Die "schöne Seele" steht bei Schiller für eine im Allgemeinen ▪
weibliche Person, bei der moralisches Gefühl und sittliches
Handeln in harmonischem Einklang stehen.
Was sie tut, tut sie aus
einer einer inneren Überzeugung heraus. Sie handelt moralisch
richtig, ohne dass äußere Zwänge oder Konflikte diese Entscheidung
bestimmen. Schiller definiert sie wie folgt:
▪
"Eine schöne Seele nennt man es,
wenn sich das sittliche Gefühl aller Empfindungen des Menschen endlich
bis zu dem Grad versichert hat, dass es dem Affekt die Leitung des
Willens ohne Scheu überlassen darf und nie Gefahr läuft, mit den
Entscheidungen desselben im Widerspruch zu stehen.
Daher sind bei einer schönen Seele die einzelnen Handlungen
eigentlich nicht sittlich, sondern der ganze Charakter ist es."
(Anmut
und Würde 1793)
Die "schöne Seele" handle, ohne dass sie sich der
▪ "Schönheit ihres Handelns"
bewusst sei und könne sich gar nicht vorstellen,
▪ "dass dass man anders handeln und empfinden
könnte" als sie es
• quasi instinktiv tue.
Alles, was sie tue oder wie auch immer sie sich verhalte (▪
"Bewegungen"), werde in ihrer
• "unwiderstehliche(n) Grazie"
Ausdruck finden, geprägt von Leichtigkeit, Saftmut, Heiterkeit, und
ohne künstliche Verstellung und zwanghafte Anspannung.
Im Affekt müsse sich die schöne Seele
▪ " in eine erhabene verwandeln",
was sie von Personen unterscheide, die einfach nur ein gutes Herz
besäßen oder ihrer
▪ "Temperamentstugend" folgten.
Während die Temperamentstugend, wenn es darauf ankommt, den Trieben
wieder den Vorrang gebe und die Sittlichkeit opfere, sei es bei
einer schönen Seele die Vernunft selbst, die die die Triebe und
Neigungen in die Pflicht nehme und sich nur solange der
Sinnlichkeit überlässt, solange die Triebe nicht das Regiment
übernehmen und die ihnen gewährte Vollmacht als Steuerungsinstanz
missbrauchten.
▪ "Die Temperamentstugend"
behauptet Schiller weiter,
• "sinkt also im Affekt zum bloßen
Naturprodukt herab; die schöne Seele geht ins Heroische über und
erhebt sich zur reinen Intelligenz."
Wie Gert
Sauermeister (1971, S.209ff.) betont, werde •
Maria Stuart erst im Angesicht des Todes zu einer schönen Seele, weil
in dieser Situation zur äußeren die innere Schönheit hinzukomme und
sich auf diese Weise eine
• ▪"ideale Koinzidenz von Wesen und
Erscheinung" einstelle. Dabei sei der Tod in der Tragödie
• "der Preis, der für die idealidyllische Koinzidenz
zu bezahlen" sei, wenn er
• "dem Leben für Augenblicke die ideale
Schönheit zuteil" werden lasse. In dieser Extremsituation
"wetteifern die königliche Schönheit ihrer Gestalt
und der Adel ihrer Menschlichkeit harmonisch miteinander" (Sautermeister 1992,
S.320) Und: Unmittelbar vor der Vollstreckung des Todesurteils gelange Maria
damit
in
eine Seinssphäre, welche das Auseinanderstreben von Sinnlichkeit und
Vernunft überwinde und den Menschen zur schönen Seele mache (vgl.
ebd.).
Die ursprünglich gegeneinander streitenden Kräfte von Trieb und
Vernunft sieht Sautermeister jetzt bei •
Maria im Einklang miteinander, "nachdem sie sich vom Stau verdrängter Aggressionen entlastet hat"
(ebd., S.321). So, meint Sautermeister, sei der Weg für Maria frei, das von
Schiller formulierte Ideal zu veranschaulichen, das sich in ihrem
Übertritt zur schönen Seele vollziehe. Dabei sei, so fährt er
fort, sei die schöne Seele "weder
Resultat einer kontinuierlichen Verinnerlichung des Sittengesetzes noch
eine heroische Abweisung der Naturkräfte [...] Sie fällt vielmehr einem
Menschen zu, der sich zu seinem unterdrückten, 'unedlen' Selbst bekennt
und es dadurch überwunden hat" (ders. 1992: 321f.). Dieser Zustand
ermögliche es Maria, ohne Rachegelüste und aus freiem Willen mit
Elisabeth Frieden zu schließen.
Auch auf der Bühne, so
Sauermeister (1971, S.209ff.) weiter, hat Schiller die
• "ideale Verwandlung" Marias, die
ein
• "geistig-seelischer Vorgang" sei
szenisch umgesetzt, um die Zuschauer*innen durch Anschauung und
Identifikation mit der Figur, Gelegenheit zu geben, an dieser
Verwandlung mit Herz und Verstand teilzuhaben. Dazu habe er diesen
Verwandlungsprozess
• "durch sinnliche Details konkretisiert: die neue Idealität im Bewusstsein und in
der Seele Marias wird durch äußere Prachtentfaltung versinnlicht."
So werde das Theater
• "zum »heitern Tempel«, worin der Betrachter selber einen
idealen Mitvollzug des Geschehens, einen geistig-erkennenden und zugleich
sinnlichen Mitvollzug" leiste und die Kunst könne, so Schillers
Anspruch,
• "vollbringen, was die Politik aus sich
selbst heraus nicht vermag: die Verwandlung des Zuschauers durch das
Schöne." Die Kunst versetze den Zuschauer im Theater
dadurch
• "in einen idyllischen Zustand des Freiseins
und des Glücks", in dem
• "seine »sinnlich-vernünftige Natur«
harmonisch tätig ist und er durch Anschauung und durch Empfindung
den »Geist der Wahrheit« zu ergreifen lernt." Damit
verwirkliche die Figur der •
Maria Stuart am Ende "das vollständige Ganze der ästhetischen
Erziehung"(Sautermeister 1992,
S.320f,), wie sie sich Schiller vorstellte. (vgl. auch:
Harm-Torsten Reinke
(o. J., 2002?) : ▪
Kritik an der Synthesis-Konzeption Sautermeisters)
Harm-Torsten Reinke
(o. J., 2002?) hat das die so genannte •
Synthesis-Konzeption Sautermeisters
kritisiert und dezidiert zu einzelnen Thesen Stellung genommen.