karlsschule, wo er seit 1786 außer in diesen Fächern Unterricht in Sulzers Vorübungen und in propädeutischer Geschichte erteilte.

Linar, oder die Geschichte eines deutschen Grafen
Ludwig Alexander Lamotte (1789)

(S.1) Der Graf von Linar war Wittwer und bewohnte mit seinem einzigen Sohne das ihm zugehörige Dorf Lustheim am Bodensee. Eine enge Freundschaft hatte ihn mit dem benachbarten adelichen Hause Solas verbunden, und bald sollte sie durch die Vermählung des jungen Linar mit dem Fräulein Solas noch fester geknüpfet werden. Diese Heirat war von Seiten des verlobten Paares nicht das blosse Werk des Gehorsams und der Konvenienz; Linar würde seine Wilhelmine, Wilhelmine ihren Linar aus allen gewählt haben. Unvermuthet erhob sich ein heftiger Zwist zwischen den Vätern. Der alte Graf von Linar, ein Opfer seines unbändigen Zornes, verfiel in ein hitziges Fieber. Als er sich dem Tod nahe fühlte, befahl er seinen Leuten sich zu entfernen, sein Sohn allein blieb bei ihm; vor A dem (S.2) Bette des Vaters knieend zerfloß er in Thränen. Ich habe, sagte zu ihm der sterbende Graf, mein Haus bestellt und Gott meine Seele befohlen ; empfang noch du, theuerster Heinrich, meinen letzten Willen und mit ihm meinen Segen. Du warst ein gehorsamer Sohn; der Himmel lohne dich dafür, wenn du noch den einzigen Befehl ,den ich dir zu geben habe, erfüllen wirst! Leb glücklicher und länger als ich; mäßige das Feuer deiner Jugend; einst gebe dir der Allgütige Kinder, die meinem Sohne gleichen aber er gebe dir keines von Wilhelmine Solas! Ist dir der Wille des sterbenden Vaters heilig, so entsag der Verbindung mit ihr, und wähl nun zwischen Segen und Fluch. Nach diesen Worten verschied der Graf. Der junge Linar fiel ohne Bewußtsein am Fusse des Bettes nieder. Man fand ihn noch in diesem Zustand, und kaum hatte er wieder seine Sinnen erhalten, so äusserten sich an ihm einige Zeichen eben derselben Krankheit, die vor wenigen Augenblicken seinem Vater den Tod zugezogen hatte.

Auf die Nachricht die man seinem mütterlichen Oheim, dem Würtembergischen Kammerherrn (S.3) von Rewiz, von der augenscheinlichen Gefahr, worinn sein Vetter schwebte, ertheilte, eilte dieser zärtliche Verwandte, der unverheirathet war, sogleich herbei. Er traf den jungen Grafen fantasirend an, wie er bald in den kläglichsten Ausdrücken den Schatten seines Vaters um Schonung flehte, verflucht sich nannte, in die wildeste Verzweiflung gerieth, bald nach einigem Stillstand durch sanftes Lächeln die süsseste Zufriedenheit ausdrückte, seinem Vater dankte und Wilhelminen an seine Brust zu drücken glaubte. Während dem Irrsinn Linars nahmen die Bediente, die ihn verpflegten von einigen seiner Worte Anlaß, den Oheim von dem Hasse zu belehren, der zwischen dem alten Grafen und dem Freiherrn von Solas auf den vertrautesten Umgang gefolgt war. Rewiz hatte den Karacter seines Schwagers, in welchem die Unversöhnlichkeit ein auffallender Zug war, nur zu gut gekannt; er erfuhr izt, daß der sterbende Linar mit seinem Sohne allein zu bleiben verlangt hatte und errieth nun leicht den Innhalt der Unterredung. Er befahl den Bedienten ihrem Herrn wenn er einiger Ruhe genossen haben würde, seine Ankunft anzuzeigen und entfernte sich.

(S.4) Linar empfand für den Herrn von Rewiz nicht bloß die Ehrerbietung, die er einem Oheim schuldig war; er hatte auch die zärtlichste Freundschaft für ihn gefaßt. Zwar hatte Rewiz bereits das vierzigkte Jahr zurückgelegt, und Linar war ein und zwanzig Jahre alt aber Rewiz war munter, ohne die Würde seines Alters zu verletzen; er trug für die Fehler der Jugend, für ihre Uebereilung, ihr uneingeschränktes Vertrauen in ihre geringe Kräfte, und für ihren Unbestand die Nachsicht eines Mannes, der mit den Schwachheiten jedes Alters bekannt war, und er hatte seinem Neffen, der erst seit acht Monaten die hohe Carlsschule verlassen hatte, zu Stuttgart lauſend Beweise seines Wolwollens gegeben. Sein Besuch linderte Linars Schmerzen; die sorgfältigste Pflege und des Jünglings Stärke siegten endlich über die Krankheit; doch kehrte die Freude noch nicht in die ihr sonst offene Seele des Grafen zurücke. Er hatte vor zwey Monaten dem geliebten Oheim von seiner beschlossenen Verbindung mit dem Fräulein Wilhelmine von Solas, als von dem größten Glücke, das ihm hätte wiederfahren können, Nachricht gegeben. Der Oheim nannte das Fräulein."

[Auf ihrer Reise von Reise von Lustheim am Bodensee über Stuttgart (S.13) werden die beiden Reisenden von zwei Bedienten begleitet.]

(S.29) Am nächsten Morgen setzten sie ihre Reise fort. Sie waren noch sechs Meilen von München entfernt , und eine halbe Meile von der nächsten Poststation, wo sie übernachten wollten ; es war Abends um fünf Uhr, als ihr Wagen von zwölf Reitern, die Churfürstliche Scharfschützen zu seyn schiene, angehalten wurde. Halt! redete ihr Haupt den Postknecht an, und folg mir auf Befehl der Regierung. Sie , meine Herren im Wagen, sind nebst Ihren Bedienten Gefangene des Churfürsten. Keine Gegenwehr, wer seine Waffen nur berührt, ist des Todes. [ ...]  (S.31) Der Wagen, von den Retern umrungen, mußte nun unter dem Vorrit des Anführers die Heerstrasse verlassen, und während einer starken Meile über holperichte Anhöhen einem einsamen Baurenhofe zufahren. Den Herren und Bedienten war alle Unterhaltung verboten; jene waren bald auf die Vermuthung gerathen, daß die vorgegebene Scharfschützen verkappte Räuber wären.

Ihre Muthmaffung gieng bei dem Eintrit in den Baurenhof in die traurigste Gewisheit über. Man ließ sie in den Keller hinabsteigen, von wo aus eine Verborgene, mit Erde , gleich dem übrigen Platz, zugedeckte Falthüre durch viele Staffeln in eine Vertiefung führte, die eine lange Reihe von Zimmern enthielt, worinn Bequemlichkeit mit der Pracht und dem Ueberflusse wechselten; es stiessen ihnen verschiedene Personen beider Geschlechter auf. Raubal, so hieß der Anführer, stellte sie seiner Gefährtin vor. Ich bringe dir, Sophie, sagte er, gute Freunde, du siehst hier den Kammerherrn von Rewiz, und den jungen Grafen von Linar. Raubals (S.32) Beischläferin war von einer Schönheit und einem Anstande, die man nie unter der Erde gesucht haben würde. Linar erfuhr in der Folge, daß sie von gutem Herkommen war, ihren Mann vergiftet, nach der Entdeckung ihres Verbrechens die Flucht ergriffen habe und bei ihrer Entweichung dem Raubal zu Theil geworden sey. Seyen Sie beide mir willkommen, meine liebenswürdige Kavaliere, sagte sie; ich wünsche Ihnen Glück in so gute Hånde, wie des edelmüthigen Raubals gefallen zu seyn, Sie sind heut Abend meine Gäste. Linar war zu bestürzt, um zu reden. Rewiz wandte sich an Raubal. Wenn diese deine Hände gut nennt, weil sie nicht die Hände eines Mörders find, so nimm, was du bei uns findest, und laß uns frey; ich gebe dir in aller Namen meine Kavaliersparole, zu schweigen.

Du, rief hier einer der Räuber, ein mislungener Student, wissen Sie, mein Herr, daß noch kein Mensch sich erfrecht hat, den Herrn von Raubal zu duzen? Sie sprechen fast in dem Tone, wie Cäsar mit den Seeräubern. Laß es gut seyn, Kamerade, sagte Raubal (S.33) der Herr von Rewiz wird schon näher mit mir bekannt werden; in der That, Herr Kammerherr, sogleich kann ich mir das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft nicht entziehen lassen. Nicht so, Docktor Harpagon? sagte er zum Erstudenten; du hast mir die Ehre davon verschaft, und du würdest es mir verübeln, wenn ich Freunde, die mir von dir empfohlen wurden, urplözlich wieder abreisen liesse.

Rewiz sah den Harpagon an, und erkannte in ihm die Züge eines Mannes, den er in einer ganz verschiedenen Kleidung den Abend vorher auf der Poststation, wo er übernachtete , angetroffen hatte; Harpagon hatte seinen und Linars Namen aus dem Nachtzettel gelernt, und er konnte auch ihren Wagen aus seiner in Bayern ungewöhnlichen Bauart bei dem Angriff desto leichter unterscheiden, als keine andere Extrapost in der vorhergehenden Nacht angekommen war.

Raubal befahl das Abendessen aufzutragen. Nun , mein schöner junger Graf, sagte er zu Linar, Sie scheinen sehr abgemattet; der Weg war auch gar zu rauh; erholen Sie Sich nun beim Nachtessen; Sie sollen, hoff ' ich, nicht zu viel (S.34) verliehren, daß Sie in keinem Gasthofe speisen. Umsonst weigerten sich Rewiz und Linar Platz zu nehmen; sie mußten an die Seite der Raubal sich setzen; er selber saß ihnen gegen über, zwischen seinem zwölfjährigen Sohne und Harpagon; sieben andere Räuber füllten die Tafel aus .

O wehe! rief die Raubal; wir sind drei zehn bei Tische; wenn wir es blieben, müßte im Zeitraum eines Jahres einer der Mitspeisenden sterben. Bei diesen Worten, die Rewiz für eine Anspielung auf den ihm und seiner Geselschaft bereiteten Tod hielt, sah er den Anführer an, und Linars Bangigkeit vermehrte sich. Seyen Sie guten Muthes sagte zu ihnen Raubal, der ihre Besorgnis auf ihrem Gesichte las, Raubals Wohnung ist keine Mördergrube; ich verabscheue das Blutvergiessen, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß weder Ihnen noch Ihren Bedienten das mindeste Leid an Ihren Personen zugefügt werden soll; wenn die kleinen Angelegenheiten, die wir morgen nach dem Kaffe auszumachen haben, abgethan seyn werden, so können Sie Ihre Reise glücklich fortsetzen; ich mache es mir alsdenn

(S.35) zur angenehmen Pflicht, Sie wieder auf die Heerstrasse zu führen. Diese Versicherung, ob sie gleich aus dem Munde eines Näubers kam, minderte doch die Unruhe des Kammerherrn und seines Betters; auch sogar ihren Bedienten und dem Postilion, die in einem Nebenzimmer mit dem größten Theile der Raubalschen Bande speisten, war eben dieselbe Zusage geschehen. Rewiz und Linar liessen sich sogar bewegen zu essen. Auf welche Begebenheit gründet sich die Meinung, daß von dreizehn Personen eines Tisches in Zeit eines Jahres eine sterben müsse? Fragte Raubal den Linar. Der Graf, dem der vermuthliche Ursprung dieses Vorurtheils bekannt war, trug Bedenken ihn zu sagen, weil er vor einer solchen Gesellschaft den heiligsten Namen nicht aussprechen wollte, der, wie er sich einbildete, dabei erwähnt werden müßte. Rewiz, welcher seine Verlegenheit bemerkte, antwortete, daß man ihn vom Schicksale des Verräthers Judas herleite. Das mag seyn, sagte Harpagon; dort aber starben von dreizehn zwey, nicht einer, ich denke eher, dieser Aber glaube rühre von einem wiederholten Zufalle her. (S.36) Und ich denk, fügte Raubal bei, indem er seine übrige Tischgenossen ansah, daß einem Verräther der Tod gebühr, sollte er auch bei seinem Herrn allein zu Tisch sitzen. Doch um meine Frau von ihrer Angst zu befreyen, hole man die schlanke Agathe her; sie wird gern neben den Grafen sich setzen.

Dieses siebzehnjährige Mädgen war die Tochter eines der mitspeisenden Räuber. Weisst du auch, Agathe, rief ihr Raubal zu, daß du einen von uns dreizehn vom Tode befreyest? O daran, schrye Harpagon, liegt ihr nicht so viel, als wenn sie das Vergnügen geniessen könnte, bald einem das Leben zu geben. Doktor, versezte die Raubal, sey nicht ungezogen; du siehst, daß der junge Kavalier hier erröthet. Damit uns aber die Zahl dreizehn, die wir zu erst bei Tisch ausmachten, nicht nachtheilig werden könne, so wollen wir auf das lange Leben eines jeden unter uns trinken. Und zwar, rief Harpagon aus, zuerst auf das hohe Wolergehen der Frau von Raubal. Es lebe die Frau von Raubal hoch! noch einmal hoch! Rewiz und Linar mußten anstossen und trinken. Dieser Wein, sagte Raubal, sollte nicht schlimm (S.37) seyn, er war als einer der edelsten Rheinweine nach Hof bestimmt; aus Furcht, er möchte zu hitzig für den Churfürsten seyn, habe ich ihn in meinen Keller gelegt.

Sie haben ohne Zweifel studirt, Herr Graf ? fragte Harpagon den Linar. Ja Mein Kleiner hier, sagte Raubal, hat auch glückliche Anlagen; wenn es in unserer Unterwelt eine Universität gäbe, ich würde sie ihn dort ausbilden lassen. Indessen unterweist ihn D. Harpagon. Sag diesen Herren, Harpagon, was du ihn lehrest. - Die Klopologie. - Sogar der Name dieser Kunst, sagte Rewiz, ist mir unbekannt. Sie war ehedem eine bloße Kunst; ich schmeichle mir aber, ein Lehrgebäude davon errichtet zu haben, wodurch ich sie zu einer wahren Wissenschaft erhob; denn was wird nicht heute zur Wissenschaft? Uebrigens habe ich die Ehre, Sie zu versichern, daß sie weit einträglicher ist, als die Rechtsgelahrheit, trotz jenem lateinischen Verse. Raubal hieß ihn sagen, was dann die Klopologie sey,

Harpagon. Wissen Sie, mein junger Graf , was bedeutet ?

Linar. Stehlen, Diebstahl. (S.38)

Harpagon. Pfui! dergleichen Worte muß kein gesitteter Kavalier in den Mund nehmen; Die Klopologie, sag ich Ihnen, ist die Wissenschaft, sich auf eine geschickte Art die Güter der Welt zuzueignen. Sie bilden Sich leicht ein, daß ich meinem Unterricht eine Geschichte davon vorausgeschickt habe, und darinn wird Ihnen mein Schüler gewiß Genüge leisten. Nennen Sie mir, Junker Wilhelm, einige der ersten Zierden unserer Wissenschaft.

Wilhelm. Herkules.

Rewiz. Er war vielmehr der abgesagte Feind und Ueberwinder der Räuber.

Harpagon. Es ist wahr, er gieng mit ihnen nicht sehr kollegialisch um, etwa wie die deutsche Ritter der mittleren Jahrhunderte einander behandelten. Aber dem dreileibigen Geryon nahm er seine Rinder ab, dem Diomedes von Thrazien seine Pferde, und seinem Gaste Iphitus ohne Zweifel all sein Geräthe. - Nun Wilhelm wissen Sie keine andere Räuber aus dem Alterthum?

Wilhelm. Periphetes, den Keulentråger, Sinnis den Fichtenbeuger, Skiron, dem die

(S.39) Gefangene die Füsse waschen mußten, Prokrustes, den Gliederzieher.

Harpagon. Welche Nation des grauen und weisen Alterthums hat den Raub nicht nur erlaubt, sondern als eine sehr nützliche Kunst angesehen?

Wilhelm. Sparta.

Harpagon. War dieses Volk verwildert, lasterhaft?

Wilhelm. Es war das edelste und tugendhafteste in ganz Griechenland.

Harpagon. Wie theilt man die Räuber ein?

Wilhelm. In grosse, wie Alexander, Tasmerlan, und in kleine, wie Cartouche, Mandarin.

Harpagon. Verdienen alle Räuber gelobt zu werden? 

Wilhelm. Nein es gibt deren gute und schlimme.

Harpagon. Beispiele von den letzten? (S.40)

Wilhelm. Die vier obige, die Theseus erlegte; und in neuern Zeiten, Baran aus Abruzzo, der das Blut der Ermordeten trank; Prosper Camisola, der alle Weiber misbrauchte.

Harpagon. Wer ist unter allen guten Räubern der beste?

Wilhelm. Mein Vater Raubal.

Harpagon. Was hat ....

Still, Doctor Schulfuchs, rief hier Raubal, laß einmal den armen Kleinen in Ruhe essen, und kram selber deine Gelehrsamkeit aus. Harpagon, meine Herren, thut, wie Sie schon gesehen haben werden, sich ungemein viel auf seine Kenntnisse zu gut; ich kann zwar davon nicht urtheilen; aber es sollte mich wundern, wenn er mehr als ein Stümper wäre; er versteht mein Handwerk zu wohl, um noch ein grosser Gelehrter zu seyn. Sie würden mich Ihnen recht verbinden, wenn Sie seinen Ton um etwas herabstimmen wollten; ich geb ' ihn Ihren Preis; prüfen Sie ihn. 

Rewiz. Dazu ist er zu gelehrt; er hat eine ganz neue Wissenschaft erfunden.

Harpagon. Zweifeln Sie etwa, mein (S.41) Kammerherr, daß die Klopologie eine Wissenschaft sey.

Rewiz. Die auf sehr festen Gründen ruht.

Harpagon. So fest als immer eine Wissenschaft sie haben kann. Ihr höchster Grundsatz ist mit unserm Daseyn aufs innigste verwebt; es ist die Selbsterhaltung, oder jeder ist sich selber der nächste; auf diese Erkenntnisquelle lassen sich alle übrige Wahrheiten der Klopologie sehr leicht zurückführen, so wie sie auch alle daraus von selbst fließen. Die Selbsterhaltung. -

Macht es uns, unterbrach ihn die Raubal  zum ersten Gesetz, wie ich hoffe, zu essen und zu trinken, und dieß wär sicher eine klügere Art, diese Herrn in deiner Wissenschaft einzuweihen, als dein albernes Geschwäze, Versuchen Sie diesen Kaiserkuchen, meine schöne Kavaliere, oder diese Mandelschnitten; ich weiß nicht , welches von beiden Ihnen besser schmecken wird.

Meine Köchin, sagte Raubal, verpflegte den Magen eines der reichsten und üppigsten Prälaten von Bayern; er hatte sie schon in ihrer (S.42) Kindheit nach Wien geschickt, um sie in dieser Hauptstadt der Leckerei, oder, wie der gelehrte Harpagon sagt, der Gastromanie in allen Zweigen der Kochkunst unterrichten zu lassen. Der Ruf ihrer grossen Geschicklichkeit machte mich lüstern nach ihrem Besitze; wir nahmen sie dem schnarchenden Praelaten von der Seite weg, und verschafften ihr einen rüstigeren Schlafgesellen. Aber, meine Herrn, der Grund, auf welchen Harpagon unser Handwerk stützt, dünkt mich doch zimlich richtig.

Rewiz. Der Grund an sich ist unstreitig; allein weit entfernt darauf zu bauen, zerstört ihn der Stand des Räubers durch die falsche Mittel dieser Selbsterhaltung.

Harpagon. Was die Zerstörung betrifft, so widerlegt den Kammerherrn unser Wolbefinden, und in Ansehung der Art unserer Mittel könnte ich, wenn die reinere Sittenlehre der Unterwelt die freche Grundsätze, die hie und da auf der Erde herrschen, zuließe, antworten, daß der Zweck, nemlich die Selbsterhaltung, die Mittel heiligt. Aber auch diese Mittel sind die rechtmässigste. Der Herr Kammerherr vermengt, (S.43) wie ich glaube, unsern natürlichen Zustand mit dem gesellschaftlichen; wir leben im aussergesellschaftlichen; hier gehört alles allen, oder besser, keinem nichts; es ist ein Krieg aller gegen alle, in welchem kraft des Rechtes, das jeder auf alle erschaffene Dinge hat, er sich durch List oder Gewalt in den Besitz der ihm aufstossenden Güter setzen darf.

Raubal. Graf Linar, lassen Sie diesem Halbgelehrten den Sieg nicht; er würde unerträglich werden.

Linar. Die Gesellschaft verliehrt nie ihre Rechte über die Mitglieder, die sie muthwillig verlassen, und den Vertrag brechen, den sie mit ihnen geschlossen hat. Tritt ein Glied auch mit ihrer Einwilligung aus, so kann ihm doch dieser Austritt nie das Recht geben, sie zu beleidigen; und sie behält sich immer die Ausübung ihrer Strafgerechtigkeit vor.

Harpagon. Weil sie gewaltthätig und ungerecht ist; dieß, erhellt sogar aus dem Vertrag, auf den Sie Sich berufen. Ich hatte mich der Rechtswissenschaft gewidmet, Herr Graf, das heißt , ich hatte der Gesellschaft (S.44) versprochen, mich durch den Labyrinth der vierzigtausend römischen Gesetze, und das Deutsche und Bayersche Recht durchzuarbeiten; sie hat sich dagegen verpflichtet, mir dafür ein richterliches Amt zu übertragen. Ich hielt mein Versprechen, sie nicht das ihrige; folglich bin ich von aller Verbindlichkeit gegen sie frey; dieß liegt im Begriffe jedes Vertrags; ich trete also in den aussergesellschaftlichen Stand mit allen seinen Rechten zurück; was fehlt nun meinem Berufe zu seiner Rechtmäßigkeit? Oder wie kann die Gesellschaft ein Recht auf mich behalten, da sie zuerst ihren Vertrag mit mir durch die Nichterfüllung seiner Bedingungen aufgehoben hat?

Rewiz und Linar glaubten mit Recht, daß es unter ihrer Würde wäre, mit einem solchen Menschen vor einer solchen Gesellschaft sich in einen Wortwechsel über Wahrheiten einzulassen, woran nur ein Räuber zweifeln kan; sie hätten nie davon zu reden angefangen, wenn sie nicht von ihrer offenbaren Verachtung zu unangenehme Folgen befürchtet hätten. Raubal war aber mit ihrem Stillschweigen nicht zufrieden. Sehen Sie die stolze Augbraunen (S.45) nicht, womit der siegreiche Harpagon auf uns herabschaut? Weisen Sie ihn doch mit seiner vermeinten Weisheit zu recht.

Rewiz. Um dieses zu thun, müßten seine Begriffe weniger verkehrt seyn.

Raubal. Das war gut; nun hast du einmal eines auf's Dach, Harpagon. Leiten Sie doch Graf Linar, seine verkehrte Begriffe in die gehörige 'Ordnung.

Linar. Die Selbsterhaltung schränkt sich nicht auf den bloßen Unterhalt ein; sie begreift auch das Streben nach Glückseligkeit und seine eigene Vervollkommung in sich; ohne Tugend aber kann man nicht glückselig seyn.

Tugend? fiel hier Harpagon ein. Denken Sie, daß unser Stand keine Tugend erfordere? In welchem andern muß man grössere üben? Wir allein besitzen noch jene alte ächtrömische Tugenden einen festen ehernen Muth, der allen Gefahren, auch der Hitze und Kälte trotzt, und den keine Hindernisse schrecken, ausdaurende Wachsamkeit, die nicht wenig mit der sybaritischen Weichlichkeit der Oberwelt absticht, erfinderischen täglich abwechselnden Witz in Aufdeckung unserer Nahrungsquellen (S.46), unermüdeten Kunstfleiß und rege Arbeitsamkeit und mit diesen Eigenschaften verbinden wir einen Vortheil der heutigen Aufklärung, den Sieg über die Vorurtheile; ich sage nichts von dem Adel unserer Bestimmung, der darinn besteht, die auf der Welt herrschende Ungleichheit in Austheilung der Güter nach unsern Kräften zu mindern. Was heißen Sie Tugend, wenn dieß nicht Tugenden sind?

Linar. Tugend ist die Uebereinstimmung unserer Gedanken und Handlungen mit unsern Pflichten; man ist tugendhaft, wenn man auch die unvollkommene erfüllt, laſterhaft, wenn man nicht einmal den vollkommenen oder Zwangspflichten Genüge leistet. Die erste unter diesen ist, das Eigenthum anderer unverlegt zu lassen. Dieser Pflicht konnte Harpagon sich unter keinem Vorwand entziehen. Die Gesellschaft hatte gegen ihn bloß die Verbindlichkeit, ihn an ihren Vortheilen Theil nehmen, und ihm ihren Schutz angedeihen zu lassen; dieß that sie nur zu sehr. Die Aemter ertheilt sie dem würdigsten, und keiner darf sich dafür halten.

Raubal. Merks doch, D. Harpagon, keiner darf sich für den würdigsten halten.(S.47)

Linar. Sie legte dem Harpagon das Studium der Rechte nicht auf; er bestimmte sich selber dazu, und seine gegenwärtige Lage beweist hinlänglich, daß die Verwaltung der Gerechtigkeit sein Fach nicht gewesen wäre.

Die Tischgesellschaft hatte bei dem Gespräche Linars von Tugend bereits zu gähnen angefangen; das Ende seines Beweises aber heiterte sie wieder auf, und sie theilte auf Harpagons Kosten das Gelächter, das Raubal erhoben hatte.

Harpagon wollte sich nicht für geschlagen erkennen; er war im Begriff den Streit zu erneuren, als ihm die Raubal zurief: "o! wie mir ein Geruch von Schulstaub in die Nase dringt! Nicht wahr ? Herr Kammerherr, die Sitten bei Hof sind feiner; dort spricht man in Gegenwart der Damen nicht von so langweiligen Gegenständen, wie von Tugend, Plichten, Recht, und wie die Brokken alle heißen.

Rewiz. An unserm Hof spricht man gern davon.

Fr. Raubal. Auch bei Tafel?

Rewiz. Auch da. (S.48)

Fr. Raubal.  Woher kömmt das?

Rewiz. Weil gemeiniglich der Hof sch nach dem Fürsten und der Fürstin bildet.

Meine Herrn, fuhr die Raubal fort, kaum haben Sie über Ihrem gelehrten Streit den Aal gekostet; lassen Sie Sich ist diese Rehkeule und die wilde Enten besser belieben; ich schäme mich von Herzen, Ihnen mit nichts besserm aufwarten zu können; mein Mann sagte mir nicht, daß wir die Ehre Ihrer Gesellschaft haben würden; nun müssen Sie die Güte haben, mit unserm Gewöhnlichen vorlieb zu nehmen; morgen soll es besser werden.

Raubal. Ich muß Ihnen doch sagen, meine Herrn Kavaliere, womit Sie meine Frau auf die angenehmste Art unterhalten können; Sie sehen, daß sie sich beleidigt fühlt, so ganz aus den Augen gelassen worden zu seyn; erzählen Sie ihr von den neusten Moden.

Linar. Ich kenne nicht einmal die Namen davon.

Fr. Raubal. Wie ich höre, trägt man igt die Aufsätze à la Dubicza. Ich habe München seit des Churfürsten Abreise nicht gesehen; die (S.49) Witterung war zu streng; doch werde ich dem bevorstehenden Karneval beiwohnen. Geben Sie mir indeßen, Herr Kammerherr, eine Besschreibung von dieser Mode; sie herrscht ohne Zweifel an Ihrem Hofe.

Rewiz. Nein, nur edle Einfalt herrscht daran.

Ha, ha, Einfalt na einem Hofe! erwiederte lachend die Raubal; Sie haben mich zum Besten, Herr Kammerherr. Doch ja! vorher versicherten Sie, daß dort die verdrießliche Tugend zu Hause sey, und neben dieser mag schon die schmutzige Einfalt der Kleidung wohnen. Dieß ist vermuthlich auch ein Meisterwerk Ihrer Fürstin?

Rewiz. Sie allein hat diese Veränderung bewirkt.

Fr. Raubal. Sie ist also schon sehr alt?

Rewiz. Sie steht in ihren besten Jahren; was aber andere Fürstinnen auf die Pracht verwenden, damit kleidet sie die Armen.

Fr. Raubal. O die altväterische Fürstin! ich bedaure ihre Hofdamen.

Rewiz. Sie hat keine eigentliche Hofdame. (S.50)

Fr. Raubal. Eine mächtige Fürstin, und keine Hofdame! wen hat sie dann ?

Rewiz. Sich selber.

Raubal sagte, daß auch er den Herzog von Wirtemberg eben so wenig liebe, als seine Sophie der Herzogin geneigt sey, weil er in seinem Lande keinen ehrlichen Räuber aufkommen lasse. Er verfolgt sie sogar, setzte Harpagon hinzu, im Ausland. Der gute Hannikel hatte einem Ueberläufer von seiner Truppe das Zigeunerrecht angethan; da er hörte, daß man ihm dieses gerichtliche Verfahren misdeute, verwies er, ein anderer Kamillus, sich selber ins Elend, und schlug seine Hütte in Graubünden auf; der Herzog begehrt seine Auslieferung, und wider alle Grundsätze des Völkerrechtes, entspricht der Freistaat seinem Gesuch; itzt hångt der arme Hannikel, ein Märtyrer seiner Gerechtigkeitsliebe. Es ist ein Glück für Sie, Herr Kammerherr, daß der Herr von Raubal der edelmüthigste Mann seines Standes ist; sonst könnte er Hannikels Blut an Ihnen rächen. Still von Blut! rief Raubal, und den verbindlichsten Dank, fügte Sophie hinzu, dem berühmten Doktor Harpagon für das grosse (S.51) Kompliment, das er meinem Manne macht, ihn dem gemeinen Hannikel, einem Zigeuner, an die Seite zu sehen.

Bei dem Nachtische , der mit mannichfaltigem Backwerk, auserlesenem Obst, und fremden Weinen besezt war , bezeugte Raubal, daß es ihm desto angenehmer sey , eben heute so angenehme Gäste zu haben, als man auf seinem kleinen Theater ein Schauspiel an diesem Tage des Monats aufführe, und zwar dieß mal ein Meistertück, die Räuber; er fragte den Grafen Linar, wie er dieses Trauerspiel finde? Linar antwortete, daß es Schillers erster Versuch sey, den er schon in seinem sechszehenten Jahre zu Stutgart entworfen habe; in jedem seiner folgenden Schauspiele habe sich dieser vortrefliche Dichter übertroffen, und schon sey auf die Morgenröthe, welche die in den Räubern schimmernde Funken eines grossen Genies angekündigt haben, in dem Dom Karlos der glänzendste Mittag gefolgt. Rewiz , an Linar sich wendend, wünschte, daß der königliche Beschützer der deutschen Schaubühne, Friederich Wilhelm, den Verfasser der Räuber nach Berlin rufen und ihm daselbst, wo er in Engels und (S.52) so vieler anderer Umgang seinen Geschmack, die einzige Gabe, die ihm die Natur in nicht sehr reichem Maaße gewährte, zu verfeinern Gelegenheit hätte, die gehörige Musse verschaffen möchte, um sich ganz der dramatischen Dichtkunst zu widmen; Schiller würde als denn mehr als jemand Deutschland in Ansehung des Trauerspiels von der Schande befreien, womit bisher jede Vergleichung mit der französischen und englichen Bühne unsere Nation bedeckte.

Harpagon trat nicht nur dieser Meinung bei, sondern versicherte auch, daß Schiller vorzüglich durch die Räuber das deutsche Schauspiel veredelt, darinn als hoher zwangloser Geist die Fesseln von zwei Einheiten abgeworfen und das Vorurtheil zu Boden getreten habe, als könnte nur eine sehr merkwürdige Staatsverånderung den Inhalt, und als könnten folglich nur Fürsten, grosse Feldherrn oder Minister die Helden des Trauerspiels darbieten; sein mächtiges Adlergenie habe sich über diesen Wahn und über die schlimme Meinung des vornehmen und geringen Pöbels gegen die Räuber emporgeschwungen und in Karl Moore Moore (S.53) einen eben so edlen als wahren Karakter aufgestellt, der beweise, wie durchdrungen dieser grosse Dichter von der Würde eines Räubers sey, und welche seltne Menschenkenntnis er besitze; wie klein erscheinen alle übrige Personen neben dem Räuber Moore! sie verschwinden vor ihm, wie wir vor dem Herrn von Raubal. Möchte endlich, setzte er hinzu, die Welt durch diese treffende Schilderung eines ächten Räubers von den irrigen Vorstellungen, die sie sich von unserm Stande macht, zurückgeführt werden , und oft noch müßte das Meisterstück der Tragödie die glückliche, wiewol nicht von dem verdienten Erfolg gekrönte Nacheiferung erwecken, die es schon einmal unter den Knaben zu Leipzig angezündet hat! der Beifall, den man ihm fast einmüthig schenkt, und der ungewöhnliche Zusammenfluß aller Stände bei den häufigen Vorstellungen desselben erlauben uns, fügte Harpagon bei, die gegründeteste Hoffnung, daß das Publikum anfange, auch über diesen Punkt heller zu denken. Die Raubal, die wieder lange Weile empfand , nahm ihre Uhr, und meldete dem Harpagon, künftigem Karl Moore, und der Agathe, seiner geliebten Amalie , daß es Zeit sey, sich umzukleiden. (S.54)

Während dieser Zurüstung trat ein Räuber herein; Raubal bat den Kammerherrn und den Grafen, ihm zu erlauben, daß er ihren Schattenriß nehmen dörfe; als er fertig war, betrachtete der Räuber die Kavaliere noch eine Weile aufmerksam und zeichnete auf ihr Schattenbild noch einige leichte Züge hin. Gleich darauf fieng das Schauspiel an. Rewiz und Linar fanden, daß Harpagon und Agathe ihre Personen unverbesserlich spielten, auch versagten sie ihnen bei dem Lobe, das sie von Raubal und seiner Sophie erhielten, das ihrige nicht. Harpagon erzählte nachher in seinem Entzücken, daß er gegenwärtig über einen ähnlichen Gegenstand ein Trauerspiel verfertige, das er seinem hohen Gönner, dem Herrn von Raubal zueignen wolle, und welches die Aufschrift führe: Die unglückliche Taube oder der Bayrische Ziesel, ein Deutsches Originaltrauerspiel, in drei Aufzügen, und in Hexametern, mit dem Motto : Dat veniam corvis vexat cenfura columbas.

Dem Kammerherrn und Linar ward itzt eine angenehme Ruhe gewünscht; man begleitete sie in ihr Schlafzimmer, in welchem für (S.55) jeden ein reines Federbett stand; Raubal schloß die Thüre hinter ihnen zu. Nun entledigte der Graf sein Herze von dem Kummer, der es drückte; er bezeugte dem Kammerherrn, daß, was ihn an seinem Schicksal am meisten schmerze, der Umstand sey, seinen besten Oheim darein verflochten zu haben;  [ ...] (S.57)

[Am nächsten Morgen beraubt Raubal mit seinen Räubern die Reisenden ihres mitgeführten Besitzes.]

Und itzt, meine Herrn, fuhr Naubal fort, habe ich noch mit Ihnen von einer Sache zu (S.58) reden, woran Ihnen nicht weniger als mir selber liegt Unsere Bekanntschaft muß für die Welt ein Geheimnis bleiben.  [ ...] (S.59)

Ich will Ihnen daher einen Vorschlag thun, der unserer gegenseitigen Sicherheit gemässer ist. Erkennen Sie Sich in diesen Gemählden? Raubal zeigte hier jedem sein vollkommen ähnliches Bild. Sie erinnern Sich, daß einer meiner Räuber Ihre Schattenrisse nach dem Abendessen aufnahm, und dabei Ihre übrige Gestalt aufmerksam betrachtete, und Sie wissen nun schon, daß eben diese Schattenrisse von meinem Untergebnen in der lezten Nacht (S.60) übermahlt wurden; Auf jedem steht Ihr Name und Ihr Vaterland. In diesem Augenblick werden Sie nebst einer vollständigen Beschreibung Ihrer Personen an den mächtigen Anführer einer entfernten Bande abgehen, mit welchem ich in der engsten Verbindung stehe. Werde ich je von irgend jemand, der nicht von meiner Truppe wäre, verrathen, so find alle, welche die Gastfreiheit bei mir in diesem Aufenthalte genossen haben, zu unausbleiblichem Tode und der Verheerung ihrer Güter verdammt; jedes Mitglied jener Bande hat geschworen, sie überall aufzusuchen und bei uns gilt ein Eid mehr, als in der Oberwelt. Hüten Sie Sich demnach, mich zu entdecken, wenn Ihnen Ihr eignes Leben lieb ist, und Sie nicht noch einige Unschuldige des ihrigen berauben wollen. Uebrigens aus Besorgnis einer solchen Verrätherei gebe ich es in vielen Jahren kaum einmal zu, daß ein Reisender hieher geführt werde; dießmal that ich es, um meine Frau, die sch seit einiger Zeit beklagte, immer die gleiche Gesichter vor sich sehen zu müssen, auf eine angenehme Art zu überraschen. Auch für Ihre Leute, meine Herren, müssen Sie mit Ihrem Leben mir bürgen; . [ ...] (S.62)

Als ihre Leute sich entfernt hatten, versicherte Rewiz den Raubal, daß er von ihm und Linar nie etwas zu befürchten haben werde. Indessen könne leicht ein Zufall, der nicht in ihrer Gewalt stehe, seine Höle entdecken, es sey zum Beyspiel möglich, daß Kundschafter der Regierung einigen seiner Truppe ingeheim folgen; er bezeugte ihm seine Ver | wunderung , daß er bisher verborgen geblieben wåre , und fragte ihn ob er nicht reich genug sey, um in irgend einem entfernten Lande frey, sicher und bequem zu leben, und wie er in steter Gefahr in einer finstern ungesunden Höle seine Tage zubringen möge? Raubal antwortete, daß er über zwey Tonnen Goldes für seinen eignen Antheil besitze; schon oft sey in ihm der Wunsch, die freye Luft, Ruhe, Sicherheit und die Annehmlichkeiten der Gesellsschaft zu geniessen aufgestiegen; auch seiner Frau eckle das unterirdische Leben; indessen habe ihn theils die lange Gewohnheit, theils verschiedene Schwierigkeiten, wie diese, sich von sei er Truppe zu trennen oder sie zur Theilnahme (S.63) an seiner Veränderung zu überreden, theils der Mangel an sicheren Gelegenheiten, ein Gut in einer grossen Entfernung zu kaufen und seine Unwissenheit in solchen Geschäften von der Erfüllung seines Wunsches abgehalten. Können Sie, Herr Kammerherr, setzte er hinzu, mir dazu behülflich seyn, so erstatte ich Ihnen nicht nur alles, was ich Ihnen und dem Grafen so eben abgenommen habe, sondern ich werde Ihnen mich sonsten für sehr verbunden erkennen. Rewiz versprach, unverzüglich auf die Mittel, sein Verlangen zu befriedigen, bedacht zu seyn; es lag ihm desto mehr daran, je mehrere Menschen, die in Raubals Hände in der Folge fallen könnten, er dadurch von diesem Unglück errettete, und je grösser die Wahrscheinlichkeit war, daß Raubal und seine Truppe ihre Sitten und Denkungsart mit dem Stande verändern würden. Er verabredete sich mit ihm über die Art, ihm Nachricht zu geben. Raubal entließ sie endlich; auf Wiedersehen, sagte er, Herr Kämmerherr; er führte sie zu seiner Sophie, gegen die, wie auch in der Küche Linar Raubals Anweisung befolgte. Harpagon und die meiste andre Räuber waren bereits ausgeritten. Einige erwarteten den Kammerherrn und den Grafen um ihren (S.64) Wagen eine Zeitlang durch mehrere Umwege zu begleiten, bis man dem Postilion den Weg zur Heerstrasse hinlänglich angeben konnte. Linar beschenckte die Wegweiser.

Er langte mit seinem Oheim noch an dem selbigen Abend zu München an. In dem Gasthof, worin sie abgestiegen waren, trafen sie zu ihrer nicht geringen Verwunderung einen nahen Verwandten; den Amerikanischen General St . .. an; er kam von Wien, wohin er sich mit einem geheimen Auftrage des Congresses begeben hatte, und wollte wieder Schwaben besuchen. Er bezeugte ihnen, daß seine Absicht sey, sich in dem letzten Lande niederzulassen, wenn er einen Käufer zu seinen Gütern bei G gefunden haben würde. Rewiz nannte ihm einen, indem er dem Raubal einen fremden Namen beilegte; er schrieb diesem, und wurde von ihm bevollmächtigt, den Handel abzuschliessen; Raubal kam selber nach München, ließ sich vom General, dem sein wahrer Stand unbekannt blieb, die nöthige Briefe und Adressen geben, zahlte ihn mit baarem Geld, schickte dem Rewiz viele Kisten zu, die dieser nach Amerika, abgehen ließ, (S.65) vergütete ihm seinen ganzen Verlust, wollte ihm grosse Geschenke machen, die er nicht annahm, und erlaubte ihm, nach Verfluß von vier Wochen die Begebenheit von der Höle, wenn es ihn gut dünken würde, zu erzählen.  [ ...]"

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 Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 17.11.2023

    
   Arbeitsanregungen:

Untersuchen Sie die Erzählung von Lamotte uner folgenden Fragestellungen:

  1. Was erleben die beiden Reisenden auf ihrer Reise von Lustheim am Bodensse nach Wien?
    • Wie gehen sie mit ihrer Situation nach der Gefangennahme durch die Räuberbande Raubals um?
    • Welche Motive hat Raubal für seine Behandlung der festgesetzten Reisenden?
    • Was bedeutet in diesem Zusammenhang die Diskussion zwischen Harpagon und den beiden Adeligen über die "Klopologie", das Naturrecht und den Gesellschaftsvertrag?
  2. Welche Bedeutung hat die Inszenierung von Schillers Räubern für das Selbstverständnis der Räuberbande um Raubal und für die beiden Adeligen?
  3. In welchem Zusammenhang steht Ihrer Ansicht nach die Räubergeschichte Lamottes mit den Räubern Schillers?
 
   
 

 
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