Heinrich Mann
Der Untertan
Roman
[5]
Diederich Heßling
war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem
fürchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verließ er im Winter
die warme Stube, im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen der
Papierfabrik roch und über dessen Goldregen- und Fliederbäumen das
hölzerne Fachwerk der alten Häuser stand. Wenn Diederich vom
Märchenbuch, dem geliebten Märchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal
sehr. Neben ihm auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kröte
gesessen, halb so groß wie er selbst! Oder an der Mauer dort drüben
stak bis zum Bauch in der Erde ein Gnom und schielte her!
Fürchterlicher als
Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man ihn lieben.
Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte, drückte
er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult umher,
bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm. Jede
nicht herausgekommene Untat mischte in Diederichs Ergebenheit und
Vertrauen einen Zweifel. Als der Vater einmal mit seinem invaliden
Bein die Treppe herunterfiel, klatschte der Sohn wie toll in die
Hände – worauf er weglief.
Kam er nach einer
Abstrafung mit gedunsenem Gesicht und unter Geheul an der Werkstätte
vorbei, dann lachten die Arbeiter. Sofort aber streckte Diederich
nach ihnen die Zunge aus und stampfte. Er war sich bewußt: „Ich habe
Prügel bekommen, aber von meinem Papa. Ihr wäret froh, wenn ihr auch
Prügel von ihm bekommen könntet. Aber dafür seid ihr viel zu wenig.“
[ 6] Er bewegte sich
zwischen ihnen wie ein launenhafter Pascha; drohte ihnen bald, es
dem Vater zu melden, daß sie sich Bier holten, und bald ließ er
kokett aus sich die Stunde herausschmeicheln, zu der Herr Heßling
zurückkehren sollte. Sie waren auf der Hut vor dem Prinzipal: er
kannte sie, er hatte selbst gearbeitet. Er war Büttenschöpfer
gewesen in den alten Mühlen, wo jeder Bogen mit der Hand geformt
ward; hatte dazwischen alle Kriege mitgemacht und nach dem letzten,
als jeder Geld fand, eine Papiermaschine kaufen können. Ein
Holländer und eine Schneidemaschine vervollständigten die
Einrichtung. Er selbst zählte die Bogen nach. Die von den Lumpen
abgetrennten Knöpfe durften ihm nicht entgehen. Sein kleiner Sohn
ließ sich oft von den Frauen welche zustecken, dafür, daß er die
nicht angab, die einige mitnahmen. Eines Tages hatte er so viele
beisammen, daß ihm der Gedanke kam, sie beim Krämer gegen Bonbons
umzutauschen. Es gelang – aber am Abend kniete Diederich, indes er
den letzten Malzzucker zerlutscht, sich ins Bett und betete,
angstgeschüttelt, zu dem schrecklichen lieben Gott, er möge das
Verbrechen unentdeckt lassen. Er brachte es dennoch an den Tag. Dem
Vater, der immer nur methodisch, Ehrenfestigkeit und Pflicht auf dem
verwitterten Unteroffiziersgesicht, den Stock geführt hatte, zuckte
diesmal die Hand, und in die eine Bürste seines silberigen
Kaiserbartes lief, über die Runzeln hüpfend, eine Träne. „Mein Sohn
hat gestohlen“, sagte er außer Atem, mit dumpfer Stimme, und sah
sich das Kind an wie einen verdächtigen Eindringling. „Du betrügst
und stiehlst. Du brauchst nur noch einen Menschen totzuschlagen.“
Frau Heßling wollte
Diederich nötigen, vor dem Vater [7]hinzufallen und ihn um
Verzeihung zu bitten, weil der Vater seinetwegen geweint habe! Aber
Diederichs Instinkt sagte ihm, daß dies den Vater nur noch mehr
erbost haben würde. Mit der gefühlsseligen Art seiner Frau war
Heßling durchaus nicht einverstanden. Sie verdarb das Kind fürs
Leben. Übrigens ertappte er sie geradeso auf Lügen wie den Diedel.
Kein Wunder, da sie Romane las! Am Sonnabendabend war nicht immer
die Wochenarbeit getan, die ihr aufgegeben war. Sie klatschte,
anstatt sich zu rühren, mit dem Dienstmädchen ... Und Heßling wußte
noch nicht einmal, daß seine Frau auch naschte, gerade wie das Kind.
Bei Tisch wagte sie sich nicht satt zu essen und schlich
nachträglich an den Schrank. Hätte sie sich in die Werkstatt
getraut, würde sie auch Knöpfe gestohlen haben.
Sie betete mit dem
Kind „aus dem Herzen“, nicht nach Formeln, und bekam dabei gerötete
Wangenknochen. Sie schlug es auch, aber Hals über Kopf und verzerrt
von Rachsucht. Oft war sie dabei im Unrecht. Dann drohte Diederich,
sie beim Vater zu verklagen; tat so, als ginge er ins Kontor, und
freute sich irgendwo hinter einer Mauer, daß sie nun Angst hatte.
Ihre zärtlichen Stunden nützte er aus; aber er fühlte gar keine
Achtung vor seiner Mutter. Ihre Ähnlichkeit mit ihm selbst verbot es
ihm. Denn er achtete sich selbst nicht, dafür ging er mit einem zu
schlechten Gewissen durch sein Leben, das vor den Augen des Herrn
nicht hätte bestehen können.
Dennoch hatten die
beiden von Gemüt überfließende Dämmerstunden. Aus den Festen preßten
sie gemeinsam vermittels Gesang, Klavierspiel und Märchenerzählen
den letzten Tropfen Stimmung heraus. Als Diederich am Christkind zu
zweifeln anfing, ließ er sich von der [8]Mutter bewegen, noch ein
Weilchen zu glauben, und er fühlte sich dadurch erleichtert, treu
und gut. Auch an ein Gespenst, droben auf der Burg, glaubte er
hartnäckig, und der Vater, der hiervon nichts hören wollte, schien
zu stolz, beinahe strafwürdig. Die Mutter nährte ihn mit Märchen.
Sie teilte ihm ihre Angst mit vor den neuen, belebten Straßen und
der Pferdebahn, die hindurchfuhr, und führte ihn über den Wall nach
der Burg. Dort genossen sie das wohlige Grausen.
Ecke der Meisestraße
hinwieder mußte man an einem Polizisten vorüber, der, wen er wollte,
ins Gefängnis abführen konnte! Diederichs Herz klopfte beweglich;
wie gern hätte er einen weiten Bogen gemacht! Aber dann würde der
Polizist sein schlechtes Gewissen erkannt und ihn aufgegriffen
haben. Es war vielmehr geboten, zu beweisen, daß man sich rein und
ohne Schuld fühlte – und mit zitternder Stimme fragte Diederich den
Schutzmann nach der Uhr.
Nach so vielen
furchtbaren Gewalten, denen man unterworfen war, nach den
Märchenkröten, dem Vater, dem lieben Gott, dem Burggespenst und der
Polizei, nach dem Schornsteinfeger, der einen durch den ganzen
Schlot schleifen konnte, bis man auch ein schwarzer Mann war, und
dem Doktor, der einen im Hals pinseln durfte und schütteln, wenn man
schrie – nach allen diesen Gewalten geriet nun Diederich unter eine
noch furchtbarere, den Menschen auf einmal ganz verschlingende: die
Schule. Diederich betrat sie heulend, und auch die Antworten, die er wußte, konnte er nicht geben, weil er heulen mußte. Allmählich
lernte er den Drang zum Weinen gerade dann auszunutzen, wenn er
nicht gelernt hatte – denn alle [9]Angst machte ihn nicht fleißiger
oder weniger träumerisch – und vermied so, bis die Lehrer sein
System durchschaut hatten, manche üblen Folgen. Dem ersten, der es
durchschaute, schenkte er seine ganze Achtung; er war plötzlich
still und sah ihn, über den gekrümmten und vors Gesicht gehaltenen
Arm hinweg voll scheuer Hingabe an. Immer blieb er den scharfen
Lehrern ergeben und willfährig. Den gutmütigen spielte er kleine,
schwer nachweisbare Streiche, deren er sich nicht rühmte. Mit viel
größerer Genugtuung sprach er von einer Verheerung in den
Zeugnissen, von einem riesigen Strafgericht. Bei Tisch berichtete
er: „Heute hat Herr Behnke wieder drei durchgehauen.“ Und wenn
gefragt ward, wen?
„Einer war ich.“
Denn Diederich war so
beschaffen, daß die Zugehörigkeit zu seinem unpersönlichen Ganzen,
zu diesem unerbittlichen, menschenverachtenden, maschinellen
Organismus, der das Gymnasium war, ihn beglückte, daß die Macht, die
kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur leidend, teilhatte,
sein Stolz war. Am Geburtstag des Ordinarius bekränzte man Katheder
und Tafel. Diederich umwand sogar den Rohrstock.
Im Lauf der Jahre
berührten zwei über Machthaber hereingebrochene Katastrophen ihn mit
heiligem und süßem Schauder. Ein Hilfslehrer ward vor der Klasse vom
Direktor heruntergemacht und entlassen. Ein Oberlehrer ward
wahnsinnig. Noch höhere Gewalten, der Direktor und das Irrenhaus,
waren hier gräßlich mit denen abgefahren, die bis eben so hohe
Gewalt hatten. Von unten, klein aber unversehrt, durfte man die
Leichen betrachten und aus ihnen eine die eigene Lage mildernde
Lehre ziehen.
[10] Die Macht, die
ihn in ihrem Räderwerk hatte, vor seinen jüngeren Schwestern vertrat
Diederich sie. Sie mußten nach seinem Diktat schreiben und künstlich
noch mehr Fehler machen, als ihnen von selbst gelangen, damit er mit
roter Tinte wüten und Strafen austeilen konnte. Sie waren grausam.
Die Kleinen schrien – und dann war es an Diederich, sich zu
demütigen, um nicht verraten zu werden.
Er hatte, den
Machthabern nachzuahmen, keinen Menschen nötig; ihm genügten Tiere,
sogar Dinge. Er stand am Rande des Holländers und sah die Trommel
die Lumpen ausschlagen. „Den hast du weg! Untersteht euch noch mal!
Infame Bande!“ murmelte Diederich, und in seinen blassen Augen glomm
es. Plötzlich duckte er sich; fast fiel er in das Chlorbad. Der
Schritt eines Arbeiters hatte ihn aufgestört aus seinem lästerlichen
Genuß.
Denn recht geheuer
und seiner Sache gewiß fühlte er sich nur, wenn er selbst die Prügel
bekam. Kaum je widerstand er dem Übel. Höchstens bat er den
Kameraden: „Nicht auf den Rücken, das ist ungesund.“
Nicht daß es ihm am
Sinn für sein Recht und an Liebe zum eigenen Vorteil fehlte. Aber
Diederich hielt dafür, daß Prügel, die er bekam, dem Schlagenden
keinen praktischen Gewinn, ihm selbst keinen reellen Verlust
zufügten. Ernster als diese bloß idealen Werte nahm er die
Schaumrolle, die der Oberkellner vom „Netziger Hof“ ihm schon längst
versprochen hatte und mit der er nie herausrückte. Diederich machte
unzählige Male ernsten Schrittes den Geschäftsweg die Meisestraße
hinauf zum Markt, um seinen befrackten Freund zu mahnen. Als der
aber eines Tages von seiner Verpflichtung überhaupt nichts mehr
wissen wollte, erklärte Diederich und stampfte ehrlich ent[11]rüstet
auf: „Jetzt wird mir’s doch zu bunt! Wenn Sie nun nicht gleich
herausrücken, sag’ ich’s Ihrem Herrn!“ Darauf lachte Schorsch und
brachte die Schaumrolle.
Das war ein
greifbarer Erfolg. Leider konnte Diederich ihn nur hastig und in
Sorge genießen, denn es war zu fürchten, daß Wolfgang Buck, der
draußen wartete, darüber zukam und den Anteil verlangte, der ihm
versprochen war. Indes fand er Zeit, sich sauber den Mund zu
wischen, und vor der Tür brach er in heftige Schimpfreden auf
Schorsch aus, der ein Schwindler sei und gar keine Schaumrolle habe.
Diederichs Gerechtigkeitsgefühl, das sich zu seinen Gunsten noch
eben so kräftig geäußert hatte, schwieg vor den Ansprüchen des
anderen – die man freilich nicht einfach außer acht lassen durfte,
dafür war Wolfgangs Vater eine viel zu achtunggebietende
Persönlichkeit. Der alte Herr Buck trug keinen steifen Kragen,
sondern eine weißseidene Halsbinde und darüber einen großen weißen
Knebelbart. Wie langsam und majestätisch er seinen oben goldenen
Stock aufs Pflaster setzte! Und er hatte einen Zylinder auf, und
unter seinem Überzieher sahen häufig Frackschöße hervor, mitten am
Tage! Denn er ging in Versammlungen, er bekümmerte sich um die ganze
Stadt. Von der Badeanstalt, vom Gefängnis, von allem, was öffentlich
war, dachte Diederich: „Das gehört dem Herrn Buck.“ Er mußte
ungeheuer reich und mächtig sein. Alle, auch Herr Heßling,
entblößten vor ihm lange den Kopf. Seinem Sohn mit Gewalt etwas
abzunehmen, wäre eine Tat voll unabsehbarer Gefahren gewesen. Um von
den großen Mächten, die er so sehr verehrte, nicht ganz erdrückt zu
werden, mußte Diederich leise und listig zu Werk gehen.
Einmal nur, in
Untertertia, geschah es, daß Diederich [12] jede Rücksicht vergaß,
sich blindlings betätigte und zum siegestrunkenen Unterdrücker ward.
Er hatte, wie es üblich und geboten war, den einzigen Juden seiner
Klasse gehänselt, nun aber schritt er zu einer ungewöhnlichen
Kundgebung. Aus Klötzen, die zum Zeichnen dienten, erbaute er auf
dem Katheder ein Kreuz und drückte den Juden davor in die Knie. Er
hielt ihn fest, trotz allem Widerstand; er war stark! Was Diederich
stark machte, war der Beifall ringsum, die Menge, aus der heraus
Arme ihm halfen, die überwältigende Mehrheit drinnen und draußen.
Denn durch ihn handelte die Christenheit von Netzig. Wie wohl man
sich fühlte bei geteilter Verantwortlichkeit und einem
Schuldbewußtsein, das kollektiv war!
Nach dem Verrauchen
des Rausches stellte wohl leichtes Bangen sich ein, aber das erste
Lehrergesicht, dem Diederich begegnete, gab ihm allen Mut zurück; es
war voll verlegenen Wohlwollens. Andere bewiesen ihm offen ihre
Zustimmung. Diederich lächelte mit demütigem Einverständnis zu ihnen
auf. Er bekam es leichter seitdem. Die Klasse konnte die Ehrung dem
nicht versagen, der die Gunst des neuen Ordinarius besaß. Unter ihm
brachte Diederich es zum Primus und zum geheimen Aufseher.
Wenigstens die zweite dieser Ehrenstellen behauptete er auch später.
Er war gut Freund mit allen, lachte, wenn sie ihre Streiche
ausplauderten, ein ungetrübtes, aber herzliches Lachen, als ernster
junger Mensch, der Nachsicht hat mit dem Leichtsinn – und dann in
der Pause, wenn er dem Professor das Klassenbuch vorlegte,
berichtete er. Auch hinterbrachte er die Spitznamen der Lehrer und
die aufrührerischen Reden, die gegen sie geführt worden waren. In
seiner Stimme bebte, nun er [13] sie wiederholte, noch etwas von dem
wollüstigen Erschrecken, womit er sie, hinter gesenkten Lidern,
angehört hatte. Denn er spürte, ward irgendwie an den Herrschenden
gerüttelt, eine gewisse lasterhafte Befriedigung, etwas ganz unter
sich Bewegendes, fast wie ein Haß, der zu seiner Sättigung rasch und
verstohlen ein paar Bissen nahm. Durch die Anzeige der anderen
sühnte er die eigene sündhafte Regung.
Andererseits empfand
er gegen die Mitschüler, deren Fortkommen seine Tätigkeit in Frage
stellte, zumeist keine persönliche Abneigung. Er benahm sich als
pflichtmäßiger Vollstrecker einer harten Notwendigkeit. Nachher
konnte er zu dem Getroffenen hintreten und ihn, fast ganz
aufrichtig, beklagen. Einst ward mit seiner Hilfe einer gefaßt, der
schon längst verdächtig war, alles abzuschreiben. Diederich überließ
ihm, mit Wissen des Lehrers, eine mathematische Aufgabe, die in der
Mitte absichtlich gefälscht und deren Endergebnis dennoch richtig
war. Am Abend nach dem Zusammenbruch des Betrügers saßen einige
Primaner vor dem Tor in einer Gartenwirtschaft, was zum Schluß der
Turnspiele erlaubt war, und sangen. Diederich hatte den Platz neben
seinem Opfer gesucht. Einmal, als ausgetrunken war, ließ er die
Rechte vom Krug herab auf die des anderen gleiten, sah ihm treu in
die Augen und stimmte in Baßtönen, die von Gemüt schleppten, ganz
allein an:
„Ich hatt’ einen
Kameraden, Einen bessern findst du nit ...“ Übrigens genügte er bei
zunehmender Schulpraxis in allen Fächern, ohne in einem das Maß des
Geforderten zu überschreiten, oder auf der Welt irgend etwas zu
wissen, was nicht im Pensum vorkam. Der deutsche Aufsatz war [14]ihm
das Fremdeste, und wer sich darin auszeichnete, gab ihm ein
ungeklärtes Mißtrauen ein.
Seit seiner
Versetzung nach Prima galt seine Gymnasialkarriere für gesichert,
und bei Lehrern und Vater drang der Gedanke durch, er solle
studieren. Der alte Heßling, der 66 und 71 durch das Brandenburger
Tor eingezogen war, schickte Diederich nach Berlin.
Weil er sich aus der
Nähe der Friedrichstraße nicht fortgetraute, mietete er sein Zimmer
droben in der Tieckstraße. Jetzt hatte er nur in gerader Linie
hinunterzugehen und konnte die Universität nicht verfehlen. Er
besuchte sie, da er nichts anderes vorhatte, täglich zweimal, und in
der Zwischenzeit weinte er oft vor Heimweh. Er schrieb einen Brief
an Vater und Mutter und dankte ihnen für seine glückliche Kindheit.
Ohne Not ging er nur selten aus. Kaum, daß er zu essen wagte; er
fürchtete, sein Geld vor dem Ende des Monats auszugeben. Und
immerfort mußte er nach der Tasche fassen, ob es noch da sei.
So verlassen ihm um
das Herz war, ging er doch noch immer nicht mit dem Brief des Vaters
in die Blücherstraße zu Herrn Göppel, dem Zellulosefabrikanten, der
aus Netzig war und auch an Heßling lieferte. Am vierten Sonntag
besiegte er seine Scheu – und kaum watschelte der gedrungene,
gerötete Mann, den er schon so oft beim Vater im Kontor gesehen
hatte, auf ihn zu, da wunderte Diederich sich schon, daß er nicht
früher gekommen sei. Herr Göppel fragte gleich nach ganz Netzig und
vor allem nach dem alten Buck. Denn obwohl sein Kinnbart nun auch
ergraut war, hatte er doch, wie Diederich, nur, wie es schien, aus
anderen Gründen, schon als Knabe den alten Buck verehrt. Das war ein
Mann: Hut ab! Einer von [15]denen, die das deutsche Volk hochhalten
sollte, höher als gewisse Leute, die immer alles mit Blut und Eisen
kurieren wollten und dafür der Nation riesige Rechnungen schrieben.
Der alte Buck war schon achtundvierzig dabei gewesen, er war sogar
zum Tode verurteilt worden. „Ja, daß wir hier als freie Männer
sitzen können,“ sagte Herr Göppel, „das verdanken wir solchen Leuten
wie dem alten Buck.“ Und er öffnete noch eine Flasche Bier. „Heute
sollen wir uns mit Kürassierstiefeln treten lassen ...“
Herr Göppel bekannte
sich als freisinniger Gegner Bismarcks. Diederich bestätigte alles,
was Göppel wollte; er hatte über den Kanzler, die Freiheit, den
jungen Kaiser keinerlei Meinung. Da aber ward er peinlich berührt,
denn ein junges Mädchen war eingetreten, das ihm auf den ersten
Blick durch Schönheit und Eleganz gleich furchtbar erschien.
„Meine Tochter
Agnes“, sagte Herr Göppel.
Diederich stand da,
in seinem faltenreichen Gehrock, als magerer Kadett, und war rosig
überzogen. Das junge Mädchen gab ihm die Hand. Sie wollte wohl nett
sein, aber was war mit ihr anzufangen? Diederich antwortete ja, als
sie fragte, ob Berlin ihm gefalle; und als sie fragte, ob er schon
im Theater gewesen sei, antwortete er nein. Er fühlte sich feucht
vor Ungemütlichkeit und war fest überzeugt, sein Aufbruch sei das
einzige, womit er das junge Mädchen interessieren könne. Aber wie
war von hier fortzukommen? Zum Glück stellte ein anderer sich ein,
ein breiter Mensch, namens Mahlmann, der mit ungeheurer Stimme
Mecklenburgisch sprach, stud. ing. zu sein schien und bei Göppels
Zimmerherr sein sollte. Er erinnerte Fräulein Agnes an einen
Spaziergang, den [16]sie verabredet hätten. Diederich ward
aufgefordert, mitzukommen. Entsetzt schützte er einen Bekannten vor,
der draußen auf ihn warte, und machte sich sofort davon. „Gott sei
Dank,“ dachte er, während es ihm einen Stich gab, „sie hat schon
einen.“
Herr Göppel öffnete
ihm im Dunkeln die Flurtür und fragte, ob sein Freund auch Berlin
kenne. Diederich log, der Freund sei Berliner. „Denn wenn Sie es
beide nicht kennen, kommen Sie noch in den falschen Omnibus. Sie
haben sich gewiß schon mal verirrt in Berlin.“ Und als Diederich es
zugab, zeigte Herr Göppel sich befriedigt. „Das ist nicht wie in
Netzig. Hier laufen Sie gleich halbe Tage. Was glauben Sie wohl,
wenn Sie von Ihrer Tieckstraße bis hierher zum Halleschen Tor gehen,
dann sind Sie ja schon dreimal durch ganz Netzig gestiegen ... Na,
nächsten Sonntag kommen Sie nun aber zum Mittagessen!“
Diederich versprach
es. Als es so weit war, hätte er lieber abgesagt; nur aus Furcht vor
seinem Vater ging er hin. Diesmal galt es sogar ein Alleinsein mit
dem Fräulein zu bestehen. Diederich tat geschäftig und als sei er
nicht aufgelegt, sich mit ihr zu befassen. Sie wollte wieder vom
Theater anfangen, aber er schnitt mit rauher Stimme ab: er habe für
so etwas keine Zeit. Ach ja, ihr Papa habe ihr gesagt, Herr Heßling
studiere Chemie?
„Ja. Das ist
überhaupt die einzige Wissenschaft, die Berechtigung hat“,
behauptete Diederich, ohne zu wissen, wie er dazu kam.
Fräulein Göppel ließ
ihren Beutel fallen; er bückte sich so nachlässig, daß sie ihn
wieder hatte, bevor er zur Stelle war. Trotzdem sagte sie danke,
ganz weich, fast beschämt – was Diederich ärgerte. „Kokette Weiber
sind etwas Gräßliches“, dachte er. Sie suchte in ihrem Beutel.
[17] „Jetzt hab’ ich
es doch verloren. Mein englisches Pflaster nämlich. Es blutet
wieder.“
Sie wickelte ihren
Finger aus dem Taschentuch. Er hatte so sehr die Weiße des Schnees,
daß Diederich der Gedanke kam, das Blut, das darauf lag, müsse
hineinsickern.
„Ich habe welches“,
sagte er, mit einem Ruck.
Er ergriff ihren
Finger, und bevor sie das Blut wegwischen konnte, hatte er es
abgeleckt.
„Was machen Sie
denn?“
Er war selbst
erschrocken. Er sagte mit streng gefalteten Brauen: „O, ich als
Chemiker probiere noch ganz andere Sachen.“
Sie lächelte. „Ach
ja, Sie sind eine Art Doktor ... Wie gut Sie das können“, bemerkte
sie und sah ihm beim Aufkleben des Pflasters zu.
„So“, machte er
ablehnend, und trat zurück. Ihm war es schwül geworden, er dachte:
„Wenn man nur nicht immer ihre Haut anfassen müßte! Sie ist
widerlich weich.“ Agnes sah an ihm vorbei. Nach einer Pause
versuchte sie: „Haben wir nicht eigentlich in Netzig
gemeinschaftliche Verwandte?“ Und sie nötigte ihn, mit ihr ein paar
Familien durchzugehen. Es stellte sich Vetternschaft heraus.
„Sie haben auch noch
Ihre Mutter, nicht? Dann können Sie sich freuen. Meine ist längst
tot. Ich werde wohl auch nicht lange leben. Man hat so Ahnungen“ –
und sie lächelte wehmütig und entschuldigend.
Diederich beschloß
schweigend, diese Sentimentalität albern zu finden. Noch eine Pause
– und wie sie beide eilig zum Sprechen ansetzten, kam der
Mecklenburger dazwischen. Die Hand Diederichs drückte er so
kraftvoll, daß Diederichs Gesicht sich verzerrte, und zugleich
lächelte er ihm sieghaft in die Augen. Ohne weiteres zog er einen
[18]Stuhl bis vor Agnes’ Knie und fragte heiter und mit Autorität
nach allem Möglichen, was nur sie beide anging. Diederich war sich
selbst überlassen und entdeckte, daß Agnes, so in Ruhe betrachtet,
viel von ihren Schrecken verlor. Eigentlich war sie nicht hübsch.
Sie hatte eine zu kleine, nach innen gebogene Nase, auf deren
freilich sehr schmalem Rücken Sommersprossen saßen. Ihre gelbbraunen
Augen lagen zu nahe beieinander und zuckten, wenn sie einen ansah.
Die Lippen waren zu schmal, das ganze Gesicht war zu schmal. „Wenn
sie nicht so viel braunrotes Haar über der Stirn hätte und dazu den
weißen Teint ...“ Auch bereitete es ihm Genugtuung, daß der Nagel
des Fingers, den er beleckt hatte, nicht ganz sauber gewesen war.
Herr Göppel kam mit
seinen drei Schwestern. Eine von ihnen hatte Mann und Kinder mit.
Der Vater und die Tanten umarmten und küßten Agnes. Sie taten es mit
dringlicher Innigkeit und hatten dabei behutsame Mienen. Das junge
Mädchen war schlanker und größer als sie alle und blickte ein wenig
zerstreut auf sie hinab, die eben an ihren schmächtigen Schultern
hing. Nur ihrem Vater erwiderte sie langsam und ernst seinen Kuß.
Diederich sah dem zu und sah in der Sonne die hellblauen Adern,
überzogen von roten Haaren, ihre Schläfe kreuzen.
Er mußte eine der
Tanten ins Eßzimmer führen. Der Mecklenburger hatte Agnes’ Arm in
den seinen gehängt. Um den langen Familientisch raschelten die
seidenen Sonntagskleider. Die Gehröcke wurden über den Knien
zusammengelegt. Man räusperte sich, die Herren rieben die Hände.
Dann kam die Suppe.
Diederich saß von
Agnes weit weg und konnte sie nicht sehen, wenn er sich nicht
vorbeugte – was er sorgfältig [19]vermied. Da seine Nachbarin ihn in
Ruhe ließ, aß er große Mengen Kalbsbraten und Blumenkohl. Er hörte
ausführlich das Essen besprechen und mußte bestätigen, daß es schön
schmecke. Agnes ward vor dem Salat gewarnt, ihr ward zu Rotwein
geraten, und sie sollte Auskunft geben, ob sie heute morgen
Gummischuhe angehabt habe. Herr Göppel erzählte, Diederich
zugewandt, daß er und seine Schwestern vorhin in der
Friedrichstraße, weiß Gott, auseinander gekommen seien und sich erst
im Omnibus wiedergefunden hätten. „So etwas kann Ihnen in Netzig
auch nicht passieren“, rief er voll Stolz über den Tisch. Mahlmann
und Agnes sprachen von einem Konzert. Sie wollte bestimmt hin, ihr
Papa werde es schon erlauben. Herr Göppel machte zärtliche Einwände,
und der Chor der Tanten begleitete sie. Agnes müsse früh schlafen
gehen und bald in gute Luft hinaus; sie habe sich im Winter
überanstrengt. Sie bestritt es. „Ihr laßt mich niemals aus dem
Hause. Ihr seid schrecklich.“
Diederich nahm
innerlich Partei für sie. Er hatte eine Wallung von Heldentum: er
hätte machen wollen, daß sie alles dürfte, daß sie glücklich war und
es ihm dankte ... Da fragte Herr Göppel ihn, ob er in das Konzert
wolle, „Ich weiß nicht“, sagte er verächtlich und sah Agnes an, die
sich vorbeugte. „Was ist das für eins? Ich gehe nur in Konzerte, wo
ich Bier trinken kann.“
„Sehr vernünftig“,
sagte der Schwager des Herrn Göppel.
Agnes hatte sich
zurückgezogen und, Diederich bereute seinen Ausspruch.
Aber die Creme, auf
die alle gespannt waren, blieb aus. Herr Göppel riet seiner Tochter,
einmal nachzusehen. Bevor sie ihren Kompotteller hingesetzt hatte,
war Diederich [20]aufgesprungen – sein Stuhl flog an die Wand – und
festen Schritts zur Tür geeilt. „Marie! Der Krehm!“ rief er hinaus.
Rot und ohne jemand anzusehen, ging er wieder an seinen Platz. Aber
er merkte ganz gut, sie blinzelten sich zu. Mahlmann stieß sogar
höhnisch den Atem aus. Der Schwager äußerte mit künstlicher
Harmlosigkeit: „Immer galant! So soll es sein.“ Herr Göppel lächelte
zärtlich zu Agnes hin, die nicht von ihrem Kompott aufsah. Diederich
stemmte das Knie gegen die Tischplatte, daß sie anfing sich zu
heben. Er dachte: „Gott, o Gott, hätte ich nur das nicht getan!“
Beim Mahlzeitsagen
gab er allen die Hand, nur um Agnes drückte er sich herum. Im
Berliner Zimmer beim Kaffee wählte er seinen Sitz mit Sorgfalt dort,
wo Mahlmanns breiter Rücken sie ihm verdeckte. Eine der Tanten
wollte sich seiner annehmen.
„Was studieren Sie
denn, junger Mann?“ fragte sie.
„Chemie.“
„Ach so, Physik?“
„Nein, Chemie.“
„Ach so.“
Und so imposant sie
angefangen hatte, hierüber kam sie nicht hinweg. Diederich nannte
sie im stillen eine dumme Gans. Die ganze Gesellschaft paßte ihm
nicht. Von feindseliger Schwermut erfüllt, sah er darein, bis die
letzten Verwandten aufgebrochen waren. Agnes und ihr Vater hatten
sie hinausbegleitet. Herr Göppel kehrte zurück, erstaunt, den jungen
Mann allein noch im Zimmer zu finden. Er schwieg forschend, einmal
faßte er in die Tasche. Als Diederich unvermittelt, ohne um Geld
gebeten zu haben, Abschied nahm, bekundete Göppel große
Herzlichkeit. „Meine Tochter werd’ ich von Ihnen [21]grüßen“, sagte
er sogar, und an der Tür, nachdem er ein wenig überlegt hatte:
„Kommen Sie doch nächsten Sonntag wieder!“
Diederich war fest
entschlossen, das Haus nicht mehr zu betreten. Dennoch ließ er tags
darauf alles stehen und liegen, um sich durch die Stadt bis zu einem
Geschäft zu fragen, wo er für Agnes das Konzertbillett kaufen
konnte. Vorher mußte er auf den Zetteln, die dort hingen, den Namen
des Virtuosen herausfinden, den Agnes erwähnt hatte. War es der?
Hatte er so geklungen? Diederich entschloß sich. Als er dann erfuhr,
es koste vier Mark fünfzig, riß er vor Schrecken die Augen weit auf.
So viel Geld, um einen zu sehen, der Musik machte! Wenn man nur
einfach wieder fortgekonnt hätte! Als er bezahlt hatte und draußen
war, entrüstete er sich zunächst über den Schwindel. Dann bedachte
er, daß es für Agnes geschehen sei, und ward von sich selbst
erschüttert. Immer weicher und glücklicher ging er durch das Gewühl.
Es war das erste Geld, das er für einen anderen Menschen ausgegeben
hatte.
Er legte das Billett
in einen Umschlag, in den er nichts weiter legte, und schrieb die
Adresse, um sich nicht zu verraten, mit Schönschrift. Wie er dann am
Briefkasten stand, kam Mahlmann daher und lachte höhnisch. Diederich
fühlte sich durchschaut; er besah die Hand, die er aus dem Kasten
zurückgezogen hatte. Aber Mahlmann bekundete nur die Absicht, sich
Diederichs Bude anzusehen. Er fand, es sähe drinnen aus wie bei
einer älteren Dame. Sogar die Kaffeekanne hatte Diederich von zu
Hause mitgebracht! Diederich schämte sich heiß. Als Mahlmann die
Chemiebücher verächtlich auf- und zuklappte, schämte Diederich sich
seines Faches. Der Mecklenburger wälzte [22]sich ins Sofa und
fragte: „Wie gefällt Ihnen denn die Göppel? Netter Käfer, was? Nun
wird er wieder rot! Poussieren Sie doch! Ich trete zurück, wenn Sie
Wert darauf legen. Ich habe Aussicht bei fünfzehn verschiedenen.“
Da Diederich
nachlässig abwehrte:
„Sie, da ist nämlich
was zu machen. Ich müßte gar nichts von Weibern verstehen. Die roten
Haare! – und haben Sie nicht gemerkt, wie sie einen ansieht, wenn
sie meint, man weiß es nicht?“
„Mich nicht“, sagte
Diederich noch geringschätziger. „Ich pfeife auch darauf.“
„Ihr Schade!“
Mahlmann lachte tobend – worauf er vorschlug, einen Bummel zu
machen. Daraus ward eine Bierreise. Die ersten Gaslichter sahen sie
beide betrunken. Etwas später, in der Leipziger Straße, bekam
Diederich ohne Anlaß von Mahlmann eine mächtige Ohrfeige. Er sagte:
„Au! Das ist aber doch eine –“ Vor dem Wort „Frechheit“ schrak er
zurück. Der Mecklenburger klopfte ihm auf die Schulter. „Recht
freundlich, Kleiner! Alles bloß Freundschaft!“ – und überdies nahm
er Diederich die letzten zehn Mark ab ... Vier Tage später fand er
ihn schwach vor Hunger und teilte ihm von dem, was er inzwischen
anderswo gepumpt hatte, großmütig drei Mark mit. Am Sonntag bei
Göppels – mit weniger leerem Magen wäre Diederich vielleicht nicht
hingegangen – erzählte Mahlmann, daß Heßling all sein Geld verlumpt
habe und sich heute mal satt essen müsse. Herr Göppel und sein
Schwager lachten verständnisvoll, aber Diederich hätte lieber nie
geboren sein wollen, als von Agnes so traurig prüfend angesehen
werden. Sie verachtete ihn! Verzweifelt tröstete er sich. „Es ist
alles [23]eins, sie hat es schon immer getan!“ Da fragte sie, ob das
Konzertbillett vielleicht von ihm gewesen sei. Alle wandten sich ihm
zu.
„Unsinn! Wie sollte
ich dazu wohl kommen“, entgegnete er so unliebenswürdig, daß sie ihm
glaubten. Agnes zögerte ein wenig, bevor sie wegsah. Mahlmann bot
den Damen Pralinees an und stellte die übrigen vor Agnes hin.
Diederich kümmerte sich nicht um sie. Er aß noch mehr als das vorige
Mal. Da doch alle meinten, er sei nur deswegen da! Als es hieß, der
Kaffee solle im Grunewald getrunken werden, erfand Diederich sofort
eine Verabredung. Er setzte sogar hinzu: „Mit jemand, den ich
unmöglich warten lassen kann.“ Herr Göppel legte ihm seine
gedrungene Hand auf die Schulter, blinzelte ihn aus gesenktem Kopf
an und sagte halblaut: „Keine Angst, Sie sind natürlich eingeladen.“
Aber Diederich beteuerte entrüstet, daß es nicht daran liege. „Na,
wenigstens kommen Sie wieder, sobald Sie Lust haben“, schloß Göppel,
und Agnes nickte dazu. Sie schien sogar etwas sagen zu wollen, aber
Diederich wartete es nicht ab. Er ging den Rest des Tages in
selbstzufriedener Trauer umher, wie nach Vollziehung eines großen
Opfers. Am Abend in einem überfüllten Bierlokal saß er den Kopf
aufgestützt und nickte von Zeit zu Zeit auf sein einsames Glas
hinab, als verstehe er jetzt das Schicksal.
Was war zu machen
gegen die gewalttätige Art, in der Mahlmann seine Anleihen aufnahm?
Am Sonntag hatte dann der Mecklenburger einen Blumenstrauß für
Agnes, und Diederich, der mit leeren Händen kam, hätte sagen können:
„Der ist eigentlich von mir, Fräulein.“ Indessen schwieg er, mit
noch mehr Groll gegen Agnes als gegen Mahlmann. Denn Mahlmann
forderte zur Bewunderung [24]heraus, wenn er des Nachts einem
Unbekannten nachlief, um ihm den Zylinder einzuschlagen – obwohl
Diederich keineswegs die Warnung verkannte, die solch ein Vorgang
für ihn selbst enthielt.
Ende des Monats, zu
seinem Geburtstag, bekam er eine unvorhergesehene Summe, die seine
Mutter ihm erspart hatte, und erschien bei Göppels mit einem Bukett,
keinem zu großen, um sich nicht bloßzustellen, und auch, um Mahlmann
nicht herauszufordern. Das junge Mädchen hatte, wie sie es nahm, ein
ergriffenes Gesicht, und Diederich lächelte herablassend und
verlegen zugleich. Dieser Sonntag deuchte ihm unerhört festlich; er
war nicht überrascht, als man in den Zoologischen Garten gehen
wollte.
Die Gesellschaft
rückte aus, nachdem Mahlmann sie abgezählt hatte: elf Personen. Alle
Frauen unterwegs waren, wie Göppels Schwestern, vollständig anders
angezogen als in der Woche: als seien sie heute von einer höheren
Klasse oder hätten geerbt. Die Männer trugen Gehröcke: nur wenige in
Verbindung mit schwarzen Hosen, wie Diederich, aber viele mit
Strohhüten. Kam man durch eine Seitenstraße, war sie breit,
gleichförmig und leer, ohne einen Menschen, ohne einen Pferdeapfel.
Einmal doch tanzte ein Kreis kleiner Mädchen in weißen Kleidern,
schwarzen Strümpfen und ganz behangen mit Schleifen, schrill
singend, einen Ringelreihen. Gleich darauf, in der Verkehrsader,
stürmten schwitzende Matronen einen Omnibus; und die Gesichter der
Kommis, die unnachsichtlich mit ihnen um die Plätze rangen, sahen
neben ihren heftig roten zum Umfallen blaß aus. Alles drängte
vorwärts, alles stürzte einem Ziel zu, wo endlich das Vergnügen
anfangen sollte. Alle Mienen sagten hart: „Nu los, gearbeitet haben
wir genug!“
[25] Diederich kehrte
vor den Damen den Berliner heraus. In der Stadtbahn eroberte er
ihnen mehrere Sitze. Einen Herrn, der im Begriff stand, einen
wegzunehmen, hinderte er daran, indem er ihn heftig auf den Fuß
trat. Der Herr schrie: „Flegel!“ Diederich antwortete ihm im selben
Sinn. Da zeigte es sich, daß Herr Göppel ihn kannte, und kaum
einander vorgestellt, bekundeten Diederich und der andere die
ritterlichsten Sitten. Keiner wollte sitzen, um den anderen nicht
stehen zu lassen.
Am Tisch im
Zoologischen Garten geriet Diederich neben Agnes – warum ging heute
alles glücklich? –, und als sie gleich nach dem Kaffee zu den Tieren
wollte, unterstützte er sie stürmisch. Er war voll
Unternehmungslust. Vor dem engen Gang zwischen den Raubtierkäfigen
kehrten die Damen um. Diederich trug Agnes seine Begleitung an. „Da
nehmen Sie doch lieber mich mit hinein“, sagte Mahlmann. „Wenn
wirklich eine Stange losgehen sollte –“
„Dann machen Sie sie
auch nicht wieder fest“, entgegnete Agnes und trat ein, während
Mahlmann sein Gelächter aufschlug. Diederich blieb hinter ihr. Ihm
war bange: vor den Bestien, die von rechts und links auf ihn
zustürzten, ohne anderen Laut als den des Atems, den sie über ihn
hinstießen – und vor dem jungen Mädchen, dessen Blumenduft ihm
voranzog. Ganz hinten wandte sie sich um und sagte:
„Ich mag das
Renommieren nicht!“
„Wirklich?“ fragte
Diederich, vor Freude gerührt.
„Heute sind Sie mal
nett“, sagte Agnes; und er:
„Ich möchte es
eigentlich immer sein.“
„Wirklich?“ – Und
jetzt war es an ihrer Stimme, ein wenig zu schwanken. Sie sahen
einander an, jeder mit [26]einer Miene, als verdiente er das alles
nicht. Das junge Mädchen sagte klagend:
„Die Tiere riechen
aber furchtbar.“
Und sie gingen
zurück.
Mahlmann empfing sie.
„Ich wollte nur sehen, ob Sie nicht ausreißen würden.“ Dann nahm er
Diederich beiseite. „Na? Was macht die Kleine? Geht es bei Ihnen
auch? Ich habe es gleich gesagt, daß es keine Kunst ist.“
Da Diederich stumm
blieb:
„Sie sind wohl scharf
ins Zeug gegangen? Wissen Sie was? Ich bin nur noch ein Semester in
Berlin: dann können Sie mich beerben. Aber so lange warten Sie
gefälligst –“ Auf seinem ungeheuren Rumpf ward sein kleiner Kopf
plötzlich tückisch anzusehen. „– Freundchen!“
Und Diederich war
entlassen. Er hatte einen heftigen Schrecken bekommen und wagte sich
gar nicht mehr in Agnes’ Nähe. Sie hörte nicht sehr aufmerksam auf
Mahlmann, sie rief rückwärts: „Papa! Heute ist es schön, heute geht
es mir aber wirklich gut.“
Herr Göppel nahm
ihren Arm zwischen seine beiden Hände und tat, als wollte er fest
zudrücken, aber er berührte sie kaum. Seine blanken Augen lachten
und waren feucht. Als die Familie Abschied genommen hatte,
versammelte er seine Tochter und die beiden jungen Leute um sich und
erklärte ihnen, der Tag müsse gefeiert werden; sie wollten die
Linden entlang gehen und nachher irgendwo essen.
„Papa wird
leichtsinnig!“ rief Agnes und sah sich nach Diederich um. Aber er
hielt die Augen gesenkt. In der Stadtbahn benahm er sich so
ungeschickt, daß er weit von den anderen getrennt ward; und im
Gedränge der Friedrichsstadt blieb er mit Herrn Göppel allein
zurück. Plötz[27]lich hielt Göppel an, tastete verstört auf seinem
Magen umher und fragte:
„Wo ist meine Uhr?“
Sie war fort mitsamt
der Kette. Mahlmann sagte:
„Wie lange sind Sie
schon in Berlin, Herr Göppel?“
„Jawohl!“ – und
Göppel wendete sich an Diederich. „Dreißig Jahre bin ich hier, aber
das ist mir denn doch noch nicht passiert.“ Und stolz trotz allem:
„Sehen Sie, das gibt’s in Netzig überhaupt nicht!“
Nun mußte man, statt
zu essen, auf das Polizeirevier und ein Verhör bestehen. Und Agnes
hustete. Göppel zuckte zusammen. „Wir wären jetzt doch zu müde“,
murmelte er. Mit künstlicher Jovialität verabschiedete er Diederich,
der Agnes’ Hand übersah und linkisch den Hut zog. Auf einmal, mit
überraschender Geschicklichkeit und ehe Mahlmann begriff, was
vorging, schwang er sich auf einen vorbeifahrenden Omnibus. Er war
entkommen! Und jetzt fingen die Ferien an! Er war alles los! Zu
Hause freilich warf er die schwersten seiner Chemiebände mit Krachen
auf den Boden. Er hielt sogar schon die Kaffeekanne in der Hand.
Aber bei dem Geräusch einer Tür begann er sofort, alles wieder
aufzulesen. Dann setzte er sich still in die Sofaecke, stützte den
Kopf und weinte. Wäre es nicht vorher so schön gewesen! Er war ihr
auf den Leim gegangen. So machten es die Mädchen: daß sie manchmal
mit einem so taten, und dabei wollten sie einen nur mit einem Kerl
auslachen. Diederich war sich tief bewußt, daß er es mit so einem
Kerl nicht aufnehmen könne. Er sah sich neben Mahlmann und würde es
nicht begriffen haben, hätte eine sich für ihn entschieden. „Was
hab’ ich mir nur eingebildet?“ dachte er. „Eine, die sich in mich
verliebt, muß wirklich dumm sein.“ Er litt große Angst, [28]der
Mecklenburger könne kommen und ihn noch ärger bedrohen. „Ich will
sie gar nicht mehr. Wäre ich nur schon fort!“ Die nächsten Tage saß
er in tödlicher Spannung bei verschlossener Tür. Kaum war sein Geld
da, reiste er.
Seine Mutter fragte,
befremdet und eifersüchtig, was er habe. Nach so kurzer Zeit sei er
kein Junge mehr. „Ja, das Berliner Pflaster!“
Diederich griff zu,
als sie verlangte, er solle an eine kleine Universität, nicht wieder
nach Berlin. Der Vater fand, daß es ein Für und ein Wider gäbe.
Diederich mußte ihm viel von Göppels berichten. Ob er die Fabrik
gesehen habe. Und war er bei den anderen Geschäftsfreunden gewesen?
Herr Heßling wünschte, daß Diederich die Ferien benutze, um in der
väterlichen Werkstätte den Gang der Papierverfertigung
kennenzulernen. „Ich bin nicht mehr der Jüngste, und mein
Granatsplitter hat mich auch schon lange nicht so gekitzelt.“
Diederich entwischte,
sobald er konnte, um im Wald von Gäbbelchen oder längs des
Ruggebaches bei Gohse spazierenzugehen und sich mit der Natur eins
zu fühlen. Denn das konnte er jetzt. Zum erstenmal fiel es ihm auf,
daß die Hügel dahinten traurig oder wie eine große Sehnsucht
aussahen, und was als Sonne oder Regen vom Himmel fiel, waren
Diederichs heiße Liebe und seine Tränen. Denn er weinte viel. Er
versuchte sogar zu dichten.
Als er einmal die
Löwenapotheke betrat, stand hinter dem Ladentisch sein Schulkamerad
Gottlieb Hornung. „Ja, ich spiel’ hier den Sommer über ’n bißchen
Apotheker“, erklärte er. Er hatte sich sogar schon aus Versehen
vergiftet und sich dabei nach hinten zusammengerollt wie ein Aal.
Die ganze Stadt hatte davon gesprochen! Aber [29]zum Herbst ging er
nun nach Berlin, um die Sache wissenschaftlich anzufassen. Ob denn
in Berlin was los sei. Hocherfreut über den Besitz seiner
Überlegenheit fing Diederich an, mit seinen Berliner Erlebnissen zu
prahlen. Der Apotheker verhieß: „Wir beide zusammen stellen Berlin
auf den Kopf.“
Und Diederich war
schwach genug, zuzusagen. Die kleine Universität ward verworfen. Am
Ende des Sommers – Hornung hatte noch einige Tage zu praktizieren –
kehrte Diederich nach Berlin zurück. Er mied das Zimmer in der
Tieckstraße. Vor Mahlmann und den Göppels flüchtete er bis nach
Gesundbrunnen hinaus. Dort wartete er auf Hornung. Aber Hornung, der
seine Abreise gemeldet hatte, blieb aus; und als er endlich kam,
trug er eine grüngelbrote Mütze. Er war sofort von einem Kollegen
für eine Verbindung gekeilt worden. Auch Diederich sollte ihr
beitreten; es waren die Neuteutonen, eine hochfeine Korporation,
sagte Hornung; allein sechs Pharmazeuten waren dabei. Diederich
verbarg seinen Schrecken unter der Maske der Geringschätzung, aber
es half nichts. Er solle Hornung nicht blamieren, der von ihm
gesprochen habe; einen Besuch wenigstens müsse er machen.
„Aber nur einen“,
sagte er fest.
Der eine dauerte, bis
Diederich unter dem Tisch lag und sie ihn fortschafften. Als er
ausgeschlafen hatte, holten sie ihn zum Frühschoppen; Diederich war
Konkneipant geworden.
Und für diesen Posten
fühlte er sich bestimmt. Er sah sich in einen großen Kreis von
Menschen versetzt, deren keiner ihm etwas tat oder etwas anderes von
ihm verlangte, als daß er trinke. Voll Dankbarkeit und
Wohl[30]wollen erhob er gegen jeden, der ihn dazu anregte, sein
Glas. Das Trinken und Nichttrinken, das Sitzen, Stehen, Sprechen
oder Singen hing meistens nicht von ihm selbst ab. Alles ward laut
kommandiert, und wenn man es richtig befolgte, lebte man mit sich
und der Welt in Frieden. Als Diederich beim Salamander zum ersten
Male nicht nachklappte, lächelte er in die Runde, beinahe verschämt
durch die eigene Vollkommenheit!
Und das war noch
nichts gegen seine Sicherheit im Gesang! Diederich hatte in der
Schule zu den besten Sängern gehört und schon in seinem ersten
Liederheft die Seitenzahlen auswendig gewußt, wo jedes Lied zu
finden war. Jetzt brauchte er in das Kommersbuch, das auf großen
Nägeln in der Lache von Bier lag, nur den Finger zu schieben, und
traf vor allen anderen die Nummer, die gesungen werden sollte. Oft
hing er den ganzen Abend mit Ehrerbietung am Munde des Präses: ob
vielleicht sein Lieblingsstück daran käme. Dann dröhnte er tapfer:
„Sie wissen den Teufel, was Freiheit heißt“, hörte neben sich den
dicken Delitzsch brummen und fühlte sich wohlig geborgen in dem
Halbdunkel des niedrigen altdeutschen Lokals, mit den Mützen an der
Wand, angesichts des Kranzes geöffneter Münder, die alle dasselbe
tranken und sangen, bei dem Geruch des Bieres und der Körper, die es
in der Wärme wieder ausschwitzten. Ihm war, wenn es spät ward, als
schwitze er mit ihnen allen aus demselben Körper. Er war
untergegangen in der Korporation, die für ihn dachte und wollte. Und
er war ein Mann, durfte sich selbst hochachten und hatte eine Ehre,
weil er dazu gehörte! Ihn herausreißen, ihm einzeln etwas anhaben,
das konnte keiner! Mahlmann hätte sich einmal herwagen und es
versuchen sollen: zwanzig Mann wären statt Die[31]derichs gegen ihn
aufgestanden! Diederich wünschte ihn geradezu herbei, so furchtlos
war er. Womöglich sollte er mit Göppel kommen, dann mochten sie
sehen, was aus Diederich geworden war, dann war er gerächt!
Gleichwohl gab ihm
die meiste Sympathie der Harmloseste von allen ein, sein Nachbar,
der dicke Delitzsch. Etwas tief Beruhigendes, Vertrauengestattendes
wohnte in dieser glatten, weißen und humorvollen Speckmasse, die
unten breit über die Stuhlränder quoll, in mehreren Wülsten die
Tischhöhe erreichte und dort, als sei nun das Äußerste getan,
aufgestützt blieb, ohne eine andere Bewegung als das Heben und
Hinstellen des Bierglases. Delitzsch war, wie niemand sonst, an
seinem Platz; wer ihn dasitzen sah, vergaß, daß er ihn je auf den
Beinen erblickt hatte. Er war ausschließlich zum Sitzen am Biertisch
eingerichtet. Sein Hosenboden, der in jedem anderen Zustand tief und
melancholisch herabhing, fand nun seine wahre Gestalt und blähte
sich machtvoll. Erst mit Delitzsch’ hinterem Gesicht blühte auch
sein vorderes auf. Lebensfreude überglänzte es, und er ward witzig.
Ein Drama entstand,
wenn ein junger Fuchs sich den Scherz machte, ihm das Bierglas
wegzunehmen. Delitzsch rührte kein Glied, aber seine Miene, die dem
geraubten Glase überall hin folgte, enthielt plötzlich den ganzen,
stürmisch bewegten Ernst des Daseins, und er rief in sächsischem
Schreitenor: „Junge, daß du mir nischt verschüttest! Was entziehst
de mir überhaupt mein’ Läbensunterhalt! Das ist ’ne ganz gemeine,
böswilliche Existenzschädichung, und ich kann dich glatt
verklaachen!“
Dauerte der Spaß zu
lange, senkten sich Delitzsch’ weiße Fettwangen, und er bat, er
machte sich klein. Sobald er aber das Bier zurück hatte: welche
allumfassende Aus[32]söhnung in seinem Lächeln, welche Verklärung!
Er sagte: „Du bist doch ä gutes Luder, du sollst läm, prost!“ –
trank aus und klopfte mit dem Deckel nach dem Korpsdiener: „Herr
Oberkörper!“
Nach einigen Stunden
geschah es wohl, daß sein Stuhl sich mit ihm umdrehte und Delitzsch
den Kopf über das Becken der Wasserleitung hielt. Das Wasser
plätscherte, Delitzsch gurgelte erstickt, und ein paar andere
stürzten, durch seine Laute angeregt, in die Toilette. Noch ein
wenig sauer von Gesicht, aber schon mit frischer Schelmerei, rückte
Delitzsch an den Tisch zurück.
„Na, nu geht’s ja
wieder“, sagte er; und: „Wovon habt ’r denn geredt, während ich
anderweitig beschäftigt war? Wißt ihr denn egal nischt wie
Weibergeschichten? Was koof’ ich mir für die Weiber?“ Immer lauter:
„Nich mal ä sauern Schoppen kann ’ch mir dafür koofen. Sie, Herr
Oberkörper!“
Diederich gab ihm
recht. Er hatte die Weiber kennengelernt, er war mit ihnen fertig.
Unvergleichlich idealere Werte enthielt das Bier.
Das Bier! Der
Alkohol! Da saß man und konnte immer noch mehr davon haben, das Bier
war nicht wie kokette Weiber, sondern treu und gemütlich. Beim Bier
brauchte man nicht zu handeln, nichts zu wollen und zu erreichen,
wie bei den Weibern. Alles kam von selbst. Man schluckte: und da
hatte man es schon zu etwas gebracht, fühlte sich auf die Höhen des
Lebens befördert und war ein freier Mann, innerlich frei. Das Lokal
hätte von Polizisten umstellt sein dürfen: das Bier, das man
schluckte, verwandelte sich in innere Freiheit. Und man hatte sein
Examen so gut wie bestanden. Man war „fertig“, war Doktor! Man
füllte im bürgerlichen Leben eine [33]Stellung aus, war reich und
von Wichtigkeit: Chef einer mächtigen Fabrik von Ansichtskarten oder
Toilettenpapier. Was man mit seiner Lebensarbeit schuf, war in
tausend Händen. Man breitete sich, vom Biertisch her, über die Welt
aus, ahnte große Zusammenhänge, ward eins mit dem Weltgeist. Ja, das
Bier erhob einen so sehr über das Selbst, daß man Gott fand!
Gern hätte er es
jahrelang so weitergetrieben. Aber die Neuteutonen ließen ihn nicht.
Fast vom ersten Tage an hatten sie ihm den moralischen und
materiellen Wert einer völligen Zugehörigkeit zur Verbindung
geschildert; allmählich aber gingen sie immer unverblümter darauf
aus, ihn zu keilen. Vergebens berief sich Diederich auf seine
anerkannte Stellung als Konkneipant, in die er sich eingelebt habe
und die ihn befriedige. Sie entgegneten, daß der Zweck des
studentischen Zusammenschlusses, nämlich die Erziehung zur
Mannhaftigkeit und zum Idealismus, durch das Kneipen allein, soviel
es auch beitrage, noch nicht ganz erfüllt werde. Diederich zitterte;
nur zu gut erkannte er, worauf dieses hinauslief. Er sollte pauken!
Schon immer hatte es ihn unheimlich angeweht, wenn sie mit ihren
Stöcken in der Luft ihm die Schläge vorgeführt hatten, die sie
einander beigebracht haben wollten; oder wenn einer von ihnen eine
schwarze Mütze um den Kopf hatte und nach Jodoform roch. Jetzt
dachte er gepreßt: „Warum bin ich dabei geblieben und Konkneipant
geworden! Nun muß ich ’ran.“
Er mußte. Aber gleich
die ersten Erfahrungen beruhigten ihn. Er war so sorgsam
eingewickelt, behelmt und bebrillt worden, daß ihm unmöglich viel
geschehen konnte. Da er keinen Grund hatte, den Kommandos nicht
gerade so willig und gelehrig nachzukommen wie in der Kneipe,
[34]lernte er fechten, schneller als andere. Beim ersten Durchzieher
ward ihm schwach: über die Wange fühlte er es rinnen. Als er dann
genäht war, hätte er am liebsten getanzt vor Glück. Er warf es sich
vor, daß er diesen gutmütigen Menschen gefährliche Absichten
zugetraut hatte. Gerade der, den er am meisten gefürchtet hatte,
nahm ihn unter seinen Schutz und ward ihm ein wohlgesinnter
Erzieher.
Wiebel war Jurist,
was ihm allein schon Diederichs Unterordnung gesichert hätte. Nicht
ohne Selbstzerknirschung sah er die englischen Stoffe an, in die
Wiebel sich kleidete, und die farbigen Hemden, von denen er immer
mehrere abwechselnd trug, bis sie alle in die Wäsche mußten. Das
Beklemmendste aber waren Wiebels Manieren. Wenn er mit leichter
eleganter Verbeugung Diederich zutrank, klappte Diederich – und
seine Miene war leidend vor Anstrengung – tief zusammen,
verschüttete die eine Hälfte und verschluckte sich mit der anderen.
Wiebel sprach mit leiser, arroganter Feudalstimme.
„Man kann sagen, was
man will,“ bemerkte er gern, „Formen sind kein leerer Wahn.“
Für das F in „Formen“
machte er seinen Mund zu einem kleinen schwarzen Mausloch und stieß
es langsam geschwellt heraus. Diederich unterlag jedesmal wieder dem
Schauer von so viel Vornehmheit. Alles an Wiebel dünkte ihm erlesen:
daß die rötlichen Barthaare ganz oben auf der Lippe wuchsen und
seine langen, gekrümmten Nägel nach unten gekrümmt, nicht, wie bei
Diederich, nach oben; der starke männliche Duft, der von Wiebel
ausging, auch seine abstehenden Ohren, die die Wirkung des
durchgezogenen Scheitels erhöhten, und die katerhaft in
Schläfenwulste gebetteten Augen. Diederich hatte das [35]alles immer
nur im unbedingten Gefühl des eigenen Unwertes mit angesehen. Seit
aber Wiebel ihn anredete und sich sogar zu seinem Gönner machte, war
es Diederich, als sei ihm erst jetzt das Recht auf Dasein bestätigt.
Er hatte Lust, dankbar zu wedeln. Sein Herz weitete sich vor
glücklicher Bewunderung. Wenn seine Wünsche sich so hoch
hinausgewagt hätten, auch er hätte gern solchen roten Hals gehabt
und immer geschwitzt. Welch ein Traum, säuseln zu können wie Wiebel!
Und nun durfte
Diederich ihm dienen, er war sein Leibfuchs! Stets wohnte er Wiebels
Erwachen bei, suchte ihm seine Sachen zusammen – und da Wiebel
infolge unregelmäßiger Bezahlung mit der Wirtin schlecht stand,
besorgte Diederich ihm den Kaffee und reinigte ihm die Schuhe. Dafür
durfte er mitgehen auf allen Wegen. Wenn Wiebel ein Bedürfnis
verrichtete, hielt Diederich draußen Wache, und er wünschte sich
nur, seinen Schläger da zu haben, um ihn schultern zu können.
Wiebel hätte es
verdient. Die Ehre der Korporation, in der auch Diederichs Ehre und
sein ganzes Schuldbewußtsein wurzelten, am glänzendsten vertrat
Wiebel sie. Er schlug sich, mit wem man wollte, für die Neuteutonia.
Er hatte das Ansehen der Verbindung erhöht, denn er sollte einst
einen Vindoborussen koramiert haben! Auch hatte er einen Verwandten
beim Zweiten Garde-Grenadierregiment Kaiser Franz Joseph; und so oft
Wiebel seinen Vetter von Klappke erwähnte, machte die ganze
Neuteutonia eine geschmeichelte Verbeugung. Diederich suchte sich
einen Wiebel in der Uniform eines Gardeoffiziers vorzustellen; aber
so viel Vornehmheit war nicht auszudenken. Eines Tages dann, wie er
mit Gottlieb Hornung, weithin duftend, vom täglichen Frisieren kam,
stand [36]an einer Straßenecke Wiebel mit einem Zahlmeister. Kein
Irrtum: es war ein Zahlmeister – und als Wiebel ihr Kommen bemerkte,
drehte er ihnen den Rücken. Auch sie wendeten und machten sich stumm
und stramm davon, ohne einander anzusehen und ohne eine Bemerkung.
Jeder vermutete, daß auch der andere die Ähnlichkeit des
Zahlmeisters mit Wiebel festgestellt habe. Und vielleicht kannten
die übrigen schon längst den wahren Sachverhalt? Aber allen stand
die Ehre der Neuteutonia hoch genug, um zu schweigen, ja, um das
Erblickte zu vergessen. Als Wiebel das nächste Mal „mein Vetter von
Klappke“ sagte, verbeugten Diederich und Hornung sich mit den
anderen, geschmeichelt wie je.
Schon hatte Diederich
Selbstbeherrschung gelernt, Beobachtung der Formen, Korpsgeist,
Eifer für das Höhere. Nur mit Mitleid und Widerwillen dachte er an
das elende Dasein des schweifenden Wilden, das früher das seine
gewesen war. Jetzt war Ordnung und Pflicht in sein Leben gebracht.
Zu genau eingehaltenen Stunden erschien er auf Wiebels Bude, im
Fechtsaal, beim Friseur und zum Frühschoppen. Der Nachmittagsbummel
leitete zur Kneipe über; und jeder Schritt geschah in Korporation,
unter Aufsicht und mit Wahrung peinlicher Formen und gegenseitiger
Ehrerbietung, die gemütvolle Derbheit nicht ausschloß. Ein
Kommilitone, mit dem Diederich bisher nur offiziellen Verkehr
unterhalten hatte, stieß einst mit ihm vor der Toilette zusammen,
und obwohl sie beide kaum noch gerade stehen konnten, wollte keiner
den Vortritt annehmen. Lange komplimentierten sie sich – bis sie
plötzlich, im gleichen Augenblick vom Drang überwältigt, wie zwei
zusammenprallende Eber durch die Tür brachen, daß ihnen die
Schulterknochen knackten. Das war der Beginn [37]einer Freundschaft.
In menschlicher Lage einander näher gekommen, rückten sie nachher
auch am offiziellen Kneiptisch zusammen, tranken Schmollis und
nannten sich „Schweinehund“ und „Nilpferd“.
Nicht immer zeigte
das Verbindungsleben seine heitere Seite. Es forderte Opfer; es übte
im männlichen Ertragen des Schmerzes. Delitzsch selbst, der Quell so
mancher Heiterkeit, verbreitete Trauer in der Neuteutonia. Eines
Vormittags, wie Wiebel und Diederich ihn abzuholen kamen: er stand
am Waschtisch und sagte noch: „Na da. Habt ’r heit aach so ä
Durscht?“ – plötzlich, ehe sie zugreifen konnten, fiel er hin,
mitsamt dem Waschgeschirr. Wiebel befühlte ihn: Delitzsch regte sich
nicht mehr.
„Herzklaps“, sagte
Wiebel kurz. Er ging stramm zur Klingel. Diederich hob die Scherben
auf und trocknete den Boden. Dann trugen sie Delitzsch auf das Bett.
Dem formlosen Gejammer der Wirtin gegenüber verharrten beide in
streng kommentmäßiger Haltung. Unterwegs zur Erledigung des weiteren
– sie marschierten im Takt nebeneinander – sagte Wiebel mit straffer
Todesverachtung:
„So was kann jedem
von uns passieren. Kneipen ist kein Spaß. Das kann sich jeder gesagt
sein lassen.“
Und mit allen anderen
fühlte Diederich sich gehoben durch Delitzsch’ treue
Pflichterfüllung, durch seinen Tod auf dem Felde der Ehre. Mit Stolz
folgten sie dem Sarge; „Neuteutonia sei’s Panier“, stand in jeder
Miene. Auf dem Friedhof, die umflorten Schläger gesenkt, hatten alle
das in sich vertiefte Gesicht des Kriegers, den die nächste Schlacht
dahinraffen kann, wie die vorigen den Kameraden; und was der erste
Chargierte von dem Geschiedenen rühmte: er habe in der Schule der
Mannhaftigkeit [38]und des Idealismus den höchsten Preis errungen,
das erschütterte jeden, als gälte es ihm selbst.
Hiermit ging
Diederichs Lehrzeit zu Ende, denn Wiebel trat aus, um sich auf den
Referendar vorzubereiten; und fortan hatte Diederich die von ihm
übernommenen Grundsätze selbständig zu vertreten und sie den
Jüngeren einzupflanzen. Er tat es im Gefühl hoher Verantwortlichkeit
und mit Strenge. Wehe dem Fuchs, der es verdient hatte, in die Kanne
zu steigen. Keine fünf Minuten vergingen, und er mußte sich an den
Wänden hinaustasten. Das Schreckliche geschah, daß einer vor
Diederich aus der Tür ging. Seine Buße waren acht Tage Bierverschiß.
Nicht Stolz oder Eigenliebe leiteten Diederich: einzig sein hoher
Begriff von der Ehre der Korporation. Er selbst war nur ein Mensch,
also nichts; jedes Recht, sein ganzes Ansehen und Gewicht kamen ihm
von ihr. Auch körperlich verdankte er ihr alles: die Breite seines
weißen Gesichts, seinen Bauch, der ihn den Füchsen ehrwürdig machte,
und das Privileg, bei festlichen Anlässen in hohen Stiefeln mit Band
und Mütze aufzutreten, den Genuß der Uniform! Wohl hatte er noch
immer einem Leutnant Platz zu machen, denn die Körperschaft, der der
Leutnant angehörte, war offenbar die höhere; aber wenigstens mit
einem Trambahnschaffner konnte er furchtlos verkehren, ohne Gefahr,
von ihm angeschnauzt zu werden. Seine Männlichkeit stand ihm mit
Schmissen, die das Kinn spalteten, rissig durch die Wangen fuhren
und in den kurz geschorenen Schädel hackten, drohend auf dem Gesicht
geschrieben – und welche Genugtuung, sie täglich und nach Belieben
einem jeden beweisen zu können! Einmal bot sich eine unerwartet
glänzende Gelegenheit. Zu dritt, mit Gottlieb Hornung und dem
Dienstmädchen ihrer Wir[39]tin, waren sie beim Tanz in Halensee.
Seit einigen Monaten teilten die Freunde sich eine Wohnung, mit der
ein ziemlich hübsches Dienstmädchen verbunden war, machten ihr beide
kleine Geschenke und gingen des Sonntags gemeinsam mit ihr aus. Ob
Hornung es so weit bei ihr gebracht hatte wie er selbst, darüber
hatte Diederich seine privaten Vermutungen. Offiziell und von
Verbindungs wegen war es ihm unbekannt.
Rosa war nicht übel
angezogen, auf dem Ball fand sie Bewerber. Damit Diederich noch eine
Polka bekam, war er genötigt, sie daran zu erinnern, daß er ihr die
Handschuhe gekauft habe. Schon machte er zur Einleitung des Tanzes
seine korrekte Verbeugung, da drängte sich unversehens ein anderer
dazwischen und polkte mit Rosa von dannen. Betreten sah Diederich
ihnen nach, im dunklen Gefühl, daß er hier werde einschreiten
müssen. Bevor er sich aber regte, war ein Mädchen durch die
tanzenden Paare gestürzt, hatte Rosa geohrfeigt und sie in unzarter
Weise von ihrem Partner getrennt. Dies sehen und auf Rosas Räuber
losmarschieren, war für Diederich eins.
„Mein Herr,“ sagte er
und sah ihm fest in die Augen, „Ihr Benehmen ist unqualifizierbar.“
Der andere erwiderte:
„Wennschon.“
Überrascht von dieser
ungewöhnlichen Wendung eines offiziellen Gesprächs, stammelte
Diederich:
„Knote.“
Der andere erwiderte
prompt:
„Schote“ – und lachte
dabei. Durch so viel Formlosigkeit vollends aus der Fassung
gebracht, wollte Diederich sich schon verbeugen und abtreten; aber
der andere [40]stieß ihn plötzlich vor den Bauch – und gleich darauf
wälzten sie sich zusammen am Boden. Umringt von Gekreisch und
anfeuernden Zurufen kämpften sie, bis man sie trennte. Gottlieb
Hornung, der Diederichs Klemmer suchen half, rief: „Da reißt er aus“
– und war schon hinterher. Diederich folgte. Sie sahen den anderen
mit einem Begleiter gerade noch in eine Droschke steigen und nahmen
die nächste. Hornung behauptete, die Verbindung dürfe das nicht auf
sich sitzen lassen. „So was kneift und bekümmert sich nicht mal mehr
um die Dame.“ Diederich erklärte:
„Was Rosa betrifft,
die ist für mich erledigt.“
„Für mich auch.“
Die Fahrt war
aufregend. „Ob wir nachkommen? Wir haben einen lahmen Gaul.“ „Wenn
der Prolet nun nicht satisfaktionsfähig ist?“ Man entschied: „Dann
hat die Sache offiziell nicht stattgefunden.“
Der erste Wagen hielt
im Westen vor einem anständigen Haus. Diederich und Hornung trafen
ein, wie das Tor zugeschlagen ward. Entschlossen postierten sie sich
davor. Es ward kühl, sie marschierten hin und her vor dem Hause,
zwanzig Schritte nach links, zwanzig Schritte nach rechts, behielten
immer die Tür im Auge und wiederholten immer dieselben ernsten und
weittragenden Reden. Nur Pistolen kamen hier in Frage! Diesmal war
die Ehre der Neuteutonia teuer zu bezahlen! Wenn es nur kein Prolet
war!
Endlich kam der
Portier zum Vorschein, und sie nahmen ihn ins Verhör. Sie suchten
ihm die Herren zu beschreiben, fanden aber, daß die beiden keine
besonderen Kennzeichen hatten. Hornung, noch leidenschaftlicher als
Diederich, blieb dabei, daß man warten müsse, und noch zwei
Stun[41]den lang marschierten sie hin und her, dann bogen aus dem
Hause zwei Offiziere. Diederich und Hornung rissen die Augen auf,
ungewiß, ob hier nicht ein Irrtum vorlag. Die Offiziere stutzten.
Einer schien sogar zu erbleichen. Da entschloß Diederich sich. Er
trat vor den Erbleichten hin.
„Mein Herr –“
Die Stimme versagte
ihm. Der Leutnant sagte, verlegen: „Sie irren sich wohl.“
Diederich brachte
hervor:
„Durchaus nicht. Ich
muß Genugtuung fordern. Sie haben sich –“
„Ich kenne Sie ja gar
nicht“, stammelte der Leutnant. Aber sein Kamerad flüsterte ihm
etwas zu: „So geht das nicht“ – er ließ sich von dem anderen die
Karte geben, legte seine eigene dazu und überreichte sie Diederich.
Diederich gab die seine her; dann las er: „Albrecht Graf
Tauern-Bärenheim“. Da nahm er sich nicht mehr die Zeit, auch die
andere zu lesen, sondern begann kleine, eifrige Verbeugungen zu
vollführen. Der zweite Offizier wandte sich inzwischen an Gottlieb
Hornung.
„Mein Freund hat den
Scherz natürlich ganz harmlos gemeint. Er wäre selbstverständlich zu
jeder Genugtuung bereit; ich will nur feststellen, daß eine
beleidigende Absicht nicht vorliegt.“
Der andere, den er
dabei ansah, hob die Schultern. Diederich stammelte: „O danke sehr.“
„Damit ist die Sache
wohl erledigt“, sagte der Freund; und die beiden Herren entfernten
sich.
Diederich stand noch
da, die Stirn feucht und mit befangenen Sinnen. Plötzlich seufzte er
tief auf und lächelte langsam.
[42] Nachher auf der
Kneipe war die Rede nur von diesem Vorfall. Diederich rühmte den
Kommilitonen das wahrhaft ritterliche Verhalten des Grafen.
„Ein wirklicher
Edelmann verleugnet sich doch nie.“
Er machte den Mund
klein wie ein Mausloch und stieß in langsamer Schwellung die Worte
hervor:
„F – formen sind doch
kein leerer Wahn.“
Immer wieder rief er
Gottlieb Hornung als Zeugen seines großen Augenblickes auf.
„So gar nichts
Steifes, wie? Oh! Auf einen doch immerhin gewagten Scherz kommt es
solchem Herrn nicht an. Eine Haltung dabei: t–hadellos, kann ich
euch sagen. Die Erklärungen Seiner Erlaucht waren so durchaus
befriedigend, daß ich meinerseits unmöglich –: Ihr begreift, man ist
kein Rauhbein.“
Alle begriffen es und
bestätigten Diederich, daß die Neuteutonia in dieser Sache durchaus
anständig abgeschnitten habe. Die Karten der beiden Edelleute wurden
bei den Füchsen umhergereicht und zwischen den gekreuzten Schlägern
am Kaiserbild befestigt. Kein Neuteutone, der sich heute nicht
betrank.
Damit endete das
Semester; aber Diederich und Hornung hatten für die Heimreise kein
Geld. Das Geld fehlte ihnen schon längst für fast alles. Mit
Rücksicht auf die Pflichten des Verbindungslebens war Diederichs
Wechsel auf zweihundertfünfzig Mark erhöht worden; und doch
übermannten ihn die Schulden. Alle Quellen schienen ausgepumpt, nur
dürres Land sah man, verschmachtend, sich dahindehnen – und endlich
mußte man wohl, so wenig dies Rittern angestanden hätte, über die
Zurückforderung dessen beraten, was sie selbst im Lauf der Zeiten an
Kommilitonen verliehen hatten. Gewiß war mancher [43]alte Herr
inzwischen zu großen Geldern gelangt. Hornung fand keinen; Diederich
verfiel auf Mahlmann.
„Bei dem geht es“,
erklärte er. „Der war bei gar keiner Verbindung: ein ganz gemeiner
Ruppsack. Dem werd’ ich mal auf die Bude steigen.“
Aber als Mahlmann ihn
erblickte, brach er ohne weiteres in sein riesenhaftes Lachen aus,
daß Diederich fast vergessen hatte und das ihn sofort
unwiderstehlich herabstimmte. Mahlmann war taktlos! Er hätte doch
fühlen sollen, daß hier in seinem Patentbureau mit Diederich die
ganze Neuteutonia moralisch zugegen war, und hätte Diederich um
ihretwillen Achtung erweisen sollen. Diederich hatte den Eindruck,
als sei er aus der kraftspendenden Gesamtheit jäh herausgerissen und
stehe hier als einzelner Mensch vor einem anderen. Eine nicht
vorhergesehene, unliebsame Lage! Um so unbefangener trug er seine
Sache vor. Oh! Er wolle kein Geld zurück, das würde er einem
Kameraden niemals zugemutet haben! Mahlmann möge nur so gefällig
sein, ihm für einen Wechsel zu bürgen. Mahlmann lehnte sich in
seinen Schreibsessel zurück und sagte breit und selbstverständlich:
„Nein.“
Diederich, betroffen:
„Wieso, nein?“
„Bürgen ist gegen
meine Prinzipien“, erklärte Mahlmann.
Diederich errötete
vor Entrüstung. „Aber ich habe doch auch für Sie gebürgt, und dann
ist der Wechsel an mich gekommen, und ich mußte für Sie hundert Mark
blechen. Sie haben sich gehütet!“
„Sehen Sie wohl? Und
wenn ich jetzt für Sie bürgen wollte, würden Sie auch nicht
bezahlen.“
[44] Diederich riß
nur noch die Augen auf.
„Nein, Freundchen,“
schloß Mahlmann; „wenn ich Selbstmord begehen will, brauch’ ich Sie
nicht dazu.“
Diederich faßte sich,
er sagte herausfordernd:
„Sie haben wohl
keinen Komment, mein Herr.“
„Nein“, wiederholte
Mahlmann und lachte ungeheuerlich.
Mit äußerstem
Nachdruck stellte Diederich fest: „Dann scheinen Sie überhaupt ein
Schwindler zu sein. Es soll ja gewisse Patentschwindler geben.“
Mahlmann lachte nicht
mehr; die Augen in seinem kleinen Kopf waren tückisch geworden, und
er stand auf. „Nun müssen Sie ’rausgehen“, sagte er, ohne Erregung.
„Unter uns wäre es wohl Wurst, aber nebenan sitzen meine
Angestellten, die dürfen so was nicht hören.“
Er packte Diederich
an den Schultern, drehte ihn herum und schob ihn vor sich her. Für
jeden Versuch, sich loszumachen, bekam Diederich einen mächtigen
Knuff.
„Ich fordere
Genugtuung“, schrie er, „Sie müssen sich mit mir schlagen!“
„Ich bin schon dabei.
Merken Sie es nicht? Dann will ich noch einen rufen.“ Er öffnete die
Tür. „Friedrich!“ Und Diederich ward einem Packer überliefert, der
ihn die Treppe hinabbeförderte. Mahlmann rief ihm nach:
„Nichts für ungut,
Freundchen. Wenn Sie ein andermal was auf dem Herzen haben, kommen
Sie ruhig wieder!“
Diederich brachte
sich in Ordnung und verließ das Haus in guter Haltung. Um so
schlimmer für Mahlmann, wenn er sich so aufführte! Diederich hatte
sich nichts vorzuwerfen; vor einem Ehrengericht wäre er glänzend
dagestanden. Etwas höchst Anstößiges blieb es, daß ein ein[45]zelner
sich so viel erlauben konnte; Diederich war gekränkt im Namen
sämtlicher Korporationen. Andererseits war es nicht zu leugnen, daß
Mahlmann Diederichs alte Hochachtung wieder beträchtlich
aufgefrischt hatte. „Ein ganz gemeiner Hund“, dachte Diederich.
„Aber so muß man sein ...“
Zu Hause lag ein
eingeschriebener Brief.
„Nun können wir
fortmachen“, sagte Hornung.
„Wieso wir? Ich
brauch’ mein Geld selbst.“
„Du machst wohl Spaß.
Ich kann hier doch nicht allein sitzenbleiben.“
„Dann such’ dir
Gesellschaft!“
Diederich schlug ein
solches Gelächter auf, daß Hornung ihn für verrückt hielt. Darauf
reiste er wirklich.
Unterwegs sah er
erst, daß der Brief von seiner Mutter adressiert war. Das war
ungewöhnlich ... Seit ihrer letzten Karte, sagte sie, sei es mit
seinem Vater noch viel schlimmer geworden. Warum Diederich nicht
gekommen sei.
„Wir müssen uns auf
das Entsetzlichste gefaßt machen. Wenn Du unseren innigst geliebten
Papa noch einmal sehen willst, o dann säume nicht länger, mein
Sohn!“
Bei dieser
Ausdrucksweise ward es Diederich ungemütlich. Er entschloß sich,
seiner Mutter einfach nicht zu glauben. „Weibern glaub’ ich
überhaupt nichts, und mit Mama ist es nun mal nicht richtig.“
Trotzdem tat Herr
Heßling bei Diederichs Ankunft gerade die letzten Atemzüge.
Von dem Anblick
überwältigt, brach Diederich gleich auf der Schwelle in ein ganz
formloses Geheul aus. Er stolperte zum Bett, sein Gesicht war im
Augenblick naß wie beim Waschen; und mit den Armen tat er lauter
kurze Flügelschläge und ließ sie machtlos gegen die Hüften
[46]klappen. Plötzlich erkannte er auf der Decke des Vaters rechte
Hand, kniete hin und küßte sie. Frau Heßling, ganz still und klein
selbst noch bei den letzten Atemzügen ihres Herrn, tat drüben
dasselbe mit der linken. Diederich dachte daran, wie dieser
verkümmerte schwarze Fingernagel auf seine Wange zugeflogen war,
wenn der Vater ihn ohrfeigte; und er weinte laut. Die Prügel gar,
als er von den Lumpen die Knöpfe gestohlen hatte! Diese Hand war
schrecklich gewesen; Diederichs Herz krampfte sich, nun er sie
verlieren sollte. Er fühlte, daß seine Mutter das gleiche im Sinn
hatte, und sie ahnte seine Gedanken. Auf einmal sanken sie einander,
über das Bett hinweg, in die Arme.
Bei den
Kondolenzbesuchen hatte Diederich sich zurück. Er vertrat vor ganz
Netzig, stramm und formensicher, die Neuteutonia, sah sich
angestaunt und vergaß darüber fast, daß er trauerte. Dem alten Herrn
Buck ging er bis zur äußeren Tür entgegen. Die Beleibtheit des
großen Mannes von Netzig ward majestätisch in seinem glänzenden
Gehrock. Würdevoll trug der den umgewendeten Zylinderhut vor sich
her; und die andere, vom schwarzen Handschuh entblößte Hand, die er
Diederich reichte, fühlte sich überraschend zartfleischig an. Seine
blauen Augen drangen warm in Diederich ein, und er sagte:
„Ihr Vater war ein
guter Bürger. Junger Mann, werden Sie auch einer! Haben Sie immer
Achtung vor den Rechten Ihrer Mitmenschen! Das gebietet Ihnen Ihre
eigene Menschenwürde. Ich hoffe, wir werden hier in unserer Stadt
noch zusammen für das Gemeinwohl arbeiten. Sie werden jetzt wohl
fertig studieren?“
Diederich konnte kaum
das Ja herausbringen, so sehr verstörte ihn die Ehrfurcht. Der alte
Buck fragte in leichterem Ton:
[47] „Hat mein
Jüngster Sie in Berlin schon aufgesucht? Nein? O, das soll er tun.
Er studiert jetzt auch dort. Wird aber wohl bald sein Jahr abdienen.
Haben Sie das schon hinter sich?“
„Nein“ – und
Diederich ward sehr rot. Er stammelte Entschuldigungen. Es sei ihm
bisher ganz unmöglich gewesen, das Studium zu unterbrechen. Aber der
alte Buck zuckte die Achseln, als sei der Gegenstand unerheblich.
Durch das Testament
des Vaters war Diederich neben dem alten Buchhalter Sötbier zum
Vormund seiner beiden Schwestern bestimmt. Sötbier belehrte ihn, daß
ein Kapital von siebzigtausend Mark da sei, das als Mitgift der
Mädchen dienen solle. Nicht einmal die Zinsen durften angegriffen
werden. Der Reingewinn aus der Fabrik hatte in den letzten Jahren
durchschnittlich neuntausend Mark betragen. „Mehr nicht?“ fragte
Diederich. Sötbier sah ihn an, zuerst entsetzt, dann vorwurfsvoll.
Wenn der junge Herr sich vorstellen könnte, wie sein seliger Vater
und Sötbier das Geschäft heraufgearbeitet hätten! Gewiß war es ja
noch ausdehnungsfähig ...
„Na, is jut“, sagte
Diederich. Er sah, daß hier vieles geändert werden müsse. Von einem
Viertel von neuntausend Mark sollte er leben? Diese Zumutung des
Verstorbenen empörte ihn. Als seine Mutter behauptete, der Selige
habe auf dem Sterbebette die Zuversicht geäußert, in seinem Sohn
Diederich werde er fortleben, und Diederich werde sich niemals
verheiraten, um immer für die Seinen zu sorgen, da brach Diederich
aus. „Vater war nicht so krankhaft sentimental wie du,“ schrie er,
„und er log auch nicht.“ Frau Heßling glaubte den Seligen zu hören
und duckte sich. Dies benutzte Diederich, um seinen Monatswechsel um
fünfzig Mark erhöhen zu lassen.
[48] „Zunächst“,
sagte er rauh, „hab’ ich mein Jahr abzudienen. Das kostet, was es
kostet. Mit euren kleinlichen Geldgeschichten könnt ihr mir später
kommen.“
Er bestand sogar
darauf, in Berlin einzutreten. Der Tod des Vaters hatte ihm wilde
Freiheitsgefühle gegeben. Nachts freilich träumte er, der alte Herr
trete aus dem Kontor, mit dem ergrauten Gesicht, das er als Leiche
gehabt hatte – und schwitzend erwachte Diederich.
Er reiste, versehen
mit dem Segen der Mutter. Gottlieb Hornung und ihre gemeinsame Rosa
konnte er fortan nicht brauchen und zog um. Den Neuteutonen zeigte
er in angemessener Form seine veränderten Lebensumstände an. Die
Burschenherrlichkeit war vorüber. Der Abschiedskommers!
Trauersalamander wurden gerieben, die für Diederichs alten Herrn
bestimmt waren, aber die auch ihm und seiner schönsten Blütezeit
gelten konnten. Vor lauter Hingabe gelangte er unter den Tisch, wie
am Abend seiner Aufnahme als Konkneipant; und war nun alter Herr.
Arg verkatert stand
er tags darauf, inmitten anderer jungen Leute, die alle, wie er
selbst, ganz nackt ausgezogen waren, vor dem Stabsarzt. Dieser Herr
sah angewidert über all das männliche Fleisch hin, das ihm
unterbreitet war; an Diederichs Bauch aber ward sein Blick höhnisch.
Sofort grinsten alle ringsum, und Diederich blieb nichts übrig, als
auch seinerseits die Augen auf seinen Bauch zu senken, der errötet
war ... Der Stabsarzt hatte seinen vollen Ernst zurück. Einem, der
nicht so scharf hörte, wie es Vorschrift war, erging es schlecht,
denn man kannte die Simulanten! Ein anderer, der noch dazu Levysohn
hieß, bekam die Lehre: „Wenn Sie mich wieder mal hier belästigen,
dann waschen Sie sich wenigstens!“ Bei Diederich hieß es:
[49] „Ihnen wollen
wir das Fett schon wegkurieren. Vier Wochen Dienst, und ich
garantiere Ihnen, daß Sie aussehen wie ein Christenmensch.“
Damit war er
angenommen. Die Ausgemusterten fuhren so schnell in ihre Kleider,
als brennte die Kaserne. Die für tauglich Befundenen sahen einander
prüfend von der Seite an und entfernten sich zaudernd, als
erwarteten sie, daß eine schwere Hand sich ihnen auf die Schultern
lege. Einer, ein Schauspieler mit einem Gesicht, als sei ihm alles
eins, kehrte um, stellte sich nochmals vor den Stabsarzt hin und
sagte laut, mit sorgfältiger Aussprache: „Ich möchte noch
hinzufügen, daß ich homosexuell bin.“
Der Stabsarzt wich
zurück, er war ganz rot. Stimmlos sagte er: „Solche Schweine können
wir allerdings nicht brauchen.“
Diederich drückte den
künftigen Kameraden seine Entrüstung aus über ein so schamloses
Verfahren. Dann sprach er noch den Unteroffizier an, der vorher an
der Wand seine Körperlänge gemessen hatte, und beteuerte ihm, daß er
froh sei. Trotzdem schrieb er nach Netzig an den praktischen Arzt
Dr. Heuteufel, der ihn als Jungen im Hals gepinselt hatte: ob der
Doktor ihm nicht bescheinigen wolle, daß er skrofulös und rachitisch
sei. Er könne sich doch nicht ruinieren lassen mit der Schinderei.
Aber die Antwort lautete, er solle nur nicht kneifen, das Dienen
werde ihm trefflich bekommen. So gab Diederich denn sein Zimmer
wieder auf und fuhr mit seinem Handkoffer in die Kaserne. Wenn man
schon vierzehn Tage dort wohnen mußte, konnte man so lange die Miete
sparen.
Sofort ging es mit
Reckturnen, Springen und anderen atemraubenden Dingen an.
Kompagnieweise ward man in den Korridoren, die „Rayons“ hießen,
„abgerichtet“. [50]Leutnant von Kullerow trug eine unbeteiligte
Hochnäsigkeit zur Schau, die Einjährigen betrachtete er nie anders
als mit einem zugekniffenen Auge. Plötzlich schrie er: „Abrichter!“
und gab den Unteroffizieren eine Instruktion, worauf er sich
verachtungsvoll abwandte. Beim Exerzieren im Kasernenhof, beim
Gliederbilden, Sichzerstreuen und Platzwechseln ward weiter nichts
beabsichtigt, als die „Kerls“ umherzuhetzen. Ja, Diederich fühlte
wohl, daß alles hier, die Behandlung, die geläufigen Ausdrücke, die
ganze militärische Tätigkeit vor allem darauf hinzielte, die
persönliche Würde auf ein Mindestmaß herabzusetzen. Und das
imponierte ihm; es gab ihm, so elend er sich befand, und gerade
dann, eine tiefe Achtung ein und etwas wie selbstmörderische
Begeisterung. Prinzip und Ideal war ersichtlich das gleiche wie bei
den Neuteutonen, nur ward es grausamer durchgeführt. Die Pausen der
Gemütlichkeit, in denen man sich seines Menschentums erinnern
durfte, fielen fort. Jäh und unabänderlich sank man zur Laus herab,
zum Bestandteil, zum Rohstoff, an dem ein unermeßlicher Wille
knetete. Wahnsinn und Verderben wäre es gewesen, auch nur im
geheimsten Herzen sich aufzulehnen. Höchstens konnte man, gegen die
eigene Überzeugung, sich manchmal drücken. Diederich war beim Laufen
gefallen, der Fuß tat ihm weh. Nicht, daß er gerade hätte hinken
müssen, aber er hinkte und durfte, wie die Kompagnie „ins Gelände“
marschierte, zurückbleiben. Um dies zu erreichen, war er zunächst an
den Hauptmann selbst herangetreten. „Herr Hauptmann, bitte –“ Welche
Katastrophe! Er hatte in seiner Ahnungslosigkeit vorwitzig das Wort
an eine Macht gerichtet, von der man stumm und auf den Knien des
Geistes Befehle ent[51]gegenzunehmen hatte! Der man sich nur
„vorführen“ lassen konnte! Der Hauptmann donnerte, daß die
Unteroffiziere zusammenliefen, mit Mienen, in denen das Entsetzen
vor einer Lästerung stand. Die Folge war, daß Diederich stärker
hinkte und einen Tag länger vom Dienst befreit werden mußte.
Unteroffizier
Vanselow, der für die Untat seines Einjährigen verantwortlich war,
sagte zu Diederich nur: „Das will ein gebildeter Mensch sein!“ Er
war es gewohnt, daß alles Unheil von den Einjährigen kam. Vanselow
schlief in ihrem Mannschaftszimmer hinter einem Verschlag. Nach dem
Lichtlöschen zoteten sie, bis der Unteroffizier empört
dazwischenschrie: „Das wollen gebildete Leute sein!“ Trotz seiner
langen Erfahrung erwartete er immer noch von den Einjährigen mehr
Geist und gute Haltung als von den anderen Leuten und war immer neu
enttäuscht. In Diederich sah er keineswegs den Schlimmsten. Das
Bier, das einer zahlte, entschied nicht allein über Vanselows
Meinung. Noch mehr sah Vanselow auf den soldatischen Geist freudiger
Unterwerfung, und den hatte Diederich. In der Instruktionsstunde
konnte man ihn den anderen als Muster vorhalten. Diederich zeigte
sich ganz erfüllt von den militärischen Idealen der Tapferkeit und
der Ehrliebe. Was die Abzeichen und die Rangordnung betraf, so
schien der Sinn dafür ihm angeboren. Vanselow sagte: „Jetzt bin ich
der Herr Kommandierende General“, und auf der Stelle benahm
Diederich sich, als glaubte er es. Wenn es aber hieß: „Jetzt bin ich
ein Mitglied der königlichen Familie“, dann war Diederichs Verhalten
so, daß es dem Unteroffizier ein Lächeln des Größenwahns abnötigte.
Im Privatgespräch in
der Kantine eröffnete Diederich [52]seinem Vorgesetzten, daß er vom
Soldatenleben begeistert sei. „Das Aufgehen im großen Ganzen!“ sagte
er. Er wünsche sich nichts auf der Welt, als ganz dabei zu bleiben.
Und er war aufrichtig – was aber nicht hinderte, daß er am
Nachmittag, bei den Übungen „im Gelände“, keinen anderen Wunsch mehr
kannte, als sich in den Graben zu legen und nicht mehr vorhanden zu
sein. Die Uniform, die ohnedies, aus Rücksichten der Strammheit, zu
eng geschnitten war, ward nach dem Essen zum Marterwerkzeug. Was
half es, daß der Hauptmann, bei seinen Kommandos, sich unsäglich
kühn und kriegerisch auf dem Pferd herumsetzte, wenn man selbst,
rennend und schnaufend, die Suppe unverdaut im Magen schlenkern
fühlte. Die sachliche Begeisterung, zu der Diederich völlig bereit
war, mußte zurücktreten hinter der persönlichen Not. Der Fuß
schmerzte wieder; und Diederich lauschte auf den Schmerz, in der
angstvollen, mit Selbstverachtung verbundenen Hoffnung, es möchte
schlimmer werden, so schlimm, daß er nicht wieder „ins Gelände“
hinaus mußte, daß er vielleicht nicht einmal mehr im Kasernenhof
üben konnte und daß man genötigt war, ihn zu entlassen!
Es kam dahin, daß er
am Sonntag den alten Herrn eines Korpsbruders aufsuchte, der
Geheimer Sanitätsrat war. Er müsse ihn um seinen Beistand bitten,
sagte Diederich, rot vor Scham. Er sei begeistert für die Armee, für
das große Ganze und wäre am liebsten ganz dabei geblieben. Man sei
da in einem großartigen Betrieb, ein Teil der Macht sozusagen und
wisse immer, was man zu tun habe: das sei ein herrliches Gefühl.
Aber der Fuß tue nun einmal weh. „Man darf es doch nicht so weit
kommen lassen, daß er unbrauchbar wird. Schließlich habe ich Mutter
und Geschwister zu ernähren.“ Der Geheim[53]rat untersuchte ihn.
„Neuteutonia sei’s Panier“, sagte er. „Ich kenne zufällig Ihren
Oberstabsarzt.“ Hiervon war Diederich durch seinen Korpsbruder
unterrichtet. Er empfahl sich, voll banger Hoffnung.
Die Hoffnung
bewirkte, daß er am nächsten Morgen kaum noch auftreten konnte. Er
meldete sich krank. „Wer sind Sie, was belästigen Sie mich?“ – und
der Stabsarzt maß ihn. „Sie sehen aus wie das Leben, Ihr Bauch ist
auch schon kleiner.“ Aber Diederich stand stramm und blieb krank;
der Vorgesetzte mußte sich zu einer Untersuchung herbeilassen. Als
er den Fuß zu Gesicht bekam, erklärte er, wenn er sich nicht eine
Zigarre anzünde, werde ihm unwohl werden. Trotzdem war nichts zu
finden an dem Fuß. Der Stabsarzt stieß ihn entrüstet vom Stuhl.
„Macht Dienst, Schluß, abtreten“ – und Diederich war erledigt.
Mitten im Exerzieren aber schrie er plötzlich auf und fiel um. Er
ward ins „Revier“ gebracht, den Aufenthalt der Leichterkrankten, wo
es nach Volk roch und nichts zu essen gab. Denn die
Selbstbeköstigung, die den Einjährigen zustand, war hier nur schwer
zu bewerkstelligen, und von den Rationen der anderen bekam er
nichts. Vor Hunger meldete er sich gesund. Abgeschnitten von
menschlichem Schutz, von allen sittlichen Rechten der bürgerlichen
Welt, trug er sein düsteres Geschick; eines Morgens aber, als alle
Hoffnung schon dahin war, holte man ihn vom Exerzieren weg auf das
Zimmer des Oberstabsarztes. Dieser hohe Vorgesetzte wünschte ihn zu
untersuchen. Er hatte einen verlegen menschlichen Ton und schlug
dann wieder in militärische Schroffheit um, die gleichfalls nicht
unbefangen wirkte. Auch er schien nichts Rechtes zu finden, das
Ergebnis seines Eingreifens aber klang trotzdem anders.
[54]Diederich sollte nur „vorläufig“ weiter Dienst machen, das
weitere werde sich schon ergeben. „Bei dem Fuß ...“
Einige Tage später
trat ein „Revier“gehilfe an Diederich heran und fertigte auf
geschwärztem Papier einen Abdruck des verhängnisvollen Fußes.
Diederich ward genötigt, im Revierzimmer zu warten. Der Stabsarzt
ging eben umher und nahm Gelegenheit, ihm seine volle Verachtung
auszudrücken. „Nicht mal Plattfuß! Stinkt vor Faulheit!“ Da aber
ward die Tür aufgestoßen, und der Oberstabsarzt, die Mütze auf dem
Kopf, hielt seinen Einzug. Sein Schritt war fester und zielbewußter
als sonst, er sah nicht rechts noch links, wortlos stellte er sich
vor seinem Untergebenen auf, den Blick finster und streng auf dessen
Mütze. Der Stabsarzt stutzte, er mußte sich in eine Lage finden, die
ersichtlich die gewohnte Kollegialität nicht mehr zuließ. Nun hatte
er sie erfaßt, nahm die Mütze herunter und stand stramm. Darauf
zeigte der Vorgesetzte ihm das Papier mit dem Fuß, sprach leise und
mit einer Betonung, die ihm befahl, etwas zu sehen, was nicht da
war. Der Stabsarzt blinzelte abwechselnd den Vorgesetzten, Diederich
und das Papier an. Dann zog er die Absätze zusammen: er hatte das
Befohlene gesehen.
Als der Oberstabsarzt
fort war, näherte der Stabsarzt sich Diederich. Höflich, mit einem
leisen Lächeln des Einverständnisses, sagte er:
„Der Fall war
natürlich von Anfang an klar. Man mußte nur der Leute wegen –. Sie
verstehen, die Disziplin –.“
Diederich bekundete
durch Strammstehen, daß er alles verstehe.
„Aber“, wiederholte
der Stabsarzt, „ich habe natürlich gewußt, wie Ihr Fall lag.“
[55] Diederich
dachte: „Wenn du es nicht gewußt hast, jetzt weißt du es.“ Laut
sagte er:
„Gestatte mir
gehorsamst zu fragen, Herr Stabsarzt: Ich werde doch weiterdienen
dürfen?“
„Dafür kann ich Ihnen
nicht garantieren“, sagte der Stabsarzt und machte kehrt.
Von schwerem Dienst
war Diederich fortan befreit, das „Gelände“ sah ihn nicht mehr. Um
so williger und freudiger war sein Verhalten in der Kaserne. Wenn
des Abends beim Appell der Hauptmann, die Zigarre im Munde und
leicht angetrunken, aus dem Kasino kam, um für Stiefel, die nicht
geschmiert, sondern gewichst waren, Mittelarrest zu verhängen: an
Diederich fand er nichts auszusetzen. Um so unerbittlicher übte er
seine gerechte Strenge an einem Einjährigen, der nun schon im
dritten Monat strafweise im Mannschaftszimmer schlafen mußte, weil
er einst, während der ersten vierzehn Tage, nicht dort, sondern zu
Hause geschlafen hatte. Er hatte damals vierzig Grad Fieber gehabt
und wäre, wenn er seine Pflicht getan hätte, vielleicht gestorben.
Dann wäre er eben gestorben! Der Hauptmann hatte, sooft er diesen
Einjährigen ansah, ein Gesicht voll stolzer Genugtuung. Diederich
dahinten, klein und unversehrt, dachte: „Siehst du wohl? Die
Neuteutonia und ein Geheimer Sanitätsrat sind mehr wert als vierzig
Grad Fieber ...“ Was Diederich betraf, so waren die amtlichen
Formalitäten eines Tages glücklich erfüllt, und der Unteroffizier
Vanselow verkündete ihm seine Entlassung. Diederich hatte sofort die
Augen voll Tränen; er drückte Vanselow warm die Hand.
„Gerade muß mir das
passieren, und ich hatte doch“ – er schluchzte – „so viel
Freudigkeit.“
Und dann war er
„draußen“.
[56] Vier Wochen lang
blieb er zu Hause und büffelte. Wenn er zum Essen ging, sah er sich
um, ob ein Bekannter ihn bemerkte. Endlich mußte er sich den
Neuteutonen wohl zeigen. Er trat herausfordernd auf.
„Wer von euch noch
nicht dabei war, hat keine Ahnung. Ich sage euch, da sieht man die
Welt von einem anderen Standpunkt. Ich wäre überhaupt dabei
geblieben, meine Vorgesetzten rieten es mir, ich sei hervorragend
qualifiziert. Na und da –“
Er starrte
schmerzlich vor sich hin.
„Das Unglück mit dem
Gaul. Das kommt davon, wenn man ein zu guter Soldat ist. Der
Hauptmann läßt einen in seinem Dogcart fahren, damit der Gaul mal
bewegt wird, und da ist das Unglück passiert. Natürlich habe ich den
Fuß nicht geschont und zu früh wieder Dienst gemacht. Die Sache
verschlimmerte sich erheblich, der Stabsarzt gab mir anheim, für
jede Eventualität meine Angehörigen zu benachrichtigen.“
Dies sagte er knapp
und männlich.
„Da hättet ihr nun
den Hauptmann sehen sollen. Täglich kam er selbst, nach den größten
Märschen, mit bestaubter Uniform, wie er war. So was gibt es auch
nur beim Militär. Wir sind in den bösen Tagen wahre Kameraden
geworden. Hier die Zigarre ist noch von ihm. Und als er mir dann
eingestehen mußte, der Stabsarzt wolle mich fortschicken, ich kann
euch versichern, das war einer der Augenblicke im Leben, die man
nicht vergißt. Der Hauptmann und ich, wir kriegten beide
gleichzeitig feuchte Augen.“
Alle waren
erschüttert. Diederich sah tapfer um sich.
„Na, jetzt soll man
sich also wieder in das bürgerliche Leben hineinfinden. Prost.“
[57]
Er büffelte
weiter; und am Sonnabend kneipte er mit den Neuteutonen. Auch Wiebel
erschien wieder. Er war Assessor, auf dem Wege zum Staatsanwalt und
sprach nur noch von „subversiven Tendenzen“, „Vaterlandsfeinden“ und
auch vom „christlich-sozialen Gedanken“. Er erklärte den Füchsen, es
sei an der Zeit, sich mit Politik zu beschäftigen. Er wisse wohl,
daß es nicht für vornehm gelte, aber die Gegner zwängen einen dazu.
Hochfeudale Herren, wie sein Freund, der Assessor von Barnim, seien
in der Bewegung. Herr von Barnim werde demnächst den Neuteutonen die
Ehre geben.
Er kam, und er gewann
alle Herzen, denn er benahm sich wie gleich zu gleich. Er hatte
dunkles, glatt gescheiteltes Haar, das Wesen eines pflichteifrigen
Beamten, sprach sachlich – aber am Schluß seines Vortrages bekam er
Schwärmeraugen und verabschiedete sich rasch, mit warmen
Händedrücken. Die Neuteutonen stimmten nach seinem Besuch alle darin
überein, daß der jüdische Liberalismus die Vorfrucht der
Sozialdemokratie sei und daß die christlichen Deutschen sich um den
Hofprediger Stöcker zu scharen hätten. Diederich verband, wie die
anderen, mit dem Wort „Vorfrucht“ keinen deutlichen Sinn und
verstand unter „Sozialdemokratie“ nur eine allgemeine Teilerei. Das
genügte ihm auch. Aber Herr von Barnim hatte jeden, der nähere
Aufklärung wünschte, zu sich eingeladen, und Diederich würde es sich
nicht verziehen haben, wenn er eine so schmeichelhafte Gelegenheit
versäumt hätte.
In seiner kalten,
altmodischen Junggesellenwohnung hielt Herr von Barnim ihm ein
Privatissimum. Sein politisches Ziel war eine ständische
Volksvertretung, wie im glücklichen Mittelalter: Ritter, Geistliche,
Gewerbe[58]treibende, Handwerker. Das Handwerk mußte, der Kaiser
hatte es mit Recht gefordert, wieder auf die Höhe kommen, wie vor
dem Dreißigjährigen Krieg. Die Innungen hatten Gottesfurcht und
Sittlichkeit zu pflegen. Diederich äußerte sein wärmstes
Einverständnis. Es entsprach seinen Trieben, als eingetragenes
Mitglied eines Standes, einer Berufsklasse, nicht persönlich,
sondern korporativ im Leben Fuß zu fassen. Er sah sich schon als
Abgeordneter der Papierbranche. Die jüdischen Mitbürger freilich
schloß Herr von Barnim von seiner Ordnung der Dinge aus; waren sie
doch das Prinzip der Unordnung und Auflösung, des
Durcheinanderwerfens, der Respektlosigkeit: das Prinzip des Bösen
selbst. Sein frommes Gesicht zog sich zusammen vom Haß, und
Diederich fühlte ihn mit.
„Schließlich“, meinte
er, „haben wir doch die Gewalt und können sie hinauswerfen. Das
deutsche Heer –“
„Das ist es eben“,
stieß Herr von Barnim aus, der durch das Zimmer lief. „Haben wir
darum den ruhmreichen Krieg geführt, daß mein väterliches Gut an
einen Herrn Frankfurter verkauft wird?“
Während Diederich
noch erschüttert schwieg, klingelte es, und Herr von Barnim sagte:
„Es ist mein Barbier,
den will ich mir auch mal vornehmen.“
Er bemerkte
Diederichs Enttäuschung und setzte hinzu:
„Natürlich rede ich
mit solch einem Manne anders. Aber jeder von uns muß an seinem Teil
der Sozialdemokratie Abbruch tun und die kleinen Leute in das Lager
unseres christlichen Kaisers hinüberziehen. Tun auch Sie das Ihre!“
Damit war Diederich
entlassen. Er hörte den Barbier noch sagen:
[59] „Schon wieder
ein alter Kunde, Herr Assessor, der zu Liebling hinübergeht, bloß
weil Liebling jetzt Marmor hat.“
Wiebel sagte, als
Diederich ihm berichtete:
„Das ist alles schön
und gut, und ich habe eine ganz bedeutende Verehrung für die ideale
Gesinnung meines Freundes von Barnim, aber auf die Dauer kommen wir
damit nicht mehr weiter. Sehen Sie mal, auch Stöcker hat im
Eispalast seine verdammten Erfahrungen gemacht mit der Demokratie,
ob sie sich nun christlich nennt oder unchristlich. Die Dinge sind
zu weit gediehen. Heute heißt es bloß noch: losschlagen, solange wir
die Macht haben.“
Und Diederich stimmte
erleichtert bei. Herumgehen und Christen werben, war ihm gleich ein
wenig peinlich erschienen.
„Die Sozialdemokratie
nehme ich auf mich, hat der Kaiser gesagt.“ Wiebels Augen drohten
katerhaft. „Nun, was wollen Sie mehr? Das Militär ist darüber
instruiert, es könne vorkommen, daß es auf die lieben Verwandten
schießen muß. Also? Ich kann Ihnen mitteilen, mein Lieber, wir
stehen am Vorabend großer Ereignisse.“
Da Diederich erregte
Neugier zeigte:
„Was ich durch meinen
Vetter von Klappke –.“
Wiebel machte eine
Pause. Diederich zog die Absätze zusammen:
„– in Erfahrung
gebracht habe, ist noch nicht für die Öffentlichkeit reif. Ich will
nur bemerken, daß der gestrige Ausspruch Seiner Majestät, die
Nörgler möchten gefälligst den deutschen Staub von ihren Pantoffeln
schütteln, eine verteufelt ernst zu nehmende Warnung war.“
„Tatsächlich? Sie
glauben?“ sagte Diederich. „Dann ist mein Pech wirklich skandalös,
daß ich gerade jetzt aus [60]dem Dienst Seiner Majestät scheiden
mußte. Ich darf sagen, daß ich gegen den inneren Feind meine volle
Pflicht getan haben würde. Auf die Armee, so viel weiß ich, kann
der
Kaiser sich verlassen.“
Er war in diesen
naßkalten Februartagen des Jahres 1892 viel auf der Straße, in der
Erwartung großer Ereignisse. Unter den Linden hatte sich etwas
verändert, man sah noch nicht, was. Berittene Schutzleute hielten an
den Mündungen der Straßen und warteten auch. Die Passanten zeigten
einander das Aufgebot der Macht. „Die Arbeitslosen!“ Man blieb
stehen, um sie ankommen zu sehen. Sie kamen vom Norden her, in
kleinen Abteilungen und im langsamen Marschschritt. Unter den Linden
zögerten sie, wie verwirrt, berieten sich mit den Blicken und
lenkten nach dem Schloß ein. Dort standen sie, stumm, die Hände in
den Taschen, ließen sich von den Rädern der Wagen mit Schlamm
bespritzen und zogen die Schultern hoch unter dem Regen, der auf
ihre entfärbten Überzieher fiel. Manche von ihnen wandten die Köpfe
nach vorübergehenden Offizieren, nach den Damen in ihren Wagen, nach
den langen Pelzen der Herren, die von der Burgstraße her
schlenderten; und ihre Mienen waren ohne Ausdruck, nicht drohend und
nicht einmal neugierig, nicht, als wollten sie sehen, sondern als
zeigten sie sich. Andere aber ließen kein Auge von den Fenstern des
Schlosses. Das Wasser lief über ihre hinaufgewendeten Gesichter. Ein
Pferd mit einem schreienden Schutzmann trieb sie weiter, hinüber
oder bis zur nächsten Ecke – aber schon standen sie wieder, und die
Welt schien versunken zwischen diesen breiten hohlen Gesichtern, die
fahler Abend beschien, und der starren Mauer dort hinten, auf der es
dunkelte.
[61] „Ich begreife
nicht,“ sagte Diederich, „daß die Polizei nicht energischer vorgeht.
Das ist doch eine unbotmäßige Bande.“
„Lassen Sie’s gut
sein“, erwiderte Wiebel. „Die Schutzleute sind genau instruiert. Die
Herren da oben haben ihre wohlüberlegten Absichten, das können Sie
mir glauben. Es ist nämlich gar nicht immer zu wünschen, daß
derartige Fäulniserscheinungen am Staatskörper gleich anfangs
unterdrückt werden. Man läßt sie ausreifen, dann macht man ganze
Arbeit!“
Die Reife, die Wiebel
meinte, kam täglich näher, am sechsundzwanzigsten schien sie da. Die
Demonstrationen der Arbeitslosen sahen zielbewußter aus. In eine der
nördlichen Straßen zurückgetrieben, quollen sie aus der nächsten,
bevor man ihnen den Weg abschneiden konnte, verstärkt wieder hervor.
Unter den Linden vereinigten sich ihre Züge, rannen, sooft sie
getrennt wurden, wieder zusammen, erreichten das Schloß, wichen
zurück und erreichten es noch einmal, stumm und unaufhaltsam wie
übergetretenes Wasser. Der Wagenverkehr stockte, die Fußgänger
stauten sich, mit hineingezogen in die langsame Überschwemmung,
worin der Platz ertrank, in dies trübe und mißfarbene Meer der
Armen, das zäh dahinrollte, dumpfe Laute heraufwälzte und wie Maste
untergegangener Schiffe die Stangen mit den Bannern hinaufreckte:
„Brot! Arbeit!“ Ein deutlicheres Grollen, ausbrechend aus der Tiefe,
jetzt drüben, jetzt hier: „Brot! Arbeit!“ Anschwellend über die
Menge hinrollend, wie aus einer Gewitterwolke: „Brot! Arbeit!“ Eine
Attacke der Berittenen, ein Aufschäumen, Zurückfließen, und
Weiberstimmen im Lärm, schrill, gleich Signalen: „Brot! Arbeit!“
Man wird überrannt,
vom Friedrichdenkmal fegt es die [62]Neugierigen hinunter. Aber sie
haben aufgerissene Münder; aus kleinen Beamten, denen der Weg ins
Amt versperrt ist, fliegt Staub auf, als würden sie geklopft. Ein
verzerrtes Gesicht, das Diederich nicht kennt, schreit ihm zu: „Es
kommt anders! Jetzt geht es gegen die Juden!“ – und ist
untergegangen, bevor ihm einfällt, es war Herr von Barnim. Er will
ihm nach, wird in einem großen Schub weit hinübergeworfen, bis vor
das Fenster eines Cafés, hört das Klirren der eingedrückten Scheibe,
einen Arbeiter, der schreit: „Da haben se mich neulich ’rausgesetzt
for meine dreißig Fennje, weil ich keinen Zylinderhut hatte“ – und
dringt mit ein durch das Fenster, zwischen die umgeworfenen Tische,
auf den Boden, wo man über Scherben fällt, einander die Bäuche
einstößt und laut zetert. „Niemand mehr ’rein! Wir kriegen keine
Luft!“ Aber immer mehr steigen ein. „Die Polizei drängelt!“ Und die
Mitte der Straße sieht man frei liegen, gesäubert, wie für einen
Triumphzug. Da sagt jemand: „Das ist doch Wilhelm!“
Und Diederich war
wieder draußen. Niemand wußte, wie es kam, daß man auf einmal
marschieren konnte, in gedrängter Masse, auf der ganzen Breite der
Straße und zu beiden Seiten bis an die Flanken des Pferdes, worauf
der Kaiser saß: er selbst. Man sah ihn an und ging mit. Knäuel von
Schreienden wurden aufgelöst und mitgerissen. Alle sahen ihn an.
Dunkles Geschiebe, ohne Form, planlos, grenzenlos, und hell darüber
ein junger Herr im Helm, der Kaiser. Sie sahen: sie hatten ihn
heruntergeholt aus dem Schloß. Sie hatten: „Brot! Arbeit!“
geschrien, bis er gekommen war. Nichts hatte sich geändert, als daß
er da war – und schon marschierten sie, als gehe es auf das
Tempelhofer Feld.
[63] Seitwärts, wo
die Reihen dünner waren, sagten bürgerlich Gekleidete zu einander:
„Na, Gott sei Dank, er weiß, was er will!“
„Was will er denn?“
„Der Bande zeigen,
wer die Macht hat! Im guten hat er es mit ihnen versucht. Er ist
sogar zu weit gegangen in den Erlassen vor zwei Jahren. Sie sind
frech geworden.“
„Angst kennt er
nicht, das muß man sagen. Kinder, dies ist ein historischer Moment!“
Diederich hörte es
und erschauderte. Der alte Herr, der gesprochen hatte, wandte sich
auch an ihn. Er hatte weiße Bartkoteletts und das Eiserne Kreuz.
„Junger Mann,“ sagte
er, „was unser herrlicher junger Kaiser da macht, das werden die
Kinder mal aus den Schulbüchern lernen. Passen Sie auf!“
Viele hatten gehobene
Brüste und feierliche Mienen. Die Herren, die dem Kaiser folgten,
blickten mit äußerster Entschlossenheit darein, ihre Pferde aber
lenkten sie durch das Volk, als seien alle die Leute zum Statieren
bei einer Allerhöchsten Aufführung befohlen; und manchmal schielten
sie seitwärts, nach dem Eindruck im Publikum. Er selbst, der Kaiser,
sah nur sich und seine Leistung. Tiefer Ernst versteinte seine Züge,
sein Auge blitzte hin über die Tausende der von ihm Gebannten. Er
maß sich mit ihnen, der von Gott gesetzte Herr mit den empörerischen
Knechten! Allein und ungeschützt hatte er sich mitten unter sie
gewagt, stark nur durch seine Sendung. Sie konnten sich an ihm
vergreifen, wenn es im Plan des Höchsten lag; er brachte seiner
heiligen Sache sich selbst zum Opfer. War Gott mit ihm, dann sollten
sie es sehen! Dann bewahrten sie für immer das Gepräge seiner Tat
und die Erinnerung an ihre Ohnmacht!
[64] Ein junger
Mensch mit einem Künstlerhut ging neben Diederich, er sagte: „Kennen
wir. Napoleon in Moskau, wie er sich solo unter die Bevölkerung
mischt.“
„Das ist doch
großartig!“ behauptete Diederich, und die Stimme versagte ihm. Der
andere zuckte die Achseln.
„Theater, und nicht
mal gut.“
Diederich sah ihn an,
er versuchte zu blitzen wie der Kaiser.
„Sie sind wohl auch
so einer.“
Er hätte nicht sagen
können was für einer. Er fühlte nur, daß er hier, zum erstenmal im
Leben, die gute Sache zu vertreten habe gegen feindliche
Bemängelungen. Trotz seiner Aufregung sah er sich noch die Schultern
des Menschen an: sie waren nicht breit. Auch äußerte die Umgebung
sich mißbilligend. Da ging Diederich vor. Mit seinem Bauch drängte
er den Feind gegen die Mauer und schlug auf den Künstlerhut ein.
Andere knufften mit. Der Hut lag schon am Boden und bald auch der
Mensch. Im Weitergehen bemerkte Diederich zu seinen Mitkämpfern:
„Der hat sicher nicht
gedient! Schmisse hat er auch keine!“
Der alte Herr mit
Bartkoteletts und Eisernem Kreuz war auch wieder da, er drückte
Diederich die Hand.
„Brav, junger Mann,
brav!“
„Soll man da nicht
wütend werden?“ erklärte Diederich, noch keuchend. „Wenn der Mensch
uns den historischen Moment verekeln will?“
„Sie haben gedient?“
fragte der alte Herr.
„Ich wäre am liebsten
ganz dabei geblieben“, sagte Diederich.
„Na ja, Sedan ist
nicht alle Tage“ – der alte Herr betupfte sein Eisernes Kreuz. „Das
waren wir!“
Diederich reckte
sich, er zeigte auf das bezwungene Volk und den Kaiser.
[65] „Das ist doch
gerade so gut wie Sedan!“
„Na ja“, sagte der
alte Herr.
„Gestatten Sie mal,
sehr geehrter Herr“, rief jemand und schwenkte sein Notizbuch. „Wir
müssen das bringen. Stimmungsbild, verstehnse? Sie haben wohl einen
Genossen verwalkt?“
„Kleinigkeit“ –
Diederich keuchte noch immer. „Meinetwegen könnt’ es jetzt gleich
losgehen gegen den inneren Feind. Unseren Kaiser haben wir mit.“
„Fein“, sagte der
Reporter und schrieb. „In der wildbewegten Menge hört man Leute
aller Stände der treuesten Anhänglichkeit und dem unerschütterlichen
Vertrauen zu der Allerhöchsten Person Ausdruck geben.“
„Hurra!“ schrie
Diederich, denn alle schrien es; und inmitten eines mächtigen Stoßes
von Menschen, der schrie, gelangte er jäh bis unter das
Brandenburger Tor. Zwei Schritte vor ihm ritt der Kaiser hindurch.
Diederich konnte ihm ins Gesicht sehen, in den steinernen Ernst und
das Blitzen; aber ihm verschwamm es vor den Augen, so sehr schrie
er. Ein Rausch, höher und herrlicher als der, den das Bier
vermittelt, hob ihn auf die Fußspitzen, trug ihn durch die Luft. Er
schwenkte den Hut hoch über allen Köpfen, in einer Sphäre der
begeisterten Raserei, durch einen Himmel, wo unsere äußersten
Gefühle kreisen. Auf dem Pferd dort, unter dem Tor der siegreichen
Einmärsche und mit Zügen steinern und blitzend ritt die Macht! Die
Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Die über
Hunger, Trotz und Hohn hingeht! Gegen die wir nichts können, weil
wir alle sie lieben! Die wir im Blut haben, weil wir die
Unterwerfung darin haben! Ein Atom sind wir von ihr, ein
[66]verschwindendes Molekül von etwas, das sie ausgespuckt hat!
Jeder einzelne ein Nichts, steigen wir in gegliederten Massen als
Neuteutonen, als Militär, Beamtentum, Kirche und Wissenschaft, als
Wirtschaftsorganisation und Machtverbände kegelförmig hinan, bis
dort oben, wo sie selbst steht, steinern und blitzend! Leben in ihr,
haben teil an ihr, unerbittlich gegen die, die ihr ferner sind, und
triumphierend, noch wenn sie uns zerschmettert: denn so rechtfertigt
sie unsere Liebe!
... Einer der
Schutzleute, deren Kette das Tor absperrte, stieß Diederich vor die
Brust, daß ihm der Atem ausblieb; er aber hatte die Augen so voll
Siegestaumel, als reite er selbst über alle diese Elenden hinweg,
die gebändigt ihren Hunger verschluckten. Ihm nach! Dem Kaiser nach!
Alle fühlten wie Diederich. Eine Schutzmannskette war zu schwach
gegen so viel Gefühl; man durchbrach sie. Drüben stand eine zweite.
Man mußte abbiegen, auf Umwegen den Tiergarten erreichen, einen
Durchschlupf finden. Wenige fanden ihn; Diederich war allein, als er
auf den Reitweg hinausstürzte, dem Kaiser entgegen, der auch allein
war. Ein Mensch im gefährlichsten Zustand des Fanatismus,
beschmutzt, zerrissen, mit Augen wie ein Wilder: der Kaiser vom
Pferd herunter, blitzte ihn an, er durchbohrte ihn. Diederich riß
den Hut ab, sein Mund stand weit offen, aber der Schrei kam nicht.
Da er zu plötzlich anhielt, glitt er aus und setzte sich mit Wucht
in einen Tümpel, die Beine in die Luft, umspritzt von Schmutzwasser.
Da lachte der Kaiser. Der Mensch war ein Monarchist, ein treuer
Untertan! Der Kaiser wandte sich nach seinen Begleitern um, schlug
sich auf den Schenkel und lachte. Diederich aus seinem Tümpel sah
ihm nach, den Mund noch offen.
[67] II.
Er reinigte sich
notdürftig und kehrte um. Auf einer Bank saß eine Dame; Diederich
ging ungern vorüber. Noch dazu starrte sie ihm entgegen. „Gans“,
dachte er zornig. Da sah er, daß sie ein tief erschrockenes Gesicht
hatte, und dann erkannte er Agnes Göppel.
„Eben bin ich dem
Kaiser begegnet“, sagte er sofort.
„Dem Kaiser?“ fragte
sie, wie aus einer anderen Welt. Er begann, unter großen,
ungewohnten Gesten herauszujagen, was ihn erstickte. Unser
herrlicher junger Kaiser, ganz allein unter rasenden Aufrührern! Ein
Café hatten sie demoliert, Diederich selbst war drin gewesen! Unter
den Linden hatte er blutige Kämpfe bestanden für seinen Kaiser!
Kanonen sollte man auffahren!
„Die Leute hungern
wohl“, sagte Agnes schüchtern. „Es sind ja auch Menschen.“
„Menschen?“ Diederich
rollte die Augen. „Der innere Feind sind sie!“
Da er Agnes wieder
erschrecken sah, beruhigte er sich etwas.
„Wenn es Ihnen
Vergnügen macht, daß wegen des Packs alle Straßen abgesperrt werden
müssen.“
Nein, das kam Agnes
sehr ungelegen. Sie hatte in der Stadt Besorgungen gehabt, und wie
sie zurück nach der Blücherstraße wollte, ging kein Omnibus mehr,
und nirgends kam man durch. Sie war zurückgedrängt worden bis
hierher. Es war kalt und naß, ihr Vater würde sich ängstigen; was
sollte sie tun? Diederich verhieß ihr, er werde es schon machen. Sie
gingen zusammen weiter. [68]Er wußte auf einmal nichts mehr zu sagen
und wendete den Kopf umher, als suchte er den Weg. Sie waren allein
zwischen kahlen Bäumen und nassem alten Laub. Wo waren die
männlichen Hochgefühle von vorhin? Diederich empfand Beklommenheit,
wie auf seinem letzten Spaziergang mit Agnes, als er, von Mahlmann
gewarnt, auf einen Omnibus sprang, ausriß und verschwand. Gerade
sagte Agnes: „Sie haben sich aber sehr, sehr lange nicht bei uns
sehen lassen. Papa hat Ihnen doch geschrieben?“
Sein eigener Vater
sei gestorben, sagte Diederich, betreten. Jetzt mußte Agnes zuerst
ihr Beileid ausdrücken, dann fragte sie weiter: warum er damals
plötzlich fortgeblieben sei, vor drei Jahren.
„Nicht wahr? Es sind
schon fast drei Jahre.“
Diederich bekam
Festigkeit. Das Verbindungsleben habe ihn völlig in Anspruch
genommen. Dort herrsche nämlich eine verdammt strenge Zucht. „Und
dann habe ich meiner Wehrpflicht genügt.“
„Oh!“ – Agnes sah ihn
an, „was aus Ihnen alles geworden ist! Und jetzt sind Sie wohl schon
Doktor?“
„Das soll jetzt
kommen.“
Er sah unzufrieden
geradeaus. Seine Schmisse, seine stattliche Breite, alle seine
wohlerworbene Männlichkeit: für sie war das nichts? Sie bemerkte es
gar nicht?
„Aber Sie“, sagte er
plump. In ihr blasses, so schmales Gesicht stieg eine ganz dünne
Röte, bis auf den Sattel der kleinen eingedrückten Nase mit den
Sommersprossen.
„Ja. Mir geht es
manchmal nicht gut, aber es wird schon wieder besser werden.“
Diederich bereute.
„Ich meinte doch
natürlich, daß Sie noch hübscher geworden sind“ – und er betrachtete
ihr rotes Haar, das [69]unter dem Hut hervorquoll, noch dicker als
früher, weil ihr Gesicht so klein geworden war. Dabei erinnerte er
sich seiner Demütigungen von damals und wie anders die Dinge jetzt
lagen. Herausfordernd sagte er:
„Wie geht es denn
Herrn Mahlmann?“
Agnes bekam eine
wegwerfende Miene.
„Denken Sie an den
noch? Wenn ich den mal wiedersähe, wär’s mir gleich.“
„So? Aber er hat ein
Patentbureau und könnte ganz gut heiraten.“
„Wennschon.“
„Früher
interessierten Sie sich doch für ihn.“
„Woraus schließen Sie
das?“
„Er schenkte Ihnen
immer etwas.“
„Ich hätte es lieber
nicht angenommen; aber dann –“ sie sah auf den Weg, auf das nasse
Laub vom Vorjahr, „dann hätte ich auch Ihre Geschenke nicht annehmen
dürfen.“
Darauf schwieg sie
erschrocken. Diederich fühlte, daß etwas Schweres geschehen war, und
schwieg auch.
„Das war doch nicht
der Rede wert,“ stieß er endlich heraus, „ein paar Blumen.“ Und mit
wiedergekehrter Entrüstung: „Mahlmann hat Ihnen sogar ein Armband
geschenkt.“
„Ich trage es
niemals“, sagte Agnes. Er hatte auf einmal Herzklopfen, er brachte
hervor: „Und wenn es von mir gewesen wäre?“
Stille; er hielt den
Atem an. Ganz leise kam es von ihr her:
„Dann ja.“
Darauf gingen sie
plötzlich rascher und ohne mehr zu sprechen. Sie kamen vor das
Brandenburger Tor, sahen die Linden bedrohlich von Polizei erfüllt,
eilten vorbei und [70]bogen in die Dorotheenstraße. Hier war es
wenig belebt, Diederich verlangsamte den Schritt, er fing an zu
lachen.
„Das ist eigentlich
hochkomisch. Was Mahlmann Ihnen nämlich schenkte, war mit meinem
Geld bezahlt. Er nahm mir ja alles ab, ich war noch ein ganz grüner
Junge.“
Sie blieb stehen.
„Oh!“ – und sie sah ihn an, ihre goldbraunen Augen zitterten. „Das
ist schrecklich. Können Sie mir das verzeihen?“
Er lächelte
überlegen. Das seien alte Geschichten, Jugendtorheiten.
„Nein, nein“, sagte
sie verstört.
Die Hauptsache,
meinte er, sei jetzt, wie sie nach Hause komme. Hier ging es schon
wieder nicht weiter. Omnibusse waren auch nicht zu sehen. „Es tut
mir leid, aber Sie werden sich meine Gesellschaft noch länger
gefallen lassen müssen. Übrigens wohne ich gleich hier. Sie könnten
mit hinaufkommen, da wären Sie wenigstens im Trockenen. Aber
natürlich, eine junge Dame darf das nicht.“
Sie hatte noch immer
diesen flehenden Blick.
„Sie sind so gut“,
sagte sie, stärker atmend. „Sie sind so edel.“ Und da sie schon das
Haus betraten: „Zu Ihnen kann ich doch Vertrauen haben?“
„Ich weiß, was ich
der Ehre meiner Korporation schulde“, erklärte Diederich.
Sie mußten an der
Küche vorbei, aber es war niemand darin. „Legen Sie doch so lange
ab“, sagte Diederich gnädig. Er stand da, ohne Agnes anzusehen, und
trat, während sie den Hut abnahm, von einem Fuß auf den anderen.
„Ich muß die Wirtin
suchen, damit sie Tee macht.“ Er wandte sich schon nach der Tür,
zuckte aber zurück: Agnes hatte seine Hand ergriffen und küßte sie!
„Aber Fräulein [71]Agnes“, murmelte er, furchtbar erschrocken, und
legte ihr, wie tröstend, den Arm um ihre Schulter; da sank sie gegen
die seine. Er drückte seinen Mund in ihr Haar, ziemlich tief, weil
er sich dazu verpflichtet fühlte. Unter seinem Druck bebte und flog
ihr Körper, als würde er geschlagen. Er fühlte sich in der dünnen
Bluse lau und feucht an. Diederich ward es heiß, er küßte Agnes auf
den Hals. Und plötzlich kam ihr Gesicht auf ihn zu: mit offenem
Mund, halbgeschlossenen Augen und mit einem Ausdruck, den er nie
gesehen hatte und der ihm schwindlig machte. „Agnes! Agnes, ich
liebe dich“, sagte er wie aus tiefer Not. Sie antwortete nicht, aus
ihrem offenen Mund kamen kleine warme Atemstöße, und er fühlte sie
fallen, er trug sie, die zu zerfließen schien.
Dann saß sie auf dem
Diwan und weinte. „Sei mir nicht bös, Agnes“, bat Diederich. Sie sah
ihn an mit ihren nassen Augen.
„Ich weine doch vor
Glück“, sagte sie. „Ich hab’ so lange auf dich gewartet.“
„Warum?“ fragte sie,
da er ihre Bluse schließen wollte. „Warum deckst du es schon zu?
Findest du es schon nicht mehr schön?“
Er verwahrte sich.
„Ich bin mir der übernommenen Verantwortung vollkommen bewußt.“
„Verantwortung?“
sagte Agnes. „Wer hat die? Ich habe dich drei Jahre lang geliebt. Du
wußtest es ja nicht. Es war wohl das Schicksal!“
Diederich, die Hände
in den Taschen, bedachte, daß dies das Schicksal der leichtsinnigen
Mädchen sei. Andererseits empfand er das Bedürfnis, sich ihre
Versicherungen wiederholen zu lassen. „Also wirklich mich, nur mich
hast du geliebt?“
[72] „Ich sah, daß du
mir nicht glaubtest. Es war schrecklich, als ich merkte, du kamst
nicht mehr, und es war aus. Es war ganz schrecklich. Ich wollte dir
schreiben, ich wollte zu dir gehen. Jedesmal verlor ich den Mut,
weil du mich doch nicht mehr mochtest. Ich kam so herunter, daß Papa
eine Reise mit mir machen mußte.“
„Wohin denn?“ fragte
Diederich. Aber Agnes antwortete nicht, sie zog ihn wieder an sich.
„Sei lieb mit mir!
Ich hab’ nur dich!“
Diederich dachte
verlegen: „Dann hast du nicht viel.“ Agnes schien ihm verkleinert
und sehr im Wert gesunken, seit er den Beweis hatte, daß sie ihn
liebte. Auch sagte er sich, einem Mädchen, das so etwas tat, dürfe
man nicht alles glauben.
„Und Mahlmann?“
fragte er höhnisch. „Ein bißchen war doch wohl los mit ihm.“ – „Na
laß nur“, sagte er, da sie sich mit starrem Entsetzen aufrichtete.
Er suchte gutzumachen. Er sei doch auch noch ganz benommen von
seinem Glück.
Sehr langsam zog sie
sich an. „Dein Vater wird aber gar nicht wissen, was los ist“,
meinte Diederich. Sie hob nur die Schultern. Als sie fertig war und
er schon die Tür geöffnet hatte, blieb sie noch stehen und sah in
das Zimmer zurück, mit einem langen, angstvollen Blick.
„Vielleicht“, sagte
sie, wie zu sich selbst, „komme ich nie wieder. Mir ist, als sollte
ich heute nacht sterben.“
„Wieso denn?“ sagte
Diederich, peinlich berührt. Statt einer Antwort ließ sie sich noch
einmal an ihn hinsinken, den Mund auf seinem, die Brust auf seiner
und von den Hüften zu den Füßen wie mit ihm verwachsen. Diederich
wartete geduldig. Dann löste sie sich, öffnete die Augen und sagte:
[73] „Du mußt nicht
denken, daß ich etwas von dir verlange. Ich hab’ dich geliebt, nun
ist alles gleich.“
Er bot ihr einen
Wagen an, aber sie wollte gehen. Unterwegs fragte er nach ihrer
Familie und nach anderen Bekannten. Erst am Belle-Alliance-Platz
ward er unruhig, und etwas heiser brachte er hervor:
„Natürlich denke ich
nicht daran, mich meinen Verpflichtungen dir gegenüber zu entziehen.
Nur vorläufig: du verstehst, ich verdiene noch nichts, ich muß erst
fertig sein und zu Hause mich in den Betrieb einleben ...“
Agnes erwiderte
dankbar und ruhig, als habe man ihr ein Kompliment gemacht:
„Es wäre schön, wenn
ich später einmal deine Frau werden könnte.“
Da sie in die
Blücherstraße einbogen, blieb er stehen. Unsicher meinte er, es sei
jetzt wohl besser, wenn er umkehre. Sie sagte:
„Weil uns jemand
sehen könnte? Das würde gar nichts machen, denn ich muß zu Hause
doch erzählen, daß ich dir begegnet bin und daß wir im Café zusammen
gewartet haben, bis die Straßen wieder frei waren.“
„Na, die kann lügen“,
dachte Diederich. Sie setzte hinzu:
„Für Sonntag bist du
zu Mittag geladen, du mußt bestimmt kommen.“
Diesmal war es ihm
zuviel, er fuhr auf. „Ich soll –? Bei euch soll ich –?“
Sie lächelte sanft
und schlau. „Es geht doch nicht anders. Wenn man uns einmal sähe –:
willst du denn nicht, daß ich wiederkomme?“
O ja, das wollte er.
Trotzdem mußte sie ihm zureden, bis er sein Erscheinen versprach.
Vor ihrem Hause verabschiedete er sich mit einer formellen
Verbeugung, kehrte [74]rasch um und dachte: „So ein Weib ist
scheußlich raffiniert. Lange tu’ ich da nicht mit.“ Indes bemerkte
er mit Unlust, daß es Zeit sei, auf die Kneipe zu gehen. Es
verlangte ihn nach Hause, er wußte nicht, warum. Als er dann die Tür
seines Zimmers hinter sich zugezogen hatte, blieb er davor stehen
und starrte in die Dunkelheit. Plötzlich reckte er die Arme in die
Höhe, wandte das Gesicht nach oben und sagte in einem langen
Aufatmen:
„Agnes!“
Er fühlte sich
verwandelt, leicht, wie vom Boden gehoben. „Ich bin ganz furchtbar
glücklich“, dachte er, und: „So schön kommt es im ganzen Leben nicht
wieder!“ Er hatte die Gewißheit, daß er bis jetzt, bis zu dieser
Minute, alle Dinge falsch angesehen, falsch bewertet hatte. Dort
hinten kneipten sie nun und machten sich wichtig. Juden oder
Arbeitslose, was gingen einen die an, warum sollte man sie hassen?
Diederich fühlte sich bereit, sie zu lieben! Hatte er denn wirklich,
er selbst, den Tag in einem Gewühl von Menschen verbracht, die er
für Feinde gehalten hatte? Sie waren Menschen: Agnes hatte recht!
War er selbst es, der jemand um einiger Worte willen geschlagen
hatte, geprahlt, gelogen, sich töricht abgearbeitet und endlich,
zerrissen und sinnlos, sich in den Schmutz geworfen hatte vor einem
Herrn zu Pferd, dem Kaiser, der ihn auslachte? Er erkannte, daß er,
bis Agnes kam, ein hilfloses, bedeutungsloses und armes Leben
geführt habe. Bestrebungen wie die eines Fremden, Gefühle, die ihn
beschämten, und niemand, den er liebte – bis Agnes kam! „Agnes! Süße
Agnes, du weißt ja gar nicht, wie ich dich liebhabe!“ Aber sie
sollte es wissen. Er fühlte, daß er es nie wieder so werde sagen
können wie in dieser Stunde, und er schrieb einen Brief. Er
[75]schrieb, daß auch er diese drei Jahre immer auf sie gewartet
habe, und daß er keine Hoffnung gehabt habe, weil sie zu schön für
ihn sei, zu fein und zu gut; daß er sich das mit Mahlmann nur
eingeredet habe aus Feigheit und aus Trotz; daß sie eine Heilige
sei, und nun sie zu ihm herabgestiegen, liege er zu ihren Füßen.
„Hebe mich auf, Agnes, ich kann stark sein, ich fühle es, und ich
will Dir mein ganzes Leben weihen!“ – Er weinte, drückte das Gesicht
in das Diwankissen, worin er ihren Duft noch spürte, und unter
Schluchzen, wie als Kind, schlief er ein.
Am Morgen freilich
war er erstaunt und befremdet, sich nicht im Bett zu finden. Sein
großes Erlebnis fiel ihm ein, ein süßer Stoß ging durch sein Blut,
bis zum Herzen. Aber auch der Verdacht kam ihm, daß er sich
peinliche Übertreibungen habe zuschulden kommen lassen. Er las den
Brief wieder durch: das war alles recht schön, und es konnte einen
auch wirklich aus der Fassung bringen, wenn man auf einmal mit so
einem großartigen Mädel ein Verhältnis hatte. Wäre sie jetzt nur
dagewesen, er hätte zärtlich sein wollen! Aber den Brief schickte
man doch besser nicht ab. Es war unvorsichtig in jeder Beziehung. Am
Ende fing Vater Göppel ihn ab ... Diederich verschloß den Brief im
Schreibtisch. „An das Essen hab’ ich gestern überhaupt nicht
gedacht!“ Er ließ sich ein ausgiebiges Frühstück bringen. „Und
rauchen wollte ich nicht, damit ihr Geruch nicht verginge. Das ist
doch Blödsinn. So darf man nicht sein.“ Er zündete eine Zigarre an
und ging ins Laboratorium. Was er auf dem Herzen hatte, beschloß er
statt in Worte – denn so hohe Worte waren unmännlich und unbequem –
lieber in Musik auszuströmen. Er mietete ein Klavier und versuchte
sich plötzlich mit viel mehr Glück als in der Klavierstunde an
Schubert und Beethoven.
[76] Am Sonntag, wie
er bei Göppels klingelte, machte Agnes selbst ihm auf. „Das Mädchen
kann nicht vom Herd fort“, sagte sie; aber den wahren Grund sagte
ihr Blick. Aus Ratlosigkeit senkte Diederich die Augen auf das
silberne Armband, womit sie klapperte, als sollte er hinsehen.
„Kennst du es nicht?“
flüsterte Agnes. Er ward rot.
„Das von Mahlmann?“
„Das von dir! Ich
trag’ es zum erstenmal.“
Rasch und heiß
drückte sie ihm die Hand, dann ging die Tür zum Berliner Zimmer auf.
Herr Göppel wandte sich um. „Na, da ist wohl unser Ausreißer?“ Aber
kaum erblickte er Diederich, änderte sich seine Miene, er bereute
seine Vertraulichkeit.
„Ich hätte Sie, weiß
Gott, nicht wiedererkannt, Herr Heßling!“
Diederich sah zu
Agnes hinüber, wie um ihr zu sagen: „Siehst du? Der merkt es, daß
ich kein dummer Junge mehr bin.“
„Bei Ihnen ist ja
alles unverändert“, stellte Diederich fest und begrüßte Herrn
Göppels Schwestern und Schwager. In Wahrheit aber fand er alle
beträchtlich gealtert, besonders Herrn Göppel, der sich weniger
munter benahm und dem ein kummervolles Fett von den Wangen hing. Die
Kinder waren nun größer, und irgendwo im Zimmer schien eine Person
zu fehlen.
„Ja, ja,“ so schloß
Herr Göppel die einleitende Unterhaltung, „die Zeit vergeht, aber
gute Freunde finden sich immer wieder.“
„Wenn du wüßtest,
wie“, dachte Diederich verlegen und mit Geringschätzung, indes man
zu Tisch ging. Beim Kalbsbraten fiel ihm endlich ein, wer damals ihm
gegen[77]über gesessen hatte. Es war die Tante, die ihn so
hochtrabend gefragt hatte, was er denn studiere, und die nicht
gewußt hatte, daß Chemie etwas anderes war als Physik. Agnes, die er
zu seiner Rechten hatte, erklärte ihm, daß diese Tante schon seit
zwei Jahren tot sei. Diederich murmelte sein Beileid, im stillen
aber sagte er sich: „Die quatscht also auch nicht mehr.“ Ihm kam es
vor, als ob hier alle bestraft und niedergedrückt seien, ihn selbst
nur hatte das Schicksal, seinem Wert entsprechend, erhöht. Und er
streifte Agnes, von oben herab, mit dem Blick des Besitzers.
Die süße Speise ließ
auf sich warten, gerade wie damals. Agnes wandte unruhig den Kopf
nach der Tür, Diederich sah ihre schönen blonden Augen verdunkelt,
als sei etwas Ernstes geschehen. Er hatte plötzlich tiefes Mitgefühl
mit ihr, eine große Zärtlichkeit. Er stand auf und rief aus der Tür:
„Marie! Der Krehm!“
Wie er zurückkam,
trank Herr Göppel ihm zu. „Das haben Sie früher auch schon gemacht.
Sie sind doch hier wie’s Kind im Hause. Nicht, Agnes?“ Agnes dankte
Diederich mit einem Blick, der sein ganzes Herz aufrührte. Er mußte
sich zusammennehmen, um nicht feuchte Augen zu bekommen. Wie
wohlwollend die Verwandten ihm zulächelten! Der Schwager stieß mit
ihm an. Was für gute Menschen! Und Agnes, die süße Agnes, liebte
ihn! Er verdiente so viel nicht! Das Gewissen schlug ihm laut, er
nahm sich dunkel vor, nachher mit Herrn Göppel zu sprechen.
Leider fing Herr
Göppel nach dem Essen wieder von den Krawallen an. Wenn wir endlich
den Druck der Bismarckschen Kürassierstiefel los waren, brauchte man
die Arbeiter nun nicht mit Dicktun in Reden zu reizen. Der [78]junge
Mann (so nannte Herr Göppel den Kaiser!) redet uns noch die
Revolution an den Hals ... Diederich sah sich veranlaßt, im Namen
der Jugend, die fest und treu zu ihrem herrlichen jungen Kaiser
stehe, solche Nörgeleien auf das schärfste zurückzuweisen. Seine
Majestät hatten es selbst gesagt: „Diejenigen, welche mir behilflich
sein wollen, herzlich willkommen. Die sich mir entgegenstellen,
zerschmettere ich.“ Dabei versuchte Diederich zu blitzen. Herr
Göppel erklärte, er warte es ab.
„In dieser harten
Zeit“, fügte Diederich hinzu, „muß jeder seinen Mann stehen.“ Und er
setzte sich in Positur vor Agnes, die ihn bewunderte.
„Wieso harte Zeit?“
sagte Herr Göppel. „Sie ist doch nur hart, wenn wir uns gegenseitig
das Leben schwer machen. Ich hab’ mich mit meinen Arbeitern noch
immer vertragen.“
Diederich zeigte sich
entschlossen, daheim in seinem Betrieb eine ganz andere Zucht
einzuführen. Sozialdemokraten wurden nicht mehr geduldet, und
Sonntags gingen die Leute zur Kirche! – Das auch noch? meinte Herr
Göppel. Das könne er von seinen Leuten nicht verlangen, wenn er
selbst doch bloß am Karfreitag gehe. „Soll ich sie beschwindeln?
Christentum ist gut; aber was der Pastor alles redet, glaubt doch
kein Mensch mehr.“ Da sah man Diederichs Miene hoch überlegen
werden.
„Mein lieber Herr
Göppel, ich kann Ihnen nur sagen: Was die Herren da oben und
besonders mein verehrter Freund, der Assessor von Barnim, zu glauben
für richtig halten, das glaub’ ich auch – unbesehen. Das kann ich
Ihnen nur sagen.“
Der Schwager, der
Beamter war, schlug sich plötzlich auf Diederichs Seite. Herr Göppel
hatte schon einen [79]roten Kopf, Agnes trat mit dem Kaffee
dazwischen. „Na, schmecken Ihnen meine Zigarren?“ Herr Göppel
klopfte Diederich aufs Knie. „Sehen Sie wohl, im Menschlichen sind
wir einig.“
Diederich dachte: „Da
ich sozusagen zur Familie gehöre.“
Er ließ von seiner
strammen Haltung einiges nach, es war noch sehr gemütlich. Herr
Göppel wollte wissen, wann Diederich „fertig“ werde und Doktor sei,
er begriff nicht, daß eine chemische Arbeit zwei Jahre und länger
brauche. Diederich verbreitete sich in Ausdrücken, die niemand
verstand, über die Schwierigkeiten, zu einer Lösung zu gelangen. Er
hatte die Empfindung, Herr Göppel warte zu einem bestimmten Zweck
auf seine Promovierung. Auch Agnes schien es zu fühlen, denn sie
griff ein und lenkte das Gespräch ab. Als Diederich sich
verabschiedet hatte, ging sie mit hinaus und flüsterte ihm zu:
„Morgen um drei bei
dir.“
Vor jäher Freude
griff er nach ihr und küßte sie, zwischen den Türen, während gleich
daneben das Mädchen mit dem Geschirr rasselte. Sie fragte traurig:
„Denkst du denn gar nicht daran, was mir passiert, wenn jetzt jemand
kommt?“ Er war betroffen und verlangte als Zeichen ihrer Verzeihung
noch einen Kuß. Sie gab ihn.
Um drei Uhr pflegte
Diederich aus dem Café ins Laboratorium zurückzukehren. Statt dessen
war er schon um zwei Uhr wieder in seinem Zimmer. Richtig kam sie
noch vor drei. „Wir haben es beide nicht erwarten können! Wie wir
uns liebhaben!“ Es war schöner als das erstemal, viel schöner. Keine
Träne mehr, keine Furcht; und die Sonne schien herein. Diederich
breitete Agnes’ Haar in der Sonne aus und badete sein Gesicht darin.
[80] Sie blieb, bis
es fast schon zu spät war, die Einkäufe zu machen, die sie zu Hause
vorgeschützt hatte. Sie mußte laufen. Diederich, der mitlief, war
sehr besorgt, daß es ihr schaden könne. Aber sie lachte, sah rosig
aus und nannte ihn ihren Bären. Immer endeten nun so die Tage, an
denen sie kam. Immer waren sie glücklich. Herr Göppel stellte fest,
daß es Agnes besser gehe als je, und das verjüngte ihn selbst. Daher
wurden auch die Sonntage jedesmal heiterer. Es dauerte bis abends,
dann ward Punsch gemacht, Diederich mußte Schubert spielen, oder er
und der Schwager sangen Burschenlieder und Agnes begleitete sie.
Manchmal sahen sie sich nacheinander um, beiden war zumut, als werde
ihr Glück gefeiert.
Es kam vor, daß im
Laboratorium der Diener zu Diederich hintrat und ihm meldete,
draußen sei eine Dame. Er stand sofort auf, stolz errötend unter den
verständnisvollen Blicken der Kollegen. Und dann bummelten sie,
gingen ins Café, ins Panoptikum; und da Agnes gern Bilder sah,
erfuhr Diederich auch, daß es Kunstausstellungen gab. Agnes liebte
es, vor einem Bild, das ihr gefiel, einer sanften, festtägigen
Landschaft aus schöneren Ländern, lange stehenzubleiben, mit
halbgeschlossenen Augen, und Träume auszutauschen mit Diederich.
„Sieh nur recht hin,
dann merkst du, das ist kein Rahmen, es ist ein Tor mit goldenen
Stufen, die gehen wir hinunter und über den Weg, und biegen die
Weißdornbüsche weg und steigen in den Kahn. Fühlst du wohl, wie er
schaukelt? Das kommt, weil wir die Hand durch das Wasser schleifen,
es ist so warm. Drüben am Berg, der weiße Punkt, du weißt schon, es
ist unser Haus, dahin fahren wir. Siehst du, siehst du?“
„Ja, ja“, sagte
Diederich voll Eifer. Er kniff die Lider [81]ein und sah alles, was
Agnes wollte. Er geriet so sehr in Feuer, daß er ihre Hand nahm, um
sie zu trocknen. Dann setzten sie sich in einen Winkel und sprachen
von den Reisen, die sie machen wollten, dem sorgenlosen Glück in
sonniger Ferne, von Liebe ohne Ende. Diederich glaubte, was er
sagte. Im Grunde wußte er wohl, daß er bestimmt sei, zu arbeiten und
ein praktisches Leben zu führen, ohne viel Muße für
Überschwenglichkeiten. Aber was er hier sagte, war von einer höheren
Wahrheit als alles, was er wußte. Der eigentliche Diederich, der,
der er hätte sein sollen, sprach wahr. – Aber Agnes: wie sie nun
aufstanden und gingen, war sie blaß und schien müde. Ihre schönen
blonden Augen hatten einen Glanz, der Diederich beklommen machte,
und sie fragte leise und zitternd:
„Wenn unser Kahn nun
umgeschlagen wäre?“
„Dann hätte ich dich
gerettet!“ sagte Diederich entschlossen.
„Aber es ist weit vom
Ufer, und das Wasser ist schrecklich tief.“
Da er ratlos war:
„Wir hätten ertrinken
müssen. Sag’, wärst du gern mit mir gestorben?“
Diederich sah sie an;
dann schloß er die Augen.
„Ja“, sagte er mit
einem Seufzer.
Nachher aber bereute
er ein solches Gespräch. Er hatte wohl gemerkt, warum Agnes
plötzlich in eine Droschke steigen und heimfahren mußte. Sie hatte
krampfhafte Röte bis in die Stirn gehabt, und er sollte nicht sehen,
wie sie hustete. Den ganzen Nachmittag bereute Diederich nun. Solche
Sachen waren ungesund, führten zu nichts und machten
Ungelegenheiten. Sein Professor [82]hatte schon von den Besuchen der
Dame erfahren. Es ging nicht länger, daß sie ihn wegen jeder Laune
von seiner Arbeit wegholte. Er setzte es ihr schonend auseinander.
„Du hast wohl recht“, sagte sie darauf. „Ordentliche Menschen
brauchen feste Stunden. Aber wenn ich nun um halb sechs zu dir
kommen soll, und am meisten geliebt hab’ ich dich schon um vier?“
Er fühlte Spott
heraus, vielleicht sogar Geringschätzung, und ward grob. Eine
Geliebte, die ihn an seiner Karriere hindern wollte, könne er
überhaupt nicht brauchen. So habe er sich die Sache nicht
vorgestellt. Da bat Agnes um Verzeihung. Sie wollte ganz bescheiden
werden und in seinem Zimmer auf ihn warten. Wenn er noch zu tun
hatte, oh! er brauchte keine Rücksicht zu nehmen. Das beschämte
Diederich, er ward weich und überließ sich, zusammen mit Agnes, den
Klagen über eine Welt, in der es nicht nur Liebe gab. „Muß es denn
sein?“ fragte Agnes. „Du hast ein wenig Geld, ich auch. Warum
Karriere machen und dich abhetzen? Wir könnten es so gut haben.“
Diederich sah es ein – nachträglich aber nahm er ihr es übel. Nun
ließ er sie warten, halb mit Absicht. Sogar den Besuch politischer
Versammlungen erklärte er für eine Pflicht, die der Zusammenkunft
mit Agnes vorangehe. Eines Abends im Mai, wie er verspätet heimkam,
traf er vor der Tür einen jungen Mann in Einjährigenuniform, der ihn
zögernd ansah. „Herr Diederich Heßling?“ – „Ach ja,“ stammelte
Diederich, „Sie – du – Sie sind wohl Herr Wolfgang Buck?“
Der jüngste Sohn des
großen Mannes von Netzig hatte sich endlich entschlossen, dem Befehl
seines Vaters zu folgen und Diederich aufzusuchen. Diederich nahm
ihn mit hinauf, er fand so schnell keinen Vorwand, um ihn [83]zu
entfernen, und drinnen saß Agnes! Im Flur sprach er laut, damit sie
es höre und sich verstecke. Mit Bangen öffnete er. Im Zimmer war
niemand; auch ihr Hut lag nicht auf dem Bett; aber Diederich wußte
wohl: sie war noch soeben dagewesen. Er sah es dem Stuhl an, der
nicht ganz am Fleck stand, er fühlte es an der Luft, die noch leise
zu schwingen schien vom Hindurchstreifen ihres Kleides. Sie mußte in
dem fensterlosen kleinen Gelaß sein, wo sein Waschtisch stand. Er
schob einen Sessel davor und murrte, unwirsch vor Verlegenheit, über
die Wirtin, die nicht aufräume. Wolfgang Buck meinte, er komme wohl
ungelegen. „O nein!“ versicherte Diederich. Er lud den Gast zum
Sitzen ein und brachte Kognak. Buck entschuldigte sich wegen der
ungewöhnlichen Stunde; der Dienst lasse ihm keine Wahl. „Das kennen
wir“, sagte Diederich; und um Fragen zuvorzukommen, berichtete er
sofort, daß ein Jahr schon hinter ihm liege. Er sei begeistert vom
Militär, es sei das Wahre. Wer ganz dabei bleiben könnte! Leider
riefen ihn Familienpflichten. Buck lächelte, ein weiches,
skeptisches Lächeln, das Diederich mißfiel. „Nun ja, die Offiziere:
man ist wenigstens unter Leuten mit guten Manieren.“
„Sie verkehren mit
ihnen?“ fragte Diederich, und er meinte es höhnisch. Aber Buck
erklärte einfach, daß er zuweilen in die Offiziersmesse geladen
werde. Er zuckte die Achseln. „Ich gehe hin, weil ich es für
nützlich halte, mich in allen Lagern umzusehen. Andererseits
verkehre ich viel mit Sozialisten.“ Er lächelte wieder. „Manchmal
möchte ich nämlich General werden und manchmal Arbeiterführer. Auf
welche Seite ich schließlich fallen werde, darauf bin ich selbst
neugierig.“ Und er trank das zweite Glas Kognak aus. „Ein ekelhafter
Mensch“, dachte [84]Diederich. „Und Agnes in der Dunkelkammer.“ Er
sagte: „Mit Ihren Mitteln steht es Ihnen ja frei, sich in den
Reichstag wählen zu lassen oder was Ihnen sonst Spaß macht. Ich bin
auf praktische Arbeit angewiesen. Die Sozialdemokratie betrachte ich
übrigens als meinen Feind, denn sie ist der Feind des Kaisers.“
„Wissen Sie das ganz
genau?“ fragte darauf Buck. „Ich traue eher dem Kaiser eine
heimliche Liebe für die Sozialdemokratie zu. Er wäre gern selber der
erste Arbeiterführer geworden. Sie haben nur nicht gewollt.“
Diederich empörte
sich. Das sei beleidigend für Seine Majestät. Aber Buck ließ sich
nicht stören. „Erinnern Sie sich nicht, wie er Bismarck gegenüber
gedroht hat, er wolle den reichen Leuten seinen militärischen Schutz
entziehen? Er hat, wenigstens anfangs, gerade solche Rancüne gegen
die Reichen gehabt wie die Arbeiter – wenn auch natürlich aus
abweichenden Gründen, weil er sich nämlich schwer damit abfindet,
daß auch andere Macht haben.“
Den Ausrufen, die in
Diederichs Mienen standen, kam Buck zuvor. „Glauben Sie bitte
nicht,“ sagte er lebhafter, „daß Antipathie aus mir spricht. Es ist
im Gegenteil Zärtlichkeit: eine Art feindlicher Zärtlichkeit, wenn
Sie wollen.“
„Verstehe ich nicht“,
sagte Diederich.
„Nun ja: wie man sie
für jemand hat, bei dem man seine eigenen Fehler wiederfindet, oder
nennen Sie es Tugenden. Jedenfalls sind wir jungen Leute jetzt alle
so wie unser Kaiser, daß wir nämlich unsere Persönlichkeit ausleben
möchten und doch ganz gut fühlen, Zukunft hat nur die Masse. Einen
Bismarck wird es nicht mehr geben und auch keinen Lassalle mehr.
Vielleicht sind es die Begabteren unter uns, die sich das heute noch
ableugnen möchten. Er jedenfalls möchte es sich ableugnen. Und
[85]wenn einem solche Unmenge Macht in den Schoß gefallen ist, wäre
es auch wirklich Selbstmord, sich nicht zu überschätzen. Aber in
tiefster Seele hat er sicher seine Zweifel an der Rolle, die er sich
zumutet.“
„Rolle?“ fragte
Diederich. Buck merkte es gar nicht.
„Denn die kann ihn
weit führen, da sie in der Welt, wie sie heute nun einmal ist,
verdammt paradox wirken muß. Diese Welt erwartet von keinem
einzelnen irgend mehr als von seinem Nachbarn. Auf Niveau kommt es
an, nicht auf Auszeichnung, und am allerwenigsten auf große Männer.“
„Erlauben Sie!“
Diederich warf sich in die Brust. „Und das Deutsche Reich, hätten
wir das ohne große Männer? Hohenzollern sind immer große Männer.“ –
Buck verzog schon wieder den Mund, wehmütig und skeptisch. „Dann
müssen sie sich in acht nehmen. Und wir anderen auch. Der Kaiser
steht, auf seine Verhältnisse übertragen, vor derselben Frage wie
ich. Soll ich General werden und mein ganzes Leben auf einen Krieg
einrichten, der voraussichtlich nie mehr geführt werden wird? Oder
ein womöglich genialer Volksführer, während das Volk doch schon so
weit ist, daß es auf die Genies verzichten kann? Beides wäre
Romantik, und Romantik führt bekanntlich zum Bankerott.“ Buck trank
zwei Kognaks nacheinander.
„Was soll ich also
werden?“
„Ein Alkoholiker“,
dachte Diederich. Er fragte sich, ob es nicht seine Pflicht sei,
Buck einen Krach zu machen. Aber Buck trug Uniform! Auch würde der
Lärm vielleicht Agnes hervorgescheucht haben, und was konnte dann
alles entstehen! Immerhin beschloß er, sich Bucks Äußerungen genau
zu merken. Dachte der Mensch mit solchen Gesinnungen Karriere zu
machen? Diederich erinnerte sich, [86]daß auf der Schule Bucks
deutsche Aufsätze, die zu geistreich waren, ihm ein unerklärtes,
aber tiefes Mißtrauen eingegeben hatten. „Stimmt,“ dachte er, „so
ist er geblieben. Ein Schöngeist. Die ganze Familie ist so.“ Die
Frau des alten Buck war eine Jüdin gewesen, die Theater gespielt
hatte. Und Diederich fühlte sich nachträglich gedemütigt durch das
herablassende Wohlwollen des alten Buck beim Begräbnis seines
Vaters. Auch der junge demütigte ihn, fortwährend und mit allem: mit
seinen überlegenen Redensarten, seinen Manieren, seinem Verkehr bei
den Offizieren. War er ein Herr von Barnim? Er war auch nur aus
Netzig. „Ich hasse die ganze Familie!“ Und Diederich betrachtete aus
gekniffenen Lidern dies fleischige Gesicht mit der weich gebogenen
Nase und den feucht glänzenden Augen, die sannen. Buck stand auf.
„Nun, wir sehen uns zu Hause wieder. Nächstes oder übernächstes
Semester mache ich mein Examen, und was bleibt dann weiter übrig,
als Rechtsanwalt spielen in Netzig ... Und Sie?“ fragte er.
Diederich erklärte streng, daß er seine Zeit nicht zu verlieren und
noch im Sommer seine Doktorarbeit abzuschließen denke. Damit führte
er Buck hinaus. „Ein dummer Kerl bist du doch nur“, dachte er.
„Merkst gar nicht, daß ich ein Mädchen bei mir habe.“ Er kehrte
zurück, froh seiner Überlegenheit über Buck und auch über Agnes, die
im Dunkeln gewartet und nicht gemuckt hatte.
Wie er aber die Tür
öffnete, hing sie über einem Stuhl, ihre Brust ging heftig, und mit
dem Taschentuch unterdrückte sie das Keuchen. Sie sah ihm entgegen,
aus geröteten Augen. Er sah: sie war da drinnen fast erstickt, und
sie hatte geweint – indes er hier draußen getrunken und unnützes
Zeug geredet hatte. Seine erste Regung war maßlose Reue. Sie liebte
ihn! Da saß sie und liebte [87]ihn sehr, daß sie alles ertrug! Er
war im Begriff, die Arme zu erheben, vor sie hinzustürzen und sie
weinend um Verzeihung zu bitten. Rechtzeitig hielt er sich zurück
aus Furcht vor der Szene und der sentimentalen Stimmung nachher, die
ihn wieder mehrere Arbeitstage kostete und ihr die Oberhand gab. Er
tat ihr nicht den Willen! Denn natürlich übertrieb sie absichtlich.
So küßte er sie flüchtig auf die Stirn und sagte: „Du bist schon da?
Ich hab’ dich gar nicht kommen gesehen.“ Sie zuckte auf, wie um
etwas zu erwidern, aber sie schwieg. Darauf erklärte er, es sei
gerade jemand fortgegangen. „So ein Judenbengel, der sich aufspielt!
Einfach ekelhaft!“ Diederich lief im Zimmer umher. Um Agnes nicht
ansehen zu müssen, lief er immer schneller und redete immer
heftiger. „Das sind unsere schlimmsten Feinde! Die mit ihrer
sogenannten feinen Bildung, die alles antasten, was uns Deutschen
heilig ist! Solch ein Judenbengel kann froh sein, daß wir ihn
dulden. Soll er seine Pandekten büffeln und die Schnauze halten. Auf
seine schöngeistigen Schmöker huste ich!“ schrie er noch lauter, mit
der Absicht, auch Agnes zu kränken. Da sie nicht antwortete, nahm er
einen neuen Anlauf. „Das kommt aber alles, weil jeder mich jetzt zu
Hause findet. Immer muß ich deinetwegen auf der Bude hocken!“
Agnes sagte
schüchtern: „Wir haben uns schon sechs Tage nicht gesehen. Sonntag
bist du wieder nicht gekommen. Ich fürchte, du hast mich nicht mehr
lieb.“ Er blieb vor ihr stehen. Von oben herab: „Mein liebes Kind,
daß ich dich liebhabe, brauch’ ich dir wohl wirklich nicht mehr zu
versichern. Aber eine andere Frage ist es, ob ich darum auch Lust
habe, jeden Sonntag deinen Tanten beim Häkeln zuzusehen und mit
deinem Vater über Poli[88]tik zu reden, wovon er nichts versteht.“
Agnes senkte den Kopf. „Früher war es so schön. Du standest dich
schon so gut mit Papa.“ Diederich drehte ihr den Rücken zu und sah
aus dem Fenster. Das war es eben: er fürchtete zu gut zu stehen mit
Herrn Göppel. Durch seinen Buchhalter, den alten Sötbier, wußte er,
daß Göppels Geschäft bergab ging. Seine Zellulose taugte nichts
mehr, Sötbier bezog sie nicht mehr von ihm. Da wäre ein
Schwiegersohn wie Diederich ihm freilich gelegen gekommen. Diederich
fühlte sich umgarnt von diesen Leuten. Auch von Agnes! Er hatte sie
im Verdacht, mit dem Alten zusammenzustecken. Entrüstet wandte er
sich ihr wieder zu. „Und dann, liebes Kind, ehrlich gestanden: was
wir beide tun, nicht wahr, das ist unsere Sache, aber deinen Vater
lassen wir lieber aus dem Spiel. Beziehungen wie die unseren soll
man mit Familienfreundschaft nicht verquicken. Mein sittliches
Gefühl verlangt da reinliche Scheidung.“
Ein Augenblick
verging, dann stand Agnes auf, als habe sie jetzt begriffen. Sie war
tief errötet. Sie ging zur Tür. Diederich holte sie ein. „Aber
Agnes, so hab’ ich es doch nicht gemeint. Es war doch nur, weil ich
dich viel zu sehr achte –. Und ich kann ja auch wiederkommen
Sonntag.“ Sie ließ ihn reden, mit unbewegter Miene. „Nun sei doch
wieder gemütlich“, bat er. „Du hast noch nicht mal deinen Hut
abgenommen.“ Sie tat es. Er verlangte, sie solle sich auf den Diwan
setzen, und sie setzte sich. Sie küßte ihn auch, wie er es wollte.
Aber indes ihre Lippen lächelten und küßten, blieben ihre Augen
starr und unbeteiligt. Plötzlich riß sie ihn in ihre Arme: er
erschrak, er wußte nicht, ob es Haß war. Aber dann fühlte er sich
heißer geliebt als je.
[89] „Heute war es
aber wirklich schön. Was, meine kleine süße Agnes?“ sagte Diederich,
zufrieden und gutmütig.
„Adieu“, sagte sie,
hastend nach Schirm und Beutel, während er sich erst ankleidete.
„Du hast es aber
eilig.“ – „Weiter kann ich wohl nichts für dich tun.“ Sie war schon
bei der Tür – plötzlich fiel sie mit der Schulter gegen den Pfosten
und rührte sich nicht mehr. „Was ist denn los?“ Wie Diederich näher
kam, sah er sie schluchzen. Er berührte sie. „Ja, was hast du denn?“
Da ward ihr Weinen laut und krampfhaft. Es hörte nicht auf. „Aber
Agnes,“ sagte Diederich von Zeit zu Zeit, „was ist auf einmal
geschehen, wir waren doch so vergnügt.“ Und ganz ratlos: „Hab’ ich
dir was getan?“ Zwischen den Krisen und halb erstickt, brachte sie
hervor: „Ich kann nicht. Entschuldige.“ Er trug sie auf den Diwan.
Als es endlich vorbei war, schämte Agnes sich. „Verzeih! Ich kann
nicht dafür.“ – „Kann denn ich dafür?“ – „Nein, nein. Es sind die
Nerven. Verzeih!“
Mitleidig und
geduldig brachte er sie bis zu einem Wagen. Nachträglich aber
erschien ihm auch der Anfall als halbe Komödie und als eins der
Mittel, die ihn endgültig einfangen sollten. Das Gefühl verließ ihn
nicht mehr, daß Ränke gesponnen wurden gegen seine Freiheit und
seine Zukunft. Er wehrte sich dagegen vermittels schroffen
Auftretens, Betonung seiner männlichen Selbständigkeit und durch
Kälte, sobald die Stimmung weich ward. Sonntags bei Göppels war er
auf seiner Hut, wie in Feindesland: korrekt und unzugänglich. Wann
seine Arbeit denn nun fertig werde? fragten sie. Er könne die Lösung
morgen finden oder erst in zwei Jahren, das wisse er selbst nicht.
Er betonte, daß er auch künftig finanziell abhängig von seiner
Mutter bleibe. Er werde noch lange [90]für nichts Zeit haben als
einzig für das Geschäft. Und da Herr Göppel die idealen Werte des
Lebens zu bedenken gab, lehnte Diederich barsch ab. „Noch gestern
hab’ ich meinen Schiller verkauft. Denn ich habe keinen Sparren und
lass’ mir nichts vormachen.“ Wenn er nach solchen Worten Agnes’
stummen und betrübten Blick auf sich fühlte, hatte er wohl einen
Augenblick die Empfindung, als habe nicht er selbst gesprochen, als
gehe er im Nebel, rede falsch und handle wider Willen. Aber das
verging.
Agnes kam, sooft er
sie bestellte, und ging fort, wenn es Zeit für ihn war, zu arbeiten
oder zu kneipen. Sie verführte ihn nicht mehr zu Träumereien vor
Bildern, seit er einmal an einem Wurstgeschäft angehalten und ihr
erklärt hatte, daß sei für ihn der schönste Kunstgenuß. Ihm selbst
fiel es endlich auf das Herz, wie selten sie sich nur noch sahen. Er
warf ihr vor, daß sie nicht darauf dringe, öfter zu kommen. „Früher
warst du ganz anders.“ „Ich muß warten“, sagte sie. „Worauf?“ „Daß
auch du wieder so wirst. Oh! Ich weiß ganz sicher, es wird kommen.“
Er schwieg aus Furcht
vor Auseinandersetzungen. Dennoch kam es, wie sie gesagt hatte.
Seine Arbeit war endlich beendet und gutgeheißen, er hatte nur noch
eine belanglose mündliche Prüfung zu bestehen und war in der
gehobenen Stimmung einer Lebenswende. Wie Agnes ihm ihren
Glückwunsch brachte und Rosen dazu, brach er in Tränen aus und
sagte, daß er sie immer, immer liebhaben werde. Sie berichtete, daß
Herr Göppel soeben eine mehrtägige Geschäftsreise antrete. „Und nun
ist das Wetter so wunderschön ...“ Diederich fiel sofort ein: „Das
müssen wir benutzen! Solche Gelegenheit haben wir noch nie gehabt!“
Sie beschlossen, aufs Land hinaus zu fahren. Agnes wußte von einem
Ort namens Mitten[91]walde; es mußte einsam dort sein und romantisch
wie der Name. „Den ganzen Tag werden wir beisammen sein!“ – „Und die
Nacht auch“, setzte Diederich hinzu.
Schon der Bahnhof,
von dem man abfuhr, war entlegen und der Zug ganz klein und
altmodisch. Sie blieben allein in ihrem Wagen; es dunkelte langsam,
der Schaffner zündete ihnen eine trübe Lampe an, und sie sahen, eng
umschlungen, stumm und mit großen Augen hinaus in das flache,
eintönige Ackerland. Da hinausgehen, zu Fuß, weit fort, und sich
verlieren in der guten Dunkelheit! Bei einem Dorf mit einer Handvoll
Häuser wären sie fast ausgestiegen. Der Schaffner holte sie jovial
zurück; ob sie denn auf Stroh übernachten wollten. Und dann langten
sie an. Das Wirtshaus hatte einen großen Hof, ein weites Gastzimmer
mit Petroleumlampen unter der Balkendecke und einen biederen Wirt,
der Agnes „gnädige Frau“ nannte und schlaue slawische Augen dazu
machte. Sie waren voll heimlichen Einverständnisses und befangen.
Nach dem Essen wären sie gern gleich hinaufgegangen, wagten es aber
nicht und blätterten gehorsam in den Zeitschriften, die der Wirt
ihnen hinlegte. Wie er den Rücken wandte, warfen sie einander einen
Blick zu, und, husch, waren sie auf der Treppe. Noch war kein Licht
im Zimmer, die Tür stand noch offen, und schon lagen sie einander in
den Armen.
Ganz früh am Morgen
schien die Sonne herein. Im Hof drunten pickten Hühner und
flatterten auf den Tisch vor der Laube. „Dort wollen wir
frühstücken!“ Sie gingen hinab. Wie herrlich warm! Aus der Scheuer
duftete es köstlich nach Heu. Kaffee und Brot schmeckten ihnen
frischer als sonst. So frei war einem um das Herz, das ganze Leben
stand offen. Stundenweit wollten sie [92]gehen; der Wirt mußte die
Straßen und Dörfer nennen. Sie lobten freudig sein Haus und seine
Betten. Sie seien wohl auf der Hochzeitsreise? „Stimmt“ – und sie
lachten herzhaft.
Die Pflastersteine
der Hauptstraße streckten ihre Spitzen nach oben, und die Julisonne
färbte sie bunt. Die Häuser waren höckrig, schief und so klein, daß
die Straße zwischen ihnen sich ausnahm wie ein Feld mit Steinen. Die
Glocke des Krämers klapperte lange hinter den Fremden her. Wenige
Leute, halb städtisch gekleidet, schlichen durch den Schatten und
wandten sich um nach Agnes und Diederich, die stolze Gesichter
machten, denn sie waren die Elegantesten hier. Agnes entdeckte das
Modengeschäft mit den Hüten der feinen Damen. „Nicht zu glauben! Das
hat man in Berlin vor drei Jahren getragen!“ Dann traten sie durch
ein Tor, das wacklig aussah, in das Land hinaus. Die Felder wurden
gemäht. Der Himmel war blau und schwer, die Schwalben schwammen
darin wie in trägem Wasser. Die Bauernhäuser dort drüben waren
eingetaucht in heißes Flimmern, und ein Wald stand schwarz, mit
blauen Wegen. Agnes und Diederich faßten sich bei den Händen, und
ohne Verabredung fingen sie zu singen an: ein Lied für wandernde
Kinder, das sie noch aus der Schule kannten. Diederich machte seine
Stimme tief, damit Agnes ihn bewundere. Als sie nicht weiter wußten,
wandten sie einander die Gesichter zu und küßten sich, im Gehen.
„Jetzt seh’ ich erst
recht, wie hübsch du bist“, sagte Diederich und sah zärtlich in ihr
rosiges Gesicht, mit den blonden Wimpern um diese blonden,
goldgestirnten Augen. „Der Sommer steht mir gut“ – und Agnes atmete
frei auf, daß ihre Hemdbluse geschwellt ward. Schlank ging sie
[93]dahin, mit schmalen Hüften und dem blauen Schleier, der ihr
nachwehte. Diederich hatte es zu warm, er zog den Rock aus, dann
auch die Weste, und endlich gestand er, daß er sich Schatten
wünsche. Sie fanden welchen, am Rand eines Feldes, worauf noch das
Korn stand, und unter einem Akazienbusch, der noch duftete. Agnes
setzte sich und legte Diederichs Kopf in ihren Schoß. Sie spielten
noch miteinander und scherzten: plötzlich merkte sie, daß er
einschlief.
Er wachte auf, sah um
sich, und als er Agnes’ Gesicht fand, erglänzte er selig. „Lieber“,
sagte sie. „Was du für ein gutes, dummes Gesicht machst.“ – „Erlaub’
mal! Ich habe doch höchstens fünf Minuten – nein, wahrhaftig, eine
Stunde hab’ ich geschlafen. Hast du dich gelangweilt?“ Aber sie war
erstaunter als er, daß so viel Zeit vergangen war. Seinen Kopf zog
er unter der Hand hervor, die sie ihm auf das Haar gelegt hatte, als
er einschlief.
Zwischen den Feldern
gingen sie zurück. In einem lag eine dunkle Masse; und als sie durch
die Halme spähten, war es ein alter Mann mit einer Pelzkappe,
rostroter Jacke und Samthosen, die auch schon rötlich waren. Seinen
Bart hatte er sich, zusammengekrümmt, um die Knie gewickelt. Sie
bückten sich tiefer, um ihn zu erkennen. Da bemerkten sie, daß er
sie schon längst aus schwarzen Funkelaugen ansah. Unwillkürlich
schritten sie schneller aus, und in den Blicken, die sie einander
zuwandten, stand Märchengrauen. Sie blickten umher: sie waren in
einem weiten, fremden Land, die kleine Stadt dort hinten schlief
fremdartig in der Sonne, und der Himmel sah ihnen aus, als seien sie
Tag und Nacht gereist.
Wie abenteuerlich das
Mittagessen in der Laube des Wirtshauses, mit der Sonne, den
Hühnern, dem offenen [94]Küchenfenster, aus dem Agnes sich die
Teller reichen ließ. Wo war die bürgerliche Ordnung der
Blücherstraße, wo Diederichs angestammter Kneiptisch? „Ich gehe
nicht wieder fort von hier“, erklärte Diederich. „Dich lass’ ich
auch nicht fort.“ Und Agnes: „Warum denn auch? Ich schreibe meinem
Papa und lass’ es ihm durch meine Freundin schicken, die in Küstrin
verheiratet ist. Dann glaubt er, ich bin dort.“
Später gingen sie
nochmals aus, nach der anderen Seite, wo Wasser floß und der
Horizont von den Flügeln dreier Windmühlen umsegelt ward. Im Kanal
lag ein Boot; sie mieteten es und schwammen dahin. Ein Schwan kam
ihnen entgegen. Der Schwan und ihr Boot glitten lautlos aneinander
vorüber. Unter herniederhängenden Büschen legte es von selbst an –
und Agnes fragte unvermittelt nach Diederichs Mutter und seinen
Schwestern. Er sagte, daß sie immer gut zu ihm gewesen seien, und
daß er sie liebhabe. Er wollte sich die Bilder der Schwestern
schicken lassen, sie waren hübsch geworden; oder vielleicht nicht
hübsch, aber so anständig und sanft. Die eine, Emmi, las Gedichte,
wie Agnes. Diederich wollte für beide sorgen und sie verheiraten.
Seine Mutter aber, die behielt er bei sich, denn ihr hatte er alles
Gute im Leben verdankt, bis Agnes gekommen war. Und er erzählte von
den Dämmerstunden, den Märchen unter den Weihnachtsbäumen seiner
Kindheit und sogar von dem Gebet „aus dem Herzen“. Agnes hörte zu,
ganz versunken. Endlich seufzte sie auf. „Deine Mutter möchte ich
kennenlernen. Meine hab’ ich nicht gekannt.“ Er küßte sie,
mitleidig, achtungsvoll und mit einer dunklen Empfindung von
schlechtem Gewissen. Er fühlte: jetzt hatte er ein Wort zu sprechen,
das sie ganz und gar für immer trösten [95]mußte. Aber er schob es
hinaus, er konnte nicht. Agnes sah ihn tief an. „Ich weiß,“ sagte
sie langsam, „daß du im Herzen ein guter Mensch bist. Du mußt nur
manchmal anders tun.“ Darüber erschrak er. Dann sagte sie, als
entschuldigte sie sich: „Heute hab ich gar keine Furcht vor dir.“
„Hast du denn sonst
Furcht?“ fragte er reumütig. Sie sagte:
„Ich habe mich immer
gefürchtet, wenn die Leute recht hochgemut und lustig waren. Bei
meinen Freundinnen früher war es mir oft, als könnte ich mit ihnen
nicht Schritt halten, und sie müßten es merken und mich verachten.
Sie merkten es aber nicht. Schon als Kind: ich hatte eine Puppe mit
großen blauen Glasaugen, und als meine Mutter gestorben war, mußte
ich nebenan bei der Puppe sitzen. Sie sah mich immer starr an mit
ihren aufgerissenen harten Augen, die sagten mir: Deine Mutter ist
tot, jetzt werden dich alle so ansehen wie ich. Gerne hätte ich sie
auf den Rücken gelegt, damit sie die Augen schloß. Aber ich wagte es
nicht. Hätte ich denn auch die Menschen auf den Rücken legen können?
Alle haben solche Augen, und manchmal –“ sie verbarg ihr Gesicht an
seiner Schulter, „manchmal sogar du.“
Der Hals war ihm
zugeschnürt, er tastete über ihren Nacken, und seine Stimme
schwankte. „Agnes! Süße Agnes, du weißt gar nicht, wie ich dich
liebhabe ... Ich hab’ Furcht vor dir gehabt, ja, ich! Drei Jahre
lang hab’ ich mich nach dir gesehnt, aber du warst zu schön für
mich, zu fein, zu gut ...“ Sein ganzes Herz schmolz; er sagte alles,
was er ihr nach ihrem ersten Besuch geschrieben hatte, in dem Brief,
der noch in seinem Schreibtisch lag. Sie hatte sich aufgerichtet und
hörte ihm zu, entzückt, die [96]Lippen geöffnet. Sie jubelte leise:
„Ich wußte es, so bist du, du bist wie ich!“
„Wir gehören
zusammen“, sagte Diederich und preßte sie an sich; aber er war
erschrocken über seinen Ausruf: „Jetzt wartet sie,“ dachte er,
„jetzt soll ich sprechen.“ Er wollte es, aber er fühlte sich
gelähmt. Der Druck seiner Arme auf ihrem Rücken ward immer
kraftloser ... Sie bewegte sich: er wußte, nun wartete sie nicht
mehr. Und sie lösten sich voneinander, ohne sich anzusehen.
Diederich schlug plötzlich die Hände vor das Gesicht und schluchzte.
Sie fragte nicht, weshalb; sie strich ihm tröstend über das Haar.
Das währte lange.
Über ihn hinweg, ins
Leere, sagte Agnes: „Hab’ ich denn geglaubt, daß es dauern würde? Es
mußte schlimm enden, weil es so schön war.“
Er fuhr auf,
verzweifelt. „Es ist doch nicht aus!“ Sie fragte:
„Glaubst du an das
Glück?“
„Wenn ich dich
verlieren soll, nicht mehr!“
Sie murmelte: „Du
wirst fortgehen, hinaus in das Leben und mich vergessen.“
„Lieber sterben!“ –
und er zog sie an sich. Sie flüsterte an seiner Wange:
„Sieh, wie breit hier
das Wasser ist, ein See. Unser Boot hat sich von selbst losgemacht
und uns hinausgeführt. Weißt du noch, jenes Bild? Und der See, auf
dem wir schon einmal im Traum fuhren? Wohin wohl?“ Und noch leiser:
„Wohin mit uns?“
Er antwortete nicht
mehr. Ganz umschlungen und die Lippen aufeinander, senkten sie sich
rückwärts immer tiefer über das Wasser. Drängte sie ihn? Zog er sie?
Niemals waren sie so sehr eins gewesen. Diederich fühlte: [97]nun
war es gut. Er war, mit Agnes zu leben, nicht edel genug gewesen,
nicht gläubig, nicht tapfer genug. Jetzt hatte er sie eingeholt, nun
war es gut.
Plötzlich, ein Stoß:
sie schnellten in die Höhe. Diederich hatte so viel Kraft gebraucht,
daß Agnes von ihm fort und zu Boden fiel. Er strich sich über die
Stirn. „Was haben wir denn da?“ – Noch kalt vom Schrecken und als
sei er beleidigt, sah er weg von ihr. „So unvorsichtig darf man
nicht sein beim Bootfahren.“ Er ließ sie allein aufstehen, griff
sogleich nach den Rudern und fuhr zurück. Agnes hielt das Gesicht
nach dem Ufer gewendet. Einmal wollte sie zu ihm hinsehen; aber sein
Blick traf sie so mißtrauisch und hart, daß sie zusammenfuhr.
In der sinkenden
Dämmerung gingen sie, immer schneller, die Landstraße zurück.
Zuletzt liefen sie fast. Und erst als es dunkel genug war, daß sie
ihre Gesichter nicht mehr deutlich erkannten, sprachen sie. Morgen
früh kam Herr Göppel vielleicht heim. Agnes mußte heim ... Wie sie
beim Wirtshaus ankamen, pfiff in der Ferne schon der Zug. „Nicht mal
mehr essen kann man!“ sagte Diederich mit künstlicher
Unzufriedenheit. Hals über Kopf die Sachen holen, zahlen und fort.
Der Zug fuhr ab, kaum daß sie drin waren. Ein Glück, daß sie Atem zu
schöpfen und die eiligen Geschäfte der letzten Viertelstunde zu
besprechen hatten. Das letzte Wort darüber war gefallen, und nun saß
jeder da, allein bei trüber Lampe und betäubt wie nach einem großen
Mißerfolg. Das dunkle Land da draußen, hatte es einmal gelockt und
Gutes versprochen? Das sollte erst gestern gewesen sein? Man fand
nicht zurück. Kamen nicht endlich die Lichter der Stadt und
befreiten einen?
Bei der Ankunft waren
sie darüber einig, daß es sich [98]nicht verlohne, in denselben
Wagen zu steigen. Diederich nahm die Trambahn. Hände und Augen
streiften sich nur.
„Uff!“ machte
Diederich, als er allein war. „Das wäre erledigt.“ Er sagte sich:
„Es hätte ebensogut schief gehen können.“ Und mit Empörung: „So eine
hysterische Person!“ Sich selbst würde sie sicher am Boot
festgehalten haben. Er hätte das Bad allein nehmen müssen. Auf den
ganzen Trick war sie doch nur verfallen, weil sie durchaus
geheiratet werden wollte! „Die Weiber sind zu gerissen, und sie
haben keine Hemmungen, da kommt unsereiner nun mal nicht mit.
Diesmal hat sie mich, weiß Gott, noch ärger an der Nase herumgeführt
als damals mit Mahlmann. Na, mir soll es eine Lehre für das Leben
sein. Nun aber Schluß!“ Und festen Schrittes ging er zu den
Neuteutonen. Fortan verbrachte er jeden Abend dort, und am Tage
büffelte er für das mündliche Examen, aber zur Vorsicht nicht zu
Hause, sondern im Laboratorium. Wenn er dann heimkam, ward ihm das
Steigen der Stockwerke schwer, er mußte sich gestehen, daß er
Herzklopfen habe. Zögernd öffnete er die Zimmertür: – nichts; und
nachdem ihm anfangs leichter geworden war, kam es schließlich doch
jedesmal dazu, daß er die Wirtin fragte, ob jemand dagewesen sei.
Niemand war dagewesen.
Nach vierzehn Tagen
aber kam ein Brief. Er hatte ihn geöffnet, bevor er es bedachte.
Dann wollte er ihn ungelesen in den Schreibtisch werfen – zog ihn
aber wieder hervor und hielt ihn weit fort vom Gesicht. Hastig, mit
mißtrauischen Augen griff er hier und da eine Zeile heraus. „Ich bin
so unglücklich ...“ „Kennen wir!“ antwortete Diederich. „Ich wage
mich nicht zu Dir ...“ „Dein Glück!“ „Es ist schrecklich, daß wir
uns fremd ge[99]worden sind ...“ „Wenigstens siehst du es ein.“
„Verzeih mir, was geschehen ist, oder ist nichts geschehen?...“
„Gerade genug!“ „Ich kann nicht weiterleben ...“ „Fängst du schon
wieder an?“ Und er schleuderte das Blatt endgültig in die Lade, zu
jenem anderen, das er in einer zuchtlosen Nacht mit
Überschwenglichkeiten bedeckt und zum Glück nicht abgeschickt hatte.
Eine Woche später
aber, wie er in der Nacht heimkam, hörte er hinter sich Schritte,
die besonders klangen. Er fuhr herum: eine Gestalt blieb stehen, die
Hände ein wenig erhoben und leer vor sich hingehalten. Noch während
er das Haustor aufschloß und eintrat, sah er sie im Halbdunkel
dastehen. Im Zimmer machte er kein Licht. Er schämte sich, indes sie
aus dem Dunkel hinaufspähte, das Zimmer zu beleuchten, das ihr
gehört hatte. Es regnete. Wie viele Stunden hatte sie gewartet?
Gewiß stand sie noch immer dort, mit ihrer letzten Hoffnung. Das war
nicht auszuhalten! Er wollte das Fenster aufreißen – und wich
zurück. Einmal fand er sich plötzlich auf der Treppe, mit dem
Hausschlüssel in der Hand. Gerade gelang es ihm noch, umzukehren.
Darauf schloß er ab und zog sich aus. „Mehr Haltung, mein Lieber!“
Denn diesmal wäre man aus der Sache nicht mehr leicht
herausgekommen. Das Mädel war zweifellos zu bedauern, aber
schließlich hatte sie es gewollt. „Vor allem habe ich Pflichten
gegen mich selbst.“ – Am Morgen, schlecht ausgeschlafen, nahm er es
ihr sogar sehr übel, daß sie noch einmal versucht hatte, ihn aus
seiner Bahn zu reißen. Jetzt, da sie wußte, daß die Prüfung
bevorstand! Solche Gewissenlosigkeit sah ihr ähnlich. Und durch die
nächtliche Szene, diese Bettlerrolle im Regen, hatte ihre Gestalt
nachträglich etwas Verdächtiges und Unheimliches [100]bekommen. Er
betrachtete sie als endgültig gesunken. „Auf keinen Fall mehr das
geringste!“ beteuerte er sich, und er beschloß, noch für den kurzen
Rest seines Aufenthaltes die Wohnung zu wechseln: „selbst wenn es
mit einem Geldopfer verbunden sein sollte.“ Glücklicherweise suchte
ein Kollege grade ein Zimmer; Diederich verlor nichts und zog sofort
um, weit hinauf nach dem Norden. Kurz darauf bestand er sein Examen.
Die Neuteutonia feierte ihn mit einem Frühschoppen, der bis gegen
Abend dauerte. Zu Hause ward ihm gesagt, daß in seinem Zimmer ein
Herr auf ihn warte. „Es wird Wiebel sein,“ dachte Diederich, „er muß
mir doch Glück wünschen.“ Und von Hoffnung geschwellt: „Vielleicht
ist es der Assessor von Barnim?“ Er öffnete, und er prallte zurück.
Denn da stand Herr Göppel.
Auch er fand nicht
gleich Worte. „Nanu, im Frack?“ sagte er dann, und zögernd: „Waren
Sie vielleicht bei mir?“
„Nein“, sagte
Diederich und erschrak aufs neue. „Ich habe nur meine Doktorprüfung
gemacht.“
Göppel erwiderte:
„Ach so, ich gratuliere.“ Dann brachte Diederich hervor: „Wie haben
Sie denn meine neue Adresse gefunden?“ Und Göppel antwortete: „Ihrer
früheren Wirtin haben Sie sie allerdings nicht gesagt. Aber es gibt
ja auch sonst noch Mittel.“ Darauf sahen sie einander an. Göppels
Stimme war ruhig gewesen, aber Diederich fühlte schreckliche
Drohungen darin. Er hatte den Gedanken an die Katastrophe immer
hinausgeschoben, und jetzt war sie da. Er mußte sich setzen.
„Nämlich,“ begann
Göppel, „ich komme, weil es Agnes gar nicht gut geht.“
„Oh!“ machte
Diederich mit verzweifelter Heuchelei. „Was fehlt ihr denn?“ Herr
Göppel wiegte bekümmert [101]den Kopf. „Das Herz will nicht; aber es
sind natürlich nur die Nerven ... Natürlich“, wiederholte er,
nachdem er vergeblich gewartet hatte, daß Diederich es wiederhole.
„Und nun wird sie mir melancholisch vor Langeweile, und ich möchte
sie aufheitern. Ausgehen darf sie nicht. Aber kommen Sie doch mal
wieder zu uns, morgen ist Sonntag.“
„Gerettet!“ fühlte
Diederich. „Er weiß nichts.“ Vor Freude ward er zum Diplomaten, er
kratzte sich den Kopf. „Ich hatte es mir schon fest vorgenommen.
Aber jetzt muß ich dringend nach Haus, unser alter Geschäftsführer
ist krank. Nicht mal meinen Professoren kann ich Abschiedsbesuche
machen, morgen früh reise ich gleich ab.“
Göppel legte ihm die
Hand auf das Knie. „Sie sollten es sich überlegen, Herr Heßling.
Seinen Freunden schuldet man manchmal auch was.“
Er sprach langsam und
hatte einen so eindringlichen Blick, daß Diederich wegsehen mußte.
„Wenn ich nur könnte“, stammelte er; Göppel sagte:
„Sie können.
Überhaupt können Sie alles, was hier in Frage kommt.“
„Wieso?“ Diederich
erstarrte im Innern. „Sie wissen wohl, wieso“, sagte der Vater; und
nachdem er seinen Stuhl ein Stück zurückgeschoben hatte: „Sie denken
doch hoffentlich nicht, daß Agnes mich hergeschickt hat? Im
Gegenteil, ich hab’ ihr versprechen müssen, daß ich gar nichts tue
und Sie ganz in Ruhe lasse. Aber dann hab’ ich mir überlegt, daß es
doch eigentlich zu dumm wäre, wenn wir beide noch lange umeinander
herum gehen wollten, so wie wir uns kennen, und wie ich Ihren
seligen Vater gekannt habe, und bei unserer Geschäftsverbindung und
so weiter.“
Diederich dachte:
„Die Geschäftsverbindung ist gelöst, mein Bester.“ Er wappnete sich.
[102] „Ich gehe gar
nicht um Sie herum, Herr Göppel.“
„Na also. Dann ist ja
alles in Ordnung. Ich verstehe wohl: der Sprung in die Ehe, den tut
kein junger Mann, besonders heute, ohne erst mal zu scheuen. Aber
wenn die Geschichte so glatt liegt wie hier, nicht wahr? Unsere
Branchen greifen ineinander, und wenn Sie Ihr väterliches Geschäft
ausdehnen wollen, kommt Ihnen Agnes’ Mitgift sehr gelegen.“ Und in
einem Atem weiter, indes seine Augen abirrten: „Momentan kann ich
zwar nur zwölftausend Mark flüssig machen, aber Zellulose kriegen
Sie, soviel Sie wollen.“
„Siehst du wohl?“
dachte Diederich. „Und die zwölftausend müßtest du dir auch pumpen –
wenn du sie noch kriegst.“ – „Sie haben mich mißverstanden, Herr
Göppel“, erklärte er. „Ich denke nicht ans Heiraten. Dazu wären zu
große Geldmittel nötig.“
Herr Göppel sagte mit
angstvollen Augen und lachte dabei: „Ich kann noch ein übriges tun
...“
„Lassen Sie nur“,
sagte Diederich, vornehm abwehrend.
Göppel ward immer
ratloser.
„Ja, was wollen Sie
dann überhaupt?“
„Ich? Gar nichts. Ich
dachte, Sie wollten was, weil Sie mich besuchen.“
Göppel gab sich einen
Ruck. „Das geht nicht, lieber Heßling. Nach dem, was nun mal
vorgefallen ist. Und besonders, da es schon so lange dauert.“
Diederich maß den
Vater, er zog die Mundwinkel herab. „Sie wußten es also?“
„Nicht sicher“,
murmelte Göppel. Und Diederich, von oben:
„Das hätte ich auch
merkwürdig gefunden.“
„Ich habe eben
Vertrauen gehabt zu meiner Tochter.“
[103] „So irrt man
sich“, sagte Diederich, zu allem entschlossen, womit er sich wehren
konnte. Göppels Stirn fing an, sich zu röten. „Zu Ihnen hab’ ich
nämlich auch Vertrauen gehabt.“
„Das heißt: Sie
hielten mich für naiv.“ Diederich schob die Hände in die
Hosentaschen und lehnte sich zurück.
„Nein!“ Göppel sprang
auf. „Aber ich hielt Sie nicht für den Schubbejack, der Sie sind!“
Diederich erhob sich
mit formvoller Ruhe. „Geben Sie Satisfaktion?“ fragte er. Göppel
schrie:
„Das möchten Sie
wohl! Die Tochter verführen und den Vater abschießen! Dann ist Ihre
Ehre komplett!“
„Davon verstehen Sie
nichts!“ Auch Diederich fing an, sich aufzuregen. „Ich habe Ihre
Tochter nicht verführt. Ich habe getan, was sie wollte, und dann war
sie nicht mehr loszuwerden. Das hat sie von Ihnen.“ Mit Entrüstung:
„Wer sagt mir, daß Sie sich nicht von Anfang an mit ihr verabredet
haben? Dies ist eine Falle!“
Göppel hatte ein
Gesicht, als wollte er noch lauter schreien. Plötzlich erschrak er,
und mit seiner gewöhnlichen Stimme, nur daß sie zitterte, sagte er:
„Wir geraten zu sehr in Feuer, dafür ist die Sache zu wichtig. Ich
habe Agnes versprochen, daß ich ruhig bleiben will.“
Diederich lachte
höhnisch auf. „Sehen Sie, daß Sie schwindeln? Vorhin sagten Sie,
Agnes weiß gar nicht, daß Sie hier sind.“
Der Vater lächelte
entschuldigend. „Im guten einigt man sich schließlich immer. Nicht
wahr, mein lieber Heßling?“
Aber Diederich fand
es gefährlich, wieder gut zu werden.
„Der Teufel ist Ihr
lieber Heßling!“ schrie er. „Für Sie heiß’ ich Herr Doktor!“
[104] „Ach so“,
machte Göppel, ganz starr. „Es ist wohl das erstemal, daß jemand
Herr Doktor zu Ihnen sagen muß? Na, auf die Gelegenheit können Sie
stolz sein.“
„Wollen Sie
vielleicht auch noch meine Standesehre antasten?“ Göppel wehrte ab.
„Gar nichts will ich
antasten. Ich frage mich nur, was wir Ihnen getan haben, meine
Tochter und ich. Müssen Sie denn wirklich so viel Geld mithaben?“
Diederich fühlte sich
erröten. Um so entschlossener ging er vor.
„Wenn Sie es durchaus
hören wollen: mein moralisches Empfinden verbietet mir, ein Mädchen
zu heiraten, das mir ihre Reinheit nicht mit in die Ehe bringt.“
Sichtlich wollte
Göppel sich nochmals empören; aber er konnte nicht mehr, er konnte
nur noch das Schluchzen unterdrücken.
„Wenn Sie heute
nachmittag den Jammer gesehen hätten! Sie hat es mir gestanden, weil
sie es nicht mehr aushielt. Ich glaube, nicht mal mich liebt sie
mehr: nur Sie. Was wollen Sie denn, Sie sind doch der erste.“
„Weiß ich das? Vor
mir verkehrte bei Ihnen ein Herr namens Mahlmann.“ Und da Göppel
zurückwich, als sei er vor die Brust gestoßen:
„Nun ja, kann man das
wissen? Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“
Er sagte noch: „Kein
Mensch kann von mir verlangen, daß ich so eine zur Mutter meiner
Kinder mache. Dafür hab’ ich zuviel soziales Gewissen.“ Damit drehte
er sich um. Er hockte nieder und legte Sachen in den Koffer, der
geöffnet dastand.
Hinter sich hörte er
den Vater nun wirklich schluchzen – und Diederich konnte nicht
hindern, daß er selbst gerührt [105]ward: durch die edel männliche
Gesinnung, die er ausgesprochen hatte, durch Agnes’ und ihres Vaters
Unglück, das zu heilen ihm die Pflicht verbot, durch die
schmerzliche Erinnerung an seine Liebe und all diese Tragik des
Schicksals ... Er hörte, gespannten Herzens, wie Herr Göppel die Tür
öffnete und schloß, hörte ihn über den Korridor schleichen und das
Geräusch der Flurtür. Nun war es aus – und da ließ Diederich sich
vornüber fallen und weinte heftig in seinen halbgepackten Koffer
hinein. Am Abend spielte er Schubert.
Damit war dem Gemüt
Genüge getan, man mußte stark sein. Diederich hielt sich vor, ob
etwa Wiebel jemals so sentimental geworden wäre. Sogar ein Knote
ohne Komment, wie Mahlmann, hatte Diederich eine Lektion in
rücksichtsloser Energie erteilt. Daß auch die anderen in ihrem
Innern vielleicht doch weiche Stellen haben könnten, erschien ihm im
höchsten Grade unwahrscheinlich. Nur er war, von seiner Mutter her,
damit behaftet; und ein Mädel wie Agnes, die gerade so verrückt war
wie seine Mutter, würde ihn ganz untauglich gemacht haben für diese
harte Zeit. Diese harte Zeit: bei dem Wort sah Diederich immer die
Linden mit dem Gewimmel von Arbeitslosen, Frauen, Kindern, von Not,
Angst, Aufruhr – und das alles gebändigt, bis zum Hurraschreien
gebändigt durch die Macht, die allumfassende, unmenschliche Macht,
die mitten darin ihre Hufe wie auf Köpfe setzte, steinern und
blitzend.
„Nichts zu machen“,
sagte er sich, in begeisterter Unterwerfung. „So muß man sein!“ Um
so schlimmer für die, die nicht so waren: sie kamen eben unter die
Hufe. Hatten Göppels, Vater und Tochter, irgendeine Forderung an
ihn? Agnes war großjährig, und ein Kind hatte er ihr [106]nicht
gemacht. Also? „Ich wäre ein Narr, wenn ich zu meinem Schaden etwas
täte, wozu ich nicht gezwungen werden kann. Mir schenkt auch keiner
was.“ Diederich empfand stolze Freude, wie gut er nun schon erzogen
war. Die Korporation, der Waffendienst und die Luft des
Imperialismus hatten ihn erzogen und tauglich gemacht. Er versprach
sich, zu Haus in Netzig seine wohlerworbenen Grundsätze zur Geltung
zu bringen und ein Bahnbrecher zu sein für den Geist der Zeit. Um
diesen Vorsatz auch äußerlich an seiner Person kenntlich zu machen,
begab er sich am Morgen darauf in die Mittelstraße zum Hoffriseur
Haby und nahm eine Veränderung mit sich vor, die er an Offizieren
und Herren von Rang jetzt immer häufiger beobachtete. Sie war ihm
bislang nur zu vornehm erschienen, um nachgeahmt zu werden. Er ließ
vermittels einer Bartbinde seinen Schnurrbart in zwei rechten
Winkeln hinaufführen. Als es geschehen war, kannte er sich im
Spiegel kaum wieder. Der von Haaren entblößte Mund hatte, besonders
wenn man die Lippen herabzog, etwas katerhaft Drohendes, und die
Spitzen des Bartes starrten bis in die Augen, die Diederich selbst
Furcht erregten, als blitzten sie aus dem Gesicht der Macht.
[107] III.
Um weiteren
Belästigungen durch die Familie Göppel aus dem Wege zu gehen, reiste
er sogleich ab. Die Hitze machte das Kupee zu einem unheimlichen
Aufenthalt. Diederich, der allein war, zog nacheinander den Rock,
die Weste und die Schuhe aus. Einige Stationen vor Netzig stieg noch
jemand ein: zwei fremd aussehende Damen, die durch den Anblick von
Diederichs Flanellhemd beleidigt schienen. Er seinerseits fand sie
widerwärtig elegant. Sie unternahmen es, in einer unverständlichen
Sprache eine Beschwerde an ihn zu richten, worauf er die Achseln
zuckte und die Füße in den Socken auf die Bank legte. Sie hielten
sich die Nase zu und stießen Hilferufe aus. Der Schaffner erschien,
der Zugführer selbst, aber Diederich hielt ihnen sein Billett
zweiter Klasse hin und verteidigte sein Recht. Er gab dem Beamten
sogar zu verstehen, er möge sich nur nicht die Zunge verbrennen, man
könne nie wissen, mit wem man es zu tun habe. Als er dann den Sieg
erstritten hatte und die Damen abgezogen waren, kam statt ihrer eine
andere. Diederich sah ihr entschlossen entgegen, aber sie zog
einfach aus ihrem Beutel eine Wurst und aß sie aus der Hand, wobei
sie ihm zulächelte. Da rüstete er ab, erwiderte, breit glänzend,
ihre Sympathie und sprach sie an. Es stellte sich heraus, daß sie
aus Netzig war. Er nannte seinen Namen, woraus sie frohlockte, sie
seien alte Bekannte! „Nun?“ Diederich betrachtete sie forschend: das
dicke, rosige Gesicht mit dem fleischigen Mund und der kleinen,
frech eingedrückten Nase; das weißliche Haar, nett glatt [108]und
ordentlich, den Hals, der jung und fett war, und in den
Halbhandschuhen die Finger, die die Wurst hielten und selbst rosigen
Würstchen glichen. „Nein,“ entschied er, „kennen tu’ ich Sie nicht,
aber kolossal appetitlich sind Sie. Wie ein frischgewaschenes
Schweinchen.“ Und er griff ihr um die Taille. Im selben Augenblick
hatte er eine Ohrfeige. „Die sitzt“, sagte er und rieb sich. „Haben
Sie mehr solche zu vergeben?“ – „Es langt für alle Frechmöpse.“ Sie
lachte aus der Kehle und zwinkerte ihn mit ihren kleinen Augen
unzüchtig an. „Ein Stück Wurst können Sie haben, aber sonst nichts.“
Ohne zu wollen, verglich er ihre Art, sich zu wehren, mit Agnes’
Hilflosigkeit, und er sagte sich: „So eine könnte man getrost
heiraten.“ Schließlich nannte sie selbst ihren Vornamen, und als er
noch immer nicht weiterfand, fragte sie nach seinen Schwestern.
Plötzlich rief er: „Guste Daimchen!“ Und beide schüttelten sich vor
Freude. „Sie haben mir doch immer Knöpfe geschenkt von den Lumpen in
Ihrer Papierfabrik. Das vergess’ ich Ihnen nie, Herr Doktor! Wissen
Sie, was ich mit den Knöpfen gemacht hab’? Die hab’ ich gesammelt,
und wenn meine Mutter mir mal Geld für Knöpfe gab, hab’ ich mir
Bonbons gekauft.“
„Praktisch sind Sie
auch!“ Diederich war entzückt. „Und dann sind Sie immer zu uns über
die Gartenmauer geklettert, Sie kleine Göre. Hosen hatten Sie
meistenteils keine an, und wenn der Rock ’raufrutschte, kriegte man
hinten was zu sehen.“
Sie kreischte; ein
feiner Mann habe für so was kein Gedächtnis. „Jetzt muß es aber noch
schöner geworden sein“, setzte Diederich noch hinzu. Sie ward
plötzlich ernst.
„Jetzt bin ich
verlobt.“
Mit dem Wolfgang Buck
war sie verlobt! Diederich [109]verstummte, mit enttäuschter Miene.
Dann erklärte er zurückhaltend, er kenne Buck. Sie sagte vorsichtig:
„Sie meinen wohl, er ist ein bißchen überspannt? Aber die Bucks sind
auch eine sehr feine Familie. Na ja, in anderen Familien ist wieder
mehr Geld“, setzte sie hinzu. Hierdurch betroffen, sah Diederich sie
an. Sie zwinkerte. Er wollte eine Frage stellen; aber er hatte den
Mut verloren.
Kurz vor Netzig
fragte Fräulein Daimchen: „Und Ihr Herz, Herr Doktor, ist noch
frei?“
„Um die Verlobung bin
ich noch herumgekommen.“ Er nickte gewichtig. „Ach! Das müssen Sie
mir erzählen“, rief sie. Aber sie fuhren schon ein. „Wir sehen uns
hoffentlich bald wieder“, schloß Diederich. „Ich kann Ihnen nur
sagen, ein junger Mann kommt manchmal in verdammt brenzlige Sachen
hinein. Für ein Ja oder Nein ist das Leben verpfuscht.“
Seine beiden
Schwestern standen am Bahnhof. Wie sie Guste Daimchen erblickten,
verzogen sie zuerst das Gesicht, dann aber stürzten sie herbei und
halfen das Gepäck tragen. Sie erklärten ihren Eifer, kaum daß sie
mit Diederich allein waren. Guste hatte nämlich geerbt, sie war
Millionärin! Darum also! Er war erschrocken vor Hochachtung.
Die Schwestern
erzählten das Nähere. Ein alter Verwandter in Magdeburg hatte Guste
all das Geld vermacht, dafür, daß sie ihn gepflegt hatte. „Und sie
hat es sich verdient,“ bemerkte Emmi, „er soll zuletzt furchtbar
unappetitlich gewesen sein.“ Magda setzte hinzu: „Und sonst kann man
sich natürlich auch noch allerlei denken, denn Guste war doch ein
ganzes Jahr mit ihm allein.“
Sofort bekam
Diederich einen roten Kopf. „So was sagt ein junges Mädchen nicht!“
schrie er entrüstet; und [110]als Magda beteuerte, das sagten auch
Inge Tietz, Meta Harnisch und überhaupt alle: „Dann fordere ich euch
energisch auf, dem Gerede entgegenzutreten.“ Es entstand eine Pause;
darauf sagte Emmi: „Guste ist nämlich schon verlobt.“ – „Das weiß
ich“, knurrte Diederich.
Bekannte kamen ihnen
entgegen, Diederich hörte sich „Herr Doktor“ nennen, erglänzte stolz
dabei und ging weiter zwischen Emmi und Magda, die von der Seite
seine neue Barttracht bewunderten. Zu Hause empfing Frau Heßling den
Sohn mit ausgebreiteten Armen und einem Aufschrei, wie von einer
Verschmachtenden, die gerade noch gerettet wird. Und was Diederich
nicht vorausgesehen hatte: auch er weinte. Auf einmal empfand er die
feierliche Schicksalsstunde, in der er das erstemal als wirkliches
Haupt der Familie ins Zimmer trat, „fertig“, mit dem Doktortitel
ausgezeichnet und bestimmt, Fabrik und Familie nach seiner
überlegenen Einsicht zu lenken. Er gab Mutter und Schwestern die
Hände, allen zugleich, und sagte mit ernster Stimme: „Ich werde mir
immer bewußt bleiben, daß ich meinem Gott für euch Rechenschaft
schulde.“
Aber Frau Heßling war
in Unruhe. „Bist du bereit, mein Sohn?“ fragte sie. „Unsere Leute
erwarten dich.“ Diederich trank sein Bier aus und ging, an der
Spitze der Seinen, hinunter. Der Hof war sauber gescheuert, den
Eingang der Fabrik umrahmten Kränze und beschrieben eine Schleife um
die Inschrift „Willkommen!“ Davor stand der alte Buchhalter Sötbier
und sagte: „Na guten Tag, Herr Doktor. Ich bin nicht ’raufgekommen,
weil ich noch was zu tun hatte.“
„Heute hätten Sie das
auch lassen können“, erwiderte Diederich und ging an Sötbier vorbei.
Drinnen im [111]Lumpensaal fand er die Leute. Alle standen sie in
einem Haufen zusammen: die zwölf Arbeiter, die die Papiermaschine,
den Holländer und die Schneidemaschine bedienten, und die drei
Kontoristen, samt den Frauen, deren Tätigkeit das Sortieren der
Lumpen war. Die Männer räusperten sich, man fühlte eine Pause, bis
mehrere der Frauen ein kleines Mädchen hinausschoben, das einen
Blumenstrauß vor sich hinhielt und mit einer Klarinettenstimme dem
Herrn Doktor Glück und Willkommen wünschte. Diederich nahm mit
gnädiger Miene den Strauß; nun war es an ihm, sich zu räuspern. Er
wandte sich nach den Seinen um, dann sah er den Leuten scharf in die
Augen, allen nacheinander, auch dem schwarzbärtigen
Maschinenmeister, obwohl der Blick des Mannes ihm peinlich war – und
begann:
„Leute! Da ihr meine
Untergebenen seid, will ich euch nur sagen, daß hier künftig forsch
gearbeitet wird. Ich bin gewillt, mal Zug in den Betrieb zu bringen.
In der letzten Zeit, wo hier der Herr gefehlt hat, da hat mancher
von euch vielleicht gedacht, er kann sich auf die Bärenhaut legen.
Das ist aber ein gewaltiger Irrtum, ich sage das besonders für die
alten Leute, die noch von meinem seligen Vater her dabei sind.“
Mit erhobener Stimme,
noch schneidiger und abgehackter; und dabei sah er den alten Sötbier
an:
„Jetzt habe ich das
Steuer selbst in die Hand genommen. Mein Kurs ist der richtige, ich
führe euch herrlichen Tagen entgegen. Diejenigen, welche mir dabei
behilflich sein wollen, sind mir von Herzen willkommen; diejenigen
jedoch, welche sich mir bei dieser Arbeit entgegenstellen,
zerschmettere ich.“
Er versuchte, seine
Augen blitzen zu lassen, sein Schnurrbart sträubte sich noch höher.
[112] „Einer ist hier
der Herr, und das bin ich. Gott und meinem Gewissen allein schulde
ich Rechenschaft. Ich werde euch stets mein väterliches Wohlwollen
entgegenbringen, Umsturzgelüste aber scheitern an meinem unbeugsamen
Willen. Sollte sich ein Zusammenhang irgendeines von euch –“
Er faßte den
schwarzbärtigen Maschinenmeister ins Auge, der ein verdächtiges
Gesicht machte.
„– mit
sozialdemokratischen Kreisen herausstellen, so zerschneide ich
zwischen ihm und mir das Tischtuch. Denn für mich ist jeder
Sozialdemokrat gleichbedeutend mit Feind meines Betriebes und
Vaterlandsfeind ... So, nun geht wieder an eure Arbeit und überlegt
euch, was ich euch gesagt habe.“
Er machte schroff
kehrt und ging schnaufend davon. In dem Schwindelgefühl, das seine
starken Worte ihm erregt hatten, erkannte er kein einziges Gesicht
mehr. Die Seinen folgten ihm, bestürzt und ehrfurchtsvoll, indes die
Arbeiter einander noch lange stumm ansahen, bevor sie nach den
Bierflaschen griffen, die zur Feier des Tages bereitstanden.
Droben legte
Diederich vor Mutter und Schwestern seine Pläne dar. Die Fabrik war
zu vergrößern, das hintere Nachbarhaus anzukaufen. Man mußte
konkurrenzfähig werden. Der Platz an der Sonne! Der alte Klüsing,
draußen in der Papierfabrik Gausenfeld, bildete sich wohl ein, er
werde ewig das ganze Geschäft machen?... Endlich tat Magda die
Frage, woher er denn das Geld nehmen wolle; aber Frau Heßling
schnitt ihr das vorlaute Wort ab. „Dein Bruder weiß das besser als
wir.“ Vorsichtig setzte sie hinzu: „Manches Mädchen wäre glücklich,
wenn sie sein Herz gewinnen könnte“ – und sie hielt, seines Zornes
gewärtig, die Hand vor den Mund. Aber [113]Diederich errötete nur.
Da wagte sie, ihn zu umarmen. „Es wäre mir ja ein so entsetzlicher
Schmerz,“ schluchzte sie, „wenn mein Sohn, mein lieber Sohn, aus dem
Hause ginge. Für eine Witwe ist es doppelt schwer. Die Frau
Oberinspektor Daimchen kriegt es nun auch zu fühlen, denn ihre Guste
heiratet ja den Wolfgang Buck.“
„Oder auch nicht“,
sagte Emmi, die Ältere. „Denn der Wolfgang soll doch was mit einer
Schauspielerin haben.“ Frau Heßling vergaß ganz, die Tochter zu
berufen. „Aber wo doch so viel Geld da ist! Eine Million, sagen die
Leute!“
Diederich stieß
verachtungsvoll hervor, den Buck kenne er, der sei nicht normal. „Es
liegt wohl in der Familie. Der Alte hat doch auch schon eine
Schauspielerin geheiratet.“
„Man sieht die
Folgen“, sagte Emmi. „Denn von seiner Tochter, der Frau Lauer, hat
man sich allerlei erzählt.“
„Kinder!“ bat Frau
Heßling ängstlich. Aber Diederich beruhigte sie.
„Laß nur, Mutter, es
wird Zeit, daß man der Katze die Schelle umhängt. Ich stehe auf dem
Standpunkt, daß die Bucks ihre Stellung hier in der Stadt schon
längst nicht mehr verdienen. Sie sind eine verrottete Familie.“
„Die Frau von Moritz,
dem Ältesten,“ sagte Magda, „ist einfach eine Bäuerin. Neulich waren
sie mal in der Stadt, er ist auch schon ganz verbauert.“ Emmi
empörte sich.
„Na, und der Bruder
des alten Herrn Buck? Immer elegant, und die fünf unverheirateten
Töchter! Sie lassen sich Suppe aus der Volksküche holen, ich weiß es
positiv.“
„Die Volksküche hat
ja der Herr Buck gegründet“, erklärte Diederich. „Und die Fürsorge
für die entlassenen Sträflinge auch, und was sonst noch. Ich möchte
wissen, wann er eigentlich Zeit hat, an seine eigenen Geschäfte zu
denken.“
[114] „Es würde mich
nicht wundern,“ sagte Frau Heßling, „wenn nicht mehr viel da wäre.
Obwohl ich vor dem Herrn Buck natürlich die größte Hochachtung habe,
er ist doch so angesehen.“
Diederich lachte
bitter. „Warum eigentlich? In der Verehrung des alten Buck sind wir
aufgezogen worden. Der große Mann von Netzig! Im Jahre
achtundvierzig zum Tode verurteilt!“
„Das ist aber auch
ein historisches Verdienst, sagte dein Vater immer.“
„Verdienst?“ schrie
Diederich. „Wenn ich nur weiß, einer ist gegen die Regierung, ist er
für mich schon erledigt. Und Hochverrat soll ein Verdienst sein?“
Und er stürzte sich,
vor den erstaunten Frauen, in die Politik. Diese alten Demokraten,
die noch immer das Regiment führten, waren nachgerade die Schmach
von Netzig! Schlapp, unpatriotisch, mit der Regierung zerfallen! Ein
Hohn auf den Zeitgeist! Weil im Reichstag der alte Landgerichtsrat
Kühlemann saß, ein Freund des berüchtigten Eugen Richter, darum
stockte hier das Geschäft, und niemand kriegte Geld. Natürlich, für
so ein freisinniges Nest gab es weder Bahnanschlüsse noch Militär.
Kein Zuzug, kein Betrieb! Die Herren im Magistrat, immer dieselben
paar Familien, das kannte man, die schoben sich untereinander die
Aufträge zu, und für andere Leute war nichts da. Die Papierfabrik
Gausenfeld hatte sämtliche Lieferungen an die Stadt, denn auch ihr
Besitzer Klüsing gehörte zu der Bande des alten Buck!
Magda wußte noch
etwas. „Neulich ist die Liebhabervorstellung im Bürgerkränzchen
abgesagt worden, weil dem Herrn Buck seine Tochter, Frau Lauer,
krank war. Das ist doch Popismus.“
[115] „Nepotismus
heißt es“, sagte Diederich streng. Er rollte die Augen. „Und dabei
ist der Herr Lauer ein Sozialist. Aber der Herr Buck mag sich hüten!
Wir werden ihm auf die Finger sehen!“
Frau Heßling hob
flehend die Hände. „Mein lieber Sohn, wenn du jetzt in der Stadt
deine Besuche machst, versprich mir, daß du auch zum Herrn Buck
gehst. Er ist nun mal so einflußreich.“
Aber Diederich
versprach nichts. „Andere wollen auch ’ran!“ rief er.
Trotzdem schlief er
in dieser Nacht unruhig. Schon um sieben ging er in die Fabrik
hinunter und schlug sofort Lärm, weil noch die Bierflaschen von
gestern umherlagen. „Hier wird nicht gesoffen, hier ist keine
Kneipe. Herr Sötbier, das steht doch wohl im Reglement.“ –
„Reglement?“ sagte der alte Buchhalter. „Wir haben gar keins.“
Diederich war sprachlos; er schloß sich mit Sötbier ins Kontor ein.
„Kein Reglement? Dann wundert mich allerdings gar nichts mehr. Was
sind das für lächerliche Bestellungen, mit denen Sie sich da
abgeben?“ – und er warf die Briefe auf dem Pult umher. „Es scheint
höchste Zeit gewesen zu sein, daß ich eingreife. Das Geschäft
versumpft in Ihren Händen.“
„Versumpfen, junger
Herr?“
„Ich bin für Sie der
Herr Doktor!“ Und er verlangte, daß man einfach alle anderen
Fabriken unterbieten solle.
„Das halten wir nicht
aus“, sagte Sötbier. „Überhaupt wären wir gar nicht imstande, so
große Aufträge auszuführen wie Gausenfeld.“
„Und Sie wollen ein
Geschäftsmann sein? Dann stellen wir eben mehr Maschinen ein.“
„Das kostet Geld“,
sagte Sötbier.
[116] „Dann nehmen
wir welches auf! Ich werde hier Schneid hineinbringen. Sie sollen
sich wundern. Wenn Sie mich nicht unterstützen wollen, mache ich es
allein.“
Sötbier wiegte den
Kopf. „Mit Ihrem Vater, junger Herr, war ich immer einig. Wir haben
zusammen das Geschäft in die Höhe gebracht.“
„Jetzt ist eine
andere Zeit, merken Sie sich das. Ich bin mein eigener
Geschäftsführer.“
Sötbier seufzte: „Das
ist die stürmische Jugend“ – indes Diederich schon die Tür zuwarf.
Er durchmaß den Raum, worin die mechanische Trommel, laut schlagend,
die Lumpen in Chlor wusch, und wollte das Zimmer des großen
Kochholländers betreten. Im Eingang kam ihm unvermutet der
schwarzbärtige Maschinenmeister entgegen. Diederich zuckte zusammen,
fast hätte er dem Arbeiter Platz gemacht. Dafür rannte er ihn mit
der Schulter beiseite, bevor der Mann ausweichen konnte. Schnaufend
sah er der Arbeit des Holländers zu, dem Drehen der Walze, dem
Schneiden der Messer, das den Stoff in Fasern zerteilte. Grinsten
ihn die Leute, die die Maschine bedienten, nicht etwa von der Seite
an, weil er vor dem schwarzen Kerl erschrocken war? „Der Kerl ist
ein frecher Hund! Er muß ’raus!“ Ein animalischer Haß stieg in
Diederich herauf, der Haß seines blonden Fleisches gegen den mageren
Schwarzen, den Menschen von einer anderen Rasse, die er gern für
niedriger gehalten hätte und die ihm unheimlich schien. Diederich
fuhr auf.
„Die Walze ist falsch
gestellt, die Messer arbeiten schlecht!“ Da die Leute ihn nur
ansahen, schrie er: „Maschinenmeister!“ Und als der Schwarzbärtige
eintrat: „Sehen Sie sich die Schweinerei mal an! Die Walze ist viel
zu tief auf die Messer gesenkt, sie zerschnei[117]den mir das ganze
Zeug. Ich mache Sie verantwortlich für den Schaden!“
Der Mann beugte sich
über die Maschine. „Schaden ist keiner da“, sagte er ruhig, aber
Diederich wußte schon wieder nicht, ob er unter seinem schwarzen
Bart nicht feixte. Der Blick des Maschinenmeisters hatte etwas
düster Höhnisches, Diederich ertrug ihn nicht, er gab es auf zu
blitzen und warf nur die Arme. „Ich mache Sie verantwortlich!“
„Was ist denn los?“
fragte Sötbier, der den Lärm gehört hatte. Dann erklärte er dem
Herrn, daß der Stoff durchaus nicht zu kleinfaserig geschnitten
werde, und daß es immer so gemacht worden sei. Die Arbeiter nickten
mit den Köpfen, der Maschinenmeister stand gelassen dabei. Diederich
fühlte sich einem Kompetenzstreit nicht gewachsen, er schrie noch:
„Dann wird es künftig gefälligst anders gemacht!“ und kehrte
plötzlich um.
Er gelangte in den
Lumpensaal, und er gab sich Haltung, indem er fachkundig die Frauen
überwachte, die auf den Siebplatten der langen Tische die Lumpen
sortierten. Als eine kleine dunkeläugige es unternahm, ihn aus ihrem
bunten Kopftuch heraus ein wenig anzulächeln, prallte sie gegen eine
so harte Miene, daß sie erschrak und sich duckte. Farbige Fetzen
quollen aus den Säcken, das Getuschel der Frauen verstummte unter
dem Blick des Herrn, und in der warmen, dumpfigen Luft war nichts
mehr zu vernehmen als das leise Rattern der Sensen, die in die
Tische gerammt, die Knöpfe abschnitten. Aber Diederich, der die
Heizungsrohre untersuchte, hörte etwas Verdächtiges. Er beugte sich
hinter einen Haufen Säcke – und fuhr zurück, errötet und mit
zitterndem Schnurrbart. „Nun hört alles auf!“ schrie er,
„’rauskommen!“ Ein [118]junger Arbeiter kroch hervor. „Das
Frauenzimmer auch!“ schrie Diederich. „Wird’s bald?“ Und, als
endlich das Mädchen sich zeigte, stemmte er die Fäuste in die
Hüften. Hier ging es ja heiter zu! Seine Fabrik war nicht nur eine
Kneipe, sondern noch ganz was anderes! Er zeterte, daß alles
zusammenlief. „Na, Herr Sötbier, dies ist wohl auch immer so gemacht
worden? Ich gratuliere Ihnen zu Ihren Erfolgen. Also die Leute sind
gewohnt, die Arbeitszeit zu benutzen, um sich hinter den Säcken zu
amüsieren. Wie kommt der Mann hier herein?“ Es sei seine Braut,
sagte der junge Mensch. „Braut? Hier gibt es keine Braut, hier gibt
es nur Arbeiter. Ihr beide stehlt mir die Arbeitszeit, die ich euch
bezahle. Ihr seid Schweine und außerdem Diebe. Ich schmeiß’ euch
’raus, und ich zeig’ euch an, wegen öffentlicher Unzucht!“
Er sah herausfordernd
umher.
„Deutsche Zucht und
Sitte verlang’ ich hier. Verstanden?“ Da traf er den
Maschinenmeister. „Und ich werde sie durchführen, auch wenn Sie da
ein Gesicht schneiden!“ schrie er.
„Ich habe kein
Gesicht geschnitten“, sagte der Mann ruhig. Aber Diederich war nicht
länger zu halten. Endlich konnte er ihm etwas nachweisen!
„Ihr Benehmen ist mir
schon längst verdächtig! Sie tun Ihren Dienst nicht, sonst hätte ich
die beiden Leute nicht abgefaßt.“
„Ich bin kein
Aufpasser“, warf der Mann dazwischen.
„Sie sind ein
widersetzlicher Bursche, der die ihm unterstellten Leute an
Zuchtlosigkeit gewöhnt. Sie arbeiten für den Umsturz! Wie heißen Sie
überhaupt?“
„Napoleon Fischer“,
sagte der Mann. Diederich stockte.
„Nap–. Auch das noch!
Sie sind Sozialdemokrat?“
[119] „Jawohl.“
„Dachte ich mir. Sie
sind entlassen.“
Er wandte sich nach
den Leuten um: „Merkt euch das!“ – und verließ schroff den Raum. Auf
dem Hof lief Sötbier ihm nach. „Junger Herr!“ Er war in großer
Aufregung und wollte nichts sagen, bevor sie nicht die Tür des
Privatkontors hinter sich geschlossen hatten. „Junger Herr,“ sagte
der Buchhalter, „das geht nicht, der Mann ist ein Organisierter.“ –
„Deswegen soll er ’raus“, erwiderte Diederich. Sötbier setzte
auseinander, daß das nicht gehe, weil dann alle die Arbeit
niederlegen würden. Diederich wollte es nicht begreifen. Waren denn
alle organisiert? Nein. Nun also. Aber, erklärte Sötbier, sie hatten
Furcht vor den Roten, sogar auf die alten Leute war kein Verlaß
mehr.
„Ich schmeiß’ sie
’raus!“ rief Diederich. „Samt und sonders, mit Kind und Kegel!“
„Wenn wir dann nur
andere kriegten“, sagte Sötbier und sah unter seinem grünen
Augenschirm mit einem dünnen Lächeln dem jungen Herrn zu, der vor
Zorn gegen die Möbel anrannte. Er schrie:
„Bin ich in meiner
Fabrik der Herr oder nicht? Dann will ich doch sehen –“
Sötbier ließ ihn
austoben, dann sagte er: „Herr Doktor brauchen dem Fischer gar
nichts zu sagen, er geht uns nicht fort, er weiß ja, daß wir davon
zu viele Scherereien hätten.“
Diederich bäumte sich
nochmals auf.
„So. Ich brauch’ ihn
also nicht zu bitten, daß er die Gnade hat und bleibt? Der Herr
Napoleon! Ich brauch’ ihn nicht für Sonntag zum Mittagessen
einzuladen? Es wäre auch zuviel Ehre für mich!“
[120] Der Kopf war
ihm rot angeschwollen, er fand das Zimmer zu eng und riß die Tür
auf. Der Maschinenmeister ging eben vorbei. Diederich sah ihm nach,
der Haß gab ihm deutlichere Sinneseindrücke als sonst, er bemerkte
gleichzeitig die krummen, mageren Beine des Menschen, seine
knochigen Schultern mit den Armen, die vornüberhingen – und nun der
Maschinenmeister mit den Leuten sprach, sah er seine starken Kiefern
arbeiten unter dem dünnen schwarzen Bart. Wie Diederich dies
Mundwerk haßte, und diese knotigen Hände! Der schwarze Kerl war
längst vorüber, und seine Ausdünstung roch Diederich noch immer.
„Sehn Sie mal,
Sötbier, die Vorderflossen hängen ihm bis an den Boden. Gleich wird
er auf allen vieren laufen und Nüsse fressen. Dem Affen werden wir
ein Bein stellen, verlassen Sie sich darauf! Napoleon! So ein Name
ist allein schon eine Provokation. Aber er soll sich zusammennehmen,
denn so viel weiß ich, daß einer von uns beiden –“ Diederich rollte
die Augen: „– auf dem Platz bleiben wird.“
Erhobenen Hauptes
verließ er die Fabrik. Im schwarzen Rock machte er sich auf, um den
wichtigsten Herren der Stadt die Aufmerksamkeit seines Besuches zu
erweisen. Von der Meisestraße konnte er, um zum Bürgermeister Doktor
Scheffelweis in die Schweinichenstraße zu gelangen, einfach der
Wuchererstraße folgen, die jetzt Kaiser-Wilhelm-Straße hieß. Er
wollte es auch; im entscheidenden Augenblick aber, wie auf eine
Verabredung, die er vor sich selbst geheimgehalten hätte, bog er
dennoch in die Fleischhauergrube ein. Die zwei Stufen vor dem Hause
des alten Herrn Buck waren abgewetzt von den Füßen der ganzen Stadt
und von den Vorgängern dieser [121]Füße. Der Klingelzug an der
gelben Glastür bewirkte drinnen ein langes Rasseln im Leeren. Dann
ging dort hinten eine Tür auf, und die alte Magd schlich über die
Diele. Aber sie war noch längst nicht angelangt, da trat vorn der
Hausherr aus seinem Bureau und öffnete selbst. Er zog Diederich, der
sich eifrig verbeugte, bei der Hand herein.
„Mein lieber Heßling!
Ich habe Sie erwartet, man hatte mir Ihre Ankunft berichtet.
Willkommen denn in Netzig, mein Herr Doktor.“
Sofort hatte
Diederich Tränen in den Augen und stammelte:
„Sie sind zu gütig,
Herr Buck. Natürlich habe ich zuerst und vor allem Ihnen, Herr Buck,
meine Aufwartung machen wollen und Ihnen versichern, daß ich immer
ganz – daß ich immer ganz – zu Ihren Diensten stehe“, schloß er,
freudig wie ein guter Schüler. Der alte Herr Buck hielt ihn noch
fest, mit seiner Hand, die warm und dennoch leicht und weich war.
„Dienste –“ er schob
Diederich selbst den Sessel zurecht, „die wollen Sie doch natürlich
nicht mir leisten, sondern Ihren Mitbürgern – die es Ihnen danken
werden. Zum Stadtverordneten werden Ihre Mitbürger Sie in kurzem
wählen, das glaube ich Ihnen versprechen zu können, denn damit
belohnen sie eine verdiente Familie. Und dann“ – der alte Buck
beschrieb eine Gebärde feierlicher Freigebigkeit „– verlasse ich
mich auf Sie, daß Sie es uns recht bald ermöglichen werden, Sie im
Magistrat zu begrüßen.“
Diederich verbeugte
sich, beglückt lächelnd, als werde er schon begrüßt. „Die Gesinnung
unserer Stadt,“ fuhr Herr Buck fort, „ich sage nicht, daß sie in
allen Teilen gut [122]ist –“ Er versenkte seinen weißen Knebelbart
in die seidene Halsbinde. „Aber noch ist Raum“ – der Bart tauchte
wieder auf – „und will’s Gott noch lange, für wahrhaft liberale
Männer.“
Diederich beteuerte:
„Ich bin selbstverständlich durchaus liberal.“
Darauf strich der
alte Buck über die Papiere auf seinem Schreibtisch. „Ihr seliger
Vater hat mir hier oft gegenüber gesessen, und besonders häufig
damals, als er die Papiermühle errichtete. Dabei konnte ich ihm zu
meiner großen Freude förderlich sein. Es handelte sich um den Bach,
der jetzt durch Ihren Hof fließt.“
Diederich sagte mit
tiefer Stimme: „Wie oft, Herr Buck, hat mein Vater mir erzählt, daß
er den Bach, ohne den wir gar nicht existieren könnten, nur Ihnen
verdankt.“
„Nur mir, dürfen Sie
nicht sagen, sondern den gerechten Zuständen unseres Gemeinwesens,
an denen aber –“ der alte Herr Buck erhob seinen weißen Zeigefinger,
er sah Diederich tief an, „gewisse Leute und eine gewisse Partei
manches ändern würden, sobald sie könnten.“ Stärker und mit Pathos:
„Der Feind steht vor dem Tore, es heißt zusammenhalten.“
Er ließ eine Pause
verstreichen und sagte in leichterem Ton, sogar mit einem kleinen
Schmunzeln: „Sind Sie nicht, mein werter Herr Doktor, in einer
ähnlichen Lage, wie damals Ihr Vater? Sie wollen sich vergrößern?
Sie haben Pläne?“
„Allerdings.“ Und
Diederich setzte eifrig auseinander, was alles geschehen müsse. Der
Alte hörte ihm aufmerksam zu, er nickte, nahm eine Prise ... Endlich
sagte er: „Ich sehe so viel, daß der Umbau Ihnen nicht nur große
Kosten, sondern unter Umständen auch Schwierigkeiten [123]mit der
städtischen Baupolizei verursachen wird – mit der ich übrigens im
Magistrat zu tun habe. Nun überzeugen Sie sich, mein lieber Heßling,
was hier auf meinem Schreibtisch liegt.“
Da erkannte Diederich
einen genauen Aufriß seines Grundstückes, samt dem dahinter
gelegenen. Sein verblüfftes Gesicht bewirkte bei dem alten Buck ein
Lächeln der Genugtuung. „Ich kann wohl dafür sorgen,“ sagte er, „daß
keine erschwerenden Umstände eintreten.“ Und auf Diederichs
Danksagungen: „Wir dienen dem großen Ganzen, wenn wir jedem unserer
Freunde vorwärtshelfen. Denn die Freunde einer Volkspartei sind
alle, außer den Tyrannen.“
Nach diesen Worten
lehnte der alte Buck sich tiefer in den Sessel und faltete die
Hände. Seine Miene hatte sich entspannt, er wiegte den Kopf wie ein
Großvater. „Als Kind hatten Sie so schöne blonde Locken“, sagte er.
Diederich begriff,
daß der offizielle Teil des Gespräches beendet sei. „Ich weiß noch,“
erlaubte er sich zu sagen, „wie ich als kleiner Junge hier ins Haus
kam, wenn ich mit Ihrem Herrn Sohn Wolfgang Soldaten spielte.“
„Ja, ja. Und jetzt
spielt er wieder Soldat.“
„Oh! Er ist sehr
beliebt bei den Offizieren. Er hat es mir selbst gesagt.“
„Ich wünschte, mein
lieber Heßling, er hätte mehr von Ihrer praktischen Veranlagung....
Nun, er wird ruhiger werden, wenn ich ihn erst verheiratet habe.“
„Ich glaube,“ sagte
Diederich, „daß Ihr Herr Sohn etwas Geniales hat. Daher ist er mit
nichts zufrieden, er weiß nicht, ob er General werden soll oder
sonst ein großer Mann.“
„Inzwischen macht er
leider dumme Streiche.“ Der [124]Alte sah aus dem Fenster. Diederich
wagte seine Neugier nicht zu zeigen.
„Dumme Streiche? Das
kann ich gar nicht glauben, denn mir hat er immer imponiert, gerade
durch seine Intelligenz. Schon früher, seine Aufsätze. Und was er
mir neulich über unseren Kaiser gesagt hat, daß er eigentlich gern
der erste Arbeiterführer wäre....“
„Davor behüte Gott
die Arbeiter.“
„Wieso?“ Diederich
war tieferstaunt.
„Weil es ihnen
schlecht bekommen würde. Uns anderen ist es auch nicht gut
bekommen.“
„Aber wir haben doch,
dank den Hohenzollern, das einige Deutsche Reich.“
„Wir haben es nicht“,
sagte der alte Buck und stand ungewöhnlich rasch vom Stuhl auf.
„Denn wir müßten, um unsere Einigkeit zu beweisen, einem eigenen
Willen folgen können; und können wir’s? Ihr wähnt euch einig, weil
die Pest der Knechtschaft sich verallgemeinert! Das hat Herwegh, ein
Überlebender wie ich, im Frühjahr Einundsiebzig den Siegestrunkenen
zugerufen. Was würde er heute sagen!“
Diederich konnte, vor
dieser Stimme aus dem Jenseits, nur stammeln: „Ach ja, Sie sind ein
Achtundvierziger.“
„Mein lieber junger
Freund, Sie wollen sagen, ein Narr und ein Besiegter. Ja! Wir sind
besiegt worden, weil wir närrisch genug waren, an dieses Volk zu
glauben. Wir glaubten, es würde alles das selbst vollbringen, was es
jetzt für den Preis der Unfreiheit von seinen Herren entgegennimmt.
Wir dachten es mächtig, reich, voll Einsicht in seine eigenen
Angelegenheiten und der Zukunft ergeben. Wir sahen nicht, daß es,
ohne politische Bildung, deren es weniger hat als alle anderen,
bestimmt sei, nach [125]seinem Aufschwung den Mächten der
Vergangenheit anheimzufallen. Schon zu unserer Zeit gab es allzu
viele, die unbekümmert um das Ganze, ihren Privatinteressen
nachjagten und zufrieden waren, wenn sie in irgendeiner Gnadensonne
sich wärmend, den unedlen Bedürfnissen eines anspruchsvollen
Genußlebens genügen konnten. Seitdem sind sie Legion geworden, denn
die Sorge um das öffentliche Wohl ist ihnen abgenommen. Zur
Großmacht haben eure Herren euch schon gemacht, und indes ihr Geld
verdient, wie ihr könnt, und es ausgebt, wie ihr mögt, werden sie
euch – oder vielmehr sich – auch noch die Flotte bauen, die wir
damals uns selbst gebaut haben würden. Unser Dichter damals wußte,
was ihr erst jetzt lernen sollt: Und in den Furchen, die Kolumb
gezogen, geht Deutschlands Zukunft auf!“
„Bismarck hat eben
wirklich etwas getan“, sagte Diederich, leise triumphierend.
„Das ist es gerade,
daß er es hat tun dürfen! Und dabei hat er alles nur faktisch getan,
formell aber im Namen seines Herrn. Da waren wir Bürger von
achtundvierzig ehrlicher, das darf ich sagen, denn ich habe damals
selbst bezahlt, was ich gewagt hatte.“
„Ich weiß wohl, Sie
sind zum Tode verurteilt worden“, sagte Diederich, wieder
eingeschüchtert.
„Ich bin verurteilt
worden, weil ich die Souveränität der Nationalversammlung gegen eine
Partikularmacht verteidigte und das Volk, das sich in Notwehr
befand, zum Aufstand führte. So war in unseren Herzen die deutsche
Einheit: sie war eine Gewissenspflicht, die eigene Schuld jedes
einzelnen, für die er einstand. Nein! Wir huldigten keinem
sogenannten Schöpfer der deutschen Einheit. Als ich damals, besiegt
und verraten, hier oben [126]im Hause mit meinen letzten Freunden
die Soldaten des Königs erwartete, da war ich, groß oder gering, ein
Mensch, der selbst am Ideal schuf: einer aus vielen, aber ein
Mensch. Wo sind sie heute?“
Der Alte hielt an und
machte ein Gesicht, als lauschte er. Diederich war es schwül. Er
fühlte, daß er zu dem allen nicht länger schweigen dürfe. Er sagte:
„Das deutsche Volk ist eben, Gott sei Dank, nicht mehr das Volk der
Denker und Dichter, es strebt modernen und praktischen Zielen zu.“
Der Alte kehrte aus seinen Gedanken zurück, er deutete nach der
Zimmerdecke.
„Damals war die ganze
Stadt bei mir zu Hause. Jetzt ist es so einsam wie nie, zuletzt ging
noch Wolfgang fort. Ich würde alles dahingeben, aber, junger Mann,
wir sollen Respekt haben vor unserer Vergangenheit – auch wenn wir
besiegt worden sind.“
„Zweifellos“, sagte
Diederich. „Und dann sind Sie immer noch der mächtigste Mann in der
Stadt. Die Stadt, sagt man immer, gehört dem Herrn Buck.“
„Das will ich aber
gar nicht, ich will, daß sie sich selbst gehört.“ Er atmete tief
aus. „Das ist eine weitläufige Sache, Sie werden sie allmählich
kennenlernen, wenn Sie Einblick in unsere Verwaltung bekommen. Wir
werden nämlich jeden Tag heftiger bedrängt von der Regierung und
ihren junkerlichen Auftraggebern. Heute will man uns zwingen, den
Gutsbesitzern, die uns keine Steuern zahlen, unser Licht zu geben,
morgen werden wir ihnen Straßen bauen müssen. Zuletzt geht es um
unsere Selbstverwaltung. Sie werden sehen, wir leben in einer
belagerten Stadt.“
Diederich lächelte
überlegen. „So schlimm kann es wohl nicht sein, denn unser Kaiser
ist doch eine so moderne Persönlichkeit.“
[127] „Nun ja“, sagte
der alte Buck. Er erhob sich, wiegte den Kopf – und dann zog er es
vor, zu schweigen. Er reichte Diederich die Hand.
„Mein lieber Doktor,
Ihre Freundschaft wird mir gerade so wertvoll sein, als die Ihres
Vaters mir war. Nach unserer Unterredung habe ich die Hoffnung, daß
wir in allem einig gehen werden.“
Unter dem warmen
blauen Blick des Alten schlug Diederich sich auf die Brust. „Ich bin
ein durchaus liberaler Mann!“
„Vor allem warne ich
Sie vor dem Regierungspräsidenten von Wulckow. Er ist der Feind, der
uns hier in die Stadt gesetzt worden ist. Der Magistrat unterhält
nur die unumgänglichen Beziehungen zum Präsidenten. Ich selbst habe
die Ehre, von dem Herrn nicht gegrüßt zu werden.“
„Oh!“ machte
Diederich, ehrlich erschüttert.
Der alte Buck öffnete
ihm schon die Tür, schien aber noch etwas zu überlegen. „Warten
Sie!“ Er trat eilig zu seiner Bibliothek, bückte sich und tauchte
aus einer staubigen Tiefe mit einem kleinen, fast quadratischen Buch
auf. Er steckte es Diederich rasch zu, verstohlenen Glanz in seinem
Gesicht, das errötet war. „Da, nehmen Sie! Es sind meine
‚Sturmglocken‘! Man war auch Dichter – damals.“ Und er schob
Diederich sanft hinaus.
Die Fleischhauergrube
stieg beträchtlich an, aber Diederich schnaufte nicht nur deshalb.
Nachdem er zuerst nur eine gewisse Betäubung empfunden hatte,
stellte sich allmählich das Gefühl heraus, daß er sich habe
verblüffen lassen. „So ein alter Schwätzer ist doch bloß noch eine
Vogelscheuche, und mir imponiert er!“ Unbestimmt gedachte er der
Kinderzeit, als ihm der alte Herr Buck, [128]der zum Tode verurteilt
worden war, ebensoviel Hochachtung und ein ähnliches Grausen
einflößte wie der Polizist an der Ecke oder das Burggespenst. „Werd’
ich denn ewig so weich bleiben? Ein anderer hätte sich nicht so
behandeln lassen!“ Auch konnte es peinliche Folgen haben, daß er zu
so vielen kompromittierenden Reden geschwiegen oder nur matt
widersprochen hatte. Er legte sich energische Antworten zurecht, für
das nächste Mal. „Das Ganze war eine Falle! Er hat mich einfangen
und unschädlich machen wollen ... Aber er soll sehen!“ Diederich
ballte die Faust in der Tasche, indes er stramm durch die
Kaiser-Wilhelm-Straße ging. „Vorläufig muß man sich noch mit ihm
verhalten, aber wehe, wenn ich der Stärkere bin!“
Das Haus des
Bürgermeisters war mit Ölfarbe neu gestrichen, und die
Spiegelscheiben glänzten wie je. Ein nettes Stubenmädchen empfing
ihn. Über eine Treppe mit einem freundlichen Knaben aus Biskuit, der
eine Lampe trug, und durch ein Vorzimmer, worin fast vor jedem Möbel
ein kleiner Teppich lag, ward Diederich in das Eßzimmer geführt. Es
war aus hellem Holz mit appetitlichen Bildern, zwischen denen der
Bürgermeister und noch ein Herr beim zweiten Frühstück saßen. Doktor
Scheffelweis reichte Diederich seine weißliche Hand hin und musterte
ihn dabei über den Klemmer weg. Trotzdem wußte man nie genau, ob er
einen ansah, so unbestimmt war der Blick seiner Augen, die farblos
schienen wie das Gesicht und die seitwärts fliehenden, dünnen
Bartkoteletts. Der Bürgermeister setzte mehrmals zum Sprechen an,
bis er endlich etwas fand, das man auf alle Fälle sagen konnte.
„Schöne Schmisse“, sagte er; und zu dem anderen Herrn: „Finden Sie
nicht?“
[129] Der andere Herr
legte Diederich zunächst große Zurückhaltung auf, denn er sah stark
jüdisch aus. Aber der Bürgermeister stellte vor: „Herr Assessor
Jadassohn, von der Staatsanwaltschaft“ – was dann allerdings eine
vollwertige Begrüßung nötig machte.
„Setzen Sie sich nur
gleich,“ sagte der Bürgermeister, „wir fangen gerade an.“ Er
schenkte Diederich Porter ein und legte ihm Lachsschinken vor.
„Meine Frau und meine Schwiegermutter sind ausgegangen, die Kinder
in der Schule, dies ist die Stunde des Junggesellen, prost!“
Der jüdische Herr von
der Staatsanwaltschaft hatte vorläufig nur für das Stubenmädchen
Augen. Während sie neben ihm am Tisch zu tun hatte, war seine Hand
verschwunden. Dann ging sie, und er wollte von öffentlichen
Angelegenheiten beginnen, aber der Bürgermeister ließ sich nicht
unterbrechen. „Die beiden Damen kommen vor dem Mittagessen nicht
zurück, denn meine Schwiegermutter ist beim Zahnarzt. Ich kenne das,
es kostet Mühe mit ihr, und inzwischen gehört uns das Haus.“ Er
holte einen Likör aus dem Büfett, rühmte ihn, ließ sich seine Güte
von den Gästen bestätigen und fuhr fort, eintönig und vom Kauen
unterbrochen, das Idyll seiner Vormittage zu preisen. Allmählich
ward, in allem Glück, seine Miene immer besorgter, er fühlte wohl,
das Gespräch könne so nicht weitergehen; und nachdem eine Minute
lang alle geschwiegen hatten, entschloß er sich.
„Ich darf annehmen,
Herr Doktor Heßling –: mein Haus liegt ja nicht in nächster
Nachbarschaft des Ihren, und so würde ich es durchaus begreiflich
finden, wenn Sie vor mir einige andere Herren aufgesucht hätten.“
Diederich errötete
schon für die Lüge, die er noch nicht ausgesprochen hatte. „Es würde
herauskommen“, dachte [130]er noch rechtzeitig, und er sagte:
„Tatsächlich habe ich mir erlaubt –. Das heißt, natürlich war mein
erster Weg zu Ihnen, Herr Bürgermeister. Nur im Andenken an meinen
Vater, der eine so große Verehrung für den alten Herrn Buck hatte –“
„Begreiflich,
durchaus begreiflich.“ Der Bürgermeister nickte mit Nachdruck. „Herr
Buck ist der älteste unter unseren verdienten Bürgern und übt daher
einen zweifellos legitimen Einfluß aus.“
„Vorläufig noch!“
sagte mit unerwartet scharfer Stimme der jüdische Herr von der
Staatsanwaltschaft und sah Diederich herausfordernd an. Der
Bürgermeister hatte sich über seinen Käse gebeugt, Diederich fand
sich schutzlos, er blinzelte. Da der Blick des Herrn durchaus ein
Bekenntnis verlangte, brachte er etwas hervor von „eingefleischtem
Respekt“ und führte sogar Kindheitserinnerungen an, die es
entschuldigen sollten, daß er zuerst bei Herrn Buck gewesen war.
Dabei betrachtete er schreckerfüllt die ungeheuren, roten und weit
abstehenden Ohren des Herrn von der Staatsanwaltschaft. Dieser ließ
Diederich fertig stammeln, wie einen Angeklagten, der sich verfing;
endlich versetzte er schneidend:
„Der Respekt ist in
gewissen Fällen dazu da, daß man sich ihn abgewöhnt.“
Diederich stutzte;
dann entschloß er sich zu einem verständnisvollen Gelächter. Der
Bürgermeister sagte mit blassem Lächeln und einer versöhnlichen
Geste:
„Herr Assessor Doktor
Jadassohn ist nun einmal gern geistreich, – was ich persönlich ganz
besonders an ihm schätze. In meiner Stellung freilich bin ich
genötigt, die Dinge objektiv und voraussetzungslos zu betrachten.
Und da muß ich denn sagen: einerseits ...“
[131] „Kommen wir
gleich zum Andererseits!“ verlangte Assessor Jadassohn. „Für mich
als Vertreter einer staatlichen Behörde wie als überzeugten Anhänger
der bestehenden Ordnung sind dieser Herr Buck und sein Genosse, der
Reichstagsabgeordnete Kühlemann, nach ihrer Vergangenheit und
Gesinnung einfach Umstürzler, und damit fertig. Ich mache aus meinem
Herzen keine Mördergrube, ich halte das nicht für deutsch.
Volksküchen gründen, meinetwegen; aber das beste Futter für das Volk
ist eine gute Gesinnung. Eine Idiotenanstalt mag auch ganz nützlich
sein.“
„Aber nur eine
kaisertreue!“ ergänzte Diederich. Der Bürgermeister machte
beschwichtigende Zeichen. „Meine Herren!“ flehte er. „Meine Herren!
Wenn wir uns denn aussprechen sollen, so ist es gewiß richtig, daß
bei aller bürgerlichen Hochschätzung der genannten Herren
andererseits doch –“
„Andererseits!“
wiederholte Jadassohn streng.
„– das tiefste
Bedauern zurückbleibt über unsere leider so ungünstigen Beziehungen
zu den Vertretern der Staatsregierung – wenn ich auch zu bedenken
bitte, daß die ungewöhnliche Schärfe des Herrn Regierungspräsidenten
von Wulckow gegenüber den städtischen Behörden –“
„Gegenüber schlecht
gesinnten Körperschaften!“ warf Jadassohn ein. Diederich erlaubte
sich: „Ich bin ein durchaus liberaler Mann, aber das muß ich sagen
–“
„Eine Stadt,“
erklärte der Assessor, „die sich den berechtigten Wünschen der
Regierung verschließt, darf allerdings nicht darüber erstaunen, daß
ihr die kalte Schulter gezeigt wird.“
„Von Berlin nach
Netzig“, versicherte Diederich, „könnte man in der halben Zeit
fahren, wenn wir besser mit den Herren oben ständen.“
[132] Der
Bürgermeister ließ sie ihr Duett beenden, er war bleich und hielt
hinter dem Klemmer die Lider gesenkt. Plötzlich sah er sie an mit
einem dünnen Lächeln.
„Meine Herren,
bemühen Sie sich nicht, ich weiß, daß es eine zeitgemäßere Gesinnung
gibt als die von den städtischen Behörden bekundete. Glauben Sie,
bitte, daß es nicht mein Verschulden war, wenn an Seine Majestät
gelegentlich ihrer letzten Anwesenheit in der Provinz, während der
vorjährigen Manöver, kein Huldigungstelegramm geschickt worden ist
...“
„Die Weigerung des
Magistrats war durchaus undeutsch“, stellte Jadassohn fest.
„Das nationale Banner
muß hochgehalten werden“, verlangte Diederich. Der Bürgermeister
erhob die Arme.
„Meine Herren, das
weiß ich. Aber ich bin nur der Vorsitzende des Magistrats und muß
leider seine Beschlüsse ausführen. Ändern Sie die Verhältnisse! Herr
Doktor Jadassohn erinnert sich noch an unseren Streit mit der
Regierung wegen des sozialdemokratischen Lehrers Rettich. Ich konnte
den Mann nicht maßregeln. Herrn von Wulckow ist bekannt,“ – der
Bürgermeister kniff ein Auge zu – „daß ich es sonst getan haben
würde.“
Man schwieg eine
Weile und betrachtete einander. Jadassohn blies durch die Nase, als
genügte ihm das Gehörte. Aber Diederich konnte nicht länger an sich
halten. „Die Vorfrucht der Sozialdemokratie ist der Liberalismus“!
rief er. „Solche Leute wie Buck, Kühlemann und Eugen Richter machen
unsere Arbeiter frech. Mein Betrieb legt mir die schwersten Opfer an
Arbeit und Verantwortung auf, und dann hab’ ich noch Konflikte mit
meinen Leuten. Und warum? Weil wir nicht einig sind gegen die rote
Gefahr und es gewisse Arbeitgeber gibt, [133]die im sozialistischen
Fahrwasser schwimmen, wie zum Beispiel der Schwiegersohn des Herrn
Buck. Was seine Fabrik einbringt, daran beteiligt der Herr Lauer
seine Arbeiter. Das ist unmoralisch!“ Hier blitzte Diederich. „Denn
es untergräbt die Ordnung, und ich stehe auf dem Standpunkt, in
dieser harten Zeit haben wir Ordnung nötiger als je, und darum
brauchen wir ein festes Regiment, wie unser herrlicher junger Kaiser
es führt. Ich erkläre, daß ich in allem fest zu Seiner Majestät
stehe ...“ Hier machten die beiden anderen Herren eine Verbeugung,
die Diederich entgegennahm, indes er weiterblitzte. Im Gegensatz zu
dem demokratischen Mischmasch, an den die absterbende Generation
noch glaube, sei der Kaiser der Vertreter der Jugend, die
persönlichste Persönlichkeit, von erfreulicher Impulsivität und ein
höchst origineller Denker. „Einer soll Herr sein! Auf allen
Gebieten!“ Diederich legte das vollständige Bekenntnis einer
scharfen und schneidigen Gesinnung ab und erklärte, daß mit dem
alten freisinnigen Schlendrian auch in Netzig von Grund aus
aufgeräumt werden müsse.
„Jetzt kommt eine
neue Zeit!“
Jadassohn und der
Bürgermeister hörten still zu, bis er alles herausgesagt hatte;
Jadassohns Ohren wurden dabei noch größer. Dann krähte er: „Auch in
Netzig gibt es kaisertreue Deutsche!“ Und Diederich noch lauter:
„Die aber, die es nicht sind, werden wir uns einmal näher ansehen.
Es wird sich zeigen, ob gewissen Familien die Stellung, die sie
einnehmen, noch zukommt. Vom alten Buck zu schweigen: wer sind denn
seine Leute? Die Söhne verbauert oder verbummelt, ein Schwiegersohn,
der Sozialist ist, und die Tochter soll ja –“
Man sah einander an.
Der Bürgermeister kicherte und [134]rötete sich blaß. Vor Vergnügen
platzte er aus: „Und die Herren wissen noch gar nicht, daß der
Bruder des Herrn Buck pleite ist!“
Man äußerte lärmende
Genugtuung. Der mit den fünf eleganten Töchtern! Der Vorsitzende der
„Harmonie“! Aber zu essen, das wußte Diederich, bekamen sie aus der
Volksküche. Daraufhin schenkte der Bürgermeister nochmals Schnäpse
ein und reichte Zigarren. Er zweifelte plötzlich nicht mehr, daß ein
Umschwung bevorstehe. „In anderthalb Jahren sind die Neuwahlen zum
Reichstag. Bis dahin werden die Herren arbeiten müssen.“
Diederich schlug vor:
„Betrachten wir drei uns schon jetzt als das engere Wahlkomitee!“
Jadassohn erklärte es
für die erste Notwendigkeit, Fühlung zu nehmen mit dem Herrn
Regierungspräsidenten von Wulckow. „Streng vertraulich“, setzte der
Bürgermeister hinzu und zwinkerte. Diederich bedauerte, daß die
„Netziger Zeitung“, das größte Organ der Stadt, sich im freisinnigen
Fahrwasser bewege. „So ein Judenblatt!“ sagte Jadassohn. Wohingegen
das regierungstreue Kreisblatt in der Stadt fast ohne Einfluß sei.
Aber der alte Klüsing in Gausenfeld lieferte das Papier für beide
Blätter. Es schien Diederich nicht unmöglich, durch ihn, der in der
„Netziger Zeitung“ Geld hatte, ihre Haltung zu beeinflussen. Er
mußte Angst bekommen, sonst das Kreisblatt zu verlieren. „Denn es
gibt ja noch eine Papierfabrik in Netzig“, sagte der Bürgermeister
und schmunzelte. Da trat das Zimmermädchen ein und verkündete, sie
müsse nun den Tisch zum Mittagessen decken; die gnädige Frau werde
gleich zurück sein – „und auch die Frau Hauptmann“, setzte sie
hinzu. Bei der Nennung dieses Titels erhob der Bürgermeister sich
sofort. Wie [135]er seine Gäste hinausgeleitete, hielt er den Kopf
gesenkt und war, trotz der genossenen Schnäpse, ganz milchfarben.
Auf der Treppe zog er Diederich am Ärmel. Jadassohn war
zurückgeblieben, und man hörte das Mädchen leise kreischen. An der
Haustür läutete es schon.
„Mein lieber Herr
Doktor,“ wisperte der Bürgermeister, „Sie haben mich doch nicht
mißverstanden. Bei alledem habe ich natürlich einzig das Interesse
der Stadt im Auge. Mir liegt es selbstverständlich ganz fern, irgend
etwas zu unternehmen, worin ich mich nicht einig weiß mit den
Körperschaften, an deren Spitze zu stehen ich die Ehre habe.“
Er blinzelte
eindringlich. Bevor Diederich sich besonnen hatte, betraten die
Damen das Haus, und der Bürgermeister ließ Diederichs Ärmel los, um
ihnen entgegenzueilen. Seine Frau, verhutzelt und mit Sorgenfalten,
hatte kaum Zeit, die Herren zu begrüßen; sie mußte die Kinder
trennen, die einander prügelten. Ihre Mutter aber, einen Kopf höher
und noch jugendlich, musterte streng die geröteten Gesichter der
Frühstücksgäste. Dann schritt sie junonisch auf den Bürgermeister
zu, den man kleiner werden sah ... Assessor Dr. Jadassohn hatte sich
schon von dannen gemacht, Diederich vollführte formelle
Verbeugungen, die unerwidert blieben, und eilte hinterdrein. Ihm war
aber beklommen, er sah unruhig auf der Straße umher, hörte nicht,
was Jadassohn sagte, und plötzlich kehrte er um. Er mußte mehrmals
und heftig läuten, denn drinnen war großer Lärm. Die Herrschaften
standen noch am Fuße der Treppe, auf der die Kinder sich schreiend
umherstießen, und sie debattierten. Die Frau Bürgermeister wünschte,
daß ihr Gatte beim Schuldirektor etwas gegen einen Oberlehrer
unternehme, der ihren Sohn schlecht behandelte. Dagegen forderte die
Frau Hauptmann [136]von ihrem Schwiegersohn, er solle den Oberlehrer
zum Professor ernennen, denn seine Frau habe den größten Einfluß im
Vorstand der Bethlehemstiftung für gefährdete Mädchen. Der
Bürgermeister beschwor sie abwechselnd mit den Händen. Endlich
konnte er ein Wort anbringen.
„Einerseits ...“,
sagte er.
Aber da hatte
Diederich ihn am Ärmel ergriffen. Nach vielen Entschuldigungen in
der Richtung der Damen zog er ihn beiseite, und er flüsterte bebend:
„Verehrter Herr Bürgermeister, es liegt mir daran, Mißverständnissen
vorzubeugen. Ich darf daher wiederholen, daß ich ein durchaus
liberaler Mann bin.“
Doktor Scheffelweis
versicherte flüchtig, daß er hiervon gerade so überzeugt sei wie von
seiner eigenen, gut liberalen Gesinnung. Schon ward er abgerufen,
und Diederich verließ, ein wenig erleichtert, das Haus. Jadassohn
erwartete ihn grinsend.
„Sie haben wohl Angst
gehabt? Lassen Sie nur! Mit unserem Stadtoberhaupt kompromittiert
sich niemand, er ist immer, wie der liebe Gott, mit den stärksten
Bataillonen. Heute wollte ich nur feststellen, wie weit er sich
schon mit Herrn von Wulckow eingelassen hat. Es steht nicht übel,
wir können uns ein Stück vorwagen.“
„Vergessen Sie,
bitte, nicht,“ sagte Diederich, mit Zurückhaltung, „daß ich in der
Netziger Bürgerschaft zu Hause und natürlich auch liberal bin.“
Jadassohn sah ihn von
der Seite an. „Neuteutonia?“ fragte er. Und als Diederich sich
erstaunt umwandte: „Wie geht es denn meinem alten Freund Wiebel?“
„Sie kennen ihn? Er
war mein Leibbursch!“
„Kennen! Ich habe mit
ihm gehangen.“
Diederich ergriff die
Hand, die Jadassohn hinhielt, sie [137]schüttelten einander
kraftvoll. „Na dann!“ „Na also!“ Und Arm in Arm gingen sie in den
Ratskeller, Mittag essen.
Dort war es einsam
und dämmerig, hinten ward für sie das Gas angezündet, und bis die
Suppe kam, machten sie alte Kommilitonen ausfindig. Der dicke
Delitzsch! Diederich berichtete mit der Genauigkeit eines
Augenzeugen über seinen tragischen Tod. Das erste Glas Rauenthaler
weihten sie still seinem Andenken. Es zeigte sich, daß auch
Jadassohn die Februarkrawalle mitgemacht und damals die Macht
verehren gelernt hatte, wie Diederich. „Seine Majestät hat einen Mut
bewiesen,“ sagte der Assessor, „daß einem schwindlig werden konnte.
Mehrmals habe ich, weiß Gott, geglaubt –.“ Er stockte, sie sahen
schaudernd einander in die Augen. Um über die entsetzliche
Vorstellung hinwegzukommen, erhoben sie die Gläser. „Gestatte mir“,
sagte Jadassohn. „Ziehe gleich mit“, erwiderte Diederich. Und
Jadassohn: „Werte Lieben mit eingeschlossen.“ Und Diederich: „Werde
zu Hause davon zu rühmen wissen.“
Dann ließ sich
Jadassohn, obwohl sein Essen kalt ward, auf eine ausführliche
Würdigung des kaiserlichen Charakters ein. Die Philister, Nörgler
und Juden mochten an ihm aussetzen was sie wollten, alles in allem
war unser herrlicher junger Kaiser die persönlichste Persönlichkeit,
von erfreulicher Impulsivität und ein höchst origineller Denker.
Diederich glaubte dies auch schon festgestellt zu haben und nickte
befriedigt. Er sagte sich, daß das Äußere eines Menschen zuweilen
trüge, und daß die deutsche Gesinnung nicht notwendig von der Größe
der Ohren abhänge. Sie leerten ihre Gläser auf den glücklichen
Ausgang des Kampfes für Thron und Altar, gegen den Umsturz in jeder
Form und Verkleidung.
[138] So gelangten
sie wieder zu den Zuständen in Netzig. Sie waren sich einig darin,
daß der neue nationale Geist, für den es die Stadt zu erobern galt,
kein anderes Programm brauche als den Namen Seiner Majestät. Die
politischen Parteien waren alter Trödel, wie Seine Majestät selbst
gesagt hatte. „Ich kenne nur zwei Parteien, die für mich und die
wider mich“, hatte er gesagt, und so war es. In Netzig überwog
leider noch die Partei, die gegen ihn war, aber das sollte sich
ändern, und zwar – dies war Diederich klar – vermittels des
Kriegervereins. Jadassohn, der ihm nicht angehörte, übernahm es
gleichwohl, Diederich mit den leitenden Persönlichkeiten bekannt zu
machen. Da war vor allem Pastor Zillich, ein Korpsbruder von
Jadassohn, ein echt deutscher Mann! Gleich nachher wollten sie ihn
besuchen. Sie tranken auf sein Wohl. Auch auf seinen Hauptmann trank
Diederich, den Hauptmann, der aus einem strengen Vorgesetzten sein
bester Freund geworden war. „Das Dienstjahr ist doch das Jahr, das
ich aus meinem Leben am wenigsten missen möchte.“ Unvermittelt und
schon ziemlich gerötet, rief er aus:
„Und solche
erhebenden Erinnerungen möchten diese Demokraten uns verekeln!“
Der alte Buck!
Diederich konnte sich plötzlich nicht fassen vor Wut, er stammelte:
„Am Dienen will solch ein Mensch uns hindern, er sagt, wir sind
Knechte! Weil er mal Revolution gemacht hat –“
„Das ist ja schon
nicht mehr wahr“, sagte Jadassohn.
„Darum sollen wir uns
wohl alle zum Tode verurteilen lassen? Hätten sie ihn wenigstens
geköpft!... Die Hohenzollern sollen uns schlecht bekommen sein!“
„Ihm sicher“, sagte
Jadassohn und tat einen großen Zug.
„Aber ich stelle fest
–“ Diederich rollte die Augen –, [139]„daß ich all seinen
lästerlichen Unfug nur angehört habe, um mich darüber zu
unterrichten, wes Geistes Kind er ist. Ich nehme Sie zum Zeugen,
Herr Assessor! Wenn der alte Intrigant jemals behaupten sollte, daß
ich sein Freund bin und seine infamen Majestätsbeleidigungen
gebilligt habe, dann nehme ich Sie zum Zeugen, daß ich gleich heute
protestiert habe!“
Der Schweiß brach ihm
aus, denn er dachte an die Sache mit der Baukommission und an den
Schutz, den er bei ihr genießen sollte ... Unvermittelt warf er ein
Buch auf den Tisch, ein kleines, fast quadratisches Buch, und stieß
ein Hohngelächter dabei aus.
„Dichten tut er
auch!“
Jadassohn blätterte.
„Turnerlieder. Aus der Gefangenschaft. Ein Hoch der Republik! und Am
Weiher lag ein Jüngling, trübselig anzuschauen ... Stimmt, so waren
die. Sträflinge versorgen und an den Grundlagen rütteln.
Sentimentaler Umsturz. Gesinnung verdächtig und Haltung schlapp. Da
stehen wir, Gott sei Dank, anders da.“
„Das wollen wir
hoffen“, sagte Diederich. „In der Verbindung haben wir
Mannhaftigkeit und Idealismus gelernt, das genügt, da erübrigt sich
das Dichten.“
„Fort mit euren
Altarkerzen!“ deklamierte Jadassohn. „Das ist etwas für meinen
Freund Zillich. Jetzt hat er sein Schläfchen hinter sich, wir können
losgehen.“
Sie fanden den Pastor
beim Kaffee. Er wollte Frau und Tochter sogleich hinausschicken,
Jadassohn hielt die Hausfrau galant zurück und versuchte auch dem
Fräulein die Hand zu küssen, aber sie wandte ihm den Rücken.
Diederich, sehr aufgeheitert, bat die Damen dringend, zu bleiben,
und ihm gelang es. Er erklärte ihnen, daß Netzig nach Berlin
beträchtlich still wirke. „Die Damenwelt ist [140]auch noch zurück.
Mein Ehrenwort, gnädiges Fräulein, Sie sind hier die erste, die
ruhig Unter den Linden spazierengehen könnte, und kein Mensch würde
merken, daß Sie aus Netzig sind.“ Darauf erfuhr er, daß sie wirklich
einmal in Berlin gewesen war, und sogar bei Ronacher. Diederich zog
hieraus Vorteil, er erinnerte sie an ein dort gehörtes Couplet, das
er ihr aber nur ins Ohr sagen könne. „Unsre lieben süßen Dam’n,
zeigen alles, was sie ham’n“ ... Da sie einen dreisten Seitenblick
warf, streifte er mit dem Bart ihren Hals. Sie sah ihn flehend an,
worauf er ihr erst recht versicherte, daß sie ein „reizender Käfer“
sei. Sie flüchtete mit geschlossenen Augen zu ihrer Mutter, die
alles überwacht hatte. Der Pastor war mit Jadassohn in ernstem
Gespräch. Er klagte, daß der Kirchenbesuch in Netzig unerhört
vernachlässigt werde.
„Am Sonntag Jubilate:
verstehen Sie wohl, am Sonntag Jubilate habe ich vor dem Küster und
drei alten Damen aus dem Jungfrauenstift predigen müssen. Die
anderen hatten Influenza.“
Jadassohn sagte: „Bei
der lauen, um nicht zu sagen, feindseligen Haltung, die die
herrschende Partei den kirchlichen und religiösen Dingen gegenüber
einnimmt, muß man sich über die drei alten Damen wundern. Warum
besuchen sie nicht lieber die freigeistigen Vorträge des Doktors
Heuteufel?“
Da schnellte der
Pastor vom Stuhl. Sein Bart schien aufzuschäumen, so sehr schnob er,
und sein Gehrock warf wilde Falten. „Herr Assessor!“ brachte er
hervor. „Dieser Mensch ist mein Schwager, und die Rache ist mein!
spricht der Herr. Aber obwohl dieser Mensch mein Schwager und meiner
leiblichen Schwester Mann ist, kann ich den Herrn nur anflehen, ja,
mit gerungenen Händen an[141]flehen, daß er von seinem Rachestrahl
Gebrauch mache. Denn sonst würde er eines Tages genötigt sein, Pech
und Schwefel auf ganz Netzig regnen zu lassen. Kaffee, verstehen
Sie, Kaffee gibt Heuteufel den Leuten umsonst, damit sie kommen und
ihre Seele von ihm fangen lassen. Und dann erzählt er ihnen, die Ehe
sei kein Sakrament, sondern ein Vertrag – als ob ich mir einen Anzug
bestelle.“ – Der Pastor lachte vor Erbitterung.
„Pfui“, sagte
Diederich mit tiefer Stimme. Und indes Jadassohn den Pastor seines
positiven Christentums versicherte, begann Diederich schon wieder,
im Schutz eines Sessels, sich Käthchen handgreiflich zu nähern.
„Fräulein Käthchen,“ sagte er dabei, „ich kann Ihnen auf das
bestimmteste erklären, daß für mich die Ehe tatsächlich ein
Sakrament ist.“ Käthchen erwiderte:
„Schämen Sie sich,
Herr Doktor.“
Ihm ward heiß.
„Machen Sie nicht solche Augen!“
Käthchen seufzte.
„Sie sind schrecklich raffiniert. Wahrscheinlich sind Sie auch nicht
besser als der Herr Assessor Jadassohn. Ihre Schwestern haben mir
schon erzählt, was Sie in Berlin alles angestellt haben. Es sind
doch meine besten Freundinnen.“
Dann werde man sich
doch bald wiedersehen? – Ja, in der „Harmonie“. „Aber Sie brauchen
nicht zu denken, daß ich Ihnen irgendwas glaube. Sie sind ja mit
Guste Daimchen zusammen am Bahnhof angekommen.“
Was das beweise,
fragte Diederich. Er protestiere gegen alle Folgerungen, die man aus
dieser rein zufälligen Tatsache etwa ziehen wolle. Fräulein Daimchen
sei übrigens verlobt.
„Ach die!“ machte
Käthchen. „Die geniert das nicht, sie ist so gräßlich kokett.“
[142] Auch die Frau
Pastor bestätigte es. Noch heute habe sie Guste in Lackschuhen und
lila Strümpfen gesehen. Das verspreche nichts Gutes. Käthchen verzog
den Mund.
„Na und die Erbschaft
–.“
Dieser Zweifel
machte, daß Diederich bestürzt verstummte. Der Pastor hatte dem
Assessor soeben die Notwendigkeit zugegeben, die Lage der
christlichen Kirche in Netzig einmal näher mit den Herren zu
erörtern und verlangte von seiner Frau den Mantel und den Hut. Auf
der Treppe war es schon dunkel. Da die beiden anderen vorangingen,
konnte Diederich noch einmal Käthchens Hals überfallen. Sie sagte
ersterbend: „So mit dem Bart kitzeln tut keiner in Netzig“ – was ihm
zuerst schmeichelte, gleich darauf aber gab es ihm peinliche
Vermutungen ein. So ließ er Käthchen einfach los und verschwand.
Jadassohn erwartete ihn unten, er sagte leise: „Nur Mut! Der Alte
hat nichts gemerkt, und die Mutter tut so.“ Er zwinkerte
aufdringlich.
An der Marienkirche
vorüber wollten die drei Herren den Markt erreichen, der Pastor
blieb aber stehen, mit einer Kopfbewegung deutete er hinter sich.
„Die Herren wissen wohl, wie die Gasse heißt, links von der Kirche
unter dem Bogen? Dies schwarze Loch von einer Gasse, oder vielmehr
das gewisse Haus darin.“
„Klein-Berlin“, sagte
Jadassohn, denn der Pastor ging nicht weiter.
„Klein-Berlin“,
wiederholte er, schmerzlich lächelnd, und noch einmal mit der
Gebärde heiligen Zornes, so daß mehrere Leute sich umsahen:
„Klein-Berlin ... Im Schatten meiner Kirche! Solch ein Haus! Und der
Magistrat will mich nicht hören, er spottet meiner. Aber er spottet
noch eines anderen, –“ damit setzte sich der Pastor wieder in
Bewegung – „und der lässet seiner nicht spotten.“
[143] Auch Jadassohn
war der Meinung, daß er seiner nicht spotten lasse. Diederich aber
sah, indes seine Begleiter sich ereiferten, vom Rathaus her Guste
Daimchen nahen. Er neigte formvoll den Hut vor ihr, und sie lächelte
schnippisch. Ihm fiel auf, daß Käthchen Zillich gerade so weißblond
war und auch diese kleine, frech eingedrückte Nase hatte. Eigentlich
war es gleich, ob die oder die. Guste freilich zeichnete sich durch
eine handliche Breite aus. „Und die läßt sich nichts gefallen.
Gleich hat man eine Ohrfeige.“ Er wandte sich um nach Guste: von
hinten war sie außerordentlich rund und wackelte. In diesem
Augenblick war es für Diederich entschieden: Die oder keine!
Die beiden anderen
hatten sie nachträglich auch bemerkt.
„War das nicht das
Töchterchen der Frau Oberinspektor Daimchen?“ fragte der Pastor; und
er setzte hinzu: „Unsere Bethlehemstiftung für gefährdete Jungfrauen
wartet noch immer auf die Zuwendungen der Guten. Ob Fräulein
Daimchen zu den Guten gehört? Die Leute sagen, sie habe eine Million
geerbt.“
Jadassohn beeilte
sich, dies für weit übertrieben zu erklären. Diederich widersprach;
er kenne die Verhältnisse, der verstorbene Onkel habe mit Zichorie
noch viel mehr verdient, als man glaube. Er behauptete es so lange,
bis der Assessor ihm verhieß, er werde durch das Gericht in
Magdeburg die Wahrheit in Erfahrung bringen. Darauf schwieg
Diederich, zufriedengestellt.
„Übrigens“, sagte
Jadassohn, „fällt das Geld doch nur an die Bucks, will sagen an den
Umsturz.“ Aber Diederich wollte auch hierüber besser unterrichtet
sein. „Fräulein Daimchen und ich sind nämlich zusammen hier
angekommen“, sagte er versuchsweise. – „Ach so“, machte Jadassohn.
„Darf man etwa gratulieren?“ Diederich hob die [144]Achseln wie bei
einer Taktlosigkeit. Jadassohn entschuldigte sich; er habe nur
geglaubt, der junge Buck –.
„Wolfgang?“ fragte
Diederich. „Mit dem war ich in Berlin täglich zusammen. Er lebt dort
mit einer Schauspielerin.“
Der Pastor räusperte
sich mißbilligend. Da man eben auf den Theaterplatz gelangte, sah er
streng hinüber. Er versetzte:
„Klein-Berlin liegt
wohl bei meiner Kirche, aber doch wenigstens in einem dunklen
Winkel. Dieser Tempel der Sittenlosigkeit brüstet sich auf offenem
Platz, und unsere Söhne und Töchter –“ er zeigte nach dem
Bühneneingang, wo einige Mitglieder des Theaters standen – „streifen
mit dem Ärmel an Buhldirnen!“
Diederich erklärte
dies, mit bekümmerter Miene, für tief bedauerlich – während
Jadassohn sich über die „Netziger Zeitung“ entrüstete, die frohlockt
hatte, weil in den Stücken der letzten Saison vier uneheliche Kinder
vorgekommen seien, und die das für einen Fortschritt hielt!
Inzwischen bogen sie
in die Kaiser-Wilhelm-Straße und hatten verschiedene Herren zu
grüßen, die eben das Haus der Loge betraten. Als sie die tief
gezogenen Hüte wieder aufgesetzt hatten und vorüber waren, sagte
Jadassohn:
„Man wird sich die
Herrschaften merken müssen, die den freimaurerischen Unfug noch
mitmachen. Seine Majestät mißbilligt ihn entschieden.“
„Von meinem Schwager
Heuteufel wundert mich selbst das gefährlichste Sektenwesen nicht“,
erklärte der Pastor.
„Nun, und der Herr
Lauer?“ meinte Diederich. „Ein Mensch, der sich nicht entblödet,
seine Arbeiter am Gewinn zu beteiligen? Dem ist alles zuzutrauen!“
[145] „Das
Unerhörteste“, behauptete Jadassohn, „ist doch, daß Herr
Landgerichtsrat Fritzsche sich in dieser Judengesellschaft zeigt:
ein königlicher Landgerichtsrat Arm in Arm mit dem Wucherer Cohn.
Wie haißt Cohn“, machte Jadassohn und steckte den Daumen unter die
Achsel.
Diederich sagte: „Da
er ja mit der Frau Lauer –“ Er brach ab und erklärte, dann begreife
er allerdings, daß diese Leute vor Gericht immer recht bekämen. „Sie
halten zusammen und schmieden Ränke.“ Pastor Zillich murmelte sogar
etwas von Orgien, die sie in dem Haus dort feiern sollten und bei
denen schon unaussprechliche Dinge vorgekommen waren. Aber Jadassohn
lächelte bedeutsam:
„Nun,
glücklicherweise sieht ihnen Herr von Wulckow gerade in die Fenster
hinein.“ Und Diederich nickte beifällig zu dem Gebäude der Regierung
hinüber. Gleich daneben, vor dem Bezirkskommando, ging ein
Wachtposten auf und ab. „Da lacht einem doch das Herz, wenn man das
Gewehr so eines braven Burschen blinken sieht!“ rief Diederich aus.
„Damit halten wir die Bande in Schach.“
Das Gewehr blinkte
freilich nicht, denn es ward dunkel. Schon schoben sich Abteilungen
heimkehrender Arbeiter durch das abendliche Gedränge. Jadassohn
schlug einen Dämmerschoppen bei Klappsch vor, gleich um die Ecke.
Dort war es gemütlich, zu dieser Stunde kam niemand hin. Auch war
Klappsch ein Gutgesinnter, der dem Pastor, indes seine Tochter das
Bier brachte, seinen heißen Dank aussprach für die segensreiche
Arbeit, die er in der Bibelstunde an seinen Jungen vollbringe. Der
Älteste hatte zwar doch wieder Zucker gestohlen, dafür aber hatte er
nachts nicht schlafen können, sondern seine Sünde Gott so laut
gebeichtet, daß Klappsch es hörte und ihn durchprügeln konnte. Von
da kam das Gespräch auf die Be[146]amten der Regierung, die Klappsch
mit Frühstück versorgte und von denen er berichten konnte, wie sie
am Sonntag die Kirchzeit verbrachten. Jadassohn machte sich Notizen,
und gleichzeitig verschwand seine Hand hinter Fräulein Klappsch.
Diederich besprach mit Pastor Zillich die Gründung eines
christlichen Arbeitervereins. Er verhieß: „Wer von meinen Leuten
nicht ’rein will, fliegt!“ Diese Aussichten heiterten den Pastor
auf; nachdem Fräulein Klappsch mehrmals Bier und Kognak gebracht
hatte, befand er sich in demselben Zustand hoffnungsvoller
Entschlossenheit, den seine beiden Gefährten im Laufe des Tages
erreicht hatten.
„Mein Schwager
Heuteufel“, rief er und schlug auf den Tisch, „soll so viel von der
Affenverwandtschaft predigen, wie er will, ich krieg’ meine Kirche
doch wieder voll!“
„Nicht nur Ihre“,
beteuerte Diederich.
„Na, es gibt nun mal
zu viele Kirchen in Netzig“, gestand der Pastor. Da sagte Jadassohn
schneidend: „Zu wenige, Mann Gottes, zu wenige!“ Und er nahm
Diederich zum Zeugen, wie in Berlin die Dinge sich entwickelt
hatten. Auch dort standen die Kirchen leer, bis Seine Majestät
selbst eingegriffen hatte. „Sorgen Sie dafür,“ hatte er einer
Abordnung der städtischen Behörden gesagt, „daß in Berlin Kirchen
gebaut werden.“ Nun wurden sie gebaut, die Religion war wieder
aktuell, es kam Betrieb hinein. Und alle, der Pastor, der Kneipwirt,
Jadassohn und Diederich begeisterten sich für die tiefe Frömmigkeit
des Monarchen. Da fiel ein Schuß.
„Es hat geknallt!“
Jadassohn sprang zuerst auf, alle sahen erbleicht einander an. Vor
Diederichs innerem Auge erschien blitzschnell das knochige Gesicht
Napoleon Fischers, seines Maschinenmeisters, mit dem schwarzen
[147]Bart, durch den man die graue Haut sah, und er stammelte: „Der
Umsturz! Es geht los!“ Draußen war Getrappel von Laufenden: auf
einmal griffen alle nach ihren Hüten und rannten hinaus.
Die Leute, die sich
schon angesammelt hatten, hielten in einem scheuen Bogen von der
Ecke des Bezirkskommandos bis an die Treppe der Freimaurerloge.
Drüben, wo der Kreis offen stand, lag jemand, das Gesicht nach
unten, mitten auf der Straße. Und der Soldat, der vorhin so munter
auf und ab gegangen war, stand jetzt unbeweglich vor seinem
Schilderhaus. Der Helm hatte sich ihm verschoben, man sah, daß er
bleich war, den Mund offen hatte und auf den Gefallenen hinstierte –
indes er sein Gewehr beim Lauf hielt und es am Boden schleppen ließ.
Im Publikum, zumeist Arbeitern und Frauen aus dem Volk, ward dumpf
gemurrt. Plötzlich sagte eine Männerstimme sehr laut: „Oho!“ – und
darauf trat tiefe Stille ein. Diederich und Jadassohn verständigten
sich durch einen blassen Blick über das Kritische des Augenblicks.
Die Straße herunter
lief ein Schutzmann und ihm voraus ein Mädchen, dessen Rock wehte
und das schon von weitem rief:
„Da liegt er! Der
Soldat hat geschossen!“
Sie war angelangt,
sie warf sich auf die Knie, sie rüttelte den Mann. „Auf! Steh doch
auf!“
Sie wartete. In
seinen Füßen schien es zu zucken; aber er blieb liegen, Arme und
Beine über das Pflaster gestreckt. Da schrie sie los: „Karl!“ Es
gellte, daß alle auffuhren. Frauen schrien mit, mehrere Männer
stürzten vor, die Fäuste geballt. Die Ansammlung war dichter
geworden; zwischen den Wagen, die halten mußten, quoll Nachschub
hervor; und in dem drohenden Gedränge [148]arbeitete das Mädchen
sich ab, unter ihren aufgelösten Haaren, die flatterten, und mit
verzerrtem, nassem Gesicht, woraus wohl Geschrei kam, aber man hörte
es nicht, der Lärm verschlang es.
Der einzige
Schutzmann drängte mit ausgebreiteten Armen die Menge zurück, sie
trat sonst auf den Liegenden. Er schrie vergebens gegen sie an,
tanzte ihr auf den Füßen und sah sich, den Kopf verlierend, in der
Luft nach Hilfe um.
Und sie kam. Im
Regierungsgebäude ging ein Fenster auf, ein großer Bart erschien,
und eine Stimme drang heraus, eine furchtbare Baßstimme, die jeder,
auch wenn er sie noch nicht verstand, durch allen Aufruhr dröhnen
hörte wie fernen Kanonendonner.
„Wulckow“, sagte
Jadassohn. „Na endlich.“
„Ich verbitte mir
das!“ tönte es herunter. „Wer erlaubt sich hier vor meinem Hause
Lärm zu machen?“ Und da es schon ruhiger ward:
„Wo ist der Posten?“
Jetzt sahen die
meisten erst, daß der Soldat sich in sein Schilderhaus zurückgezogen
hatte: so tief wie möglich, und nur der Gewehrlauf stand hervor.
„Komm ’raus, mein
Sohn!“ befahl der Baß von oben. „Du hast deine Pflicht getan. Er hat
dich gereizt. Für deine Tapferkeit wird Seine Majestät dich
belohnen. Verstanden?“
Alle hatten ihn
verstanden und waren verstummt, sogar das Mädchen. Um so ungeheurer
dröhnte er.
„Zerstreut euch
sofort, sonst lass’ ich schießen!“
Eine Minute, und
einige liefen schon. Gruppen von Arbeitern lösten sich los, zögerten
– und gingen wieder ein Stück weiter, mit gesenkten Köpfen. Der
Regierungspräsident rief noch hinunter:
[149] „Paschke, holen
Sie mal ’n Doktor!“
Dann klappte er das
Fenster wieder zu. Im Eingang der Regierung aber ward es lebendig.
Plötzlich waren Herren da, die kommandierten, eine Menge Schutzleute
liefen von allen Seiten zusammen, knufften auf das Publikum ein, das
noch übrig war, und schrien ganz allein. Diederich und seine
Begleiter, die sich hinter ihre Ecke zurückgezogen hatten, sahen
drüben auf der Treppe der Loge einige Herren stehen. Jetzt machte
Doktor Heuteufel sich zwischen ihnen Platz. „Ich bin Arzt“, sagte er
laut, ging rasch über die Straße und beugte sich zu dem Verwundeten.
Er wendete ihn um, öffnete ihm die Weste und legte das Ohr an seine
Brust. In diesem Augenblick waren alle still, sogar die Schutzleute
schrien nicht mehr; das Mädchen aber stand da, vorwärts geneigt, die
Schultern hinaufgezogen wie unter einem drohenden Schlag, und die
Faust am Herzen geballt, als sei es dies Herz, das nun stillstehen
sollte.
Doktor Heuteufel
erhob sich. „Der Mann ist tot“, sagte er. Gleichzeitig bemerkte er
das Mädchen, das schwankte. Er griff nach ihr. Aber sie stand schon
wieder, sie sah auf das Gesicht des Toten nieder und sagte nur:
„Karl.“ Noch leiser: „Karl.“ Doktor Heuteufel sah umher und fragte:
„Was soll mit dem Mädchen geschehen?“
Da trat Jadassohn
vor. „Assessor Jadassohn von der Staatsanwaltschaft“, sagte er. „Das
Mädchen ist abzuführen. Da ihr Geliebter den Posten gereizt hat,
liegt Verdacht vor, daß sie sich an der strafbaren Handlung
beteiligt hat. Wir werden die Untersuchung einleiten.“
Zwei Schutzleute,
denen er winkte, faßten das Mädchen schon an. Doktor Heuteufel erhob
die Stimme: „Herr Assessor, ich erkläre als Arzt, daß der Zustand
des Mädchens [150]seine Verhaftung nicht zuläßt.“ Jemand sagte:
„Führen Sie doch auch den Toten ab!“ Aber Jadassohn krähte: „Herr
Fabrikbesitzer Lauer, ich verbitte mir jede Kritik meiner amtlichen
Maßnahmen!“
Diederich inzwischen
hatte Zeichen hoher Erregung von sich gegeben. „Oh!... Ah!... Aber
das ist –.“ Er war ganz bleich; er setzte an: „Meine Herren ...
Meine Herren, ich bin in der Lage –. Ich kenne diese Leute: jawohl,
den Mann und das Mädchen. Doktor Heßling mein Name. Beide waren bis
heute in meiner Fabrik beschäftigt. Ich mußte sie entlassen wegen
öffentlich begangener unsittlicher Handlungen.“
„Aha!“ machte
Jadassohn. Pastor Zillich rührte sich. „Das ist fürwahr der Finger
Gottes“, sagte er. Der Fabrikant Lauer hatte sich in seinem grauen
Spitzbart heftig gerötet, seine gedrungene Gestalt ward geschüttelt
vom Zorn.
„Über den Finger
Gottes läßt sich streiten. Sicher scheint nur, Herr Doktor Heßling,
daß der Mann sich zu Ausschreitungen hat hinreißen lassen, weil die
Entlassung ihm zu Herzen gegangen ist. Er hatte eine Frau,
vielleicht auch Kinder.“
„Sie waren gar nicht
verheiratet“, sagte Diederich, seinerseits entrüstet. „Ich weiß es
von ihm selbst.“
„Was ändert das,“
fragte Lauer. Da erhob der Pastor die Arme. „Sind wir denn schon so
weit,“ rief er, „daß es nichts ändert, ob das sittliche Gesetz
Gottes befolgt wird oder nicht?“
Lauer erklärte es für
unangebracht, auf der Straße und im Augenblick, wo jemand mit
behördlicher Billigung totgeschossen worden sei, über sittliche
Gesetze zu debattieren; und er wandte sich an das Mädchen, um ihm
Arbeit in seiner Werkstatt anzubieten. Inzwischen war ein
Sanitäts[151]wagen angelangt; der Tote ward vom Boden aufgenommen.
Wie man ihn aber hineinschob, fuhr das Mädchen aus seiner Starrheit
empor, stürzte sich über die Bahre, entriß sie, ehe man es sich
versah, den Männern, daß sie niederfiel – und zusammen mit dem
Toten, in ihn verkrampft und unter gellendem Geschrei rollte sie auf
das Pflaster. Mit großer Mühe ward sie von dem Leichnam gelöst und
in eine Droschke gehoben. Der Assistenzarzt, der den Krankenwagen
begleitet hatte, fuhr mit ihr fort.
Auf den Fabrikanten
Lauer, der mit Heuteufel und den anderen Logenbrüdern weitergehen
wollte, trat Jadassohn zu, in drohender Haltung. „Einen Augenblick,
bitte. Sie äußerten da vorhin, daß hier mit behördlicher Billigung –
ich nehme die Herren zu Zeugen, daß dies Ihr Ausdruck war – also mit
behördlicher Billigung jemand totgeschossen sei. Ich möchte fragen,
ob das von Ihrer Seite vielleicht eine Mißbilligung der Behörde
bedeuten sollte.“
„Ach so“, machte
Lauer und sah ihn an. „Mich möchten Sie wohl auch abführen lassen?“
„Zugleich“, fuhr
Jadassohn mit hoher, schneidiger Stimme fort, „mache ich Sie darauf
aufmerksam, daß das Verhalten eines Postens, der ein ihn
belästigendes Individuum niederschießt, vor wenigen Monaten, nämlich
im Fall Lück, von maßgebender Stelle als korrekt und tapfer
bezeichnet und durch Auszeichnungen und Gnadenbeweise belohnt worden
ist. Hüten Sie sich vor einer Kritik der Allerhöchsten Handlungen!“
„Ich habe keine
ausgesprochen,“ sagte Lauer. „Ausgesprochen habe ich bis jetzt nur
meine Mißbilligung des Herrn dort mit dem gefährlichen Schnurrbart.“
„Wie?“ fragte
Diederich, der noch immer die Pflastersteine ansah, wo der
Erschossene gefallen war und wo ein [152]wenig Blut lag. Er begriff
endlich, daß er herausgefordert war.
„Der Schnurrbart wird
von Seiner Majestät getragen!“ sagte er fest. „Es ist die deutsche
Barttracht. Im übrigen lehne ich jede Diskussion mit einem
Arbeitgeber ab, der den Umsturz fördert.“
Lauer öffnete schon
wütend den Mund, obwohl der Bruder des alten Buck, Heuteufel, Cohn
und Landgerichtsrat Fritzsche ihn fortziehen wollten; und neben
Diederich reckten sich kampfbereit Jadassohn und Pastor Zillich: –
da erschien im Eilschritt eine Abteilung Infanterie, sperrte die
Straße ab, die ganz geleert war, und der Leutnant, der die Führung
hatte, forderte die Herren zum Weitergehen auf. Alle gehorchten
schleunigst; sie sahen noch, wie der Leutnant vor den Wachtposten
hintrat und ihm die Hand schüttelte.
„Bravo!“ sagte
Jadassohn. Und Doktor Heuteufel: „Morgen kommen nun Hauptmann, Major
und Oberst dran, müssen belobigen und dem Kerl Geldgeschenke
machen.“
„Sehr richtig!“ sagte
Jadassohn.
„Aber –“ Heuteufel
blieb stehen. „Meine Herren, verständigen wir uns doch. Hat denn das
alles einen Sinn? Nur weil dieser Bauerntölpel keinen Spaß
verstanden hat? Ein Witz, ein gutmütiges Lachen nur, und er
entwaffnet den Arbeiter, der ihn herausfordern möchte, seinen
Kameraden, einen armen Teufel wie er selbst. Statt dessen befiehlt
man ihm zu schießen. Und nachher kommen die großen Worte.“
Landgerichtsrat
Fritzsche stimmte bei und riet zur Mäßigung. Da sagte Diederich,
noch bleich und mit einer Stimme, die erschauerte:
„Das Volk muß die
Macht fühlen! Das Gefühl der [153]kaiserlichen Macht ist mit einem
Menschenleben nicht zu teuer bezahlt!“
„Wenn es nur nicht
Ihres ist“, sagte Heuteufel. Und Diederich, die Hand auf der Brust:
„Wenn es auch meins
wäre!“
Heuteufel zuckte die
Achseln. Während man weiterging, versuchte Diederich dem Pastor
Zillich, mit dem er ein Stück zurückblieb, seine Empfindungen zu
erklären. „Für mich“, sagte er, schnaufend vor innerer Bewegung,
„hat der Vorgang etwas direkt Großartiges, sozusagen Majestätisches.
Daß da einer, der frech wird, einfach abgeschossen werden kann, ohne
Urteil, auf offener Straße! Bedenken Sie: mitten in unserem
bürgerlichen Stumpfsinn kommt so was – Heroisches vor! Da sieht man
doch, was Macht heißt!“
„Wenn sie von Gottes
Gnaden ist“, ergänzte der Pastor.
„Natürlich. Das ist
es eben. Drum hab’ ich geradezu eine religiöse Erhebung von der
Sache. Man merkt doch manchmal, daß es höhere Dinge gibt, Gewalten,
denen wir alle unterworfen sind. Denn zum Beispiel bei dem Berliner
Krawall, vorigen Februar, als Seine Majestät sich mit so
phänomenaler Kaltblütigkeit in den tobenden Aufruhr hinauswagten:
na, ich sage nur –“ Da die übrigen vor dem Ratskeller
stehengeblieben waren, erhob Diederich die Stimme. „Wenn damals der
Kaiser die ganzen Linden hätte vom Militär absperren und in uns alle
hätte ’reinschießen lassen, immer feste ’rein, sag ich ...“
„Sie hätten Hurra
geschrien,“ schloß Doktor Heuteufel.
„Sie vielleicht
nicht?“ fragte Diederich und versuchte zu blitzen. „Ich hoffe doch,
wir empfinden alle national!“
Der Fabrikant Lauer
wollte schon wieder unvorsichtig entgegnen, ward aber
zurückgehalten. Statt seiner sagte Cohn:
[154] „Nun, national
bin ich auch. Aber bezahlen wir unsere Armee für solche Witze?“
Diederich maß ihn.
„Ihre Armee, sagen
Sie? Herr Warenhausbesitzer Cohn hat eine Armee! Haben die Herren
gehört?“ Er lachte erhaben. „Ich kannte bisher nur die Armee Seiner
Majestät des Kaisers!“
Doktor Heuteufel
brachte etwas von Volksrechten vor, aber Diederich betonte mit
abgehackter Kommandostimme, daß er keinen Schattenkaiser wünsche.
Ein Volk, das die straffe Zucht verliere, sei der Verlotterung
geweiht ... Inzwischen war man im Keller angelangt, Lauer und seine
Freunde saßen schon. „Na, setzen Sie sich nicht zu uns?“ ward
Diederich von Doktor Heuteufel gefragt. „Schließlich sind wir wohl
alle liberale Männer.“ Da stellte Diederich fest: „Liberal
selbstverständlich. Aber ich gehe in den großen nationalen Fragen
aufs Ganze. Für mich gibt es da nur zwei Parteien, die Seine
Majestät selbst gekennzeichnet haben: die für ihn und die gegen ihn.
Und da scheint es mir allerdings, daß an dem Tisch der Herren für
mich kein Platz ist.“
Er vollführte eine
korrekte Verbeugung und ging hinüber zu dem leeren Tisch. Jadassohn
und Pastor Zillich folgten ihm. Gäste, die in der Nähe saßen, sahen
sich um; eine allgemeine Stille entstand. Mit dem Rausch des
Erlebten stieg in Diederich der Plan empor, Sekt zu bestellen.
Drüben ward geflüstert, dann rückte jemand seinen Stuhl, es war
Landgerichtsrat Fritzsche. Er verabschiedete sich, kam an Diederichs
Tisch, um ihm, Jadassohn und Zillich die Hände zu schütteln, und
ging hinaus.
„Das wollte ich ihm
auch geraten haben“, bemerkte Jadassohn. „Er hat die Unhaltbarkeit
seiner Lage noch rechtzeitig erkannt.“ Diederich sagte: „Eine
reinliche [155]Scheidung war vorzuziehen. Wer in nationaler
Beziehung ein gutes Gewissen hat, braucht diese Leute wahrhaftig
nicht zu fürchten.“ Aber Pastor Zillich schien betreten. „Der
Gerechte muß viel leiden,“ sagte er. „Sie wissen noch nicht, wie
Heuteufel intrigant ist. Morgen erzählt er Gott weiß welche Greuel
über uns.“ Da zuckte Diederich zusammen. Doktor Heuteufel war
eingeweiht in jenen immerhin dunklen Punkt seines Lebens, als er vom
Militär loszukommen wünschte! Er hatte ihm, in einem höhnischen
Brief, das Krankheitsattest verweigert! Er hielt ihn in der Hand, er
konnte ihn vernichten! In seinem jähen Schrecken befürchtete
Diederich sogar Enthüllungen aus seiner Schulzeit, als Doktor
Heuteufel ihn im Hals gepinselt und ihm dabei Feigheit vorgeworfen
hatte. Der Schweiß brach ihm aus. Um so lauter bestellte er Hummern
und Sekt.
Drüben bei den
Logenbrüdern hatte man sich aufs neue über den gewaltsamen Tod des
jungen Arbeiters erregt. Was das Militär und die Junker, die es
befehligten, sich denn einbildeten! Sie benahmen sich ja wie in
einem eroberten Land! Und als die Köpfe rot genug waren, verstiegen
sich die Herren dazu, für das Bürgertum, das tatsächlich alle
Leistungen liefere, auch die Führung im Staat zu verlangen. Herr
Lauer wünschte zu wissen, was die herrschende Kaste vor anderen
Leuten eigentlich noch voraus habe. „Nicht einmal die Rasse“,
behauptete er. „Denn sie sind ja alle verjudet, die Fürstenhäuser
einbegriffen.“ Und er setzte hinzu: „Womit ich meinen Freund Cohn
nicht kränken will.“
Es war Zeit,
einzuschreiten: Diederich fühlte es. Schnell stürzte er noch ein
Glas hinunter, dann stand er auf, trat wuchtig bis in die Mitte
unter den gotischen Kronleuchter und sagte scharf:
[156] „Herr
Fabrikbesitzer Lauer, ich gestatte mir die Frage, ob Sie unter den
Fürstenhäusern, die nach Ihrer persönlichen Meinung verjudet sind,
auch deutsche Fürstenhäuser verstehen.“
Lauer erwiderte
ruhig, beinahe freundlich: „Gewiß doch.“
„So“, machte
Diederich, und er schöpfte tief Atem, um zu seinem großen Schlag
auszuholen. Unter der Aufmerksamkeit des ganzen Lokals fragte er:
„Und den verjudeten
deutschen Fürstenhäusern rechnen Sie auch das eine zu, das ich nicht
erst zu nennen brauche?“ Triumphierend sagte Diederich dies,
vollkommen sicher, daß nun sein Gegner sich verwirren, stammeln und
unter den Tisch kriechen werde. Aber er stieß auf einen nicht
vorauszusehenden Zynismus.
„Na ja doch“, sagte
Lauer.
Jetzt war es an
Diederich, die Haltung zu verlieren vor Entsetzen. Er sah umher: ob
er denn recht gehört habe. Die Gesichter bestätigten es ihm. Da
brachte er hervor, es werde sich zeigen, welche Folgen diese
Äußerung für den Herrn Fabrikbesitzer haben werde, und zog sich in
leidlicher Ordnung in das befreundete Lager zurück. Gleichzeitig
tauchte Jadassohn wieder auf, der verschwunden gewesen war, man
wußte nicht wohin.
„Ich habe dem soeben
Vorgefallenen nicht beigewohnt“, sagte er sofort. „Ich stelle dies
ausdrücklich fest, da es für die weitere Entwicklung von Bedeutung
sein könnte.“ Und dann ließ er sich genau berichten. Diederich tat
es mit Feuer; er nahm es als sein Verdienst in Anspruch, dem Feind
den Weg abgeschnitten zu haben. „Jetzt haben wir ihn in der Hand!“
„Allerdings,“
bestätigte Jadassohn, der sich Notizen gemacht hatte.
[157] Vom Eingang her
nahte auf steifen Beinen ein älterer Herr mit grimmiger Miene. Er
grüßte nach beiden Seiten und schickte sich an, zu den Vertretern
des Umsturzes zu stoßen. Aber Jadassohn holte ihn noch ein. „Herr
Major Kunze! Nur ein Wort!“ Er redete halblaut auf ihn ein und
deutete dabei mit den Augen nach links und rechts. Der Major schien
im Zweifel. „Sie geben mir Ihr Ehrenwort, Herr Assessor,“ sagte er,
„daß das tatsächlich behauptet wurde?“ Während Jadassohn es ihm gab,
trat der Bruder des Herrn Buck herbei, lang und elegant, lächelte
unbedeutend und bot dem Herrn Major für alles eine befriedigende
Erklärung an. Aber der Major bedauerte; für eine solche Äußerung
gebe es einfach keine Erklärung; und seine Miene ward von
erschreckender Düsterkeit. Trotzdem sah er noch mit Bedauern nach
seinem alten Stammtisch hinüber. Da, im entscheidenden Moment, hob
Diederich die Sektflasche aus dem Kübel. Der Major bemerkte es und
folgte seinem Pflichtgefühl. Jadassohn stellte vor: „Herr
Fabrikbesitzer Doktor Heßling.“
Diederichs Rechte und
die des Majors drückten einander mit Aufbietung aller Kraft. Fest
und bieder blickten die Herren sich ins Auge. „Herr Doktor,“ sagte
der Major, „Sie haben sich als deutscher Mann bewährt.“ Man scharrte
mit den Füßen, rückte die Stühle zurecht, präsentierte voreinander
die Gläser, und dann durfte man trinken. Diederich bestellte sofort
eine neue Flasche. Der Major leerte sein Glas, sooft es ihm
vollgeschenkt wurde, und zwischen den Zügen versicherte er, auch er
stehe, was deutsche Treue betreffe, seinen Mann. „Wenn mein König
mich nun auch schon aus seinem aktiven Dienst entlassen hat –“
„Der Herr Major“,
erklärte Jadassohn, „war zuletzt beim hiesigen Bezirkskommando.“
[158] „– ich habe
noch das alte Soldatenherz –“ er klopfte mit den Fingern darauf –
„und unpatriotische Tendenzen werde ich stets bekämpfen. Mit Feuer
und Schwert!“ schrie er und ließ die Faust auf den Tisch fallen. Im
selben Augenblick zog hinter seinem Rücken der Warenhausbesitzer
Cohn tief den Hut und entfernte sich eilig. Der Bruder des Herrn
Buck suchte zuerst noch die Toilette auf, damit sein Verschwinden
einen weniger fluchtartigen Charakter trage. „Aha!“ sagte Jadassohn
um so lauter. „Herr Major, der Feind ist aufgerieben.“ Pastor
Zillich war noch immer beunruhigt.
„Heuteufel ist
dageblieben. Ich traue ihm nicht.“
Aber Diederich, der
die dritte Flasche bestellte, sah sich höhnisch nach Lauer und
Doktor Heuteufel um, die vereinsamt dasaßen und beschämt ihre
Biergläser anstarrten.
„Wir haben die
Macht“, sagte er, „und die Herren dort drüben sind sich dessen
bewußt. Sie revoltieren schon gar nicht mehr, weil der Posten
geschossen hat. Sie machen Gesichter, als hätten sie Angst, daß sie
nun selbst bald drankommen. Und sie kommen auch dran!“ Diederich
erklärte, daß er wegen der vorhin gefallenen Äußerungen eine Anzeige
gegen den Herrn Lauer bei der Staatsanwaltschaft erstatten werde.
„Und ich werde dafür sorgen,“ versicherte Jadassohn, „daß die
Anklage erhoben wird. Ich persönlich werde sie in der
Hauptverhandlung vertreten. Die Herren wissen, daß ich als Zeuge
nicht in Betracht komme, da ich den Vorgängen selbst nicht
beigewohnt habe.“
„Wir werden hier den
Sumpf mal trocken legen“, sagte Diederich, und er fing von dem
Kriegerverein an, auf den die treudeutsch und kaiserlich gesinnten
Männer sich vor allem stützen müßten. Der Major nahm eine Amtsmiene
[159]an. Jawohl, er war im Vorstand des Kriegervereins. Man diente
seinem König immer noch, so gut man konnte. Er war auch bereit,
Diederich zur Aufnahme vorzuschlagen, damit die nationalen Elemente
eine Kräftigung erführen. Denn bis jetzt, das durfte man sich nicht
verhehlen, überwogen auch dort die leidigen Demokraten. Man nahm,
nach der Meinung des Majors, behördlicherseits zu viel Rücksicht auf
die in Netzig gegebenen Verhältnisse. Er selbst würde, wenn er zum
Bezirkskommandanten ernannt worden wäre, den Herren
Reserveoffizieren bei den Wahlen auf die Finger gesehen haben, dafür
garantierte er. „Aber da mein König mir die Möglichkeit leider
genommen hat –“ Diederich schenkte, um ihn zu trösten, frisch ein.
Während der Major trank, beugte Jadassohn sich zu Diederich und
raunte: „Glauben Sie ihm kein Wort! Er ist ein schlapper Hund und
kriecht vor dem alten Buck. Wir müssen ihm imponieren.“
Diederich tat dies
sofort. „Ich habe nämlich mit dem Herrn Regierungspräsidenten von
Wulckow bereits formelle Verabredungen getroffen.“ Und da der Major
die Augen aufriß:
„Nächstes Jahr, Herr
Major, sind die Reichstagswahlen. Da werden wir Gutgesinnten schwere
Arbeit haben. Der Kampf beginnt schon.“
„Los!“ sagte der
Major ingrimmig. „Prost!“
„Prost!“ sagte
Diederich. „Aber, meine Herren, mögen die subversiven Tendenzen im
Lande noch so stark sein, wir sind stärker, denn wir haben einen
Agitator, den die Gegner nicht haben, und das ist Seine Majestät.“
„Bravo!“
„Seine Majestät hat
für alle Teile seines Staates, also auch für Netzig, die Forderung
aufgestellt, daß die Bürger [160]endlich aus dem Schlummer erwachen
mögen! Und das wollen wir auch!“
Jadassohn, der Major
und Pastor Zillich bekundeten ihre Wachheit, indem sie auf den Tisch
schlugen, Beifall riefen und einander zutranken. Der Major schrie:
„Zu uns Offizieren hat Seine Majestät gesagt: Dies sind die Herren,
auf die ich mich verlassen kann!“
„Und zu uns“, schrie
Pastor Zillich, „hat er gesagt, wenn die Kirche der Fürsten bedürfen
wird –“.
Man durfte allen
Zwang ablegen, denn der Keller hatte sich längst geleert, Lauer und
Heuteufel waren ungesehen entkommen, und in den hinteren
Bogengewölben brannte schon kein Gas mehr.
„Er hat auch gesagt
–“ Diederich blies die Backen feuerrot auf, der Schnurrbart stieß
ihm in die Augen, aber dennoch blitzte er fürchterlich. „Wir stehen
im Zeichen des Verkehrs! Und so ist es auch! Unter seiner erhabenen
Führung sind wir fest entschlossen, Geschäfte zu machen!“
„Und Karriere!“
krähte Jadassohn. „Seine Majestät hat gesagt, jeder, der ihm
behilflich sein will, ist ihm willkommen. Will das jemand vielleicht
auf mich nicht mitbeziehen?“ fragte Jadassohn herausfordernd, mit
blutig leuchtenden Ohren. Der Major brüllte wieder:
„Und mein König kann
sich totsicher auf mich verlassen. Er hat mich zu früh weggeschickt,
als ehrlicher deutscher Mann sage ich es ihm laut ins Gesicht. Er
wird mich noch mal bitter nötig haben, wenn es losgeht. Ich denke
nicht daran, den Rest meines Lebens bloß noch mit Knallbonbons zu
schießen auf Vereinsbällen. Ich war bei Sedan!“
„Herrjemersch, und
ich doch ooch!“ ertönte es von dünner Schreistimme aus unsichtbaren
Tiefen, und den Schatten der Gewölbe entstieg ein kleiner Greis mit
flattern[161]den weißen Haaren. Er schwankte herbei, seine
Brillengläser funkelten, seine Backen glühten, und er schrie: „Der
Herr Major Kunze! Nu da! Alter Kriegskamerad, bei Ihnen geht’s ja zu
wie dunnemals in Frankreich. Ich sag’ es aber immer: gut gelebt und
lieber ä paar Jahre länger!“ Der Major stellte ihn vor. „Herr
Gymnasialprofessor Kühnchen.“ Wie es kam, daß er dort hinten im
Dunkeln vergessen worden sei, darüber äußerte der kleine Greis die
lebhaftesten Vermutungen. Früher hatte er sich in einer Gesellschaft
befunden. „Nu muß ich wohl ä bißchen eingeschlummert sein, und da
sein die verdammten Lumichs mir ausgerückt.“ Der Schlaf hatte ihm
vom Feuer der genossenen Getränke noch nichts genommen, er
erinnerte, prahlerisch kreischend, den Major an ihre gemeinsamen
Taten im eisernen Jahr. „Die Franktiröhrs!“ schrie er, und aus
seinem faltigen, zahnlosen Munde rann Feuchtigkeit. „Das war Sie
eene Bande! Wie die Herren mich da sähn, hab’ ich doch noch immer
een’ steifen Finger, da hat mich ä Franktiröhr draufgebissen. Bloß
weil ich ihm mit meim Säbel ä kleenes bißchen die Kehle abschneiden
wollte. So eene Gemeinheit von dem Kerl!“ Er zeigte den Finger am
Tisch umher und erregte Ausrufe der Bewunderung. Diederichs
begeisterte Gefühle freilich mischten sich mit Schrecken, er mußte
sich in die Lage des Franktiröhrs denken: der kleine
leidenschaftliche Greis kniete auf seiner Brust und setzte ihm die
Klinge an den Hals. Er war genötigt, einen Augenblick hinauszugehen.
Wie er zurückkehrte,
gaben der Major und Professor Kühnchen, einander überschreiend, den
Bericht eines wilden Kampfes. Man verstand keinen. Aber Kühnchen
schrillte immer schärfer durch das Gebrüll des anderen, bis er es
zum Schweigen gebracht hatte und ungestört [162]aufschneiden konnte.
„Nee, alter Freund, Sie sein ä anschlägscher Kopf. Wenn Sie die
Treppe ’runterfallen, verfehlen Sie keene Stufe. Aber das Feuer
damals an dem Haus, wo die Franktiröhrs drinne saßen, das hat
Kühnchen angelegt, da gibt’s nischt. Ich hab’ doch eene Kriegslist
gebraucht und hab’ mich totgestellt, da ham die dummen Luder nischt
gemerkt. Und wie’s erscht gebrannt hat, nu, versteht sich, da hamse
an der Verteidchung des Vaterlandes keen’ Geschmack mehr gefunden,
und bloß noch ’raus, bloß noch Soofgipöh! Da hätten Se nu aber uns
Deutsche sehen sollen. Von der Mauer hammer sie weggeschossen, wie
sie ’runterkrabbeln wollten! Luftsprünge hamse gemacht wie die
Garniggel!“
Kühnchen mußte seine
Erfindung unterbrechen, er kicherte durchdringend, indes die
Tafelrunde dröhnend lachte.
Kühnchen erholte
sich. „Die falschen Luder hatten uns aber auch tückisch gemacht! Und
die Weiber! Nee, meine Herren, so was Beesartches wie die
franzeeschen Weiber, das gibt’s Sie nu überhaupt nicht mehr. Heeßes
Wasser hatten se uns auf die Köppe geschiddet. Nu frag’ ich Sie, tut
das eene Dame? Wie’s brannte, warfen sie die Kinder aus’m Fenster
und wollten ooch noch von uns, daß wir se auffangen sollten. Hibsch
nich, aber dumm! Mit unsern Bajonetten hammer die kleenen Luder
uffgefangen. Und dann die Damen!“ Kühnchen hielt die gichtischen
Finger gekrümmt wie um einen Gewehrkolben und sah dabei nach oben,
als gäbe es noch jemand aufzuspießen. Seine Brillengläser funkelten,
er log weiter. „Zuletzt kam eene ganz Dicke ’ran, die konnte von
vorn nicht durchs Fenster, drum versuchte se mal, ob’s nicht von
hinten ginge. Da haste nun aber nicht mit Kühnchen gerechnet, mei
Schibbchen. Ich nich faul, steiche uf [163]die Schultern von zwei
Kameraden drauf un kitzle sie mit meim Bachonedde in ihren dicken
franzeeschen –“
Mehr hörte man nicht,
der Beifall war zu laut. Der Professor sagte noch: „Jeden Sedang
erzähl’ ich die Geschichte in ädlen Worten meiner Klasse. Die Jungen
solln wissen, was sie für Heldenväter gehabt haben.“
Man war sich einig,
daß dies die nationale Gesinnung des jungen Geschlechts nur
befördern könne, und man stieß an mit Kühnchen. Vor lauter
Begeisterung hatte noch keiner bemerkt, daß ein neuer Gast an den
Tisch getreten war. Jadassohn sah plötzlich den bescheiden grauen
Mann im Hohenzollernmantel und winkte ihm gönnerhaft. „Na, man immer
’ran, Herr Nothgroschen!“ Diederich herrschte ihn an, aus seinen
Hochgefühlen heraus. „Wer sind Sie?“
Der Fremde dienerte.
„Nothgroschen,
Redakteur der Netziger Zeitung.“
„Also
Hungerkandidat“, sagte Diederich und blitzte. „Verkommene
Gymnasiasten, Abiturientenproletariat, Gefahr für uns!“
Alle lachten; der
Redakteur lächelte demütig mit.
„Seine Majestät hat
Sie gekennzeichnet“, sagte Diederich. „Na, setzen Sie sich!“
Er schenkte ihm sogar
Sekt ein, und Nothgroschen trank in dankbarer Haltung. Nüchtern und
befangen sah er in der Gesellschaft umher, deren Selbstbewußtsein
durch die vielen, leer am Boden stehenden Flaschen so sehr
gesteigert worden war. Man vergaß ihn sogleich wieder. Er wartete
geduldig, bis jemand ihn fragte, wieso er denn mitten in der Nacht
noch hier hereinschneie. „Ich mußte das Blatt doch fertig machen“,
erklärte er darauf, wichtig wie ein kleiner Beamter. „Die Herren
wollen morgen früh in [164]der Zeitung lesen, wie das war mit dem
erschossenen Arbeiter.“
„Das wissen wir
besser als Sie“, schrie Diederich. „Sie saugen sich das ja doch nur
aus Ihren Hungerpfoten!“
Der Redakteur
lächelte entschuldigend, und er hörte ergeben zu, wie alle
durcheinander ihm die Vorgänge darstellten. Als der Lärm sich legte,
setzte er an. „Da der Herr dort –“
„Doktor Heßling,“
sagte Diederich scharf.
„Nothgroschen“,
murmelte der Redakteur. „Da Sie vorhin den Namen des Kaisers
erwähnten, wird es die Herren interessieren, daß wieder eine
Kundgebung vorliegt.“
„Ich verbitte mir
jede Nörgelei!“ heischte Diederich. Der Redakteur duckte sich und
legte die Hand auf die Brust. „Es handelt sich um einen Brief des
Kaisers.“
„Der ist Ihnen wohl
wieder mal durch einen infamen Vertrauensbruch auf den Schreibtisch
geflogen?“ fragte Diederich. Nothgroschen stellte beteuernd die Hand
vor sich hin. „Er ist vom Kaiser selbst zur Veröffentlichung
bestimmt. Morgen früh werden Sie ihn in der Zeitung lesen. Hier ist
die Druckfahne!“
„Legen Sie los,
Doktor“, befahl der Major. Diederich rief: „Wieso, Doktor? Sind Sie
Doktor?“ Aber man interessierte sich nur noch für den Brief, man
entriß dem Redakteur den Zettel. „Bravo!“ rief Jadassohn, der noch
ziemlich mühelos las. „Seine Majestät bekennt sich zum positiven
Christentum.“ Pastor Zillich frohlockte so heftig, daß sich
Schluckauf einstellte. „Das ist was für Heuteufel! Endlich kriegt so
ein frecher Wissenschaftler, huck, was ihm gehört. An die
Offenbarungsfrage machen sie sich heran. Die versteh’ ja ich kaum,
huck, und ich hab’ Theologie studiert!“ Professor Kühnchen schwenkte
die [165]Blätter hoch in der Luft. „Meine Härn! Wenn ’ch den Brief
nicht in der Klasse lesen lasse und als Aufsatzthema gebe, will’ch
nicht mehr Kühnchen heeßen!“
Diederich war
tiefernst. „Jawohl war Hammurabi ein Werkzeug Gottes! Ich möchte mal
sehen, wer das leugnet!“ Und er blitzte umher. Nothgroschen krümmte
die Schultern. „Na, und Kaiser Wilhelm der Große!“ fuhr Diederich
fort. „Von dem bitte ich es mir ganz energisch aus! Wenn der kein
Werkzeug Gottes war, dann weiß Gott überhaupt nicht, was ’n Werkzeug
ist!“
„Ganz meine Meinung“,
versicherte der Major. Glücklicherweise widersprach auch sonst
niemand, denn Diederich war zum Äußersten entschlossen. An den Tisch
geklammert, stemmte er sich von seinem Stuhl empor. „Aber unser
herrlicher junger Kaiser?“ fragte er drohend. Von allen Seiten
antwortete es: „Persönlichkeit ... Impulsiv ... Vielseitig ...
Origineller Denker.“ Diederich war nicht befriedigt.
„Ich beantrage, daß
er auch ein Werkzeug ist!“
Es ward angenommen.
„Und ich beantrage
ferner, daß wir Seine Majestät von unserem Beschluß telegraphisch in
Kenntnis setzen!“
„Ich befürworte den
Antrag!“ brüllte der Major. Diederich stellte fest: „Einmütige
begeisterte Annahme!“ und fiel auf seinen Sitz zurück. Kühnchen und
Jadassohn machten sich gemeinsam an die Abfassung der Depesche. Sie
lasen vor, sobald sie etwas gefunden hatten.
„Eine im Ratskeller
zu Netzig versammelte Gesellschaft –“
„Tagende
Versammlung“, forderte Diederich. Sie fuhren fort:
„Versammlung national
gesinnter Männer –“
„National, huck, und
christlich“, ergänzte Pastor Zillich.
[166] „Aber wollen
die Herren denn wirklich?“ fragte Nothgroschen, leise flehend. „Ich
dachte, es sei ein Scherz.“
Da ward Diederich
zornig.
„Wir scherzen nicht
mit den heiligsten Gütern! Ich soll Ihnen das wohl handgreiflich
klarmachen, Sie verkrachter Abiturient?“
Da Nothgroschens
Hände den vollkommensten Verzicht beteuerten, war Diederich sofort
wieder ruhig und sagte: „Prost!“ Dagegen schrie der Major, als
sollte er platzen. „Wir sind die Herren, auf die Seine Majestät sich
verlassen kann!“ Jadassohn bat um Ruhe und er las.
„Die im Ratskeller zu
Netzig tagende Versammlung national und christlich gesinnter Männer
entbietet Eurer Majestät ihre einmütige begeisterte Huldigung
angesichts von Eurer Majestät erhebendem Bekenntnis einer
geoffenbarten Religion. Wir beteuern unseren tiefsten Abscheu vor
dem Umsturz in jeder Gestalt und sehen in der heute bei uns in
Netzig erfolgten mutigen Tat eines Postens die erfreuliche
Bestätigung, daß Eure Majestät nicht weniger als Hammurabi und
Kaiser Wilhelm der Große das Werkzeug Gottes ist.“ Man klatschte,
und Jadassohn lächelte geschmeichelt.
„Unterschreiben!“
rief der Major. „Oder hat einer der Herren noch etwas zu bemerken?“
Nothgroschen räusperte sich. „Nur ein einziges Wort, mit aller
gebührenden Bescheidenheit.“
„Das möchte ich mir
ausbitten“, sagte Diederich. Der Redakteur hatte sich Mut getrunken,
er schwankte auf seinem Sitz und kicherte ohne Grund.
„Ich will ja gar
nichts gegen den Posten sagen, meine Herren. Ich hab’ mir sogar
schon immer gedacht, Soldaten sind zum Schießen da.“
„Na also.“
[167] „Ja, aber
wissen wir, ob auch der Kaiser so denkt?“
„Selbstverständlich!
Fall Lück!“
„Präzedenzfälle –
hihi – sind ganz schön, aber wir wissen doch alle, daß der Kaiser
ein origineller Denker und – hihi – impulsiv ist. Er läßt sich nicht
gern vorgreifen. Wenn ich in der Zeitung schreiben wollte, daß Sie,
Herr Doktor Heßling, Minister werden sollen, dann – hihi – werden
Sie es gerade nicht.“
„Jüdische
Verdrehungen!“ rief Jadassohn. Der Redakteur entrüstete sich. „Ich
schreibe anderthalb Spalten Stimmung an jedem hohen Kirchenfest. Der
Posten aber, der kann auch wegen Mord angeklagt werden. Dann sind
wir ’reingefallen.“
Eine Stille folgte.
Der Major legte nachdenklich den Bleistift aus der Hand. Diederich
ergriff ihn. „Sind wir nationale Männer?“ Und er unterschrieb
wuchtig. Da brach Begeisterung aus. Nothgroschen wollte gleich als
Zweiter drankommen.
„Aufs
Telegraphenamt!“
Diederich gab
Auftrag, daß die Rechnung ihm morgen zugestellt werde, und man brach
auf. Nothgroschen war auf einmal voll ausschweifender Hoffnungen.
„Wenn ich die kaiserliche Antwort bringen kann, komme ich zu
Scherl!“
Der Major brüllte:
„Wir wollen doch mal sehen, ob ich noch lange Wohltätigkeitsfeste
arrangiere!“
Pastor Zillich sah
die Leute sich in seiner Kirche erdrücken und Heuteufel von der
Menge gesteinigt. Kühnchen schwärmte von Blutbädern in den Straßen
von Netzig. Jadassohn krähte: „Erlaubt sich vielleicht jemand einen
Zweifel an meiner Kaisertreue?“ Und Diederich: „Der alte Buck soll
sich hüten! Klüsing in Gausenfeld auch! Wir erwachen aus dem
Schlummer!“
[168] Die Herren
hielten sich alle sehr gerade, und manchmal schoß einer unvermutet
ein Stück vorwärts. Mit ihren Stöcken strichen sie tosend über die
herabgelassenen Rolläden, und im Takt voneinander unabhängig sangen
sie die Wacht am Rhein. An der Ecke des Landgerichts stand ein
Schutzmann, aber zu seinem Glück rührte er sich nicht. „Wollen Sie
vielleicht etwas, Männeken?“ rief Nothgroschen, der aus Rand und
Band war. „Wir telegraphieren an den Kaiser!“ Vor dem Postgebäude
ward Pastor Zillich, der den schwächsten Magen hatte, von einem
Unglück betroffen. Indes die anderen ihm seine Lage zu erleichtern
suchten, klingelte Diederich den Beamten heraus und gab das
Telegramm auf. Als der Beamte es gelesen hatte, betrachtete er
Diederich zögernd – aber Diederich blitzte ihn so furchtbar an, daß
er zurückschrak und seine Pflicht tat. Diederich inzwischen fuhr
ohne Zweck fort, zu blitzen und steinern dazustehen: in der Haltung
des Kaisers, wenn nun ein Flügeladjutant ihm die Heldentat des
Postens meldete und der Chef des Zivilkabinetts ihm die
Huldigungsdepesche überbrachte. Diederich fühlte den Helm auf seinem
Kopf, er schlug gegen den Säbel an seiner Seite und sagte: „Ich bin
sehr stark!“ Der Telegraphist hielt es für eine Reklamation und
zählte ihm das kleine Geld nochmals vor. Diederich nahm es, trat an
einen Tisch und warf einige Zeilen auf ein Papier. Dann steckte er
es zu sich und kehrte zu den Herren zurück.
Sie hatten für den
Pastor eine Droschke beschafft, er fuhr soeben fort und winkte
weinend aus dem Fenster, als sei es für ewig. Jadassohn bog beim
Theater um eine Ecke, obwohl der Major ihm nachbrüllte, seine
Wohnung sei doch ganz woanders. Plötzlich war dann auch der Major
fort, und Diederich gelangte mit Nothgroschen [169]allein in die
Lutherstraße. Vor dem Walhalla-Theater war der Redakteur nicht mehr
weiter zu bringen, mitten in der Nacht wollte er das „elektrische
Wunder“ sehen, eine Dame, die dort Feuer sprühen sollte. Diederich
mußte ihm ernstlich vorhalten, daß dies nicht die Stunde für solche
Frivolitäten sei. Übrigens vergaß Nothgroschen das „elektrische
Wunder“, sobald er das Haus der „Netziger Zeitung“ erblickte.
„Aufhalten!“ schrie er. „Die Maschine aufhalten! Das Telegramm der
nationalen Männer muß noch hinein!... Sie wollen es doch morgen früh
in der Zeitung lesen“, sagte er zu einem vorübergehenden
Nachtwächter. Da packte Diederich ihn fest am Arm.
„Nicht nur dieses
Telegramm“, sagte er, kurz und leise. „Ich habe noch ein anderes.“
Er zog ein Papier aus der Tasche. „Der Nachttelegraphist ist ein
alter Bekannter von mir, er hat es mir anvertraut. Über diese
Herkunft werden Sie mir strenge Diskretion versprechen, der Mann
wäre sonst in seiner Stellung bedroht.“
Da Nothgroschen
sofort alles versprach, sagte Diederich, ohne das Papier dabei
anzusehen:
„Es ist an das
Regimentskommando gerichtet und vom Obersten selbst dem Posten
mitzuteilen, der heute den Arbeiter erschossen hat. Es lautet: Für
Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind bewiesenen Mut
spreche ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und ernenne Dich
zum Gefreiten.... Überzeugen Sie sich“ – und Diederich reichte dem
Redakteur das Papier hin. Aber Nothgroschen sah es nicht an, er
starrte nur, wie entgeistert, auf Diederich, auf seine steinerne
Haltung, den Schnurrbart, der ihm in die Augen stach, und die Augen,
die blitzten.
„Jetzt glaubte ich
fast –“ stammelte Nothgroschen. „Sie haben so viel Ähnlichkeit mit –
mit –.“
[170] IV.
Diederich würde, wie
in der besten Neuteutonenzeit, das Mittagessen verschlafen haben,
aber die Rechnung vom Ratskeller kam, und sie war bedeutend genug,
daß er aufstehen und ins Kontor gehen mußte. Ihm war sehr schlecht,
und man machte ihm auch noch Unannehmlichkeiten, sogar die Familie.
Die Schwestern verlangten ihr monatliches Toilettegeld, und als er
erklärte, daß er es jetzt nicht habe, hielten sie ihm den alten
Sötbier vor, der es immer gehabt habe. Diesem Versuch einer
Auflehnung begegnete Diederich energisch. Mit rauher Katerstimme
setzte er den Mädchen auseinander, sie würden sich noch an ganz
andere Dinge gewöhnen müssen. Sötbier freilich, der habe immer nur
hergegeben und die Fabrik heruntergewirtschaftet. „Wenn ich euch
heute euren Anteil auszahlen sollte, würdet ihr euch verflucht
wundern, wie wenig es wäre.“ Während er dies sagte, empfand er es
als durchaus unberechtigt, daß er irgend einmal sollte gezwungen
werden können, die beiden am Geschäft zu beteiligen. Man müßte das
verhindern können, dachte er. Sie dagegen wurden auch noch
herausfordernd. „Also wir können die Modistin nicht bezahlen, aber
der Herr Doktor trinkt Sekt für hundertfünfzig Mark.“ Da ward
Diederich furchtbar anzusehen. Seine Briefe erbrach man! Er wurde
ausspioniert! Er war nicht der Herr im Hause, sondern ein Kommis,
ein Neger, der für die Damen schuftete, damit sie den ganzen Tag
faulenzen konnten! Er schrie und stampfte, daß die Gläser klirrten.
Frau Heßling flehte wimmernd, die Schwestern widersprachen nur noch
aus Angst, aber Diederich war im Zuge.
[171] „Was erlaubt
ihr euch? Gänse wie ihr? Was wißt ihr, ob die hundertfünfzig Mark
nicht eine glänzende Kapitalsanlage sind. Jawohl, Kapitalsanlage!
Meint ihr, ich saufe mit den Idioten Sekt, wenn ich nichts von ihnen
will? Davon wißt ihr hier in Netzig noch nichts, das ist der neue
Kurs, es ist –“ Er hatte das Wort. „Großzügig ist es! Großzügig!“
Und er warf die Tür
hinter sich zu. Frau Heßling ging ihm vorsichtig nach, und als er im
Wohnzimmer ins Sofa gesunken war, nahm sie seine Hand und sagte:
„Mein lieber Sohn, ich bin mit dir.“ Dabei sah sie ihn an, als
wollte sie „aus dem Herzen beten“. Diederich verlangte einen sauren
Hering; und dann beklagte er sich zornig, wie schwer es sei, in
Netzig den neuen Geist einzuführen. Wenigstens hier im Hause sollte
man seine Kraft nicht untergraben! „Ich habe Großes mit euch vor,
aber das überlaßt gefälligst meiner besseren Einsicht. Einer muß
Herr sein. Unternehmungsgeist und Großzügigkeit gehören freilich
dazu. Sötbier ist dabei nicht zu brauchen. Eine Weile lasse ich den
Alten noch verschnaufen, dann wird er ausgeschifft.“
Frau Heßling
versicherte sanft, ihr lieber Sohn werde schon um seiner Mutter
willen immer genau wissen, was er tun müsse – und dann begab
Diederich sich ins Kontor und schrieb einen Brief an die
Maschinenfabrik Büschli Co. in Eschweiler, um bei ihr einen „neuen
Patent-Doppel-Holländer, System Maier“ zu bestellen. Er ließ den
Brief offen daliegen und ging hinaus. Wie er zurückkam, stand
Sötbier vor seinem Pult, und es war kein Zweifel, unter seinem
grünen Augenschirm weinte er: es tropfte auf den Brief. „Sie müssen
ihn noch mal abschreiben lassen“, sagte Diederich kühl. Da begann
Sötbier:
[172] „Junger Herr,
unser alter Holländer ist kein Patent-Holländer, aber er stammt noch
aus der ersten Zeit des alten Herrn; mit ihm hat er angefangen, und
mit ihm ist er groß geworden ...“
„Na und ich hege
meinerseits den Wunsch, mit meinem eigenen Holländer groß zu
werden“, sagte Diederich schneidend. Sötbier jammerte.
„Unser alter hat uns
noch immer genügt.“
„Mir nicht.“
Sötbier schwur, er
sei so leistungsfähig wie die allerneuesten, die nur durch
schwindelhafte Reklame emporgetragen würden. Als Diederich hart
blieb, öffnete der Alte die Tür und rief hinaus: „Fischer! Kommen
Sie mal her!“ Diederich ward unruhig. „Was wollen Sie von dem
Menschen. Ich verbitte mir, daß er sich einmischt!“ Aber Sötbier
berief sich auf das Zeugnis des Maschinenmeisters, der in den
größten Betrieben gearbeitet habe. „Nun, Fischer, sagen Sie mal dem
Herrn Doktor, wie leistungsfähig unser Holländer ist!“ Diederich
wollte nicht hören, er lief hin und her, überzeugt, der Mensch werde
die Gelegenheit ergreifen, ihn zu ärgern. Statt dessen begann
Napoleon Fischer mit einer uneingeschränkten Anerkennung von
Diederichs Sachverständigkeit, und dann sagte er über den alten
Holländer alles Ungünstige, das sich irgend über ihn denken ließ.
Wenn man Napoleon Fischer hörte, war er schon nahe daran gewesen, zu
kündigen, nur weil ihm der alte Holländer nicht gefiel. Diederich
schnaubte: er habe wahrhaftig Glück, daß ihm die wertvolle Kraft des
Herrn Fischer nun doch erhalten bleibe; aber der Maschinenmeister
erklärte ihm, ohne sich auf seine Ironie einzulassen, nach der
Abbildung im Prospekt alle Vorzüge des neuen Patent-[173]Holländers,
vor allem seine höchst bequeme Bedienung. „Wenn ich Ihnen nur Arbeit
erspare!“ schnaubte Diederich. „Sonst wünsch’ ich mir nichts. Danke,
Sie können gehen.“
Als der
Maschinenmeister hinaus war, beschäftigten Sötbier und Diederich
sich eine lange Weile jeder für sich. Plötzlich fragte Sötbier: „Und
womit sollen wir ihn bezahlen?“ Diederich war sofort feuerrot: auch
er hatte die ganze Zeit an nichts weiter gedacht. „Ach was!“ schrie
er. „Bezahlen! Erstens mache ich eine lange Lieferungsfrist aus, und
dann: wenn ich mir einen so teuren Holländer bestelle, meinen Sie
vielleicht, ich weiß nicht wozu? Nein, mein Lieber, dann muß ich
wohl bestimmte Aussichten auf baldige Ausdehnung des Geschäftes
haben – über die ich mich heute noch nicht äußern will.“
Damit verließ er das
Kontor, in strammer Haltung, trotz inneren Zweifeln. Dieser Napoleon
Fischer hatte sich beim Hinausgehen nochmals umgesehen, mit einem
gewissen Blick, als habe er den Chef gehörig hineingelegt. „Umdroht
von Feinden,“ dachte Diederich und reckte sich noch straffer, „da
sind wir erst recht stark. Ich werde sie schon zerschmettern.“ Sie
sollten erfahren, mit wem sie es zu tun hatten; daher führte er
einen Gedanken aus, der ihm schon beim Erwachen gekommen war: er
ging zum Doktor Heuteufel. Dieser hielt eben seine Sprechstunde ab
und ließ ihn warten. Dann empfing er ihn in seinem Operationszimmer,
wo alles, Geruch und Gegenstände, Diederich an frühere, peinliche
Besuche erinnerte. Doktor Heuteufel nahm die Zeitung vom Tisch,
lachte kurz und sagte: „Nun, Sie kommen wohl her, um zu
triumphieren. Gleich zwei Erfolge! Ihre Sekthuldigung ist drin – na
und die Depesche des Kaisers an den Posten läßt von Ihrem Standpunkt
aus wohl nichts zu wünschen.“
[174] „Welche
Depesche?“ fragte Diederich. Doktor Heuteufel zeigte sie ihm;
Diederich las. „Für Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren
Feind bewiesenen Mut spreche ich Dir meine kaiserliche Anerkennung
aus und ernenne Dich zum Gefreiten.“ Wie es hier gedruckt stand,
machte es ihm den Eindruck vollkommener Echtheit. Er war sogar
ergriffen; mit männlicher Zurückhaltung sagte er: „Das ist jedem
national Gesinnten aus dem Herzen gesprochen.“ Da Heuteufel nur die
Achseln zuckte, holte Diederich Atem. „Nicht deswegen bin ich
hergekommen, sondern um unsere beiderseitigen Beziehungen
festzulegen.“ Die seien wohl schon festgelegt, erwiderte Heuteufel.
„Nein, durchaus noch nicht.“ Diederich versicherte, daß er einen
ehrenvollen Frieden wünsche. Er sei bereit, im Sinne eines
wohlverstandenen Liberalismus zu wirken, falls man dagegen seine
streng nationale und kaisertreue Überzeugung achte. Doktor Heuteufel
erklärte dies einfach für Phrasen: da verlor Diederich die Fassung.
Dieser Mensch hielt ihn in der Hand; er konnte ihn, mit Hilfe eines
Dokumentes, als Feigling hinstellen! Das höhnische Lächeln in seinem
gelben Chinesengesicht, diese überlegene Haltung waren eine
fortwährende Anspielung. Aber er sprach nicht, er ließ das Schwert
weiterschweben über Diederichs Haupt. Der Zustand mußte aufhören!
„Ich fordere Sie auf,“ sagte Diederich, heiser vor Erregung, „mir
meinen Brief zurückzugeben.“ Heuteufel tat erstaunt. „Welchen
Brief?“ – „Den ich Ihnen wegen des Militärs geschrieben habe, als
ich dienen sollte.“ Darauf dachte der Arzt nach.
„Ach so: weil Sie
sich drücken wollten!“
„Ich dachte mir
schon, Sie würden meine unvorsichtigen Äußerungen in einem für mich
beleidigenden Sinne aus[175]legen. Ich fordere Sie nochmals zur
Rückgabe des Briefes auf.“ Und Diederich trat drohend vor. Heuteufel
wich nicht.
„Lassen Sie mich in
Ruh’. Ihren Brief hab’ ich nicht mehr.“
„Ich verlange Ihr
Ehrenwort.“
„Das gebe ich nicht
auf Befehl.“
„Dann mache ich Sie
auf die Folgen Ihrer illoyalen Handlungsweise aufmerksam. Sollten
Sie mir mit dem Brief bei irgendeiner Gelegenheit Unannehmlichkeiten
verursachen wollen, so liegt Bruch des Amtsgeheimnisses vor. Dann
denunziere ich Sie der Ärztekammer, stelle Strafantrag gegen Sie und
biete allen meinen Einfluß auf, um Sie unmöglich zu machen!“ In
höchster Erregung, fast stimmlos: „Sie sehen mich zum Äußersten
entschlossen! Zwischen uns gibt es nur noch einen Kampf bis aufs
Messer!“
Doktor Heuteufel sah
ihn neugierig an, er schüttelte den Kopf, sein Chinesenschnurrbart
schaukelte, und er sagte: „Sie sind heiser.“
Diederich fuhr
zurück, er stammelte: „Was geht Sie das an?“
„Gar nichts“, sagte
Heuteufel. „Es interessiert mich nur von früher her, weil ich Ihnen
so was ja immer vorausgesagt habe.“
„Was denn? Wollen Sie
sich gefälligst äußern.“ Aber das lehnte Heuteufel ab. Diederich
blitzte ihn an. „Ich muß Sie energisch auffordern, Ihre ärztliche
Pflicht zu tun!“
Er sei nicht sein
Arzt, erwiderte Heuteufel. Darauf sank Diederichs herrische Miene
zusammen, und er forschte klagend. „Manchmal hab’ ich ja Schmerzen
im Hals. Glauben Sie denn, daß es schlimmer wird? Hab’ ich was zu
befürchten?“
[176] „Ich rate
Ihnen, einen Spezialisten zu konsultieren.“
„Sie sind hier doch
der einzige! Um Gottes willen, Herr Doktor, Sie versündigen sich,
ich habe eine Familie zu erhalten.“
„Dann sollten Sie
weniger rauchen, auch weniger trinken. Gestern abend war es zuviel.“
„Ach so.“ Diederich
richtete sich auf. „Sie gönnen mir den Sekt nicht. Und dann wegen
der Huldigungsadresse.“
„Wenn Sie unlautere
Motive bei mir vermuten, brauchen Sie mich nicht zu fragen.“
Aber Diederich flehte
schon wieder. „Sagen Sie mir wenigstens, ob ich Krebs kriegen kann.“
Heuteufel blieb
streng. „Nun, Sie waren schon immer skrofulös und rachitisch. Sie
hätten nur dienen sollen, dann wären Sie nicht so aufgeschwemmt.“
Schließlich ließ er
sich zu einer Untersuchung herbei und nahm eine Pinselung des
Kehlkopfes vor. Diederich erstickte, rollte angstvoll die Augen und
umklammerte den Arm des Arztes. Heuteufel zog den Pinsel heraus. „So
komm’ ich natürlich nicht hin.“ Er feixte durch die Nase. „Sie sind
noch wie früher.“
Sobald Diederich
wieder zu Luft gekommen war, machte er sich fort aus dieser
Schreckenskammer. Vor dem Hause, noch mit Tränen in den Augen, stieß
er auf den Assessor Jadassohn. „Nanu?“ sagte Jadassohn. „Ist Ihnen
die Kneiperei nicht bekommen? Und ausgerechnet zu Heuteufel gehen
Sie?“
Diederich
versicherte, sein Befinden sei glänzend. „Aber aufgeregt hab’ ich
mich über den Menschen! Ich gehe hin, weil ich es als meine Pflicht
betrachte, eine befriedigende Erklärung zu verlangen für die
gestrigen Äußerungen dieses Herrn Lauer. Mit Lauer selbst zu
verhandeln, hat [177]für einen Mann von meiner korrekten Gesinnung
natürlich nichts Verlockendes.“
Jadassohn schlug vor,
in Klappsch’ Bierstube einzutreten.
„Ich gehe also hin,“
fuhr Diederich drinnen fort, „in der Absicht, die ganze Geschichte
mit der Besoffenheit des betreffenden Herrn zu entschuldigen,
schlimmstenfalls mit seiner zeitweiligen Geistesumnachtung. Was
meinen Sie statt dessen? Frech wird der Heuteufel. Markiert
Überlegenheit. Übt zynische Kritik an unserer Huldigungsadresse und,
Sie werden es nicht glauben, sogar an dem Telegramm Seiner
Majestät!“
„Nun, und?“ fragte
Jadassohn, dessen Hand sich mit Fräulein Klappsch beschäftigte.
„Für mich gibt es
kein Und mehr! Ich bin mit dem Herrn fertig fürs Leben!“ rief
Diederich, trotz dem schmerzlichen Bewußtsein, daß er am Mittwoch
wieder zum Pinseln mußte. Jadassohn versetzte schneidend:
„Aber ich nicht.“ Und
da Diederich ihn ansah: „Es gibt nämlich eine Behörde, die sich die
Königliche Staatsanwaltschaft nennt und die für Leute wie diese
Herren Lauer und Heuteufel ein nicht zu unterschätzendes Interesse
hegt.“ Damit ließ er Fräulein Klappsch los und bedeutete ihr, sie
möge verschwinden.
„Wie meinen Sie das“?
fragte Diederich, unheimlich berührt.
„Ich denke Anklage
wegen Majestätsbeleidigung zu erheben.“
„Sie?“
„Jawohl, ich.
Staatsanwalt Feifer hat Krankheitsurlaub, ich bin dran. Und, wie ich
unmittelbar nach dem gestrigen Vorfall vor Zeugen festgestellt habe,
war ich [178]bei der Verübung des Deliktes nicht anwesend, bin also
keineswegs verhindert, in dem Prozeß die Anklagebehörde zu
vertreten.“
„Aber wenn niemand
die Sache anzeigt!“
Jadassohn lächelte
grausam. „Das haben wir, Gott sei Dank, nicht nötig ... Übrigens
erinnere ich Sie daran, daß Sie selbst gestern abend sich uns als
Zeugen anboten.“
„Davon weiß ich
nichts“, sagte Diederich schnell.
Jadassohn klopfte ihm
auf die Schulter. „Sie werden sich an alles wieder erinnern, hoffe
ich, wenn Sie unter Ihrem Eid stehen.“ Da entrüstete Diederich sich.
Er ward so laut, daß Klappsch diskret in das Zimmer spähte.
„Herr Assessor, ich
muß mich sehr wundern, daß Sie private Äußerungen meinerseits –. Sie
haben offenbar die Absicht, mit Hilfe eines politischen Prozesses
schneller Staatsanwalt zu werden. Aber ich möchte wissen, was mich
Ihre Karriere angeht.“
„Na und mich die
Ihre?“ fragte Jadassohn.
„So. Dann sind wir
Gegner?“
„Ich hoffe, es wird
sich vermeiden lassen.“ Und Jadassohn setzte ihm auseinander, daß er
keinen Grund habe, den Prozeß zu fürchten. Sämtliche Zeugen der
Vorgänge im Ratskeller würden dasselbe aussagen müssen wie er
selbst: auch Lauers Freunde. Diederich werde sich keineswegs zu weit
vorwagen ... Das habe er leider schon getan, erwiderte Diederich,
denn schließlich sei er es, der mit Lauer den Krach gehabt habe.
Aber Jadassohn beruhigte ihn. „Wer fragt danach. Es handelt sich
darum, ob die inkriminierten Worte von seiten des Herrn Lauer
gefallen sind. Sie machen, wie die anderen Herren, einfach Ihre
Aussage, wenn Sie wollen, mit Vorsicht.“
„Mit großer
Vorsicht!“ versicherte Diederich. Und an[179]gesichts von Jadassohns
teuflischer Miene: „Wie komme ich dazu, einen anständigen Menschen
wie Lauer ins Gefängnis zu bringen? Jawohl, einen anständigen
Menschen! Denn eine politische Gesinnung ist in meinen Augen keine
Schande!“
„Besonders nicht bei
dem Schwiegersohn des alten Buck, den Sie vorläufig noch brauchen“,
schloß Jadassohn – und Diederich ließ den Kopf sinken. Dieser
jüdische Streber beutete ihn schamlos aus, und er konnte nichts
machen! Da sollte man noch an Freundschaft glauben. Er sagte sich
wieder einmal, daß alle gerissener und brutaler im Leben vorgingen
als er selbst. Die große Aufgabe war: wie ward man energisch. Er
setzte sich stramm hin und blitzte. Mehr unternahm er lieber nicht;
bei einem Herrn von der Staatsanwaltschaft konnte man nie wissen ...
Übrigens lenkte Jadassohn zu etwas anderem über.
„Wissen Sie schon,
daß in der Regierung und bei uns im Gericht ganz sonderbare Gerüchte
umgehen – über das Telegramm Seiner Majestät an den
Regimentskommandeur? Der Oberst soll nämlich behaupten, er habe gar
kein Telegramm bekommen.“
Diederich behielt,
trotz innerem Erbeben, eine feste Stimme. „Aber es hat doch in der
Zeitung gestanden!“ Jadassohn grinste zweideutig. „Da steht gar
zuviel.“ Er ließ sich von Klappsch, der seine Glatze wieder in die
Tür schob, die „Netziger Zeitung“ bringen. „Sehen Sie, in der Nummer
hier steht überhaupt nichts, was nicht auf Seine Majestät Bezug hat.
Der Leitartikel beschäftigt sich mit dem Allerhöchsten Bekenntnis
zum geoffenbarten Glauben. Dann kommt das Telegramm an den Obersten,
dann das Lokale mit der Heldentat des Postens und das Vermischte mit
drei Anekdoten über die kaiserliche Familie.“
[180] „Es sind recht
rührende Geschichten“, bemerkte Klappsch und verdrehte die Augen.
„Zweifellos!“
beteuerte Jadassohn; und Diederich: „Sogar so ein freisinniges
Hetzblatt muß die Bedeutung Seiner Majestät anerkennen!“
„Aber bei dem
löblichen Eifer wäre es schließlich möglich, daß die Redaktion die
Allerhöchste Depesche eine Nummer zu früh gebracht hat – noch vor
ihrer Absendung.“ „Ausgeschlossen!“ entschied Diederich. „Der Stil
Seiner Majestät ist unverkennbar.“ Auch Klappsch wollte ihn
erkennen. Jadassohn gab zu: „Nun ja ... Weil man nie wissen kann,
darum dementieren wir auch nicht. Wenn der Oberst nichts bekommen
hat, die Netziger Zeitung könnte es ja direkt aus Berlin haben.
Wulckow hat sich den Redakteur Nothgroschen kommen lassen, aber der
Kerl verweigert die Aussage. Der Präsident hat gespuckt, er ist
selbst zu uns gekommen wegen des Zeugniszwangverfahrens gegen
Nothgroschen. Schließlich haben wir davon abgesehen und warten
lieber das Dementi aus Berlin ab – weil man eben nicht wissen kann.“
Da Klappsch in die
Küche gerufen ward, setzte Jadassohn noch hinzu: „Komisch, wie?
Allen kommt die Geschichte verdächtig vor, aber niemand will
vorgehen, weil in diesem Fall – in diesem ganz besonderen Fall“ –
sagte Jadassohn mit perfider Betonung, und seine ganze Miene, sogar
die Ohren sahen perfid aus, „gerade das Unwahrscheinliche am meisten
Aussicht hat, Ereignis zu werden.“
Diederich war starr:
nie hätte ihm so schwarzer Verrat geträumt. Jadassohn bemerkte sein
Entsetzen und verwirrte sich, er fing an zu zappeln. „Nu, der Mann
hat seine Schwächen – Ihnen gesagt.“ Diederich versetzte, fremd und
drohend: „Gestern abend schienen Sie davon [181]noch nichts zu
wissen.“ Jadassohn entschuldigte sich: der Sekt mache natürlich
unkritisch. Ob Herr Doktor Heßling denn die Begeisterung der übrigen
Herren so ernst genommen habe. Einen größeren Nörgler als den Major
Kunze gebe es überhaupt nicht ... Diederich zog sich mit seinem
Stuhle zurück, ihm ward kalt, als finde er sich plötzlich in einer
Verbrecherhöhle. Mit äußerster Energie sagte er: „Auf die nationale
Gesinnung der übrigen Herren hoffe ich mich ebenso verlassen zu
können wie auf meine eigene, an der zu zweifeln ich mir auf das
allerbestimmteste verbitten müßte.“
Jadassohn hatte seine
schneidige Stimme zurück. „Soll das etwa einen Zweifel in bezug auf
meine Person involvieren, so weise ich ihn mit gebührender
Entrüstung zurück.“ Krähend, so daß Klappsch in die Tür spähte: „Ich
bin der Königliche Assessor Doktor Jadassohn und stehe auf Wunsch
zur Verfügung.“
Darauf mußte
Diederich wohl murmeln, daß er es so nicht gemeint habe. Dann aber
zahlte er. Die Verabschiedung war kühl.
Auf dem Heimwege
schnaufte Diederich. Hätte er sich nicht entgegenkommender verhalten
sollen mit Jadassohn? Für den Fall, daß Nothgroschen redete?
Jadassohn hatte ihn freilich nötig, in dem Prozeß gegen Lauer! Auf
alle Fälle war es gut, daß Diederich jetzt Bescheid wußte über den
wahren Charakter dieses Herrn! „Seine Ohren sind mir gleich
verdächtig vorgekommen! Wirklich national empfinden kann man eben
doch nicht mit solchen Ohren.“
Zu Hause nahm er
sogleich den Berliner „Lokal-Anzeiger“ vor. Da waren schon die
Kaiseranekdoten für die „Netziger Zeitung“ von morgen. Vielleicht
kamen sie auch erst übermorgen, für alle war dort nicht Platz. Aber
[182]er suchte weiter; seine Hände zitterten ... Da! Er mußte sich
setzen. „Ist dir was, mein Sohn?“ fragte Frau Heßling. Diederich
starrte die Buchstaben an, wie ein Märchen, das Wahrheit ward. Da
stand es, unter anderen unbezweifelten Dingen, in dem einzigen
Blatt, das Seine Majestät selbst las! Innerlich, in so tiefer Seele,
daß er es selbst kaum hörte, murmelte Diederich: „Mein Telegramm.“
Das bange Glück sprengte ihn fast. Konnte es sein? Hatte er richtig
vorausempfunden, was der Kaiser sagen würde? Sein Ohr reichte in
diese Ferne? Sein Gehirn arbeitete gemeinsam mit –? Die
unerhörtesten mystischen Beziehungen überwältigten ihn ... Aber das
Dementi konnte noch kommen, er konnte zurückgeschleudert werden in
sein Nichts! Diederich verbrachte eine angstvolle Nacht, und am
Morgen stürzte er sich auf den Lokalanzeiger. Die Anekdoten. Die
Denkmalsenthüllung. Die Rede. „Aus Netzig.“ Da stand von den
Ehrungen, die dem Gefreiten Emil Pacholke zuteil geworden waren, für
seinen vor dem inneren Feind bewiesenen Mut. Alle Offiziere, der
Oberst an der Spitze, hatten ihm die Hand gedrückt. Er hatte
Geldgeschenke bekommen. „Bekanntlich hat der Kaiser den braven
Soldaten schon gestern telegraphisch zum Gefreiten befördert.“ Da
stand es! Kein Dementi: eine Bestätigung! Er machte Diederichs Worte
zu den seinen, und er führte die Handlung aus, die Diederich ihm
untergelegt hatte!... Diederich breitete das Zeitungsblatt weit aus;
er sah sich darin wie in einem Spiegel, und um seine Schultern lag
Hermelin.
Diesen Sieg und
Diederichs schwindelnde Erhöhung, leider durfte kein Wort sie
verraten, aber sein Wesen genügte, die Straffheit in Haltung und
Sprache, das [183]Herrscherauge. Familie und Werkstatt verstummten
um ihn her. Sötbier selbst mußte zugeben, daß ein forscherer Zug in
den Betrieb gekommen sei. Und Napoleon Fischer schlich, je
aufrechter und heller Diederich dastand, desto affenähnlicher
vorbei, die Arme nach vorn hängend, mit schiefem Blick und den
fletschenden Zähnen in seinem dünnen schwarzen Bart: als der Geist
des gebändigten Umsturzes ... Dies war der Moment, gegen Guste
Daimchen vorzugehen. Diederich machte Besuch.
Frau Oberinspektor
Daimchen empfing ihn zuerst allein, auf ihrem alten Plüschsofa, aber
in einem braunen Seidenkleid mit lauter Schleifen, und die Hände
breitete sie, rot und geschwollen wie die einer Waschfrau, vor sich
hin auf ihren Bauch, so daß der Gast die neuen Ringe immer vor Augen
hatte. Aus Verlegenheit gestand er seine Bewunderung, worauf Frau
Daimchen sich bereitwillig darüber ausließ, daß sie und ihre Guste
es nun Gott sei Dank zu allem hätten. Sie wüßten nur noch nicht, ob
sie sich altdeutsch oder Louis käs einrichten sollten. Diederich
riet lebhaft zu altdeutsch; er habe es in Berlin in den feinsten
Häusern gesehen. Aber Frau Daimchen war mißtrauisch. „Wer weiß, ob
Sie so feine Leute wie uns schon besucht haben. Lassen Sie man, ich
kenne das, wenn man so tun muß, als ob man was hat, und hat nichts.“
Hierauf schwieg Diederich ratlos, und Frau Daimchen trommelte sich
mit Genugtuung auf den Bauch. Zum Glück trat Guste ein, heftig
rauschend. Diederich schwang sich elastisch aus seinem Fauteuil,
sagte schnarrend: „Gnädigstes Fräulein!“ und unternahm einen
Handkuß. Guste lachte. „Reißen Sie sich nur kein Bein aus!“ Aber sie
tröstete ihn gleich wieder. „Man sieht sofort, was ein feiner Mann
ist. Der Herr Leutnant von Brietzen macht es auch so.“
[184] „Ja, ja,“ sagte
Frau Daimchen, „bei uns verkehren alle Herren Offiziere. Gestern
sag’ ich noch zu Guste: Guste, sag’ ich, auf jede Sitzgelegenheit
können wir eine Freiherrnkrone sticken lassen, denn überall hat sich
schon einer draufgesetzt.“
Guste verzog den
Mund. „Aber was die Familien betrifft und sonst überhaupt, ist
Netzig doch reichlich spießig. Ich glaube, wir ziehen nach Berlin.“
Damit war Frau Daimchen nicht einverstanden. „Man soll den Leuten
den Gefallen nicht tun“, meinte sie. „Die alte Harnisch ist erst
heute, wie sie mein Seidenkleid gesehen hat, fast zerplatzt.“
„So ist Mutter nun
mal,“ sagte Guste. „Wenn sie renommieren kann, ist alles gut. Aber
ich denke doch auch an meinen Verlobten. Wissen Sie, daß Wolfgang
sein Staatsexamen gemacht hat? Was soll er hier in Netzig? In Berlin
kann er mit unserem vielen Geld was werden.“ Diederich bestätigte:
„Er wollte ja schon immer Minister oder so was werden.“ Leis
höhnisch setzte er hinzu: „Das soll ja ganz leicht sein.“
Guste nahm sofort
eine feindliche Haltung ein. „Der Sohn vom alten Herrn Buck ist eben
nicht jeder“, sagte sie spitz. Aber Diederich setzte, weltmännisch
überlegen, auseinander, daß es heute auf Dinge ankomme, die der
Einfluß des alten Buck nicht verleihen könne: Persönlichkeit,
großzügigen Unternehmungsgeist und vor allem eine stramm nationale
Gesinnung. Das junge Mädchen unterbrach ihn nicht mehr, sie sah
sogar mit Respekt auf seine kühnen Schnurrbartspitzen. Aber das
Bewußtsein, Eindruck zu machen, riß ihn zu weit fort. „Von alledem
habe ich bei Herrn Wolfgang Buck noch nichts bemerkt“, sagte er.
„Der philosophiert und nörgelt, und im übrigen soll er sich ziemlich
viel amüsieren ... Na,“ schloß er, „seine Mutter [185]war ja auch
eine Schauspielerin.“ Und er sah fort, obwohl er fühlte, daß Gustes
drohender Blick ihn suchte.
„Was wollen Sie damit
sagen?“ fragte sie. Er tat überrascht.
„Ich, gar nichts. Ich
meinte, wie reiche junge Leute in Berlin nun mal leben. Bucks sind
doch eine vornehme Familie.“
„Das wollen wir
hoffen“, sagte Guste schroff. Frau Daimchen, die gegähnt hatte,
erinnerte an die Schneiderin, Guste sah Diederich erwartungsvoll an,
ihm blieb nichts übrig, als aufzustehen und seine Verbeugungen zu
machen. Den Handkuß unternahm er nicht mehr, mit Rücksicht auf die
gespannte Stimmung. Aber im Vorzimmer holte Guste ihn ein. „Wollen
Sie es mir jetzt vielleicht sagen,“ fragte sie, „was Sie gemeint
haben mit der Schauspielerin?“
Er öffnete den Mund,
schnappte und schloß ihn wieder, stark errötet. Um ein Haar hätte er
verraten, was seine Schwestern ihm über Wolfgang Buck erzählt
hatten. Er sagte mit mitleidiger Stimme: „Fräulein Guste, weil wir
doch so alte Bekannte sind –. Ich wollte nur sagen, der Buck ist
nichts für Sie. Er ist sozusagen erblich belastet von seiner Mutter
her. Der Alte war doch auch zum Tode verurteilt. Und was ist denn
sonst an den Bucks noch dran? Glauben Sie mir, man soll in keine
Familie heiraten, mit der es bergab geht. Das ist Sünde gegen sich
selbst“, setzte er noch hinzu. Aber Guste hatte die Hände in die
Hüften gestemmt.
„Bergab? Und mit
Ihnen geht es wohl bergauf? Weil Sie sich im Ratskeller betrinken
und dann den Leuten Krach machen? Die ganze Stadt spricht von Ihnen,
und Sie möchten einer hochfeinen Familie was anhängen. [186]Bergab!
Wer mein Geld kriegt, mit dem geht es überhaupt nicht bergab. Sie
sind bloß neidisch, meinen Sie, ich weiß das nicht?“ – und sie sah
ihn an, die Augen voll Tränen der Wut. Ihm war sehr beklommen; er
hätte Lust gehabt, sich auf die Knie zu werfen, ihr die dicken
kleinen Finger zu küssen und dann die Tränen aus den Augen, – aber
ging denn das? Inzwischen zog sie alle rosigen Fettpolster ihres
Gesichtes herunter zu einem Ausdruck der Verachtung, machte kehrt
und schlug die Tür zu. Diederich stand mit angstklopfendem Herzen
noch eine Weile da, dann trollte er sich, im Gefühl seiner
Kleinheit.
Er bedachte, daß für
ihn hier nichts zu machen gewesen sei; die Sache gehe ihn nichts an,
Guste sei mit all ihrem Geld doch immer nur eine fette Gans, – und
das beruhigte ihn. Wie dann eines Abends Jadassohn ihm mitteilte,
was er in Magdeburg beim Gericht erfahren habe, da triumphierte
Diederich. Fünfzigtausend Mark, das war alles! Und deswegen ein
Auftreten wie die Gräfinnen? Ein Mädchen von dermaßen
schwindelhaftem Gebaren paßte freilich besser zu den verkommenen
Bucks als zu einem kernigen und treugesinnten Mann wie Diederich! Da
war Käthchen Zillich vorzuziehen. Äußerlich Guste ähnlich und mit
fast ebenso starken Reizen geschmückt, empfahl sie sich außerdem
durch Gemüt und ein entgegenkommendes Wesen. Er kam öfter zum Kaffee
und machte ihr eifrig den Hof. Sie warnte ihn vor Jadassohn, was
Diederich als nur zu berechtigt anerkennen mußte. Auch sprach sie
mit äußerster Mißbilligung von Frau Lauer, die mit Landgerichtsrat
Fritzsche –. Was Lauers Prozeß betraf, war Käthchen Zillich die
einzige, die ganz auf Diederichs Seite stand.
Denn diese Sache nahm
für Diederich ein drohendes [187]Gesicht an. Jadassohn hatte
erreicht, daß die Staatsanwaltschaft durch einen Ermittelungsrichter
die Zeugen jenes nächtlichen Vorfalls vernehmen ließ; und so
zurückhaltend Diederich sich vor dem Richter geäußert hatte, die
anderen machten ihn verantwortlich für ihre Verlegenheiten. Die
Herren Cohn und Fritzsche wichen ihm aus; der Bruder des Herrn Buck,
ein so höflicher Mann, vermied seinen Gruß; Heuteufel pinselte ihn
grausam, lehnte aber jedes Privatgespräch ab. An dem Tage, da es
bekannt ward, daß das Gericht dem Fabrikbesitzer Lauer die
Anklageschrift zugestellt habe, fand Diederich seinen Tisch im
Ratskeller leer. Professor Kühnchen zog sich eben den Mantel an,
Diederich konnte ihn noch am Kragen packen. Aber Kühnchen hatte es
eilig, er mußte im freisinnigen Wählerverein gegen die neue
Militärvorlage reden. Er entwischte; und Diederich dachte enttäuscht
jener sieghaften Nacht, als draußen das Blut des inneren Feindes,
hier aber Sekt geflossen war, und als unter den Nationalgesinnten
Kühnchen der kriegslustigste gewesen war. Jetzt sprach er gegen die
Vermehrung unseres ruhmreichen Heeres!... Diederich sah, einsam und
verlassen, in seinen Dämmerschoppen; da erschien Major Kunze.
„Nanu, Herr Major,“
sagte Diederich mit erzwungener Munterkeit, „von Ihnen hört man gar
nichts mehr.“
„Von Ihnen um so
mehr.“ Der Major knurrte, blieb in Hut und Mantel stehen und sah
sich um, wie in einer Schneewüste. „Kein Mensch da!“
„Wenn ich Sie zu
einem Glas Wein einladen darf –“ wagte Diederich zu sagen, aber er
kam übel an. „Danke, Ihr Sekt liegt mir noch im Magen.“ Der Major
bestellte Bier und saß da, stumm und mit einem Gesicht zum Fürchten.
Um nur das schreckliche Schweigen zu beenden, [188]sagte Diederich
drauf los: „Nun, und der Kriegerverein, Herr Major? Ich habe immer
geglaubt, ich würde einmal etwas hören über meine Aufnahme.“
Der Major sah ihn
lange nur an, als wollte er ihn fressen. „Ach so. Sie haben
geglaubt. Sie haben wohl auch geglaubt, es würde mir eine Ehre sein,
wenn Sie mich in Ihre Skandalaffäre hineinziehen?“
„Meine?“ stotterte
Diederich. Der Major donnerte. „Jawohl, Herr! Ihre! Dem Herrn
Fabrikbesitzer Lauer ist mal ein Wort zu viel ausgerutscht, das kann
vorkommen, sogar bei alten Soldaten, die sich für ihren König haben
zu Krüppeln schießen lassen. Sie aber haben den Herrn Lauer
raffinierterweise zu seinen unbedachten Äußerungen verleitet. Das
bin ich bereit, vor dem Untersuchungsrichter zu bekunden. Den Lauer
kenne ich: der war in Frankreich mit und ist in unserem
Kriegerverein. Sie, Herr, wer sind Sie? Weiß ich, ob Sie überhaupt
gedient haben? Her mit Ihren Papieren!“
Diederich griff in
die Brusttasche. Er würde stramm gestanden haben, wenn der Major es
befohlen hätte. Der Major hielt sich den Militärpaß weit von den
Augen fort. Plötzlich warf er ihn hin, er feixte grimmig. „Na also.
Landsturm mit der Waffe. Hab’ ich es nicht gesagt? Plattfüße
wahrscheinlich.“ Diederich war bleich, bebte bei jedem Wort des
Majors und hielt beschwörend die Hand vor sich hin. „Herr Major, ich
gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich gedient habe. Infolge eines
Unglücksfalles, der mir nur zur Ehre gereicht, mußte ich nach drei
Monaten austreten ...“
„Solche Unglücksfälle
kennen wir ... Zahlen!“
„Sonst wäre ich ganz
dabei geblieben“, sagte Diederich noch, mit fliegender Stimme. „Ich
war mit Leib und Seele Soldat, fragen Sie meine Vorgesetzten.“
[189] „’n Abend.“ Der
Major hatte schon den Mantel an. „Ich will Ihnen bloß noch sagen,
Herr: wer nicht gedient hat, den gehen die Majestätsbeleidigungen
anderer Leute den Teufel an. Majestät legt keinen Wert auf nicht
gediente Herrschaften ... Grützmacher,“ sagte er zum Wirt, „Sie
sollten sich Ihr Publikum genauer ansehen. Wegen eines Gastes, der
mal zuviel da ist, ist nun der Herr Lauer beinahe verhaftet worden,
und ich muß mit meinem steifen Bein zu Gericht als Belastungszeuge
und es mit allen Leuten verderben. Der Harmonieball ist schon
abgesagt, ich bin beschäftigungslos, und wenn ich hier zu Ihnen
komme –“ er warf wieder einen Blick wie über Schneewüsten – „ist
kein Mensch da. Außer, natürlich, der Denunziant!“ schrie er noch
auf der Treppe.
„Mein Ehrenwort, Herr
Major –“ Diederich lief hinterher, „ich habe keine Anzeige
erstattet, das Ganze ist ein Mißverständnis.“ Der Major war schon
draußen, Diederich rief ihm nach: „Wenigstens bitte ich um Ihre
Diskretion!“
Er trocknete die
Stirn. „Herr Grützmacher, Sie müssen doch einsehen –“ sagte er, mit
Tränen in der Stimme. Da er Wein bestellte, sah der Wirt alles ein.
Diederich trank und
schüttelte wehmütig den Kopf. Diese Fehlschläge begriff er nicht.
Seine Absichten waren rein gewesen, nur die Tücke seiner Feinde
verdunkelte sie ... Da erschien der Landgerichtsrat Dr. Fritzsche,
sah sich zögernd um, – und als er Diederich wirklich ganz allein
fand, kam er zu ihm. „Herr Doktor Heßling,“ sagte er und gab ihm die
Hand, „Sie sehen ja aus, als ob Ihnen die Ernte verhagelt wär.“ In
einem großen Betrieb, murmelte Diederich, gebe es freilich immer
Ärger. Aber da er die mitfühlende Miene des anderen sah, erweichte
er sich vollends. [190]„Ihnen kann ich es sagen, Herr
Landgerichtsrat, die Sache mit dem Herrn Lauer ist mir verdammt
unangenehm.“
„Ihm noch mehr“,
sagte Fritzsche, nicht ohne Strenge. „Wenn bei ihm nicht jeder
Fluchtverdacht ausgeschlossen wäre, hätten wir ihn gleich heute
verhaften lassen müssen.“ Er sah Diederich erbleichen und fügte
hinzu: „Was sogar uns Richtern peinlich gewesen wäre. Schließlich
ist man Mensch und lebt unter Menschen. Aber natürlich –“ Er
befestigte seinen Klemmer und machte sein trockenes Gesicht. „Das
Gesetz muß befolgt werden. Wenn Lauer an dem betreffenden Abend –
ich selbst hatte das Lokal ja schon verlassen – tatsächlich die
unerhörten Majestätsbeleidigungen geäußert hat, die von der Anklage
behauptet werden, und für die Sie als Hauptzeuge aufgestellt sind –“
„Ich?“ Diederich fuhr
verzweifelt auf. „Ich habe nichts gehört! Kein Wort!“
„Dagegen spricht Ihre
Aussage vor dem Ermittelungsrichter.“
Diederich verwirrte
sich. „Im ersten Moment weiß man doch nicht, was man sagen soll.
Aber wenn ich mir den fraglichen Vorgang jetzt rekonstruiere, dann
scheint es mir doch, daß wir alle ziemlich stark angeheitert waren.
Ich besonders.“
„Sie besonders“,
wiederholte Fritzsche.
„Ja, und da habe ich
wohl anzügliche Fragen an Herrn Lauer gestellt. Was er mir darauf
geantwortet hat, das könnte ich jetzt nicht mehr beschwören. Das
Ganze war doch überhaupt nur ein Scherz.“
„Ach so: ein Scherz.“
Fritzsche atmete auf. „Ja, aber was hindert Sie denn, das einfach
dem Richter zu sagen?“ Er erhob den Finger. „Ohne daß ich natürlich
im geringsten Ihre Aussage beeinflussen möchte.“
[191] Diederich erhob
die Stimme. „Dem Jadassohn vergeß ich den Streich nicht!“ Und er
berichtete die Machenschaften dieses Herrn, der sich während der
Szene vorsätzlich entfernt habe, um nicht als Zeuge in Betracht zu
kommen; der dann sofort Material für die Anklage gesammelt, den halb
unzurechnungsfähigen Zustand der Anwesenden mißbraucht und sie von
vornherein festgelegt habe mit ihren Aussagen. „Herr Lauer und ich,
wir halten einander für Ehrenmänner. Wie untersteht sich so ein
Jude, uns zu verhetzen!“
Fritzsche erklärte
ernst, daß hier nicht Jadassohns Persönlichkeit in Betracht komme,
sondern nur das Vorgehen der Staatsanwaltschaft. Freilich war
zuzugeben, daß Jadassohn vielleicht zum Übereifer neigte. Mit
gedämpfter Stimme setzte er hinzu: „Sehen Sie, das ist eben der
Grund, weshalb wir mit den jüdischen Herren nicht gern
zusammenarbeiten. Solch ein Herr legt sich nicht die Frage vor,
welchen Eindruck es auf das Volk machen muß, wenn ein gebildeter
Mann, ein Arbeitgeber, wegen Majestätsbeleidigungen verurteilt wird.
Sachliche Bedenken verschmäht sein Radikalismus.“
„Sein jüdischer
Radikalismus“, ergänzte Diederich.
„Er stellt
unbedenklich sich selbst in den Vordergrund, – womit ich keineswegs
leugnen will, daß er auch ein amtliches und nationales Interesse
wahrzunehmen glaubt.“
„Wieso denn?“ rief
Diederich. „Ein gemeiner Streber, der mit unseren heiligsten Gütern
spekuliert!“
„Wenn man sich scharf
ausdrücken will –“ Fritzsche lächelte befriedigt. Er rückte näher.
„Nehmen wir einmal an, ich wäre Untersuchungsrichter: es gibt Fälle,
in denen man gewissermaßen Grund hätte, sein Amt niederzulegen.“
„Sie sind mit dem
Lauerschen Hause eng befreundet“, sagte Diederich und nickte
bedeutsam. Fritzsche machte sein [192]weltmännisches Gesicht. „Aber
Sie begreifen, damit würde ich gewisse Gerüchte ausdrücklich
bestätigen.“
„Das geht nicht“,
sagte Diederich. „Es wäre gegen den Komment.“
„Mir bleibt nichts
übrig, als meine Pflicht zu tun, ruhig und sachlich.“
„Sachlich sein heißt
deutsch sein“, sagte Diederich.
„Besonders, da ich
annehmen darf, daß die Herren Zeugen mir meine Aufgabe nicht unnötig
erschweren werden.“ Diederich legte die Hand auf die Brust. „Herr
Landgerichtsrat, man kann sich hinreißen lassen, wo es um eine große
Sache geht. Ich bin eine impulsive Natur. Aber ich bleibe mir
bewußt, daß ich für alles meinem Gott Rechenschaft schulde.“ Er
schlug die Augen nieder. Mit männlicher Stimme: „Auch ich bin der
Reue zugänglich.“ Dies schien Fritzsche zu genügen, denn er zahlte.
Die Herren schüttelten einander ernst und verständnisvoll die Hände.
Schon am Tage darauf
ward Diederich vor den Untersuchungsrichter geladen und stand vor
Fritzsche. „Gott sei Dank“, dachte er und machte mit treuherziger
Sachlichkeit seine Aussagen. Auch Fritzsches einzige Sorge schien
die Wahrheit zu sein. Die öffentliche Meinung freilich blieb bei
ihrer Parteilichkeit für den Angeklagten. Von der
sozialdemokratischen „Volksstimme“ nicht zu reden; sie verstieg sich
bis zu höhnischen Auslassungen über Diederichs Privatleben, hinter
denen wohl sicher Napoleon Fischer zu suchen war. Aber auch die
sonst so ruhige „Netziger Zeitung“ gab gerade jetzt eine Ansprache
des Herrn Lauer an seine Arbeiter wieder, worin der Fabrikbesitzer
darlegte, daß er den Gewinn seines Unternehmens redlich mit allen
denen teile, die daran mitgearbeitet hatten, ein Viertel den
Beamten, ein Viertel den Arbei[193]tern. In acht Jahren hatten sie
außer ihren Löhnen und Gehältern die Summe von 130 000 Mark unter
sich zu verteilen gehabt. Dies machte auf weite Kreise den
günstigsten Eindruck. Diederich begegnete mißbilligenden Gesichtern.
Sogar der Redakteur Nothgroschen, den er zur Rede stellte, erlaubte
sich ein anzügliches Lächeln und sagte etwas von sozialen
Fortschritten, die man mit nationalen Phrasen nicht aufhalte.
Besonders peinlich waren die geschäftlichen Folgen. Bestellungen,
auf die Diederich rechnen durfte, blieben aus. Der Warenhausbesitzer
Cohn teilte ihm ausdrücklich mit, daß er für seine
Weihnachtskataloge die Papierfabrik Gausenfeld bevorzuge, weil er
mit Rücksicht auf seine Kunden sich politische Zurückhaltung
auferlegen müsse. Diederich erschien jetzt ganz früh im Bureau, um
solche Briefe abzufangen, aber Sötbier war immer noch früher da, und
das vorwurfsvolle Schweigen des alten Prokuristen erhöhte seine Wut.
„Ich schmeiß den ganzen Krempel hin!“ schrie er. „Sie und die Leute
sollen dann sehen, wo sie bleiben. Ich mit meinem Doktor hab’ morgen
einen Direktorposten mit 40 000 Mark!“ – „Ich opfere mich für euch!“
schrie er die Arbeiter an, wenn sie gegen das Reglement Bier
tranken. „Ich zahle drauf, nur um keinen zu entlassen.“
Gegen Weihnacht mußte
er dennoch einem Drittel der Leute aufsagen; Sötbier rechnete ihm
vor, daß die Zahlungsfristen zu Beginn des Jahres sonst nicht
eingehalten werden könnten, „da wir nun mal 2000 Mark als Anzahlung
für den neuen Holländer aufnehmen mußten“; und er blieb dabei,
obwohl Diederich nach dem Tintenfaß griff. In den Mienen der
Übriggebliebenen las er Mißtrauen und Geringschätzung. So oft
mehrere zusammenstanden, glaubte er das Wort „Denunziant“ zu hören.
Napoleon Fischers [194]knotige, schwarzbehaarte Hände hingen weniger
tief über dem Boden, und es sah aus, als bekäme er sogar Farbe.
Am letzten
Adventsonntag – das Landgericht hatte soeben die Eröffnung des
Hauptverfahrens beschlossen – predigte in der Marienkirche Pastor
Zillich über den Text: „Liebet eure Feinde.“ Diederich erschrak beim
ersten Wort. Bald fühlte er, wie auch die Gemeinde unruhig ward.
„Die Rache ist mein, spricht der Herr“: Pastor Zillich rief es
sichtlich nach dem Heßlingschen Stuhl hinüber. Emmi und Magda
versanken ganz darin, Frau Heßling schluchzte. Diederich
beantwortete drohend die Blicke, die ihn suchten. „Wer aber spricht
Rache, der ist des Gerichts!“ Da wandte sich alles um, und Diederich
knickte zusammen.
Zu Hause machten die
Schwestern ihm eine Szene. Man behandelte sie schlecht in den
Gesellschaften. Nie mehr ward der junge Oberlehrer Helferich neben
Emmi gesetzt, er kümmerte sich nur noch um Meta Harnisch, und sie
wußte wohl warum. „Weil du ihm zu alt bist“, sagte Diederich. „Nein,
sondern weil du uns unbeliebt machst!“ – „Die fünf Töchter vom
Bruder des Herrn Buck grüßen uns schon nicht mehr!“ rief Magda. Und
Diederich: „Ich werd’ ihnen fünf Ohrfeigen herunterhauen!“ – „Das
laß gefälligst! An dem einen Prozeß haben wir genug.“ Da verlor er
die Geduld. „Ihr? Was gehen euch meine politischen Kämpfe an?“
„Alte Jungfern werden
wir noch, wegen deiner politischen Kämpfe!“
„Das braucht ihr
nicht erst zu werden. Ihr liegt mir hier unnütz im Hause umher, ich
rackere mich ab für euch, und ihr wollt auch noch nörgeln und mir
meine heiligsten Aufgaben verekeln? Dann schüttelt gefälligst den
Staub von euren Pantoffeln! Meinetwegen könnt ihr Kinder[195]mädchen
werden!“ Und er schlug die Tür zu, trotz Frau Heßlings gerungenen
Händen.
So kamen denn
traurige Weihnachten heran. Die Geschwister sprachen nicht
miteinander; Frau Heßling verließ das verschlossene Zimmer, wo sie
den Baum schmückte, nie anders als mit verweinten Augen. Und am
heiligen Abend, wie sie ihre Kinder hineinführte, sang sie ganz
allein und mit zitternder Stimme „Stille Nacht“. „Dies schenkt
Diedel seinen lieben Schwestern!“ sagte sie und machte ein bittendes
Gesicht, damit er sie nicht Lügen strafe. Emmi und Magda dankten ihm
verlegen, er besah ebenso verlegen die Gaben, die angeblich von
ihnen kamen. Es tat ihm leid, daß er die gewohnte Christbaumfeier
der Arbeiter, trotz Sötbiers dringendem Rat, abgelehnt hatte, um die
unbotmäßige Gesellschaft zu bestrafen. Sonst hätte er jetzt mit den
Leuten zusammensitzen können. Hier in der Familie war es eine
künstliche Sache, eine Aufwärmung alter, verbrauchter Stimmung. Echt
wäre sie erst geworden durch eine, die nicht dabei war: Guste ...
Der Kriegerverein war ihm verschlossen, und im Ratskeller hätte er
niemand gefunden, wenigstens keinen Freund. Diederich erschien sich
vernachlässigt, unverstanden und verfolgt. Wie fern lagen die
harmlosen Zeiten der Neuteutonia, als man in langen, von Wohlwollen
beseelten Reihen sang und Bier trank. Heute, im rauhen Leben,
brachten keine wackeren Kommilitonen mehr einander ehrliche Schmisse
bei, sondern lauter verräterische Konkurrenten wollten sich
gegenseitig an den Hals. „Ich passe nicht in diese harte Zeit“,
dachte Diederich, aß Marzipan von seinem Teller und träumte in die
Lichter des Weihnachtsbaumes. „Ich bin doch gewiß ein guter Mensch.
Warum ziehen sie mich in so häßliche Dinge hinein wie [196]dieser
Prozeß, und schaden mir dadurch auch geschäftlich, so daß ich, ach
lieber Gott! den Holländer, den ich bestellt habe, nicht werde
bezahlen können.“ Dabei schnitt es ihm kalt durch den Leib, Tränen
traten ihm in die Augen, und damit die Mutter, die immer ängstlich
nach seiner sorgenvollen Miene schielte, sie nicht sähe, stahl er
sich in das dunkle Nebenzimmer. Er stützte die Arme auf das Klavier
und schluchzte in die Hände. Draußen stritten Emmi und Magda um ein
paar Handschuhe, und die Mutter wagte nicht zu entscheiden, wem sie
beschert worden waren. Diederich schluchzte. Alles war
fehlgeschlagen, in Politik, Geschäft und Liebe. „Was hab’ ich denn
noch?“ Er öffnete das Klavier. Ihn fröstelte, er war so unheimlich
allein, daß er Angst hatte, ein Geräusch zu machen. Die Töne kamen
von selbst, seine Hände wußten es kaum. Aus Volksliedern, Beethoven
und dem Kommersbuch klang es durcheinander in der Dämmerung, die
sich traulich davon erwärmte, so daß einem wohlig dumpf im Kopf
ward. Einmal meinte er, daß eine Hand ihm über den Scheitel streife.
War es nur ein Traum? Nein, denn auf dem Klavier stand plötzlich ein
volles Bierglas. Die gute Mutter! Schubert, weiche Biederkeit, Gemüt
der Heimat ... Es ward still, und er wußte es nicht – bis die
Wanduhr schlug: eine Stunde war vergangen! „Das war meine
Weihnacht“, sagte Diederich und ging hinaus zu den anderen. Er
fühlte sich getröstet und gekräftigt. Da die Schwestern noch immer
wegen der Handschuhe maulten, erklärte er sie für gemütlos und
steckte die Handschuhe ein, um sie für sich umzutauschen.
Die ganze Festzeit
ward verdüstert durch die Sorge wegen des Holländers. Sechstausend
Mark für einen [197]neuen Patent-Holländer System Maier! Das Geld
war nicht da, und wie die Dinge lagen, nicht zu beschaffen. Es war
ein unbegreifliches Verhängnis, ein schäbiger Widerstand von
Menschen und Dingen, der Diederich erbitterte. Wenn Sötbier nicht
dabei war, schlug er mit dem Pultdeckel und schleuderte Briefordner
in die Ecken. Für den neuen Herrn, der die Zügel des Betriebes in
seine feste Hand genommen hatte, mußten doch ohne weiteres neue
Unternehmungen eintreten, die Erfolge warteten auf ihn, die
Ereignisse hatten sich seiner Persönlichkeit anzupassen!... Nach dem
Zorn kam der Kleinmut, Diederich traf Vorkehrungen für den Fall
einer Katastrophe. Er war sanft mit Sötbier: vielleicht konnte der
Alte noch einmal helfen. Auch demütigte er sich vor Pastor Zillich
und bat ihn, den Leuten zu sagen, daß er mit der Predigt, von der
alle sprachen, nicht auf ihn gezielt habe. Der Pastor versprach es
auch, mit sichtlicher Reue, unter dem strafenden Blick seiner
Gattin, die sein Versprechen bekräftigte. Dann ließen die Eltern
Käthchen mit Diederich allein, und er war ihnen in seiner
Niedergeschlagenheit so dankbar, daß er sich fast erklärt hatte.
Käthchens Jawort, das auf ihren lieben, dicken Lippen wartete, wäre
doch ein Erfolg gewesen, es hätte ihm Bundesgenossen gebracht gegen
die feindliche Welt. Aber der unbezahlbare Holländer! Er würde ein
Viertel der Mitgift verschlungen haben ... Diederich seufzte, er
müsse nun wieder ins Geschäft; und Käthchen kniff die Lippen
zusammen, ohne daß das Jawort zur Verwendung gelangt war.
Ein Entschluß mußte
gefaßt werden, denn die Ankunft des Holländers stand bevor.
Diederich sagte zu Sötbier: „Ich rate den Leuten nur, ihn auf Tag
und Stunde zu liefern, sonst geb’ ich ihn ohne Gnade zurück.“ Aber
Söt[198]bier erinnerte an das Gewohnheitsrecht, das den Fabriken
einige Tage Spielraum lasse. Trotz Diederichs Heftigkeit blieb er
dabei. Übrigens traf die Maschine pünktlich ein. Sie war noch nicht
ausgepackt, und schon wetterte Diederich. „Er ist zu groß! Die Leute
haben mir garantiert, daß er kleiner sein soll als das alte System.
Wozu kaufe ich ihn denn, wenn ich nicht mal Raum sparen soll!“ Und
er ging, sobald der Holländer aufgestellt war, mit dem Metermaß um
ihn herum. „Er ist zu groß! Ich laß mich nicht beschwindeln!
Bezeugen Sie mir, Sötbier, daß er zu groß ist!“ Aber Sötbier klärte
mit unbeirrbarer Rechtlichkeit den Fehler in Diederichs Messungen
auf. Schnaufend zog Diederich sich zurück, um einen neuen
Angriffsplan zu ersinnen. Er rief Napoleon Fischer herbei. „Wo ist
denn der Monteur? Haben uns die Leute keinen Monteur mitgeschickt?“
Und dann entrüstete er sich. „Ich habe ihn doch bestellt!“ log er.
„Die Leute scheinen ihr Geschäft zu verstehen. Ich werde mich nicht
wundern, wenn ich für den Kerl täglich zwölf Mark bezahlen muß, und
er glänzt durch Abwesenheit. Wer stellt mir das Unglücksding da nun
auf?“
Der Maschinenmeister
behauptete, er verstehe sich darauf. Diederich bewies ihm plötzlich
großes Wohlwollen. „Sie können sich denken: Ihnen zahl’ ich lieber
die Überstunden, als daß ich mein Geld für den fremden Menschen
hinauswerfe. Schließlich sind Sie ein alter Mitarbeiter.“ Napoleon
Fischer zog die Brauen hinauf, sagte aber nichts. Diederich berührte
seine Schulter. „Sehen Sie mal, lieber Freund,“ sagte er halblaut,
„ich bin von dem Holländer nämlich enttäuscht. Auf den Bildern im
Prospekt sah er anders aus. Die Messerwalze sollte doch viel breiter
sein, wo bleibt da die größere Leistungsfähigkeit, die die Leute uns
versprochen haben. Was meinen Sie? Halten Sie [199]den Zug für gut?
Ich fürchte, der Stoff bleibt liegen.“ Napoleon Fischer sah
Diederich an, prüfend, aber schon mit Verständnis. Man müsse es
ausprobieren, meinte er zögernd. Diederich vermied seinen Blick, er
tat, als untersuchte er die Maschine. Dabei sagte er aufmunternd:
„Also schön. Sie stellen das Ding auf, ich zahle Ihnen die
Überstunden mit fünfundzwanzig Prozent Aufschlag, und dann tragen
Sie in Gottes Namen gleich Stoff ein. Wir werden die Bescherung ja
sehen.“
„Es wird wohl ’ne
nette Bescherung sein“, sagte der Maschinenmeister mit sichtlichem
Entgegenkommen. Diederich griff, ehe er es selbst wußte, nach seinem
Arm, Napoleon Fischer war ein Freund, ein Retter! „Kommen Sie mal
mit, mein Lieber“ – seine Stimme war bewegt. Er führte Napoleon
Fischer in das Wohnhaus, Frau Heßling mußte ihm ein Glas Wein
einschenken, und Diederich drückte ihm, ohne hinzusehen, fünfzig
Mark in die Hand. „Ich verlaß mich auf Sie, Fischer“, sagte er.
„Wenn ich Sie nicht hätte, würde die Fabrik mich womöglich
hineinlegen. Zweitausend Mark hab’ ich den Leuten schon in den
Rachen geworfen.“
„Die müssen sie
wieder hergeben“, sagte der Maschinenmeister gefällig. Diederich
fragte dringend: „Das meinen Sie doch auch?“
Und schon tags
darauf, nach der Mittagspause, die er zu Versuchen mit dem Holländer
benutzt hatte, teilte Napoleon Fischer seinem Arbeitgeber mit, daß
die neue Erwerbung nichts tauge. Der Stoff blieb liegen, man mußte
mit dem Rührscheit nachhelfen, wie bei jedem Holländer ältester
Konstruktion. „Also der offenbare Schwindel!“ rief Diederich. Auch
brauchte der Holländer mehr als zwanzig Pferdestärken. „Das ist
vertragswidrig! Müssen wir uns das gefallen lassen, Fischer?“
[200] „Das müssen wir
uns nicht gefallen lassen“, entschied der Maschinenmeister und
strich mit seiner knotigen Hand über sein schwarz behaartes Kinn.
Diederich sah ihn zum erstenmal fest an.
„Dann können Sie mir
also bezeugen, daß der Holländer die bei Bestellung vereinbarten
Bedingungen nicht erfüllt?“
In Napoleon Fischers
schütterem Bart erschien ein dünnes Lächeln. „Kann ich“, sagte er.
Diederich sah das Lächeln. Um so strammer machte er kehrt. „Na, dann
sollen die Leute mich kennenlernen!“ Sogleich schrieb er einen
energisch gehaltenen Brief an Büschli & Cie. in Eschweiler. Die
Antwort kam umgehend. Man begreife seine Beanstandungen nicht, der
neue Patentholländer System Maier sei schon von mehreren
Papierfabriken, deren Verzeichnis beiliege, aufgestellt und erprobt
worden. Von einer Zurücknahme und gar von einer Rückerstattung der
angezahlten 2000 Mark könne daher nicht die Rede sein, vielmehr sei
der Rest der vertragsmäßigen Kaufsumme sofort zu erlegen. Diederich
schrieb darauf noch entschiedener als das erstemal und drohte mit
einer Klage. Büschli & Cie. versuchten nun, ihn zu beschwichtigen,
sie empfahlen eine nochmalige Probe. „Sie haben Angst“, sagte
Napoleon Fischer, dem Diederich das Schreiben zeigte, und er
fletschte die Zähne. „Eine Klage können sie nicht brauchen, denn ihr
Holländer ist noch nicht genügend eingeführt.“ „Stimmt“, sagte
Diederich. „Wir haben die Kerls in der Hand!“ Und mit erbitterter
Siegesgewißheit lehnte er jeden Vergleich und die angebotene
Preisermäßigung schroff ab. Als dann mehrere Tage lang nichts weiter
erfolgte, ward er freilich unruhig. Vielleicht warteten sie nun doch
seine Klage ab? Vielleicht [201]strengten sie selbst eine an!
Unsicher suchte sein Blick, oftmals am Tage, Napoleon Fischer, der
ihn von unten erwiderte. Sie sprachen nicht mehr miteinander. Wie
aber Diederich eines Vormittags um elf Uhr beim zweiten Frühstück
saß, brachte das Mädchen eine Karte: Friedrich Kienast, Prokurist
der Firma Büschli & Cie., Eschweiler; und indes Diederich sie noch
hin und her wendete, trat der Besucher schon ein. An der Tür blieb
er stehen. „Pardon,“ sagte er, „es muß ein Irrtum sein. Man hat mich
hier ins Haus gewiesen, aber ich komme nämlich geschäftlich.“
Diederich hatte sich
besonnen. „Ich kann es mir denken, aber das macht nichts, bitte,
treten Sie doch näher. Doktor Heßling ist mein Name. Hier ist meine
Mutter und meine Schwestern Emmi und Magda.“
Der Herr trat näher
und verbeugte sich vor den Damen. „Friedrich Kienast“, murmelte er.
Er war groß, blondbärtig und trug einen braunen wolligen
Jackettanzug. Alle drei Damen lächelten hingebend. „Darf ich für den
Herrn ein Gedeck auflegen?“ fragte Frau Heßling. Und Diederich:
„Natürlich. Herr Kienast frühstückt doch mit uns?“
„Ich sage nicht
nein“, erklärte der Vertreter von Büschli & Cie., und er rieb sich
die Hände. Magda legte ihm Bücklinge vor, die er schon lobte,
während er den ersten Bissen noch auf der Gabel hatte.
Diederich fragte ihn,
harmlos lachend:
„Nüchtern machen Sie
wohl auch nicht gern Geschäfte?“ Herr Kienast lachte auch. „Bei den
Geschäften bin ich immer nüchtern.“ Diederich schmunzelte. „Na, dann
werden wir uns wohl einigen.“ „Kommt darauf an, wie“; – und Kienasts
schelmisch herausfordernde Worte begleitete ein Blick an Magda. Sie
errötete.
Diederich schenkte
dem Gast Bier ein. „Sie haben wohl [202]sonst noch was vor in
Netzig?“ Worauf Kienast zurückhaltend: „Man kann nie wissen.“
Versuchsweise sagte
Diederich: „Bei Klüsing in Gausenfeld werden Sie nichts machen, er
hat ’ne flaue Zeit.“ Und da der andere schwieg, dachte Diederich:
„Sie haben ihn bloß wegen des Holländers hergeschickt, sie können
keinen Prozeß brauchen!“ Da bemerkte er, daß Magda und der Vertreter
von Büschli & Cie. gleichzeitig tranken und über die Gläser hinweg
einander in die Augen sahen. Emmi und Frau Heßling saßen starr
dabei. Diederich beugte sich schnaufend über seinen Teller; –
plötzlich aber fing er an, das Familienleben zu preisen. „Sie haben
Glück, mein lieber Herr Kienast, denn das zweite Frühstück ist
ausgerechnet unsere schönste Stunde am Tage. Wenn man so mitten aus
der Arbeit hier herauskommt, dann merkt man doch wieder mal, daß man
sozusagen auch Mensch ist. Na, und das braucht man.“
Kienast bestätigte,
daß man es brauche. Frau Heßlings Frage, ob er schon verheiratet
sei, verneinte er und sah dabei auf Magdas Scheitel, denn sie hatte
den Kopf gesenkt.
Diederich stand auf
und schlug die Hacken zusammen. „Herr Kienast,“ sagte er schnarrend,
„ich stehe zu Ihrer Verfügung.“
„Eine Zigarre nimmt
Herr Kienast noch“, bat Magda. Kienast ließ sie sich von ihr
anzünden und hoffte, die Damen nochmals begrüßen zu können, – wobei
er Magda verheißungsvoll anlächelte. Aber im Hof änderte auch er
vollständig den Ton. „Na ja, das sind auch noch alte, enge
Lokalitäten“, bemerkte er kalt und wegwerfend. „Sie sollten mal
unsere Anlagen sehen.“
„In einem Nest wie
Eschweiler,“ erwiderte Diederich, genau so verächtlich, „da ist es
kein Kunststück. Reißen Sie [203]mal hier den Häuserblock nieder!“
Und dann rief er im schärfsten Befehlston nach dem Maschinenmeister,
damit er den neuen Holländer in Betrieb setze. Da Napoleon Fischer
nicht sofort kam, stürmte Diederich hin. „Sie sitzen wohl auf Ihren
Ohren, Herr?“ Aber sobald er ihm gegenüberstand, verstummte sein
Geschrei; mit leiser, fliegender Stimme, die Augen angestrengt
aufgerissen, sagte er: „Fischer, ich hab’ es mir überlegt, ich bin
mit Ihnen zufrieden, vom Ersten ab erhöhe ich Ihr Gehalt auf
hundertachtzig Mark.“ Darauf nickte Napoleon Fischer kurz und
verständnisvoll, und sie trennten sich. Sogleich begann Diederich
wieder zu schreien. Die Leute hatten geraucht! Sie behaupteten, es
sei nur seine eigene Zigarre, die er rieche. Zu dem Vertreter von
Büschli & Cie. sagte er: „Übrigens bin ich versichert, aber Zucht
muß sein. Tadelloser Betrieb, wie?“
„Veraltetes
Aggregat“, entgegnete Herr Kienast, mit einem lieblosen Blick auf
die Maschinen. Diederich versetzte höhnisch: „Weiß ich, mein Bester.
Aber so gut wie Ihr Holländer allemal.“ Trotz Kienasts Protest fuhr
er fort, die Leistungsfähigkeit der einheimischen Industrie
herabzusetzen. Mit seiner neuen Einrichtung warte er bis zu seiner
Reise nach England. Er gehe großzügig vor. Seit er selbst an der
Spitze des Betriebes stehe, sei das Geschäft mächtig im Aufschwung.
„Und es ist immer noch ausdehnungsfähig.“ Er erfand. „Jetzt hab’ ich
Verträge mit zwanzig Kreisblättern. Die Berliner Warenhäuser machen
mich überhaupt wahnsinnig ...“ Kienast unterbrach schneidend:
„Dann haben Sie wohl
gerade alles abgeliefert, denn ich sehe nirgends fertige Ware.“
Diederich empörte
sich. „Herr! Soll ich Ihnen was [204]sagen? Erst gestern hab’ ich an
sämtliche kleinen Kunden ein Rundschreiben geschickt: bis zur
Vollendung meines Neubaus könne ich nichts mehr liefern.“
Der Maschinenmeister
holte die Herren. Der neue Patentholländer war halb gefüllt, aber
die Stoffbewegung blieb noch sehr schwach, der Arbeiter half mit dem
Rührscheit nach. Diederich hielt die Uhr in der Hand. „Na also. Sie
behaupten, in Ihrem Holländer braucht der Stoff für einen Umgang
zwanzig bis dreißig Sekunden: ich zähle schon fünfzig ...
Maschinenmeister, den Stoff ablassen ... Was ist denn los, das
dauert ja ewig!“
Kienast hatte sich
über die Schale gebeugt. Er richtete sich auf, er lächelte
gewitzigt. „Ja, wenn die Ventile verstopft sind ...“ Und mit einem
scharfen Blick in die Augen Diederichs, die nicht standhielten: „Was
sonst noch mit dem Holländer angestellt ist, kann ich in der Eile
nicht sehen.“ Diederich fuhr empor, plötzlich sehr rot. „Wollen Sie
mir vielleicht insinuieren, daß ich mit meinem Maschinenmeister –?“
„Ich habe nichts
gesagt“, stellte Kienast fest.
„Das müßte ich mir
auch energisch verbitten.“ Diederich blitzte. Auf Kienast schien es
keinen Eindruck zu machen, er behielt seine kalten Augen und das
abgefeimte Grinsen in seinem am Kinn auseinandergebürsteten Bart.
Wenn er sich rasiert und den Schnurrbart bis zu den Augenwinkeln
hinaufgebunden haben würde, er hätte Ähnlichkeit mit Diederich
bekommen! Er war eine Macht! Um so drohender trat Diederich auf.
„Mein Maschinenmeister ist Sozialdemokrat: daß er mir einen Gefallen
tun soll, ist lachhaft. Übrigens mache ich, als Reserveoffizier, Sie
auf die Folgen Ihrer Äußerung aufmerksam!“
Kienast trat in den
Hof hinaus. „Lassen Sie das nur, [205]Herr Doktor“, sagte er kühl.
„In Geschäften bin ich nüchtern, das hab’ ich Ihnen schon beim
Frühstück gesagt. Jetzt brauch’ ich Ihnen nur noch zu wiederholen,
daß wir den Holländer in tadellosem Zustand geliefert haben und an
Rücknahme nicht denken.“ – Das werde man sehen, erklärte Diederich.
Einen Prozeß hielten Büschli & Cie. wohl für besonders wirksam, zur
Einführung ihres neuen Artikels? „Ich werde Ihnen in den
Fachblättern noch eine besondere Empfehlung mitgeben!“ Darauf
Kienast: auf Erpressungsversuche gehe er nicht ein. Und Diederich:
einen satisfaktionsunfähigen Knoten werfe man einfach hinaus. – Da
erschien drüben im Haustor Magda.
Sie hatte ihr
Pelzjackett von Weihnacht an, und sie lächelte rosig. „Die Herren
sind noch immer nicht fertig?“ fragte sie schalkhaft. „Das Wetter
ist doch so schön, man muß ein bißchen hinaus vor dem Mittagessen. A
propos“, sagte sie geläufig. „Mama läßt fragen, ob Herr Kienast zum
Abendessen kommt.“ Da Kienast erklärte, er müsse leider danken,
lächelte sie dringlicher. „Und mir würden Sie es auch abschlagen?“
Kienast lachte bitter. „Ich würde nicht nein sagen, Fräulein. Aber
weiß ich denn, ob Ihr Herr Bruder –?“ Diederich schnaufte, Magda sah
ihn flehend an. „Herr Kienast“, brachte er hervor. „Es wird mich
freuen. Vielleicht, daß wir uns auch noch verständigen.“ Er hoffe
es, sagte Kienast, worauf er sich weltmännisch erbot, das Fräulein
ein Stück zu begleiten. „Wenn mein Bruder nichts dagegen hat“, sagte
sie züchtig und ironisch. Diederich erlaubte auch dies noch; – und
dann sah er ihr erstaunt nach, wie sie mit dem Prokuristen von
Büschli & Cie. abzog. Was die auf einmal alles konnte!
Wie er zum
Mittagessen kam, hörte er drinnen im Wohnzimmer die Schwestern mit
scharfen Stimmen sprechen. [206]Emmi warf Magda vor, sie benehme
sich schamlos. „So macht man es denn doch nicht.“ – „Nein!“ rief
Magda. „Ich werde dich um Erlaubnis bitten.“ – „Das würde gar nichts
schaden. Überhaupt bin ich an der Reihe!“ – „Hast du sonst noch
Sorgen?“ – Und Magda schlug ein Hohngelächter an. Da Diederich
eintrat, verstummte sie sofort. Diederich rollte unzufrieden die
Augen; aber Frau Heßling hätte nicht nötig gehabt, hinter ihren
Töchtern die Hände zu ringen: in den Weiberstreit einzugreifen, war
unter seiner Würde.
Beim Essen ward von
dem Gast gesprochen. Frau Heßling rühmte den soliden Eindruck, den
er mache. Emmi erklärte: wenn so ein Kommis nicht einmal solide sein
sollte. Mit einer Dame reden könne er überhaupt nicht. Magda
behauptete entrüstet das Gegenteil. Und da alle auf Diederichs
Entscheidung warteten, entschloß er sich. Komment scheine der Herr
freilich nicht viel zu haben. Akademische Bildung sei eben nicht zu
ersetzen. „Aber als tüchtigen Geschäftsmann hab’ ich ihn
kennengelernt.“ Emmi hielt sich nicht mehr.
„Wenn Magda den
Menschen heiraten will, ich erkläre, daß ich nicht mit euch
verkehre. Das Kompott hat er mit dem Messer gegessen!“
„Sie lügt!“ Magda
brach in Schluchzen aus. Diederich empfand Mitleid; er herrschte
Emmi an:
„Heirate du bitte
einen regierenden Herzog, und dann lass’ uns in Ruh’.“
Da legte Emmi Messer
und Gabel hin und ging hinaus. Am Abend vor Geschäftsschluß erschien
Herr Kienast im Bureau. Er trug einen Gehrock, und sein Wesen war
eher gesellschaftlich als geschäftlich. Beide hielten, in stillem
Einverständnis, das Gespräch hin, bis der alte Sötbier [207]seine
Sachen zusammenpackte. Als er sich, mit einem mißtrauischen Blick,
zurückgezogen hatte, sagte Diederich:
„Den Alten habe ich
auf den Aussterbeetat gesetzt. Die wichtigeren Sachen mache ich
allein.“
„Na, und haben Sie
sich die unsere überlegt?“ fragte Kienast.
„Und Sie?“ erwiderte
Diederich. Kienast zwinkerte vertraulich.
„Meine Vollmacht
reicht eigentlich nicht so weit, aber ich nehme es auf meine Kappe.
Geben Sie den Holländer in Gottes Namen zurück. Ein Defekt wird sich
doch wohl finden.“
Diederich begriff. Er
versprach: „Sie werden ihn finden.“ Kienast sagte sachlich:
„Für unser
Entgegenkommen verpflichten Sie sich, alle Ihre Maschinen
vorkommendenfalls nur bei uns zu bestellen. Einen Moment!“ bat er,
da Diederich auffuhr. „Und außerdem ersetzen Sie unsere Unkosten und
meine Reise mit fünfhundert Mark, die wir von Ihrer Anzahlung
abziehen.“
„Aber hören Sie mal,
das ist Wucher!“ Diederichs Gerechtigkeitssinn empörte sich laut.
Auch Kienast erhob schon wieder die Stimme. „Herr Doktor!...“
Diederich faßte sich gewaltsam, er legte dem Prokuristen die Hand
auf die Schulter. „Gehen wir jetzt nur hinauf, die Damen warten.“
„Wir hatten uns so weit ganz gut verstanden“, meinte Kienast
besänftigt. „Die kleine Differenz wird sich auch noch aufklären“,
verhieß Diederich.
Droben roch es
festlich. Frau Heßling glänzte mit ihrem schwarzen Atlaskleid. Durch
Magdas Spitzenbluse schimmerte mehr hindurch, als sie sonst im
Familienkreis zum besten gab. Nur Emmis Anzug und Miene waren grau
und alltäglich. Magda wies dem Gast seinen Platz an und [208]ließ
sich zu seiner Rechten nieder; und als man eben erst saß und sich
noch räusperte, sagte sie schon, mit fieberhaft belebten Augen:
„Jetzt sind die Herren aber mit den dummen Geschäften fertig.“
Diederich bestätigte, sie seien glänzend miteinander fertig
geworden. Büschli & Cie. seien kulante Leute.
„Bei unserem
Riesenbetrieb“, erklärte der Prokurist. „Zwölfhundert Arbeiter und
Beamte, eine ganze Stadt mit einem eigenen Hotel für die Kunden.“ Er
lud Diederich ein. „Kommen Sie nur, bei uns leben Sie vornehm und
umsonst.“ Und da Magda neben ihm an seinen Lippen hing, rühmte er
seine Stellung, seine Machtbefugnisse, die Villa, die er zur Hälfte
bewohnte. „Wenn ich mich verheirate, kriege ich auch die andere
Hälfte.“
Diederich lachte
dröhnend. „Dann wäre es wohl das einfachste, Sie heirateten. Na
prost!“
Magda schlug die
Augen nieder, und Herr Kienast ging zu etwas anderem über. Ob
Diederich auch wisse, warum er ihm so leicht entgegengekommen sei?
„Ihnen, Herr Doktor, hab’ ich nämlich gleich angesehen, daß mit
Ihnen später noch große Sachen zu machen sein werden, – wenn es hier
jetzt auch noch etwas kleine Verhältnisse sind“, setzte er
nachsichtig hinzu. Diederich wollte seine Großzügigkeit und die
Ausdehnungsfähigkeit seines Unternehmens beteuern, aber Kienast ließ
sich seinen Gedankengang nicht abschneiden. Menschenkenntnis sei
nämlich seine Spezialität. Einen Geschäftsfreund müsse man vor allem
auch in seinem Heim aufsuchen. „Wenn da alles so wohl bestellt ist
wie hier –“
Gerade ward die
duftende Gans aufgetragen, nach der Frau Heßling schon mehrmals
heimlich ausgeblickt hatte. Schnell gab sie sich eine Miene, als sei
die Gans eine höchst [209]gewöhnliche Erscheinung. Herr Kienast
machte trotzdem eine anerkennende Pause. Frau Heßling fragte sich,
ob sein Blick wirklich auf der Gans oder, hinter ihrem süßen Qualm,
auf Magdas durchbrochener Bluse ruhe. Jetzt riß er sich los und
ergriff sein Glas. „Und darum: auf die Familie Heßling, auf die
verehrte mütterliche Hausfrau und ihre blühenden Töchter!“ Magda
wölbte die Brust, um das Blühen anschaulicher zu machen, und um so
flacher sah Emmi aus. Auch stieß Herr Kienast zuerst mit Magda an.
Diederich erwiderte
seinen Toast. „Wir sind eine deutsche Familie. Wen wir in unser Haus
aufgenommen haben, den nehmen wir auch in unsere Herzen auf.“ Er
hatte Tränen in den Augen, indes Magda wieder einmal errötete. „Und
wenn es auch nur ein bescheidenes Haus ist, die Herzen sind treu.“
Er ließ den Gast hochleben, der seinerseits versicherte, er sei
immer für Bescheidenheit gewesen, „besonders in Familien, wo junge
Mädchen sind.“
Frau Heßling griff
ein. „Nicht wahr? Woher soll denn sonst ein junger Mann den Mut
nehmen –? Meine Töchter schneidern alles selbst.“ Dies war für Herrn
Kienast das Stichwort, sich über Magdas Bluse zu beugen behufs
eingehender Würdigung.
Zum Nachtisch schälte
sie ihm eine Apfelsine und nippte ihm zu Ehren vom Tokaier. Wie man
dann ins Wohnzimmer ging, blieb Diederich, die Arme um seine beiden
Schwestern geschlungen, in der Tür stehen. „Ja, ja, Herr Kienast“,
sagte er mit tiefer Stimme. „Das ist der Familienfriede, den sehen
Sie sich nur an, Herr Kienast!“ Magda schmiegte sich, ganz
Hingebung, an seine Schulter. Da Emmi von ihm fortstrebte, bekam sie
rückwärts einen Stoß. „So geht es immer bei uns zu“, fuhr Diederich
fort. „Ich arbeite den ganzen Tag für die Meinen, und der [210]Abend
vereint uns dann hier beim Lampenschimmer. Um die Leute da draußen
und den Klüngel unserer sogenannten Gesellschaft bekümmern wir uns
so wenig wie möglich, wir haben an uns selbst genug.“
Hier gelang es Emmi,
sich loszumachen; man hörte sie draußen eine Tür zuschlagen. Ein um
so zärtlicheres Bild boten Diederich und Magda, wie sie sich am mild
beglänzten Tisch niederließen. Herr Kienast sah nachdenklich den
Punsch kommen, den Frau Heßling in mächtiger Bowle still lächelnd
hereintrug. Indes Magda dem Gast das Glas füllte, setzte Diederich
auseinander, daß er dank dieser Beschränkung auf die stille
Häuslichkeit imstande sein werde, seine Schwestern einmal gut zu
verheiraten. „Denn der Aufschwung des Geschäftes kommt den Mädchen
zugut, die Fabrik gehört ihnen mit, ganz abgesehen von der baren
Mitgift; na, und wenn dann einer meiner künftigen Schwäger auch noch
sein Kapital in den Betrieb stecken will –“
Aber Magda, die Herrn
Kienasts Miene besorgt werden sah, lenkte ab. Sie fragte ihn nach
seiner eigenen Familie und ob er denn ganz allein sei. Da bekam er
gerührte Augen und rückte näher. Diederich saß dabei, trank und
drehte die Daumen. Mehrmals versuchte er noch teilzunehmen an dem
Gespräch der beiden, die sich ganz allein zu fühlen schienen. „Na,
dann haben Sie also glücklich Ihren Einjährigen gemacht“, sagte er
gönnerhaft und wunderte sich dabei über die Zeichen, die Frau
Heßling hinter dem Rücken der anderen ihm gab. Erst als sie sich aus
der Tür schlich, begriff er, nahm sein Punschglas und ging in das
dunkle Nebenzimmer zum Klavier. Er tastete ein wenig darauf umher,
geriet unversehens in die Burschenlieder und sang dröhnend mit: „Sie
wissen den Teufel, was Freiheit heißt.“ Als er fertig war, horchte
er [211]hinüber; es war drinnen aber so still, als sei man
eingeschlafen; und obwohl er sich gern wieder etwas aus der Bowle
geschöpft hätte, stimmte er doch aus Pflichtgefühl von neuem an: „Im
tiefen Keller sitz’ ich hier.“
Da, mitten im Vers,
fiel ein Stuhl um, und ein lauter Schall folgte, dessen Herkunft
nicht zu verkennen war. Mit einem Sprung war Diederich im
Wohnzimmer. „Nanu“, sagte er, kräftig und bieder, „Sie scheinen ja
ernste Absichten zu haben.“ Das Paar löste sich voneinander. „Ich
sage nicht nein“, erklärte Herr Kienast. Diederich war plötzlich
heftig bewegt. Aug’ in Auge schüttelte er Kienast die Hand, und mit
der anderen zog er Magda herbei. „Das ist aber eine Überraschung!
Herr Kienast, machen Sie mein Schwesterchen glücklich. An mir sollt
ihr allzeit einen guten Bruder haben, so wie ich es bisher gewesen
bin, das darf ich wohl sagen.“
Und die Augen
wischend, rief er hinaus: „Mutter! Es ist was passiert.“ Frau
Heßling stand gleich hinter der Tür, nur konnte sie, vor übergroßer
Bewegung, nicht sofort ihre Beine gebrauchen. Auf Diederich
gestützt, wankte sie herein, fiel Herrn Kienast um den Hals und
löste sich dort in Tränen auf. Diederich klopfte inzwischen an Emmis
Zimmer, das verschlossen war. „Emmi, komm heraus, es ist was los!“
Sie riß endlich die Tür auf, zornrot im Gesicht. „Wozu störst du
mich im Schlaf. Ich kann mir schon denken, was los ist. Macht eure
Unanständigkeiten allein!“ Und sie würde wieder zugeschlagen haben,
hätte nicht Diederich den Fuß in den Spalt gesetzt. Streng bedeutete
er ihr, für ihr gemütloses Verhalten verdiene sie, daß sie selbst
nie mehr einen Mann bekomme. Er erlaubte ihr nicht einmal, sich
anzuziehen, sondern zerrte sie mit, wie sie war, in ihrer Matinee,
mit aufgelösten Haaren. [212]Im Flur entwand sie sich ihm. „Du
machst uns lächerlich“, zischte sie, – und noch vor ihm erschien sie
bei den Verlobten, den Kopf sehr hoch, mit spöttisch musterndem
Blick. „Mußte das so spät in der Nacht sein?“ fragte sie. „Nun, dem
Glücklichen schlägt keine Stunde.“ Kienast sah sie an: sie war
größer als Magda, ihr Gesicht, das jetzt Farbe hatte, sah voller aus
in dem offenen Haar, das lang und stark war. Kienast behielt ihre
Hand länger als nötig; sie entzog sie ihm, da wandte er sich von ihr
zu Magda, mit sichtlichem Zweifel. Emmi ließ auf ihre Schwester ein
Lächeln des Triumphes fallen, machte kehrt und verschwand, hoch
aufgerichtet, – indes Magda angstvoll nach Kienasts Arm griff. Aber
Diederich kam, in der Hand ein gefülltes Punschglas, und verlangte
mit seinem neuen Schwager Bruderschaft zu trinken.
Am Morgen holte er
ihn aus dem Hotel zum Frühschoppen ab. „Bis Mittag bezähme
gefälligst deine Sehnsucht nach dem Weiblichen. Jetzt müssen wir mal
ein Wort unter Männern reden.“ In Klappsch’ Bierstube setzte er ihm
die Lage auseinander: Fünfundzwanzigtausend bar am Tage der Hochzeit
– die Belege waren jeden Augenblick zu sehen – und, gemeinsam mit
Emmi, ein Viertel der Fabrik. – „Also nur ein Achtel“, stellte
Kienast fest; worauf Diederich: „Soll ich mich vielleicht umsonst
für euch abrackern?“ Ein unzufriedenes Schweigen entstand.
Diederich stellte die
Stimmung wieder her. „Prost Friedrich!“ „Prost Diederich!“ sagte
Kienast. Dann schien Diederich etwas einzufallen. „Du hast es ja in
der Hand, deinen Anteil am Geschäft zu erhöhen, wenn du Geld
einlegst. Wie sieht es denn mit deinen Ersparnissen aus? Bei deinem
großartigen Gehalt!“ Kienast [213]erklärte, im Prinzip sage er nicht
nein. Aber noch laufe sein Vertrag mit Büschli & Cie. Auch habe er
in diesem Jahr eine beträchtliche Gehaltserhöhung zu erwarten, da
wäre es ein Verbrechen gegen sich selbst, jetzt zu kündigen. „Und
wenn ich euch mein Geld gebe, muß ich selbst ins Geschäft eintreten.
Bei allem Vertrauen, das ich dir entgegenbringe, lieber Diederich –“
Diederich sah es ein.
Kienast schlug seinerseits etwas vor. „Wenn du einfach die Mitgift
auf Fünfzigtausend festsetztest! Magda würde dann auf ihren Anteil
am Geschäft verzichten.“ Dies stieß wieder auf Diederichs
unbedingten Widerspruch. „Es wäre gegen den letzten Willen meines
seligen Vaters, der ist mir heilig. Und so großzügig, wie ich
arbeite, kann in einigen Jahren Magdas Anteil das Zehnfache betragen
von dem, was du jetzt verlangst. Nie werde ich mich dazu hergeben,
meine arme Schwester so zu schädigen.“ Hierauf feixte der Schwager
ein wenig. Diederichs Familiensinn ehre ihn, aber mit Großzügigkeit
allein sei es nicht getan. Und Diederich, merklich gereizt: er sei
gottlob für seine Geschäftsführung außer Gott nur sich selbst
verantwortlich. „Fünfundzwanzigtausend bar und ein Achtel des
Reingewinnes, mehr ist nicht zu holen.“ Kienast trommelte auf den
Tisch. „Ich weiß noch nicht, ob ich deine Schwester dafür übernehmen
kann“, erklärte er. „Mein letztes Wort behalte ich mir noch vor.“
Diederich zuckte die Achseln, und sie tranken ihr Bier aus. Kienast
kam mit zum Essen; Diederich hatte schon gefürchtet, er werde sich
drücken. Glücklicherweise war Magda noch verführerischer
hergerichtet als gestern, – „wie wenn sie gewußt hätte, es geht ums
Ganze“, dachte Diederich, der sie bewunderte. Bei der Mehlspeise
hatte sie Kienast wieder so sehr erwärmt, daß er die Hochzeit in
vier Wochen [214]wünschte. „Dein letztes Wort?“ fragte Diederich
neckisch. Als Antwort zog Kienast die Ringe aus der Tasche.
Nach Tisch ging Frau
Heßling auf den Fußspitzen aus dem Zimmer, wo die Verlobten saßen,
und auch Diederich wollte sich zurückziehen, aber sie holten ihn zum
Spazierengehen. „Wohin geht es denn, und wo sind Mutter und Emmi?“
Emmi hatte sich geweigert, mitzukommen, und darum blieb auch Frau
Heßling zu Hause. „Weil es sonst schlecht aussehen würde, weißt du“,
sagte Magda. Diederich stimmte ihrer Einsicht zu. Er wischte ihr
sogar den Staub fort, der beim Eintritt in die Fabrik an ihrem
Pelzjackett hängengeblieben war. Er behandelte Magda mit Achtung,
denn sie hatte Erfolg gehabt.
Man ging gegen das
Rathaus zu. Es schadete nichts, nicht wahr, wenn die Leute einen
sahen. Der erste freilich, dem man gleich in der Meisestraße
begegnete, war nur Napoleon Fischer. Er fletschte die Zähne vor dem
Brautpaar und nickte Diederich zu, mit einem Blick, der sagte, er
wisse Bescheid. Diederich war dunkelrot; er würde den Menschen
angehalten und ihm auf offener Straße einen Krach gemacht haben:
aber konnte er? „Es war ein schwerer Fehler, daß ich mich mit dem
hinterhältigen Proleten auf Vertraulichkeiten eingelassen habe! Es
wäre auch ohne ihn gegangen! Jetzt schleicht er um das Haus, damit
ich daran denke, daß er mich in der Hand hat. Ich werde noch
Erpressungen erleben.“ Aber zwischen ihm und dem Maschinenmeister
war gottlob alles unter vier Augen vor sich gegangen. Was Napoleon
Fischer über ihn behaupten konnte, war Verleumdung. Diederich ließ
ihn einfach einsperren. Dennoch haßte er ihn für seine
Mitwisserschaft, daß ihm bei zwanzig Grad Kälte heiß und feucht
ward. Er sah sich um. Fiel denn kein Ziegelstein auf Napoleon
Fischer?
[215] In der
Gerichtsstraße fand Magda, daß der Gang sich lohne, denn bei
Landgerichtsrat Harnisch standen hinter einer Scheibe Meta Harnisch
und Inge Tietz, und Magda wußte bestimmt, daß sie bei Kienasts
Anblick sehr beunruhigte Gesichter gemacht hatten. Auf der
Kaiser-Wilhelm-Straße war heute leider wenig los; höchstens daß
Major Kunze und Dr. Heuteufel, die in die „Harmonie“ gingen, von
ferne neugierige Gesichter machten. An der Ecke der
Schweinichenstraße aber trat etwas ein, was Diederich nicht
vorausgesehen hatte: gleich vor ihnen ging Frau Daimchen mit Guste.
Magda beschleunigte sofort den Schritt und plauderte lebhafter.
Richtig drehte Guste sich um, und Magda konnte sagen: „Frau
Oberinspektor, hier stelle ich Ihnen meinen Bräutigam Herrn Kienast
vor.“ Der Bräutigam ward gemustert und schien zu entsprechen, denn
Guste, mit der Diederich zwei Schritte zurückblieb, fragte nicht
ohne Achtung: „Wo haben Sie ihn denn hergenommen?“ Diederich
scherzte. „Ja, so nah wie Sie, findet nicht jede den ihren. Aber
dafür solider.“ – „Fangen Sie schon wieder an?“ rief Guste, aber
ohne Feindlichkeit. Sie streifte sogar Diederichs Blick und seufzte
dabei leicht. „Meiner ist ja immer Gott weiß wo. Man kommt sich vor
wir die reine Witwe.“ Gedankenvoll sah sie Magda nach, die an
Kienasts Arm hing. Diederich gab zu bedenken: „Wer tot ist, kann es
auch bleiben. Es gibt noch genug Lebendige.“ Dabei drängte er Guste
bis an die Häuserwand und sah ihr werbend ins Gesicht; und wirklich,
ihr liebes, dickes Gesicht ward einen Augenblick lang gewährend.
Leider war
Schweinichenstraße 77 schon erreicht, und man nahm Abschied. Da
hinter dem Sachsentor alles aus war, kehrten die Geschwister mit
Herrn Kienast wieder um. [216]Magda, die auf dem Arm ihres Verlobten
ruhte, sagte ermunternd zu Diederich: „Nun, was meinst du?“ – worauf
er rot ward und schnaufte. „Was ist da zu meinen“, brachte er
hervor, und Magda lachte.
In der leeren, stark
dämmernden Straße kam ihnen jemand entgegen. „Ist das nicht –?“
fragte Diederich, ohne Überzeugung. Aber die Figur näherte sich:
dick, offenbar noch jung, mit einem großen, weichen Hut, sonst
elegant, und die Füße setzte er einwärts. „Wahrhaftig, Wolfgang
Buck!“ Er dachte enttäuscht: „Und Guste stellt sich, als wäre er am
Ende der Welt. Das Lügen muß ich ihr austreiben!“
„Da sind Sie ja“ –
der junge Buck schüttelte Diederich die Hand. „Das freut mich.“ –
„Mich auch“, erwiderte Diederich, trotz der Enttäuschung mit Guste,
und er machte seinen Schwager mit seinem Schulfreund bekannt. Buck
stattete seine Glückwünsche ab, dann trat er mit Diederich hinter
die beiden anderen. „Sie wollten gewiß zu Ihrer Braut?“ bemerkte
Diederich. „Sie ist zu Hause, wir haben sie hinbegleitet.“ – „So?“
machte Buck und zuckte die Achseln. „Nun, ich finde sie immer noch“,
sagte er phlegmatisch. „Vorläufig bin ich froh, daß ich Ihnen mal
wieder begegnet bin. Unser Gespräch in Berlin, unser einziges, nicht
wahr – es war so anregend.“
Auch Diederich fand
dies jetzt – obwohl es ihn damals nur geärgert hatte. Er war ganz
belebt durch das Wiedersehen. „Ja, meinen Gegenbesuch bin ich Ihnen
schuldig geblieben. Sie wissen wohl, wieviel einem in Berlin immer
dazwischen kommt. Hier freilich hat man Zeit. Öde, wie? Zu denken,
daß man hier sein Leben verbringen soll“ – und Diederich zeigte die
kahle Häuserreihe hinauf. Wolfgang Buck schnupperte mit seiner weich
ge[217]bogenen Nase in die Luft, auf seinen fleischigen Lippen
schien er sie zu kosten, und er machte tiefsinnende Augen. „Ein
Leben in Netzig“, sagte er ganz langsam. „Nun ja, es kommt darauf
hinaus. Unsereiner ist nicht in der Lage, bloß für seine Sensationen
zu leben. Übrigens gibt es auch hier welche.“ Er lächelte
verdächtig. „Der Wachtposten hat bis sehr hoch hinauf Sensation
gemacht.“
„Ach so –“ Diederich
streckte den Bauch vor. „Sie wollen schon wieder nörgeln. Ich stelle
fest, daß ich in der Sache durchaus auf seiten Seiner Majestät
stehe.“
Buck winkte ab.
„Lassen Sie nur. Ich kenne ihn.“
„Ich noch besser“,
behauptete Diederich. „Wer ihm, wie ich, ganz allein und Aug’ in
Auge gegenüber gestanden hat, im Tiergarten vorigen Februar, nach
dem großen Krawall, und dies Auge blitzen gesehen hat, dies
Fritzenauge, sag’ ich Ihnen: der vertraut auf unsere Zukunft.“
„Auf unsere Zukunft –
weil ein Auge geblitzt hat.“ Bucks Mund und Wangen sanken schwer
melancholisch herab. Diederich stieß Luft durch die Nase. „Ich weiß
schon, Sie glauben in unserer Zeit an keine Persönlichkeit. Sonst
wären Sie ja Lassalle oder Bismarck geworden.“
„Schließlich könnte
ich es mir leisten. Gewiß. Geradeso gut wie er –. Wenn auch weniger
begünstigt von den äußeren Umständen.“
Sein Ton ward
lebhafter und überzeugter. „Worauf es für jeden persönlich ankommt,
ist nicht, daß wir in der Welt wirklich viel verändern, sondern daß
wir uns ein Lebensgefühl schaffen, als täten wir es. Dazu ist nur
Talent nötig, und das hat er.“
Diederich war
beunruhigt, er sah sich um. „Wir sind hier zwar unter uns, die
Herrschaften dort vor uns haben Wichtigeres zu besprechen, aber ich
weiß doch nicht –“
[218] „Daß Sie immer
glauben, ich habe was gegen ihn. Er ist mir wahrhaftig nicht
unsympathischer, als ich mir selbst bin. Ich hätte an seiner Stelle
den Gefreiten Lück und unseren Netziger Wachtposten genau so ernst
genommen. Wäre das noch eine Macht, die nicht bedroht wäre? Erst
wenn es einen Umsturz gibt, fühlt man sich. Was würde aus ihm, wenn
er sich sagen müßte, daß die Sozialdemokratie gar nicht ihn meint,
sondern höchstens eine etwas praktischere Verteilung dessen, was
verdient wird.“
„Oho!“ machte
Diederich.
„Nicht wahr? Das
würde Sie empören. Und ihn auch. Neben den Ereignissen hergehen, die
Entwicklung nicht beherrschen, sondern in ihr mit einbegriffen sein:
ist das zu ertragen?... Im Innern unbeschränkt! – und dabei
außerstande, auch nur Haß zu erregen anders als durch Worte und
Gesten. Denn woran halten sich die Nörgler? Was ist Ernstliches
geschehen? Auch der Fall Lück ist nur wieder eine Geste. Sinkt die
Hand, ist alles wie zuvor: aber Darsteller und Publikum haben eine
Sensation gehabt. Und nur darauf, mein lieber Heßling, kommt es uns
allen heute an. Er selbst, den wir meinen, wäre am erstauntesten,
glauben Sie es mir, wenn der Krieg, den er immerfort an die Wand
malt, oder die Revolution, die er sich hundertmal vorgespielt hat,
einmal wirklich ausbräche.“
„Darauf werden Sie
nicht lange zu warten brauchen!“ rief Diederich. „Und dann sollen
Sie sehen, daß alle national Gesinnten treu und fest zu ihrem Kaiser
stehen!“
„Gewiß.“ Buck zuckte
immer häufiger die Achseln. „Das ist die übliche Wendung, wie er
selbst sie vorgeschrieben hat. Worte laßt ihr euch von ihm
vorschreiben, und die Gesinnung war nie so gut geregelt, wie sie es
jetzt wird. Aber Taten? Unsere Zeit, bester Zeitgenosse, ist nicht
tat[219]bereit. Um seine Erlebnisfähigkeit zu üben, muß man vor
allem leben, und die Tat ist so lebensgefährlich.“
Diederich richtete
sich auf. „Wollen Sie den Vorwurf der Feigheit vielleicht in
Verbindung bringen mit –?“ „Ich habe kein moralisches Urteil
ausgesprochen. Ich habe eine Tatsache der inneren Zeitgeschichte
erwähnt, die uns alle angeht. Übrigens sind wir zu entschuldigen.
Für den auf der Bühne Agierenden ist alle Aktion erledigt, denn er
hat sie durchgeführt. Was will die Wirklichkeit noch von ihm? Sie
wissen wohl nicht, wen die Geschichte als den repräsentativen Typus
dieser Zeit nennen wird?“
„Den Kaiser!“ sagte
Diederich.
„Nein“, sagte Buck.
„Den Schauspieler.“
Da schlug Diederich
ein Gelächter an, daß dort vorn das Brautpaar auseinanderfuhr und
sich umwandte. Aber man war auf dem Theaterplatz, es wehte eisig
hinüber; sie gingen weiter.
„Na ja,“ brachte
Diederich hervor, „ich hätte mir gleich sagen können, wie Sie auf
das verrückte Zeug gekommen sind. Sie haben doch mit dem Theater zu
tun.“ Er klopfte Buck auf die Schulter. „Sind Sie am Ende schon
selbst dabei?“
Buck bekam unruhige
Augen; der Hand, die ihn klopfte, entzog er sich mit einer Wendung,
die Diederich unkameradschaftlich fand. „Ich? Ach nein“, sagte Buck;
und nachdem beide bis zur Gerichtsstraße unzufrieden geschwiegen
hatten: „Ach so. Sie wissen noch nicht, warum ich in Netzig bin.“
„Wahrscheinlich Ihrer
Braut wegen.“
„Das wohl auch. Vor
allem aber habe ich die Verteidigung meines Schwagers Lauer
übernommen.“
„Sie sind –? Im
Prozeß Lauer –?“ Es nahm Diederich den Atem, er blieb stehen.
[220] „Nun ja“, sagte
Buck und zuckte die Achseln. „Wundert Sie das? Seit kurzem bin ich
beim Landgericht Netzig als Rechtsanwalt zugelassen. Hat mein Vater
Ihnen nicht davon gesprochen?“
„Ich sehe Ihren Herrn
Vater selten ... Ich gehe nur wenig aus. Meine Berufspflichten ...
Diese Verlobung ...“ Diederich verlor sich in Gestammel. „Dann
müssen Sie ja schon oft –. Wohnen Sie vielleicht schon ganz hier?“
„Nur vorläufig –
glaube ich.“
Diederich raffte sich
zusammen. „Ich muß sagen: ich habe Sie schon öfter nicht ganz
verstanden – aber so wenig doch noch nie wie jetzt, wo Sie mit mir
durch halb Netzig gehen.“
Buck blinzelte ihn
an. „Obwohl ich in der Verhandlung morgen Verteidiger bin und Sie
der Hauptbelastungszeuge? Das ist doch nur Zufall. Die Rollen
könnten auch umgekehrt verteilt sein.“
„Bitte sehr!“
Diederich entrüstete sich. „Jeder steht auf seinem Platz. Wenn Sie
vor Ihrem Beruf keine Achtung haben –“
„Achtung? Was heißt
das? Ich freue mich auf die Verteidigung, das leugne ich nicht. Ich
werde loslegen, man soll etwas erleben. Ihnen, Herr Doktor, werde
ich unangenehme Dinge zu sagen haben; Sie werden mir hoffentlich
nichts übelnehmen, es gehört zu meiner Wirkung.“
Diederich bekam
Furcht. „Erlauben Sie, Herr Rechtsanwalt, kennen Sie denn meine
Aussage? Sie ist für Lauer durchaus nicht ungünstig.“
„Das lassen Sie meine
Sorge sein.“ Bucks Miene ward beängstigend ironisch.
Und damit war man in
der Meisestraße. „Der Prozeß!“ dachte Diederich schnaufend. In den
Aufregungen der letzten Tage hatte er ihn vergessen, jetzt war es,
als sollte [221]man sich von heute auf morgen beide Beine
abschneiden lassen. Guste, die falsche Kanaille, hatte ihm also
absichtlich nichts gesagt von ihrem Verlobten; im letzten Augenblick
sollte er den Schrecken bekommen!... Diederich verabschiedete sich
von Buck, bevor sie beim Haus waren. Daß nur Kienast nichts merkte!
Buck schlug vor, noch irgendwohin zu gehen. „Es zieht Sie wohl nicht
besonders zu Ihrer Braut?“ fragte Diederich. – „Augenblicklich hab’
ich mehr Lust auf einen Kognak.“ – Diederich lachte höhnisch.
„Darauf scheinen Sie immer Lust zu haben.“ Damit nur Kienast nichts
erfahre, kehrte er nochmals mit Buck um. „Sehen Sie,“ begann Buck
unvermutet, „meine Braut: die gehört auch zu meinen Fragen an das
Schicksal.“ Und da Diederich „wieso“ fragte: „Wenn ich nämlich
wirklich ein Netziger Rechtsanwalt bin, dann ist Guste Daimchen bei
mir vollkommen an ihrem Platz. Aber weiß ich das? Für – andere
Fälle, die in meiner Existenz eintreten könnten, habe ich nun drüben
in Berlin noch eine zweite Verbindung ...“
„Ich habe gehört:
eine Schauspielerin.“ Diederich errötete für Buck, der das so
zynisch eingestand. „Das heißt,“ stammelte er, „ich will nichts
gesagt haben.“
„Also, Sie wissen“,
schloß Buck. „Jetzt ist die Sache die, daß ich vorläufig dort hänge
und mich um Guste nicht so viel bekümmern kann, wie ich müßte.
Möchten Sie sich da nicht des guten Mädchens ein wenig annehmen?“
fragte er harmlos und gelassen.
„Ich soll –“
„Sozusagen den
Kochtopf hier und da ein bißchen umrühren, worin ich Wurst und Kohl
am Feuer zu stehen habe – indes ich selbst noch draußen beschäftigt
bin. Wir haben doch Sympathie füreinander.“
[222] „Danke“, sagte
Diederich kühl. „So weit reicht meine Sympathie allerdings nicht.
Beauftragen Sie sonst jemand. Ich denke denn doch etwas ernster über
das Leben.“ Und er ließ Buck stehen.
Außer der Unmoral des
Menschen empörte ihn seine würdelose Vertraulichkeit, nachdem sie
noch soeben in Anschauung und Praxis sich wieder einmal als Gegner
erwiesen hatten. Unleidlich, so einer, aus dem man nicht klug ward!
„Was hat er morgen gegen mich vor?“
Daheim machte er sich
Luft. „Ein Mensch wie eine Qualle! Und von einem geistigen Dünkel!
Gott behüte unser Haus vor solcher alles zerfressenden
Überzeugungslosigkeit; sie ist in einer Familie das sichere Zeichen
des Niedergangs!“ Er vergewisserte sich, daß Kienast wirklich noch
am Abend reisen mußte. „Etwas Aufregendes wird Magda dir nicht zu
schreiben haben“, sagte er unvermittelt und lachte. „Meinetwegen mag
in der Stadt Mord und Brand sein, ich bleibe in meinem Kontor und
bei meiner Familie.“
Kaum aber war Kienast
fort, stellte er sich vor Frau Heßling hin. „Nun? Wo ist die
Vorladung, die für mich gekommen ist auf morgen zu Gericht?“ Sie
mußte zugeben, daß sie den bedrohlichen Brief unterschlagen habe.
„Er sollte dir die Feststimmung nicht verderben, mein lieber Sohn.“
Aber Diederich ließ keine Beschönigung gelten. „Ach was: lieber
Sohn. Aus Liebe zu mir wird wohl das Essen immer schlechter, außer
wenn fremde Leute da sind; und das Haushaltungsgeld geht für euren
Firlefanz drauf. Meint ihr, ich fall’ euch auf den Schwindel ’rein,
daß Magda ihre Spitzenbluse selbst gemacht haben soll? Das könnt ihr
dem Esel erzählen!“ Magda erhob Einspruch gegen die Beleidigung
ihres Verlobten, aber es half ihr nicht. „Schweig lieber still! Dein
Pelzjackett ist auch [223]halb gestohlen. Ihr steckt mit dem
Dienstmädchen zusammen. Wenn ich sie nach Rotwein schicke, bringt
sie billigeren, und den Rest behaltet ihr ...“
Die drei Frauen
entsetzten sich, worauf Diederich noch lauter schrie. Emmi
behauptete, er sei bloß darum so wild, weil er sich morgen vor der
ganzen Stadt blamieren solle. Da konnte Diederich nur noch einen
Teller auf den Boden schleudern. Magda stand auf, ging zur Tür und
rief zurück: „Ich brauche dich gottlob nicht mehr!“ Sofort war
Diederich hinterdrein. „Gib bitte acht, was du redest! Wenn du
endlich einen Mann kriegst, verdankst du es allein mir und den
Opfern, die ich bringe. Dein Bräutigam hat um deine Mitgift
geschachert, daß es schon nicht mehr schön war. Du bist überhaupt
bloß Zugabe!“
Hier fühlte er eine
heftige Ohrfeige, und bevor er zu Atem kam, war Magda in ihrem
Zimmer und hatte abgesperrt. Diederich rieb sich, jäh verstummt, die
Wange. Dann entrüstete er sich wohl noch; aber eine Art von
Genugtuung überwog. Die Krisis war vorüber.
In der Nacht hatte er
sich fest vorgenommen, mit einiger Verspätung bei Gericht
einzutreffen und durch sein ganzes Auftreten zu zeigen, wie wenig
die Geschichte ihn angehe. Aber es hielt ihn nicht; als er das
Verhandlungszimmer, das ihm bezeichnet war, betrat, war man dort
noch bei einer ganz anderen Sache. Jadassohn, der in seiner
schwarzen Robe einen ungemein drohenden Anblick bot, war eben damit
beschäftigt, für einen kaum erwachsenen Menschen aus dem Volk zwei
Jahre Arbeitshaus zu verlangen. Das Gericht gewährte ihm freilich
nur eins, aber der jugendliche Verurteilte brach in ein solches
Geheul aus, daß es Diederich, angstvoll, wie er selbst gestimmt
[224]war, vor Mitleid übel ward. Er begab sich hinaus und betrat
eine Toilette, obwohl an der Tür stand: Nur für den Herrn
Vorsitzenden! Gleich nach ihm erschien auch Jadassohn. Wie er
Diederich sah, wollte er sich wieder zurückziehen, aber Diederich
fragte sofort, was das denn sei, ein Arbeitshaus, und was so ein
Zuhälter dort tue. Jadassohn erklärte: „Wenn wir uns darum auch noch
kümmern müßten!“ und war schon draußen. Diederichs Inneres zog sich
noch mehr zusammen unter dem Gefühl eines schaudererregenden
Abgrundes, wie er sich auftat zwischen Jadassohn, der hier die Macht
vertrat, und ihm selbst, der sich zu nahe ihrem Räderwerk gewagt
hatte. Es war aus frommer Absicht geschehen, in übergroßer Verehrung
der Macht: gleichviel, jetzt hieß es sich besonnen verhalten, damit
sie einen nicht ergriff und zermalmte; sich ducken und ganz klein
machen, bis man ihr vielleicht doch noch entrann. Wer erst wieder
dem Privatleben gehörte! Diederich versprach sich, fortan ganz
seinem geringen, aber wohlverstandenen Vorteil zu leben.
Draußen im Korridor
standen jetzt Leute: ein minder gutes Publikum und auch das beste.
Die fünf Töchter Buck, herausgeputzt, als sei der Prozeß ihres
Schwagers Lauer die größte Ehre für die Familie, schnatterten in
einer Gruppe mit Käthchen Zillich, ihrer Mutter und der Frau
Bürgermeister Scheffelweis. Die Schwiegermutter dagegen ließ den
Bürgermeister nicht los, und aus den Blicken, die sie nach dem
Bruder des Herrn Buck und seinen Freunden Cohn und Heuteufel
schleuderte, war zu ersehen, daß sie ihn gegen die Sache der Bucks
einnahm. Der Major Kunze, in Uniform, stand mit finsterer Miene
dabei und enthielt sich jeder Äußerung. Gerade erschien auch Pastor
Zillich mit Professor Kühnchen; aber beim [225]Anblick der
zahlreichen Gesellschaft blieben sie hinter einem Pfeiler. Der
Redakteur Nothgroschen seinerseits ging grau und unbeachtet von den
einen zu den anderen. Vergebens suchte Diederich jemand, an den er
sich hätte halten können. Jetzt bereute er, daß er es den Seinen
verboten hatte, herzukommen. Er blieb im Dunkeln, hinter der Biegung
des Korridors, und streckte nur vorsichtig den Kopf heraus.
Plötzlich zog er ihn zurück: Guste Daimchen mit ihrer Mutter! Sie
ward sofort von den Töchtern Buck umringt, als eine kostbare
Verstärkung ihrer Partei. Gleichzeitig ging dahinten eine Tür, und
Wolfgang Buck trat auf, in Barett und Robe, und darunter Lackschuhe,
die er sehr einwärts setzte. Er lächelte festlich, wie bei einem
Empfang, gab allen die Hand, und seiner Braut küßte er sie. Es werde
sehr schön werden, verhieß er; der Staatsanwalt sei gut disponiert,
er selbst auch. Dann begab er sich zu den von ihm geladenen Zeugen,
um mit ihnen zu flüstern. In diesem Augenblick verstummte man, denn
in der Mündung der Treppe erschien der Angeklagte Herr Lauer und
neben ihm seine Frau. Die Bürgermeisterin fiel ihr um den Hals: wie
sie tapfer sei! „Was ist dabei?“ erwiderte sie mit tiefer,
klangreicher Stimme. „Wir haben uns nichts vorzuwerfen, wie, Karl?“
Lauer sagte: „Gewiß nicht, Judith.“ Gerade jetzt aber ging der
Landgerichtsrat Fritzsche vorbei. Ein Schweigen entstand; wie er und
die Tochter des alten Buck sich begrüßten, blinzelte man einander
zu, und die Schwiegermutter des Bürgermeisters machte eine
Bemerkung, halblaut, aber sie war ihr von den Augen zu lesen.
Diederich auf seinem
schattigen Posten war von Wolfgang Buck entdeckt worden. Buck zog
ihn hervor und führte ihn zu seiner Schwester. „Liebe Judith, ich
weiß nicht, ob [226]du schon unseren werten Feind kennst, den Herrn
Doktor Heßling. Heute wird er uns vernichten.“ Aber Frau Lauer
lachte nicht, sie erwiderte auch Diederichs Gruß nicht, sie sah ihn
nur an mit rücksichtsloser Neugier. Es war schwer, diesen dunklen
Blick auszuhalten, und ward noch schwerer, weil sie so schön war.
Diederich fühlte, wie das Blut ihm ins Gesicht trat, seine Augen
irrten ab, er stammelte: „Der Herr Rechtsanwalt scherzt wohl. In der
Sache muß ein Irrtum vorliegen ...“ Da zogen in dem weißen Gesicht
die Brauen sich zusammen, die Mundwinkel sanken ausdrucksvoll herab,
und Judith Lauer wandte Diederich den Rücken.
Ein Gerichtsdiener
zeigte sich; Wolfgang Buck ging, seinen Schwager Lauer zur Seite, in
das Verhandlungszimmer; und da die Tür nicht eben freigebig geöffnet
ward, stießen alle einander in Hast hindurch, das minder gute
Publikum ward von dem besten überwältigt. Die Unterröcke der fünf
Schwestern Buck rauschten heftig bei dem Kampf. Diederich gelangte
als letzter hinein und mußte sich auf der Zeugenbank neben den Major
Kunze setzen, der sofort ein Stück wegrückte. Landgerichtsdirektor
Sprezius, anzusehen wie ein alter wurmiger Geier, erklärte von dort
oben die Sitzung für eröffnet und rief die Zeugen auf, um ihnen den
Ernst des Eides in Erinnerung zu bringen – wobei Diederich sofort
ein Gesicht bekam wie ehemals in der Religionsstunde.
Landgerichtsrat Harnisch ordnete Akten und sah sich im Publikum nach
seiner Tochter um. Mehr beachtet ward der alte Landgerichtsrat
Kühlemann, der das Krankenzimmer verlassen und seinen Platz zur
Linken des Vorsitzenden eingenommen hatte. Man fand ihn schlecht
aussehen, die Schwiegermutter des Bürgermeisters wollte wissen, er
werde [227]sein Reichstagsmandat niederlegen – und wohin ging das
viele Geld, wenn er starb? Bei den Zeugen drückte Pastor Zillich die
Hoffnung aus, der Alte werde seine Millionen für einen Kirchenbau
bestimmen; aber Professor Kühnchen bezweifelte es, mit
durchdringender Flüsterstimme. „Der gibt auch nach’m Tode nischt
her, der hat immer gedacht, man muß das Seine zusammennähm, und
womöglich den andern ihr’s auch ...“ Da entließ der Vorsitzende die
Zeugen aus dem Sitzungssaal.
Sie fanden sich, da
kein Zeugenzimmer vorhanden war, im Korridor wieder zusammen. Die
Herren Heuteufel, Cohn und Buck junior nahmen eine Fensternische
ein; Diederich, unter dem wütenden Blick des Majors, dachte
peinvoll: „Jetzt wird der Angeklagte vernommen. Wüßte ich, was er
sagt. Ich möchte ihn ebenso gern entlasten wie ihr!“ Vergebens
versuchte er gegenüber Pastor Zillich seine milde Gesinnung zu
beteuern: er habe immer gesagt, die Sache sei aufgebauscht worden.
Zillich wandte sich verlegen weg, und Kühnchen pfiff, davonlaufend,
durch die Zähne: „Na warte nur, mein Schibbchen, dir wer’n mer das
Handwerk legen.“ Stumm lastete die allgemeine Mißbilligung auf
Diederich. Endlich erschien der Gerichtsdiener. „Herr Doktor
Heßling!“
Diederich riß sich
zusammen, um nur in kommentmäßiger Haltung an den Zuschauern
vorbeizukommen. Er sah krampfhaft geradeaus; der Blick der Frau
Lauer lag jetzt auf ihm! Er schnaufte, und er schwankte ein wenig.
Links neben dem Beisitzer, der seine Nägel betrachtete, stand
drohend aufgerichtet Jadassohn. Das Licht des Fensters hinter ihm
schien durch seine abstehenden Ohren, die blutig leuchteten, und
seine Miene heischte von Diederichs eine so leichenhafte
Gefügigkeit, daß Diederichs Blick die Flucht [228]ergriff. Rechts,
vor dem Angeklagten und etwas tiefer, fand er Wolfgang Buck sitzen,
nachlässig, mit den Fäusten auf den fetten Schenkeln, von denen die
Robe zurückfiel, und so gescheit und aufmunternd anzusehen, als
vertrete er den Geist des Lichts. Landgerichtsdirektor Sprezius
sprach Diederich die Eidesformel vor, immer nur zwei Worte zur Zeit
und mit Herablassung. Diederich schwor folgsam; dann sollte er den
Hergang der Dinge an jenem Abend im Ratskeller berichten. Er begann.
„Wir waren eine
angeregte Gesellschaft, drüben am Tisch saßen auch Herren ...“
Da er schon
steckenblieb, ward im Publikum gelacht. Sprezius fuhr auf, er hackte
mit dem Geierschnabel zu und drohte, er werde den Saal räumen
lassen. „Sonst wissen Sie nichts?“ fragte er unwirsch. Diederich gab
zu bedenken, infolge geschäftlicher und anderer Aufregungen hätten
sich ihm die Vorgänge inzwischen etwas verwirrt. „Dann werde ich
Ihnen zur Auffrischung des Gedächtnisses Ihre Aussage vor dem
Untersuchungsrichter vorlesen“ – und der Vorsitzende ließ sich das
Protokoll reichen. Daraus erfuhr Diederich zu seiner peinlichen
Verwunderung, er habe vor dem Untersuchungsrichter Landgerichtsrat
Fritzsche die bestimmte Angabe gemacht, daß von seiten des
Angeklagten eine schwere Beleidigung Seiner Majestät des Kaisers
gefallen sei. Was er darüber zu äußern habe. „Es kann wohl sein,“
stammelte er; „aber es waren viele Herren da. Ob es nun gerade der
Angeklagte war, der das gesagt hat ...“ Sprezius beugte sich über
den Richtertisch. „Denken Sie nach, Sie stehen hier unter Ihrem Eid.
Andere Zeugen werden bekunden, daß Sie ganz allein auf den
Angeklagten zugetreten sind und das betreffende Gespräch mit ihm
geführt haben.“ –
[229] „War ich das?“
fragte Diederich, rot übergossen. Da lachte unaufhaltsam der ganze
Saal; Jadassohn sogar verzog das Gesicht zu einem verachtungsvollen
Feixen. Sprezius hatte schon den Mund geöffnet, um loszufahren: aber
Wolfgang Buck stand auf. Sein weiches Gesicht ward mit einem
sichtbaren Ruck energisch, und er fragte Diederich: „Sie waren an
dem Abend wohl stark angetrunken?“ Sofort fielen Staatsanwalt und
Vorsitzender über ihn her. „Ich beantrage, die Frage nicht
zuzulassen!“ rief Jadassohn schrill. „Herr Verteidiger,“ krächzte
Sprezius, „Sie haben nur mir die Frage vorzulegen; ob ich sie dann
an den Zeugen richte, ist meine Sache!“ Aber die beiden, Diederich
sah es staunend, hatten einen entschlossenen Gegner gefunden.
Wolfgang Buck stand da, mit klangvoller Rednerstimme beanstandete er
das Verhalten des Vorsitzenden, das die Rechte der Verteidigung
verletze, und beantragte Gerichtsbeschluß darüber, ob ihm gemäß der
Strafprozeßordnung das direkte Fragerecht an den Zeugen zustehe.
Sprezius hackte vergeblich zu, es blieb ihm nichts übrig, als mit
den vier Richtern rückwärts im Beratungszimmer zu verschwinden. Buck
sah sich triumphierend um; seine Cousinen bewegten die Hände wie zum
Applaus; aber auch sein Vater war inzwischen eingetreten, und man
sah, wie der alte Buck seinem Sohn ein Zeichen der Mißbilligung gab.
Der Angeklagte seinerseits, zornige Erregung im apoplektischen
Gesicht, schüttelte seinem Verteidiger die Hand. Diederich, der
allen Blicken ausgesetzt war, gab sich Haltung und hielt Umschau.
Aber ach, Guste Daimchen wich ihm aus! Nur der alte Buck winkte
wohlwollend: Diederichs Aussage hatte ihm gefallen. Er bemühte sich
sogar aus der engen Tribüne heraus, um Diederich seine weiche, weiße
Hand zu geben. [230]„Ich danke Ihnen, lieber Freund“, sagte er. „Sie
haben die Sache so behandelt, wie sie es verdient.“ Und Diederich in
seiner Verlassenheit bekam feuchte Augen angesichts der Güte des
großen Mannes. Erst nachdem Herr Buck sich wieder auf seinen Platz
begeben hatte, fiel es Diederich ein, daß er ihm hier ja die
Geschäfte besorgte! Und auch sein Sohn Wolfgang war durchaus nicht
so schlapp, wie Diederich gedacht hatte. Die politischen Gespräche
hatte er augenscheinlich nur geführt, um sie hier gegen ihn
auszunutzen. Treue, wahre deutsche Treue, die gab es in der Welt
nicht, auf niemand konnte man sich verlassen. „Soll ich mich hier
noch lange von allen Seiten anöden lassen?“
Zum Glück kehrte der
Gerichtshof zurück. Der alte Kühlemann wechselte mit dem alten Buck
einen bedauernden Blick, und Sprezius verlas, mit merklicher
Selbstbeherrschung, den Beschluß. Ob der Verteidiger das Recht der
direkten Fragestellung habe, blieb unentschieden, denn die Frage
selbst: War der Zeuge damals betrunken gewesen? ward als nicht zur
Sache gehörig abgelehnt. Darauf fragte der Vorsitzende, ob der Herr
Staatsanwalt noch eine Frage an den Zeugen zu richten habe.
„Vorläufig nicht,“ sagte Jadassohn mit Geringschätzung, „aber ich
beantrage, den Zeugen noch nicht zu entlassen.“ Und Diederich durfte
sich setzen. Jadassohn erhob die Stimme. „Außerdem beantrage ich die
sofortige Vorladung des Untersuchungsrichters Dr. Fritzsche, der
darüber aussagen soll, wie die Gesinnung des Zeugen Heßling gegen
den Angeklagten früher war.“ Diederich erschrak – im Zuschauerraum
aber wandte man sich nach Judith Lauer um: sogar die beiden
Assessoren am Richtertisch sahen hin ... Jadassohn bekam bewilligt,
was er wollte.
[231] Dann wurde
Pastor Zillich herbeigeholt, vereidigt und sollte seinerseits über
die kritische Nacht berichten. Er erklärte, die Eindrücke hätten
sich damals überstürzt und sein christliches Gewissen schwer
bedrängt, denn just an jenem Abend sei in den Straßen von Netzig
Blut geflossen, wenn auch zu einem patriotischen Zweck. „Das gehört
nicht hierher!“ entschied Sprezius – und eben jetzt betrat den Saal
der Regierungspräsident Herr von Wulckow, im Jagdanzug, mit großen,
kotigen Stiefeln. Alles sah sich um, der Vorsitzende machte auf
seinem Sitz eine Verbeugung, und Pastor Zillich zitterte.
Vorsitzender und Staatsanwalt drangen abwechselnd auf ihn ein,
Jadassohn sagte sogar mit einem Ausdruck von entsetzlicher
Hinterhältigkeit: „Herr Pastor, Sie als Geistlichen brauche ich auf
die Heiligkeit des Eides, den Sie geleistet haben, nicht besonders
aufmerksam zu machen.“ Da knickte Zillich ein und gab zu, daß er die
dem Angeklagten vorgeworfene Äußerung allerdings gehört habe. Der
Angeklagte sprang auf und schlug mit der Faust auf die Bank. „Ich
habe den Namen des Kaisers gar nicht genannt! Ich habe mich
gehütet!“ Sein Verteidiger beruhigte ihn mit einem Wink und sagte:
„Wir werden den Beweis erbringen, daß nur die provokatorische
Absicht des Zeugen Dr. Heßling den Angeklagten zu seinen, hier
falsch wiedergegebenen Äußerungen veranlaßt hat.“ Vorläufig bitte er
den Herrn Vorsitzenden, den Zeugen Zillich darüber zu befragen, ob
er nicht eine Predigt gehalten habe, die ausdrücklich gegen die
Hetzereien des Zeugen Heßling gerichtet gewesen sei. Pastor Zillich
stammelte, er habe nur im allgemeinen zum Frieden geraten und damit
seiner Pflicht als Vertreter der Religion genügt. Jetzt wollte Buck
etwas anderes wissen. „Hat nicht der Zeuge Zillich neuerdings
[232]ein Interesse daran, sich mit dem Hauptbelastungszeugen Doktor
Heßling gut zu stellen, weil nämlich seine Tochter –.“ Schon fuhr
Jadassohn dazwischen: er protestiere gegen die Stellung der Frage.
Sprezius rügte sie als unzulässig, und auf der Tribüne entstand ein
mißbilligendes Gemurmel weiblicher Stimmen. Der Regierungspräsident
beugte sich über die Bank zum alten Buck und sagte deutlich: „Ihr
Sohn macht ja nette Zicken!“
Inzwischen war der
Zeuge Kühnchen aufgerufen. Der kleine Greis stürmte in den Saal,
seine Brillen funkelten; schon von der Tür schrie er seine
Personalien herüber, und die Eidesformel sagte er geläufig her, ohne
sie sich vorsprechen zu lassen. Dann aber war er zu keiner anderen
Aussage zu bewegen, als daß an jenem Abend die Wogen der nationalen
Begeisterung hochgegangen seien. Zuerst die glorreiche Tat des
Postens! Dann der herrliche Brief Seiner Majestät mit dem Bekenntnis
zum positiven Christentum! „Wie der Krach war mit dem Angeklagten?
Ja, meine Herren Richter, davon weeß ’ch Sie nischt. Da hab’ ’ch
grade ä bißchen geschlummert.“ – „Aber nachher ist doch von der
Sache geredet worden!“ verlangte der Vorsitzende. „Ich nicht!“ rief
Kühnchen. „Ich hab’ eegal von unsern glorreichen Taten im Jahre
siebzig gered’t. Die Franktiröhrs! hab ’ch gesagt, das war Sie eene
Bande. Mein steifer Finger, da hat mich ä Franktiröhr draufgebissen,
bloß weil ich ihm mit mei’m Säbel ä kleenes bißchen die Kehle
abschneiden wollte! So eene Gemeinheit von dem Kerl!“ Und Kühnchen
wollte den Finger am Richtertisch umherzeigen. „Abtreten!“ krächzte
Sprezius; und er drohte wieder einmal mit der Räumung des Saals.
Major Kunze trat auf:
steif, wie auf Rädern, und den Eid leistete er in einem Ton, als
stieße er gegen Sprezius [233]schwere Beleidigungen aus. Darauf
erklärte er kurzweg, daß er mit dem ganzen Geseire nichts zu tun
habe; er sei erst später in den Ratskeller gekommen. „Ich kann nur
sagen, das Verhalten des Herrn Doktor Heßling riecht mir nach
Denunziantentum.“
Aber seit einer Weile
roch es im Saal nach etwas anderem. Niemand wußte, woher es kam, auf
der Tribüne mißtraute man einander und rückte, das Taschentuch am
Munde, diskret vom Nachbar ab. Der Vorsitzende schnupperte in die
Luft, und der alte Kühlemann, dessen Kinn schon längst auf seiner
Brust lag, rührte sich im Schlaf.
Wie Sprezius ihm
vorhielt, die Herren, die ihm damals die Vorgänge berichtet hätten,
seien doch nationale Männer gewesen, erwiderte der Major nur, das
sei ihm gleich, den Herrn Doktor Heßling habe er gar nicht gekannt.
Da aber trat Jadassohn vor; seine Ohren funkelten; mit einer Stimme
wie ein Messer sagte er: „Herr Zeuge, ich richte an Sie die Frage,
ob Sie den Angeklagten nicht vielleicht um so besser kennen. Wollen
Sie sich darüber äußern, ob er Ihnen nicht noch vor acht Tagen
hundert Mark geliehen hat.“ Vor Schrecken ward es ganz still im
Saal, und alles starrte auf den Major in Uniform, der dastand und an
seiner Antwort stammelte. Jadassohns Kühnheit machte Eindruck.
Unverweilt nutzte er seinen Erfolg aus und erreichte von Kunze, daß
er zugab, die Entrüstung der Nationalgesinnten über Lauers
Äußerungen sei echt gewesen, auch seine eigene. Zweifellos habe der
Angeklagte Seine Majestät gemeint. – Hier hielt Wolfgang Buck sich
nicht mehr. „Da der Herr Vorsitzende unnötig findet, es zu rügen,
wenn der Herr Staatsanwalt seine eigenen Zeugen beleidigt, kann es
auch uns gleich sein!“ Sofort hackte Sprezius nach ihm. „Herr
Verteidiger! Das [234]ist meine Sache, was ich rüge und was nicht!“
– „Eben das stelle ich fest“, fuhr Buck unbeirrt fort. „Zur Sache
selbst behaupten wir nach wie vor und werden durch Zeugen beweisen,
daß der Angeklagte den Kaiser gar nicht gemeint hat.“ „Ich habe mich
gehütet!“ rief der Angeklagte dazwischen. Buck fuhr fort: „Sollte
dies dennoch als wahr unterstellt werden, so beantrage ich, den
Herausgeber des Gothaischen Almanachs darüber als Sachverständigen
zu vernehmen, welche deutsche Fürsten jüdisches Blut haben.“ Damit
setzte er sich wieder, befriedigt von dem Rauschen der Sensation,
das durch den Saal ging. Ein dröhnender Baß sagte: „Unerhört!“
Sprezius wollte schon loshacken, sah aber noch rechtzeitig, wer es
gewesen war: Wulckow! Sogar Kühlemann war davon erwacht. Der
Gerichtshof steckte die Köpfe zusammen, dann verkündete der
Vorsitzende, der Antrag des Verteidigers werde abgelehnt, da ein
Wahrheitsbeweis nicht zulässig sei. Kundgebung der Mißachtung genüge
zum Tatbestande des Delikts. Buck war geschlagen; seine feisten
Wangen senkten sich in kindlicher Traurigkeit. Es ward gekichert,
die Schwiegermutter des Bürgermeisters lachte ungeniert. Diederich
auf seiner Zeugenbank war ihr dankbar. Er fühlte, angstvoll
lauschend, wie die öffentliche Meinung einlenkte und ganz leise
denen näher kam, die geschickter waren und die Macht hatten. Er
tauschte einen Blick mit Jadassohn.
Der Redakteur
Nothgroschen war dran. Grau und unauffällig war er plötzlich da und
funktionierte glatt, wie ein Aussagebeamter. Jeder, der ihn kannte,
wunderte sich: so sicher hatte er ihn nie gesehen. Er wußte alles,
belastete den Angeklagten auf das schwerste und redete fließend, als
sage er einen Leitartikel her; höchstens daß zwischen [235]den
Absätzen der Vorsitzende ihm das Stichwort gab, mit Anerkennung, wie
einem Musterschüler. Buck, der sich erholt hatte, hielt ihm die
Stellungnahme der „Netziger Zeitung“ für Lauer vor. Darauf erwiderte
der Redakteur: „Wir sind ein liberales, also unparteiisches Blatt.
Wir geben die Stimmung wieder. Da aber jetzt und hier die Stimmung
dem Angeklagten ungünstig ist –.“ Er mußte sich draußen im Korridor
darüber informiert haben! Buck nahm eine ironische Stimme an. „Ich
stelle fest, daß der Zeuge eine etwas sonderbare Auffassung seiner
Eidespflicht bekundet.“ Aber Nothgroschen war nicht einzuschüchtern.
„Ich bin Journalist,“ erklärte er, und er setzte hinzu: „Ich bitte
den Herrn Vorsitzenden, mich vor Beleidigungen des Verteidigers zu
schützen.“ Sprezius ließ sich nicht bitten; und er entließ den
Redakteur in Gnaden.
Es schlug zwölf;
Jadassohn machte den Vorsitzenden aufmerksam, daß der
Untersuchungsrichter Dr. Fritzsche sich zur Verfügung des Gerichts
halte. Er ward aufgerufen – und kaum, daß er sich in der Tür zeigte,
gingen alle Augen hin und her zwischen ihm und Judith Lauer. Sie war
noch bleicher geworden, der schwarze Blick, der ihn zum Richter
begleitete, vergrößerte sich noch, er bekam etwas stumm
Eindringliches; aber Fritzsche vermied ihn. Auch ihn fand man
schlecht aussehend, sein Schritt dagegen bekundete Entschlossenheit.
Diederich stellte fest, daß er von seinen zwei Gesichtern für diese
Gelegenheit das trockene gewählt hatte.
Welche Eindrücke er
während der Voruntersuchung von dem Zeugen Heßling gewonnen habe?
Der Zeuge hatte seine Aussage durchaus freiwillig und selbständig
gemacht, in Form einer durch das frische Erlebnis noch bewegten
Auseinandersetzung. Die Zuverlässigkeit des Zeugen, die Fritzsche an
der Hand seiner ferneren Ermittelungen hatte [236]nachprüfen können,
stand außer allem Zweifel. Daß der Zeuge heute kein deutliches
Erinnerungsbild mehr hatte, war nur durch die Erregung des
Augenblicks zu erklären ... Und der Angeklagte? – Hier hörte man den
Saal aufhorchen. Fritzsche schluckte hinunter. Auch der Angeklagte
hatte persönlich einen eher günstigen Eindruck auf ihn gemacht,
trotz der vielen belastenden Momente.
„Halten Sie, bei
widerstreitenden Zeugenaussagen, den Angeklagten des ihm zur Last
gelegten Delikts fähig?“ fragte Sprezius.
Fritzsche erwiderte:
„Der Angeklagte ist ein gebildeter Mann; ausdrücklich beleidigende
Worte zu gebrauchen, wird er sich gehütet haben.“
„Das sagt der
Angeklagte selbst“, bemerkte der Vorsitzende streng. Fritzsche
sprach schneller. Der Angeklagte war durch seine bürgerliche
Wirksamkeit gewöhnt, Autorität mit fortschrittlichen Neigungen zu
verbinden. Er hielt sich offenbar für einsichtsvoller und zur Kritik
berechtigter als die meisten anderen Menschen. Es war also denkbar,
daß er in gereiztem Zustand – und durch die Erschießung des
Arbeiters von seiten des Wachtpostens hatte er sich gereizt gefühlt
– seinen politischen Anschauungen einen Ausdruck gab, der, ob
äußerlich vielleicht auch einwandfrei, die beleidigende Absicht
hindurchschimmern ließ.
Hier sah man den
Vorsitzenden und den Staatsanwalt aufatmen. Die Landgerichtsräte
Harnisch und Kühlemann warfen Blicke auf das Publikum, durch das
eine lebhafte Bewegung ging. Der Assessor links besah auch jetzt
noch seine Nägel; der rechts aber, ein junger Mann mit
nachdenklichem Gesicht, beobachtete den Angeklagten, den er gleich
vor sich hatte. Die Hände des Angeklagten waren krampfig um die
Brüstung seiner Bank gespannt, und die [237]Augen, hervortretende
braune Augen, richtete er auf seine Frau. Sie aber sah unverwandt
auf Fritzsche, halbgeöffneten Mundes, wie abwesend, mit einem
Ausdruck von Leiden, Scham und Schwäche. Die Schwiegermutter des
Bürgermeisters äußerte deutlich: „Und zwei Kinder hat sie zu Hause.“
Plötzlich schien Lauer das Geflüster um ihn her zu bemerken, alle
diese Blicke, die wegsahen, wenn er sie streifte. Er sank zusammen,
sein stark gerötetes Gesicht entleerte sich so jäh vom Blut, daß der
junge Assessor erschreckt auf seinem Stuhl rückte.
Diederich, dem es
immer wohler ward, war wahrscheinlich der einzige, der dem Dialog
zwischen dem Vorsitzenden und dem Untersuchungsrichter noch folgte.
Dieser Fritzsche! Niemandem, auch Diederich selbst nicht, war die
Sache aus guten Gründen anfangs peinlicher gewesen. Hatte er nicht
auf Diederich als Zeugen eine nahezu pflichtwidrige Einwirkung
geübt? Und das protokollierte Ergebnis von Diederichs Aussage war
nun dennoch schwer belastend, und Fritzsches eigenes Zeugnis erst
recht. Er war nicht weniger rücksichtslos vorgegangen als Jadassohn.
Seine engen und besonderen Beziehungen zum Hause Lauer hatten
keineswegs vermocht, ihn der Aufgabe zu entfremden, die ihm oblag,
dem Schutze der Macht. Nichts Menschliches hielt stand vor der
Macht. Welche Lehre für Diederich ... Auch Wolfgang Buck empfing
sie, auf seine Art. Von unten betrachtete er Fritzsche, mit einer
Miene, als müßte er sich erbrechen.
Wie der
Untersuchungsrichter mit Drehungen des Körpers, die nicht unbefangen
wirkten, auf den Ausgang zusteuerte, ward lauter geflüstert. Die
Schwiegermutter des Bürgermeisters sagte, mit dem Lorgnon nach der
Frau des Angeklagten zielend: „Eine nette Gesellschaft!“ Man
widersprach [238]ihr nicht; man hatte angefangen, die Lauers ihrem
Schicksal zu überlassen. Guste Daimchen biß sich auf die Lippe,
Käthchen Zillich schickte einen raschen Senkblick zu Diederich. Dr.
Scheffelweis beugte sich hinüber zu dem Haupt der Familie Buck,
drückte ihm die Hand und sagte süß: „Ich hoffe, lieber Freund und
Gönner, alles wird noch gut.“
Der Vorsitzende
befahl dem Gerichtsdiener: „Lassen Sie mal den Zeugen Cohn ’rein!“
Die Reihe war an den Entlastungszeugen! Der Vorsitzende schnupperte
in die Luft. „Hier riecht es aber schlecht“, bemerkte er. „Krecke,
machen Sie hinten ein Fenster auf!“ Und er suchte mit den Augen
unter dem minder guten Publikum, das dort oben eng gedrängt saß.
Dagegen war auf den unteren Bänken freier Raum, und der freieste um
den Regierungspräsidenten von Wulckow in seiner verschwitzten
Jagdjoppe.... Das geöffnete Fenster, durch das es eisig hereinblies,
bewirkte Murren unter den auswärtigen Journalisten, die dort hinten
verstaut saßen. Aber Sprezius richtete nur den Schnabel gegen sie:
da duckten sie sich in ihre Rockkragen.
Jadassohn sah
siegesgewiß dem Zeugen entgegen. Sprezius ließ ihn eine Weile reden,
dann räusperte Jadassohn sich; er hielt einen Akt in der Hand.
„Zeuge Cohn,“ begann er, „Sie sind Inhaber des unter Ihrem Namen
bestehenden Warenhauses seit 1889?“ Und unvermittelt: „Geben Sie zu,
daß gleich damals einer Ihrer Lieferanten, ein gewisser Lehmann,
sich in Ihren Lokalitäten durch Erschießen das Leben genommen hat?“
Und mit dämonischer Befriedigung blickte er auf Cohn, denn die
Wirkung seiner Worte war außerordentlich. Cohn begann zu zappeln und
nach Luft zu schnappen. „Die alte Verleumdung!“ kreischte er. „Er
hat es doch gar nicht meinetwegen getan! Er war unglücklich
verheiratet! Mit [239]der Geschichte haben die Leute mich schon
einmal kaputt gemacht, und nun fängt der Mann wieder an!“ Auch der
Verteidiger protestierte. Sprezius hackte auf Cohn zu. Der Herr
Staatsanwalt sei kein Mann! Und wegen des Ausdrucks Verleumdung
nehme das Gericht den Zeugen in eine Ordnungsstrafe von fünfzig
Mark. Damit war Cohn erledigt. Der Bruder des Herrn Buck ward
vernommen. Ihn fragte Jadassohn geradeheraus: „Zeuge Buck, Sie haben
ein notorisch schlechtgehendes Geschäft, wovon leben Sie?“ Hier
entstand ein solches Gemurmel, daß Sprezius schnell eingriff: „Herr
Staatsanwalt, gehört das wirklich zur Sache?“ Aber Jadassohn war
allem gewachsen. „Herr Vorsitzender, die Anklagebehörde hat ein
Interesse, den Nachweis zu erbringen, daß der Zeuge sich in
wirtschaftlicher Abhängigkeit von seinen Verwandten, besonders aber
von seinem Schwager, dem Angeklagten, befindet. Die Glaubwürdigkeit
des Zeugen ist danach zu bemessen.“ Der lange, elegante Herr Buck
stand mit gesenktem Kopf da. „Das genügt“, erklärte Jadassohn; und
Sprezius entließ diesen Zeugen. Seine fünf Töchter rückten unter den
Blicken der Menge auf ihrer Bank zusammen wie eine Lämmerherde im
Unwetter. Das minder gute Publikum der oberen Reihen lachte
feindselig. Sprezius bat wohlwollend um Ruhe und ließ sich den
Zeugen Heuteufel kommen.
Wie nun Heuteufel die
Hand zum Schwur hob, schleuderte Jadassohn ihm die seine mit einem
dramatischen Wurf entgegen.
„Ich möchte zunächst
an den Zeugen die Frage richten, ob er zugibt, die das Delikt der
Majestätsbeleidigungen darstellenden Äußerungen durch seine
Zustimmung begünstigt und noch verschärft zu haben.“ Heuteufel
er[240]widerte: „Ich gebe gar nichts zu“, – worauf Jadassohn ihm
seine Aussage im Vorverhör entgegenhielt. Mit erhobener Stimme: „Ich
beantrage Gerichtsbeschluß darüber, daß die Beeidigung dieses Zeugen
unterbleiben soll, weil er der Teilnahme am Delikt verdächtig ist.“
Noch schneidender: „Die Gesinnung des Zeugen darf als
gerichtsnotorisch gelten. Der Zeuge gehört zu den von Seiner
Majestät dem Kaiser mit Recht so genannten vaterlandslosen Gesellen.
Überdies befleißigt er sich in regelmäßigen Versammlungen, die er
als Sonntagsfeiern für freie Menschen bezeichnet, der Verbreitung
des krassesten Atheismus, wodurch seine Tendenzen gegenüber einem
christlichen Monarchen ohne weiteres charakterisiert sind.“ Und
Jadassohns Ohren strahlten Feuer aus, wie ein ganzes
Glaubensbekenntnis. Wolfgang Buck stand auf, lächelte skeptisch und
meinte, die religiösen Überzeugungen des Herrn Staatsanwalts seien
offenbar von mönchischer Strenge, es könne ihm nicht zugemutet
werden, daß er einen Nichtchristen für glaubwürdig halte. Das
Gericht aber werde wohl anderer Meinung sein und den Antrag des
Staatsanwalts ablehnen. Da wuchs Jadassohn furchtbar empor. Wegen
der Verhöhnung seiner Person beantragte er gegen den Verteidiger
eine Ordnungsstrafe von hundert Mark! Der Gerichtshof zog sich zur
Beratung zurück. Sofort brach im Saal ein aufgeregtes Durcheinander
von Meinungen aus. Dr. Heuteufel schob die Hände in die Taschen und
maß mit langen Blicken Jadassohn, der, dem Schutze des Gerichts
entzogen, von Panik ergriffen ward und gegen die Wand wich.
Diederich war es, der ihm zu Hilfe kam, denn er hatte dem Herrn
Staatsanwalt leise eine wichtige Mitteilung zu machen ... Schon
kehrten die Richter zurück. Die Beeidigung des Zeugen [241]Heuteufel
ward vorerst ausgesetzt. Der Verteidiger war wegen Verhöhnung des
Herrn Staatsanwalts in eine Ordnungsstrafe von achtzig Mark
genommen.
In das weitere Verhör
Heuteufels griff der Verteidiger ein, der vom Zeugen wissen wollte,
wie er, als intimer Bekannter des Angeklagten, sein Familienleben
beurteile. Heuteufel machte eine Bewegung, durch den Saal rauschte
es: man hatte verstanden. Aber ob Sprezius die Frage zuließ? Er
hatte schon den Mund geöffnet, um sie abzulehnen, begriff aber noch
rechtzeitig, daß man einer Sensation nicht ausweichen dürfe – worauf
Heuteufel den mustergültigen Zuständen im Hause Lauer hohes Lob
spendete. Jadassohn trank die Worte des Zeugen, bebend vor Ungeduld.
Endlich konnte er, mit namenlosem Triumph in der Stimme, seine Frage
stellen. „Will der Zeuge sich auch darüber äußern, welcher Art die
Weiber sind, aus deren Bekanntschaft er persönlich die Kenntnis des
Familienlebens schöpft, und ob er nicht in einem gewissen Hause
verkehrt, das im Volksmund Klein-Berlin heißt?“ Und noch im Sprechen
vergewisserte er sich, daß die Damen im Publikum, und gleich ihnen
die Richter, tief verletzte Gesichter bekamen. Der
Hauptentlastungszeuge war vernichtet! Heuteufel versuchte noch zu
antworten: „Der Herr Staatsanwalt wird es wissen. Wir sind uns dort
wohl begegnet.“ Aber das diente nur dazu, daß Sprezius ihm eine
Ordnungsstrafe von fünfzig Mark auferlegen konnte. „Der Zeuge hat im
Saal zu bleiben“, entschied der Vorsitzende schließlich. „Das
Gericht braucht ihn noch zur weiteren Aufklärung des Tatbestandes.“
Heuteufel äußerte: „Ich meinerseits bin aufgeklärt über den Betrieb
hier und würde es vorziehen, das Lokal zu verlassen.“ Sofort wurden
aus den fünfzig Mark hundert.
[242] Wolfgang Buck
sah sich unruhig um. Seine Lippen schienen die Stimmung im Saal zu
schmecken, sie verzogen sich, als äußerte sich die Stimmung in
diesem merkwürdigen Geruch, der seit das Fenster geschlossen war,
sich wieder gelagert hatte. Buck sah die Sympathien, die ihn
hereinbegleitet hatten, zersprengt und abgestumpft, seine
Kampfmittel unnütz verbraucht; und das Gähnen der vom Hunger in die
Länge gezogenen Gesichter, die Ungeduld der Richter, die nach der
Uhr schielten, verhieß ihm nichts Gutes. Er sprang auf; retten, was
zu retten war! Und er machte seine Stimme energisch, um die
Vorladung weiterer Zeugen für die Nachmittagssitzung zu beantragen.
„Da der Herr Staatsanwalt es zum System erhebt, die Glaubwürdigkeit
unserer Zeugen zu bezweifeln, sind wir bereit, den guten Leumund des
Angeklagten zu beweisen durch die Aussagen der ersten Männer von
Netzig. Kein Geringerer als Herr Bürgermeister Dr. Scheffelweis wird
dem Gericht die bürgerlichen Verdienste des Angeklagten bezeugen.
Der Herr Regierungspräsident von Wulckow wird nicht umhin können,
ihm seine staatsfreundliche und kaisertreue Gesinnung zu
bestätigen.“
„Nanu“, sagte
dahinten aus dem freien Raum der dröhnende Baß. Buck strengte seine
Stimme an.
„Für die sozialen
Tugenden des Angeklagten aber werden seine sämtlichen Arbeiter
eintreten.“
Und Buck setzte sich,
hörbar keuchend. Jadassohn bemerkte kalt: „Der Herr Verteidiger
beantragt eine Volksabstimmung.“ Die Richter berieten flüsternd; und
Sprezius verkündete: das Gericht gebe nur dem Antrage des
Verteidigers statt, der sich auf die Vernehmung des Bürgermeisters
Dr. Scheffelweis beziehe. Da der Bürgermeister im Saal war, wurde er
sogleich aufgerufen.
[243] Er arbeitete
sich aus seiner Bank heraus. Frau und Schwiegermutter hielten ihn
von beiden Seiten fest und gaben ihm hastig Forderungen mit, die
einander widersprechen mußten, denn der Bürgermeister langte
sichtlich verstört am Richtertisch an. Welche Gesinnung der
Angeklagte in der bürgerlichen Öffentlichkeit betätigte? Dr.
Scheffelweis wußte Gutes darüber zu bekunden. So hatte der
Angeklagte sich in den städtischen Kollegien eingesetzt für die
Wiederherstellung des altberühmten Pfaffenhauses, wo die Haare
aufbewahrt wurden, die bekanntlich Dr. Martin Luther dem Teufel aus
dem Schwanz gerissen hatte. Freilich, auch den Saalbau der „Freien
Gemeinde“ hatte er unterstützt und dadurch unleugbar viel Anstoß
erregt. Im Geschäftsleben sodann genoß der Angeklagte die allgemeine
Achtung; die sozialen Reformen, die er in seiner Fabrik eingeführt
hatte, wurden vielfach bewundert, – wenn freilich auch dagegen
eingewendet ward, daß sie die Ansprüche der Arbeiter ins ungemessene
steigerten und so den Umsturz vielleicht doch zu befördern geeignet
waren. „Würde der Herr Zeuge“, fragte der Verteidiger, „den
Angeklagten des ihm zur Last gelegten Delikts für fähig halten?“ –
„Einerseits“, erwiderte Scheffelweis, „gewiß nicht.“ – „Aber
andererseits?“ fragte der Staatsanwalt. Der Zeuge erwiderte:
„Andererseits gewiß.“
Nach dieser Antwort
durfte der Bürgermeister sich zurückziehen; seine zwei Damen
empfingen ihn, eine so unzufrieden wie die andere; und der
Vorsitzende schickte sich an, die Sitzung aufzuheben, da räusperte
Jadassohn sich. Er beantragte, nochmals den Zeugen Doktor Heßling zu
vernehmen, der seine Aussage zu ergänzen wünsche. Sprezius klappte
mißgelaunt mit den Lidern, das Publikum, [244]das soeben aus den
Bänken herausrutschte, murrte laut; – aber Diederich war schon
vorgetreten, festen Schrittes, und hatte schon mit klarer Stimme zu
sprechen begonnen. Nach reiflicher Überlegung sei er zu der Einsicht
gelangt, daß er seine im Vorverhör gemachte Aussage vollinhaltlich
aufrechterhalten könne; und er wiederholte sie, aber verschärft und
erweitert. Er fing mit der Erschießung des Arbeiters an und gab die
kritischen Bemerkungen der Herren Lauer und Heuteufel wieder. Die
Zuhörer, die das Fortgehen vergessen hatten, verfolgten die Schlacht
der Gesinnungen über die blutbetropfte Kaiser-Wilhelm-Straße bis in
den Ratskeller, sahen die feindlichen Reihen sich bis zum
Entscheidungskampf ordnen, Diederich wie mit geschwungenem Degen
unter den gotischen Kronleuchter vorrücken und den Angeklagten
herausfordern auf Leben und Tod.
„Denn, meine Herren
Richter, ich leugne es nicht länger, ich habe ihn herausgefordert!
Wird er das Wort sprechen, an dem ich ihn packen kann? Er sprach es
und, meine Herren Richter, ich habe ihn gepackt und habe damit nur
meine Pflicht erfüllt und würde sie auch heute wieder erfüllen,
mögen mir daraus in gesellschaftlicher und geschäftlicher Beziehung
selbst noch mehr Nachteile erwachsen, als ich in der letzten Zeit zu
ertragen gehabt habe! Der uneigennützige Idealismus, meine Herren
Richter, ist ein Vorrecht des Deutschen, er wird ihn unentwegt
betätigen, mag ihm angesichts der Menge der Feinde gelegentlich auch
der Mut sinken. Als ich vorhin mit meiner Aussage noch zögerte, war
es nicht nur, wie der Untersuchungsrichter mir gütigst zubilligte,
eine Verwirrung des Gedächtnisses: es war, ich gestehe es, ein
vielleicht begreifliches Zurückweichen vor der Schwere des Kampfes,
den ich auf mich nehmen sollte. Aber ich nehme ihn auf mich,
[245]denn kein Geringerer als Seine Majestät unser erhabener Kaiser
verlangt es von mir ...“ Diederich sprach fließend weiter, mit einem
Schwung in den Sätzen, der einem den Atem nahm. Jadassohn fand, daß
der Zeuge anfange, die Wirkungen seines Plaidoyers vorwegzunehmen,
und blickte unruhig auf den Vorsitzenden. Sprezius aber dachte
offenbar nicht daran, Diederich zu unterbrechen. Mit unbewegtem
Geierschnabel und ohne die Lider zu klappen, sah er auf Diederichs
eiserne Miene, worin es drohend blitzte. Der alte Kühlemann sogar
ließ die Lippe hängen und hörte zu. Wolfgang Buck aber: vorgebeugt
auf seinem Stuhl, spähte er zu Diederich hinauf, gespannt,
sachkundig und die Augen voll eines feindlichen Entzückens. Das war
eine Volksrede! Ein Auftritt von bombensicherer Wirkung! Ein
Schlager! „Mögen unsere Bürger“, rief Diederich, „endlich aus dem
Schlummer erwachen, in dem sie sich so lange gewiegt haben, und
nicht bloß dem Staat und seinen Organen die Bekämpfung der
umwälzenden Elemente überlassen, sondern selbst mit Hand anlegen!
Das ist Befehl Seiner Majestät und, meine Herren Richter, da sollte
ich zögern? Der Umsturz erhebt das Haupt, eine Rotte von Menschen,
nicht wert den Namen Deutsche zu tragen, wagt es, die geheiligte
Person des Monarchen in den Staub zu ziehen ...“
Im minder guten
Publikum lachte jemand. Sprezius hackte zu und drohte den Lacher in
Strafe zu nehmen. Jadassohn seufzte. Jetzt war es Sprezius freilich
nicht mehr möglich, den Zeugen zu unterbrechen.
In Netzig hatte der
kaiserliche Kampfruf bisher leider nur zu wenig Widerhall gefunden!
Hier verschloß man Augen und Ohren vor der Gefahr, man verharrte in
den veralteten Anschauungen einer spießbürgerlichen Demo[246]kratie
und Humanität, die den vaterlandslosen Feinden der göttlichen
Weltordnung den Weg ebneten. Eine forsche nationale Gesinnung, einen
großzügigen Imperialismus begriff man hier noch nicht. „Die Aufgabe
der modern gesinnten Männer ist es, auch Netzig dem neuen Geist zu
erobern, im Sinne unseres herrlichen jungen Kaisers, der jeden
Treugesinnten, er sei edel oder unfrei, zum Handlanger seines
erhabenen Wollens bestellt hat!“ Und Diederich schloß: „Daher, meine
Herren Richter, war ich berechtigt, dem Angeklagten, als er nörgeln
wollte, mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten. Ich habe ohne
persönlichen Groll gehandelt, um der Sache willen. Sachlich sein
heißt deutsch sein! Und ich meinerseits“ – er blitzte zu Lauer
hinüber – „bekenne mich zu meinen Handlungen, denn sie sind der
Ausfluß eines tadellosen Lebenswandels, der auch im eigenen Hause
auf Ehre hält und weder Lüge noch Sittenlosigkeit kennt!“
Große Bewegung im
Saal. Diederich, hingerissen von der edlen Gesinnung, die er
ausdrückte, berauscht durch seine Wirkung, fuhr fort, den
Angeklagten anzublitzen. Da aber wich er zurück: der Angeklagte,
zitternd und wankend, stemmte sich am Geländer seiner Bank empor; er
hatte rollende, blutunterlaufene Augen, und sein Kiefer bewegte
sich, als habe ihn der Schlag gerührt. „Oh!“ machten weibliche
Stimmen, voll erwartungsvollen Schauderns. Aber der Angeklagte hatte
nur Zeit, einige rauhe Laute gegen Diederich auszustoßen: sein
Verteidiger hatte ihn am Arm erfaßt und redete auf ihn ein.
Inzwischen verkündete der Vorsitzende, daß der Herr Staatsanwalt
sein Plaidoyer um vier Uhr beginnen werde, und verschwand samt den
Beisitzern. Diederich, halb betäubt, sah sich auf einmal bestürmt
von Kühnchen, Zillich, Nothgroschen, die ihn [247]beglückwünschten.
Fremde Leute schüttelten ihm die Hand: die Verurteilung sei
todsicher, der Lauer dürfe einpacken. Der Major Kunze erinnerte den
erfolgreichen Diederich daran, daß zwischen ihnen niemals eine
Meinungsverschiedenheit entstanden sei. Auf dem Korridor kam ganz
nahe an Diederich, den gerade eine Menge Damen umgaben, der alte
Buck vorüber. Er zog seine schwarzen Handschuhe an und sah dabei dem
jungen Mann ins Gesicht: ohne die Verbeugung zu erwidern, die
Diederich wider Willen machte, ihm immer ins Gesicht, mit einem
Blick, prüfend und traurig, so traurig, daß auch Diederich, mitten
aus seinem Triumph heraus, ihm traurig nachsah.
Plötzlich merkte er,
daß die fünf Töchter Buck sich nicht entblödeten, ihm Komplimente zu
machen. Sie flatterten, rauschten und fragten, warum er denn zu der
spannenden Verhandlung nicht auch seine Schwestern mitgebracht habe.
Da maß er diese fünf herausgeputzten Gänse, eine nach der anderen,
von oben bis unten und erklärte ihnen, streng und abweisend, es gäbe
Dinge, die denn doch ernster seien als eine Theatervorstellung.
Erstaunt ließen sie ihn stehen. Der Korridor leerte sich; zuletzt
erschien noch Guste Daimchen. Sie machte eine Bewegung auf Diederich
zu. Aber Wolfgang Buck holte sie ein, lächelnd, als sei nichts
geschehen; und mit ihm waren der Angeklagte und seine Frau. Schnell
sandte Guste zu Diederich einen Blick hin, der sein Zartgefühl
anrief. Er drückte sich hinter einen Pfeiler und ließ, indes ihm das
Herz klopfte, die Geschlagenen vorüber.
Wie er gehen wollte,
trat aus dem Amtszimmer der Regierungspräsident, Herr von Wulckow.
Diederich stellte sich, den Hut in der Hand, am Wege auf, schlug im
rich[248]tigen Augenblick die Hacken zusammen, und wirklich, Wulckow
blieb stehen. „Na also!“ sagte er aus der Tiefe seines Bartes und
klopfte Diederich auf die Schulter. „Sie haben das Rennen gemacht.
Sehr brauchbare Gesinnung. Wir sprechen uns noch.“ Und er ging
weiter auf seinen kotigen Stiefeln, schwenkte den Bauch in der
verschwitzten Jagdhose und hinterließ, durchdringend wie je, diesen
Geruch gewalttätiger Männlichkeit, der bei allem, was geschah, im
Gerichtssaal gelagert hatte.
Beim Ausgang drunten
hielt sich noch immer der Bürgermeister auf, mit Frau und
Schwiegermutter, die von beiden Seiten auf ihn eindrangen, und deren
Forderungen er, bleich und hoffnungslos, in Einklang zu bringen
suchte.
Zu Hause wußten sie
schon alles. Sie hatten, alle drei, im Vestibül auf das Ende der
Verhandlung gewartet und sich von Meta Harnisch erzählen lassen, was
vorging. Frau Heßling umarmte ihren Sohn unter stummen Tränen. Die
Schwestern standen etwas betreten dabei, denn noch gestern hatten
sie nur Geringschätzung gehabt für Diederichs Rolle im Prozeß, die
sich nun als so glänzend erwies. Aber Diederich, in der schönen
Vergeßlichkeit des Sieges, ließ Wein zum Essen auftragen, und er
erklärte ihnen, der heutige Tag sichere für alle Zeit ihre
gesellschaftliche Stellung in Netzig. „Die fünf Damen Buck werden
sich hüten, auf der Straße wegzusehen. Sie können froh sein, wenn
ihr sie zurückgrüßt!“ Die Verurteilung des Lauer war, so versicherte
Diederich, nur mehr eine Formalität. Sie war entschieden, und mit
ihr auch Diederichs unaufhaltsamer Aufstieg! „Freilich –“ und er
nickte in sein Glas – „trotz voller Pflichterfüllung hätte es schief
gehen können, und dann, meine Lieben, das [249]wollen wir uns nur
gestehen, dann wäre ich wahrscheinlich aufgeflogen und Magdas Heirat
mit!“ Da Magda erbleichte, klopfte er ihr den Arm. „Jetzt sind wir
fein heraus.“ Und das Glas erhoben, mit männlicher Festigkeit:
„Welch eine Wendung durch Gottes Fügung!“ Er ordnete an, daß beide
sich schön machten und mitkämen. Frau Heßling bat um Nachsicht, sie
fürchtete zu sehr die Aufregung. Diesmal konnte Diederich warten,
die Schwestern durften sich anziehen, so lange sie mochten. Als sie
eintrafen, waren schon alle im Saal, aber es waren nicht dieselben.
Sämtliche Bucks fehlten, und mit ihnen Guste Daimchen, Heuteufel,
Cohn, die ganze Loge, der freisinnige Wahlverein. Sie gaben sich
besiegt! Die Stadt wußte es, man drängte sich herbei, ihre
Niederlage zu erleben; das minder gute Publikum war vorgerückt bis
in die vorderen Bänke. Wer von dem einstigen Klüngel sich noch hier
fand, Kühnchen und Kunze trugen Sorge, daß jeder auf ihren
Gesichtern die gute Gesinnung lese. Auch einige verdächtige
Gestalten freilich saßen dazwischen: junge Leute mit müden, aber
ausdrucksvollen Mienen, samt mehreren auffallenden Mädchen, die
unheimlich schöne Farben im Gesicht hatten; und alle tauschten Grüße
mit Wolfgang Buck. Das Stadttheater! Buck hatte sich nicht
entblödet, sie zu seinem Plaidoyer einzuladen!
Der Angeklagte wandte
hastig den Kopf, sooft jemand eintrat. Er wartete auf seine Frau!
„Wenn er meint, daß sie noch kommt!“ dachte Diederich. Aber da kam
sie: noch bleicher als heute früh, begrüßte ihren Gatten mit einem
Blick, der flehend war; setzte sich still an das Ende einer Bank und
richtete die Augen geradeaus nach dem Richtertisch, stumm und stolz,
wie ins Schicksal ... Der Gerichtshof hatte den Saal betreten. Der
Vorsitzende [250]eröffnete die Sitzung und erteilte das Wort dem
Herrn Staatsanwalt.
Jadassohn begann
sofort mit äußerster Heftigkeit; nach einigen Sätzen fand er schon
keine Steigerung mehr und wirkte matt; die Mitglieder des
Stadttheaters lächelten einander geringschätzig zu. Jadassohn
bemerkte es, er fing an, die Arme zu schwenken, dass die Robe flog;
seine Stimme überschlug sich, und die Ohren loderten. Die
geschminkten Mädchen fielen auf die Brüstung ihrer Bank, so
ausgelassen kicherten sie. „Merkt denn Sprezius nichts?“ fragte die
Schwiegermutter des Bürgermeisters. Aber das Gericht schlief.
Diederich in seinem Herzen frohlockte; er hatte seine Rache an
Jadassohn! Jadassohn konnte nichts vorbringen, als womit er selbst
schon das Rennen gemacht hatte! Es war gemacht, das wußte Wulckow,
und auch Sprezius wußte es, darum schlief er, mit offenen Augen.
Jadassohn selbst fühlte es am besten; er nahm sich immer unsicherer
aus, je geräuschvoller er ward. Als er schließlich zwei Jahre
Gefängnis beantragte, gaben alle, die er gelangweilt hatte, ihm
unrecht: wie es schien, auch die Richter. Der alte Kühlemann schrak
auf, mit einem Schnarcher. Sprezius klappte mehrmals die Lider, um
sich zu ermuntern, und dann sagte er: „Der Herr Verteidiger hat das
Wort.“
Wolfgang Buck erhob
sich langsam. Seine sonderbaren Freunde auf der Tribüne murmelten
beifällig, was Buck trotz Sprezius’ geschärftem Schnabel in Ruhe
abwartete. Dann erklärte er leichthin, als werde er mit allem in
zwei Minuten fertig werden, daß die Beweisaufnahme ein dem
Angeklagten durchaus günstiges Bild ergeben habe. Der Herr
Staatsanwalt vertrete mit Unrecht die Anschauung, daß die Aussage
von Zeugen, die erst infolge [251]drohender Eingriffe in ihre eigene
Existenz schlecht ausgesagt hätten, irgendeinen Wert habe. Vielmehr
sie habe den Wert, daß sie auf geradezu glänzende Weise die Unschuld
des Angeklagten belege, da so viele als wahrheitsliebend bekannte
Männer nur durch eine Erpressung –. Weiter kam er natürlich nicht.
Als der Vorsitzende sich beruhigt hatte, fuhr Buck gelassen fort.
Wolle man aber als erwiesen annehmen, daß der Angeklagte die ihm zur
Last gelegte Äußerung wirklich getan habe, so entfalle hier doch der
Begriff der Strafbarkeit; denn der Zeuge Doktor Heßling habe offen
eingestanden, daß er den Angeklagten mit Absicht und Vorbedacht
provoziert habe. Es frage sich vielmehr, ob nicht eben der Zeuge
Heßling, durch seine provokatorische Absicht, der eigentliche
geistige Urheber einer strafbaren Handlung sei, die er mit der
unwillkürlichen Hilfe eines anderen und unter bewußter Ausnutzung
seiner Erregung vollführt habe. Der Verteidiger empfahl dem Herrn
Staatsanwalt die nähere Beschäftigung mit dem Zeugen Heßling. Hier
wandten viele sich nach Diederich um, und ihm ward schwül. Aber die
wegwerfende Miene des Vorsitzenden ermutigte ihn wieder.
Buck machte sein
Organ milde und warm. Nein, er wolle nicht das Unglück des Zeugen
Heßling, den er als das Opfer eines weit Höheren betrachte. „Warum
häufen sich in diesen Zeiten die Anklagen wegen
Majestätsbeleidigung? Man wird sagen: infolge solcher Vorgänge wie
die Erschießung des Arbeiters. Ich erwidere: nein; sondern dank den
Reden, die diese Vorgänge begleiten.“ Sprezius rückte den Kopf,
wetzte schon den Schnabel, zog sich aber noch zurück. Buck ließ sich
nicht stören; er machte sein Organ männlich und stark.
„Drohungen und
überspannte Ansprüche auf der einen [252]Seite zeitigen
Zurückweisungen auf der anderen. Der Grundsatz: wer nicht für mich
ist, ist wider mich, zieht eine grelle Grenze zwischen Byzantinern
und Majestätsbeleidigern.“
Da hackte Sprezius
zu. „Herr Verteidiger, ich kann nicht dulden, daß Sie an Worten des
Kaisers hier Kritik üben. Wenn Sie damit fortfahren, wird das
Gericht Sie in Ordnungsstrafe nehmen.“
„Ich füge mich der
Anordnung des Herrn Vorsitzenden“, sagte Buck, und die Worte wurden
in seinem Munde immer runder und gewichtiger. „Ich werde also nicht
vom Fürsten sprechen, sondern vom Untertan, den er sich formt; nicht
von Wilhelm dem Zweiten, sondern vom Zeugen Heßling. Sie haben ihn
gesehen! Ein Durchschnittsmensch mit gewöhnlichem Verstand, abhängig
von Umgebung und Gelegenheit, mutlos, solange hier die Dinge
schlecht für ihn standen, und von großem Selbstbewußtsein, sobald
sie sich gewendet hatten.“
Diederich auf seinem
Platz schnaufte. Warum schützte Sprezius ihn nicht? Es wäre seine
Pflicht gewesen! Einen nationalgesinnten Mann ließ er in
öffentlicher Sitzung verächtlich machen – von wem? Vom Verteidiger,
dem berufsmäßigen Vertreter der subversiven Tendenzen! Da war etwas
faul im Staat!... Es begann in ihm zu kochen, wenn er Buck ansah.
Das war der Feind, der Antipode; da gab es nur eins: zerschmettern!
Diese beleidigende Menschlichkeit in Bucks dickem Profil! Man fühlte
seine herablassende Liebe zu den Worten, die er bildete, um
Diederich zu kennzeichnen!
„Wie er“, sagte Buck,
„waren zu jeder Zeit viele Tausende, die ihr Geschäft versahen und
eine politische Meinung hatten. Was hinzukommt und ihn zu einem
neuen [253]Typus macht, ist einzig die Geste: das Prahlerische des
Auftretens, die Kampfstimmung einer vorgeblichen Persönlichkeit, das
Wirkenwollen um jeden Preis, wäre er auch von anderen zu bezahlen.
Die Andersdenkenden sollen Feinde der Nation heißen, und wären sie
zwei Drittel der Nation. Klasseninteressen, mag sein, aber umgelogen
durch Romantik. Eine romantische Prostration vor einem Herrn, der
seinem Untertan von seiner Macht das Nötige leihen soll, um die noch
kleineren niederzuhalten. Und da es in Wirklichkeit und im Gesetz
weder den Herrn noch den Untertan gibt, erhält das öffentliche Leben
einen Anstrich schlechten Komödiantentums. Die Gesinnung trägt
Kostüm, Reden fallen, wie von Kreuzrittern, indes man Blech erzeugt
oder Papier; und das Pappschwert wird gezogen für einen Begriff wie
den der Majestät, den doch kein Mensch mehr, außer in
Märchenbüchern, ernsthaft erlebt. Majestät ...“ wiederholte Buck,
das Wort durchschmeckend, und einige Hörer schmeckten es mit. Die
Leute vom Theater, denen es offenbar mehr auf die Worte als auf den
Sinn ankam, legten die Hand an die Ohren und murmelten beifällig.
Den anderen sprach Buck zu gewählt, und daß er an keinen Dialekt
anklang, befremdete. Aber Sprezius war im Sessel emporgestiegen, er
kreischte beutegierig: „Herr Verteidiger, zum letzten Male fordere
ich Sie auf, die Person des Monarchen nicht in die Debatte zu
ziehen.“ Durch das Publikum lief eine Bewegung. Wie Buck den Mund
wieder öffnete, versuchte jemand zu klatschen, Sprezius hackte noch
rechtzeitig zu. Es war eins der auffallenden Mädchen gewesen.
„Erst der Herr
Vorsitzende“, sagte Buck, „hat die Person des Monarchen genannt.
Aber, da sie nun genannt [254]ist, darf ich, ohne Verlegenheit für
das Gericht, feststellen, daß diese Person durch die
Vollständigkeit, mit der sie im heute gegebenen Moment die Tendenzen
des Landes ausdrückt und darstellt, etwas fast Verehrungswürdiges
bekommt. Ich will den Kaiser – und der Herr Vorsitzende wird es
nicht auf sich nehmen, mich zu unterbrechen – einen großen Künstler
nennen. Kann ich mehr tun? Wir alle kennen nichts Höheres ...
Ebendarum sollte es nicht erlaubt sein, daß jeder mittelmäßige
Zeitgenosse ihm nachäfft. Im Glanz des Thrones mag einer seine
zweifellos einzige Persönlichkeit spielen lassen, mag reden, ohne
daß wir mehr von ihm erwarten als Reden, mag blitzen, blenden, den
Haß imaginärer Rebellen herausfordern und den Beifall eines
Parterres, das seine bürgerliche Wirklichkeit darüber nicht vergißt
...“
Diederich erbebte;
und alle hatten die Münder offen und gespannte Augen, als bewegte
Buck sich auf einem Seil zwischen zwei Türmen. Ob er stürzte?
Sprezius hielt den Schnabel gezückt. Aber kein Zug von Ironie
zeichnete die Miene des Verteidigers: es schwang sich etwas darin
auf wie eine erbitterte Begeisterung. Plötzlich ließ er die
Mundwinkel fallen, grau schien es um ihn her zu werden.
„Aber ein Netziger
Papierfabrikant?“ fragte er. Er war nicht gestürzt, er hatte wieder
Boden unter den Füßen! Nun sah alles sich nach Diederich um, und man
lächelte sogar. Auch Emmi und Magda lächelten. Buck hatte seine
Wirkung, und Diederich mußte sich leider sagen, daß ihr gestriges
Gespräch auf der Straße hierfür die Generalprobe gewesen sei. Er
duckte sich unter dem offenen Hohn des Redners.
„Die
Papierfabrikanten neigen heute dazu, sich eine Rolle anzumaßen, für
die sie nicht fabriziert sind. Zischen [255]wir sie aus! Sie haben
kein Talent! Das ästhetische Niveau unseres öffentlichen Lebens, das
vom Auftreten Wilhelms des Zweiten eine so ruhmreiche Erhöhung
erfahren hat, kann durch Kräfte wie den Zeugen Heßling nur verlieren
... Und mit dem Ästhetischen, meine Herren Richter, sinkt oder
steigt das Moralische. Erlogene Ideale ziehen unlautere Sitten nach
sich, dem politischen Schwindel folgt der bürgerliche.“
Buck hatte sein Organ
streng gemacht. Zum ersten Male erhob er es nun bis zum Pathos.
„Denn, meine Herren
Richter, ich beschränke mich nicht auf die mechanistische Doktrin,
die der Partei des sogenannten Umsturzes so teuer ist. Mehr
Veränderung als alle Wirtschaftsgesetze erzeugt in der Welt das
Beispiel eines großen Mannes. Und wehe, wenn es ein falsch
verstandenes Beispiel war! Dann kann es geschehen, daß über das Land
sich ein neuer Typus verbreitet, der in Härte und Unterdrückung
nicht den traurigen Durchgang zu menschlicheren Zuständen sieht,
sondern den Sinn des Lebens selbst. Schwach und friedfertig von
Natur, übt er sich, eisern zu scheinen, weil in seiner Vorstellung
Bismarck es war. Und mit unberechtigter Berufung auf einen noch
Höheren wird er lärmend und unsolide. Kein Zweifel: die Siege seiner
Eitelkeit werden geschäftlichen Zwecken dienen. Zuerst bringt die
Komödie seiner Gesinnung einen Majestätsbeleidiger ins Gefängnis.
Später findet sich, was daran zu verdienen ist. Meine Herren
Richter!“
Buck breitete die
Arme aus, als solle seine Toga die Welt umfassen, er trug die
gesammelte Miene eines Führers. Und er legte los, mit allem, was er
hatte.
„Sie sind souverän;
und Ihre Souveränität ist die erste und stärkste. In Ihrer Hand ist
das Schicksal des einzel[256]nen. Sie können ihn in das Leben
schicken oder ihn sittlich töten – was kein Fürst kann. Die Norm
aber der Individuen, die Sie gutheißen oder verwerfen, bildet ein
Geschlecht. Und so haben Sie Macht über unsere Zukunft. Bei Ihnen
liegt die unermeßliche Verantwortung, ob künftig Männer wie der
Angeklagte die Gefängnisse füllen und Wesen wie der Zeuge Heßling
der herrschende Teil der Nation sein sollen. Entscheiden Sie sich
zwischen den beiden! Entscheiden Sie sich zwischen Streberei und
mutiger Arbeit, zwischen Komödie und Wahrheit! Zwischen einem, der,
um selbst emporzukommen, Opfer verlangt, und dem anderen, der Opfer
darbringt, damit Menschen es besser haben! Der Angeklagte hat getan,
was erst wenige vermochten: er hat sich seines Herrentums begeben,
hat denen, die unter ihm standen, gleiches Recht zugebilligt,
Behagen und Hoffnungsfreude. Und jemand, der in seinem Nächsten so
sehr sich selbst achtet, sollte fähig sein, von der Person des
Kaisers mit Nichtachtung zu sprechen?“
Die Hörer atmeten.
Mit neuen Gefühlen blickte man auf den Angeklagten, der die Stirn in
die Hand stützte, auf seine Frau, die starr vor sich hinsah. Mehrere
schluchzten. Der Vorsitzende sogar hatte eine betretene Miene. Seine
Lider klappten nicht mehr; mit runden Augen saß er da, als hätte
Buck ihn eingefangen. Der alte Kühlemann nickte achtungsvoll, und an
Jadassohn zeigten sich unwillkürliche Zuckungen.
Aber Buck mißbrauchte
seinen Erfolg, er ließ sich berauschen. „Das Erwachen des Bürgers!“
rief er aus. „Die wahrhaft nationale Gesinnung! Die stille Tat eines
Lauer tut mehr dafür als hundert hallende Monologe selbst eines
gekrönten Künstlers!“
[257] Sofort klappte
Sprezius wieder; und man sah ihm an, er hatte sich besonnen, wie die
Dinge eigentlich lagen, und versprach sich, nicht zum zweiten Male
auf den Leim zu gehen. Jadassohn feixte; und im Saal fühlten die
meisten, der Verteidiger habe verspielt. Unter allgemeiner Unruhe
ließ der Vorsitzende ihn das Lob des Angeklagten beenden.
Als Buck sich dann
setzte, wollten die Schauspieler klatschen; aber Sprezius hackte
nicht einmal mehr zu, er warf nur einen gelangweilten Blick hin und
fragte, ob der Herr Staatsanwalt zu replizieren wünsche. Jadassohn
verneinte geringschätzig, und der Gerichtshof zog sich rasch zurück.
„Das Urteil wird bald gefunden sein“, sagte Diederich mit
Achselzucken – obwohl ihm von Bucks Rede noch arg beklommen war.
„Gott sei Dank!“ sagte die Schwiegermutter des Bürgermeisters. „Man
sollte nicht glauben, daß vor fünf Minuten die Leute noch obenauf
waren.“ Sie wies auf Lauer, der sich das Gesicht trocknete, und auf
Buck, den wahrhaftig die Schauspieler beglückwünschten.
Schon kehrten die
Richter zurück, und Sprezius verkündete das Urteil: sechs Monate
Gefängnis – was allen die natürlichste Lösung schien. Dazu war noch
auf Verlust der vom Angeklagten bekleideten öffentlichen Ämter
erkannt worden.
Der Vorsitzende
begründete das Urteil damit, daß eine beleidigende Absicht zum
Tatbestande des Delikts nicht erforderlich sei. Daher tue auch die
Frage, ob eine Provokation stattgefunden habe, nichts zur Sache. Im
Gegenteil: daß der Angeklagte es gewagt habe, vor national gesinnten
Zeugen so zu sprechen, falle erschwerend ins Gewicht. Die Behauptung
des Angeklagten, daß er nicht den Kaiser gemeint habe, sei vom
Gericht für hinfällig befunden. „Den Hörern der Rede mußte sich –
nament[258]lich bei ihrer Parteistellung und der ihnen bekannten
antimonarchischen Richtung des Angeklagten – die Ansicht aufdrängen,
daß seine Äußerung sich gegen den Kaiser richte. Wenn der Angeklagte
vorgibt, daß er sich wohl gehütet habe, eine Majestätsbeleidigung zu
begehen, so hat er eben nicht die Beleidigung selbst, sondern nur
ihre strafrechtlichen Folgen vermeiden wollen.“
Dies leuchtete allen
ein, man fand es von Lauer begreiflich, aber hinterlistig. Der
Verurteilte ward sofort verhaftet; als man auch dies noch miterlebt
hatte zerstreute man sich, unter Bemerkungen, die ihm nicht günstig
waren. Nun war es wohl aus mit Lauer, denn was sollte in dem halben
Jahr, das er absitzen mußte, aus seinem Geschäft werden! Infolge des
Urteils war er auch nicht mehr Stadtverordneter. Er konnte künftig
weder nützen noch schaden! Dem Buckschen Klüngel, der so dick tat,
war der Denkzettel zu gönnen. Man sah sich nach der Frau des
Sträflings um; aber sie war verschwunden. „Nicht einmal die Hand hat
sie ihm gegeben! Nette Verhältnisse!“
Aber in den Tagen,
die folgten, geschahen Dinge, die zu noch herberen Urteilen
nötigten. Judith Lauer hatte sofort ihre Koffer gepackt und war nach
dem Süden gereist. Nach dem Süden! – indes ihr leiblicher Mann dort
oben in der Vogtei saß, mit einer Wache unter seinem Gitterfenster.
Und – ein auffallendes Zusammentreffen!
Landgerichtsrat
Fritzsche nahm plötzlich Urlaub. Eine Karte von ihm aus Genua
gelangte an Doktor Heuteufel, der sie umherzeigte: wahrscheinlich,
um sein eigenes Benehmen in Vergessenheit zu bringen. Es wäre kaum
[259]noch nötig gewesen, die Lauerschen Dienstboten und die armen
verlassenen Kinder auszuforschen: man wußte Bescheid! Der Skandal
war so groß, daß die „Netziger Zeitung“ eingriff, mit einer an die
oberen Zehntausend gerichteten Warnung, nicht den umstürzlerischen
Tendenzen durch Zügellosigkeit entgegenzukommen. In einem zweiten
Artikel legte Nothgroschen dar, daß man unrecht tue, Reformen, wie
die in Lauers Betrieb eingeführten, besonders zu rühmen. Denn was
hatten die Arbeiter von der Beteiligung? Im Durchschnitt, nach
Lauers eigenen Aufstellungen, noch nicht achtzig Mark im Jahr. Das
konnte man ihnen auch in Form eines Weihnachtsgeschenkes zuwenden!
Aber freilich, dann war es keine Demonstration mehr gegen die
bestehende Gesellschaftsordnung! Dann hatte auch die vom Gericht
festgestellte antimonarchische Gesinnung des Fabrikherrn nichts
dabei zu gewinnen! Und wenn Herr Lauer auf den Dank der Arbeiter
gezählt hatte, konnte er sich jetzt eines Besseren belehren:
vorausgesetzt, so fügte Nothgroschen hinzu, daß er im Gefängnis das
sozialdemokratische Blatt zu lesen bekam. Denn das warf ihm vor, daß
er durch seine leichtsinnige Majestätsbeleidigung mehrere hundert
Arbeiterfamilien in ihrer Existenz gefährdet habe.
Die „Netziger
Zeitung“ trug der veränderten Lage noch in anderer, sehr
bezeichnender Weise Rechnung. Ihr Direktor Tietz wandte sich an das
Heßlingsche Werk wegen eines Teils der Papierlieferung. Die Auflage
sei gestiegen und Gausenfeld zur Zeit überlastet. Diederich sagte
sich sofort, daß dahinter der alte Klüsing selbst stecke. Er war
beteiligt an der Zeitung, ohne ihn geschah dort nichts. Wenn der
etwas aus der Hand ließ, fürchtete er offenbar, sonst noch mehr zu
verlieren. Die Kreisblätter! Die [260]Lieferungen für die Regierung!
Angst vor Wulckow, das war es. Daß Diederich durch seine
Zeugenaussage den Präsidenten auf sich aufmerksam gemacht hatte,
mußte der Alte wohl erfahren haben – obwohl er kaum mehr in die
Stadt kam. Die alte Papierspinne dort hinten in ihrem Netz, das über
die Provinz und noch weiter gespannt war, witterte Gefahr und ward
unruhig. „Er möchte mich abspeisen mit der ‚Netziger Zeitung‘! Aber
so billig tun wir’s nicht. In dieser harten Zeit! Hat er ’ne Ahnung
von meiner Großzügigkeit. Wenn ich erst Wulckow hinter mir habe: –
ich beerbe ihn einfach!“ sagte Diederich laut, mit einem Schlag auf
das Schreibpult, so daß Sötbier emporschrak. „Hüten Sie sich vor
Aufregungen!“ höhnte Diederich. „In Ihren Jahren, Sötbier! Ich gebe
zu, früher haben Sie manches geleistet für die Firma. Aber die
Geschichte mit dem Holländer war schlimm; da haben Sie mich
entmutigt, und jetzt hätte ich ihn nötig für die ‚Netziger Zeitung‘.
Sie sollten sich ausruhen, es gelingt nichts mehr.“
Zu den Folgen, die
der Prozeß für Diederich hatte, gehörte auch ein Brief des Majors
Kunze. Dieser wünschte ein bedauerliches Mißverständnis aufzuklären
und teilte mit, daß der Aufnahme des hochverdienten Herrn Doktors in
den Kriegerverein nichts mehr im Wege stehe. Diederich, gerührt
durch seinen Triumph, hätte am liebsten gleich die beiden Hände des
alten Soldaten ergriffen. Glücklicherweise erkundigte er sich und
erfuhr, daß der Brief auf Herrn von Wulckow selbst zurückzuführen
war! Der Regierungspräsident hatte den Kriegerverein mit seinem
Besuch beehrt und sich gewundert, den Doktor Heßling nicht dort zu
finden. Da ward Diederich es inne, was für eine Macht er war. Er
handelte demgemäß. Er [261]antwortete auf die private Eröffnung des
Majors durch ein offizielles Schreiben an den Verein und forderte
den persönlichen Besuch von zwei Mitgliedern des Vorstandes, der
Herren Major Kunze und Professor Kühnchen. Sie kamen auch; Diederich
empfing sie, zwischen Geschäftsbesuchen, die er absichtlich auf
diese Stunde gelegt hatte, in seinem Bureau und diktierte ihnen die
Adresse, von deren Überreichung er die Annahme ihres ehrenvollen
Antrags abhängig machte. Darin ließ er sich bestätigen, daß er, mit
glänzender Unerschrockenheit allen Verleumdungen trotzend, seine
treudeutsche und kaisertreue Gesinnung bewährt habe. Durch sein
Eingreifen sei es gelungen, den vaterlandslosen Elementen Netzigs
eine empfindliche Schlappe beizubringen. Aus einem unter den größten
persönlichen Opfern geführten Kampf sei Diederich als lauterer, echt
deutscher Charakter hervorgegangen.
Bei der Feier seiner
Aufnahme verlas Kunze die Adresse, und Diederich, Tränen in der
Stimme, bekannte sich unwürdig, so viel Lob entgegenzunehmen. Wenn
in Netzig die nationale Sache Fortschritte mache, so sei dies,
nächst Gott, einem Höheren zu danken, dessen erhabene Weisungen er
seinerseits in freudigem Gehorsam ausführe ... Alle, auch Kunze und
Kühnchen, waren bewegt. Es war ein großer Abend. Diederich stiftete
einen Pokal – und er hielt eine Rede, worin er die Schwierigkeiten
berührte, denen die neue Militärvorlage im Reichstage begegnete.
„Einzig unser scharfes Schwert“, rief Diederich aus, „sichert unsere
Stellung in der Welt, und es scharf zu erhalten, ist der Beruf
Seiner Majestät des Kaisers! Wenn der Kaiser ruft, wird es
herausfliegen aus der Scheide! Die Gesellschaft im Reichstag, die da
was dreinreden will, mag sich hüten, daß es sie nicht zuerst
[262]trifft! Mit Seiner Majestät ist nicht zu spaßen, meine Herren,
das kann ich Ihnen nur sagen.“ Diederich blitzte, und er nickte
schwerwiegend, als wüßte er manches. Im selben Augenblick kam ihm
wirklich ein Einfall. „Neulich auf dem Brandenburgischen
Provinziallandtag hat der Kaiser dem Reichstag den Standpunkt
klargemacht. Er hat gesagt: ‚Wenn die Kerls mir meine Soldaten nicht
bewilligen, räum’ ich die ganze Bude aus!‘“ – Das Wort erregte
Begeisterung; und als Diederich allen, die ihm zutranken,
nachgekommen war, hätte er nicht mehr sagen können, ob es von ihm
selbst war oder nicht doch vom Kaiser. Schauer der Macht strömten
aus dem Wort auf ihn ein, als wäre es echt gewesen ... Tags darauf
stand es in der „Netziger Zeitung“ und schon am Abend im
„Lokal-Anzeiger“. Schlechtgesinnte Blätter verlangten ein Dementi,
aber es blieb aus.
[263] V.
Noch schwellten
solche Hochgefühle Diederichs Brust, da bekamen Emmi und Magda eine
Einladung von Frau von Wulckow, nachmittags zum Tee. Es konnte nur
wegen des Stückes sein, das die Regierungspräsidentin beim nächsten
Fest der „Harmonie“ aufführen ließ. Emmi und Magda sollten Rollen
bekommen. Freudegerötet kehrten sie heim: Frau von Wulckow war
überaus gnädig gewesen; eigenhändig hatte sie ihnen immer wieder
Kuchen auf den Teller gelegt. Inge Tietz mochte platzen. Offiziere
spielten mit! Man brauchte besondere Toiletten; wenn Diederich
vielleicht glaubte, daß sie mit ihren fünfzig Mark –. Aber Diederich
eröffnete ihnen einen unbegrenzten Kredit. Nichts von dem, was sie
kauften, fand er schön genug. Das Wohnzimmer lag voll von Bändern
und künstlichen Blumen, die Mädchen verloren den Kopf, weil
Diederich ihnen dreinredete: da kam Besuch, Guste Daimchen.
„Ich habe doch der
glücklichen Braut noch gar nicht richtig gratuliert“, sagte sie und
versuchte gönnerhaft zu lächeln; aber ihre Augen gingen besorgt über
die Bänder und Blumen. „Das ist wohl auch für das dumme Stück?“
fragte sie. „Wolfgang hat davon gehört, er sagt, es ist unerhört
dumm.“ Magda erwiderte: „Dir muß er es doch sagen, weil du nicht
mitspielst.“ Und Diederich erklärte: „Damit entschuldigt er sich
dafür, daß Sie seinetwegen bei Wulckows nicht eingeladen werden.“
Guste lachte geringschätzig. „Auf Wulckows verzichten wir, aber zum
Harmonieball gehen wir gerade.“ Diederich fragte: [264]„Wollen Sie
den ersten Eindruck des Prozesses nicht lieber vorübergehen lassen?“
Er sah sie teilnehmend an. „Liebes Fräulein Guste, wir sind so alte
Bekannte, ich darf Sie wohl darauf hinweisen, daß Ihre Verbindung
mit den Bucks Ihnen jetzt in der Gesellschaft nicht gerade nützt.“ –
Guste zuckte mit den Augen, man sah, sie hatte sich das schon selbst
gedacht. Magda bemerkte: „Gott sei Dank, mit meinem Kienast ist es
nicht so.“ Worauf Emmi: „Aber Herr Buck ist interessanter. Neulich
bei seiner Rede hab’ ich geweint, wie im Theater.“ – „Und
überhaupt!“ rief Guste ermutigt. „Erst gestern hat er mir diese
Tasche geschenkt.“ Sie hielt den vergoldeten Sack empor, nach dem
Emmi und Magda schon lange schielten. Magda sagte spitz: „Er hat
wohl viel verdient mit der Verteidigung. Kienast und ich, wir sind
für Sparsamkeit.“ Aber Guste hatte ihre Genugtuung gehabt. „Dann
will ich auch nicht länger stören“, sagte sie.
Diederich begleitete
sie hinunter. „Ich bringe Sie nach Haus, wenn Sie artig sind,“ sagte
er, „aber vorher muß ich noch einen Blick in die Fabrik tun. Gleich
wird Schicht gemacht.“ – „Ich kann ja mitgehen“, meinte Guste. Um
ihr zu imponieren, führte er sie geradeswegs zu der großen
Papiermaschine. „So was haben Sie wohl noch nicht gesehen?“ Und mit
Wichtigkeit erläuterte er ihr das System von Bassins, Walzen und
Zylindern, worüber hin, durch die ganze Länge des Saales, die Masse
floß: zuerst wässerig, dann immer trockener – und am Ende der
Maschine lief auf großen Rollen das fertige Papier ... Guste
schüttelte den Kopf. „Nein so was! Und der Krach, den sie macht! Und
die Hitze hier!“ Diederich, mit seiner Wirkung noch nicht zufrieden,
fand einen Grund, um die Arbeiter anzudonnern; und wie Napoleon
Fischer dazu[265]kam, war nur er schuld! Beide schrien gegen den
Lärm der Maschine an, Guste verstand nichts; aber Diederichs geheime
Angst sah in dem dünnen Bart des Maschinenmeisters immer das gewisse
Grinsen, das an seine Mitwisserschaft in der Angelegenheit des
Holländers erinnerte und die offene Verleugnung jeder Autorität war.
Je heftiger Diederich sich gebärdete, desto ruhiger ward der andere.
Diese Ruhe war Aufruhr! Schnaufend und bebend öffnete Diederich die
Tür zum Packraum und ließ Guste eintreten. „Der Mann ist
Sozialdemokrat!“ erklärte er. „So ein Kerl wäre imstande, hier Feuer
zu legen. Aber ich entlass’ ihn nicht: nun gerade nicht! Wollen
sehen, wer der Stärkere ist. Die Sozialdemokratie nehme ich auf
mich!“ Und da Guste ihn bewundernd ansah: „Das hätten Sie wohl nicht
gedacht, auf was für einem gefahrvollen Posten unsereiner steht.
Furchtlos und treu, ist mein Wahlspruch. Sehen Sie, ich verteidige
hier unsere heiligsten nationalen Güter geradeso gut wie unser
Kaiser. Dazu gehört mehr Mut, als wenn einer vor Gericht schöne
Reden hält.“
Guste sah es ein, sie
hatte eine andächtige Miene. „Hier ist es kühler,“ bemerkte sie,
„wenn man aus der Hölle nebenan kommt. Die Frauen hier können froh
sein.“ – „Die?“ erwiderte Diederich. „Die haben es wie im Paradies!“
Er führte Guste zu dem Tisch: eine der Frauen sortierte die Bogen,
eine zweite prüfte nach, und die dritte zählte immerfort bis
fünfhundert. Alles ging mit unerklärlicher Schnelligkeit; die Bogen
flogen ununterbrochen einander nach, wie von selbst und ohne
Widerstand gegen die arbeitenden Hände, die im endlos über sie
hingehenden Papier sich aufzulösen schienen: Hände und Arme, die
Frau selbst, ihre Augen, ihr Gehirn, [266]ihr Herz. Das alles war da
und lebte, damit die Bogen flogen ... Guste gähnte – indes Diederich
erklärte, daß diese Weiber, die im Akkord arbeiteten, sich
schändliche Nachlässigkeiten zuschulden kommen ließen. Er wollte
schon dazwischenfahren, weil ein Bogen mitflog, woran eine Ecke
fehlte. Aber Guste sagte plötzlich mit einer Art von Trotz: „Sie
brauchen sich übrigens nicht einzubilden, daß Käthchen Zillich sich
für Sie besonders interessiert ... Wenigstens nicht mehr als für
gewisse andere Leute“, setzte sie hinzu; und auf seine verwirrte
Frage, was sie denn meine, lächelte sie bloß anzüglich. „Ich muß Sie
doch bitten“, wiederholte er. Darauf nahm Guste ihre gönnerhafte
Miene an. „Ich sage es nur zu Ihrem Besten. Denn Sie scheinen nichts
zu merken? Mit Assessor Jadassohn zum Beispiel? Aber Käthchen ist
überhaupt so eine.“ Jetzt lachte Guste laut, so begossen sah
Diederich aus. Sie ging weiter, und er folgte. „Mit Jadassohn?“
forschte er angstvoll. Da hörte der Lärm der Maschine auf, die
Glocke ging, die den Schluß der Arbeit anzeigte, und über den Hof
entfernten sich schon Arbeiter. Diederich zuckte die Achseln. „Was
Fräulein Zillich macht, läßt mich kalt“, erklärte er. „Höchstens um
den alten Pastor tut es mir leid, wenn sie wirklich so eine ist.
Wissen Sie das denn genauer?“ Guste sah weg. „Überzeugen Sie sich
doch selbst!“ Worauf Diederich geschmeichelt lachte.
„Lassen Sie das Gas
brennen!“ rief er dem Maschinenmeister zu, der vorbeiging. „Ich
drehe selbst ab.“ Gerade ward der Lumpensaal weit geöffnet für die
Fortgehenden. „Oh!“ rief Guste, „dort drinnen ist es aber
romantisch!“ Denn sie erblickte dahinten in der Dämmerung lauter
bunte Flecken aus grauen Hügeln und darüber einen Wald von Ästen.
„Ach“, sagte sie im Nähertreten. [267]„Ich dachte, weil es hier
schon so dunkel ist ... Das sind ja bloß Lumpensäcke und
Heizungsrohre.“ Und sie verzog das Gesicht. Diederich jagte die
Arbeiterinnen empor, die trotz der Betriebsordnung sich auf den
Säcken ausruhten. Mehrere, kaum, daß die Arbeit fortgelegt war,
strickten schon, andere aßen. „Das könnte euch passen“, schnaubte
er. „Wärme schinden auf meine Kosten! Raus!“ Sie standen langsam
auf, ohne ein Wort, ohne Widerstand in der Miene; und vorbei an der
fremden Dame, nach der alle dumpf neugierig den Kopf wandten,
trabten sie in ihren Männerschuhen hinaus, schwerfällig wie eine
Herde und umgeben von dem Dunst, worin sie lebten. Diederich behielt
jede scharf im Auge, bis sie draußen war. „Fischer!“ schrie er
plötzlich. „Was hat die Dicke da unterm Tuch?“ Der Maschinenmeister
erklärte mit seinem zweideutigen Grinsen: „Das ist nur, weil sie was
erwartet“, – worauf Diederich unzufrieden den Rücken wandte. Er
belehrte Guste. „Ich glaubte, ich hätte eine erwischt. Sie stehlen
nämlich Lumpen. Jawohl. Sie machen Kinderkleider draus.“ Und da
Guste die Nase rümpfte: „Das ist doch zu gut für die
Proletenkinder!“
Mit den Spitzen ihrer
Handschuhe hob Guste einen der Fetzen vom Boden. Plötzlich hatte
Diederich ihr Handgelenk gefangen und küßte es gierig, im Spalt des
Handschuhs. Erschreckt sah sie sich um. „Ach so, alle Leute sind
schon fort.“ Sie lachte selbstsicher. „Ich hab’ mir doch gleich
gedacht, was Sie jetzt noch in der Fabrik zu tun haben.“ Diederich
machte ein herausforderndes Gesicht. „Na und Sie? Warum sind Sie
überhaupt gekommen heute? Sie haben wohl gemerkt, daß ich doch nicht
so ohne bin? Freilich Ihr Wolfgang –. Jeder kann sich nicht so
blamieren wie er, neulich vor Gericht.“ Darauf [268]sagte Guste
entrüstet: „Seien Sie nur ganz still, Sie werden doch nie so ein
feiner Mann wie er.“ Aber ihre Augen sagten etwas anderes. Diederich
sah es; erregt lachte er auf. „Wie der es eilig hat mit Ihnen!
Wissen Sie auch, wofür er Sie ansieht? Für einen Kochtopf mit Wurst
und Kohl, und ich soll ihn umrühren!“ – „Jetzt lügen Sie“, sagte
Guste vernichtend; aber Diederich war im Zuge. „Ihm ist nämlich
nicht genug Wurst und Kohl drin. – Anfangs hat er natürlich auch
gedacht, Sie hätten eine Million geerbt. Aber für fünfzigtausend
Mark ist solch ein feiner Mann nicht zu haben.“ Da kochte Guste auf.
Diederich fuhr zurück, so gefährlich sah es aus. „Fünfzigtausend!
Ihnen ist gewiß nicht wohl? Wie komme ich dazu, daß ich mir das muß
sagen lassen! Wo ich bare dreihundertfünfzigtausend auf der Bank zu
liegen hab’, in richtiggehenden Papieren! Fünfzigtausend! Wer so
etwas Ehrenrühriges von mir herumerzählt, den kann ich überhaupt
belangen!“ Sie hatte Tränen in den Augen; Diederich stammelte
Entschuldigungen. „Lassen Sie nur“ – und Guste benutzte ihr
Taschentuch. „Wolfgang weiß genau, woran er bei mir ist. Aber Sie
selbst, Sie haben den Schwindel geglaubt. Darum waren Sie auch so
frech!“ rief sie. Ihre rosigen Fettpolster zitterten vor Zorn, und
die kleine eingedrückte Nase war ganz weiß geworden. Er sammelte
sich. „Daran sehen Sie doch, daß Sie mir auch ohne Geld gefallen“,
gab er zu bedenken. Sie biß sich auf die Lippen. „Wer weiß“, sagte
sie mit einem Blick von unten, schmollend und unsicher. „Für Leute,
wie Sie, sind fünfzigtausend auch schon Geld.“
Er hielt es für
angezeigt, eine Pause zu machen. Sie zog aus ihrem goldenen Beutel
den Puderquast, und sie setzte sich. „Ich bin wirklich ganz
echauffiert von Ihrem [269]Betragen!“ Aber sie lachte wieder. „Haben
Sie mir vielleicht sonst noch etwas zu zeigen in Ihrer sogenannten
Fabrik?“ Er nickte bedeutsam. „Wissen Sie wohl, wo Sie jetzt
sitzen?“ – „Na, auf einem Lumpensack.“ – „Aber auf was für einem! In
dieser Ecke, hinter den Säcken hier hab’ ich mal einen Arbeiter und
ein Mädchen ertappt, wie sie gerade: Sie verstehen. Natürlich sind
beide geflogen; und am Abend, jawohl, am selben Abend –“ er hob den
Zeigefinger, in seinen Augen entstand ein Schauder höherer Dinge –
„haben sie den Kerl totgeschossen, und das Mädchen ist verrückt
geworden.“ Guste sprang auf. „War das –? Ach Gott, das war der
Arbeiter, der den Wachtposten gereizt hat ...? Also hinter den
Säcken haben sie –?“ Ihre Augen gingen über die Säcke, als suchte
sie Blut darauf. Sie hatte sich nahe zu Diederich geflüchtet.
Plötzlich sahen sie einander in die Augen: darin bewegten sich die
gleichen abgründigen Schauder, des Lasters oder des Übersinnlichen.
Sie atmeten hörbar einander an. Guste schloß, eine Sekunde lang, die
Lider: da plumpsten sie auch schon beide auf die Säcke, rollten,
ineinander verwickelt, hinab und durch den dunkeln Raum dahinter,
schlugen um sich, keuchten und prusteten, als seien sie dort unten
am Ertrinken.
Guste zuerst
erreichte wieder das Licht. Den Fuß, an dem er sie festhalten
wollte, stieß sie ihm ins Gesicht und sprang heraus, daß es krachte.
Als Diederich sich glücklich ihr nachgearbeitet hatte, standen sie
da und schnauften. Gustes Busen, Diederichs Bauch gingen beide im
Sturm. Sie erlangte vor ihm die Sprache zurück. „Das müssen Sie mit
’ner andern versuchen! Wie komm’ ich überhaupt dazu!“ Immer
erbitterter: „Ich hab’ Ihnen doch gesagt, daß es
dreihundertfünfzigtausend sind!“ Diederich be[270]wegte die Hand, um
auszudrücken, daß er seinen Mißgriff zugebe. Aber Guste schrie auf:
„Und wie ich aussehe! Soll ich so vielleicht durch die Stadt gehen?“
Er erschrak aufs neue und lachte ratlos. Sie stampfte auf. „Haben
Sie denn keine Bürste?“ Gehorsam machte er sich auf den Weg; Guste
rief ihm nach: „Daß gefälligst Ihre Schwestern nichts merken! Sonst
reden morgen die Leute von mir!“ Er ging nur bis an das Kontor. Wie
er zurückkehrte, saß Guste wieder auf dem Sack, das Gesicht in den
Händen, und durch ihre lieben, dicken Finger rannen Tränen.
Diederich blieb stehen, hörte ihrem Wimmern zu, und auf einmal
begann er auch zu weinen. Mit tröstender Hand bürstete er sie ab.
„Es ist doch nichts geschehen“, wiederholte er. Guste stand auf.
„Das wäre auch noch schöner“, – und sie musterte ihn mit Ironie. Da
faßte auch Diederich Mut. „Ihr Herr Bräutigam braucht es ja nicht zu
wissen“, bemerkte er. Und Guste: „Wenn schon!“ – wobei sie sich auf
die Lippen biß.
Betroffen durch dies
Wort bürstete er schweigend weiter, zuerst sie, dann sich, indes
Guste ihre Kleider glättete. „Nun los!“ sagte sie. „Eine
Papierfabrik sehe ich mir so bald nicht wieder an.“ Er spähte ihr
unter den Hut. „Wer weiß“, sagte er. „Denn daß Sie Ihren Buck
lieben, das glaub’ ich Ihnen seit fünf Minuten nicht mehr.“ Schnell
rief Guste: „O doch!“ Und ohne Pause fragte sie: „Was bedeutet denn
das Zeug hier?“
Er erklärte: „Das ist
der Sandfang, durch die Rinne schwemmen wir die Lumpen; Knöpfe und
so weiter bleiben zurück, wie Sie sehen. Die Leute haben natürlich
wieder nicht aufgeräumt.“ Mit der Schirmspitze stocherte sie in dem
Haufen; er setzte hinzu: „Im Jahr behalten wir mehrere Säcke
Überbleibsel!“ – „Und was ist das da?“ [271]fragte Guste und griff
rasch hin, nach etwas, das glänzte. Diederich riß die Augen auf.
„Ein Brillantknopf!“ Sie ließ ihn funkeln. „Echt sogar! Wenn Sie
öfter so was finden, ist Ihr Geschäft nicht so übel.“ Diederich
sagte zweifelnd: „Den muß ich natürlich abliefern.“ Sie lachte. „An
wen denn? Die Abfälle gehören doch Ihnen!“ Er lachte auch. „Na,
nicht gerade die Brillanten. Wir werden schon noch ausfindig machen,
wer uns das geliefert hat.“ Guste sah ihn von unten an. „Sie sind
schön dumm“, sagte sie. Er erwiderte mit Überzeugung: „Nein! Sondern
ich bin ein Ehrenmann!“ Darauf hob sie nur die Schultern. Langsam
zog sie den linken Handschuh aus und legte sich den Brillanten auf
den kleinen Finger. „Er muß als Ring gefaßt werden!“ rief sie aus,
wie erleuchtet, betrachtete versunken ihre Hand und seufzte. „Na,
sollen ihn andere Leute finden!“ – und unvermutet warf sie den Knopf
zurück in die Lumpen. „Sind Sie verrückt?“ Diederich bückte sich,
sah ihn nicht gleich und ließ sich schnaufend auf die Knie. In der
Hast warf er alles durcheinander. „Gott sei Dank!“ Er hielt ihr den
Brillanten hin; aber Guste nahm ihn nicht. „Ich gönne ihn dem
Arbeiter, der ihn morgen zuerst sieht. Der steckt ihn ein, darauf
können Sie sich verlassen, der ist nicht so dumm.“ – „Ich auch
nicht“, erklärte Diederich. „Denn wahrscheinlich wäre der Stein doch
weggeworfen worden. Unter solchen Umständen brauche ich es nicht für
inkorrekt zu halten –.“ Er legte den Brillanten wieder auf ihren
Finger. „Und wenn es auch inkorrekt wäre, er steht Ihnen so gut.“
Guste sagte überrascht: „Wieso? Wollen Sie ihn mir denn schenken?“
Er stammelte: „Sie haben ihn ja gefunden, da muß ich wohl.“ Da
jubelte Guste. „Das wird mein schönster Ring!“ – „Warum?“ fragte
Diederich, [272]voll banger Hoffnung. Guste sagte ausweichend:
„Überhaupt ...“ Und mit einem plötzlichen Blick: „Weil er nichts
kostet, wissen Sie.“ Hierüber errötete Diederich, und sie sahen
einander blinzelnd in die Augen.
„Ach Herr Gott!“ rief
Guste plötzlich. „Es muß schrecklich spät sein. Schon sieben? Was
sag’ ich nur meiner Mutter?... Ich weiß, ich sag’ ihr, ich hab’ bei
einem Trödler den Brillanten entdeckt, und er hat gedacht, er ist
unecht, und hat bloß fünfzig Pfennig verlangt!“ Sie öffnete ihren
goldenen Sack und ließ den Knopf hineinfallen. „Also adieu ... Aber
Sie sehen aus! Wenigstens müssen Sie sich die Krawatte binden.“ Im
Sprechen tat sie es schon selbst. Er fühlte ihre warmen Hände unter
seinem Kinn; ihre feuchten, dicken Lippen bewegten sich ganz nahe.
Ihm ward heiß, er hielt den Atem zurück. „So“, machte Guste und
brach ernstlich auf. „Ich drehe nur das Gas ab“, rief er ihr nach.
„Warten Sie doch!“ – „Ich warte schon“, antwortete sie von draußen;
– aber als er auf den Hof trat, war sie fort. Verdutzt sperrte er
die Fabrik zu und redete laut dabei vor sich hin. „Nun sag’ mir
einer, ist das Instinkt oder Berechnung?“ Er schüttelte sorgenvoll
den Kopf über das ewige Rätsel der Weiblichkeit, das in Guste
verkörpert war.
Vielleicht, so sagte
sich Diederich, ging es vorwärts mit Guste, freilich ging es
langsam. Die Ereignisse, die sich um den Prozeß gruppierten, hatten
ihr Eindruck gemacht, aber noch nicht genug. Auch hörte er nichts
mehr von Wulckow. Nach dem so viel versprechenden Schritt des
Regierungspräsidenten beim Kriegerverein wartete Diederich unbedingt
auf weiteres: eine Heranziehung, eine vertrauliche Verwendung, er
wußte nicht wie und was. [273]Der Harmonieball konnte es bringen;
warum hatten sonst die Schwestern Rollen bekommen im Stück der
Präsidentin. Nur dauerte alles zu lange für Diederichs Tatenlust. Es
war eine Zeit voll Unruhe und Drang. Man quoll über von Hoffnungen,
Aussichten, Plänen; in jeden Tag, der anfing, hätte man das alles
auf einmal ergießen wollen; und wenn er aus war, war er leer
geblieben. Ein Trieb nach Bewegung erfaßte Diederich. Mehrmals
versäumte er den Stammtisch und ging spazieren, ohne Ziel und ins
Freie, was sonst nicht vorkam. Er kehrte dem Mittelpunkt der Stadt
den Rücken, stapfte mit dem Schritt eines von Tatkraft schweren
Mannes die abendlich leere Meisestraße zu Ende, durchmaß die lange
Gäbbelchenstraße, mit den vorstädtischen Gasthäusern, bei denen
Fuhrleute ein- oder ausspannten, und kam auch unter der Vogtei
vorbei. Dort oben saß, bewacht von einem Gitterfenster und einem
Soldaten, der Herr Lauer, der sich dies nicht hatte träumen lassen.
„Hochmut kommt vor dem Fall“, dachte Diederich. „Wie man sich
bettet, so liegt man.“ Und obwohl er den Ereignissen, die den
Fabrikbesitzer in die Vogtei geführt hatten, nicht ganz fremd war,
schien Lauer ihm jetzt ein Wesen mit einem Kainsmal, ein
unheimlicher Gesell. Einmal glaubte er im Hof des Gefängnisses eine
Gestalt zu bemerken. Es war schon zu dunkel, aber vielleicht –? Ein
Gruseln überlief Diederich, und er enteilte.
Hinter dem Burgtor
führte die Landstraße zu dem Hügel mit der Schweinichenburg, wo
einst der kleine Diederich gemeinsam mit Frau Heßling das Grausen
vor dem Burggespenst genossen hatte. Solche Kindereien lagen ihm
jetzt fern; – vielmehr bog er jedesmal, bald hinter dem Tor, in die
Gausenfelder Straße ein. Er hatte [274]es sich nicht vorgenommen und
tat es nur zögernd, denn es wäre ihm nicht lieb gewesen, wenn jemand
ihn auf diesem Wege überrascht hätte. Aber es ließ ihn nicht: die
große Papierfabrik zog ihn an wie ein verbotenes Paradies, er mußte
ihr auf einige Schritte nahekommen, sie umkreisen, über ihre Mauer
schnüffeln ... Eines Abends ward Diederich aus dieser Tätigkeit
aufgeschreckt durch Stimmen, die im Dunkeln schon ganz nahe waren.
Kaum daß er noch Zeit behielt, sich in den Graben zu kauern. Und
während die Leute, wahrscheinlich Angestellte der Fabrik, die sich
verspätet hatten, an seinem Versteck vorüberkamen, drückte Diederich
die Augen zu, aus Furcht, und auch weil er fühlte, ihr begehrliches
Funkeln hätte ihn verraten können.
Als er schon wieder
beim Burgtor war, hatte er noch immer Herzklopfen und sah sich nach
einem Glas Bier um. Gleich im Winkel des Tores stand der „Grüne
Engel“, eins der niedersten Gasthäuser, krumm vor Alter, schmutzig
und übel beleumdet. Soeben verschwand in dem gewölbten Gang eine
Frauensperson. Diederich, von jäher Abenteuerlust gepackt, drang
hinterdrein. Wie sie das rötliche Licht einer Stallaterne
durchschreiten mußte, wollte die Person ihr Gesicht, das
verschleiert war, auch noch mit dem Muff bedecken; aber Diederich
hatte sie schon erkannt. „Guten Abend, Fräulein Zillich!“ – „Guten
Abend, Herr Doktor!“ Und da standen sie beide mit offenem Munde.
Käthchen Zillich war die erste, die etwas hervorbrachte, von
Kindern, die hier im Hause wohnten, und die sie in die
Sonntagsschule ihres Vaters bringen sollte. Diederich setzte zum
Sprechen an, aber sie redete weiter, immer hastiger. Nein, die
Kinder wohnten eigentlich nicht hier, aber ihre Eltern verkehrten
[275]in der Schenke, und die Eltern durften nichts wissen von der
Sonntagsschule, denn sie waren Sozialdemokraten ... Sie faselte; und
Diederich, der zuerst nur an sein eigenes schlechtes Gewissen
gedacht hatte, ward darauf hingewiesen, daß Käthchen in einer noch
viel verdächtigeren Lage sei. Er ersparte es sich also, seine
Anwesenheit im „Grünen Engel“ zu erklären, und schlug einfach vor,
dann könne man in der Gaststube auf die Kinder warten. Käthchen
weigerte sich angstvoll, irgend etwas zu verzehren, aber Diederich
bestellte aus eigener Machtvollkommenheit auch für sie Bier.
„Prost!“ sagte er, und in seiner Miene lag die ironische Erinnerung
daran, daß sie bei ihrer letzten Zusammenkunft im traulichen
Wohnzimmer des Pfarrhauses sich beinahe verlobt hätten. Käthchen
ward unter ihrem Schleier rot und blaß und verschüttete ihr Bier.
Immerfort flatterte sie kraftlos vom Stuhl auf und wollte fort; aber
Diederich hatte sie hinter den Tisch in die Ecke geschoben und saß
breit davor. „Nun müssen die Kinder aber gleich kommen!“ sagte er
gutmütig. Statt ihrer kam Jadassohn: plötzlich stand er da und sah
versteinert aus. Auch die beiden anderen regten sich nicht. „Also
doch!“ dachte Diederich. Jadassohn schien etwas Ähnliches zu denken;
keiner der Herren fand Worte. Käthchen begann wieder von Kindern und
Sonntagsschulen. Sie sprach flehend und weinte fast. Jadassohn hörte
ihr mit Mißbilligung zu, er ließ sogar die Bemerkung fallen, gewisse
Geschichten seien ihm zu verwickelt, – und er blickte inquisitorisch
auf Diederich.
„Im Grunde“,
versetzte Diederich, „ist es doch einfach. Fräulein Zillich sucht
hier nach Kindern, und wir beide helfen ihr.“
„Ob sie eins kriegt,
kann man nicht wissen“, ergänzte [276]Jadassohn schneidend; da sagte
Käthchen: „Und von wem auch nicht.“
Die Herren setzten
die Gläser hin. Käthchen hatte es aufgegeben zu weinen, sie schob
sogar den Schleier hinauf und sah mit merkwürdig hellen Augen von
einem zum andern. Ihre Stimme hatte etwas Offenes, Unverblümtes
bekommen. „Na ja, wenn Sie nun doch mal beide da sind“, setzte sie
hinzu, indes sie aus Jadassohns Dose eine Zigarette nahm; und dann
leerte sie auf einen Zug den Kognak, der vor Diederich stand. Jetzt
war es an Diederich, nach Fassung zu ringen. Jadassohn schien nicht
unbekannt mit Käthchens anderem Gesicht. Die beiden fuhren fort,
Doppelsinnigkeiten auszutauschen, bis Diederich sich gegen Käthchen
entrüstete. „Heute lernt man Sie aber gründlich kennen!“ rief er und
schlug auf den Tisch. Sofort hatte Käthchen ihr Damengesicht zurück.
„Was meinen Sie eigentlich, Herr Doktor?“ Jadassohn ergänzte: „Ich
nehme an, daß Sie der Ehre der Dame nicht zu nahe treten wollen!“ –
„Ich meine nur,“ stammelte Diederich, „so gefällt Fräulein Zillich
mir viel besser.“ Er rollte die Augen vor Ratlosigkeit. „Neulich,
wie wir uns beinahe verlobt hätten, hat sie mir nicht halb so
gefallen.“ Da lachte Käthchen los: ein Gelächter, ganz frei aus dem
Herzen, wie Diederich es auch noch nicht kannte. Ihm ward warm
dabei, er lachte mit, Jadassohn auch, alle drei wälzten sich lachend
auf ihren Stühlen umher und riefen nach mehr Kognak.
„Nun muß ich aber
gehen,“ sagte Käthchen, „sonst kommt Papa vor mir nach Haus. Er hat
Krankenbesuche gemacht; dabei verteilt er immer solche Bilder.“ Sie
zog zwei bunte Bildchen aus ihrer ledernen Tasche. „Da haben Sie
auch welche.“ Jadassohn bekam die [277]Sünderin Magdalena, Diederich
das Lamm mit dem Hirten; er war nicht zufrieden. „Ich will auch eine
Sünderin.“ Käthchen suchte, fand aber keine mehr. „Also bleibt es
bei dem Schaf“, entschied sie, und man zog ab, Käthchen in der Mitte
eingehängt. Ruckweise und in weitem Bogen schwenkten alle drei sich
durch die schlecht beleuchtete Gäbbelchenstraße dahin, wobei sie ein
Kirchenlied sangen, das Käthchen angestimmt hatte. An einer Ecke
erklärte sie, eilen zu müssen, und verschwand in der Seitengasse.
„Adieu Schaf!“ rief sie Diederich zu, der ihr vergeblich
nachstrebte. Jadassohn hielt ihn fest, und plötzlich nahm er seine
staatserhaltende Stimme an, um Diederich zu überzeugen, daß dies
alles nur ein zufälliger Scherz sei. „Es liegt durchaus nichts
Mißverständliches vor, das möchte ich feststellen.“
„Ich denke nicht
daran, hier etwas mißzuverstehen“, sagte Diederich.
„Und wenn ich“, fuhr
Jadassohn fort, „den Vorzug hätte, von der Familie Zillich für eine
nähere Verbindung in Aussicht genommen zu sein, dieser Vorfall würde
mich keineswegs abhalten. Ich folge nur einer Ehrenpflicht, wenn ich
dies ausspreche.“
Diederich erwiderte:
„Ich weiß Ihr korrektes Verhalten voll und ganz zu würdigen.“ Darauf
schlugen die Herren die Absätze zusammen, schüttelten einander die
Hände und trennten sich.
Käthchen und
Jadassohn hatten beim Abschied ein Zeichen ausgetauscht; Diederich
war überzeugt, sie würden sich gleich jetzt wieder im „Grünen Engel“
zusammenfinden. Er öffnete den Winterrock, ein Hochgefühl schwellte
ihn, weil er eine bösartige Falle aufgedeckt und sich streng
kommentmäßig aus der Sache gezogen hatte. Er empfand eine
[278]gewisse Achtung und Sympathie für Jadassohn. Auch er selbst
würde so gehandelt haben! Unter Männern verständigte man sich. Aber
so ein Weib! Käthchens anderes Gesicht, die Pfarrerstochter, der
unvermutet das entfesselte Weib ins Gesicht gestiegen war, dies
tückische Doppelwesen, so fremd der Biederkeit, die Diederich am
Grunde seines eigenen Herzens wußte: es erschütterte ihn wie ein
Blick ins Bodenlose. Er knöpfte den Rock wieder zu. Es gab also noch
andere Welten außerhalb der bürgerlichen, als nur die, worin jetzt
der Herr Lauer lebte.
Schnaufend setzte er
sich zum Abendessen. Seine Stimmung schien so bedrohlich, daß die
drei Frauen Schweigen bewahrten. Frau Heßling nahm ihren Mut
zusammen. „Schmeckt es dir nicht, mein lieber Sohn?“ Anstatt einer
Antwort herrschte Diederich die Schwestern an. „Mit Käthchen Zillich
verkehrt ihr nicht mehr!“ Da sie ihn ansahen, errötete er und stieß
drohend aus: „Sie ist eine Verworfene!“ Aber sie verzogen nur den
Mund; und auch die furchtbaren Andeutungen, in denen er sich
polternd erging, schienen sie nicht weiter aufzuregen. „Du sprichst
wohl von Jadassohn?“ fragte Magda endlich, ganz gelassen. Diederich
fuhr zurück. Sie waren also eingeweiht und mitverschworen: alle
Weiber wahrscheinlich. Auch Guste Daimchen! Die hatte schon einmal
davon angefangen. Er mußte sich die Stirn trocknen. Magda sagte:
„Wenn du vielleicht ernste Absichten gehabt hast bei Käthchen, uns
hast du ja nicht gefragt“, worauf Diederich, um sein Ansehen zu
verteidigen, dem Tisch einen Stoß gab, daß alle aufkreischten. Er
verbitte sich derartige Zumutungen, schrie er. Es gebe hoffentlich
noch anständige Mädchen. Frau Heßling bat zitternd: „Du brauchst ja
nur deine Schwestern anzusehen, mein lieber [279]Sohn.“ Und
Diederich sah sie wirklich an; er blinzelte, und er überlegte zum
erstenmal, nicht ohne Bangen, was diese beiden weiblichen Wesen, die
seine Schwestern waren, bisher wohl mit ihrem Leben angefangen
hatten ... „Ach was,“ entschied er und richtete sich stramm auf,
„euch zieht man einfach die Kandare fester. Wenn ich eine Frau habe,
die soll sich wundern!“ Da die Mädchen einander zulächelten,
erschrak er, denn er hatte an Guste Daimchen gedacht, und vielleicht
dachten auch sie mit ihrem Lächeln an Guste? Zu trauen war keiner.
Er sah Guste vor sich, weißblond, mit dem dicken, rosigen Gesicht.
Ihre fleischigen Lippen öffneten sich, sie streckte ihm die Zunge
heraus. Das hatte vorhin Käthchen Zillich getan, als sie ihm „Adieu
Schaf!“ zurief, und Guste, die ihr im Typus so ähnlich war, würde
mit ausgestreckter Zunge und in halbbetrunkenem Zustand genau so
ausgesehen haben!
Magda sagte eben:
„Käthchen ist schön dumm; aber begreiflich ist es ja, wenn man so
lange warten muß und keiner kommt.“
Sofort griff Emmi
ein. „Wen meinst du, bitte? Wenn Käthchen sich mit irgendeinem
Kienast begnügt hätte, würde sie wohl auch nicht mehr warten.“
Magda, im Bewußtsein,
die Tatsachen für sich zu haben, blähte einfach ihre Bluse auf und
schwieg.
„Überhaupt“, Emmi
warf die Serviette hin und erhob sich. „Wie kannst du das gleich
glauben, was die Männer von Käthchen reden. Das ist abscheulich,
sollen wir denn alle wehrlos sein gegen ihren Klatsch?“ Empört ließ
sie sich in der Ecke nieder und begann zu lesen. Magda hob nur die
Schultern – indes Diederich angstvoll und vergeblich nach einem
Übergang suchte, um zu fragen, ob vielleicht auch Guste Daimchen –?
Bei einer so [280]langen Verlobung –? „Es gibt Situationen,“ äußerte
er, „wo es nicht mehr Klatsch ist.“ Da schleuderte Emmi auch das
Buch hin.
„Und wenn schon!
Käthchen tut, was sie will! Wir Mädchen haben ebensogut wie ihr das
Recht, unsere Individualität auszuleben! Die Männer sollen froh
sein, wenn sie uns dann nachher noch kriegen!“
Diederich stand auf.
„Das will ich in meinem Hause nicht hören“, sagte er ernst, und er
blitzte Magda so lange an, bis sie nicht mehr lachte.
Frau Heßling brachte
ihm die Zigarre. „Von meinem Diedel weiß ich ganz genau, daß er so
eine niemals heiraten wird;“ – sie streichelte ihn tröstend. Er
versetzte mit Nachdruck: „Ich kann mir nicht denken, Mutter, daß ein
echter deutscher Mann das jemals getan hat.“
Sie schmeichelte. „O,
alle sind nicht so ideal wie mein lieber Sohn. Manche denken
materieller und nehmen mit dem Geld auch mal was in den Kauf,
worüber die Leute reden.“ Unter seinem gebieterischen Blick
schwatzte sie angstvoll weiter. „Zum Beispiel Daimchen. Gott, nun er
ist tot, und es kann ihm gleich sein, aber seinerzeit hat man doch
viel geredet.“ Jetzt sahen alle drei Kinder sie fordernd an. „Na
ja,“ erklärte sie schüchtern. „Das mit Frau Daimchen und dem Herrn
Buck. Guste kam doch zu früh.“
Nach diesem Ausspruch
mußte Frau Heßling sich hinter den Ofenschirm zurückziehen, denn
alle drei drangen gleichzeitig auf sie ein. „Das ist das Neueste!“
riefen Emmi und Magda. „Also wie war die Geschichte!“ Wogegen
Diederich donnernd dem Weiberklatsch Einhalt gebot. „Wenn wir deinen
Männerklatsch angehört haben!“ riefen die Schwestern und suchten ihn
fortzudrängen von dem Ofenschirm. Die Mutter sah händeringend in das
Handge[281]menge. „Ich habe doch nichts gesagt, Kinder! Nur damals
sagten es alle, und der Herr Buck hat der Frau Daimchen doch auch
die Mitgift geschenkt.“
„Also daher!“ rief
Magda. „So sehen in der Familie Daimchen die Erbonkel aus! Daher die
goldenen Taschen!“
Diederich verteidigte
Gustes Erbschaft. „Sie kommt aus Magdeburg!“
„Und der Bräutigam?“
fragte Emmi. „Kommt der auch aus Magdeburg?“
Plötzlich verstummten
alle und sahen einander an, wie betäubt. Dann kehrte Emmi ganz still
auf das Sofa zurück, sie nahm sogar das Buch wieder auf. Magda fing
an, den Tisch abzuräumen. Auf den Ofenschirm, hinter dem Frau
Heßling sich duckte, schritt Diederich zu. „Siehst du nun, Mutter,
wohin es führt, wenn man seine Zunge nicht hütet? Du willst doch
wohl nicht behaupten, daß Wolfgang Buck seine eigene Schwester
heiratet.“ Wimmernd kam es aus der Tiefe: „Ich kann doch nichts
dafür, mein lieber Sohn. Ich dachte schon längst nicht mehr an die
alte Geschichte, und es ist ja auch nicht sicher. Kein lebender
Mensch weiß mehr etwas.“ Aus ihrem Buch heraus warf Emmi dazwischen:
„Der alte Herr Buck wird wohl wissen, wo er jetzt das Geld für
seinen Sohn holt.“ Und in das Tischtuch hinein, das sie faltete,
sagte Magda: „Es soll manches vorkommen.“ Da hob Diederich die Arme,
als habe er die Absicht, den Himmel anzurufen. Rechtzeitig
unterdrückte er aber das Entsetzen, das ihn übermannen wollte. „Bin
ich denn hier unter Räuber und Mörder gefallen?“ fragte er sachlich
und ging in strammer Haltung zur Tür. Dort wandte er sich um. „Ich
kann euch natürlich nicht hindern, eure feine Wissenschaft in die
Stadt hinauszuposaunen. Was mich betrifft, ich [282]werde erklären,
daß ich mit euch nichts mehr zu tun habe. In die Zeitung werde ich
es setzen!“ Und er ging ab.
Er vermied den
Ratskeller und bedachte einsam bei Klappsch eine Welt, in der solche
Greuel umgingen. Dagegen war mit kommentmäßigem Verhalten freilich
nicht aufzukommen. Wer den Bucks ihren schändlichen Raub abjagen
wollte, durfte auch vor starken Mitteln nicht zurückschrecken. „Mit
gepanzerter Faust“, sagte er ernst in sein Bier hinein; und das
Deckelklappen, womit er das vierte Glas herbeirief, klang wie
Schwertgeklirr ... Nach einer Weile verlor seine Haltung an Härte;
Bedenken kamen. Sein Eingreifen würde immerhin bewirken, daß die
ganze Stadt mit den Fingern auf Guste Daimchen zeigte. Kein Mann,
der halbwegs Komment hatte, heiratete solch ein Mädchen noch.
Diederichs eigenstes Empfinden sagte es ihm, seine eingewurzelte
Erziehung zur Mannhaftigkeit und zum Idealismus. Schade! Schade um
Gustes dreihundertfünfzigtausend Mark, die nun herrenlos und ohne
Bestimmung waren. Die Gelegenheit wäre günstig gewesen, ihnen eine
zu geben ... Diederich schüttelte den Gedanken mit Entrüstung ab. Er
erfüllte nur seine Pflicht! Ein Verbrechen galt es zu verhindern.
Das Weib mochte dann sehen, wo es blieb im Kampf der Männer. Was lag
an einem dieser Geschöpfe, die ihrerseits, Diederich hatte es
erfahren, jedes Verrates fähig waren. Nur noch des fünften Glases
bedurfte es, und sein Entschluß stand fest.
Beim Morgenkaffee
bekundete er ein großes Interesse für die Toiletten der Schwestern
zum Harmonieball. Zwei Tage nur mehr, und noch nichts fertig! Die
Hausschneiderin war so selten zu haben gewesen, sie nähte jetzt bei
Bucks, Tietz’, Harnischs und überall. Die große In[283]anspruchnahme
dieses Mädchens schien Diederich geradezu mit Bewunderung zu
erfüllen. Er erbot sich, selbst hinzugehen und sie, koste es was es
wolle, zur Stelle zu schaffen. Nicht ohne Mühe gelang es ihm. Zum
zweiten Frühstück begab er sich alsdann so geräuschlos, daß nebenan
im Wohnzimmer das Gespräch nicht gestört ward. Gerade erging sich
die Hausschneiderin in Anspielungen auf einen Skandal, der bestimmt
sei, alles Dagewesene in den Schatten zu stellen. Die Schwestern
schienen ganz ahnungslos, und als endlich Namen fielen, zeigten sie
sich entsetzt und ungläubig. Frau Heßling beklagte es am lautesten,
daß Fräulein Gehritz so etwas auch nur denken könne. Die Schneiderin
beteuerte dagegen, in der ganzen Stadt wisse man es schon. Soeben
komme sie von der Bürgermeisterin Scheffelweis, deren Mutter
geradezu verlangt habe, daß ihr Schwiegersohn einschreite! Dennoch
machte es ihr Mühe, die Damen zu überzeugen. Diederich hatte den
Vorgang eher umgekehrt erwartet. Er war zufrieden mit den Seinen.
Aber hatten denn die Wände tatsächlich Ohren gehabt? Man war zu
glauben versucht, daß ein Gerücht, in einem verschlossenen Zimmer
ausgebrochen, mit dem Rauch des Ofens hinaus und über die ganze
Stadt zog.
Beruhigt war er
trotzdem noch nicht. Er sagte sich, daß das gesunde Empfinden des
arbeitenden Volkes unter Umständen ein Faktor sei, den man billigen
und sogar benutzen könne. Bis zum Mittagessen ging er um Napoleon
Fischer herum: da – es läutete schon – entstand bei der
Satiniermaschine ein gellendes Geschrei, und Diederich und der
Maschinenmeister, die gleichzeitig hinstürzten, zogen gemeinsam den
Arm einer jungen Arbeiterin heraus, der von einer Stahlwalze
ergriffen worden war. Er troff von schwarzem Blut, Diederich ließ
sofort nach [284]dem städtischen Krankenhaus telephonieren.
Inzwischen, so übel der Anblick des Armes ihm machte, blieb er
selbst dabei, während der Person ein Notverband angelegt ward. Sie
sah zu, leise wimmernd und mit Augen, weich im Entsetzen, wie ein
junges Tier, das getroffen ist. Diederichs menschenfreundliche
Fragen nach ihren häuslichen Verhältnissen verstand sie nicht.
Napoleon Fischer antwortete für sie. Ihr Vater war durchgegangen,
die Mutter bettlägerig; das Mädchen ernährte sich und ihre zwei
kleinen Geschwister. Sie war erst vierzehn Jahre alt. – Das sehe man
ihr nicht an, meinte Diederich. Übrigens seien die Arbeiterinnen oft
genug vor der Maschine gewarnt worden. „Sie hat sich das Unglück
selbst zuzuschreiben, ich bin zu nichts verpflichtet. Na,“ sagte er
milder, „nun kommen Sie mal mit, Fischer!“
Im Kontor schenkte er
zwei Kognaks ein. „Das kann man brauchen auf den Schrecken ... Sagen
Sie ehrlich, Fischer, glauben Sie, daß ich zahlen muß? Die
Schutzvorrichtung an der Maschine halten Sie doch wohl für
genügend?“ Und da der Maschinenmeister die Achseln zuckte: „Sie
wollen sagen, ich kann es auf einen Prozeß ankommen lassen? Das tue
ich aber nicht, ich zahle gleich.“
Napoleon Fischer
zeigte verständnislos sein großes gelbes Gebiß, und Diederich fuhr
fort: „Ja, so bin ich. Sie dachten wohl, das könnte bloß der Herr
Lauer? Was den betrifft, so sind Sie ja jetzt durch Ihr eigenes
Parteiblatt über seine Arbeiterfreundlichkeit aufgeklärt. Ich lasse
mich freilich nicht wegen Majestätsbeleidigung einsperren und mache
dadurch meine Arbeiter brotlos; ich suche mir praktischere Mittel
aus, um meine soziale Gesinnung zu bekunden.“ Er machte eine
feierliche Pause. „Und darum habe ich mich entschlossen, dem Mädchen
die [285]ganze Zeit, die es im Krankenhaus liegt, seinen Lohn
weiterzuzahlen. Wieviel ist es denn?“ fragte er rasch.
„Eine Mark fünfzig“,
sagte Napoleon Fischer.
„Na ja ... Soll sie
acht Wochen liegen. Soll sie zwölf Wochen liegen ... Ewig natürlich
geht es nicht.“
„Sie ist erst
vierzehn“, sagte Napoleon Fischer, von unten. „Sie kann
Schadenersatz verlangen.“ Diederich erschrak, er schnaufte.
Napoleon Fischer
hatte schon wieder sein unbestimmbares Grinsen aufgesetzt und sah
seinem Arbeitgeber auf die Faust, die angstvoll in der Tasche
geballt war. Diederich zog sie hervor. „Nun setzen Sie die Leute von
meinem hochherzigen Entschluß in Kenntnis! Das paßt Ihnen wohl nicht
in den Kram? Die Gemeinheiten der Kapitalisten erzählt ihr euch
natürlich lieber. In euren Versammlungen schwingt ihr jetzt
wahrscheinlich große Reden über Herrn Buck.“
Napoleon Fischer sah
verständnislos aus, was Diederich nicht beachtete. „Ich finde es
wohl auch nicht eben schön,“ fuhr er fort, „wenn jemand seinen Sohn
ausgerechnet das Mädchen heiraten läßt, mit dessen Mutter er selbst
was gehabt hat, und zwar vor der Geburt der Tochter ... Aber –“
In Napoleon Fischers
Gesicht begann es zu arbeiten.
„Aber!“ wiederholte
Diederich stark. „Ich wäre durchaus nicht einverstanden, wenn meine
Leute sich deswegen den Mund verrenken, und wenn Sie, Fischer, nun
vielleicht die Arbeiter gegen die städtischen Behörden aufhetzen,
weil ein Magistratsrat etwas getan hat, was ihm keiner beweisen
kann.“ Seine Faust schlug entrüstet durch die Luft. „Mir hat man
schon nachgesagt, daß ich den Prozeß gegen Lauer angezettelt habe.
Ich will an nichts schuld sein, meine Leute sollen sich ruhig
halten.“
[286] Seine Stimme
ward vertraulicher, er neigte sich näher zu dem anderen hin. „Na,
und weil ich Ihren Einfluß kenne, Fischer ...“
Plötzlich war seine
Hand offen, und auf ihrer Fläche lagen drei große Goldstücke.
Napoleon Fischer sah
sie und verzerrte das Gesicht, als erblickte er den Teufel. „Nein!“
rief er, „und abermals nein! Meine Überzeugung kann ich nicht
verraten! Für allen Mammon der Welt nicht!“
Er hatte rote Augen
und kreischte. Diederich wich zurück; so nahe hatte er dem Umsturz
noch nie ins Gesicht gesehen. „Die Wahrheit muß ans Licht!“
kreischte Napoleon Fischer. „Dafür werden wir Proletarier sorgen:
Das können Sie nicht verhindern, Herr Doktor! Die Schandtaten der
besitzenden Klassen ...“
Diederich hielt ihm
schnell noch einen Kognak hin. „Fischer,“ sagte er eindringlich,
„das Geld biete ich Ihnen dafür, daß mein Name in der Sache nicht
genannt wird.“ Aber Napoleon Fischer wehrte ab; ein hoher Stolz
erschien in seiner Miene.
„Zeugniszwang, Herr
Doktor, üben wir nicht. Wir nicht. Wer uns mit Agitationsstoff
versorgt, hat nichts zu fürchten.“
„Dann ist alles in
Ordnung“, sagte Diederich erleichtert. „Ich wußte schon, Fischer,
daß Sie ein großer Politiker sind. Und darum, wegen des Mädchens,
ich meine die verunglückte Arbeiterin –. Ich habe Ihnen soeben mit
meiner Mitteilung über die Buckschen Schweinereien einen Gefallen
getan ...“
Napoleon Fischer
grinste geschmeichelt. „Weil Herr Doktor sagen, daß ich ein großer
Politiker bin ... Ich will von dem Schadenersatz weiter nicht reden.
Intimitäten aus den ersten Kreisen sind für uns doch wichtiger als
–“
[287] „– als so ein
Mädchen“, ergänzte Diederich. „Sie denken immer als Politiker.“
„Immer“, bestätigte
Napoleon Fischer. „Mahlzeit, Herr Doktor.“
Er zog sich zurück –
indes Diederich feststellte, daß die proletarische Politik ihre
Vorzüge habe. Er schob seine drei Goldstücke wieder in die Tasche.
Am Abend des nächsten
Tages waren alle Spiegel des Hauses im Wohnzimmer zusammengetragen.
Emmi, Magda und Inge Tietz drehten sich dazwischen umher, bis ihnen
die Hälse schmerzten; dann ließen sie sich nervös auf den Rand eines
Stuhles nieder. „Mein Gott, es ist doch Zeit!“ Aber Diederich war
fest entschlossen, nicht wieder zu früh zu kommen, wie beim Prozeß
Lauer. Die ganze Wirkung der Persönlichkeit ging zum Teufel, wenn
man zu früh da war. Als sie endlich gingen, entschuldigte Inge Tietz
sich nochmals bei Frau Heßling, daß sie ihr den Platz im Wagen
wegnehme. Nochmals sagte Frau Heßling: „Ach Gott, es ist gern
geschehen. Ich alte Frau bin zu schwach für so was Großes. Genießt
ihr es nur, Kinder!“ Und sie umarmte unter Tränen ihre Töchter, die
kühl abwehrten. Denn sie wußten, daß die Mutter bloß Angst hatte,
weil jetzt überall von nichts weiter gesprochen wurde als von der
furchtbaren Klatschgeschichte, an der sie selbst schuld war.
Im Wagen fing Inge
gleich wieder davon an. „Na, Bucks und Daimchens! Gespannt bin ich
bloß, ob sie heute die edle Dreistigkeit haben und da sind.“ Magda
sagte ruhig: „Das müssen sie wohl. Sonst geben sie ja zu, daß es
wahr ist.“ – „Wennschon“, erklärte Emmi. „Ich finde, daß das ihre
Sache ist. Ich rege mich darüber nicht auf.“ – „Ich [288]auch
nicht“, setzte Diederich hinzu. „Ich habe es eigentlich erst heute
abend von Ihnen gehört, Fräulein Tietz.“
Hierüber geriet Inge
Tietz außer sich. So leicht dürfe man den Skandal denn doch nicht
nehmen. Ob er glaube, daß sie sich das Ganze ausgedacht habe. „Die
Bucks haben schon längst Butter auf dem Kopf wegen der Sache: das
wissen ihre eigenen Dienstboten.“ – „Also Dienstbotenklatsch“, sagte
Diederich, während er einen kleinen Stoß erwiderte, den Magda ihm
mit dem Knie gab. Dann mußte man schon aussteigen und die Stufen
hinuntergehen, die den neuen Teil der Kaiser-Wilhelm-Straße mit der
tief gelegenen alten Riekestraße verbanden. Diederich fluchte; denn
es begann zu regnen, die Ballschuhe wurden naß; auch standen vor dem
Festlokal Proleten, die feindselig gafften. Hätte man nicht, als der
ganze Stadtteil höher gelegt wurde, auch dieses Gerümpel
niederreißen können? Das historische Harmoniehaus hatte erhalten
werden sollen – als ob die Stadt nicht die Mittel gehabt hätte, in
zentraler Lage ein modernes, erstklassiges Gesellschaftsgebäude zu
bauen. In dem alten Kasten roch es ja nach Moder! Und gleich beim
Eingang kicherten immer die Damen, weil eine Statue der Freundschaft
dastand, die zwar eine hohe Perücke, aber sonst nichts anhatte.
„Vorsicht,“ sagte Diederich auf der Treppe, „sonst brechen wir ein.“
Denn die beiden dünnen Bogen der Treppe griffen durch die Luft wie
zwei vom Alter abgemagerte Arme. Das braune Rosa ihres Holzes war
blaß geworden. Droben aber, wo sie sich vereinigten, lächelte auf
dem Geländer aus seinem blanken Marmorgesicht noch immer der
bezopfte Bürgermeister, der dies alles der Stadt hinterlassen hatte
und der ein Buck gewesen war. Diederich sah ungnädig an ihm vorbei.
[289] In der tiefen
Spiegelgalerie war es ganz still; eine einzelne Dame nur hielt sich
dahinten auf, sie schien durch einen Türspalt in den Festsaal zu
spähen – und plötzlich wurden die Mädchen von Entsetzen ergriffen:
die Vorstellung hatte begonnen! Magda stürzte durch die Galerie und
brach in Weinen aus. Da drehte die Dame sich um, mit dem Finger auf
den Lippen. Es war Frau von Wulckow, die Dichterin. Sie lächelte
erregt und flüsterte: „Es geht gut, mein Stück gefällt. Sie kommen
gerade rechtzeitig, Fräulein Heßling, gehen Sie nur und kleiden sich
um.“ Ach ja! Emmi und Magda hatten erst im zweiten Akt zu tun. Auch
Diederich hatte den Kopf verloren. Indes die Schwestern mit Inge
Tietz, die ihnen helfen sollte, durch die Nebenräume nach der
Garderobe eilten, stellte er sich der Präsidentin vor und blieb
ratlos stehen. „Jetzt dürfen Sie nicht hinein, es würde stören“,
sagte sie. Diederich stammelte Entschuldigungen, und dann rollte er
die Augen, wobei er zwischen den gemalten Ranken der halb
erblindeten Wandspiegel seinem geheimnisvoll blassen Abbild
begegnete. Der zartgelbe Lack der Wände zeigte launische Sprünge,
und auf den Panneaus starben die Farben der Blumen und Gesichter ...
Frau von Wulckow schloß eine kleine Tür, durch die jemand
einzutreten schien, eine Schäferin mit ihrem bebänderten Stab. Sie
schloß die Tür ganz vorsichtig, damit nur die Vorstellung nicht
gestört werde, aber es flog doch ein wenig Staub auf, als sei es
Puder aus dem Haar der gemalten Schäferin.
„Dies Haus ist so
romantisch“, flüsterte Frau von Wulckow. „Finden Sie nicht auch,
Herr Doktor? Wenn man sich hier im Spiegel sieht, glaubt man einen
Reifrock anzuhaben“ – worauf Diederich, immer ratloser, ihr
Hängekleid ansah. Die entblößten Schultern waren hohl [290]und nach
vorn gebogen, die Haare von slawischem Weißblond, und Frau von
Wulckow trug einen Zwicker.
„Sie passen hier
glänzend herein, Frau Präsidentin ... Frau Gräfin“, verbesserte er
und sah sich mit einem Lächeln belohnt für seine kühne Schmeichelei.
Nicht jeder würde Frau von Wulckow so treffsicher daran erinnert
haben, daß sie eine geborene Gräfin Züsewitz war!
„Tatsächlich“,
bemerkte sie, „sollte man kaum glauben, daß dies Haus seinerzeit
nicht für eine wirklich vornehme Gesellschaft gebaut worden ist,
sondern nur für die guten Netziger Bürger.“ Sie lächelte
nachsichtig.
„Ja, das ist
komisch“, bestätigte Diederich mit einem Kratzfuß. „Aber heute
können sich zweifellos nur Frau Gräfin hier ganz zu Hause fühlen.“
„Sie haben gewiß Sinn
für das Schöne“, vermutete Frau von Wulckow; und da Diederich es
bestätigte, erklärte sie, dann dürfe er den ersten Akt doch nicht
ganz versäumen, sondern müsse durch den Türspalt sehen. Sie selbst
trat schon längst von einem Fuß auf den anderen. Sie wies mit dem
Fächer nach der Bühne. „Herr Major Kunze wird gleich abgehen. Er ist
ja nicht besonders gut, aber was wollen Sie, er sitzt im Vorstand
der Harmonie und hat den Leuten die künstlerische Bedeutung meines
Werkes erst zum Verständnis gebracht.“ Indes Diederich den Major
unschwer wiedererkannte, denn er hatte sich gar nicht verändert,
erläuterte die Dichterin ihm mit fliegender Geläufigkeit die
Vorgänge. Das junge Bauernmädchen, mit dem Kunze sich unterhielt,
war seine natürliche Tochter, also eine Grafentochter, weshalb das
Stück denn auch „Die heimliche Gräfin“ hieß. Gerade klärte Kunze
sie, bärbeißig wie immer, über diesen Umstand auf. Auch eröffnete er
ihr, er werde sie mit einem armen Vetter verhei[291]raten und ihr
die Hälfte seiner Besitztümer vererben. Hierüber herrschte, als er
abgegangen war, laute Freude bei dem Mädchen und ihrer Pflegemutter,
der braven Pächtersfrau.
„Wer ist denn die
schreckliche Person?“ fragte Diederich, bevor er es bedacht hatte.
Frau von Wulckow war erstaunt.
„Es ist doch die
komische Alte vom Stadttheater. Wir hatten sonst niemand für die
Rolle; aber meine Nichte spielt ganz gern mit ihr.“
Und Diederich
erschrak; mit der schrecklichen Person hatte er die Nichte gemeint.
„Das Fräulein Nichte ist ganz reizend“, beteuerte er schnell und
blinzelte entzückt nach dem dicken roten Gesicht, das gleich auf den
Schultern saß – und es waren Wulckows Schultern! „Talent hat sie
aber auch“, setzte er der Sicherheit wegen hinzu. Frau von Wulckow
wisperte: „Passen Sie nur auf“ – und da kam aus der Kulisse Assessor
Jadassohn. Welch eine Überraschung! Er hatte ganz neue Bügelfalten
und trug in seinem imposant geschweiften Cutaway eine riesenhafte
Plastronkrawatte mit einem roten Funkelstein von entsprechendem
Umfang. Aber so sehr der Stein auch funkelte, Jadassohns Ohren
überstrahlten ihn. Da sein Kopf frisch geschoren und sehr platt war,
standen die Ohren frei heraus und beleuchteten wie zwei Lampen seine
festliche Pracht. Er spreizte die gelb behandschuhten Hände, als
plädierte er für viele Jahre Zuchthaus; und tatsächlich sagte er der
Nichte, die geradezu konsterniert schien, und der heulenden
komischen Alten die peinlichsten Dinge ... Frau von Wulckow
wisperte: „Er ist ein schlechter Charakter.“
„Und ob“, sagte
Diederich mit Überzeugung.
„Kennen Sie denn mein
Stück?“
„Ach so. Nein. Aber
ich sehe schon, was er will.“
[292] Nämlich
Jadassohn der der Sohn und Erbe des alten Grafen Kunze war, hatte
gelauscht und war durchaus nicht gesonnen, die Hälfte seiner ihm von
Gott verliehenen Besitztümer an die Nichte abzutreten. Er verlangte
gebieterisch, daß sie augenblicklich das Feld räume; widrigenfalls
er sie als Erbschleicherin verhaften und Kunze entmündigen lassen
werde.
„Das ist eine
Gemeinheit“, bemerkte Diederich. „Sie ist doch seine Schwester.“ Die
Dichterin erklärte ihm:
„Nun ja. Aber
andererseits hat er recht, wenn er ein Fideikommiß aus den Gütern
machen will. Er arbeitet eben für das ganze Geschlecht, mag auch der
einzelne zu kurz kommen. Für die heimliche Gräfin ist das natürlich
tragisch.“
„Wenn man es recht
bedenkt –“, Diederich war hocherfreut. Dieser aristokratische
Gesichtspunkt kam auch ihm selbst zustatten, wenn er keine Neigung
fühlte, Magda bei ihrer Verheiratung am Geschäft zu beteiligen.
„Frau Gräfin, Ihr
Stück ist erstklassig“, sagte er, durchdrungen. Aber da zog Frau von
Wulckow ihn angstvoll am Arm: im Publikum entstanden Geräusche, es
scharrte, schnupfte sich aus und kicherte. „Er übertreibt“, stöhnte
die Dichterin. „Ich habe es ihm immer gesagt.“
Denn Jadassohn führte
sich wirklich unerhört auf. Die Nichte samt der komischen Alten
klemmte er hinter den Tisch ein und füllte mit den tobenden
Bekundungen seiner gräflichen Persönlichkeit die ganze Bühne. Je
mehr das Haus ihn mißbilligte, desto herausfordernder lebte er dort
oben sich aus. Jetzt zischte man sogar; ja, mehrere wandten sich
nach der Tür um, hinter der Frau von Wulckow bebte, und zischten.
Vielleicht geschah es nur, weil die Tür kreischte – aber die
Dichterin fuhr zurück, sie verlor den Zwicker und tastete in
hilflosem Entsetzen durch die Luft, [293]bis Diederich ihn ihr
zurückbrachte. Er versuchte, sie zu trösten. „Es hat nichts zu
sagen, Jadassohn geht doch hoffentlich bald ab?“ Sie horchte durch
die geschlossene Tür. „Ja, Gott sei Dank“, plapperte sie, und die
Zähne schlugen ihr aufeinander. „Jetzt ist er fertig, jetzt flieht
meine Nichte mit der komischen Alten, und dann kommt Kunze wieder
mit dem Leutnant, wissen Sie.“
„Ein Leutnant spielt
auch mit?“ fragte Diederich achtungsvoll.
„Ja, das heißt, er
ist noch auf dem Gymnasium, er ist ein Sohn des Herrn
Landgerichtsdirektors Sprezius: der arme Verwandte, wissen Sie, den
der alte Graf seiner Tochter zum Mann geben will. Er verspricht dem
Alten, daß er die heimliche Gräfin in der ganzen Welt suchen wird.“
„Sehr begreiflich“,
sagte Diederich. „Es liegt in seinem eigenen Interesse.“
„Sie werden sehen, er
ist ein edler Mensch.“
„Aber Jadassohn, wenn
ich mir die Bemerkung erlauben darf, Frau Gräfin, den hätten Sie
nicht mitspielen lassen sollen“, sagte Diederich vorwurfsvoll und
mit heimlicher Genugtuung. „Schon wegen der Ohren.“
Frau von Wulckow
sagte niedergeschlagen:
„Ich dachte nicht,
daß sie auf der Bühne so wirken würden. Glauben Sie nun, daß es ein
Mißerfolg wird?“
„Frau Gräfin!“
Diederich legte die Hand auf das Herz. „Ein Stück wie die ‚heimliche
Gräfin‘ ist nicht so leicht Umzubringen!“
„Nicht wahr? Es kommt
beim Theater doch wohl auf die künstlerische Bedeutung an.“
„Gewiß. Freilich, so
ein Paar Ohren haben auch viel Einfluß“ – und Diederich machte ein
bedenkliches Gesicht.
Frau von Wulckow rief
flehend aus:
[294] „Wo doch der
zweite Akt noch viel besser ist! Er spielt in einer protzigen
Fabrikantenfamilie, und die heimliche Gräfin dient dort als
Stubenmädchen. Dann ist da ein Klavierlehrer, kein feiner Mensch,
eine der Töchter hat er sogar geküßt, und nun macht er der Gräfin
einen Heiratsantrag, den sie natürlich weit von sich weist. Ein
Klavierlehrer! Wie könnte sie!“
Diederich bestätigte,
es sei ausgeschlossen.
„Aber nun sehen Sie,
wie tragisch: die Tochter, die sich von dem Klavierlehrer hat küssen
lassen, verlobt sich auf einem Ball mit einem Leutnant, und wie der
Leutnant ins Haus kommt, da ist es derselbe Leutnant, der –“
„O Gott, Frau
Gräfin!“ Diederich streckte schützend die Hände vor, ganz erregt
durch so viele Verwicklungen. „Wie kommen Sie nur auf all die
Geschichten?“
Die Dichterin
lächelte leidenschaftlich.
„Ja, nämlich das ist
das Interessanteste: Nachher weiß man es nicht mehr. Es geht so
geheimnisvoll zu im Gemüt! Manchmal denke ich mir, ich muß es geerbt
haben.“
„Haben Sie denn so
viele Dichter in Ihrer werten Familie?“
„Das nicht. Aber wenn
nicht mein großer Vorfahre die Schlacht bei Kröchenwerda gewonnen
hätte, wer weiß, ob ich die ‚heimliche Gräfin‘ geschrieben haben
würde. Es kommt schließlich immer auf das Blut an!“
Bei dem Namen der
Schlacht machte Diederich einen Kratzfuß, und er wagte nichts mehr
zu fragen.
„Jetzt muß gleich der
Vorhang fallen“, sagte Frau von Wulckow. „Hören Sie etwas?“
Er hörte nichts; nur
für die Dichterin gab es nicht Tür noch Wände. „Jetzt schwört der
Leutnant der fernen Gräfin die ewige Treue“, flüsterte sie. „So“;
und alles [295]Blut wich ihr aus dem Gesicht. Gleich darauf schoß es
heftig zurück; man klatschte: nicht stürmisch; aber man klatschte.
Die Tür ward von drinnen geöffnet. Dort hinten rollte nochmals der
Vorhang hinauf, und da der junge Sprezius und die Wulckowsche Nichte
hervorkamen, ward der Beifall lebhafter. Plötzlich schnellte aus der
Kulisse Jadassohn, pflanzte sich vor die beiden und machte Miene,
den Erfolg einzuheimsen – worauf gezischt ward. Frau von Wulckow
wandte sich entrüstet ab. Der Schwiegermutter des Bürgermeisters
Scheffelweis und der Landgerichtsrätin Harnisch, die ihr Glück
wünschten, erklärte sie: „Herr Assessor Jadassohn ist als
Staatsanwalt unmöglich. Ich werde es meinem Mann sagen.“
Die Damen gaben den
Ausspruch sofort weiter und hatten viel Erfolg damit. Plötzlich war
die Spiegelgalerie voll von Gruppen, die über Jadassohns Ohren
herfielen. „Die Präsidentin hat recht wacker gedichtet; nur
Jadassohns Ohren –.“ Als man hörte, daß Jadassohn im zweiten Akt
nicht mehr wiederkomme, war man doch enttäuscht. Wolfgang Buck ging
mit Guste Daimchen auf Diederich zu. „Haben Sie gehört?“ fragte er.
„Jadassohn soll eine Amtshandlung vornehmen und seine Ohren
konfiszieren.“ Diederich sagte mißbilligend: „Ich mache keine Witze,
wenn es jemandem schlecht geht.“ Und dabei überwachte er eifrig die
Blicke, die Buck und seine Begleiterin trafen. Alle Mienen lebten
auf, wenn sie die beiden erblickten; Jadassohn war vergessen. Vom
Ausgang trug die dünne Schreistimme des Professor Kühnchen etwas
durch den Wirrwarr, das klang wie „Affenschande“. Da die Pastorin
Zillich ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm legte, wandte er
sich her, und jetzt verstand man es deutlich: „Eine ausgewachsene
Affenschande ist es!“
[296] Guste sah sich
um; sie bekam Schlitzaugen. „Dort sprechen sie auch davon“, sagte
sie geheimnisvoll.
„Wovon?“ stammelte
Diederich.
„Wir wissen schon.
Und wer es aufgebracht hat, weiß ich auch.“
Hier brach Diederich
der Schweiß aus. „Was haben Sie denn?“ fragte Guste. Buck, der durch
die Seitentür nach dem Büfett schielte, sagte phlegmatisch:
„Heßling ist ein
vorsichtiger Politiker, er hört nicht gern mit an, daß der
Bürgermeister zwar einerseits ein guter Ehemann ist, aber
andererseits auch seiner Schwiegermutter nichts abschlagen kann.“
Sofort ward Diederich
dunkelrot.
„Das ist eine
Gemeinheit! Wie kann jemand sich solch eine Gemeinheit ausdenken!“
Guste kicherte
heftig. Buck blieb unbewegt. „Erstens scheint es Tatsache zu sein,
denn die Frau Bürgermeister hat die beiden überrascht und sich einer
Freundin anvertraut. Dann aber lag es ja auf der Hand.“
Guste brachte hervor:
„Na Sie, Herr Doktor, wären natürlich nie darauf gekommen.“ Dabei
blinzelte sie verliebt ihrem Verlobten zu. Diederich blitzte. „Aha!“
sagte er stramm. „Jetzt weiß ich freilich genug.“ Und er drehte
ihnen den Rücken. Sie erfanden also selbst Gemeinheiten, noch dazu
über den Bürgermeister! Diederich durfte den Kopf hoch tragen. Er
stieß zu der Gruppe Kühnchens, die sich nach dem Büfett hin bewegte
und ein Kielwasser von sittlicher Entrüstung hinterließ. Die
Schwiegermutter des Bürgermeisters schwur mit rotem Gesicht, „diese
Gesellschaft“ werde ihr Haus künftig nur noch von außen sehen, und
mehrere Damen schlossen sich ihrem Vorsatz an, trotz Abraten des
Warenhausbesitzers Herrn [297]Cohn, der bis auf weiteres alles in
Zweifel zog, weil eine derartige sittliche Entgleisung bei einem
bewährten alten Liberalen wie dem Herrn Buck ganz ausgeschlossen
erscheine. Professor Kühnchen war vielmehr der Meinung, daß ein zu
weit gehender Radikalismus auch die Moral gefährde. Selbst Doktor
Heuteufel, der doch die Sonntagsfeiern für freie Menschen
veranstaltete, machte die Bemerkung, an Familiensinn, man könne auch
sagen Nepotismus, habe es dem alten Buck niemals gefehlt. „Beispiele
dafür liegen Ihnen allen auf der Zunge. Und daß er jetzt, um das
Geld in der Familie zu erhalten, sich anschickt, seine unehelichen
Kinder mit seinen ehelichen zu verheiraten, das, meine Herrschaften,
würde ich ärztlich als greisenhafte Ausschreitung einer früher noch
beherrschten Naturanlage diagnostizieren.“ Hierbei bekamen die Damen
erschreckte Gesichter, und die Pastorin Zillich schickte ihr
Käthchen in die Garderobe nach ihrem Schnupftuch.
Auf ihrem Wege kam
Käthchen an Guste Daimchen vorbei, aber sie begrüßte sie nicht,
sondern schlug die Augen nieder; da machte Guste ein betretenes
Gesicht. Am Büfett bemerkte man es und äußerte Mißbilligung,
vermischt mit Mitleid. Guste mußte nun eben erfahren, was es hieß,
sich über die öffentliche Moral hinwegzusetzen. Mochte ihr
zugebilligt werden, daß sie vielleicht getäuscht und schlecht
beeinflußt sei: Frau Oberinspektor Daimchen aber, die wußte doch
wohl Bescheid, und sie war gewarnt! Die Schwiegermutter des
Bürgermeisters berichtete von ihrem Besuch bei Gustes Mutter und von
ihren vergeblichen Anstrengungen, durch Anklopfen ein Geständnis
hervorzulocken aus der verhärteten alten Frau, der eine legitime
Verbindung mit dem Hause Buck wohl einen Jugendtraum erfüllte!...
[298] „Na, und der
Herr Rechtsanwalt Buck!“ kreischte Kühnchen. Tatsächlich, wen wollte
dieser Herr glauben machen, daß er über die neue Schande, die seine
Familie traf, nicht genau unterrichtet sei? Waren ihm die Verbrechen
im Hause Lauer etwa unbekannt gewesen? Und doch sah man ihn nicht
zögern, die schmutzige Wäsche seiner Schwester und seines Schwagers
öffentlich vor Gericht auszubreiten, nur um von sich reden zu
machen! Doktor Heuteufel, den es noch immer drängte, seine eigene
Haltung im Prozeß nachträglich zu verbessern, erklärte: „Das ist
kein Verteidiger, das ist ein Komödiant!“ Und als Diederich zu
bedenken gab, Buck habe nun einmal gewisse, wenn auch anfechtbare
Überzeugungen in Politik und Moral, da ward ihm erwidert: „Herr
Doktor, Sie sind sein Freund. Daß Sie für ihn eintreten, spricht zu
Ihren Gunsten, aber Sie machen uns nichts weiß;“ – worauf Diederich
sich zurückzog, mit bekümmerter Miene, aber nicht ohne einen Blick
auf den Redakteur Nothgroschen, der bescheiden an einer
Schinkensemmel kaute und alles hörte.
Plötzlich entstand
eine Stille, denn drinnen, nahe der Bühne, erblickte man den alten
Herrn Buck in einem Kreis junger Mädchen. Es schien, er erklärte
ihnen die Malereien an den Wänden, das Leben von ehemals, das
verblichen und heiter den ganzen Saal umgab, mit dem Umkreis der
Stadt, wie sie gewesen war, mit verschwundenen Wiesen und Gärten und
den Menschen allen, lärmend einst als Herren hier in diesem
Festhaus, nun aber in hingetäuschte Tiefen gebannt vor dem
Geschlecht, das eben jetzt lärmte ... Jetzt sah es gar aus, als
ahmten sie, die Mädchen und der Alte, den Figuren nach. Gerade über
ihnen war das Burgtor abgebildet, und ein Herr in Perücke und
Amtskette trat heraus, derselbe, der aus Marmor zu [299]Häupten der
Treppe stand. In dem lieblichen Gehölz voller Blumen aber, das
damals wohl dort, statt der Papierfabrik Gausenfeld, geblüht hatte,
tanzten ihm helle Kinder entgegen, warfen einen Kranz über ihn und
wollten ihn damit umherdrehen. Der Widerschein von rosigen kleinen
Wolken fiel auf sein glückliches Gesicht. So glücklich lächelte in
diesem Augenblick auch der alte Buck, ließ sich von den Mädchen hin
und her ziehen und war von ihnen gefangen, wie in einem lebenden
Kranz. Seine Sorglosigkeit war unbegreiflich, sie war aufreizend.
Hatte er schon sein Gewissen bis zu dem Grade abgestumpft, daß er
seine natürliche Tochter –: „Unsere Töchter sind eben doch keine
natürlichen Kinder“, sagte Frau Warenhausbesitzer Cohn. „Meine
Sidonie mit Guste Daimchen Arm in Arm!“... Buck und seine jungen
Freundinnen merkten gar nicht, daß sie sich am Ende eines leeren
Raumes befanden. Vorn bildete feindliches Publikum eine Mauer; die
Augen fingen zu funkeln an, und der Mut wuchs. „Die Familie ist die
längste Zeit obenauf gewesen! Einen haben sie schon in der Vogtei,
gleich kommt Nummer zwei!“... „Das ist ja der reinste Rattenfänger!“
murrte es; und drüben: „Ich sehe es nicht noch länger mit an!“ Jäh
entrangen sich zwei Damen dem allgemeinen Druck, nahmen einen Anlauf
und durchkreuzten den leeren Raum. Frau Rat Harnisch, die in ihrer
roten Samtschleppe dahinkugelte, traf am Ziel pünktlich auf die
gelbe Frau Cohn, mit demselben Griff bemächtigte die eine sich ihrer
Sidonie, die andere ihrer Meta, und welch eine Genugtuung, als sie
wieder anlangten! „Ich war einer Ohnmacht nahe“, sagte die Pastorin
Zillich, da nun gottlob auch Käthchen sich einfand.
Die gute Laune kehrte
zurück, man scherzte über den [300]alten Sünder und verglich ihn mit
dem Grafen im Stück der Präsidentin. Freilich, Guste war keine
heimliche Gräfin; in einer Dichtung konnte man, der Präsidentin zu
gefallen, mit solchen Zuständen sympathisieren. Übrigens waren sie
dort noch erträglich, denn die Gräfin sollte nur ihren Vetter
heiraten, während Guste –!
Der alte Buck, der
niemand mehr um sich sah, als seine künftige Schwiegertochter und
eine seiner Nichten, bekam eine fragende Miene; ja, unter den
Blicken, die ihn in seiner Verlassenheit musterten, ward er
sichtlich verlegen. Man machte einander darauf aufmerksam; – und
Diederich sogar fragte sich, ob Frau Heßlings alte Skandalgeschichte
denn etwa gar wahr sei? Da er das Phantom, das er selbst in die Welt
geschickt hatte, hier einen Körper annehmen und immer drohender um
sich greifen sah, war ihm selber bange geworden. Diesmal galt es
nicht irgendeinem Lauer, es galt dem alten Herrn Buck, der
ehrwürdigsten Figur aus Diederichs Kindertagen, dem großen Mann der
Stadt, der Verkörperung ihres Bürgersinnes, dem zum Tode
Verurteilten von Achtundvierzig! Im eigenen Herzen fühlte Diederich
ein Sträuben gegen sein Unterfangen. Auch schien es Wahnwitz; ein
Streich wie dieser zerschmetterte den Alten noch längst nicht. Kam
es aber heraus, wer der Urheber war, dann mußte Diederich darauf
gefaßt sein, daß alle sich gegen ihn wendeten ... Gleichwohl blieb
es ein Streich, und er hatte getroffen. Jetzt war es nicht mehr bloß
die Familie, die bröckelte und an dem Alten als Last hing: der
Bruder vor dem Bankerott, der Schwiegersohn im Gefängnis, die
Tochter auf Reisen mit einem Liebhaber, und von den Söhnen einer
verbauert, der andere verdächtig durch Gesinnung und Lebensführung,
– jetzt schwankte er, zum ersten Male, [301]selbst. Herunter mit
ihm, damit Diederich hinaufkam! Trotzdem war es Diederich bange bis
in den Leib hinein, er machte sich auf, um die Nebenräume zu
besuchen.
Er lief, denn es
klingelte schon zum zweiten Akt: da stieß er mit der Schwiegermutter
des Bürgermeisters zusammen, die es aus einem anderen Grund ebenso
eilig hatte. Sie kam gerade noch rechtzeitig, um zu verhindern, daß
ihr Schwiegersohn, gelenkt von seiner Frau, sich auf den alten Buck
zu bewege und ihn mit seiner Autorität decke. „Mit deiner Autorität
als Bürgermeister, einen solchen Skandal!“ Sie war heiser vor
Aufregung. Die Frau aber mit ihrer grellen kleinen Stimme blieb
dabei, die Bucks seien nun einmal die feinsten Leute hier, und noch
gestern habe Milli Buck ihr ein fabelhaftes Schnittmuster gegeben.
Mit versteckten Püffen trieb jede ihn nach ihrer Seite; er gab ihnen
abwechselnd recht, seine blassen Bartkotelettes flohen nach links
und nach rechts, und er hatte Augen wie ein Hase. Die
Vorübergehenden stießen einander an und wiederholten flüsternd als
einen Witz, was Diederich durch Wolfgang Buck wußte. Angesichts so
wichtiger Vorgänge vergaß er seine Leibschmerzen, blieb stehen und
beschrieb einen herausfordernden Gruß. Der Bürgermeister gab sich
Haltung, verließ seine Damen, er streckte Diederich die Hand hin.
„Mein lieber Doktor Heßling, es freut mich, das ist einmal ein
gelungenes Fest, wie?“
Aber Diederich zeigte
sich gar nicht geneigt, auf die nichtssagende Herzlichkeit
einzugehen, die Doktor Scheffelweis so sehr liebte. Er richtete sich
auf wie das Verhängnis und blitzte.
„Herr Bürgermeister,
ich fühle mich nicht berechtigt, Sie im unklaren zu lassen über
gewisse Dinge, die –“
„Die?“ fragte Doktor
Scheffelweis, erbleicht.
„Die vorgehen“, sagte
Diederich nicht ohne Härte. Der [302]Bürgermeister bat um Erbarmen.
„Ich weiß doch schon. Es ist die fatale Geschichte mit unserem
allverehrten – ich wollte sagen, die Schweinerei des alten Buck“,
flüsterte er vertraulich. Diederich blieb kalt.
„Es ist mehr. Sie
dürfen sich nicht länger täuschen, Herr Bürgermeister: es betrifft
Sie selbst.“
„Junger Mann, ich muß
doch bitten ...“
„Ich stehe Ihnen zur
Verfügung, Herr Bürgermeister!“
Doktor Scheffelweis
irrte, wenn er hoffte, dieser Kelch sei durch Aufbegehren besser
abzuwenden als durch Flehen! Er war in Diederichs Hand; die
Spiegelgalerie hatte sich geleert, auch die beiden Damen
verschwanden dahinten im Gedränge.
„Buck und Genossen
führen einen Gegenschlag“, sagte Diederich sachlich. „Sie sind
entlarvt und rächen sich.“
„An mir?“ Der
Bürgermeister hüpfte auf.
„Verleumdungen, ich
wiederhole: infame Verleumdungen werden gegen Sie gerichtet. Kein
Mensch würde sie glauben, aber in diesen Zeiten der politischen
Kämpfe –“
Er beendete nicht,
sondern hob die Schultern. Doktor Scheffelweis war sichtlich kleiner
geworden. Er wollte Diederich ansehen, irrte aber ab. Da bekam
Diederich die Stimme des Gerichts.
„Herr Bürgermeister!
Sie erinnern sich an unsere erste Unterredung in Ihrem Hause, mit
Herrn Assessor Jadassohn. Ich habe Sie schon damals darauf
vorbereitet, daß ein neuer Geist in die Stadt einziehen werde. Die
schlappe demokratische Gesinnung hat abgewirtschaftet! Stramm
national muß man heut sein! Sie waren gewarnt!“
Doktor Scheffelweis
stand Rede.
„Ich war innerlich
schon immer auf Ihrer Seite, lieber Freund: um so mehr, als ich ein
besonderer Verehrer [303]Seiner Majestät bin. Unser herrlicher
junger Kaiser ist ein so origineller Denker ... impulsiv ... und
...“
„Die persönlichste
Persönlichkeit“, ergänzte Diederich streng.
Der Bürgermeister
sprach nach: „Persönlichkeit ... Aber ich in meiner Stellung, die
nach beiden Seiten blickt, kann Ihnen auch heute nur wiederholen:
Schaffen Sie neue Tatsachen!“
„Und mein Prozeß? Ich
habe die Feinde Seiner Majestät glatt zerschmettert!“
„Ich habe Ihnen
nichts in den Weg gelegt. Ich habe Sie sogar beglückwünscht.“
„Mir nicht bekannt.“
„Wenigstens im
stillen.“
„Heute muß man sich
offen entscheiden, Herr Bürgermeister. Seine Majestät haben es
selbst gesagt: wer nicht für mich ist, ist wider mich! Unsere Bürger
sollen endlich aus dem Schlummer erwachen und bei der Bekämpfung der
umwälzenden Elemente selbst mit Hand anlegen!“
Hier schlug Doktor
Scheffelweis die Augen nieder. Um so gebieterischer reckte sich
Diederich.
„Wo aber bleibt der
Bürgermeister?“ fragte er, und seine Frage klang in einer drohenden
Stille so lange nach, bis Doktor Scheffelweis sich entschloß, ihn
anzublinzeln. Zum Sprechen brachte er es nicht; Diederichs
Erscheinung, blitzend, gesträubt und blond gedunsen, verschlug ihm
die Rede. In fliegender Verwirrung dachte er: „Einerseits –
andererseits“ – und blinzelte immerfort das Bild der neuen Jugend
an, die wußte, was sie wollte, den Vertreter der harten Zeit, die
nun kam!
Diederich, mit
herabgezogenen Mundwinkeln, nahm die Huldigung entgegen. Er genoß
einen der Augenblicke, [304]in denen er mehr bedeutete als sich
selbst, und im Geiste eines Höheren handelte. Der Bürgermeister war
länger als er, aber Diederich sah auf ihn hinunter, als hätte er
gethront. „Nächstens haben wir Stadtverordnetenwahlen: da kommt es
nun ganz auf Sie an“, äußerte er gnädig und knapp. „Der Prozeß Lauer
hat einen Umschwung der öffentlichen Meinung bewirkt. Die Leute
haben Angst vor mir. Wer mir behilflich sein will, ist mir
willkommen; wer sich mir entgegenstellt –“
Den Nachsatz wartete
Doktor Scheffelweis nicht ab. „Ich bin ganz Ihrer Meinung,“
flüsterte er beflissen, „Freunde des Herrn Buck dürfen nicht mehr
gewählt werden.“
„Das liegt in Ihrem
eigensten Interesse. Bei den Schlechtgesinnten untergräbt man Ihren
guten Ruf, Herr Bürgermeister! Könnten Sie es heute überleben, daß
die Gutgesinnten den abscheulichen Verleumdungen nicht mehr
widersprechen?“ Eine Pause, in der Doktor Scheffelweis zitterte;
dann wiederholte Diederich, ermutigend: „Es kommt nur auf Sie an.“ –
Der Bürgermeister murmelte: „Ihre Energie und anständige Gesinnung
in Ehren –“
„Meine hochanständige
Gesinnung!“
„Freilich ... Aber
Sie sind ein politischer Heißsporn, mein junger Freund. Die Stadt
ist noch nicht reif für Sie. Wie wollen Sie mit ihr fertig werden?“
Statt einer Antwort
trat Diederich plötzlich zurück und machte einen Kratzfuß. Im
Eingang stand Wulckow.
Er kam herbei unter
elastischem Schwenken des Bauches, legte seine schwarze Tatze dem
Doktor Scheffelweis auf die Schulter und sagte dröhnend: „Na,
Bürgermeisterchen, so solo hier? Ihre Stadtverordneten haben Sie
wohl hinausgeworfen?“ – worauf Doktor Scheffelweis bleich mitlachte.
Aber Diederich sah sich heftig besorgt nach der Saaltür um, [305]die
noch offen stand. Er trat vor Wulckow hin, so daß der Präsident von
drinnen nicht zu sehen war, und flüsterte ihm einige Worte zu,
infolge deren der Präsident sich abwandte und seine Kleider ordnete.
Dann sagte er zu Diederich: „Sie sind wirklich sehr brauchbar,
Doktorchen.“
Diederich lächelte
geschmeichelt. „Ihre Anerkennung, Herr Präsident, macht mich
glücklich.“
Wulckow äußerte
gnädig: „Sie können gewiß auch sonst noch allerlei. Wir müssen mal
drüber reden.“ Er streckte den Kopf vor, braunfleckig, mit
slawischen Backenknochen, und glotzte Diederich an aus den
Mongolenfalten seiner Augen, die voll einer warmblütigen,
schalkhaften Gewaltsamkeit waren: – glotzte, bis Diederich
schnaufte. Dieser Erfolg schien Wulckow zu befriedigen. Er bürstete
vor dem Spiegel seinen Bart, zerdrückte ihn aber sogleich wieder auf
dem Frackhemd, weil er den Kopf wie ein Stier trug, und sagte: „Nu
los! Der Klimbim ist wohl schon im Gange?“ Und in der Mitte zwischen
Diederich und dem Bürgermeister schickte er sich an, mit Wucht die
Vorstellung zu stören: da kam vom Büfett her eine dünne Stimme:
„Ach Gott, Ottochen!“
„Na, da ist sie“,
brummte Wulckow, und er ging seiner Frau entgegen. „Dachte mir
schon, wenn es zum Klappen kommt, scheut sie. Mehr Reitergeist,
meine beste Frieda!“
„Ach Gott, Ottochen,
ich habe nun mal solche grauenhafte Angst.“ Zu den beiden anderen
Herrn gewandt plauderte sie geläufig, wenn auch bebend. „Ich weiß
wohl, man sollte freudigeren Herzens in die Schlacht gehen.“
„Besonders,“ sagte
Diederich schlagfertig, „wenn sie im voraus gewonnen ist.“ Und er
verneigte sich ritterlich. Frau von Wulckow berührte ihn mit dem
Fächer.
„Herr Doktor Heßling
hat mir nämlich schon während [306]des ersten Aktes hier draußen
Gesellschaft geleistet. Er hat Sinn für das Schöne, er gibt einem
sogar nützliche Winke.“
„Hab’ ich gemerkt“,
sagte Wulckow; und indes Diederich abwechselnd ihm und seiner Frau
dankerfüllte Kratzfüße machte, setzte der Präsident hinzu: „Bleiben
wir lieber gleich beim Büfett.“
„Das war auch mein
Schlachtplan“, plauderte Frau von Wulckow. „Um so mehr, als ich
jetzt festgestellt habe, daß man hier eine kleine Tür nach dem Saal
öffnen kann. So erfreut man sich der von den Ereignissen unberührten
Isoliertheit, die ich nun einmal brauche, und bleibt dennoch au
fait.“
„Bürgermeisterchen,“
sagte Wulckow und schnalzte, „den Hummersalat sollten Sie sich auch
kaufen.“ Er zog Doktor Scheffelweis am Ohr und setzte hinzu: „In der
Sache mit dem städtischen Arbeitsnachweis hat der Magistrat mal
wieder eine jammervolle Rolle gespielt.“
Der Bürgermeister aß
gehorsam und hörte gehorsam zu – indes Diederich neben Frau von
Wulckow nach der Bühne ausspähte. Dort hatte Magda Heßling
Klavierstunde, und der Lehrer, ein dunkellockiger Virtuose, küßte
sie feurig, was sie nicht übel zu vermerken schien. „Kienast dürfte
das nicht sehen“, dachte Diederich, aber auch im eigenen Namen
fühlte er sich gekränkt. Er äußerte:
„Finden Frau Gräfin
nicht doch, daß der Klavierlehrer zu naturalistisch spielt?“
Die Dichterin
erwiderte befremdet: „Ganz so lag es in meiner Intention.“
„Ich meinte auch
nur“, sagte Diederich unsicher – und dann erschrak er, denn in der
Tür erschien Frau Heßling oder eine Dame, die ihr ähnlich sah. Emmi
kam auch, und das Paar war ertappt, man schrie und weinte. Um so
lauter sprach Wulckow.
[307] „Nee,
Bürgermeister. Auf den alten Buck können Sie sich diesmal nicht
’rausreden. Wenn er damals den städtischen Arbeitsnachweis
durchgedrückt hat: die Anwendung tut es, die ist Ihre Sache.“
Doktor Scheffelweis
wollte etwas vorbringen, aber Magda schrie, sie denke nicht daran,
den Menschen zu heiraten, dafür sei das Dienstmädchen gut genug. Die
Dichterin bemerkte:
„Das muß sie noch
ordinärer bringen. Es sind doch Parvenüs.“
Und Diederich
lächelte zustimmend, obwohl er arg betreten war durch diese Zustände
in einem Heim, das dem seinen glich. Innerlich gab er Emmi recht,
die erklärte, der Skandal müsse sogleich aus der Welt geschafft
werden, und die das Dienstmädchen hereinrief. Aber wie das Mädchen
sich zeigte, verdammt, da war es die heimliche Gräfin! In die
Stille, die ihr Auftreten bewirkte, tönte Wulckows Baßstimme.
„Bleiben Sie mir mal
weg mit dem Schwindel von Ihren sozialen Pflichten. Die
Landwirtschaft ruinieren soll sozial sein?“
Im Publikum wandten
mehrere sich um; die Dichterin wisperte angstvoll: „Ottochen, um
Gottes willen!“
„Was ist denn los?“
Er trat in die Tür. „Nun sollen sie mal zischen!“
Niemand zischte. Er
wandte sich wieder dem Bürgermeister zu:
„Mit Ihrem
Arbeitsnachweis ziehen Sie unsereinem, der im Osten begütert ist,
die Arbeiter fort, das ist mal sicher. Und ferner: Sie haben sogar
Vertreter der Arbeiter in Ihrem miserablen Arbeitsnachweis – und
dabei vermitteln Sie auch für die Landwirtschaft. Wohin steuern Sie
also? Nach der Koalition der Landarbeiter. Sehen [308]Sie wohl,
Bürgermeisterchen?“ Seine Tatze fiel auf Doktor Scheffelweis’
nachgiebige Schulter. „Wir kommen Ihnen hinter die Schliche. Wird
nicht geduldet!“
Auf der Bühne sprach
die Wulckowsche Nichte ins Publikum, denn die Fabrikantenfamilie
durfte nichts hören.
„Wie? Ich, ein
Grafenkind, einen Klavierlehrer heiraten? Das sei ferne von mir.
Wenn die Leute mir auch eine Ausstattung versprechen, für Geld mögen
andere sich erniedrigen. Ich aber weiß, was ich meiner edlen Geburt
schuldig bin!“
Hier ward
applaudiert. Frau Harnisch und Frau Tietz sah man Tränen
fortwischen, die der Edelsinn der Gräfin ihnen hatte entquellen
lassen. Aber die fortgewischten Tränen kamen wieder, als die Nichte
sagte:
„Doch ach! Wo finde
ich als Dienstmädchen einen ebenso Hochgeborenen.“
Der Bürgermeister
mußte eine Erwiderung gewagt haben, denn Wulckow grollte: „Dafür,
daß es weniger Arbeitslose gibt, will ich nicht bluten. Mein Geld
ist mein Geld.“
Da konnte Diederich
sich nicht länger enthalten, ihm mit einem Kratzfuß zu danken. Aber
auch die Dichterin bezog mit Recht seinen Kratzfuß auf sich.
„Ich weiß,“ sagte
sie, selbst gerührt, „die Stelle ist mir gelungen.“
„Das ist Kunst, die
zum Herzen spricht“, stellte Diederich fest. Da Magda und Emmi das
Klavier und die Türen zuschlugen, ergänzte er: „Und hochdramatisch.“
Hierauf nach der anderen Seite:
„Nächste Woche werden
zwei Stadtverordnete gewählt für Lauer und Buck junior. Gut, daß der
von selbst geht.“ Wulckow sagte: „Dann sorgen Sie nur dafür, daß
an[309]ständige Leute ’reinkommen. Sie sollen ja mit der ‚Netziger
Zeitung‘ gut stehen.“
Diederich dämpfte
vertraulich die Stimme. „Ich halte mich vorläufig noch zurück, Herr
Präsident. Für die nationale Sache ist es besser.“
„Sieh mal an“, sagte
Wulckow; und wirklich sah er Diederich durchdringend an. „Sie
möchten sich wohl selbst wählen lassen?“ fragte er.
„Ich würde das Opfer
bringen. Unsere städtischen Körperschaften haben zu wenig
Mitglieder, die in nationaler Beziehung zuverlässig sind.“
„Und was wollen Sie
machen, wenn Sie drin sind?“
„Dafür sorgen, daß
der Arbeitsnachweis aufhört.“
„Na ja,“ sagte
Wulckow, „als nationaler Mann.“
„Ich als Offizier,“
sagte auf der Bühne der Leutnant, „kann nicht dulden, liebe Magda,
daß dieses Mädchen, wenn es auch nur eine arme Dienstmagd ist,
irgendwie mißhandelt wird.“
Der Leutnant aus dem
ersten Akt, der arme Vetter, der die heimliche Gräfin hätte heiraten
sollen, er war Magdas Verlobter! Man fühlte die Zuschauer vor
Spannung beben. Die Dichterin bemerkte es selbst. „Die Erfindung ist
aber auch meine starke Seite“, sagte sie zu Diederich, der
tatsächlich verblüfft war. Doktor Scheffelweis hatte keine Zeit,
sich den Emotionen der dramatischen Dichtung zu überlassen; er sah
sich gefährdet.
„Niemand“, beteuerte
er, „würde freudiger einen Geist –“ Wulckow unterbrach ihn.
„Kennen wir,
Bürgermeisterchen. Freudig begrüßen können Sie, wenn’s nichts
kostet.“
Diederich setzte
hinzu: „Aber einen glatten Strich ziehen zwischen Kaisertreuen und
Umsturz!“
[310] Der
Bürgermeister hob flehend die Arme. „Meine Herren! Verkennen Sie
mich nicht, ich bin zu allem bereit. Aber mit dem Strich ist nicht
geholfen, denn bei uns hier bedeutet er bloß, daß fast alle, die
nicht freisinnig wählen, sozialdemokratisch wählen.“
Wulckow stieß ein
wütendes Grunzen aus, worauf er sich eine Wurst vom Büfett langte.
Diederich war es, der eiserne Zuversicht bekundete.
„Wenn die guten
Wahlen nicht von selbst kommen, müssen sie eben gemacht werden!“
„Aber womit?“ sagte
Wulckow.
Die Wulckowsche
Nichte ihrerseits rief ins Publikum:
„Er muß doch sehen,
daß ich eine Gräfin bin, er, der demselben edlen Stamme entsprossen
ist!“
„Oh! Frau Gräfin!“
sagte Diederich. „Jetzt bin ich wirklich neugierig, ob er es sieht.“
„Selbstverständlich“,
erwiderte die Dichterin. „Sie erkennen einander doch schon an den
besseren Manieren.“
In der Tat warfen der
Leutnant und die Nichte sich Blicke zu, weil Emmi und Magda samt
Frau Heßling einen Käse mit dem Messer aßen. Diederich behielt den
Mund offen. Im Publikum bewirkte das ungebildete Betragen der
Fabrikantenfamilie die freudigste Stimmung. Die Töchter Buck, Frau
Cohn und Guste Daimchen, alle jubelten. Auch Wulckow ward
aufmerksam; er sog sich das Fett von den Fingern und sagte:
„Frieda, du bist fein
’raus, sie lachen.“
Wirklich blühte die
Dichterin erstaunlich auf. Ihre Augen hinter dem Zwicker glänzten
wirr, sie seufzte, ihr Busen wallte, es hielt sie nicht länger auf
ihrem Stuhl. Sie wagte sich halb heraus aus dem Büfettzimmer; sofort
wandten viele sich nach ihr um, mit neugierigen Gesichtern, [311]und
die Schwiegermutter des Bürgermeisters gab ihr Zeichen. Frau von
Wulckow rief fieberhaft über die Schulter:
„Meine Herren, die
Schlacht ist gewonnen!“
„Wenn es bei uns auch
so schnell ginge“, sagte ihr Gatte. „Na, also, Doktor, wie wollen
Sie den Netzigern die Kandare anlegen?“
„Herr Präsident!“
Diederich drückte die Hand aufs Herz. „Netzig wird kaisertreu, dafür
bürge ich Ihnen mit allem, was ich bin und habe!“
„Schön“, sagte
Wulckow.
„Denn“, fuhr
Diederich fort, „wir haben einen Agitator, den ich als erstklassig
bezeichnen möchte: jawohl, erstklassig“, wiederholte er und umfaßte
mit dem Wort alles Große; „und das ist Seine Majestät selbst!“
Doktor Scheffelweis
sammelte sich eilig. „Die persönlichste Persönlichkeit“, brachte er
hervor. „Originell. Impulsiv.“
„Na ja“, sagte
Wulckow. Er stemmte die Fäuste auf die Knie und glotzte dazwischen
auf den Boden, in der Haltung eines sorgenvollen Menschenfressers.
Auf einmal merkten die beiden anderen, daß er sie von unten schief
ansah.
„Meine Herren“ – er
stockte wieder – „na, ich will Ihnen mal was sagen. Ich glaube, der
Reichstag wird aufgelöst.“
Diederich und Doktor
Scheffelweis streckten die Köpfe vor, sie wisperten. „Herr Präsident
wissen –?“
„Der Kriegsminister
war neulich mit mir auf der Jagd, bei meinem Vetter Herrn von
Quitzin.“
Diederich machte
einen Kratzfuß. Er stammelte, er wußte selbst nicht was. Er hatte es
vorausgesagt! Schon bei seiner Aufnahme in den Kriegerverein hatte
er eine Rede Seiner Majestät wiedergegeben, – und hatte er [312]sie
nur wiedergegeben? Darin kam ausdrücklich vor: „Ich räume die ganze
Bude aus!“ Und nun sollte es geschehen, ganz so, als handelte er
selbst. Es überlief ihn mystisch ... Wulckow sagte inzwischen:
„Die Herren Eugen
Richter und Konsorten passen uns nicht mehr. Wenn sie die
Militärvorlage nicht schlucken, ist Schluß“; – und Wulckow strich
sich mit der Faust über den Mund, als beginne das Fressen.
Diederich faßte sich.
„Das ist – das ist großzügig! Das ist ganz sicher die persönliche
Initiative Seiner Majestät!“ Doktor Scheffelweis war erbleicht.
„Dann sind schon wieder Reichstagswahlen? Und ich war so froh, daß
wir unseren bewährten Abgeordneten hatten ...“ Er erschrak noch
mehr. „Das heißt, natürlich, Kühlemann ist auch ein Freund des Herrn
Richter ...“
„Ein Nörgler!“
schnaubte Diederich. „Ein vaterlandsloser Geselle!“ Er rollte die
Augen. „Herr Präsident! Diesmal ist es aus in Netzig mit den Leuten.
Lassen Sie mich nur erst Stadtverordneter sein, Herr Bürgermeister!“
„Was dann?“ fragte Wulckow. Diederich wußte es nicht.
Glücklicherweise entstand im Saal ein Zwischenfall; Stühle wurden
gerückt, und jemand ließ sich die große Tür öffnen: Kühlemann selbst
war es. Der Greis schleppte seine schwere kranke Masse eilig durch
die Spiegelgalerie. Am Büfett fand man, seit dem Prozeß sei er noch
mehr verfallen.
„Er hätte Lauer
lieber freigesprochen, die anderen Richter haben ihn überstimmt“,
sagte Diederich. Doktor Scheffelweis meinte: „Nierensteine führen
wohl schließlich zur Auflösung.“ Worauf Wulckow humoristisch: „Na,
und im Reichstag sind wir seine Nierensteine.“
Der Bürgermeister
lachte gefällig. Aber Diederich riß [313]die Augen auf. Er näherte
sich dem Ohr des Präsidenten und raunte:
„Sein Testament!“
„Was ist damit?“
„Er hat die Stadt zum
Erben eingesetzt“, erklärte Doktor Scheffelweis wichtig.
„Wahrscheinlich bauen wir von dem Geld ein Säuglingsheim.“
„Bauen Sie?“
Diederich feixte verachtungsvoll. „Einen nationaleren Zweck können
Sie sich wohl nicht denken?“
„Ach so.“ Wulckow
nickte Diederich anerkennend zu. „Wieviel Pinke hat er denn?“
„Eine halbe Million
wenigstens“, sagte der Bürgermeister, und er beteuerte: „Ich wäre
glücklich, wenn es zu machen wäre, daß –“
„Es ist glatt zu
machen“, behauptete Diederich.
Da hörte man draußen
im Saal ein Lachen, das ganz verschieden klang von dem vorigen. Es
kam aus ungehemmter Brust und drückte sicherlich Schadenfreude aus.
Auch zog die Dichterin sich fluchtartig bis hinter das Büfett
zurück; ja, sie schien bereit, hineinzukriechen. „Grundgütiger
Gott!“ wimmerte sie. „Alles ist verloren.“ „Nanu?“ machte ihr Gatte
und stellte sich drohend in die Tür. Aber selbst dieses konnte die
Heiterkeit nicht mehr aufhalten. Magda hatte zu der Gräfin gesagt:
„Spute dich, du dumme Landpomeranze, daß der Herr Leutnant den
Kaffee kriegt.“ Eine andere Stimme verbesserte „Tee“, Magda
wiederholte „Kaffee“, die andere blieb bei ihrer Meinung und Magda
auch. Das Publikum hatte erfaßt, daß ein Mißverständnis zwischen ihr
und der Souffleuse vorlag. Übrigens griff der Leutnant mit Glück
ein, er schlug die Sporen aneinander und sagte: „Ich bitte um
beides“ – worauf das Lachen einen nachsichtigeren [314]Charakter
annahm. Aber die Dichterin war empört. „Das Publikum! Es ist und
bleibt eine Bestie!“ knirschte sie.
„Schiefgehen kann es
immer“, sagte Wulckow – und blinzelte Diederich an.
Diederich erwiderte
ebenso bedeutsam: „Wenn man einander versteht, Herr Präsident, dann
nicht.“
Hierauf hielt er es
für besser, sich ganz der Dichterin und ihrem Werk zu widmen. Mochte
der Bürgermeister inzwischen seine Freunde verraten und sich für die
Wahlen auf alle Wünsche Wulckows verpflichten!
„Meine Schwester ist
eine Gans“, erklärte Diederich. „Ich werde ihr nachher die Meinung
sagen!“
Frau von Wulckow
lächelte wegwerfend. „Das arme Ding, sie tut, was sie kann. Von
seiten der Leute aber ist es wahrhaftig eine unerträgliche Arroganz
und Undankbarkeit. Noch soeben hat man sie erhoben und für das
Ideale begeistert!“
Diederich sagte
durchdrungen: „Frau Gräfin, diese bittere Erfahrung machen Sie nicht
allein. So ist es überall im öffentlichen Leben.“ Denn er dachte an
die allgemeinen Hochgefühle damals nach seinem Zusammenstoß mit dem
Majestätsbeleidiger und an die Prüfungen, die dann gefolgt waren.
„Schließlich triumphiert doch die gute Sache!“ stellte er fest.
„Nicht wahr?“ sagte
sie mit einem Lächeln, das wie aus Wolken brach. „Das Gute, Wahre,
Schöne.“
Sie reichte ihm die
schmale Rechte; „ich glaube, mein Freund, wir verstehen uns“ – und
Diederich, des Augenblicks bewußt, drückte kühn die Lippen darauf,
mit einem Kratzfuß. Er legte die Hand an das Herz und brachte
gepreßt aus der Tiefe: „Glauben Sie mir, Frau Gräfin ...“
Die Nichte und der
junge Sprezius waren jetzt allein ge[315]blieben, hatten sich als
erniedrigte Gräfin und armer Vetter erkannt, wußten nun, daß sie
einander bestimmt waren, und schwärmten gemeinsam von künftigem
Glanz, wenn sie unter goldener Decke mit anderen Ausgezeichneten,
demütig stolz, von der Sonne der Majestät beschienen sein würden ...
Da hörte Diederich die Dichterin aufseufzen.
„Ihnen kann ich es
sagen“, seufzte sie. „Ich entbehre hier doch sehr den Hof. Wenn man,
wie ich, von Geburt dem Hofadel angehört –. Und nun –.“
Hinter ihrem Zwicker
sah Diederich zwei Tränen perlen. Dieser Blick in die Tragik der
Großen erschütterte ihn so sehr, daß er strammstand. „Frau Gräfin!“
sagte er, verhalten und stoßweise. „Die heimliche Gräfin sind also
–“ Er erschrak und schwieg.
Die bleiche Stimme
des Bürgermeisters war eben dabei, dem Präsidenten zu verraten, daß
Kühlemann nicht wieder kandidieren werde, und daß die Freisinnigen
den Doktor Heuteufel aufstellen wollten. Er war mit Wulckow darin
einig, daß man Gegenmaßregeln treffen müsse, solange noch niemand
die Auflösung des Reichstages erwartete ...
Diederich wagte
endlich wieder, leise und schonend:
„Frau Gräfin, aber,
nicht wahr, es wird alles gut? Sie kriegen sich doch?“
Frau von Wulckow, mit
Takt und Selbstbeherrschung, schränkte die Vertraulichkeit des
Gefühls schon wieder ein. In leichtem Plauderton erklärte sie:
„Mein Gott, lieber
Doktor, was wollen Sie, die leidige Geldfrage! Es ist wohl
unmöglich, daß die jungen Leute zusammen glücklich werden.“
„Sie können doch
prozessieren!“ rief Diederich, in seinem Rechtsgefühl gekränkt. Aber
Frau von Wulckow verzog die Nase. „Fi donc! Das würde zur Folge
haben, [316]daß der junge Graf, also Jadassohn, seinen Vater
entmündigen ließe. Im dritten Akt, den Sie noch sehen werden, droht
er dem Leutnant damit in einer Szene, die mir, glaube ich, gelungen
ist. Soll der Leutnant das auf sich nehmen? Und die Zerstückelung
des Familienbesitzes? In Ihren Kreisen ginge es vielleicht. Aber bei
uns ist eben manches nicht möglich.“
Diederich verneigte
sich. „Dort oben herrschen natürlich Begriffe, die sich unserem
Urteil entziehen. Und dem der Gerichte wohl auch“, setzte er hinzu.
Die Dichterin lächelte milde.
„Sehen Sie, und so
verzichtet der Leutnant ganz korrekterweise auf die heimliche Gräfin
und heiratet die Fabrikantentochter.“
„Magda?“
„Jawohl. Und die
heimliche Gräfin den Klavierlehrer. So wollen es die höheren Mächte,
lieber Herr Doktor, denen wir –“ ihre Stimme verdunkelte sich ein
wenig – „uns nun einmal zu beugen haben.“
Diederich hatte noch
einen Zweifel, äußerte ihn aber nicht. Der Leutnant hätte die
heimliche Gräfin auch ohne Geld heiraten sollen, es würde Diederich
tief befriedigt haben in seinem weichen und idyllischen Herzen. Aber
ach! diese harte Zeit dachte anders.
Der Vorhang fiel, das
Publikum entrang sich langsam seiner Ergriffenheit, dann spendete es
um so wärmeren Beifall dem Dienstmädchen und dem Leutnant, die, es
ließ sich leider voraussehen, das schwere Geschick, nicht hoffähig
zu sein, wohl noch länger würden tragen müssen.
„Es ist wirklich ein
Elend!“ seufzten Frau Harnisch und Frau Cohn.
[317] Beim Büfett
sagte Wulckow, am Ende seiner Beratungen mit dem Bürgermeister:
„Wir bringen der
Bande noch Gesinnung bei!“
Dann ließ er seine
Tatze schwer auf Diederichs Schulter fallen. „Na, Doktorchen, hat
meine Frau Sie schon zum Tee geladen?“
„Selbstverständlich,
und kommen Sie recht bald!“ Die Präsidentin hielt ihm die Hand zum
Kuß hin, und Diederich entfernte sich beglückt. Wulckow selbst
wollte ihn wiedersehen! Mit Diederich zusammen wollte er Netzig
erobern!
Indes die Präsidentin
in der Spiegelgalerie Cercle hielt und Glückwünsche entgegennahm,
bearbeitete Diederich die Stimmung. Heuteufel, Cohn, Harnisch und
noch einige andere Herren erschwerten es ihm, denn sie gaben, wenn
auch vorsichtig, zu verstehen, daß sie das Ganze für Quatsch
hielten. Diederich war genötigt, ihnen Andeutungen über den durchaus
großzügigen dritten Akt zu machen, damit sie verstummten. Dem
Redakteur Nothgroschen diktierte er ausführlich, was er von der
Dichterin wußte, denn Nothgroschen mußte fort, die Zeitung sollte in
Druck gehen. „Wenn Sie aber Blödsinn schreiben, Sie Zeilenschinder,
schlag’ ich Ihnen Ihren Wisch um die Ohren!“ – worauf Nothgroschen
dankte und sich empfahl. Professor Kühnchen seinerseits, der
gehorcht hatte, ergriff Diederich bei einem Knopf und kreischte:
„Sie, mein Bester! Eens hätten Se nu aber unserm Klatschdirektor
ooch noch erzählen können!“ Der Redakteur, der sich nennen hörte,
kehrte zurück, und Kühnchen fuhr fort: „Nämlich, daß die herrliche
Schöpfung unserer allverehrten Präsidentin schon mal ist
vorausgeahnt worden, und zwar von keinem Geringeren als von unserem
Altmeister Goethe in seiner [318]Natürlichen Tochter. Nun, und das
ist denn doch wohl das Höchste, was sich zum Ruhme der Dichterin
sagen läßt!“
Diederich hatte
Bedenken über die Zweckmäßigkeit von Kühnchens Entdeckung, fand es
aber unnötig, sie ihm mitzuteilen. Der kleine Greis strebte schon,
mit flatternden Haaren, durch das Gedränge; schon sah man, wie er
vor Frau von Wulckow den Boden scharrte und ihr das Ergebnis seiner
vergleichenden Forschung vortrug. Freilich, ein Fiasko, wie er es
erlitt, hatte auch Diederich nicht vorausgesehen. Die Dichterin
sagte eiskalt: „Was Sie da bemerken, Herr Professor, kann nur auf
Verwechselung beruhen. Ist die Natürliche Tochter überhaupt von
Goethe?“ fragte sie und rümpfte mißtrauisch die Nase. Kühnchen
beteuerte es, aber es half ihm nichts.
„Jedenfalls haben Sie
in der Zeitschrift ‚Das traute Heim‘ einen Roman von mir gelesen,
und den habe ich nun dramatisiert. Meine Schöpfungen sind sämtlich
Originalarbeiten. Die Herren –“ sie musterte den Kreis – „wollen
böswilligen Gerüchten entgegentreten.“
Damit war Kühnchen
entlassen, trat ab und schnappte nach Luft. Diederich erinnerte ihn,
im Ton eines geringschätzigen Erbarmens, an Nothgroschen, der mit
seiner gefährlichen Information schon von dannen war; und Kühnchen
stürzte hinterdrein, um das Schlimmste zu verhüten.
Wie Diederich den
Kopf wandte, hatte im Saal das Bild sich verändert: nicht nur die
Präsidentin, auch der alte Buck hielt Cercle. Es war erstaunlich,
aber man lernte die Menschen kennen. Sie ertrugen es nicht, daß sie
vorhin ihren Instinkten freien Lauf gelassen hatten; mit beteuerndem
Gesicht machte einer nach dem anderen sich an den Alten heran und
wollte es nicht gewesen sein. So groß war, noch nach schweren
Erschütterungen, die [319]Macht des Bestehenden, von alters her
Anerkannten! Diederich selbst fand es angezeigt, nicht in
auffälliger Weise hinter der Mehrheit zurückzubleiben. Nachdem er
sich vergewissert hatte, daß Wulckow schon fort war, machte er seine
Aufwartung. Der Alte saß eben allein in dem Polstersessel, der für
ihn ganz vorn bei der Bühne stand; er ließ seine weiße Hand
merkwürdig zart über die Lehne hängen und blickte zu Diederich
hinauf.
„Da sind Sie, mein
lieber Heßling. Ich habe es oft bedauert, daß Sie nicht kamen“ –
ganz schlicht und nachsichtig. Diederich fühlte sofort wieder Tränen
heraufsteigen. Er gab ihm die Hand hin, freute sich, daß der Herr
Buck sie ein wenig länger in der seinen behielt, und stammelte etwas
von Geschäften, Sorgen und „um ehrlich zu sein“ – denn ein jähes
Bedürfnis nach Ehrlichkeit erfaßte ihn – von Bedenken und Hemmungen.
„Es ist schön von
Ihnen,“ sagte darauf der Alte, „daß Sie mich das nicht nur erraten
lassen, sondern es mir eingestehen. Sie sind jung und handeln wohl
unter den Antrieben, denen die Geister heute gehorchen. In die
Unduldsamkeit des Alters will ich nicht verfallen.“
Da schlug Diederich
die Augen nieder. Er hatte verstanden: dies war die Verzeihung für
den Prozeß, der dem Schwiegersohn des Alten die bürgerliche Ehre
gekostet hatte; und ihm ward schwül unter so viel Milde – und so
viel Nichtachtung. Der Alte freilich sagte:
„Ich achte den Kampf
und kenne ihn zu gut, um jemand zu hassen, der gegen die Meinen
kämpft.“ Worauf Diederich, von Furcht ergriffen, dies möchte zu weit
führen, sich aufs Leugnen verlegte. Er wisse selbst nicht –. Man
komme in Sachen hinein –. Der Alte erleichterte es ihm. „Ich weiß:
Sie suchen und haben sich selbst noch nicht gefunden.“
[320] Er tauchte
seinen weißen Knebelbart in die seidene Halsbinde. Als er ihn wieder
hervorholte, begriff Diederich, daß etwas Neues kam.
„Sie haben das Haus
hinter dem Ihren nun doch nicht gekauft“, sagte der Herr Buck. „Ihre
Pläne haben sich wohl geändert?“
Diederich dachte: „Er
weiß alles“, und sah schon seine heimlichsten Berechnungen enthüllt.
Der Alte lächelte
schlau und gütig. „Sollten Sie etwa Ihre Fabrik zunächst verlegen
und erst dann erweitern wollen? Ich könnte mir denken, daß Sie Ihr
Grundstück zu verkaufen wünschen und nur auf eine gewisse
Gelegenheit warten – die auch ich in Betracht ziehe“, setzte er
hinzu, und mit einem Blick: „Die Stadt hat vor, ein Säuglingsheim zu
errichten.“
„Alter Hund!“ dachte
Diederich. „Er spekuliert auf den Tod seines besten Freundes!“
Gleichzeitig aber kam ihm die Erleuchtung, was er Wulckow
vorzuschlagen habe, um Netzig zu erobern!... Er schnaufte.
„Durchaus nicht, Herr
Buck. Mein väterliches Erbstück geb’ ich nicht her!“
Da nahm der Alte
nochmals seine Hand. „Ich bin kein Versucher“, sagte er. „Ihre
Pietät ehrt Sie.“
„Esel“, dachte
Diederich.
„So werden wir uns
eben ein anderes Terrain suchen. Ja, vielleicht werden Sie dabei
mitwirken. Uneigennützigen Gemeinsinn, lieber Heßling, lassen wir
uns nicht entgehen – auch nicht, wenn er einen Augenblick in
falscher Richtung zu wirken scheint.“
Er stand auf.
„Wollen Sie
Stadtverordneter werden, so haben Sie meine Unterstützung.“
[321] Diederich
starrte, ohne zu begreifen. Die Augen des Alten waren blau und tief,
und er bot Diederich eben das Ehrenamt an, um das Diederich seinen
Schwiegersohn gebracht hatte. Sollte man nun ausspucken oder sich
verkriechen? Diederich zog es vor, die Absätze zusammenzuschlagen
und korrekt seinen Dank abzustatten.
„Sie sehen,“
erwiderte der Alte, „der Gemeinsinn schlägt Brücken von jung und alt
und sogar bis zu denen, die nicht mehr da sind.“
Er führte die Hand im
Halbkreis über die Wände und über das Geschlecht von einst, das
verblichen und heiter aus ihrer gemalten Tiefe trat. Er lächelte den
jungen Mädchen in Reifröcken zu und zugleich auch einer seiner
Nichten und Meta Harnisch, die vorübergingen. Als er das Gesicht dem
alten Bürgermeister zuwendete, der zwischen Blumen und Kindern aus
dem Stadttor schritt, bemerkte Diederich die große Ähnlichkeit der
beiden. Der alte Buck wies auf den und jenen aus der gemalten
Versammlung.
„Von dem da hab’ ich
viel gehört. Diese Dame kannte ich noch. Sieht der Geistliche nicht
aus wie Pastor Zillich? Nein, unter uns kann es keine ernstliche
Entfremdung geben, wir sind einander seit langem verpflichtet zum
guten Willen und gemeinsamen Fortschritt, schon durch jene da, die
uns die ‚Harmonie‘ hinterließen.“
„Nette Harmonie“,
dachte Diederich und sah umher, wie er fortgelange. Der Alte hatte
sich, nach seiner Gewohnheit, einen Übergang gemacht von den
Geschäften zum sentimentalen Schwatz. „Immer kommt der Literat
heraus“, dachte Diederich.
Gerade gingen Guste
Daimchen und Inge Tietz vorbei. Guste hatte sich eingehängt, und
Inge prahlte mit dem, was sie hinter den Kulissen erlebt hatte.
„Unsere Angst, [322]als sie immer sagten: Tee, Kaffee, Kaffee, Tee.“
Guste behauptete: „Das nächste Mal schreibt Wolfgang ein viel
schöneres Stück, und ich spiele mit.“ Da machte Inge sich los, sie
bekam eine scheu ablehnende Miene. „So?“ sagte sie; und Gustes
dickes Gesicht verlor plötzlich seinen harmlosen Eifer. „Warum etwa
nicht?“ fragte sie, weinerlich empört. „Was hast du nun wieder?“
Diederich, der es ihr
hätte sagen können, wandte sich schleunig zum alten Buck zurück. Der
schwatzte weiter.
„Dieselben Freunde,
damals wie jetzt; und auch die Feinde sind da. Schon recht
verwischt, der eiserne Ritter, der Kinderschreck dort in seiner
Nische am Tor. Don Antonio Manrique, grausamer Reitergeneral, der du
im Dreißigjährigen Krieg unser armes Netzig gebrandschatzt hast:
wenn nun nicht die Riekestraße nach dir hieße, wohin wäre dann
selbst der letzte Klang von dir verweht?... Auch einer, dem unser
Freisinn nicht gefiel und der uns zu vertilgen dachte.“
Plötzlich schüttelte
den Alten ein stilles Kichern. Er nahm Diederich bei der Hand.
„Hat er nicht
Ähnlichkeit mit unserem Herrn von Wulckow?“
Diederichs Miene ward
hierauf noch korrekter, aber der Alte bemerkte es nicht, er war nun
einmal aufgeräumt, ihm fiel noch etwas ein. Er winkte Diederich
hinter eine Pflanzengruppe und zeigte ihm an der Wand zwei Figuren,
einen jungen Schäfer, der sehnsüchtig die Arme öffnete, und jenseits
eines Baches eine Schäferin, die sich anschickte, hinüberzuspringen.
Der Alte wisperte: „Was meinen Sie, werden die beiden zueinander
kommen? Das wissen nicht viele mehr. Ich weiß es noch.“ Er sah sich
um, ob niemand ihn beachte, und plötzlich öff[323]nete er eine
kleine Tür, die man nie gefunden haben würde. Die Schäferin auf der
Tür bewegte sich dem Liebenden entgegen. Noch ein wenig, und hinter
der Tür im Dunkeln mußte sie ihm wohl in den Armen liegen ... Der
Alte wies in das Zimmer, das er aufgedeckt hatte. „Es heißt das
Liebeskabinett.“ Laternenschein von irgendeinem Hof fiel durch das
Fenster ohne Vorhang; er beglänzte den Spiegel und das dünnbeinige
Kanapee. Der Alte zog die dumpfe Luft ein, die nach wer weiß wie
langer Zeit herausströmte, er lächelte verloren. Und dann schloß er
die kleine Tür.
Aber Diederich, den
dies nur mäßig interessierte, sah etwas kommen, das weit mehr
Anregung versprach. Es war der Landgerichtsrat Fritzsche: denn er
war da. Sein Urlaub war wohl zu Ende, er war zurück aus dem Süden,
und er hatte sich eingefunden, wenn auch etwas verspätet und wenn
auch ohne Judith Lauer, deren Urlaub ja noch dauerte, solange ihr
Gatte in der Vogtei saß. Wo er mit Drehungen des Körpers, die nicht
unbefangen wirkten, hindurchkam, ward geflüstert, und jeder, den er
begrüßte, lugte verstohlen nach dem alten Herrn Buck. Fritzsche sah
wohl, daß er in der Sache etwas tun müsse; er gab sich einen Ruck
und ging los. Der Alte, noch eben ahnungslos, fand ihn plötzlich vor
sich. Er ward vollkommen weiß; Diederich erschrak und streckte schon
die Arme aus. Aber es geschah nichts, der Alte hatte sich zurück. Er
stand da, so steif, daß sein Rücken sich aushöhlte, und blickte kühl
und unverwandt auf den Mann, der seine Tochter entführt hatte.
„Schon zurück, Herr
Landgerichtsrat?“ sagte er laut.
Fritzsche versuchte
jovial zu lachen. „Schöneres Wetter war dort unten, Herr Stadtrat.
Na und die Kunst!“
„Davon haben wir hier
nur einen Widerschein“ – [324]und der Alte wies, ohne den anderen
aus den Augen zu lassen, über die Wände. Seine Haltung machte
Eindruck auf die meisten, die von dort hinten seine Schwäche
belauerten. Er hielt stand und repräsentierte, in einer Lage, die
einige Hemmungslosigkeit immerhin erklärt haben würde. Er
repräsentierte das alte Ansehen, er allein für die zerfallende
Familie, für das Gefolge, das schon ausblieb. In diesem Augenblick
gewann er, statt so vieles Verlorenen, manche Sympathien ...
Diederich hörte ihn noch sagen, förmlich und klar: „Ich habe es
durchgesetzt, daß unser moderner Straßenzug eine andere Richtung
bekam, bloß um dies Haus zu erhalten und diese Malereien. Sie haben
nur den Wert von Schilderungen, mag sein. Aber ein Gebilde, das
seiner Zeit und ihren Sitten Dauer verleihen möchte, kann hoffen,
selbst zu dauern.“ Dann drückte Diederich sich, er schämte sich für
Fritzsche.
Die Schwiegermutter
des Bürgermeisters fragte ihn, was der Alte über die „Heimliche
Gräfin“ geäußert habe. Diederich dachte nach, und er mußte gestehen,
er habe das Stück gar nicht erwähnt. Beide waren enttäuscht.
Indes bemerkte er,
daß Käthchen Zillich spöttisch hersah, und gerade sie hatte sich
nichts zu erlauben. „Nun, Fräulein Käthchen“, sagte er recht laut.
„Was denken Sie über den grünen Engel?“ Sie erwiderte noch lauter:
„Der grüne Engel? Sind Sie das?“ Und sie lachte ihm ins Gesicht.
„Sie sollten wirklich vorsichtiger sein“, meinte er stirnrunzelnd.
„Ich fühle mich geradezu verpflichtet, Ihren Herrn Vater aufmerksam
zu machen.“
„Papa!“ rief Käthchen
sofort. Diederich erschrak. Glücklicherweise hörte Pastor Zillich
nicht.
„Natürlich hab’ ich
meinem Papa gleich neulich von [325]unserem kleinen Ausflug erzählt.
Was macht es denn, es waren doch nur Sie.“
Sie ging zu weit.
Diederich schnaufte. „Na und für Liebhaber schöner Ohren war auch
noch Jadassohn da.“ Da er sah, daß es sie traf, setzte er hinzu:
„Das nächste Mal im grünen Engel streichen wir sie ihm grün an, das
macht Stimmung.“
„Wenn Sie meinen, daß
es auf die Ohren ankommt.“ Dabei drückte Käthchens Blick eine so
schrankenlose Verachtung aus, daß Diederich den Entschluß faßte, mit
allen Mitteln einzuschreiten. Sie befanden sich bei der
Pflanzengruppe. „Was glauben Sie?“ fragte er. „Wird die Schäferin
über den Bach springen und den Schäfer glücklich machen?“
„Schaf“, sagte sie.
Diederich überhörte es, ging hin und tastete an der Wand umher. Nun
hatte er die Tür. „Sehen Sie? Sie springt.“
Käthchen kam näher,
neugierig streckte sie ihren Hals in das geheime Zimmer. Da hatte
sie einen Stoß und war ganz drinnen. Diederich warf die Tür zu, er
fiel stumm über Käthchen her, mit wildem Schnaufen.
„Lassen Sie mich
hinaus, ich kratze!“ rief sie und wollte kreischen. Aber sie mußte
lachen, was sie wehrlos machte und dem Sofa immer näher brachte. Der
Kampf mit ihren entblößten Armen und Schultern versetzte ihn
vollends außer sich. „Jawohl,“ keuchte er, „jetzt kommt was.“ Bei
jedem Strich Boden, den er gewann, wiederholte er: „Jetzt kommt was.
Bin ich noch ein Schaf? Aha, wenn man denkt, ein Mädchen ist
anständig, und man hat ehrliche Absichten, ist man ein Schaf. Jetzt
kommt was.“ Mit einem letzten Ruck schleuderte er sie hin. „Au“,
sagte sie; und vor Lachen erstickend: „Was kommt denn jetzt?“
[326] Plötzlich ward
ihre Verteidigung ernst. Sie rang sich hervor; der Streifen
Gaslicht, den das kahle Fenster hereinließ, beschien ihre Unordnung;
und ihr Gesicht, von der Anstrengung wie geschwollen, war nach der
Tür gerichtet. Er wandte den Kopf: da stand Guste Daimchen. Sie
starrte entgeistert her, Käthchen quollen die Augen heraus, und
Diederich, auf dem Sofa kniend, verrenkte sich den Hals ... Endlich
zog Guste die Tür an, sie ging entschlossen auf Käthchen zu.
„Du gemeines Luder!“
sagte sie aus tiefem Innern.
„Selber eins!“ sagte
Käthchen, schnell gefaßt. Da schnappte Guste nur noch nach Luft. Von
Käthchen sah sie zu Diederich, ratlos und so empört, daß ihr Blick
sich mit feuchtem Glanz füllte. Er versicherte: „Fräulein Guste, es
handelt sich um einen Scherz“; aber er kam schlecht an, Guste brach
los. „Sie kenn’ ich, von Ihnen kann ich es mir denken.“
„So, du kennst ihn“,
bemerkte Käthchen höhnisch. Sie stand auf, indes Guste ihr noch
näher rückte. Diederich seinerseits ergriff die Gelegenheit, gab
seiner Haltung Würde und trat zurück, um die Damen unter sich die
Sache erledigen zu lassen.
„Daß ich so was muß
mit ansehen!“ rief Guste; und Käthchen: „Du hast gar nichts gesehen!
Wozu siehst du es dir überhaupt an?“
Diederich begann
gleichfalls dies auffallend zu finden, zumal da Guste schwieg.
Käthchen gewann sichtlich die Oberhand. Sie warf den Kopf zurück und
sagte: „Von dir finde ich es überhaupt sonderbar. Wer so viel Butter
auf dem Kopf hat wie du!“
Sofort zeigte Guste
sich tief beunruhigt. „Ich?“ fragte sie gedehnt. „Was tu’ ich denn?“
[327] Käthchen zierte
sich plötzlich – indes Diederich vom Schrecken gepackt ward.
„Das wirst du wohl
selbst wissen. Mir ist es zu peinlich.“
„Ich weiß gar
nichts“, sagte Guste klagend.
„So was hätte man
gedacht, das es gar nicht gibt“, sagte Käthchen und rümpfte die
Nase. Guste verlor die Geduld. „Nun bitte ich es mir aber aus! Was
habt ihr alle?“
Diederich schlug vor:
„Es ist doch wohl besser, wenn wir jetzt das Lokal verlassen.“ Aber
Guste stampfte auf.
„Keinen Schritt tu’
ich, bis ich es weiß. Den ganzen Abend merke ich schon, daß sie mich
anglotzen, als ob ich einen toten Fisch verschluckt habe.“
Käthchen wandte sich
weg. „Na, da siehst du es. Sei froh, daß sie dich nicht hinauswerfen
mitsamt deinem Halbbruder Wolfgang.“
„Mit wem?... Mein
Halbbruder ... Wieso Halbbruder?“
In einer tiefen
Stille keuchte Guste leise und irrte mit den Augen umher. Auf einmal
hatte sie begriffen. „So eine Gemeinheit!“ rief sie entsetzt. Über
Käthchens Mienen breitete sich ein Lächeln des Genusses aus.
Diederich seinerseits wehrte beteuernd ab. Guste streckte den Finger
aus gegen Käthchen. „Das habt ihr Mädchen euch ausgedacht! Ihr seid
mir neidisch wegen meinem Geld!“
„Pöh“, machte
Käthchen. „Dein Geld wollen wir überhaupt nicht, wenn so was dabei
ist.“
„Es ist doch nicht
wahr!“ Guste kreischte auf. Plötzlich fiel sie vornüber auf das Sofa
und wimmerte. „Ach Gott, ach Gott, was haben wir da angerichtet.“
„Siehst du wohl“,
sagte Käthchen, frei von Mitleid.
Guste schluchzte
immer lauter; Diederich berührte ihre Schulter. „Fräulein Guste, Sie
wollen doch nicht, daß [328]die Leute kommen.“ Er suchte nach einem
Trost. „So was kann man nie wissen. Ähnlich sehen Sie sich nicht.“
Aber der Trost wirkte
anstachelnd auf Guste. Sie sprang auf und ging zum Angriff über. „Du
– du bist überhaupt eine feine Nummer“, zischte sie Käthchen zu.
„Von dir sag’ ich, was ich gesehen habe!“
„Das werden sie dir
glauben! So einer glaubt keiner mehr was. Von mir weiß jeder, daß
ich anständig bin.“
„Anständig! Streich
dir wenigstens das Kleid glatt!“
„So gemein wie du –“
„Bist bloß noch du!“
Hierüber erschraken
beide, brachen ab und verharrten einander gegenüber, Haß und Angst
in ihren dicken Gesichtern, die sich so sehr glichen; und die Büsten
nach vorn, die Schultern hinauf, die Arme in die Hüften gestemmt,
sahen sie aus, als sollten ihnen die duftigen Ballkleider vom Leibe
platzen. Guste unternahm noch einen Vorstoß. „Ich sag’ es doch!“
Da sprengte Käthchen
die letzte Fessel. „Dann mach’ aber schnell, sonst komm’ ich früher
und erzähl’ allen, daß nicht du, sondern ich hier die Tür hab’
aufgemacht und hab’ euch beide ertappt.“
Da hierauf Guste nur
noch mit den Lidern klappte, setzte Käthchen, plötzlich selbst
ernüchtert, hinzu: „Nun ja, das bin ich mir doch schuldig. Bei dir
kommt es nicht mehr darauf an.“
Aber Diederichs Blick
war Gustes begegnet, verständigte sich mit ihr und glitt hinunter,
bis er auf ihrem kleinen Finger den Brillanten traf, den sie
gemeinsam aus den Lumpen gezogen hatten. Da lächelte Diederich
ritterlich, und Guste, tief errötet, trat so nahe zu ihm, als lehnte
sie sich an. Käthchen schlich zur Tür. Über Gustes Schul[329]ter
geneigt, sagte Diederich leise: „Ihr Verlobter läßt Sie aber lange
allein.“ – „Ach der“, erwiderte sie. Er senkte das Gesicht noch ein
wenig und drückte es auf ihre Schulter. Sie hielt ganz still.
„Schade“, sagte er und zog sich so unerwartet zurück, daß Guste
ausglitt. Sie begriff auf einmal, daß ihre Lage sich wesentlich
verändert hatte. Ihr Geld war nicht mehr Trumpf, es war entwertet,
ein Mann wie Diederich war mehr wert. Sofort bekam sie einen Blick
wie eine Hündin. Diederich sagte gemessen: „An der Stelle Ihres
Verlobten würde ich allerdings anders vorgehen.“
Käthchen zog mit
äußerster Behutsamkeit die Tür wieder an, sie kehrte zurück, den
Finger auf den Lippen.
„Wißt ihr was? Das
Theater hat wieder angefangen – schon lange, glaube ich.“
„O Gott!“ sagte
Guste; und Diederich:
„Na, dann sitzen wir
in der Falle.“
Er suchte die Wände
ab nach einem Ausgang; er rückte sogar das Sofa fort. Da keiner zu
finden war, entrüstete er sich.
„Hier ist tatsächlich
eine Falle. Und um der alten Baracke willen hat der Herr Buck den
ganzen Straßenzug verlegt. Er soll es noch erleben, daß ich sie ihm
einreiße! Bloß erst Stadtverordneter sein!“
Käthchen kicherte.
„Was schnauben Sie denn so? Hier ist es doch ganz gemütlich. Jetzt
können wir machen, was wir wollen.“ Und sie sprang über das Sofa. Da
gab Guste sich einen Ruck und wollte auch hinüber. Sie blieb aber
hängen. Diederich fing sie auf. Auch Käthchen hängte sich an ihn. Er
zwinkerte beiden zu. „Also was machen wir?“ Käthchen sagte: „Das
müssen Sie wissen. Wir drei kennen uns ja nun.“ – „Und zu verlieren
haben wir auch nichts mehr“, sagte Guste. Dann platzten sie alle
aus.
[330] Aber Käthchen
entsetzte sich. „Kinder! In dem Spiegel seh’ ich aus wie meine tote
Großmutter.“
„Er ist ganz
schwarz.“
„Und ganz
bekritzelt.“
Sie legten die
Gesichter darauf, um im fahlen Gaslicht die Ausrufe und Kosenamen zu
lesen, die zusammen mit alten Jahreszahlen in den Umrissen
verschlungener Herzen standen, auf eingeritzten Vasen, Amoretten und
sogar über Gräbern. „Auf der Urne hier unten, nein so was!“ sagte
Käthchen. „‚Erst jetzt sollen wir leiden‘ ... Warum? Weil sie hier
drinnen waren? Die waren wohl verrückt.“
„Wir sind nicht
verrückt“, behauptete Diederich. „Fräulein Guste, Sie haben doch
einen Brillanten.“ Er zeichnete drei Herzen, versah sie mit einer
Inschrift und ließ die Mädchen das Werk enträtseln. Da sie sich
kreischend abwandten, sagte er stolz: „Wozu heißt dies das
Liebeskabinett.“
Plötzlich stieß Guste
einen Schreckensruf aus. „Hier sieht jemand zu!“
Hinter dem Spiegel
hervor streckte sich ein geisterbleicher Kopf!... Käthchen war schon
bei der Tür. „Kommen Sie wieder her“, rief Diederich. „Es ist bloß
gemalt.“
Der Spiegel hatte
sich auf einer Seite von der Wand gelöst, man konnte ihn noch weiter
umwenden: da trat die ganze Figur heraus.
„Es ist die
Schäferin, die draußen über den Bach springt!“
„Jetzt hat sie es
hinter sich“, sagte Diederich; denn die Schäferin saß da und weinte.
Auf der Rückseite des Spiegels aber entfernte sich der Schäfer.
„Und dort kommt man
hinaus!“ Diederich wies auf einen erleuchteten Spalt, er tastete,
die Tapete öffnete sich.
„Dies ist der
Ausgang, wenn man es hinter sich hat“, [331]bemerkte er und ging
voraus. Ihm im Rücken sagte Käthchen spöttisch:
„Ich habe gar nichts
hinter mir.“
Und Guste wehmütig:
„Ich auch nicht.“
Diederich überhörte
dies, er stellte fest, daß man sich in einem der kleinen Salons
hinter dem Büfett befand. Eilends erreichte er die Spiegelgalerie
und verlor sich unauffällig in der Menge, die soeben aus dem Saal
quoll. Man war erfüllt von dem tragischen Schicksal der heimlichen
Gräfin, die nun also doch den Klavierlehrer geheiratet hatte. Frau
Harnisch, Frau Cohn, die Schwiegermutter des Bürgermeisters, alle
hatten verweinte Augen; Jadassohn, der, schon abgeschminkt,
Lorbeeren einzusammeln kam, ward von den Damen nicht gut
aufgenommen. „Sie sind schuld, Herr Assessor, daß es so gekommen
ist! Schließlich war sie doch Ihre leibliche Schwester.“ – „Pardon,
meine Damen!“ Und Jadassohn verteidigte seinen Standpunkt als
legitimer Erbe der gräflichen Besitzungen. Da sagte Meta Harnisch:
„Aber so
herausfordernd brauchten Sie nicht auszusehen.“
Sofort richteten sich
alle Blicke auf seine Ohren; man kicherte; und Jadassohn, der
vergeblich krähte, was denn los sei, ward von Diederich unter den
Arm genommen. Diederich, das süße Pochen der Rache im Herzen, führte
ihn eben dorthin, wo die Regierungspräsidentin unter lebhafter
Anerkennung seiner Verdienste um ihr Werk sich vom Major Kunze
verabschiedete. Kaum aber daß sie Jadassohn erblickte, drehte sie
einfach den Rücken. Jadassohn blieb am Boden haften, Diederich
brachte ihn nicht mehr weiter. „Was ist denn?“ fragte er
heuchlerisch. „Ach ja, die [332]Präsidentin. Sie haben ihr nicht
gefallen. Sie sollen auch nicht Staatsanwalt werden. Man sah Ihre
Ohren zu sehr.“
Was aber Diederich
auch erwartet hatte, diese Spottgeburt einer Grimasse hatte er nicht
erwartet! Wo war die hochgemute Schneidigkeit, der Jadassohn sein
Leben geweiht hatte? „Ich sage es ja“, äußerte er nur, ganz leise;
aber man glaubte einen grauenvollen Aufschrei zu hören ... Dann kam
er in Bewegung, tanzte am Fleck umher und redete. „Sie können
lachen, mein Bester! Sie wissen nicht, was Sie an Ihrem Gesicht
haben. Ihr Gesicht, nichts weiter, und in zehn Jahren bin ich
Minister.“
„Na, na“, sagte
Diederich. Er setzte hinzu: „Das ganze Gesicht brauchen Sie nicht
einmal: bloß die Ohren.“
„Wollen Sie sie mir
verkaufen?“ fragte Jadassohn und sah ihn an, daß Diederich erschrak.
„Kann man das?“ fragte er unsicher. Jadassohn ging schon, unter
zynischem Lachen, auf Heuteufel zu. „Sie sind doch Spezialist für
Ohren, Herr Doktor ...“
Heuteufel erklärte
ihm, daß tatsächlich, wenn auch bisher nur in Paris, Operationen
ausgeführt würden, durch die man Ohren auf die Hälfte ihres Umfanges
herunterbringe. „Wozu gleich das Ganze weg?“ sagte Heuteufel. „Die
Hälfte können Sie ruhig behalten.“ Jadassohn hatte seine Haltung
zurück. „Großartiger Witz! Erzähl’ ich bei Gericht. Sie Gauner!“ Und
er klopfte Heuteufel auf den Bauch.
Diederich inzwischen
wandte sich seinen Schwestern zu, die, zum Ball umgekleidet, aus der
Garderobe kamen. Sie wurden allerseits mit Beifall begrüßt und
berichteten von ihren Eindrücken auf der Bühne. „Tee – Kaffee: Gott,
war das aufregend!“ sagte Magda. Auch Diederich als Bruder nahm
Glückwünsche entgegen. Er schritt zwischen ihnen, Magda hatte sich
in ihn eingehängt, [333]Emmis Arm dagegen mußte er gewaltsam
festhalten. Sie zischte: „Laß die Komödie“; und er schnob ihr zu,
zwischen Lachen und Grüßen: „Du hast zwar bloß die kleine Rolle
gehabt, aber sei froh, wenn du überhaupt mal was vorstellst. Sieh
Magda an!“ Denn Magda schmiegte sich gefällig an ihn, sie schien
bereit, das Glück der einigen Familie so lange spazieren zu führen,
als er es irgend wünschte. „Kleine,“ sagte er mit zärtlicher
Achtung, „du hast Erfolg gehabt. Aber ich kann dir versichern, ich
auch.“ Er gab ihr sogar Schmeicheleien. „Du siehst heute süß aus.
Für Kienast bist du fast zu schade.“ Als dann noch die
Regierungspräsidentin, schon im Fortgehen, ihnen gnädig zuwinkte,
begegneten die Geschwister auf ihrem Weg nur den ergebensten
Gesichtern. Der Saal war ausgeräumt; hinter der Palmengruppe ward
eine Polonäse angestimmt. Diederich machte seine korrekteste
Verbeugung vor Magda und schritt mit ihr zum Tanz, triumphierend,
gleich nach dem Major Kunze, der führte. So zogen sie an Guste
Daimchen vorüber, die saß. Sie saß neben dem verwachsenen Fräulein
Kühnchen und sah ihnen nach, als habe sie Prügel bekommen. Ihr
Anblick berührte Diederich fast so unheimlich, wie der des Herrn
Lauer in der Vogtei.
„Die arme Guste!“
sagte Magda. Diederich runzelte die Brauen. „Ja ja, das kommt
davon.“
„Aber eigentlich“ –
und Magda blinzelte von unten, „woher kommt es denn?“
„Das ist gleich, mein
Kind, jetzt ist es mal so.“
„Diedel, du solltest
sie nachher doch zum Walzer bitten.“
„Das darf ich nicht.
Man muß wissen, was man sich selbst schuldet.“
Dann verließ er
sogleich den Saal. Soeben holte der [334]junge Sprezius, der jetzt
nicht mehr Leutnant, sondern wieder Primaner war, das verwachsene
Fräulein Kühnchen von der Wand weg. Er nahm wohl Rücksicht auf ihren
Vater. Guste Daimchen blieb sitzen ... Diederich machte einen Gang
durch die Seitenzimmer, wo ältere Herren Karten spielten, bekam eine
lange Nase von Käthchen Zillich, die er hinter einer Tür mit einem
Schauspieler überraschte, und gelangte zum Büfett. Dort saß an einem
Tischchen Wolfgang Buck und zeichnete in sein Notizbuch die Mütter,
die um den Saal herum warteten.
„Sehr talentvoll“,
sagte Diederich. „Haben Sie auch schon Ihr Fräulein Braut
porträtiert?“
„In der Beziehung
interessiert sie mich nicht,“ erwiderte Buck, so phlegmatisch, daß
Diederich Zweifel kamen, ob seine Erlebnisse mit Guste im
Liebeskabinett ihren Verlobten interessiert haben würden.
„Mit Ihnen weiß man
überhaupt nicht“, sagte er enttäuscht.
„Mit Ihnen weiß man
immer“, sagte Buck. „Damals vor Gericht, während Ihres großen
Monologes, hätte ich Sie zeichnen mögen.“
„Ihr Plädoyer hat mir
genügt; es war ein Versuch, wenn auch glücklicherweise ein
mißlungener, meine Person und mein Wirken vor der breitesten
Öffentlichkeit in Mißkredit zu bringen und verächtlich zu machen!“
Diederich blitzte,
Buck bemerkte es erstaunt. „Mir scheint, Sie sind beleidigt. Und ich
habe es doch so gut gesagt.“ Er bewegte den Kopf und lächelte,
grüblerisch und entzückt. „Wollen wir nicht ’ne Flasche Sekt
zusammen trinken?“ fragte er.
Diederich meinte: „Ob
ich nun gerade mit Ihnen –.“ Aber er gab nach. „Das Gericht hat
durch sein Urteil [335]festgestellt, daß Ihre Vorwürfe sich nicht
allein gegen mich, sondern gegen alle national gesinnten Männer
richteten. Damit sehe ich die Sache als erledigt an.“
„Dann also
Heidsieck?“ fragte Buck. Er nötigte Diederich, mit ihm anzustoßen.
„Das werden Sie doch zugeben, bester Heßling, so eingehend wie ich,
hat sich mit Ihnen überhaupt noch niemand beschäftigt ... Jetzt kann
ich es Ihnen sagen: Ihre Rolle vor Gericht hat mich mehr
interessiert als meine eigene. Später, zu Hause vor meinem Spiegel,
habe ich sie Ihnen nachgespielt.“
„Meine Rolle? Sie
wollen wohl sagen, meine Überzeugung. Freilich, für Sie ist der
repräsentative Typus von heute der Schauspieler.“
„Das sagte ich mit
Beziehung auf – einen anderen. Aber Sie sehen, wieviel näher ich es
habe zu der Beobachtung ... Wenn ich morgen nicht die Waschfrau zu
verteidigen hätte, die bei Wulckows Unterhosen gestohlen haben soll,
vielleicht würde ich den Hamlet spielen. Prost!“
„Prost. Dazu brauchen
Sie allerdings keine Überzeugungen!“
„Gott, ich habe auch
welche. Aber immer dieselben?... Sie würden mir also das Theater
anraten?“ fragte Buck. Diederich hatte schon den Mund geöffnet, um
es ihm anzuraten, da trat Guste ein, und Diederich errötete, denn er
hatte bei Bucks Frage an sie gedacht. Buck sagte träumerisch:
„Inzwischen würde mein Topf mit Wurst und Kohl mir überkochen, und
es ist doch ein so gutes Gericht.“ Aber Guste, auf leisen Sohlen,
legte ihm von rückwärts die Hände auf die Augen und fragte: „Wer ist
das?“ – „Da ist er ja,“ sagte Buck und gab ihr einen Klaps.
„Die Herren
unterhalten sich wohl gut? Soll ich wieder gehen?“ fragte Guste.
Diederich beeilte sich, ihr einen [336]Stuhl zu holen; aber in
Wirklichkeit wäre er lieber mit Buck allein gewesen; der fiebrige
Glanz in Gustes Augen versprach nichts Gutes. Sie redete geläufiger
als sonst.
„Ihr paßt eigentlich
großartig zueinander, bloß daß ihr so förmlich tut.“
Buck sagte: „Das ist
die gegenseitige Achtung.“ Diederich stutzte, und dann machte er
eine Bemerkung, die ihn selbst in Erstaunen setzte. „Eigentlich –
sooft ich mich von Ihrem Herrn Bräutigam trenne, hab’ ich Wut auf
ihn; beim nächsten Wiedersehen aber freu’ ich mich.“ Er richtete
sich auf. „Wenn ich nämlich noch kein national gesinnter Mann wäre,
würde er mich dazu machen.“
„Und wenn ich es
wäre,“ sagte Buck, weich lächelnd, „würde er es mir abgewöhnen. Das
ist der Reiz.“
Aber Guste hatte
sichtlich andere Sorgen; sie war erbleicht und schluckte hinunter.
„Jetzt sag’ ich dir
was, Wolfgang. Wetten, daß du umfällst?“
„Herr Rose, Ihren
Hennessy!“ rief Buck. Während er Kognak mit Sekt mischte,
umklammerte Diederich Gustes Arm; und da die Ballmusik gerade sehr
laut war, flüsterte er beschwörend: „Sie werden doch keine
Dummheiten machen?“ Sie lachte wegwerfend. „Doktor Heßling hat
Angst! Er findet die Geschichte zu gemein, ich finde sie bloß
ulkig.“ Und laut lachend: „Was sagst du? Dein Vater soll mit meiner
Mutter: du verstehst. Und infolgedessen sollen wir: du verstehst?“
Buck bewegte langsam
den Kopf; und dann verzog er den Mund. „Wenn schon.“ Da lachte Guste
nicht mehr.
„Wieso, wenn schon?“
„Nun, wenn die
Netziger an so etwas glauben, muß es bei ihnen wohl alle Tage
vorkommen, tut also nichts.“
[337] „Redensarten
machen den Kohl nicht fett“, entschied Guste. Diederich glaubte sich
denn doch verwahren zu müssen.
„Überall können
Fehltritte vorkommen. Aber über die Meinung seiner Mitmenschen setzt
niemand sich ungestraft hinweg.“
Guste bemerkte: „Er
glaubt immer, er ist zu gut für diese Welt.“ Und Diederich: „Dies
ist eine harte Zeit. Wer sich nicht wehrt, muß dran glauben.“ Da
rief Guste voll schmerzlicher Begeisterung:
„Doktor Heßling ist
nicht wie du! Er hat mich verteidigt! Ich hab’ den Beweis, daß ich
es weiß, von Meta Harnisch, weil sie schließlich hat müssen den Mund
auftun. Er war überhaupt der einzige, der mich hat verteidigt.
Er an
deiner Stelle täte sich die Leute kaufen, die sich unterstehen und
verklatschen mich!“
Diederich bestätigte
es durch Nicken. Buck drehte immerfort sein Glas und spiegelte sich
darin. Plötzlich ließ er es los.
„Wer sagt euch denn,
daß ich mir nicht auch ganz gern einmal einen kaufen würde – einen
herausgreifen, ohne besondere Auswahl, weil doch alle so ziemlich
gleich dumm und gemein sind?“ Dabei kniff er die Augen zu. Guste hob
die nackten Schultern.
„So was sagt man,
aber sie sind gar nicht so dumm, sie wissen, was sie wollen ... Der
Dümmere ist der Klügere“, schloß sie herausfordernd, und Diederich
nickte mit Ironie. Da sah Buck ihn an, aus Augen, die auf einmal wie
irrsinnig waren. Die Fäuste bewegte er mit krampfigem Zittern um
seinen Hals her. „Wenn ich aber –“ er war plötzlich ganz heiser –
„wenn ich den einen am Kragen hätte, von dem ich wüßte, er zettelt
alles an, er faßt in [338]seiner Person zusammen, was an allen
häßlich und schlecht ist: ihn am Kragen hätte, der das Gesamtbild
wäre alles Unmenschlichen, alles Untermenschlichen –.“ Diederich,
weiß wie sein Frackhemd, drückte sich seitwärts vom Stuhl herunter
und wich schrittweise zurück. Guste schrie auf, sie stob panikartig
nach der Wand. „Es ist der Kognak!“ rief Diederich ihr zu ... Aber
Bucks Blicke, die zwischen ihnen beiden, voll des gräßlichsten
Unheils, umherrollten, packten unvermittelt ein. Er zwinkerte, er
glänzte heiter.
„An die Mischung bin
ich leider gewöhnt“, erklärte er.
„Es ist nur, damit
ihr seht, wir können auch das.“
Diederich setzte sich
polternd wieder hin. „Sie sind doch nur ein Komödiant“, sagte er
entrüstet.
„Finden Sie?“ fragte
Buck und glänzte noch heller. Guste rümpfte die Nase. „Na dann
amüsiert euch weiter“, äußerte sie und wollte gehen. Aber der
Landgerichtsrat Fritzsche war da, er verbeugte sich vor ihr und auch
vor Buck. Ob der Herr Rechtsanwalt gestatte, daß er mit dem Fräulein
Braut den Kotillon tanze. Er sprach äußerst höflich, beschwichtigend
gewissermaßen. Buck antwortete nicht, er faltete die Brauen. Guste
indessen hatte schon Fritzsches Arm genommen.
Buck sah ihnen nach,
eine Falte zwischen den Brauen, selbstvergessen. „Ja ja,“ dachte
Diederich, „erfreulich ist es nicht, wenn man einem Herrn begegnet,
der mit Ihrer Schwester, mein Bester, eine Vergnügungsreise gemacht
hat, und dann holt er einem die Braut vom Tisch weg, und du kannst
nichts machen, weil sonst der Skandal noch größer wird, weil nämlich
unsere Verlobung selbst schon ein Skandal ist ...“
Aufschreckend sagte
Buck: „Wissen Sie, daß ich erst jetzt rechte Lust bekomme, Fräulein
Daimchen zu ehelichen? [339]Ich hielt die Sache für – nicht sehr
sensationell; aber die Einwohner von Netzig machen geradezu eine
Pikanterie daraus.“
Diederich war starr
über diese Wirkung. „Wenn Sie finden“, brachte er hervor.
„Warum nicht? Sie und
ich, wir beiden Gegenpole, führen doch hier die vorgeschrittenen
Tendenzen der moralfreien Epoche ein. Wir machen Betrieb. Der Geist
der Zeit geht hier noch in Filzschuhen über die Straße.“
„Wir werden ihm
Sporen anlegen“, verhieß Diederich.
„Prost!“
„Prost! Aber meine
Sporen“ – Diederich blitzte. „Ihre Skepsis und Ihre schlappe
Gesinnung sind nicht zeitgemäß. Mit“ – er blies durch die Nase –
„mit Geist ist heute nichts zu machen. Die nationale Tat“ – ein
Faustschlag auf den Tisch – „hat die Zukunft!“
Buck darauf mit
verzeihendem Lächeln: „Die Zukunft? Das ist eben die Verwechslung.
Die nationale Tat hat abgehaust, im Lauf von hundert Jahren. Was wir
erleben und noch erleben sollen, sind ihre Zuckungen und ihr
Leichengeruch. Es wird keine gute Luft sein.“
„Von Ihnen habe ich
nichts anderes erwartet, als daß Sie das Heiligste in den Schmutz
ziehen!“
„Heilig! Unantastbar!
Sagen wir gleich ewig! Nicht wahr? Außerhalb der Ideale eures
Nationalismus wird nie, nie wieder gelebt werden. Früher, mag sein,
in der dunkeln Periode der Geschichte, die euch noch nicht kannte.
Jetzt aber seid ihr da, und die Welt ist angelangt. Dünkel und Haß
der Nationen, das ist das Ziel, darüber hinaus geht es nicht.“
„Wir leben in einer
harten Zeit“, bestätigte Diederich ernst.
[340] „Weniger hart
als verkalkt ... Ich bin nicht überzeugt, daß die Menschen, deren
Dasein in den Dreißigjährigen Krieg fiel, an die Unabänderlichkeit
ihres auch nicht weichen Zustandes geglaubt haben. Und ich bin
überzeugt, daß die Rokokowillkür von denen, die ihr unterlagen, für
überwindbar gehalten worden ist, sonst hätten sie nicht die
Revolution gemacht. Wo ist, in den Räumen der Geschichte, die wir
seelisch noch betreten können, die Zeit, die sich in Permanenz
erklärt und aufgetrumpft hätte vor der Ewigkeit mit ihrer traurigen
Beschränktheit. Die jeden nicht ganz in ihr Befangenen abergläubisch
bemäkelt hätte. Nicht national gesinnt sein erregt bei euch noch
mehr Grauen als Haß! Aber die vaterlandslosen Gesellen sind euch auf
den Fersen. Dort im Saal, sehen Sie sie?“
Diederich
verschüttete seinen Sekt, so schnell fuhr er herum. War denn
Napoleon Fischer eingedrungen, mit den Genossen?... Buck lachte
stumm und innig. „Bemühen Sie sich nicht, ich meine nur das stille
Volk auf den Wänden. Warum scheinen sie so heiter? Was gibt ihnen
das Recht auf Blumenwege, leichten Schritt und Harmonie? Ah! Ihr
Freunde!“ Über die Tanzenden hinweg schwenkte Buck sein Glas. „Ihr
Freunde der Menschheit und jeder guten Zukunft, weitherzig und
unbekannt mit der düsteren Selbstsucht eines nationalen
Vetternbundes: Weltseelen ihr, kehrt wieder! Selbst unter uns noch
erwarten euch einige!“
Er trank aus,
Diederich bemerkte mit Verachtung, daß er weinte. Übrigens bekam er
sogleich eine schlaue Miene. „Ihr aber, Zeitgenossen, wißt wohl
nicht, was der alte Bürgermeister, der da hinten zwischen den
Amtspersonen und Schäferinnen rosig lächelt, als Schleife über der
Brust trägt? Die Farben sind verblichen; ihr denkt wohl, es sind
[341]die euren? Es ist aber die französische Trikolore. Sie war neu
damals und nicht die eines Landes, sondern der allgemeinen
Morgenröte. Sie zu tragen, war beste Gesinnung; es war, wie ihr
sagen würdet, streng korrekt. Prost!“
Aber Diederich war
verstohlen mit seinem Stuhl davongerückt und spähte umher, ob
niemand höre. „Sie sind ja besoffen,“ murmelte er; und um die
Situation zu retten, rief er: „Herr Rose! Noch eine Flasche!“ Darauf
setzte er sich achtunggebietend zurecht.
„Sie scheinen nicht
daran zu denken, daß seitdem ein Bismarck da war!“
„Nicht nur einer“,
sagte Buck. „Von allen Seiten ist Europa in diesen nationalen
Durchgang getrieben worden. Nehmen wir an, er war nicht zu
vermeiden. Nach ihm werden bessere Gefilde kommen ... Aber seid ihr
eurem Bismarck etwa gefolgt, solange er im Recht war? Ihr habt euch
zerren lassen, ihr habt mit ihm im Konflikt gelebt. Erst jetzt, da
ihr über ihn hinaus sein solltet, hängt ihr euch an seinen
kraftlosen Schatten! Denn euer nationaler Stoffwechsel ist
entmutigend langsam. Bis ihr begriffen habt, daß ein großer Mann da
ist, hat er schon aufgehört, groß zu sein.“
„Sie werden ihn
kennenlernen!“ verhieß Diederich. „Blut und Eisen bleibt die
wirksamste Kur! Macht geht vor Recht!“ Der Kopf schwoll ihm rot an
bei diesen Glaubenssätzen. Aber auch Buck regte sich auf.
„Die Macht! Die Macht
läßt sich nicht ewig auf Bajonetten davontragen wie eine
aufgespießte Wurst. Die einzige reale Macht ist heute der Friede!
Spielt euch die Komödie der Gewalt vor! Prahlt gegen eingebildete
Feinde draußen und im Innern! Taten, glücklicherweise, sind euch
nicht erlaubt!“
„Nicht erlaubt?“
Diederich blies, als sollte Feuer kom[342]men. „Seine Majestät hat
gesagt: Lieber lassen wir unsere gesamten achtzehn Armeekorps und
zweiundvierzig Millionen Einwohner auf der Strecke ...“
„Denn wo der deutsche
Aar –!“ rief Buck, mit jähem Schwung; und noch wilder: „Nicht
Parlamentsbeschlüsse! Die einzige Säule ist das Heer!“
Diederich gab ihm
nichts nach. „Ihr seid berufen, mich in erster Linie vor dem äußeren
und inneren Feind zu schützen!“
„Einer
hochverräterischen Schar zu wehren!“ schrie Buck.
„Eine Rotte von
Menschen –“
Diederich fiel ein:
„– nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen!“
Und beide einstimmig:
„Verwandte und Brüder niederschießen!“
Tänzer, die sich am
Büfett erfrischten, wurden aufmerksam auf ihr Geschrei, sie holten
auch ihre Damen herbei, um ihnen den Anblick eines heldenhaften
Rausches zu verschaffen. Sogar die Kartenspieler streckten die Köpfe
herein; und alle bestaunten Diederich und seinen Partner, die auf
ihren Stühlen schwankend und an den Tisch geklammert mit glasigen
Augen und entblößten Gebissen einander starke Worte ins Gesicht
schleuderten.
„Einen Feind, und der
ist mein Feind!“
„Einer nur ist Herr
im Reich, keinen anderen dulde ich!“
„Ich kann sehr
unangenehm sein!“
Die Stimmen
überschlugen sich.
„Falsche Humanität!“
„Vaterlandslose
Feinde der göttlichen Weltordnung!“
„Müssen ausgerottet
werden bis auf den letzten Stumpf!“
Eine Flasche flog
gegen die Wand.
„Zerschmettere ich!“
„Deutschen Staub!...
Pantoffeln!... Herrliche Tage!“
[343] Hier glitt
durch die Zuschauer ein Wesen mit verbundenen Augen: Guste Daimchen,
die sich auf diese Weise einen Herrn suchen sollte. Von rückwärts
betastete sie Diederich und wollte ihn zum Aufstehen bewegen. Er
machte sich steif und wiederholte drohend: „Herrliche Tage!“ Sie riß
das Tuch herunter, starrte ihn angstvoll an und holte seine
Schwestern. Auch Buck sah ein, daß es angezeigt sei, aufzubrechen.
Unauffällig stützte er den Freund beim Abgang, konnte aber nicht
verhindern, daß Diederich in der Tür sich nochmals umwandte, der
tanzenden, gaffenden Menge zu, gebieterisch aufgereckt, wenn auch
verglast und ohne Blitzen.
„Zerschmettere ich!“
Dann ward er hinunter
und in den Wagen befördert.
Als er gegen Mittag
mit schweren Kopfschmerzen das Familienzimmer betrat, war er sehr
erstaunt, daß Emmi es entrüstet verließ. Aber Magda brauchte ihm nur
einige vorsichtige Andeutungen zu machen, da wußte er schon wieder,
um was es sich handelte. „Hab’ ich das wirklich gemacht? Na ja, ich
gebe zu, es waren Damen dabei. Es gibt verschiedene Arten, sich als
deutscher Mann zu zeigen: bei den Damen ist es wieder eine andere
... Natürlich beeilt man sich in solchem Fall, die Sache in der
loyalsten und korrektesten Weise beizulegen.“
Obwohl er kaum aus
den Augen sehen konnte, war ihm klar, was zu geschehen hatte. Indes
ein zweispänniger Paradewagen herbeigeholt ward, bekleidete er sich
mit Gehrock, weißer Krawatte und Zylinder; dann überreichte er dem
Kutscher die von Magda aufgesetzte Liste und fuhr los. Überall
verlangte er nach den Damen; manche schreckte er vom Mittagessen
auf; – und ohne deutlich zu [344]erkennen, ob er Frau Harnisch, Frau
Daimchen oder Frau Tietz vor sich habe, sagte er mit rauher
Katerstimme her:
„Ich gebe zu ... Als
deutscher Mann, bei Damen ... Loyalste und korrekteste Weise ...“
Um halb zwei war er
zurück und ließ sich aufseufzend zum Essen nieder. „Die Sache ist
beigelegt.“
Der Nachmittag
gehörte einer schwierigeren Aufgabe. Diederich ließ Napoleon Fischer
hinauf in seine Privatwohnung kommen.
„Herr Fischer,“ sagte
er und wies ihm einen Stuhl an, „ich empfange Sie hier und nicht in
meinem Bureau, weil den Herrn Sötbier unsere Angelegenheiten nichts
angehen. Es betrifft nämlich die Politik.“
Napoleon Fischer
nickte, als habe er sich dies schon gedacht. Er schien an solche
vertraulichen Unterredungen nunmehr gewöhnt, auf Diederichs ersten
Wink griff er sogleich in die Zigarrenkiste; er schlug sogar das
Bein über. Diederich war weit weniger sicher; er schnaufte – und
dann entschloß er sich, ohne Umschweife, mit brutaler Ehrlichkeit
auf sein Ziel loszugehen. Bismarck hatte es auch so gemacht.
„Ich will nämlich
Stadtverordneter werden,“ erklärte er, „und dazu brauche ich Sie.“
Der Maschinenmeister
warf ihm einen Blick von unten zu. „Ich Sie auch“, sagte er. „Denn
ich will auch Stadtverordneter werden.“
„Nanu, na hören Sie
mal! Ich war auf manches gefaßt ...“
„Sie hatten wohl
schon wieder ein paar Doppelkronen in der Hand?“ – und der
Proletarier fletschte die gelben Zähne. Er versteckte sein Grinsen
gar nicht mehr. Diederich begriff, daß in Wahlsachen weniger leicht
mit ihm zu reden sein werde als über eine geschundene Arbeiterin.
[345]„Nämlich, Herr Doktor,“ begann Napoleon, „den einen von den
beiden Sitzen hat meine Partei bombensicher. Den anderen kriegen
wahrscheinlich die Freisinnigen. Wenn Sie die ’rausschmeißen wollen,
brauchen Sie uns.“
„So weit seh’ ich es
ein“, sagte Diederich. „Ich habe zwar auch den alten Buck für mich.
Aber seine Leute sind vielleicht nicht alle so vertrauensselig, daß
sie mich wählen, wenn ich mich als Freisinniger aufstellen lasse.
Sicherer ist es, ich vertrage mich auch mit Ihnen.“
„Und ich hab’ auch
schon ’ne Ahnung, wieso Sie das machen können“, erklärte Napoleon.
„Weil ich nämlich schon längst ’n Auge auf Herrn Doktor habe, ob er
nun nicht bald in die politische Arena ’reinsteigt.“
Napoleon blies Ringe,
so sehr war er auf der Höhe!
„Ihr Prozeß, Herr
Doktor, und dann das mit dem Kriegerverein und so, das war alles
ganz schön, als Reklame. Aber für einen Politiker heißt es doch
immer: wie viele Stimmen krieg’ ich.“
Napoleon teilte aus
dem Schatz seiner Erfahrungen mit! Als er vom „nationalen Rummel“
sprach, wollte Diederich protestieren; aber Napoleon fertigte ihn
schnell ab.
„Was wollen Sie denn?
Wir in unserer Partei haben gewissermaßen allerhand Achtung vor dem
nationalen Rummel. Bessere Geschäfte sind allemal damit zu machen
als mit dem Freisinn. Die bürgerliche Demokratie fährt bald in einer
einzigen Droschke ab.“
„Und die vermöbeln
wir ihr auch noch!“ rief Diederich. Die Bundesgenossen lachten vor
Vergnügen. Diederich holte eine Flasche Bier.
„A–ber“, machte der
Sozialdemokrat; und er rückte mit seiner Bedingung heraus: ein
Gewerkschaftshaus, bei dessen Bau die Partei von der Stadt zu
unterstützen war! [346]... Diederich sprang vom Stuhl. „Und das
erdreisten Sie sich von einem nationalen Mann zu verlangen?“
Der andere blieb
gelassen und ironisch. „Wenn wir dem nationalen Mann nicht helfen,
daß er gewählt wird, wo bleibt dann der nationale Mann?“ – Und
Diederich mochte sich empören oder um Gnade flehen, er mußte auf ein
Blatt Papier schreiben, daß er für das Gewerkschaftshaus nicht nur
selbst stimmen, sondern auch die ihm nahestehenden Stadtverordneten
bearbeiten werde. Darauf erklärte er barsch die Unterredung für
beendet und nahm dem Maschinenmeister die Bierflasche aus der Hand.
Aber Napoleon Fischer zwinkerte. Überhaupt dürfe der Herr Doktor
froh sein, daß er mit ihm und nicht mit dem Parteibudiker Rille
verhandele. Denn Rille, der für seine eigene Wahl agitiere, wäre zu
dem Kompromiß nicht zu haben gewesen. Und in der Partei seien die
Meinungen geteilt; Diederich habe also allen Grund, in der ihm
nahestehenden Presse etwas für die Kandidatur Fischer zu tun. „Wenn
fremde Leute, zum Beispiel Rille, sollten die Nase in Ihre
Geschichten stecken, Herr Doktor, dafür werden Sie sich wohl
bedanken. Bei uns beiden ist es was anderes. Wir haben schon mehr
Dreck zusammen verscharrt.“
Damit ging er und
überließ Diederich seinen Gefühlen. „Schon mehr Dreck zusammen
verscharrt!“ dachte Diederich, und Angstschauer kreuzten sich in ihm
mit Wallungen des Zorns. Das durfte der Hund ihm sagen, sein eigener
Kuli, den er jeden Augenblick auf die Straße werfen konnte!
Vielmehr, leider ging das nicht, denn es war wahr, sie hatten Dreck
verscharrt. Der Holländer! Die geschundene Arbeiterin! Eine
Vertraulichkeit zog die andere nach sich: jetzt waren Diederich und
sein Prolet [347]nicht nur im Betrieb aufeinander angewiesen,
sondern auch politisch. Am liebsten hätte Diederich mit dem
Parteibudiker Rille angebunden; aber dann war zu fürchten, daß
Napoleon Fischer in seiner Rachsucht auspackte, was er wußte.
Diederich sah sich genötigt, ihm auch noch gegen Rille zu helfen.
„Aber“ – er schüttelte die Faust gegen die Zimmerdecke – „wir
sprechen uns wieder. Und wenn es zehn Jahre dauert, die Abrechnung
kommt!“
Hiernach oblag es
ihm, dem alten Herrn Buck einen Besuch zu machen und sein
biedermännisches und schöngeistiges Gerede mit Ergebenheit
anzuhören. Dafür ward er Kandidat der freisinnigen Partei ... In der
„Netziger Zeitung“, die in einem warmen Artikel Herrn Doktor Heßling
als Mensch, Bürger und Politiker den Wählern empfahl, ward gleich
darunter, wenn auch in kleinerem Druck, die Aufstellung des
Arbeiters Fischer scharf beanstandet. Die sozialdemokratische Partei
verfügte, man mußte es leider zugeben, über genug selbständige
Gewerbetreibende, sie brauchte den bürgerlichen Stadtverordneten
nicht den kollegialen Verkehr mit einem gewöhnlichen Arbeiter
zuzumuten. Sollte insbesondere Herr Doktor Heßling im Schoße der
städtischen Körperschaft seinem eigenen Maschinenmeister begegnen?
Dieser Ausfall des
bürgerlichen Blattes stellte unter den Sozialdemokraten volle
Einmütigkeit her; sogar Rille mußte sich für Napoleon erklären, –
der mit Glanz durch das Ziel ging. Diederich bekam von der Partei,
die ihn aufstellte, nur die Hälfte der Stimmen, aber ihn retteten
die Genossen. Die beiden Gewählten wurden gemeinsam in die
Versammlung eingeführt. Bürgermeister Doktor Scheffelweis
beglückwünschte sie, mit dem Hinweis, daß einerseits der tätige
Bürger, andererseits der empor[348]strebende Arbeiter –. Und schon
in der nächsten Sitzung griff Diederich in die Verhandlungen ein.
Zur Debatte stand die
Kanalisation der Gäbbelchenstraße. Eine beträchtliche Anzahl jener
alten Vorstadthäuser befand sich noch heute, am Ende des neunzehnten
Jahrhunderts, im wenig rühmlichen Besitz von Abortgruben, deren
Ausdünstungen zuzeiten die ganze Gegend überschwemmten. Bei seinem
Besuch im „Grünen Engel“ hatte Diederich die Wahrnehmung gemacht. So
wandte er sich denn mit Nachdruck gegen die finanztechnischen
Bedenken des Magistratsvertreters. Eine Forderung der Kulturehre
dürfe kleinlichen Rücksichten nicht weichen. „Deutschtum heißt
Kultur!“ rief Diederich aus. „Meine Herren! Das hat kein Geringerer
gesagt als Seine Majestät der Kaiser. Und bei anderer Gelegenheit
hat Seine Majestät das Wort gesprochen: Die Schweinerei muß ein Ende
nehmen. Wo nur immer großzügig vorgegangen wird, da leuchtet uns das
erhabene Beispiel Seiner Majestät voran, und darum, meine Herren –“
„Hurra!“ rief eine
Stimme links, und Diederich begegnete dem Grinsen Napoleon Fischers.
Da reckte er sich auf, er blitzte.
„Sehr richtig!“
versetzte er schneidend. „Ich kann nicht besser schließen. Seine
Majestät der Kaiser hurra, hurra, hurra!“
Verblüfftes
Schweigen, – aber da die Sozialdemokraten lachten, riefen rechts
einige hurra. Doktor Heuteufel warf die Frage dazwischen, ob der
merkwürdige Zusammenhang, in den Herr Doktor Heßling die Person des
Kaisers gebracht habe, nicht eigentlich eine Majestätsbeleidigung
darstelle. Aber der Vorsitzende klingelte schnell. In der Presse
jedoch ward weiter debattiert. Die [349]„Volksstimme“ behauptete,
Herr Heßling trage in die Stadtverordnetenversammlung den Geist des
übelsten Byzantinismus, wohingegen die „Netziger Zeitung“ seine Rede
als die erfrischende Tat eines unbefangenen Patrioten bezeichnete.
Daß es sich aber um einen wahrhaft bedeutsamen Vorgang handelte,
ward erst klar, als es im „Berliner Lokal-Anzeiger“ stand. Das Blatt
Seiner Majestät war über das mutige Auftreten des Netziger
Stadtverordneten Doktor Heßling des Lobes voll. Es stellte mit
Genugtuung fest, daß der neue, entschlossen nationale Geist, für den
der Kaiser eintrete, nunmehr auch im Lande Fortschritte mache. Die
kaiserliche Mahnung werde befolgt, der Bürger erwache aus dem
Schlummer, die Scheidung zwischen denen für ihn und denen wider ihn
vollziehe sich. „Möchten viele wackere Vertreter unserer Städte dem
Beispiel des Doktor Heßling folgen!“
Diese Nummer des
Lokal-Anzeigers trug Diederich schon acht Tage lang auf dem Herzen,
da schlich er sich um die stillste Vormittagsstunde, unter
Vermeidung der Kaiser-Wilhelm-Straße, von rückwärts in die Bierstube
von Klappsch, wo er Gesellschaft fand: Napoleon Fischer und der
Parteiwirt Rille. Obwohl das Lokal ganz leer war, zogen die drei
sich in den äußersten Winkel zurück; Fräulein Klappsch ward, kaum
daß sie das Bier gebracht hatte, hinausgeschickt; und Klappsch
selbst, der an der Tür horchte, hörte nur tuscheln. Er versuchte die
Klappe zu Hilfe zu nehmen, durch die er bei stärkerem Besuch die
Gläser hineinreichte; aber Rille, der damit Bescheid wußte, schlug
sie ihm vor der Nase zu. Immerhin hatte der Wirt bemerkt, daß Doktor
Heßling aufgesprungen war und im Begriff schien, wegzugehen. Dazu
werde er als nationaler Mann niemals die Hand bieten!... Später aber
wollte Fräulein [350]Klappsch, die zum Zahlen gerufen ward, doch ein
Papier gesehen haben, das von allen drei unterschrieben war.
Denselben Tag
nachmittags hatten Emmi und Magda eine Einladung zum Tee bei Frau
von Wulckow, und Diederich begleitete sie. Erhobenen Hauptes
schritten die Geschwister über die Kaiser-Wilhelm-Straße, Diederich
lüftete kühl den Zylinder vor den Herren, die von den Stufen der
Freimaurerloge erstaunt zusahen, wie er das Gebäude der Regierung
betrat. Den Wachtposten begrüßte er mit einer jovialen Handbewegung.
Droben in der Garderobe stieß man auf Offiziere und ihre Damen,
denen die beiden Fräulein Heßling schon bekannt waren. Die Sporen
zusammenschlagend, zog der Leutnant von Brietzen Emmi den Mantel
aus, und sie dankte ihm über die Schulter, wie eine Gräfin. Sodann
trat sie Diederich auf den Fuß, damit er merke, auf welchen heißen
Boden er versetzt sei. Und wirklich, als man nun Herrn von Brietzen
den Vortritt in den Salon aufgenötigt, vor der Präsidentin entzückte
Kratzfüße ausgeführt hatte und mit allen bekannt geworden war:
welche Aufgabe, so ehrenvoll wie gefährlich, auf einem Stühlchen
zwischen Damenkleider eingeengt, die Teetasse im Gleichgewicht zu
erhalten, während man Kuchenteller weitergab, und mit dem Kuchen ein
huldigendes Lächeln zu spenden und beim Essen ein schmelzendes Wort
über die so gelungene Aufführung der „Heimlichen Gräfin“ zu liefern,
ein männlich anerkennendes für die großzügige Verwaltungstätigkeit
des Präsidenten, ein gewichtiges über Umsturz und Kaisertreue – und
dabei noch den Wulckowschen Hund zu füttern, der bettelte! An die
anspruchslose Gesellschaft des Ratskellers oder des Kriegervereins
durfte [351]man hier nicht denken; es hieß mit aufreibendem Lächeln
in die wasserhellen Augen des Hauptmanns von Köckeritz starren,
dessen Glatze weiß, dessen Gesicht von der Mitte der Stirn abwärts
feuerrot war und der vom Exerzierplatz erzählte. Und wenn einem vor
Gespanntheit auf die Frage, ob man gedient habe, schon der Schweiß
ausbrach, erlebte man es unversehens, daß die Dame neben einem, die
ihr weißblondes Haar glatt über den Kopf hinaufkämmte und eine
sonnenverbrannte Nase hatte, von Pferden zu sprechen anfing ...
Diesmal ward Diederich durch Emmi gerettet, denn Emmi, unterstützt
von Herrn von Brietzen, mit dem sie geradezu auf vertrautem Fuß zu
stehen schien, griff gewandt in das Pferdegespräch ein, gebrauchte
fachmännische Ausdrücke, ja, schreckte nicht davor zurück, von
Ritten ins Gelände zu phantasieren, die sie auf dem Gut einer Tante
unternommen haben wollte. Als der Leutnant sich dann erbot, mit ihr
auszureiten, schützte sie die arme Frau Heßling vor, die es nicht
erlaube. Diederich erkannte Emmi nicht wieder. Ihre unheimlichen
Talente ließen Magda, der es doch gelungen war, sich zu verloben,
hier ganz im Schatten. Nicht ohne Bangen ward Diederich, wie nach
seiner Rückkehr aus dem „grünen Engel“, sich der unberechenbaren
Wege bewußt, die ein Mädchen, wenn man es nicht sah –. Da bemerkte
er, daß er eine Frage der Präsidentin überhört hatte, und daß man
schwieg, weil er antworten sollte. Er suchte in der Luft umher nach
Hilfe, stieß aber nur auf den unerbittlichen Blick eines großen
Bildnisses, bleich und steinern, in roter Husarenuniform, eine Hand
auf der Hüfte, der Schnurrbart an den Augenwinkeln, und der Blick
über die Schulter hinweg kalt blitzend! Diederich erbebte, er
verschluckte sich mit Tee, Herr von Brietzen klopfte ihm den Rücken.
[352] Eine Dame, die
bisher nur immer gegessen hatte, sollte jetzt singen. Im Musikzimmer
hatte man sich gruppiert. Diederich, an der Tür, zog verstohlen die
Uhr, da hüstelte hinter ihm die Präsidentin. „Ich weiß wohl, lieber
Doktor, daß Sie nicht uns und unserer leichten, ich möchte sagen
allzu leichten Konversation Ihre Zeit opfern, die so ernsten
Pflichten gehört. Mein Mann erwartet Sie, kommen Sie nur.“ Den
Finger auf den Lippen ging sie voran, über einen Gang, durch ein
leeres Vorzimmer ... Ganz leise klopfte sie. Da keine Antwort kam,
sah sie ängstlich auf Diederich, dem auch nicht wohl war.
„Ottochen“, versuchte sie, zärtlich an die verschlossene Tür
geschmiegt. Nach einer Weile des Lauschens erhob sich drinnen die
fürchterliche Baßstimme: „Hier ist kein Ottochen! Sag’ den
Schafsköpfen, Sie sollen ihren Tee allein saufen!“ – „Er ist so sehr
beschäftigt“, flüsterte Frau von Wulckow, ein wenig bleicher. „Die
Schlechtgesinnten untergraben seine Gesundheit ... Leider muß ich
mich jetzt meinen Gästen widmen, der Diener soll Sie anmelden.“ Und
sie entschwebte.
Diederich wartete
vergeblich auf den Diener, lange Minuten. Dann aber trat der
Wulckowsche Hund ein, schritt riesenhaft und voll Verachtung an
Diederich vorbei und kratzte an der Tür. Sofort ertönte es drinnen:
„Schnaps! Komm herein!“ – worauf die Dogge die Tür aufklinkte. Da
sie vergaß, sie wieder zu schließen, erlaubte Diederich sich, mit
hineinzuschlüpfen. Herr von Wulckow saß in einer Rauchwolke am
Schreibtisch, er wendete den ungeheuren Rücken her.
„Guten Tag, Herr
Präsident“, sagte Diederich, mit einem Kratzfuß. „Na nu, quatschst
du auch schon, Schnaps?“ fragte Wulckow, ohne sich umzusehen. Er
faltete ein Papier, zündete langsam eine neue Zigarre an ... „Jetzt
[353]kommt es“, dachte Diederich. Aber dann begann Wulckow etwas
anderes zu schreiben. Interesse an Diederich nahm nur der Hund.
Offenbar fand er den Gast hier noch weniger am Platz, seine
Verachtung ging in Feindseligkeit über; mit gefletschten Zähnen
beschnupperte er Diederichs Hose, fast war es kein Schnuppern mehr.
Diederich tanzte, so geräuschlos wie möglich, von einem Fuß auf den
anderen, und die Dogge knurrte drohend aber leise, wohl wissend, ihr
Herr könnte es sonst nicht weiter kommen lassen. Endlich gelang es
Diederich, zwischen sich und seinen Feind einen Stuhl zu bringen, an
den geklammert er sich umherdrehte, bald langsamer, bald schneller,
und immer auf der Hut vor Schnaps’ Seitensprüngen. Einmal sah er
Wulckow den Kopf ein wenig wenden und glaubte ihn schmunzeln zu
sehen. Dann hatte der Hund genug von dem Spiel, er ging zum Herrn
und ließ sich streicheln; und neben Wulckows Stuhl hingelagert, maß
er mit kühnen Jägerblicken Diederich, der sich den Schweiß wischte.
„Gemeines Vieh!“
dachte Diederich – und plötzlich wallte es auf in ihm. Empörung und
der dicke Qualm verschlugen ihm den Atem, er dachte, mit
unterdrücktem Keuchen: „Wer bin ich, daß ich mir das bieten lassen
muß? Mein letzter Maschinenschmierer läßt sich das von mir nicht
bieten. Ich bin Doktor. Ich bin Stadtverordneter! Dieser ungebildete
Flegel hat mich nötiger als ich ihn!“ Alles, was er heute nachmittag
erlebt hatte, nahm den übelsten Sinn an. Man hatte ihn verhöhnt, der
Bengel von Leutnant hatte ihm den Rücken geklopft! Diese Kommißköpfe
und adeligen Puten hatten die ganze Zeit von ihren albernen
Angelegenheiten geredet und ihn wie dumm dabei sitzen lassen! „Und
wer bezahlt die frechen Hungerleider? Wir!“ Gesinnung und Gefühle,
alles [354]stürzte in Diederichs Brust auf einmal zusammen, und aus
den Trümmern schlug wild die Lohe des Hasses. „Menschenschinder!
Säbelraßler! Hochnäsiges Pack!... Wenn wir mal Schluß machen mit der
ganzen Bande –!“ Die Fäuste ballten sich ihm von selbst, in einem
Anfall stummer Raserei sah er alles niedergeworfen, zerstoben: die
Herren des Staates, Heer, Beamtentum, alle Machtverbände und sie
selbst, die Macht! Die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe
wir küssen! Gegen die wir nichts können, weil wir alle sie lieben!
Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! Ein
Atom sind wir von ihr, ein verschwindendes Molekül von etwas, das
sie ausgespuckt hat!... Von der Wand dort, hinter blauen Wolken, sah
eisern hernieder ihr bleiches Gesicht, eisern, gesträubt, blitzend:
Diederich aber, in wüster Selbstvergessenheit, hob die Faust.
Da knurrte der
Wulckowsche Hund, unter dem Präsidenten hervor aber kam ein
donnerndes Geräusch, ein lang hinrollendes Geknatter – und Diederich
erschrak tief. Er verstand nicht, was dies für ein Anfall gewesen
war. Das Gebäude der Ordnung, wieder aufgerichtet in seiner Brust,
zitterte nur noch leise. Der Herr Regierungspräsident hatte wichtige
Staatsgeschäfte. Man wartete eben, bis er einen bemerkte; dann
bekundete man gute Gesinnung und sorgte für gute Geschäfte ...
„Na, Doktorchen?“
sagte Herr von Wulckow und drehte seinen Sessel herum. „Was ist mit
Ihnen los? Sie werden ja der reine Staatsmann. Setzen Sie sich mal
auf diesen Ehrenplatz.“
„Ich darf mir
schmeicheln“, stammelte Diederich. „Einiges habe ich schon erreicht
für die nationale Sache.“
Wulckow blies ihm
einen mächtigen Rauchkegel ins [355]Gesicht, dann kam er ihm ganz
nahe mit seinen warmblütigen, zynischen Augen und ihrer
Mongolenfalte. „Sie haben erstens erreicht, Doktorchen, daß Sie
Stadtverordneter geworden sind. Wie, das wollen wir auf sich beruhen
lassen. Jedenfalls konnten Sie es brauchen, denn Ihr Geschäft soll
ja ’ne ziemlich faule Karre sein.“ Da Diederich zusammenzuckte,
lachte Wulckow dröhnend. „Lassen Sie nur, Sie sind mein Mann. Was
meinen Sie, das ich da geschrieben habe?“ Das große Blatt Papier
verschwand unter der Pranke, die er darauf legte. „Da verlange ich
vom Minister einen kleinen Piepmatz für einen gewissen Doktor
Heßling, in Anerkennung seiner Verdienste um die gute Gesinnung in
Netzig ... Für so nett haben Sie mich wohl gar nicht gehalten?“
setzte er hinzu, denn Diederich, mit einer Miene, geblendet und wie
mit Blödheit geschlagen, machte von seinem Stuhl herab immerfort
Verbeugungen. „Ich weiß tatsächlich nicht“, brachte er hervor.
„Meine bescheidenen Verdienste –“
„Aller Anfang ist
schwer“, sagte Wulckow. „Es soll auch nur eine Aufmunterung sein.
Ihre Haltung im Prozeß Lauer war nicht übel. Na und Ihr Kaiserhoch
in der Kanalisationsdebatte hat die antimonarchische Presse ganz aus
dem Häuschen gebracht. Schon an drei Orten im Lande ist deshalb
Anklage wegen Majestätsbeleidigung erhoben. Da müssen wir uns Ihnen
wohl erkenntlich zeigen.“
Diederich rief aus:
„Mein schönster Lohn ist es, daß der Lokal-Anzeiger meinen
schlichtbürgerlichen Namen vor die Allerhöchsten Augen selbst
gebracht hat!“
„Na, nu nehmen Sie
sich mal ’ne Zigarre“, schloß Wulckow; und Diederich begriff, daß
jetzt die Geschäfte kamen. Schon inmitten der Hochgefühle waren ihm
Zweifel aufgestiegen, ob Wulckows Gnade vor allem [356]anderen nicht
eine ganz besondere Ursache habe. Er sagte versuchsweise:
„Für die Bahn nach
Ratzenhausen wird die Stadt nun doch wohl den Beitrag bewilligen.“
Wulckow streckte den
Kopf vor. „Ihr Glück. Wir haben sonst ein billigeres Projekt, darauf
wird Netzig überhaupt nicht berührt. Also sorgen Sie dafür, daß die
Leute Vernunft annehmen. Unter der Bedingung dürft ihr dann dem
Rittergut Quitzin euer Licht liefern.“
„Das will der
Magistrat auch nicht.“ Diederich bat mit den Händen um Nachsicht.
„Die Stadt hat Schaden dabei, und Herr von Quitzin zahlt uns keine
Steuern ... Aber jetzt bin ich Stadtverordneter, und als nationaler
Mann –“
„Das möchte ich mir
ausbitten. Mein Vetter Herr von Quitzin baut sich sonst einfach ein
Elektrizitätswerk, das hat er billig, was glauben Sie, zwei Minister
kommen bei ihm zur Jagd – und dann unterbietet er euch hier in
Netzig selbst.“
Diederich richtete
sich auf. „Ich bin entschlossen, Herr Präsident, allen Anfeindungen
zum Trotz in Netzig das nationale Banner hochzuhalten.“ Hierauf, mit
gedämpfter Stimme: „Einen Feind können wir übrigens loswerden: einen
besonders schlimmen, jawohl, den alten Klüsing in Gausenfeld.“
„Der?“ Wulckow feixte
verächtlich. „Der frißt mir aus der Hand. Er liefert Papier für die
Kreisblätter.“
„Wissen Sie, ob er
für schlechte Blätter nicht noch mehr liefert? Darüber, Herr
Präsident verzeihen, bin ich doch wohl besser informiert.“
„Die Netziger Zeitung
ist jetzt in nationaler Beziehung zuverlässiger geworden.“
„Und zwar –“
Diederich nickte gewichtig, „seit dem [357]Tage, an dem der alte
Klüsing mir, Herr Präsident, einen Teil der Papierlieferung hat
anbieten lassen. Gausenfeld sei überlastet. Natürlich hatte er
Angst, daß ich mich an einem nationalen Konkurrenzblatt beteilige.
Und vielleicht hatte er auch Angst –“ eine bedeutsame Pause – „daß
der Herr Präsident das Papier für die Kreisblätter lieber bei einem
nationalen Werk bestellt.“
„Also – Sie liefern
jetzt für die Netziger Zeitung?“
„Niemals, Herr
Präsident, werde ich meine nationale Gesinnung so sehr verleugnen,
daß ich an eine Zeitung liefere, solange noch freisinniges Geld drin
ist.“
„Na schön.“ Wulckow
stemmte die Fäuste auf die Schenkel. „Jetzt brauchen Sie nichts mehr
zu sagen. Sie wollen bei der Netziger Zeitung das Ganze. Die
Kreisblätter wollen Sie auch. Wahrscheinlich auch die
Papierlieferungen für die Regierung. Sonst noch was?“
Und Diederich,
sachlich:
„Herr Präsident, ich
bin nicht wie Klüsing, mit dem Umsturz mach’ ich keine Geschäfte.
Wenn Sie, Herr Präsident, auch als Vorstand der Bibelgesellschaft
mein Unternehmen stützen wollten, ich darf sagen, die nationale
Sache würde nur gewinnen.“
„Na schön“,
wiederholte Wulckow und zwinkerte. Diederich spielte seinen Trumpf
aus.
„Herr Präsident!
Unter Klüsing ist Gausenfeld eine Brutstätte des Umsturzes. Bei
seinen achthundert Arbeitern ist nicht einer dabei, der anders wählt
als sozialdemokratisch.“
„Na und bei Ihnen?“
Diederich schlug sich
auf die Brust. „Gott ist mein Zeuge, daß ich lieber noch heute die
Bude zumache und mit den Meinen ins Elend hinausziehe, als daß ich
einen [358]einzigen Mann bei mir dulde, von dem ich weiß, er ist
nicht kaisertreu.“
„Sehr brauchbare
Gesinnung“, sagte Wulckow. Diederich sah ihn mit blauen Augen an.
„Ich nehme nur gediente Leute, vierzig haben den Krieg mitgemacht.
Jugendliche beschäftige ich gar nicht mehr, seit der Geschichte mit
dem Arbeiter, den der Wachtposten auf dem Felde der Ehre, wie Seine
Majestät festzustellen geruhten, niedergestreckt hat, nachdem der
Kerl mit seiner Braut hinter meinen Lumpen –“
Wulckow winkte ab.
„Ihre Sorge, Doktorchen!“
Diederich ließ sich
seinen Entwurf nicht verderben. „Unter meinen Lumpen darf kein
Umsturz vorkommen. Mit Ihren Lumpen, ich meine in der Politik, ist
es anders. Da können wir den Umsturz brauchen, damit aus den
freisinnigen Lumpen weißes, kaisertreues Papier wird.“ Und er machte
eine tief bedeutungsvolle Miene. Wulckow schien nicht verblüfft, er
schmunzelte furchtbar.
„Doktorchen, ich bin
auch nicht von gestern. Legen Sie los, was haben Sie mit Ihrem
Maschinenmeister ausgeknobelt?“
Da er Diederich
wanken sah, fuhr Wulckow fort: „Das ist auch einer von den
Altgedienten, wie, Herr Stadtverordneter?“
Diederich schluckte,
er sah, daß es keinen Umweg mehr gab. „Herr Präsident“, sagte er mit
einem Entschluß; und dann leise und hastig: „Der Mann will in den
Reichstag, und vom nationalen Standpunkt ist er besser als
Heuteufel. Denn erstens werden viele Freisinnige vor Schreck
national werden, und zweitens kriegen wir, wenn Napoleon Fischer
gewählt wird, in Netzig ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Ich habe es
schriftlich.“
[359] Er breitete ein
Papier hin vor den Präsidenten. Wulckow las, dann stand er auf, warf
den Stuhl mit dem Fuß fort und ging, Rauch ausstoßend, durch das
Zimmer. „Also Kühlemann kratzt ab, und von seiner halben Million
baut die Stadt kein Säuglingsheim, sondern ein
Kaiser-Wilhelm-Denkmal.“ Er blieb stehen. „Merken Sie sich das, mein
Lieber, in Ihrem eigensten Interesse! Wenn Netzig nachher einen
Sozialdemokraten im Reichstag, aber keinen Wilhelm den Großen hat,
dann lernen Sie mich kennen. Ich mache Frikassee aus Ihnen! Ich
schlag’ Sie so klein, daß Sie nicht mal mehr im Säuglingsheim
Aufnahme finden!“
Diederich war mitsamt
seinem Stuhl zurückgewichen bis an die Wand. „Herr Präsident! Alles,
was ich bin, meine ganze Zukunft setze ich ein für diese große
nationale Sache. Auch mir kann etwas Menschliches passieren ...“
„Dann gnade Ihnen
Gott!“
„Wenn nun Kühlemanns
Nierensteine sich doch noch verziehen?“
„Sie haben die
Verantwortung! Um meinen Kopf geht es auch!“ Wulckow ließ sich
krachend auf seinen Sitz fallen. Er rauchte wütend. Als die Wolken
zergingen, hatte er sich aufgeheitert. „Was ich Ihnen auf dem
Harmoniefest gesagt habe, dabei bleibt es. Dieser Reichstag macht es
nicht mehr lange, arbeiten Sie vor in der Stadt. Helfen Sie mir
gegen Buck, ich helfe Ihnen gegen Klüsing.“
„Herr Präsident!“
Wulckows Lächeln schuf in Diederich einen Überschwang von Hoffnung,
er konnte nicht an sich halten. „Wenn Sie es ihn unter der Hand
wissen ließen, daß Sie ihm eventuell die Aufträge entziehen! An die
große Glocke hängt er es nicht, das brauchen Sie nicht zu fürchten;
aber er wird seine Anstalten treffen. Vielleicht verhandelt er –“
[360] „Mit seinem
Nachfolger“, schloß Wulckow. Da mußte Diederich aufspringen und
seinerseits durch das Zimmer laufen. „Wenn Sie wüßten, Herr
Präsident ... Gausenfeld ist sozusagen eine Maschine mit
Tausendpferdekraft, und die steht da und verrostet, weil der Strom
fehlt, ich will sagen, der moderne, großzügige Geist!“
„Den scheinen Sie zu
haben“, meinte Wulckow.
„Im Dienst der
nationalen Sache“, beteuerte Diederich. Er kehrte zurück. „Das
Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitee wird sich glücklich schätzen, wenn es
uns gelingen würde, daß Sie so gut sind, Herr Präsident, und
bekunden der Sache Ihr geschätztes Interesse durch Annahme des
Ehrenvorsitzes.“
„Gemacht“, sagte
Wulckow.
„Die aufopfernde
Tätigkeit seines Herrn Ehrenvorsitzenden wird das Komitee
entsprechend zu würdigen wissen.“
„Erklären Sie sich
mal näher!“ In Wulckows Stimme grollte es unheilvoll, aber Diederich
bei seiner Angeregtheit überhörte es.
„Die Idee hat bereits
zu gewissen Erörterungen im Schoße des Komitees geführt. Man wünscht
das Denkmal in frequentester Lage zu errichten und mit einem
Volkspark zu umgeben, damit nämlich die unlösbare Verbindung von
Herrscher und Volk sinnfällig in die Erscheinung tritt. Da haben wir
nun im Zentrum der Stadt an ein größeres Grundstück gedacht; auch
die Nachbargebäude wären zu haben; es ist in der Meisestraße.“
„Soso. Meisestraße.“
Wulckows Brauen hatten sich gewitterhaft zusammengezogen. Diederich
erschrak, aber es gab kein Halten mehr.
„Der Gedanke ist
aufgetaucht, daß wir uns, noch bevor die Stadt der Sache näher
tritt, die betreffenden Grundstücke sichern und unbefugten
Spekulationen zuvorkommen [361]sollen. Unser Herr Ehrenvorsitzender
hätte natürlich das erste Anrecht ...“
Nach diesem Wort wich
Diederich zurück, der Sturm brach los. „Herr! Für wen halten Sie
mich? Bin ich Ihr Geschäftsagent? Das ist unerhört, das war noch
nicht da! So ein Koofmich mutet dem Königlichen
Regierungspräsidenten zu, er soll seine schmutzigen Geschäfte
mitmachen!“
Wulckow dröhnte
übermenschlich, er drang mit seiner gewaltigen Körperwärme und mit
seinem persönlichen Geruch gegen Diederich vor, der sich rückwärts
bewegte. Auch der Hund war aufgestanden und ging kläffend zum
Angriff über. Das Zimmer war auf einmal erfüllt von Graus und
Getöse.
„Sie machen sich
einer schweren Beamtenbeleidigung schuldig, Herr!“ schrie Wulckow,
und Diederich, der hinter sich nach der Tür tastete, hatte nur
Vermutungen darüber, wer ihm früher an der Kehle sitzen werde, der
Hund oder der Präsident. Seine angstvoll irrenden Augen trafen das
bleiche Gesicht, das von der Wand herab drohte und blitzte. Nun
hatte er sie an der Kehle, die Macht! Vermessen hatte er sich, mit
der Macht auf vertrautem Fuß zu verkehren. Das war sein Verderben,
sie brach über ihn herein mit dem Entsetzen eines Weltuntergangs ...
Die Tür hinter dem Schreibtisch ging auf, jemand in Polizeiuniform
trat ein. Den schlotternden Diederich überraschte er nicht mehr.
Wulckow ward durch die Gegenwart der Uniform auf einen neuen
furchtbaren Gedanken gebracht. „Ich kann Sie augenblicklich
verhaften lassen, Sie Jammerprinz, wegen versuchter
Beamtenbestechung, wegen Bestechungsversuch an einer Behörde, an der
obersten Behörde des Regierungsbezirks! Ich bringe Sie ins
Zuchthaus, ich ruiniere Sie für Ihr Leben!“
[362] Auf den Herrn
von der Polizei schien dieses Jüngste Gericht nicht entfernt den
Eindruck zu machen wie auf Diederich. Er legte das Papier, das er
brachte, auf den Schreibtisch nieder und verschwand. Übrigens drehte
auch Wulckow sich plötzlich um; er zündete seine Zigarre wieder an,
Diederich war nicht mehr da für ihn. Und auch Schnaps ließ von ihm
ab, als sei er Luft. Da wagte Diederich es, die Hände zu falten.
„Herr Präsident,“
flüsterte er wankend, „Herr Präsident, erlauben Herr Präsident, daß
ich feststellen darf, es liegt ein, darf ich feststellen, tief
bedauerliches Mißverständnis vor. Nie würde ich, bei meiner
wohlbekannten nationalen Gesinnung –. Wie könnte ich!“
Er wartete, aber
niemand bekümmerte sich um ihn.
„Wenn ich auf meinen
Vorteil sähe,“ begann er wieder, um etwas vernehmlicher, „anstatt
daß ich immer nur das nationale Interesse im Auge habe, dann wäre
ich heute nicht hier, dann wäre ich bei dem Herrn Buck. Denn der
Herr Buck, jawohl, der hat mir zugemutet, ich soll mein Grundstück
an die Stadt verkaufen, für das freisinnige Säuglingsheim. Aber das
Ansinnen hab’ ich mit Entrüstung zurückgewiesen und habe den geraden
Weg gefunden zu Ihnen, Herr Präsident. Denn besser, hab’ ich gesagt,
das Denkmal Kaiser Wilhelms des Großen im Herzen als das
Säuglingsheim in der Tasche, hab’ ich gesagt und sag’ es auch hier
mit lauter Stimme!“
Da Diederich in der
Tat die Stimme erhob, wandte Wulckow sich ihm zu. „Sind Sie noch
immer da?“ fragte er. Und Diederich, aufs neue ersterbend: „Herr
Präsident –“
„Was wollen Sie noch?
Ich kenne Sie überhaupt nicht. Habe nie mit Ihnen verhandelt.“
„Herr Präsident, im
nationalen Interesse –“
[363] „Mit
Grundstücksspekulanten verhandele ich nicht. Verkaufen Sie Ihr
Grundstück, und dalli; nachher können wir reden.“
Diederich, erblaßt,
mit dem Gefühl, als werde er an der Wand zerquetscht: „In dem Fall
bleibt es bei unseren Bedingungen? Der Orden? Der Wink an Klüsing?
Der Ehrenvorsitz?“
Wulckow zog eine
Grimasse. „Meinetwegen. Aber sofort verkaufen!“
Diederich rang nach
Atem. „Ich bringe das Opfer!“ erklärte er. „Denn das Höchste, was
der kaisertreue Mann hat, meine kaisertreue Gesinnung, muß über
jedem Verdacht stehen.“
„Na ja“, sagte
Wulckow, indes Diederich sich zurückzog, stolz auf seinen Abgang,
wenn auch beengt durch die Empfindung, daß der Präsident ihn als
Bundesgenossen nicht lieber ertrug als er selbst seinen
Maschinenmeister.
Im Salon fand er Emmi
und Magda ganz allein in einem Prachtwerk blätternd. Die Gäste waren
fort, und auch Frau von Wulckow hatte sie verlassen, weil sie sich
anziehen mußte zur Soiree bei der Frau Oberst von Haffke. „Meine
Unterredung mit dem Präsidenten ist für beide Teile durchaus
befriedigend verlaufen“, stellte Diederich fest; und draußen auf der
Straße: „Da sieht man es, was es heißt, wenn zwei loyale Männer
verhandeln. In dem heutigen verjudeten Geschäftsbetrieb kennt man
das gar nicht mehr.“
Emmi, gleichfalls
sehr angeregt, erklärte, daß sie Reitstunden nehmen werde. „Wenn ich
dir das Geld gebe“, sagte Diederich, aber nur der Ordnung wegen,
denn er war stolz auf Emmi. „Hat Leutnant von Brietzen nicht
Schwestern?“ bemerkte er. „Du solltest bekannt werden [364]und uns
Einladungen verschaffen zur nächsten Soiree der Frau Oberst.“ Gerade
ging drüben der Oberst vorbei. Diederich sah ihm lange nach. „Ich
weiß wohl,“ sagte er, „man soll sich nicht umdrehen; aber das ist
nun mal das Höchste, es zieht einen hin!“
Dennoch hatte der
Vertrag mit Wulckow nur seine Sorgen vergrößert. Der handgreiflichen
Verpflichtung, sein Haus zu verkaufen, stand nichts gegenüber als
Hoffnungen und Aussichten: nebelhafte Aussichten, allzu kühne
Hoffnungen ... Es fror; Diederich ging am Sonntag in den Stadtpark,
wo es schon dunkelte, und auf einem einsamen Pfad begegnete er
Wolfgang Buck.
„Ich habe mich nun
doch entschlossen“, erklärte Buck. „Ich gehe zur Bühne.“
„Und Ihre bürgerliche
Stellung? Und Ihre Heirat?“
„Ich habe es
versucht, aber das Theater ist vorzuziehen. Es wird dort weniger
Komödie gespielt, wissen Sie, man ist ehrlicher bei der Sache. Auch
sind die Weiber schöner.“
„Das ist kein
Standpunkt“, erwiderte Diederich. Aber Buck war es ernst. „Ich muß
zugeben, das Gerücht über Guste und mich hat mir Spaß gemacht.
Andererseits: so blödsinnig es ist, es ist nun einmal da, das
Mädchen leidet darunter, ich kann sie nicht länger kompromittieren.“
Diederich widmete ihm
einen abschätzigen Seitenblick, denn er hatte den Eindruck, Buck
nahm das Gerücht zum Vorwand, um sich zu drücken. „Sie werden wohl
wissen,“ versetzte er streng, „was Sie da anrichten. Ein anderer
nimmt sie jetzt natürlich auch nicht mehr leicht. Es gehört schon
verdammt viel ritterliche Gesinnung dazu.“
Buck bestätigte dies.
„Für einen wirklich modernen, großzügigen Mann“, sagte er
bedeutungsvoll, „müßte [365]es eine besondere Genugtuung sein, ein
Mädchen unter solchen Umständen zu sich hinaufzuziehen und für sie
einzutreten. Hier, wo auch Geld ist, würde zweifellos der Edelmut
zuletzt das Feld behaupten. Denken Sie an das Gottesgericht im
Lohengrin.“
„Wieso, Lohengrin?“
Hierauf antwortete
Buck nicht mehr; da sie das Sachsentor erreicht hatten, ward er
unruhig. „Kommen Sie mit hinein?“ fragte er. – „Wo denn hinein?“ –
„Gleich hier, Schweinichenstraße 77. Ich muß es ihr doch sagen, Sie
könnten vielleicht –.“ Da pfiff Diederich durch die Zähne.
„Sie sind wirklich –.
Sie haben ihr noch nichts gesagt? Vorher erzählen Sie es in der
Stadt umher? Ihre Sache, mein Bester, aber mich lassen Sie aus dem
Spiel, den Bräuten anderer Leute pflege ich nicht die Verlobung zu
kündigen.“
„Machen Sie eine
Ausnahme“, bat Buck. „Mir werden Szenen im Leben so schwer.“
„Ich habe
Grundsätze“, sagte Diederich. Buck lenkte ein.
„Sie brauchen nichts
zu sagen; Sie sollen mir nur in einer stummen Rolle als moralische
Unterstützung dienen.“
„Moralisch?“ fragte
Diederich.
„Als Vertreter
sozusagen des verhängnisvollen Gerüchtes.“
„Was wollen Sie damit
sagen?“
„Ich scherze. Da sind
wir, kommen Sie.“
Und Diederich,
betroffen durch Bucks letzte Wendung, ging wortlos mit.
Frau Daimchen war
ausgegangen, und Guste ließ auf sich warten. Buck ging nachzusehen,
was sie mache. Endlich kam sie, aber allein. „War nicht auch
Wolfgang da?“ fragte sie.
Buck war ausgerissen!
[366] „Das begreife
ich nicht“, sagte Diederich. „Er hatte doch etwas ganz Dringendes
bei Ihnen vor.“
Hierauf errötete
Guste. Diederich wandte sich der Tür zu. „Dann empfehle ich mich
auch.“
„Was wollte er denn?“
forschte sie. „Das kommt bei ihm doch nicht oft vor, daß er etwas
will. Und wozu bringt er Sie mit?“
„Das sehe ich auch
nicht ein. Ich darf sogar sagen, daß ich es entschieden mißbillige,
wenn er sich bei einer solchen Gelegenheit Zeugen nimmt. Meine
Schuld ist es nicht, adieu.“
Aber je verlegener er
sie ansah, desto dringender ward sie.
„Ich muß es
ablehnen,“ verriet er schließlich, „daß ich mir mit den
Angelegenheiten Dritter soll den Mund verbrennen, noch dazu, wenn
der Dritte durchgeht und entzieht sich seinen nächstliegenden
Verpflichtungen.“
Gustes aufgerissene
Augen sahen die Worte einzeln aus Diederichs Mund hervorkommen. Als
das letzte gefallen war, verharrte sie einen Augenblick reglos, und
dann warf sie die Hände vor das Gesicht. Sie schluchzte, man sah
ihre Wangen aufquellen und die Tränen ihr durch die Finger rinnen.
Sie hatte kein Schnupftuch; Diederich lieh es ihr, betreten durch
ihren Schmerz. „Schließlich“, meinte er, „ist ja so viel nicht an
ihm verloren.“ Da aber empörte sich Guste. „Das sagen Sie! Sie sind
derjenige welcher und haben immer gegen ihn gehetzt. Daß er
ausgerechnet Sie muß herschicken, das kommt mir mehr wie sonderbar
vor.“
„Wie meinen Sie das,
bitte?“ verlangte Diederich seinerseits. „Sie mußten wohl reichlich
so genau wissen wie ich, geehrtes Fräulein, was Sie von dem
betreffenden Herrn zu erwarten hatten. Denn wo die Gesinnung schlapp
ist, ist alles schlapp.“
Da sie ihn höhnisch
musterte, versetzte er um so strenger:
[367] „Ich habe Ihnen
alles richtig vorausgesagt.“
„Weil es Ihnen so
paßte“, erwiderte sie giftig. Und Diederich, mit Ironie: „Er hat
mich doch selbst angestellt, daß ich seinen Kochtopf sollte
umrühren. Und wenn der Kochtopf nicht in braune Lappen eingewickelt
gewesen wäre, hätte er ihn schon längst überkochen lassen.“
Da rang es sich los
aus Guste. „Haben Sie ’ne Ahnung! Das ist es ja, das kann und kann
ich ihm nicht verzeihen, daß ihm immer alles wurscht war, sogar mein
Geld!“
Diederich war
erschüttert. „Mit so einem soll man sich nicht einlassen“, stellte
er fest. „Die haben keinen Halt und laufen einem durch die Finger.“
Er nickte gewichtig. „Wem das Geld wurscht ist, der versteht das
Leben nicht.“
Guste lächelte blaß.
„Dann verstehen Sie es glänzend.“
„Das wollen wir
hoffen“, sagte er. Sie kam näher zu ihm, durch ihre letzten Tränen
blinzelte sie ihn an.
„Recht haben Sie ja
nun behalten. Was meinen Sie wohl, das ich mir daraus mache?“ Sie
verzog den Mund. „Ich hab’ ihn doch überhaupt nicht geliebt. Bloß
auf die Gelegenheit hab’ ich gewartet, daß ich ihn loswerde. Nun ist
er so gemein und geht von selbst ... Dann machen wir es ohne ihn“,
setzte sie hinzu, mit einem verlockenden Blick. Aber Diederich nahm
nur sein Schnupftuch zurück, für alles andere schien er zu danken.
Guste begriff, daß er noch ebenso streng dachte, wie damals im
Liebeskabinett; um so demütiger verhielt sie sich.
„Sie spielen gewiß
auf meine Lage an, wo ich nun drin bin.“
Er lehnte ab. „Ich
habe nichts gesagt.“ Guste klagte still. „Wenn die Leute
Gemeinheiten über mich reden, dafür kann ich doch nicht!“
[368] „Ich auch
nicht.“
Guste senkte den
Kopf. „Na ja, ich muß es wohl einsehen. So eine wie ich verdient
nicht mehr, daß ein wirklich feiner Mann mit ernsten Ansichten vom
Leben sie noch nimmt.“ Und dabei schielte sie von unten nach der
Wirkung.
Diederich schnaufte.
„Es kann auch sein –“, begann er und machte eine Pause. Guste atmete
nicht. „Nehmen wir einmal an,“ sagte er mit schneidender Betonung,
„jemand hat im Gegenteil die allerernstesten Ansichten vom Leben,
und er empfindet modern und großzügig, und im vollen Gefühl der
Verantwortlichkeit gegen sich selbst sowohl als gegen seine
künftigen Kinder, wie gegen Kaiser und Vaterland übernimmt er den
Schutz des wehrlosen Weibes und zieht es zu sich empor.“
Gustes Miene war
immer frommer geworden. Sie lehnte die Handflächen aneinander und
sah ihn mit schiefem Kopf innig flehend an. Dies schien noch nicht
zu genügen, er verlangte offenbar etwas ganz Besonderes: und so fiel
Guste plumps auf die Knie. Da nahte Diederich ihr gnädig. „So soll
es sein“, sagte er und blitzte.
Hier trat Frau
Daimchen ein. „Nanu,“ bemerkte sie, „was ist denn los?“ Und Guste,
mit Geistesgegenwart: „Ach Gott, Mutter, wir suchen meinen Ring“, –
worauf auch Frau Daimchen sich am Boden niederließ. Diederich wollte
nicht zurückstehen. Nach einer Weile stummen Umherkriechens rief
Guste: „Hat ihm schon!“ Sie stand entschlossen auf.
„Daß du es nur weißt,
Mutter, ich habe mich verändert.“
Frau Daimchen, noch
außer Atem, begriff nicht sogleich. Guste und Diederich vereinten
ihre Anstrengungen, um sie aufzuklären. Schließlich gestand sie, daß
sie selbst, weil die Leute nun einmal redeten, an so etwas schon
[369]gedacht habe. „Wolfgang war sowieso ’n bißchen zu miesepeterig,
außer er hatte was getrunken. Bloß die Familie, dagegen kommen
Heßlings nicht auf.“
Das werde sie sehen,
behauptete Diederich; und er kündigte an, daß nichts abgemacht sei,
solange das Praktische auch nicht stimmte. Die Ausweise über Gustes
Mitgift mußten herbei, dann verlangte er Gütergemeinschaft – und was
er nachher mit dem Gelde anfing, da durfte niemand hineinreden! Bei
jedem Widerspruch hielt er den Türgriff schon in der Hand, und
jedesmal sprach Guste leise und angstvoll zu ihrer Mutter: „Soll
denn morgen die ganze Stadt sich den Mund verrenken, weil ich den
einen los bin, und der andere ist auch gleich wieder weg?“
Als alles stimmte,
ward Diederich jovial. Er aß zu Abend mit den Damen und wollte
schon, ohne lange zu fragen, das Dienstmädchen nach dem
Verlobungssekt schicken. Dies kränkte Frau Daimchen, denn natürlich
hatte sie welchen im Hause, das verlangten die Herren Offiziere, die
bei ihr verkehrten. „Überhaupt haben Sie mehr Glück als Verstand,
denn den Herrn Leutnant von Brietzen hätte Guste auch gekriegt.“
Darauf lachte Diederich wohlgemut. Alles ging gut. Für ihn das viele
Geld, und der Leutnant von Brietzen für Emmi!... Man ward sehr
lustig; bei der zweiten Flasche taumelte das Brautpaar auf seinen
Stühlen immer einer gegen den anderen, ihre Füße waren
umeinandergewickelt bis zum Knie, und Diederichs Hand beschäftigte
sich unten. Drüben drehte Frau Daimchen die Daumen. Plötzlich
verursachte Diederich ein donnerndes Geräusch und erklärte sofort,
er übernehme dafür die volle Verantwortung, es sei in
aristokratischen Kreisen üblich, er verkehre bei Wulckows.
[370] Welche
Überraschung, als Netzig den Umschwung der Dinge erfuhr! Auf die
Erkundigungen der Gratulanten erwiderte Diederich, was er mit den
anderthalb Millionen seiner Frau beginnen werde, sei ganz ungewiß.
Vielleicht ziehe er nach Berlin, für großzügige Unternehmungen sei
es das Angezeigte. Seine Fabrik jedenfalls denke er bei Gelegenheit
zu verkaufen. „Die Papierindustrie macht überhaupt eine Krise durch;
diese mitten in Netzig gelegene Klitsche hat in meinen Verhältnissen
keinen Sinn mehr.“
Daheim gab es eitel
Sonnenschein. Die Schwestern erhielten ein erhöhtes Taschengeld, und
seiner Mutter gestattete Diederich so viele Rührszenen und
Umarmungen, als sie sich irgend wünschen konnte; ja, er nahm willig
ihren Segen entgegen. Guste, so oft sie kam, trat in der Rolle einer
Fee auf, die Arme voll Blumen, Bonbons, silbernen Beuteln. An ihrer
Seite schien Diederich über Blumen zu wandeln. Die Tage entschwebten
himmlisch leicht, unter Einkäufen, Sektfrühstücken und den
Brautvisiten, einen vornehmen Lohndiener auf dem Bock, und drinnen
im Wagen die Verlobten anregend miteinander beschäftigt.
Die schöne Laune, die
mit ihrem Dasein spielte, führte sie eines Abends in den Lohengrin.
Die beiden Mütter hatten sich dazu verstehen müssen, zu Hause zu
bleiben; es war der feste Wille des Brautpaares, der Schicklichkeit
zum Trotz allein in einer Proszeniumsloge zu sitzen. Das breite rote
Plüschsofa an der Wand, wo man nicht gesehen werden konnte, war
eingedrückt und fleckig, es hatte etwas Reizvoll-Fragwürdiges. Guste
wollte wissen, daß diese Loge eigentlich den Herren Offizieren
gehörte, und daß sie hier Besuche von Schauspielerinnen empfingen!
„Über die
Schauspielerinnen sind wir glücklich hinaus“, erklärte Diederich,
und er ließ durchblicken, daß er allerdings [371]bis vor kurzem mit
einer gewissen Dame vom Theater, die er natürlich nicht nennen könne
–. Gustes fieberhafte Fragen wurden rechtzeitig unterbrochen durch
das Klopfen des Kapellmeisters. Sie nahmen ihre Plätze ein.
„Hähnisch ist noch
wabbeliger geworden“, bemerkte Guste sogleich, und sie nickte nach
dem Dirigenten hinab. Er machte auf Diederich einen
hochkünstlerischen, wenn auch ungesunden Eindruck. Schwarze,
verwirrte Haarsträhnen wippten, indes er mit allen seinen Gliedmaßen
den Takt schlug, über seinem großen grauen Gesicht, dessen Fettsäcke
mitwippten; und in Frack und Hose wogte es rhythmisch. Im Orchester
war großer Betrieb, dennoch gab Diederich zu verstehen, daß er auf
Ouvertüren keinen Wert lege. Überhaupt, meinte Guste, wenn man den
Lohengrin in Berlin kannte! Der Vorhang ging auf, und schon kicherte
sie verachtungsvoll. „Gott, die Ortrud! Sie hat einen Schlafrock und
ein Frontkorsett!“ Diederich hielt sich mehr an den König unter der
Eiche, der sichtlich die prominenteste Persönlichkeit war. Sein
Auftreten wirkte nicht besonders schneidig; Wulckow brachte Baß und
Vollbart entschieden besser zur Geltung; aber was er äußerte, war
vom nationalen Standpunkt aus zu begrüßen. „Des Reiches Ehr’ zu
wahren, ob Ost, ob West.“ Bravo! So oft er das Wort deutsch sang,
reckte er die Hand hinauf, und die Musik bekräftigte es ihrerseits.
Auch sonst unterstrich sie einem markig, was man hören sollte.
Markig, das war das Wort. Diederich wünschte sich, er hätte zu
seiner Rede in der Kanalisationsdebatte eine solche Musik gehabt.
Der Heerrufer dagegen stimmte ihn wehmütig, denn er glich aufs Haar
dem dicken Delitzsch in all seiner verflossenen Bierehrlichkeit.
Infolgedessen sah Diederich die Gesichter der Mannen näher an und
[372]fand überall Neuteutonen. Sie hatten größere Bäuche und Bärte
bekommen und sich gegen die harte Zeit mit Blech gerüstet. Auch
schienen nicht alle sich in günstigen Lebensumständen zu befinden;
die Edlen sahen aus wie mittlere Beamte des Mittelalters, mit
Ledergesichtern und Knickebeinen, die Unedlen noch weniger glänzend;
aber der Verkehr mit ihnen wäre unzweifelhaft in tadellosen Formen
verlaufen. Überhaupt ward Diederich gewahr, daß man sich in dieser
Oper sogleich wie zu Hause fühlte. Schilder und Schwerter, viel
rasselndes Blech, kaisertreue Gesinnung, Ha und Heil und
hochgehaltene Banner, und die deutsche Eiche: man hätte mitspielen
mögen.
Was den weiblichen
Teil der Brabanter Gesellschaft betraf, der ließ freilich zu
wünschen. Guste stellte spöttische Fragen: welche es denn nun sei,
mit der er –. „Vielleicht die Ziege in dem Hängekleid? Oder die
dicke Kuh mit dem Goldreifen zwischen den Hörnern?“ Und Diederich
war nicht weit davon entfernt, sich für die schwarze Dame mit dem
Frontkorsett zu entscheiden, als er noch rechtzeitig bemerkte, daß
eben sie in der ganzen Angelegenheit nicht einwandfrei dastand. Ihr
Gatte Telramund schien zunächst noch leidlich Komment zu haben, aber
eine höchst üble Klatschgeschichte spielte offenbar auch hier mit.
Leider war die deutsche Treue, selbst wo sie ein so glänzendes Bild
darbot, bedroht von den jüdischen Machenschaften der dunkelhaarigen
Rasse.
Beim Auftreten Elsas
war es ohne weiteres klar, auf welcher Seite man Klasse voraussetzen
durfte. Der biedere König hätte es nicht nötig gehabt, die Sache
dermaßen objektiv zu behandeln: Elsas ausgesprochen germanischer
Typ, ihr wallendes blondes Haar, ihr gutrassiges Benehmen boten von
vornherein gewisse Garantien. Diede[373]rich faßte sie ins Auge, sie
sah herauf, sie lächelte lieblich. Darauf griff er nach dem
Opernglas, aber Guste entriß es ihm. „Also die Merée ist es?“
zischte sie; und da er vielsagend lächelte: „Einen feinen Geschmack
hast du, ich kann mich geschmeichelt fühlen. Die ausgemergelte
Jüdin!“ – „Jüdin?“ – „Die Merée, selbstredend, sie heißt doch
Meseritz, und vierzig Jahre ist sie alt.“ – Betreten nahm er das
Glas, das Guste ihm höhnisch anbot, und überzeugte sich. Na ja, die
Welt des Scheins. Enttäuscht lehnte Diederich sich zurück. Dennoch
konnte er nicht hindern, daß Elsas keusche Vorahnung weiblicher
Lustempfindungen ihn gerade so sehr rührte wie den König und die
Edlen. Das Gottesgericht schien auch ihm ein hervorragend
praktischer Ausweg, auf die Weise ward niemand kompromittiert. Daß
die Edlen sich auf die faule Sache nicht einlassen würden, war
freilich vorherzusehen. Man mußte schon mit etwas Außerordentlichem
rechnen; die Musik tat das ihre, sie machte einen geradezu auf alles
gefaßt. Diederich hatte den Mund offen und so dummselige Augen, daß
Guste heimlich einen Lachkrampf bekam. Jetzt war er so weit, alle
waren so weit, jetzt konnte Lohengrin kommen. Er kam, funkelte,
schickte den Zauberschwan fort, funkelte noch betörender. Mannen,
Edle und der König unterlagen alle derselben Verblüffung wie
Diederich. Nicht umsonst gab es höhere Mächte.... Ja, die
allerhöchste Macht verkörperte sich hier, zauberhaft blitzend. Ob
Schwanen- oder Adlerhelm: Elsa wußte wohl, warum sie plumps vor ihm
auf die Knie fiel. Diederich seinerseits blitzte Guste an, ihr
verging das Lachen. Auch sie hatte erfahren, wie es war, wenn alle
einen verklatschten, und den ersten war man los und konnte sich
nirgends mehr sehen lassen und hätte überhaupt wegziehen müssen: und
[374]da kam der Held und Retter und machte sich aus der ganzen
Geschichte nichts und nahm einen doch! „So soll es sein!“ sagte
Diederich und nickte auf die kniefällige Elsa hinab – indes Guste,
die Lider gesenkt, in reuevoller Unterwerfung gegen seine Schulter
fiel.
Das weitere konnte
man an den Fingern abzählen. Telramund machte sich einfach
unmöglich. Gegen die Macht unternahm man eben nichts. Zu ihrem
Repräsentanten Lohengrin verhielt sich sogar der König höchstens wie
ein besserer Bundesfürst. Er sang seinem Vorgesetzten die
Siegeshymne mit. Der Hort der guten Gesinnung ward schwungvoll
gefeiert, die Umstürzler mochten den deutschen Staub von ihren
Pantoffeln schütteln.
Der zweite Akt –
Guste aß noch immer, sanft hingegeben, Pralinees – brachte zunächst
in erhebender Weise den Gegensatz zur Anschauung zwischen dem
glanzvollen, ohne Mißton verlaufenden Fest der Gutgesinnten in den
vornehm erleuchteten Räumen des Palastes, und den beiden dunkeln
Empörern, die stark heruntergekommen auf dem Pflaster lagen. „Erhebe
dich, Genossin meiner Schmach“, meinte Diederich bei passender
Gelegenheit selbst schon angewendet zu haben. Er verband Ortrud mit
gewissen persönlichen Erinnerungen: ein ganz gemeines Luder, darüber
war nichts zu sagen; aber irgendwas regte sich in ihm, wenn sie
ihren Kerl einwickelte und unter sich hatte. Er träumte.... Vor
Elsa, der dummen Gans, mit der sie machte was sie wollte, hatte
Ortrud das gewisse Etwas voraus, das die energischen und strengen
Damen haben. Elsa freilich konnte man heiraten. Er schielte nach
Guste. „Es gibt ein Glück, das ohne Reu“, bemerkte Elsa; und
Diederich zu Guste: „Das wollen wir hoffen.“
Den frisch
ausgeschlafenen Edlen und Mannen wurde [375]sodann durch den dicken
Delitzsch eröffnet, daß sie Dank Gottes Gnade einen neuen
Landesfürsten bekommen hatten. Gestern standen sie noch treu und
bieder zu Telramund, heute waren sie biedere, treue Untertanen
Lohengrins. Sie erlaubten sich keine Meinung und schluckten jede
Vorlage. „Den Reichstag bringen wir auch noch so weit“, gelobte
Diederich.
Wie aber Ortrud vor
Elsa in das Münster treten wollte, empörte sich Guste. „Das hat sie
nun nicht nötig, darüber ärgere ich mich immer. Wo sie doch nichts
mehr hat, und überhaupt.“ – „Jüdische Frechheit“, murmelte
Diederich. Übrigens konnte er nicht umhin, Lohengrin, gelinde
gesagt, unvorsichtig zu finden, als er es glatt in Elsas Hand legte,
ob er seinen Namen verraten und dadurch das ganze Geschäft in Frage
stellen sollte oder nicht. So viel durfte man Weibern nicht zumuten.
Und wozu? Den Mannen brauchte er nicht erst zu beweisen, daß er,
trotz dem Nörgler Telramund, reine Hände und keinen Fleck auf der
Weste habe: ihre nationale Gesinnung war durchaus unverdächtig.
Guste verhieß ihm, im
dritten Akt käme das Allerschönste, aber dafür müsse sie durchaus
noch Pralinees haben. Als man sie hatte, stieg der Hochzeitsmarsch,
und Diederich sang ihn mit. Die Mannen im Festzuge verloren
entschieden ohne Blech und Banner, auch Lohengrin hätte sich besser
nicht im Wams gezeigt. Diederich ward bei seinem Anblick wieder
einmal von dem Wert der Uniform durchdrungen. Die Damen waren
glücklich fort, mit ihren Stimmen wie saure Milch. Aber der König!
Er konnte nicht wegfinden von dem Brautpaar, biederte sich an und
schien am liebsten als Zuschauer dableiben zu wollen. Diederich, dem
der König schon immer zu konziliant gewesen war für diese harte
Zeit, nannte ihn jetzt einfach eine Nulpe.
[376] Endlich fand er
die Tür, Lohengrin und Elsa machten sich auf dem Sofa an die
„Wonnen, die nur Gott verleiht“. Zuerst umschlangen sie sich nur
oben, die unteren Körperteile saßen nach Möglichkeit voneinander
entfernt. Je mehr sie aber sangen, um so näher rutschten sie heran,
– wobei ihre Gesichter sich häufig auf Hähnisch richteten. Hähnisch
und sein Orchester schienen ihnen einzuheizen: es war begreiflich,
denn auch Diederich und Guste in ihrer stillen Loge schnauften leise
und sahen einander an mit erhitzten Augen. Die Gefühle gingen den
Weg der Zauberklänge, die Hähnisch mit wogenden Gliedern
hervorlockte, und die Hände folgten ihnen. Diederich ließ die seine
zwischen Gustes Stuhl und ihrem Rücken hinabgleiten, umspannte sie
unten und murmelte betört: „Wie ich das zum erstenmal gesehen habe,
gleich hab’ ich gesagt, die oder keine!“
Aber da wurden sie
aus dem Zauberbann gerissen durch einen Zwischenfall, der bestimmt
schien, die Kunstfreunde Netzigs noch lange zu beschäftigen.
Lohengrin zeigte sein Jägerhemd! Eben stimmte er an: „Atmest du
nicht mit mir die süßen Düfte“, da kam es hinten aus dem Wams
hervor, das aufging. Bis Elsa ihn, sichtlich erregt, zugeknöpft
hatte, herrschte im Hause lebhafte Unruhe; dann erlag es wieder dem
Zauberbann. Guste freilich, die sich mit einem Pralinee verschluckt
hatte, stieß auf ein Bedenken. „Wie lange trägt er das Hemd schon?
Und überhaupt, er hat doch nichts mit, der Schwan ist mit seinem
Gepäck abgeschwommen!“ Diederich verwies ihr ernstlich das
Nachdenken. „Du bist gerade so eine Gans wie Elsa“, stellte er fest.
Denn Elsa war im Begriff, sich alles zu verderben, weil sie es nicht
lassen konnte, ihren Mann nach seinen politischen Geheimnissen zu
fragen. Der Umsturz ward vollends zerschmettert, denn Telramunds
feiges [377]Attentat mißlang durch Gottes Fügung; aber die Weiber,
dies mußte Diederich sich sagen, wirkten, wenn man ihnen nicht die
Kandare fest anzog, eher noch subversiver.
Nach der Verwandlung
ward dies vollends klar. Eiche, Banner, alles nationale Zubehör war
wieder da; und „für deutsches Land das deutsche Schwert, so sei des
Reiches Kraft bewährt“: bravo! Aber Lohengrin schien nun wirklich
entschlossen, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen.
„Überall wurde an mir gezweifelt“, durfte auch er sagen.
Nacheinander klagte er den toten Telramund und die ohnmächtige Elsa
an. Da keins von beiden ihm widersprach, hätte er ohne weiteres
recht behalten; dazu kam aber noch, daß er tatsächlich in der
Rangliste obenan stand. Denn jetzt gab er sich zu erkennen. Die
Nennung seines Namens rief bei der ganzen Versammlung, die noch nie
von ihm gehört hatte, eine ungeheure Bewegung hervor. Die Mannen
konnten sich gar nicht beruhigen; alles andere schienen sie erwartet
zu haben, nur nicht, daß er Lohengrin hieß. Um so dringlicher
ersuchten sie den geliebten Herrscher, von dem folgenschweren
Schritt der Abdankung diesmal noch abzusehen. Aber Lohengrin blieb
heiser und unnahbar. Übrigens wartete schon der Schwan. Eine letzte
Frechheit Ortruds brach ihr zur allgemeinen Genugtuung den Hals.
Leider deckte gleich darauf auch Elsa das Schlachtfeld, das
Lohengrin, statt des entzauberten Schwans von einer kräftigen Taube
gezogen, hinter sich ließ. Dafür war der junge, soeben eingetroffene
Gottfried in drei Tagen der dritte Landesfürst, dem Edle und Mannen,
treu und bieder wie immer, ihre Huldigung darbrachten.
„Das kommt davon“,
bemerkte Diederich, indes er Guste in den Mantel half. Alle diese
Katastrophen, die Wesensäußerungen der Macht waren, hatten ihn
erhoben und tief [378]befriedigt. „Wovon kommt es denn“, meinte
Guste, zum Widersprechen aufgelegt. „Bloß weil sie wissen will, wer
er ist? Das kann sie wohl verlangen, das ist nicht mehr wie
anständig.“ – „Es hat einen höheren Sinn“, erklärte ihr Diederich
streng. „Die Geschichte mit dem Gral, das soll heißen, der
allerhöchste Herr ist nächst Gott nur seinem Gewissen
verantwortlich. Na und wir wieder ihm. Wenn das Interesse Seiner
Majestät in Betracht kommt, kannst du machen was du willst, ich sage
nichts, und eventuell –.“ Eine Handbewegung gab zu verstehen, daß
auch er, in einen derartigen Konflikt gestellt, Guste unbedenklich
dahinopfern würde. Dies erboste Guste. „Das ist ja Mord! Wie komm’
ich dazu, daß ich muß draufgehen, weil Lohengrin ein
temperamentloser Hammel ist. Nicht einmal in der Hochzeitsnacht hat
Elsa von ihm was gemerkt!“ Und Guste rümpfte die Nase, wie damals
beim Verlassen des Liebeskabinetts, wo auch nichts geschehen war.
Auf dem Heimweg
versöhnten sich die Verlobten. „Das ist die Kunst, die wir
brauchen!“ rief Diederich aus. „Das ist deutsche Kunst!“ Denn hier
erschienen ihm, in Text und Musik, alle nationalen Forderungen
erfüllt. Empörung war hier dasselbe wie Verbrechen, das Bestehende,
Legitime ward glanzvoll gefeiert, auf Adel und Gottesgnadentum der
höchste Wert gelegt, und das Volk, ein von den Ereignissen ewig
überraschter Chor, schlug sich willig gegen die Feinde seiner
Herren. Der kriegerische Unterbau und die mystischen Spitzen, beides
war gewahrt. Auch wirkte es bekannt und sympathisch, daß in dieser
Schöpfung der schönere und geliebtere Teil der Mann war. „Ich fühl’
das Herze mir vergehn, schau ich den wonniglichen Mann“, sangen auch
die Männer samt dem König. So war denn die Musik an ihrem Teil der
männ[379]lichen Wonne voll, war heldisch, wenn sie üppig war, und
kaisertreu noch in der Brunst. Wer widerstand da? Tausend
Aufführungen einer solchen Oper, und es gab niemand mehr, der nicht
national war! Diederich sprach es aus: „Das Theater ist auch eine
meiner Waffen.“ Kaum ein Majestätsbeleidigungsprozeß konnte die
Bürger so gründlich aus dem Schlummer rütteln. „Ich habe den Lauer
in die Vogtei gebracht, aber wer den Lohengrin geschrieben hat, vor
dem nehm’ ich den Hut ab.“ Er schlug ein Zustimmungstelegramm an
Wagner vor. Guste mußte ihn aufklären, es sei nicht mehr zu machen.
Einmal auf so hohem Gedankenflug begriffen, äußerte sich Diederich
über die Kunst im allgemeinen. Unter den Künsten gab es eine
Rangordnung. „Die höchste ist die Musik, daher ist es die deutsche
Kunst. Dann kommt das Drama.“
„Warum?“ fragte
Guste.
„Weil man es manchmal
in Musik setzen kann, und weil man es nicht zu lesen braucht, und
überhaupt.“
„Und was kommt dann?“
„Die Porträtmalerei
natürlich, wegen der Kaiserbilder. Das übrige ist nicht so wichtig.“
„Und der Roman?“
„Der ist keine Kunst.
Wenigstens Gott sei Dank keine deutsche: das sagt schon der Name.“
Und dann war der
Hochzeitstag da. Denn beide hatten Eile: Guste wegen der Leute,
Diederich aus Gründen der Politik. Um mehr Eindruck zu machen, hatte
man beschlossen, daß Magda und Kienast am gleichen Tage heiraten
sollten. Kienast war eingetroffen, und Diederich betrachtete ihn
manchmal mit Unruhe, weil Kienast sich den Bart hatte abnehmen
lassen, den Schnurrbart an den [380]Augenwinkeln trug und auch schon
blitzte. In den Verhandlungen über Magdas Gewinnanteil zeigte er
einen schreckenerregenden Geschäftsgeist. Diederich, nicht ohne
Besorgnis wegen des Ausgangs der Sache, wenn auch entschlossen,
seine Pflicht gegen sich selbst restlos zu erfüllen, vertiefte sich
jetzt öfter in seine Geschäftsbücher ... Sogar am Morgen vor seiner
Trauung und schon im Frack, saß er im Kontor; da ward eine Karte
gebracht: Karnauke, Premierleutnant a. D. „Was kann der wollen,
Sötbier?“ Der alte Buchhalter wußte es auch nicht. Na egal. „Einen
Offizier kann ich nicht abweisen.“ Und Diederich ging selbst zur
Tür.
In der Tür aber
erschien ein ungewöhnlich strammer Herr in einem grünlichen
Sommermantel, der troff, und den er am Halse fest geschlossen trug.
Unter seinen spitzen Lackschuhen entstand sofort eine Lache, von
seinem grünen Agrarierhütchen, das er merkwürdigerweise aufbehielt,
regnete es. „Zunächst wollen wir uns mal trocken legen“, versetzte
der Herr und begab sich, bevor Diederich zustimmte, zum Ofen. Hier
sagte er schnarrend: „Verkaufen, was? Klemme, was?“ Diederich
begriff nicht sogleich; dann warf er einen unruhigen Blick auf
Sötbier. Der Alte hatte sich wieder an seinen Brief gemacht. „Herr
Premierleutnant haben sich gewiß in der Hausnummer geirrt“, bemerkte
Diederich schonend; aber es half nichts. „Quatsch. Weiß Bescheid.
Nur keine Fisimatenten. Höherer Befehl. Schnauze halten und
verkaufen, sonst gnade Gott.“
Diese Sprache war zu
auffallend; Diederich konnte nicht länger übersehen, daß trotz der
militärischen Vergangenheit des Herrn seine ungeheure Strammheit
nicht echt war und daß seine Augen verglast waren. In dem
Augenblick, als Diederich dies feststellte, nahm der Herr sein
grünes Agrarierhütchen vom Kopf und entleerte es [381]seines Wassers
auf Diederichs Frackhemd. Dies veranlaßte Diederich zu einem
Protest, aber der Herr nahm ihn sehr übel. „Ich stehe Ihnen zur
Verfügung“, schnarrte er. „Die Herren von Quitzin und von Wulckow
werden in meinem Auftrag mit Ihnen reden.“ Dabei zwinkerte er
angestrengt – und Diederich, dem ein schrecklicher Verdacht kam,
vergaß seinen Zorn, er war einzig bedacht, den Premierleutnant aus
der Tür zu drängen. „Wir sprechen draußen“, raunte er ihm zu, und
nach der anderen Seite zu Sötbier: „Der Herr ist sinnlos betrunken,
ich muß sehen, wie ich ihn los werde.“ Aber Sötbier hatte die Lippen
zusammengepreßt, die Stirn gefaltet und kehrte diesmal nicht zu
seinem Brief zurück.
Der Herr ging
geradeswegs in den Regen hinaus, Diederich folgte ihm. „Deswegen
keine Feindschaft, reden kann man doch.“ Erst nachdem auch er
durchnäßt war, gelang es ihm, den Herrn wieder ins Haus zu lotsen.
Durch den leeren Maschinenraum schrie der Premierleutnant: „Glas
Schnaps! Kaufe alles, Schnaps mit!“ Obwohl die Arbeiter zur Feier
seiner Hochzeit frei hatten, sah Diederich sich angstvoll um; er
öffnete den Verschlag, wo die Chlorsäcke lagen, und beförderte mit
verzweifeltem Schub den Herrn hinein. Es stank furchtbar; der Herr
nieste mehrmals, worauf er sagte: „Karnauke mein Name, warum stinken
Sie so?“
„Haben Sie einen
Hintermann?“ fragte Diederich. Der Herr nahm auch das übel. „Was
wollen Sie damit sagen?... Ach so, kaufe, was Platz hat.“ Diederichs
Blick folgend, betrachtete er sein triefendes Sommermäntelchen.
„Momentane Verlegenheit“, schnarrte er. „Vermittle Kavalieren.
Ehrensache.“
„Was bietet Ihr
Auftraggeber?“
„Hundertzwanzig die
Kiste.“
[382] Und wie
Diederich sich entsetzte oder empörte: zweihunderttausend sei sein
Grundstück wert, der Premierleutnant blieb dabei: „Hundertzwanzig
die Kiste.“
„Nicht zu machen“ –
Diederich vollführte eine unvorsichtige Bewegung nach dem Ausgang,
worauf der Herr ernstlich gegen ihn vorging. Diederich mußte ringen,
fiel auf einen Chlorsack und der Herr über ihn. „Stehen Sie auf,“
keuchte Diederich, „hier werden wir gebleicht.“ Der Premierleutnant
heulte auf, als brennte es ihm schon durch die Kleider, – und
plötzlich hatte er seine stramme Haltung zurück. Er zwinkerte.
„Präsident von Wulckow eklig hinterher, daß Sie verkaufen, sonst
kein Geschäft mit ihm zu machen. Vetter Quitzin arrondiert Besitz
hier herum. Rechnet bestimmt auf Ihr Entgegenkommen. Hundertzwanzig
die Kiste.“ Diederich, bleicher als wäre er im Chlor
liegengeblieben, versuchte noch: „Hundertfünfzig“, – aber die Stimme
versagte ihm. Das war mehr, als man loyalerweise fassen konnte!
Wulckow starrend von Beamtenehre, unbestechlich wie das Jüngste
Gericht!... Mit einem trostlosen Blick überflog er nochmals die
Gestalt dieses Karnauke, Premierleutnants a. D. Den schickte
Wulckow, dem lieferte er sich aus! Hätte man nicht neulich, unter
vier Augen, mit aller gebotenen Vorsicht und gegenseitigen Achtung
das Geschäft verhandeln können? Aber diese Junker konnten nur den
Leuten an die Kehle springen; auf Geschäfte verstanden sie sich noch
immer nicht. „Gehen Sie nur voran zum Notar,“ raunte Diederich, „ich
komme gleich.“ Er ließ ihn hinaus. Wie er aber selbst fort wollte,
stand da der alte Sötbier, noch immer mit den gekniffenen Lippen.
„Was wünschen Sie?“ Diederich war ermattet.
„Junger Herr,“ begann
der Alte hohl, „was Sie jetzt vorhaben, dafür kann ich nicht mehr
die Verantwortung tragen.“
[383] „Wird nicht
verlangt.“ Diederich gab sich Haltung. „Ich weiß allein, was ich
tue.“ Der Alte hob beschwörend die Hände.
„Sie wissen es nicht,
junger Herr! Unsere Lebensarbeit von Ihrem seligen Vater und mir,
die verteidige ich! Daß wir das Geschäft aufgebaut haben mit Fleiß
und solider Arbeit, dadurch sind Sie groß geworden. Und wenn Sie mal
teure Maschinen kaufen und mal die Aufträge ablehnen, das ist ein
Zickzackkurs, damit bringen Sie das Geschäft herunter. Und jetzt
verkaufen Sie das alte Haus!“
„Sie haben an der Tür
gehorcht. Wenn etwas geschieht, ohne daß Sie dabei sind, das
vertragen Sie noch immer nicht recht. Erkälten Sie sich hier nur
nicht.“ Diederich höhnte.
„Sie dürfen es nicht
verkaufen!“ jammerte Sötbier. „Ich kann nicht zusehen, wie der Sohn
und Erbe meines alten Herrn die solide Grundlage der Firma
untergräbt und treibt Großmannspolitik.“
Diederich maß ihn
mitleidig. „Großzügigkeit war zu Ihrer Zeit noch nicht erfunden,
Sötbier. Heute wagt man was. Betrieb ist die Hauptsache. Später
werden Sie sehen, wozu es gut war, daß ich das Haus verkaufe.“
„Ja, das werden Sie
auch erst später sehen. Vielleicht wenn Sie bankerott sind oder wenn
Ihnen Ihr Schwager Herr Kienast einen Prozeß anhängt. Sie haben
gewisse Manipulationen gemacht zum Schaden Ihrer Schwestern und
Ihrer Mutter! Wenn ich dem Herrn Kienast manches sagen wollte –:
bloß daß ich Pietät habe, sonst könnte ich Sie ins Unglück bringen!“
Der Alte war außer
sich. Er kreischte, Tränen der Wut in den roten Lidern. Diederich
trat nahe an ihn hin, er hielt ihm die geballte Hand unter die Nase.
„Das ver[384]suchen Sie mal! Ich beweise glatt, daß Sie die Firma
bestohlen haben, und zwar schon immer. Meinen Sie, ich habe keine
Vorkehrungen getroffen?“
Auch der Alte erhob
seine zitternde Faust. Sie schnaubten sich an; Sötbier rollte
blutige Augäpfel, Diederich blitzte. Dann trat der Alte zurück.
„Nein, so soll es nicht kommen. Ich war immer ein treuer Diener
meines alten Herrn. Mein Gewissen gebietet mir, seinem Nachfolger
meine bewährte Kraft so lange als möglich zu erhalten.“
„Das könnte Ihnen
passen“, sagte Diederich hart und kalt. „Seien Sie froh, wenn ich
Sie nicht direkt hinauswerfe. Schreiben Sie nur gleich Ihr
Entlassungsgesuch, es ist schon bewilligt.“ Und er schritt von
dannen.
Beim Notar verlangte
er, daß in den Kaufvertrag als Käufer „Unbekannt“ gesetzt werde.
Karnauke feixte. „Unbekannt ist gut. Wir kennen doch Herrn von
Quitzin.“ Darauf lächelte auch der Notar. „Ich sehe,“ sagte er,
„Herr von Quitzin arrondiert sich. Bislang gehörte ihm in der
Meisestraße nur die kleine Kneipe zum Huhn. Aber wegen der beiden
Grundstücke hinter dem Ihren, Herr Doktor, verhandelt er auch schon.
Dann grenzt er an den Stadtpark und hat Platz für riesige Anlagen.“
Diederich zitterte
schon wieder. Leise bat er den Notar um Diskretion, solange es gehe.
Dann nahm er Abschied, er habe keine Zeit zu verlieren. „Weiß ich“,
sagte der Premierleutnant und hielt ihn fest. „Freudentag. Frühstück
Hotel Reichshof. Bin gerüstet.“ Er öffnete das grüne Mäntelchen und
zeigte auf seinen zerknitterten Gesellschaftsanzug. Diederich sah
ihn entsetzt an, er versuchte sich zu wehren; aber der Leutnant
drohte wieder mit seinen Zeugen.
Die Braut wartete
schon längst, die beiden Mütter [385]trockneten ihr die Tränen,
unter dem anzüglichen Lächeln der anwesenden Damen. Auch dieser
Bräutigam ging durch! Magda und Kienast waren empört; und zwischen
Schweinichenstraße und Meisestraße liefen Boten ... Endlich!
Diederich war da, wenn auch in seinem alten Frack. Er gab nicht
einmal Erklärungen. Am Standesamt und in der Kirche wirkte er
verstört. Allerseits bemerkte man, auf einer so zustande gekommenen
Verbindung ruhe kein Segen. Auch Pastor Zillich erwähnte in seiner
Ansprache, daß der irdische Besitz etwas Vergängliches sei. Man
begriff seine Enttäuschung. Käthchen war gar nicht erschienen.
Beim
Hochzeitsfrühstück saß Diederich schweigend und sichtlich noch
anders beschäftigt. Selbst das Essen vergaß er oft und stierte in
die Luft. Einzig der Premierleutnant Karnauke hatte die Gabe, seine
Aufmerksamkeit zu wecken. Freilich tat der Leutnant das Seine; schon
nach der Suppe brachte er einen Toast auf die Braut aus, mit
Anspielungen, denen die Versammlung nach Maßgabe ihres bisherigen
Weingenusses noch nicht gewachsen war. Mehr beunruhigt ward
Diederich durch gewisse andere Wendungen Karnaukes, die er mit
Zwinkern nach seinem Platz begleitete und die leider auch Kienast
nachdenklich stimmten. Der Zeitpunkt, den Diederich mit Herzklopfen
voraussah, trat ein: Kienast stand auf und bat ihn um ein Wort unter
vier Augen ... Da aber klingelte der Premierleutnant heftig ans
Glas, stramm schnellte er vom Sitz. Der schon vorgeschrittene Lärm
des Festes brach jäh ab; man sah an Karnaukes gespitzten Fingern ein
blaues Band hängen und darunter ein Kreuz, dessen Rand golden
funkelte ... Ah! und Tumult und Glückwünsche. Diederich reichte
beide Hände hin, eine Selig[386]keit, kaum zu ertragen, flutete ihm
vom Herzen in den Hals, er redete von selbst und bevor er wußte was.
„Seine Majestät ... Unerhörte Gnade ... Bescheidene Verdienste, nie
wankende Treue ...“ Er dienerte, er legte, wie Karnauke ihm das
Kreuz überreichte, die Hand auf das Herz, schloß die Augen und
versank: so als stände vor ihm ein anderer, der Geber selbst. Unter
der Gnadensonne fühlte Diederich, dies war die Rettung und der Sieg.
Wulckow hielt den Pakt. Die Macht hielt Diederich den Pakt! Der
Kronenorden vierter Klasse blitzte, und es ward Ereignis, das
Denkmal Wilhelm des Großen und Gausenfeld, Geschäft und Ruhm!
Der Aufbruch drängte.
Kienast, immerhin bewegt und eingeschüchtert, bekam einige Worte
allgemeinen Inhalts hingeworfen, von herrlichen Tagen, denen er
entgegengeführt werden sollte, von großen Dingen, die man mit ihm
und der ganzen Familie vorhabe – und fort war Diederich mit Guste.
Sie bestiegen die
erste Klasse, er spendete drei Mark und zog die Vorhänge zu. Sein
von Glück beschwingter Tatendrang litt keinen Aufschub, Guste hätte
so viel Temperament nie erwartet. „Du bist doch nicht wie
Lohengrin“, bemerkte sie. Als sie aber schon hinglitt und die Augen
schloß, richtete Diederich sich nochmals auf. Eisern stand er vor
ihr, ordenbehangen, eisern und blitzend. „Bevor wir zur Sache selbst
schreiten,“ sagte er abgehackt, „gedenken wir Seiner Majestät
unseres allergnädigsten Kaisers. Denn die Sache hat den höheren
Zweck, daß wir Seiner Majestät Ehre machen und tüchtige Soldaten
liefern.“
„Oh!“ machte Guste,
von dem Gefunkel auf seiner Brust entrückt in höheren Glanz. „Bist –
du – das – Diederich?“
[387] VI.
Herr und Frau Doktor
Heßling aus Netzig sahen einander stumm an im Lift des Züricher
Hotels, denn man fuhr sie in den vierten Stock. Dies war das
Ergebnis des Blickes, den der Geschäftsführer schnell und schonend
über sie hingeführt hatte. Diederich füllte gehorsam den Meldezettel
aus; erst als der Oberkellner fort war, äußerte er seine Entrüstung
über den Betrieb hier und über Zürich. Sie ward immer lauter und
verdichtete sich zu dem Vorsatz, an Baedeker zu schreiben. Da diese
Vergeltung indes zu wenig greifbar schien, machte er kehrt gegen
Guste: ihr Hut sei schuld. Guste wieder schob es auf Diederichs
Hohenzollernmantel. So stürzten sie denn zum Lunch mit hochroten
Köpfen. An der Tür machten sie halt und schnauften unter den Blicken
der Gäste, Diederich im Smoking, Guste aber mit einem Hut, der
Bänder, Federn und Schnalle, alles auf einmal, hatte und der
unzweifelhaft in die Beletage gehörte. Ihr Bekannter, der
Oberkellner, führte sie im Triumph zu ihren Plätzen.
Mit Zürich und auch
mit dem Hotel versöhnten sie sich am Abend. Denn erstens war das
Zimmer im vierten Stock nicht ehrenvoll, aber billig; und dann hing
gerade gegenüber den Betten des Ehepaares eine fast lebensgroße
Odaliske, der bräunliche Leib hinschwellend auf üppigem Polster, mit
den Händen unter dem Kopf, feuchtes Schmachten im schwarzen Spalt
der Augen. In der Mitte war sie von dem Rahmen zerschnitten, was dem
Ehepaar Anlaß zu Scherzen gab. Am nächsten Tage gingen sie umher mit
Blei in den Lidern, verschlangen [388]riesige Mahlzeiten und fragten
sich nur, was erst geschehen wäre, wenn die Odaliske nicht in der
Mitte zerschnitten, sondern ganz gewesen wäre. Aus Müdigkeit
versäumten sie den Zug und kehrten am Abend, so früh wie möglich, in
ihr billiges und aufreibendes Zimmer zurück. Ein Ende dieser Art zu
leben war nicht absehbar; da las Diederich mit seinen schweren
Lidern in der Zeitung, daß der Kaiser unterwegs nach Rom sei zum
Besuch des Königs von Italien. Ein Schlag, er war aufgewacht.
Elastisch bewegte er sich zum Portier, ins Bureau, an den Lift; und
mochte Guste jammern, daß ihr schwindlig werde, die Koffer waren
schon fertig, Diederich schleifte Guste schon hinaus. „Muß es denn
sein?“ klagte sie, „wo doch das Bett so gut ist!“ Aber Diederich
hinterließ nur noch einen höhnischen Blick für die Odaliske.
„Amüsieren Sie sich weiter gut, meine Gnädigste!“
Vor Aufregung schlief
er lange nicht. Guste schnarchte friedlich an seiner Schulter, indes
Diederich, durch die Nacht sausend, bedachte, wie nun auf einer
anderen Linie, aber nicht weniger sausend, demselben Ziel der Kaiser
selbst entgegenfuhr. Der Kaiser und Diederich machten ein
Wettrennen! Und da Diederich schon mehrmals im Leben hatte Gedanken
äußern dürfen, die auf mystische Art mit denen des Allerhöchsten
Herrn zusammenzufallen schienen, vielleicht wußte Seine Majestät zu
dieser Stunde um Diederich: wußte, daß sein treuer Untertan ihm zur
Seite über die Alpen zog, um den feigen Welschen mal klarzumachen,
was Kaisertreue heißt. Er blitzte die Schläfer auf der anderen Bank
an, kleine schwarze Leute, deren Gesichter im Schlaf verfallen
aussahen. Germanische Reckenhaftigkeit sollten sie kennenlernen!
Früh in Mailand und
mittags in Florenz stiegen Rei[389]sende aus, was Diederich nicht
begriff. Er versuchte, ohne merklichen Erfolg, den Übriggebliebenen
beizubringen, welches Ereignis sie in Rom erwarte. Zwei Amerikaner
zeigten sich empfänglicher, worauf Diederich triumphierend: „Na, Sie
beneiden uns wohl auch um unseren Kaiser!“ Da sahen die Amerikaner
einander an, mit einer stummen Frage, die ergebnislos blieb.
Vor Rom ging
Diederichs Aufregung in wilden Tätigkeitsdrang über. Den Finger in
einem Sprachführer, lief er dem Zugpersonal nach und suchte in
Erfahrung zu bringen, wer früher ankommen werde, sein Kaiser oder
er. Gustes Leidenschaft hatte sich an der des Gatten entzündet.
„Diedel!“ rief sie. „Ich bin imstande und werf’ ihm meinen
Reiseschleier auf den Weg, damit daß er darüber geht, und die Rosen
von meinem Hut schmeiß’ ich auch hin!“ – „Wenn er dich aber sieht
und du machst ihm Eindruck?“ fragte Diederich und lächelte
fieberhaft. Gustes Busen begann zu wogen, sie senkte die Lider.
Diederich, der keuchte, riß sich los aus der furchtbaren Spannung.
„Meine Mannesehre ist mir heilig, was ich hiermit feststelle. In
diesem Falle aber –“ Und er schloß mit einer knappen Geste.
Da kam man an – aber
ganz anders, als die Gatten es erträumt hatten. In größter
Verwirrung wurden die Reisenden von Beamten aus dem Bahnhof
gedrängt, bis an den Rand eines weiten Platzes und in die Straßen
dahinter, die sofort wieder abgesperrt wurden. Aber Diederich, in
entfesselter Begeisterung, durchbrach die Schranken. Guste, die
entsetzt die Arme reckte, ließ er mit allem Handgepäck dastehen und
stürzte drauflos. Schon war er inmitten des Platzes; zwei Soldaten
mit Federhüten jagten ihm nach, daß ihre bunten Frackschöße flogen.
Da schritten die Bahnhofsrampe mehrere Herren herab, und
[390]alsbald fuhr ein Wagen auf Diederich zu. Diederich schwenkte
den Hut, er brüllte auf, daß die Herren im Wagen ihr Gespräch
unterbrachen. Der rechts neigte sich vor – und sie sahen einander
an, Diederich und sein Kaiser. Der Kaiser lächelte kalt prüfend mit
den Augenfalten, und die Falten am Mund ließ er ein wenig herab.
Diederich lief ein Stück mit, die Augen weit aufgerissen, immer
schreiend und den Hut schwenkend, und einige Sekunden lang waren
sie, indes ringsum dahinten eine fremde Menge ihnen Beifall
klatschte, in der Mitte des leeren Platzes und unter einem
knallblauen Himmel ganz miteinander allein, der Kaiser und sein
Untertan.
Schon verschwand der
Wagen drüben in der beflaggten Straße, die Hochrufe schwollen schon
ab in der Ferne, und Diederich, der aufseufzte und die Augen schloß,
setzte den Hut wieder auf.
Guste winkte ihn
krampfhaft herbei, und die Leute, die noch umherstanden, klatschten
ihm zu, mit Gesichtern voll heiteren Wohlwollens. Auch die Soldaten,
die vorhin ihn verfolgt hatten, lachten nun. Einer von ihnen ging in
seiner Teilnahme so weit, daß er einen Kutscher herbeirief. Wie er
abfuhr, grüßte Diederich die Menge. „Sie sind wie die Kinder“,
erklärte er seiner Gattin. „Na, aber auch entsprechend schlapp“,
setzte er hinzu, und er gestand: „In Berlin wäre das denn doch nicht
gegangen ... Wenn ich an den Krawall Unter den Linden denke, der
Betrieb war ’n bißchen schärfer.“ Und er setzte sich zurecht, um am
Hotel vorzufahren. Dank seiner Haltung bekamen sie ein Zimmer im
zweiten Stock.
Die erste Morgensonne
aber sah Diederich schon wieder in den Straßen. „Der Kaiser steht
früh auf“, hatte er Guste bedeutet, die nur aus den Kissen grunzte.
Übrigens [391]konnte er sie nicht brauchen bei seiner Aufgabe. Den
Finger auf dem Plan der Stadt, gelangte er bis vor den Quirinal und
stellte sich hin. Der stille Platz war hellgolden von schrägen
Strahlen, grell und wuchtig im leeren Himmel stand der Palast – und
gegenüber Diederich, der Majestät gewärtig, auf vorgestreckter Brust
den Kronenorden vierter Klasse. Die Treppen herauf aus der Stadt
trippelte eine Ziegenherde und verschwand hinter dem Brunnen und den
riesigen Rossebändigern. Diederich sah sich nicht um. Zwei Stunden
vergingen, die Passanten wurden häufiger, eine Schildwache war
hinter ihrem Haus hervorgekommen, in einem der beiden Portale
bewegte sich ein Portier, und mehrere Personen gingen ein oder aus.
Diederich ward unruhig. Er machte sich näher an die Fassade heran,
strich langsam vorbei, gespannt ins Innere spähend. Bei seinem
dritten Erscheinen führte der Portier, ein wenig zögernd, die Hand
an den Hut. Als Diederich stehenblieb und zurückgrüßte, ward er
vertraulich. „Alles in Ordnung“, sagte er hinter der Hand; und
Diederich nahm die Meldung mit einer Miene des Einverständnisses
entgegen. Es schien ihm nur natürlich, daß man ihn über das
Wohlergehen seines Kaisers unterrichtete. Seine Fragen, wann der
Kaiser ausfahren werde und wohin, wurden anstandslos beantwortet.
Der Portier verfiel von selbst darauf, daß Diederich, um den Kaiser
zu begleiten, einen Wagen brauchen werde, und er schickte danach.
Inzwischen hatte ein Häuflein Neugieriger sich gebildet, und dann
trat der Portier beiseite; hinter einem Vorreiter, im offenen Wagen,
erschien, unter dem Blitzen seines Adlerhelms, der blonde Herr des
Nordens. Diederichs Hut flog schon, Diederich schrie, wie aus der
Pistole geschossen, auf italienisch: „Es lebe der [392]Kaiser!“ Und
gefällig schrie das Häuflein mit ... Diederich aber, ein Sprung in
den Einspänner, der bereitstand, und los, hinterdrein, den Kutscher
angefeuert mit rauhem Schrei und geschwungenem Trinkgeld. Und sieh:
schon hielt er, dahinten nahte erst der Allerhöchste Wagen. Als der
Kaiser ausstieg, war wieder ein Häuflein da, und wiederum schrie
Diederich auf italienisch ... Wache gehalten vor dem Haus, worin
sein Kaiser weilte! Die Brust heraus und angeblitzt, wer sich in die
Nähe traute! Nach zehn Minuten war das Häuflein neu vervollständigt,
der Wagen entrollte dem Tor, und Diederich: „Es lebe der Kaiser!“ –
und, im Echo des Häufleins, wildbrausend zurück zum Quirinal. Wache.
Der Kaiser im Tschako. Das Häuflein. Ein neues Ziel, eine neue
Rückkehr, eine neue Uniform, und wieder Diederich, und wieder
jubelnder Empfang. So ging es weiter, und nie hatte Diederich ein
schöneres Leben gekannt. Sein Freund, der Portier, unterrichtete ihn
zuverlässig, wohin man fuhr. Auch kam es vor, daß ein salutierender
Beamter ihm eine Meldung machte, die er herablassend entgegennahm,
oder daß einer Direktiven zu erbitten schien – und dann erteilte
Diederich sie in unbestimmter Form, aber gebieterisch. Die Sonne
stieg hoch und höher; vor den brennenden Marmorquadern der Fassaden,
hinter denen sein Kaiser weltumspannende Unterredungen pflog, litt
Diederich, ohne zu wanken, Hitze und Durst. So stramm er sich hielt,
war es ihm doch, als sinke sein Bauch unter der Last des Mittags bis
auf das Pflaster herab und als schmelze ihm auf der Brust sein
Kronenorden vierter Klasse ... Der Kutscher, der immer häufiger die
nächste Kneipe betrat, empfand endlich Bewunderung für das
heldenhafte Pflichtgefühl des Deutschen und brachte ihm Wein mit.
[393]Neues Feuer in den Adern, machten sich beide an das nächste
Rennen. Denn die kaiserlichen Renner liefen scharf; um ihnen
vorauszukommen, mußte man Gassen durchjagen, die aussahen wie Kanäle
und deren spärliche Passanten sich schreckensvoll gegen die Mauer
drückten; oder es hieß aussteigen und Hals über Kopf eine Treppe
nehmen. Dann aber stand Diederich pünktlich an der Spitze seines
Häufleins, sah die siebente Uniform aussteigen und schrie. Und dann
wandte der Kaiser den Kopf und lächelte. Er erkannte ihn wieder,
seinen Untertan! Den, der schrie, den, der immer schon da war, wie
Swinegel. Diederich, federnd vor Hochgefühl über die Allerhöchste
Aufmerksamkeit, blitzte das Volk an, in dessen Mienen heiteres
Wohlwollen stand.
Erst die Versicherung
des Portiers, daß Seine Majestät nun frühstücke, erlaubte es
Diederich, sich Gustes zu erinnern. „Wie siehst du aus!“ rief sie
bei seinem Anblick und zog sich gegen die Wand zurück. Denn er war
rot wie eine Tomate, völlig aufgeweicht, und sein Blick war hell und
wild wie der eines germanischen Kriegers der Vorzeit auf einem
Eroberungszuge durch Welschland. „Dies ist ein großer Tag für die
nationale Sache!“ versetzte er mit Wucht. „Seine Majestät und ich,
wir machen moralische Eroberungen!“ Wie er dastand! Guste vergaß
ihren Schrecken und den Ärger über das lange Warten: sie kam herbei
mit liebevollen Armen, und demütig rankte sie sich an ihm hinauf.
Aber kaum das
Stündchen zum Essen gönnte Diederich sich. Er wußte wohl, nach dem
Mittagsmahl ruhte der Kaiser; dann hieß es, unter seinen Fenstern
Wache stehen und nicht weichen. Er wich nicht; und der Erfolg
zeigte, wie recht er tat. Denn noch hielt er seinen Posten, dem
[394]Portal gegenüber, nicht achtzig Minuten lang besetzt, als es
geschah, daß ein verdächtig aussehendes Individuum unter Benutzung
einer kurzen Abwesenheit des Portiers sich einschlich, sich hinter
eine Säule drückte und im lauernden Schatten Pläne barg, die nicht
anders sein konnten als unheilvoll. Da aber Diederich! Wie den Sturm
und mit Kriegsgeschrei sah man ihn über den Platz tosen.
Aufgescheuchtes Volk stürzte sofort hinterdrein, die Wache eilte
herbei, im Portal lief Dienerschaft zusammen – und alle bewunderten
Diederich, wie er einen, der sich versteckt hatte, wild ringend
hervorzerrte. Die beiden schlugen dermaßen um sich, daß nicht einmal
die bewaffnete Macht an sie herankam. Plötzlich sah man Diederichs
Gegner, dem es gelungen war, den rechten Arm zu befreien, eine
Büchse schwingen. Atemlose Sekunden – dann tobte die aufheulende
Panik dem Ausgang zu. Eine Bombe! Er wirft!... Er hatte schon
geworfen. In der Erwartung des Knalles lagen die nächsten, im voraus
wimmernd, am Boden. Diederich aber: weiß auf Gesicht, Schultern und
Brust stand er da und nieste. Es roch stark nach Pfefferminz. Die
Kühnsten kehrten um und untersuchten ihn mit der Nase; ein Soldat
unter wallenden Federn betupfte ihn mit dem benetzten Finger und
kostete. Diederich verstand wohl, was er hierauf der Menge mitteilte
und weshalb sogleich in alle Gesichter das heitere Wohlwollen
zurückkehrte, denn seit einem Augenblick blieb ihm selbst kein
Zweifel mehr darüber, daß er mit Zahnpulver beworfen war.
Dessenungeachtet behielt er die Gefahr im Auge, der der Kaiser, dank
seiner Wachsamkeit, vielleicht entronnen war. Der Attentäter suchte
– ganz vergebens – an ihm vorbei das Weite zu gewinnen: Diederichs
eiserne Faust überlieferte ihn den Polizeiwächtern. [395]Diese
stellten fest, daß es sich um einen Deutschen handelte, und baten
Diederich, ihn zu inquirieren. Er unterzog sich der Aufgabe, trotz
dem Zahnpulver, das ihn bedeckte, mit höchster Korrektheit. Die
Antworten des Menschen, der bezeichnenderweise Künstler war, hatten
keine ausgesprochen politische Färbung, verrieten aber durch ihre
abgrundtiefe Respektlosigkeit und Unmoral nur zu wohl die Tendenzen
des Umsturzes, weshalb Diederich seine Verhaftung dringend empfahl.
Die Wächter führten ihn ab, nicht ohne vor Diederich zu salutieren,
der nur noch Zeit hatte, sich von seinem Freunde, dem Portier,
abbürsten zu lassen. Denn schon war der Kaiser gemeldet; Diederichs
persönlicher Dienst begann wieder.
Sein Dienst führte
ihn rastlos umher bis in die Nacht und endlich vor das Gebäude der
deutschen Botschaft, wo Seine Majestät Empfang hielt. Ein längerer
Aufenthalt des Allerhöchsten Herrn gab Diederich Gelegenheit, beim
nächsten Wirt seine Stimmung zu erhöhen. Er erklomm vor der Tür
einen Stuhl und richtete an das Volk eine Ansprache, die von
nationalem Geiste getragen war und der schlappen Bande die Vorzüge
eines strammen Regiments klarmachte und eines Kaisers, der kein
Schattenkaiser war ... Sie sahen ihn, rot überstrahlt vom Licht der
offenen Becken, die vor dem Palaste des Deutschen Reiches loderten,
auf seinem Stuhl den eckig behaarten Mund aufreißen, sahen ihn
blitzen und wie von Eisen starren – was ihnen offenbar genügte, um
ihn zu verstehen, denn sie jubelten, klatschten und ließen den
Kaiser leben, sooft Diederich ihn leben ließ. Mit einem Ernst, der
nicht ohne Drohung war, nahm Diederich für seinen Herrn und die
furchtbare Macht seines Herrn die Huldigungen des Auslandes
entgegen, worauf er von dem [396]Stuhl herabkletterte und wieder zum
Wein ging. Mehrere Landsleute, kaum weniger angeregt als er, tranken
ihm zu und kamen nach in heimischer Weise. Einer entfaltete eine
Abendzeitung mit einem riesigen Bild des Kaisers und las den Bericht
eines Zwischenfalles vor, den im Portal des Quirinals ein Deutscher
hervorgerufen hatte. Nur durch die Geistesgegenwart eines Beamten im
persönlichen Dienst des Kaisers war Schlimmeres verhindert worden;
und auch das Bildnis dieses Beamten war dabei. Diederich erkannte
ihn wohl. Wenn die Ähnlichkeit auch nur allgemeiner Natur und der
Name arg entstellt war, der Umfang des Gesichtes und der Schnurrbart
stimmten. So sah denn Diederich den Kaiser und sich selbst auf dem
gleichen Zeitungsblatt vereinigt, den Kaiser samt seinem Untertan
der Welt zur Bewunderung dargeboten. Es war zu viel. Feuchten Auges
richtete Diederich sich auf und stimmte die Wacht am Rhein an. Der
Wein, der so billig war, und die Begeisterung, die immer neu genährt
ward, bewirkten, daß die Kunde, der Kaiser verlasse die Botschaft,
Diederich nicht mehr in korrekter Haltung fand. Er tat gleichwohl
alles, was er noch vermochte, um seiner Pflicht zu genügen. Er schoß
im Zickzack das Kapitol hinab, stolperte und rollte über die Stufen
weiter. Drunten in der Gasse holten seine Zechgenossen ihn ein, er
stand mit dem Gesicht der Mauer zugekehrt ... Fackelschein und
Hufschlag: der Kaiser! Die anderen schwankten hinterdrein, Diederich
aber, kein Komment half ihm mehr, glitt hin, wo er stand. Zwei
städtische Wächter fanden ihn, an die Mauer gelehnt, in einer Lache
sitzen. Sie erkannten den Beamten im persönlichen Dienst des
Deutschen Kaisers, und voll tiefer Besorgnisse beugten sie sich über
ihn. Gleich darauf aber sahen sie [397]einander an und brachen in
ungeheure Fröhlichkeit aus. Der persönliche Beamte war gottlob nicht
tot, denn er schnarchte; und die Lache, in der er saß, war kein
Blut.
Am nächsten Abend,
bei der Galavorstellung im Theater, sah der Kaiser ungewöhnlich
ernst aus. Diederich bemerkte es, er sagte zu Guste: „Jetzt weiß ich
doch, wozu ich das viele Geld hab’ ausgegeben. Paß auf, wir erleben
einen historischen Moment!“ Und seine Ahnung betrog ihn nicht. Die
Abendblätter verbreiteten sich im Theater, und man erfuhr, der
Kaiser werde noch nachts abreisen, und er habe seinen Reichstag
aufgelöst! Diederich, ebenso ernst wie der Kaiser, erklärte allen,
die in der Nähe saßen, die Schwere des Ereignisses. Der Umsturz
hatte sich nicht entblödet, die Militärvorlage abzulehnen! Die
Nationalgesinnten gingen für ihren Kaiser in einen Kampf auf Leben
und Tod! Er selbst werde mit dem nächsten Zuge nach Hause fahren,
versicherte er, worauf man ihm sofort den Zug nannte ... Wer nicht
zufrieden war, war Guste. „Endlich ist man mal woanders, und, Gott
sei Dank, hat man es und kann sich was leisten. Wie komm’ ich dazu,
daß ich mich soll zwei Tage im Hotel mopsen und dann gleich wieder
retour, bloß wegen –.“ Der Blick, den sie nach der kaiserlichen Loge
schleuderte, war so voll von Auflehnung, daß Diederich mit äußerster
Strenge einschritt. Guste ward ihrerseits laut; ringsum zischte man,
und als Diederich den Widersachern blitzend die Stirne bot, sah er
sich von ihnen veranlaßt, mit Guste aufzubrechen, noch bevor ihr Zug
ging. „Komment hat das Pack nun mal nicht“, stellte er draußen fest
und schnaufte stark. „Überhaupt, was ist hier los, möcht’ ich mal
wissen. Schönes Wetter, na ja ... Na, nu sieh dir wenigstens noch
das alte Zeug an, das da ’rumsteht!“ heischte er. [398]Guste, wieder
gebändigt, sagte klagend: „Ich genieß’ es ja.“ Und dann fuhren sie
in gemessenem Abstand hinter dem Zug des Kaisers her. Guste, die in
der Eile ihre Schwämme und Bürsten vergessen hatte, wollte immer
aussteigen. Damit sie sechsunddreißig Stunden Geduld hatte, mußte
Diederich ihr unermüdlich die nationale Sache vorhalten. Trotzdem
waren, als sie endlich in Netzig Fuß faßte, ihre erste Sorge die
Schwämme. Am Sonntag hatte man ankommen müssen! Zum Glück war
wenigstens die Löwenapotheke offen. Indes Diederich vor dem Bahnhof
auf die Koffer wartete, ging Guste schon hinüber. Da sie aber nicht
zurückkam, folgte er ihr.
Die Tür der Apotheke
stand halb offen, drei junge Burschen spähten hinein und wälzten
sich. Diederich, der über sie wegsah, erstarrte vor Staunen – denn
drinnen hinter dem Ladentisch schritt, die Arme gekreuzt und mit
düsterem Blick, hin und her sein alter Freund und Kommilitone
Gottlieb Hornung. Guste sagte gerade: „Nun bin ich doch gespannt, ob
ich bald meine Zahnbürste kriege“, da kam Gottlieb Hornung hinter
dem Ladentisch hervor, die Arme immer verschränkt und Guste in
seinen düsterm Blick fassend. „Sie werden meiner Miene angesehen
haben,“ begann er mit Rednerstimme, „daß ich weder in der Lage noch
gewillt bin, Ihnen eine Zahnbürste zu verkaufen.“ – „Nanu!“ machte
Guste und wich zurück. „Aber Sie haben doch das ganze Glas hier
voll.“ Gottlieb Hornung lächelte wie Luzifer. „Der Onkel dort oben“
– er warf den Kopf zurück und zeigte mit dem Kinn nach der Decke,
hinter der wohl sein Prinzipal hauste – „der kann hier feilbieten,
was ihm beliebt. Ich fühle mich dadurch nicht berührt. Ich habe
nicht sechs Semester studiert [399]und einer hochfeinen Korporation
angehört, damit ich mich jetzt hier hinstelle und Zahnbürsten
verkaufe.“ – „Wozu sind Sie denn da?“ fragte Guste, merklich
eingeschüchtert. Da versetzte Hornung, majestätisch rollend: „Ich
bin für die Rezeptur da!“ Und Guste fühlte wohl, sie sei
zurückgeschlagen; sie wandte sich zum Gehen. Eins fiel ihr doch noch
ein. „Mit den Schwämmen wäre es wohl dasselbe?“ – „Ganz dasselbe“,
bestätigte Hornung. Hierauf hatte Guste offenbar gewartet, um sich
ernstlich zu entrüsten. Sie streckte den Busen vor und wollte
loslegen; Diederich hatte aber noch Zeit, dazwischenzutreten. Er gab
dem Freunde recht darin, daß die Würde der Neuteutonia zu wahren und
ihr Banner hochzuhalten sei. Wenn jemand trotzdem einen Schwamm
brauchte, konnte er ihn sich am Ende selbst nehmen und den Betrag
hinlegen – was Diederich hiermit tat. Gottlieb Hornung ging
inzwischen beiseite und pfiff, als sei er allein. Sodann bekundete
Diederich seine Teilnahme an dem bisherigen Ergehen des Freundes.
Leider war viel Mißgeschick dabei; denn da Hornung niemals Schwämme
und Zahnbürsten hatte verkaufen wollen, war er schon aus fünf
Apotheken entlassen worden. Dennoch war er entschlossen, weiter für
seine Überzeugung einzustehen, auf die Gefahr, daß es ihn auch hier
wieder seine Stellung kostete. „Da sieh dir einen echten Neuteutonen
an!“ sagte Diederich zu Guste, und sie sah ihn sich an.
Diederich hielt
seinerseits nicht länger zurück mit dem, was er erlebt und erreicht
hatte. Er machte auf seinen Orden aufmerksam, drehte Guste vor
Hornung rundherum und nannte die Ziffer ihres Vermögens. Der Kaiser,
dessen Feinde und Beleidiger dank Diederich hinter Schloß und Riegel
saßen, war in Rom ganz kürzlich und gleich[400]falls dank Diederich
einer persönlichen Gefahr entronnen. Die Zeitungen sprachen, um eine
Panik an den Höfen und an der Börse zu vermeiden, nur von dem
Bubenstreich eines Halbwahnsinnigen, „aber im Vertrauen gesagt, ich
habe Anlaß, zu glauben, daß ein weitverzweigtes Komplott bestanden
hat. Du wirst verstehen, Hornung, daß das nationale Interesse die
größte Zurückhaltung gebietet, denn du bist sicher auch ein national
gesinnter Mann.“ Hornung war es natürlich, und so konnte Diederich
sich über die hochwichtige Aufgabe verbreiten, die ihn genötigt
hatte, von seiner Hochzeitsreise plötzlich zurückzukehren. Es galt,
in Netzig den nationalen Kandidaten durchzubringen! Die
Schwierigkeiten durfte man sich nicht verhehlen. Netzig war eine
Hochburg des Freisinns, der Umsturz rüttelte an den Grundlagen....
Hier begann Guste zu drohen, daß sie mit dem Gepäck nach Hause
fahren werde. Diederich konnte den Freund nur noch dringend
einladen, ihn gleich heute abend zu besuchen, er habe dringend mit
ihm zu reden. Wie er in den Wagen stieg, sah er einen der Schlingel,
die draußen gewartet hatten, die Apotheke betreten und eine
Zahnbürste verlangen. Diederich bedachte, daß Gottlieb Hornung eben
vermöge seiner aristokratischen Richtung, die ihm beim Verkauf von
Schwämmen und Zahnbürsten so hinderlich war, im Kampf gegen die
Demokratie ein wertvoller Bundesgenosse werden könne. Aber dies war
die geringste seiner schleunigen Sorgen. Der alten Frau Heßling
wurden nur schnell ein paar Tränen erlaubt, dann mußte sie wieder in
das obere Stockwerk hinauf, wo früher nur das Dienstmädchen und die
nasse Wäsche untergebracht waren und wohin Diederich jetzt seine
Mutter und Emmi beseitigt hatte. Den Ruß von der [401]Reise noch im
Bart, begab er sich hintenherum zum Präsidenten von Wulckow, ließ
darauf, nicht weniger unauffällig, Napoleon Fischer zu sich kommen
und hatte inzwischen schon Schritte getan, um ohne Verzug eine
Zusammenkunft mit Kunze, Kühnchen und Zillich zu bewirken.
Der Sonntagnachmittag
erschwerte das Unternehmen; der Major konnte nur mit Mühe seiner
Kegelpartie entrissen werden, den Pastor mußte man an einem
Familienausflug mit Käthchen und Assessor Jadassohn verhindern, und
der Professor befand sich in den Händen seiner beiden Pensionäre,
die ihn schon halb betrunken gemacht hatten. Schließlich gelang es,
alle im Lokal des Kriegervereins zusammenzutreiben, und Diederich
eröffnete ihnen ohne weiteren Zeitverlust, daß ein nationaler
Kandidat aufgestellt werden müsse und daß nach Lage der Dinge nur
einer in Frage komme, nämlich Herr Major Kunze. „Hurra!“ rief
Kühnchen ohne weiteres, aber die Miene des Majors zog sich noch
gewitterhafter zusammen. Ob man ihn denn für naiv halte, knirschte
er hervor. Ob man glaube, er lechze nach einer Blamage. „Ein
nationaler Kandidat in Netzig, was dem passiert, darauf bin ich
nicht neugierig. Wenn alles so gewiß wäre wie der nationale
Durchfall!“ Diederich ließ dies keineswegs gelten. „Wir haben den
Kriegerverein, den wollen die Herren in Rechnung stellen. Der
Kriegerverein ist eine unschätzbare Operationsbasis. Von ihr aus
schlagen wir uns in gerader Linie durch, wenn ich so sagen darf, bis
zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal, und dort wird die Schlacht gewonnen.“
„Hurra!“ schrie Kühnchen wieder, die beiden anderen aber wünschten
doch zu wissen, was es mit dem Denkmal sei, und Diederich weihte sie
ein in seine Erfindung – wobei er lieber darüber hinwegging, daß das
Denkmal [402]der Gegenstand eines Paktes zwischen ihm und Napoleon
Fischer sei. Das freisinnige Säuglingsheim, so viel verriet er, war
nicht populär, eine Menge Wähler ließen sich zu der nationalen Sache
herüberziehen, wenn man ihnen aus dem Nachlaß des alten Kühlemann
ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal versprach. Erstens wurden dabei mehr
Handwerker beschäftigt, und dann kam Betrieb in die Stadt, die
Einweihung solch eines Denkmals zog weite Kreise, Netzig hatte
Aussicht, seinen schlechten Ruf als demokratischer Sumpf zu
verlieren und in die Gnadensonne zu rücken. Dabei dachte Diederich
an seinen Pakt mit Wulckow, über den er auch lieber hinging. „Dem
Manne aber, der so unendlich viel für uns alle erreicht und errungen
hat“ – er zeigte schwungvoll auf Kunze – „dem Manne wird unsere
liebe alte Stadt ganz sicher auch dereinst ein Denkmal setzen. Er
und Kaiser Wilhelm der Große werden einander anblicken –“ „Und die
Zunge zeigen“, schloß der Major, der bei seinem Unglauben verharrte.
„Wenn Sie meinen, die Netziger warten nur auf den großen Mann, der
sie mit klingendem Spiel in das nationale Lager führt, warum spielen
Sie dann nicht selbst den großen Mann?“ Und er bohrte sich in
Diederichs Augen. Aber Diederich riß sie nur noch ehrlicher auf; er
legte die Hand auf das Herz. „Herr Major! Meine wohlbekannte
kaisertreue Gesinnung hat mir schon schwerere Prüfungen auferlegt
als eine Kandidatur für den Reichstag, und die Prüfungen, das darf
ich sagen, hab’ ich bestanden! Dabei hab’ ich mich nicht gescheut,
als Vorkämpfer der guten Sache, allen Haß der Schlechtgesinnten auf
meine Person zu laden, und hab’ es mir dadurch unmöglich gemacht,
die Frucht meiner Opfer selbst einzustecken. Mich würden die
Netziger nicht wählen, meine Sache [403]werden sie wählen, und darum
trete ich zurück, denn sachlich sein heißt deutsch sein, und lasse
Ihnen, Herr Major, neidlos die Ehren und die Freuden!“ Allgemeine
Bewegung. Kühnchens Bravo klang tränenfeucht, der Pastor nickte
weihevoll, und Kunze starrte, sichtlich erschüttert, unter den
Tisch. Diederich aber fühlte sich leicht und gut, er hatte sein Herz
sprechen lassen, und es hatte Treue, Opfersinn und mannhaften
Idealismus ausgedrückt. Diederichs blond behaarte Hand streckte sich
über den Tisch, und die braun behaarte des Majors schlug zögernd,
doch kräftig hinein.
Nach dem Herzen
freilich ergriff bei allen vier Männern wieder die Vernunft das
Wort. Der Major erkundigte sich, ob Diederich bereit sei, ihn zu
entschädigen für die ideellen und materiellen Verluste, von denen er
bedroht sei, falls er gegen den Kandidaten des freisinnigen Klüngels
in die Schranken trete und ihm unterliege. „Sehen Sie wohl!“ – und
er reckte den Finger gegen Diederich, der angesichts dieser
Geradlinigkeit nicht gleich Worte fand. „So ganz koscher kommt Ihnen
die nationale Sache auch nicht vor, und daß Sie mich durchaus
’rankriegen wollen, wie ich Sie kenne, Herr Doktor, hängt das mit
irgendwelchen Fisimatenten Ihrerseits zusammen, von denen ich als
gerader Soldat gottlob nichts verstehe.“ Hierauf beeilte Diederich
sich, dem geraden Soldaten einen Orden zu versprechen, und da er
sein Einverständnis mit Wulckow durchblicken ließ, war der nationale
Kandidat endlich rückhaltlos gewonnen.... Inzwischen aber hatte
Pastor Zillich es sich überlegt, ob seine Stellung in der Stadt es
ihm erlaube, den Vorsitz des nationalen Wahlkomitees zu übernehmen.
Sollte er die Zwietracht in seine Gemeinde tragen? Sein leiblicher
Schwager Heuteufel war der Kandidat der Liberalen! Freilich, wenn
man statt [404]des Denkmals eine Kirche gebaut hätte! „Denn
wahrlich, Gotteshäuser tun mehr denn je not, und meine liebe Kirche
von Sankt Marien wird von der Stadt so sehr vernachlässigt, daß sie
heute oder morgen mir und meinen Christen auf den Kopf fallen kann.“
Ohne Säumen verbürgte Diederich sich für alle gewünschten
Reparaturen. Zur Bedingung machte er nur, daß der Pastor von den
Vertrauensstellungen der neuen Partei alle diejenigen Elemente
fernhalte, die schon durch gewisse Äußerlichkeiten berechtigte
Zweifel an der Echtheit ihrer nationalen Gesinnung erregten. „Ohne
in Familienverhältnisse eingreifen zu wollen“, setzte Diederich
hinzu und sah Käthchens Vater an, der offenbar begriffen hatte, denn
er muckte nicht.... Aber auch Kühnchen, der längst nicht mehr hurra
schrie, meldete sich. Die beiden anderen hatten ihn, während sie
selbst sprachen, nur mit Gewalt auf seinem Sitz festgehalten; kaum
daß sie ihn losließen, riß er stürmisch die Debatte an sich. Wo
mußte die nationale Gesinnung vor allem wurzeln? In der Jugend? Wie
aber war das möglich, wenn der Rektor des Gymnasiums ein Freund des
Herrn Buck war. „Da kann ich mir die Schwindsucht an den Hals reden
von unseren glorreichen Taten im Jahre siebzig...“ Genug, Kühnchen
wollte Rektor werden, und Diederich bewilligte es ihm großmütig.
Nachdem dermaßen die
politische Haltung auf der gesunden Grundlage der Interessen
festgelegt war, konnte man sich mit gutem Gewissen der Begeisterung
hingeben, die, wie Pastor Zillich erklärte, von Gott kam und auch
der besten Sache erst die höhere Weihe lieh, und so begab man sich
in den Ratskeller.
In aller Frühe, als
die vier Herren heimgingen, klebten an den Mauern zwischen den
weißen Wahlaufrufen Heu[405]teufels und den roten des Genossen
Fischer die schwarzweißrot geränderten Plakate, die Herrn Major
Kunze als Kandidaten der „Partei des Kaisers“ empfahlen. Diederich
pflanzte sich so fest, als es ihm möglich war, davor auf und las mit
schneidiger Tenorstimme. „Vaterlandslose Gesellen des aufgelösten
Reichstages haben es gewagt, unserem herrlichen Kaiser die
Machtmittel zu versagen, deren er zur Größe des Reiches bedarf....
Wollen uns des großen Monarchen würdig erweisen und seine Feinde
zerschmettern! Einziges Programm: Der Kaiser! Die für mich und die
wider mich: Umsturz und Partei des Kaisers!“ Kühnchen, Zillich und
Kunze bekräftigten alles mit Geschrei; und da einige Arbeiter, die
in die Fabrik gingen, erstaunt stehenblieben, drehte Diederich sich
um und erläuterte ihnen das nationale Manifest. „Leute!“ rief er.
„Ihr wißt gar nicht, was ihr für ein Schwein habt, daß ihr Deutsche
seid. Denn um unseren Kaiser beneidet uns die ganze Welt, habe mich
soeben im Ausland persönlich davon überzeugt.“ Hier schlug Kühnchen
mit der Faust auf dem Anschlagbrett einen Tusch, und die vier Herren
schrien hurra, indes die Arbeiter ihnen zusahen. „Wollt ihr, daß
euer Kaiser euch Kolonien schenkt?“ fragte Diederich sie. „Na also.
Dann schärft ihm gefälligst das Schwert! Wählt keinen
vaterlandslosen Gesellen, das verbitte ich mir, sondern einzig den
Kandidaten des Kaisers, Herrn Major Kunze: sonst garantiere ich euch
keinen Augenblick für unsere Stellung in der Welt, und es kann euch
passieren, daß ihr mit zwanzig Mark weniger Lohn alle vierzehn Tage
nach Haus geht!“ Hier sahen die Arbeiter stumm einander an, und dann
setzten sie sich wieder in Bewegung.
Aber auch die Herren
verloren keine Zeit. Kunze selbst [406]ging auf steifen Beinen an
die Aufgabe, den Mitgliedern des Kriegervereins den Standpunkt
klarzumachen. „Wenn die Kerls glauben,“ erklärte er, „sie können
künftig noch den freien Gewerkschaften angehören! Den Freisinn
treiben wir ihnen auch aus! Von heute ab greift ’ne schärfere Tonart
Platz!“ Pastor Zillich verhieß eine verwandte Tätigkeit in den
christlichen Vereinen, indes Kühnchen zum voraus von der frischen
Begeisterung seiner Primaner schwärmte, die auf Fahrrädern die Stadt
durcheilen und Wähler herbeischleppen sollten. Das rastloseste
Pflichtgefühl aber beseelte doch Diederich. Er verschmähte jede
Ruhe; seiner Gattin, die im Bett lag und ihn mit Vorwürfen empfing,
erwiderte er blitzend: „Mein Kaiser hat ans Schwert geschlagen, und
wenn mein Kaiser ans Schwert schlägt, dann gibt es keine ehelichen
Pflichten mehr. Verstanden?“ Worauf Guste sich schroff herumwarf und
das mit ihren hinteren Reizen ausgefüllte Federbett wie einen Turm
zwischen sich und den Ungefälligen stellte. Diederich unterdrückte
das Bedauern, das ihn beschleichen wollte, und schrieb ungesäumt
einen Warnruf gegen das freisinnige Säuglingsheim. Die „Netziger
Zeitung“ brachte ihn auch, obwohl sie vor zwei Tagen aus der Feder
des Herrn Doktors Heuteufel eine überaus warme Empfehlung des
Säuglingsheims gebracht hatte. Denn, wie der Redakteur Nothgroschen
hinzusetzte, das Organ des gebildeten Bürgertums war es seinen
Abonnenten schuldig, an jede neu auftauchende Idee vor allem den
Prüfstein seines Kulturgewissens zu legen. Und dies tat Diederich in
geradezu vernichtender Weise. Für wen war so ein Säuglingsheim
naturgemäß in erster Linie bestimmt? Für die unehelichen Kinder. Was
begünstigte es also? Das Laster. Hatten wir das nötig? Nicht die
[407]Spur; „denn wir sind Gott sei Dank nicht in der traurigen Lage
der Franzosen, die durch die Folgen ihrer demokratischen
Zuchtlosigkeit schon so gut wie auf den Aussterbeetat gesetzt sind.
Die mögen uneheliche Geburten preiskrönen, weil sie sonst keine
Soldaten mehr haben. Wir aber sind nicht angefault, wir erfreuen uns
eines unerschöpflichen Nachwuchses! Wir sind das Salz der Erde!“ Und
Diederich rechnete den Abonnenten der „Netziger Zeitung“ vor, bis
wann sie und ihresgleichen hundert Millionen betragen würden, und
wie lange es höchstens noch dauern könne, bis die Erde deutsch sei.
Hiermit waren, nach
der Meinung des nationalen Komitees, die Vorbereitungen getroffen
für die erste Wahlversammlung der „Partei des Kaisers“. Sie sollte
bei Klappsch sein, der seinen Saal patriotisch aufgemacht hatte. In
Tannenkränzen glühten Transparente: „Der Wille des Königs ist das
höchste Gebot.“ „Es gibt für euch nur einen Feind, und der ist mein
Feind.“ „Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich.“ „Mein Kurs ist
der richtige.“ „Bürger, erwacht aus dem Schlummer!“ Für das Erwachen
sorgten Klappsch und Fräulein Klappsch, indem sie überall immer
frisches Bier hinstellte, ohne so peinlich wie sonst die Bierfilze
aufzuhäufen. So ward Kunze, als der Vorsitzende, Pastor Zillich, ihn
der Versammlung vorstellte, schon mit Stimmung aufgenommen.
Diederich freilich, hinter der Rauchwolke, in der das Bureau saß,
machte die unliebsame Bemerkung, daß auch Heuteufel, Cohn und einige
von ihrem Anhang in den Saal gelangt waren. Er stellte Gottlieb
Hornung zur Rede, denn Hornung hatte die Aufsicht. Aber er wollte
sich nichts sagen lassen, er war gereizt, es hatte ihn zu große Mühe
gekostet, die Leute zusammenzutreiben. [408]So viele Lieferanten wie
das Kaiser-Wilhelm-Denkmal dank seiner Agitation nun schon hatte,
konnte die Stadt nie bezahlen, und wenn der alte Kühlemann dreimal
starb! Geschwollene Hände hatte Hornung von den Begrüßungen all der
neubekehrten Patrioten! Zumutungen hatten sie an ihn gestellt! Daß
er sich mit einem Drogisten assoziieren sollte, war noch das
wenigste. Aber Gottlieb Hornung protestierte gegen diesen
demokratischen Mangel an Distanz. Der Besitzer der Löwenapotheke
hatte ihm soeben gekündigt, und er war entschlossener als je, weder
Schwämme noch Zahnbürsten zu verkaufen.... Inzwischen stammelte
Kunze an seiner Kandidatenrede. Denn seine finstere Miene täuschte
Diederich nicht darüber, daß der Major dessen, was er sagen wollte,
durchaus nicht sicher war und daß der Wahlkampf ihn befangener
machte, als der Ernstfall es getan haben würde. Er sagte: „Meine
Herren, das Heer ist die einzige Säule“, da jedoch einer aus der
Gegend Heuteufels dazwischenrief: „Schon faul!“, verwirrte Kunze
sich sogleich und setzte hinzu: „Aber wer bezahlt es? Der Bürger.“
Worauf die um Heuteufel Bravo riefen. Hierdurch in eine falsche
Richtung gedrängt, erklärte Kunze: „Darum sind wir alle Säulen, das
dürfen wir wohl verlangen, und wehe dem Monarchen –“ „Sehr richtig!“
antworteten freisinnige Stimmen, und die gutgläubigen Patrioten
schrien mit. Der Major wischte sich den Schweiß; ohne sein Zutun
nahm seine Rede einen Verlauf, als hielte er sie im liberalen
Verein. Diederich zog ihn von hinten am Rockschoß, er beschwor ihn,
Schluß zu machen, aber Kunze versuchte es vergebens: den Übergang
zur Wahlparole der „Partei des Kaisers“ fand er nicht. Am Ende
verlor er die Geduld, ward jäh dunkelrot und stieß mit
unver[409]mittelter Wildheit hervor: „Ausrotten bis auf den letzten
Stumpf! Hurra!“ Der Kriegerverein donnerte Beifall. Wo nicht
mitgeschrien wurde, erschienen auf Diederichs Wink eilends Klappsch
oder Fräulein Klappsch.
Zur Diskussion
meldete sich alsbald Doktor Heuteufel, aber Gottlieb Hornung kam ihm
zuvor. Diederich für seine Person blieb lieber im Hintergrund,
hinter der Rauchwolke des Präsidiums. Er hatte Hornung zehn Mark
versprochen, und Hornung war nicht in der Lage, sie auszuschlagen.
Knirschend trat er an den Rand der Bühne und erläuterte die Rede des
verehrten Herrn Majors dahin, daß das Heer, für das wir alle zu
jedem Opfer bereit seien, unser Bollwerk gegen die Schlammflut der
Demokratie sei. „Die Demokratie ist die Weltanschauung der
Halbgebildeten“, stellte der Apotheker fest. „Die Wissenschaft hat
sie überwunden.“ „Sehr richtig!“ rief jemand; es war der Drogist,
der sich mit ihm assoziieren wollte. „Herren und Knechte wird es
immer geben!“ bestimmte Gottlieb Hornung, „denn in der Natur ist es
auch so. Und es ist daß einzig Wahre, denn jeder muß über sich einen
haben, vor dem er Angst hat, und einen unter sich, der vor ihm Angst
hat. Wohin kämen wir sonst! Wenn der erste beste sich einbildet, er
ist ganz für sich selbst was und alle sind gleich! Wehe dem Volk,
dessen überkommene, ehrwürdige Formen sich erst in den
demokratischen Mischmasch auflösen, und wo der zersetzende
Standpunkt der Persönlichkeit das Übergewicht bekommt!“ Hier
verschränkte Gottlieb Hornung die Arme und schob den Nacken vor.
„Ich,“ rief er, „der ich einer hochfeinen Verbindung angehört habe
und den freudigen Blutverlust für die Ehre der Farben kenne, ich
bedanke mich dafür, daß ich Zahnbürsten verkaufen soll!“
[410] „Und Schwämme
auch nicht?“ fragte jemand.
„Auch nicht!“
entschied Hornung. „Ich verbitte mir ganz energisch, daß noch mal
einer kommt. Man soll immer wissen, wen man vor sich hat. Jedem das
Seine. Und in diesem Sinne geben wir unsere Stimme nur einem
Kandidaten, der dem Kaiser so viel Soldaten bewilligt, als er haben
will. Denn entweder haben wir einen Kaiser oder nicht!“
Damit trat Gottlieb
Hornung zurück und sah, den Unterkiefer vorgeschoben, aus gefalteten
Brauen in das Beifallsgebrause. Der Kriegerverein ließ es sich nicht
nehmen, mit geschwungenen Biergläsern an ihm und Kunze
vorbeizudefilieren. Kunze nahm Händedrücke entgegen, Hornung stand
ehern da – und Diederich konnte nicht umhin, mit Bitterkeit zu
empfinden, daß diese beiden zweitklassigen Persönlichkeiten den
Vorteil hatten von einer Gelegenheit, die sein Werk war. Er mußte
ihnen die Volksgunst des Augenblicks wohl lassen, denn er wußte
besser als die beiden Gimpel, wo dies hinauswollte. Da der nationale
Kandidat am Ende nur dazu da war, eine Hilfstruppe für Napoleon
Fischer anzuwerben, tat man gut daran, sich nicht selbst
hinauszustellen. Heuteufel freilich legte es darauf an, Diederich
hervorzulocken. Der Vorsitzende, Pastor Zillich, konnte ihm das Wort
nicht länger verweigern, sofort begann er vom Säuglingsheim. Das
Säuglingsheim sei eine Sache des sozialen Gewissens und der
Humanität. Was aber sei das Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Eine
Spekulation, und die Eitelkeit sei noch der anständigste der Triebe,
auf die spekuliert werde.... Die Lieferanten dort unten hörten zu in
einer Stille voll peinlicher Gefühle, denen hier und da ein dumpfes
Murren entstieg. Diederich bebte. „Es gibt Leute,“ behauptete
Heuteufel, „denen es auf hundert Millionen mehr für das [411]Militär
nicht ankommt, denn sie wissen schon, womit sie es für ihre Person
wieder hereinbringen.“ Da schnellte Diederich auf: „Ich bitte ums
Wort!“ und mit Bravo! Hoho! Abtreten! explodierten die Gefühle der
Lieferanten. Sie grölten, bis Heuteufel fort war und Diederich
dastand.
Diederich wartete
lange, bevor das Meer der nationalen Empörung sich beruhigte. Dann
begann er. „Meine Herren!“ „Bravo!“ schrien die Lieferanten, und
Diederich mußte weiter warten in der Atmosphäre gleichgestimmter
Gemüter, worin das Atmen ihm leicht war. Als sie ihn reden ließen,
gab er der allgemeinen Empörung Worte, daß der Vorredner es habe
wagen können, die Versammlung in ihrer nationalen Gesinnung zu
verdächtigen. „Unerhört!“ riefen die Lieferanten. „Das beweist uns
nur,“ rief Diederich, „wie zeitgemäß die Gründung der ‚Partei des
Kaisers‘ war! Der Kaiser selbst hat befohlen, daß alle diejenigen
sich zusammenschließen, die, ob edel oder unfrei, ihn von der Pest
des Umsturzes befreien wollen. Das wollen wir, und darum steht
unsere nationale und kaisertreue Gesinnung hoch über den
Verdächtigungen derer, die selbst bloß eine Vorfrucht des Umsturzes
sind!“ Noch bevor der Beifall losbrechen konnte, sagte Heuteufel
sehr deutlich: „Abwarten! Stichwahl!“ Und obwohl die Lieferanten
sogleich alles weitere im Getöse ihrer Hände erstickten, fand
Diederich doch schon in diesen zwei Worten so gefährliche
Andeutungen versteckt, daß er schnell ablenkte. Das Säuglingsheim
war ein weniger verfängliches Gebiet. Wie? Eine Sache des sozialen
Gewissens sollte es sein? Ein Ausfluß des Lasters war es! „Wir
Deutschen überlassen so was den Franzosen, die ein sterbendes Volk
sind!“ Diederich brauchte nur seinen Artikel aus der „Netziger
Zeitung“ herzusagen. [412]Der vom Pastor Zillich geleitete
Jünglingsverein sowie die christlichen Handlungsgehilfen klatschten
bei jedem Wort. „Der Germane ist keusch!“ rief Diederich, „darum
haben wir im Jahre siebzig gesiegt!“ Jetzt war die Reihe am
Kriegerverein, von Begeisterung zu dröhnen. Hinter dem Tisch des
Vorstandes sprang Kühnchen auf, schwenkte seine Zigarre und
kreischte: „Nu verklobben mer sie bald noch emal!“ Diederich hob
sich auf die Zehen. „Meine Herren!“ schrie er angestrengt in die
nationalen Wogen, „das Kaiser-Wilhelm-Denkmal soll eine Huldigung
für den erhabenen Großvater sein, den wir, ich darf es sagen, alle
fast wie einen Heiligen verehren, und zugleich ein Versprechen an
den erhabenen Enkel, unseren herrlichen jungen Kaiser, daß wir so
bleiben wollen wie wir sind, nämlich keusch, freiheitsliebend,
wahrhaftig, treu und tapfer!“
Hier waren wieder die
Lieferanten nicht mehr zu halten. Selbstvergessen schwelgten sie im
Idealen – und auch Diederich war sich keiner weltlichen
Hintergedanken mehr bewußt, nicht seines Paktes mit Wulckow, nicht
seiner Verschwörung mit Napoleon Fischer, noch seiner dunkeln
Absichten für die Stichwahl. Reine Begeisterung entführte seine
Seele auf einen Flug, von dem ihr schwindelte. Erst nach einer Weile
konnte er wieder schreien. „Abzuweisen und mit aller Schärfe hinter
die ihnen gebührenden Schranken zurückzudämmen sind daher die
Anwürfe derer, die weiter nichts wollen, als uns verweichlichen mit
ihrer falschen Humanität!“ – „Wo haben Sie Ihre echte sitzen?“
fragte die Stimme Heuteufels und stachelte dadurch die nationale
Gesinnung der Versammelten so hoch auf, daß Diederich nur noch
stellenweise zu hören war. Man verstand, er wollte keinen ewigen
Frieden, denn das war ein Traum und nicht einmal ein schöner.
Da[413]gegen wollte er eine spartanische Zucht der Rasse.
Blödsinnige und Sittlichkeitsverbrecher waren durch einen
chirurgischen Eingriff an der Fortpflanzung zu verhindern. Bei
diesem Punkt verließ Heuteufel mit den Seinen das Lokal. Von der Tür
rief er noch her: „Den Umsturz kastrieren Sie auch!“ Diederich
antwortete: „Machen wir, wenn Sie noch lange nörgeln!“ „Machen wir!“
tönte es zurück von allen Seiten. Alle waren plötzlich auf den
Füßen, prosteten, jauchzten und vermischten ihre Hochgefühle.
Diederich, umbraust von Huldigungen, wankend unter dem Ansturm
treudeutscher Hände, die die seinen schütteln wollten, und
nationaler Biergläser, die mit ihm anstießen, sah von seiner Bühne
in den Saal hinaus, der seinem durch Rausch getrübten Blick weiter
und höher schien. Aus den höchsten Tabakswolken glühten ihn mystisch
die Gebote seines Herrn an: „Der Wille des Königs!“ „Mein Feind!“
„Mein Kurs!“ Er wollte sie in das brausende Volk hineinschreien –
aber er griff sich an die Kehle, kein Ton kam mehr: Diederich war
stockheiser. Da sah er sich voll Sorge nach Heuteufel um, der leider
fort war. „Ich hätte ihn nicht so reizen sollen. Jetzt gnade mir
Gott, wenn er mich pinselt.“
Die schlimmste Rache
Heuteufels war, daß er Diederich das Ausgehen verbot. Draußen tobte
der Kampf täglich wilder, und alle standen in der Zeitung, weil alle
redeten: Pastor Zillich sogar und selbst der Redakteur Nothgroschen,
zu schweigen von Kühnchen, der überall zugleich redete. Nur
Diederich in seinem neu altdeutsch möblierten Salon gurgelte stumm.
Von der Estrade beim Fenster sahen drei Bronzefiguren in zweidrittel
Lebensgröße ihm zu: der Kaiser, die Kaiserin und der Trompeter von
Säckingen. [414]Sie waren ein Gelegenheitskauf bei Cohn gewesen;
obwohl Cohn das Heßlingsche Papier abbestellt hatte und noch immer
nicht national empfand, hatte Diederich sie in seiner Einrichtung
nicht missen wollen. Guste warf sie ihm vor, wenn er ihren Hut zu
teuer fand.
Guste begann in
letzter Zeit launisch zu werden, auch kamen ihr Übelkeiten, während
deren sie sich im Schlafzimmer von der alten Frau Heßling pflegen
ließ. Sobald es ihr besser ging, erinnerte sie die Alte daran, daß
hier eigentlich alles mit ihrem Geld bezahlt war. Frau Heßling
verfehlte nicht, die Heirat mit ihrem Diedel als eine wahre Gnade
hinzustellen für Guste, in ihrer damaligen Lage. Zum Schluß war
Guste rot aufgebläht und schnaufte, Frau Heßling aber vergoß Tränen.
Diederich hatte den Nutzen davon, denn beide waren nachher mit ihm
die Liebe selbst, in der Absicht, ihn, der nichts ahnte, auf ihre
Seite zu bringen.
Was Emmi betraf, so
schlug sie, ihrer Gewohnheit folgend, einfach die Tür zu und ging
hinauf in ihr Zimmer, das eine schräge Decke hatte. Guste sann
darauf, sie auch daraus noch zu vertreiben. Wo sollte man bei Regen
die Wäsche trocknen. Wenn Emmi, weil sie nichts hatte, keinen Mann
fand, mußte man sie eben unter ihrem Stande verheiraten, mit einem
braven Handwerker! Aber freilich, Emmi spielte sich auf die Feinste
in der Familie hinaus, sie verkehrte mit Brietzens.... Denn dies
erbitterte Guste am meisten, Emmi ward zu den Fräulein von Brietzen
eingeladen – obwohl diese das Haus nie betreten hatten. Ihr Bruder,
der Leutnant, würde Guste, von den Soupers bei ihrer Mutter her,
wenigstens einen Besuch geschuldet haben, aber nur der zweite Stock
des Heßlingschen Hauses ward von ihm für würdig be[415]funden, es
war nachgerade auffallend.... Ihre gesellschaftlichen Erfolge
behüteten Emmi freilich nicht vor Tagen großer Niedergeschlagenheit;
dann verließ sie ihr Zimmer nicht einmal zu den Mahlzeiten, die
gemeinsam waren. Einmal ging Guste, aus Mitgefühl und Langeweile,
hinauf zu ihr, Emmi schloß aber, wie sie sie sah, die Augen, sie lag
in ihrer hinfließenden Matinee bleich und starr da. Guste, die keine
Antwort bekam, versuchte es ihrerseits mit Vertraulichkeiten über
Diederich und über ihren Zustand. Da zog Emmis starres Gesicht sich
jäh zusammen, sie wälzte sich auf einen ihrer Arme, und mit dem
anderen winkte sie heftig nach der Tür. Guste blieb den Ausdruck
ihrer Empörung nicht schuldig; Emmi, jäh aufgesprungen, gab ihrem
Wunsch, alleinzubleiben, die deutlichsten Worte; und als die alte
Frau Heßling hinzukam, war es schon beschlossene Sache, daß die
beiden Teile der Familie künftig getrennt essen würden. Diederich,
dem Guste vorweinte, war peinlich berührt von den Weibergeschichten.
Zum Glück kam ihm ein Gedanke, der geeignet schien, zunächst mal
Ruhe zu schaffen. Da er wieder über ein wenig Stimme verfügte, ging
er gleich zu Emmi und verkündete ihr seinen Entschluß, sie für
einige Zeit nach Eschweiler zu schicken, zu Magda.
Erstaunlicherweise lehnte sie ab. Da er nicht nachließ, wollte sie
aufbegehren, ward aber plötzlich wie von Angst befallen und begann
leise und inständig zu bitten, daß sie dableiben dürfe. Diederich,
dem, er wußte nicht was, ans Herz griff, ließ ratlos die Augen
umhergehen, und dann zog er sich zurück.
Am Tage darauf
erschien Emmi, als sei nichts geschehen, beim Mittagessen, frisch
gerötet und in bester Laune. Guste, die um so zurückhaltender blieb,
warf Diederich Blicke zu. Er glaubte zu verstehen; er erhob sein
Glas [416]gegen Emmi und sagte schalkhaft: „Prost, Frau von
Brietzen“. Da erblaßte Emmi. „Mach’ dich nicht lächerlich!“ rief sie
zornig, warf die Serviette hin und schlug die Tür zu. „Nanu“,
knurrte Diederich; aber Guste hob nur die Schultern. Erst als die
alte Frau Heßling fort war, sah sie Diederich merkwürdig in die
Augen und fragte: „Glaubst du wirklich?“ Er erschrak, machte aber
ein fragendes Gesicht. „Ich meine,“ erklärte Guste, „dann könnte
mich der Herr Leutnant wenigstens auf der Straße grüßen. Aber heute
hat er einen Bogen gemacht.“ Diederich bezeichnete dies als Unsinn.
Guste erwiderte: „Wenn ich es mir bloß einbilde, dann bilde ich mir
noch mehr ein, weil ich nämlich in der Nacht schon öfter was durchs
Haus schleichen gehört habe, und heute sagte auch Minna –.“ Weiter
kam Guste nicht. „Aha!“ Diederich schnob. „Mit den Dienstboten
steckst du zusammen! Das tat Mutter auch immer. Aber ich kann dir
nur sagen, daß ich das nicht dulde. Über der Ehre meines Hauses
wache ich allein, dazu brauche ich weder Minna noch dich, und wenn
ihr anderer Meinung seid, dann seht lieber gleich beide zu, daß ihr
die Tür wiederfindet, wo ihr hereingekommen seid!“ Vor dieser
mannhaften Haltung konnte Guste sich freilich nur ducken, aber sie
lächelte ihm von unten nach, wie er davonging.
Diederich seinerseits
war froh, durch sein festes Auftreten die Sache aus der Welt
geschafft zu haben. Denn noch verwickelter, als es in diesen Zeiten
schon war, durfte das Leben nicht werden. Seine Heiserkeit, die ihn
leider nun drei Tage lang dem Kampfe fernhielt, war von den Feinden
nicht unbenutzt gelassen. Ja, Napoleon Fischer hatte ihn noch heute
morgen davon unterrichtet, daß die „Partei des Kaisers“ ihm zu stark
werde und daß sie neuerdings [417]zu viel gegen die Sozialdemokratie
hetze. Unter diesen Umständen –. Um ihn zu beruhigen, hatte
Diederich ihm versprechen müssen, gleich heute werde er die
übernommenen Verpflichtungen erfüllen und von den Stadtverordneten
das sozialdemokratische Gewerkschaftshaus verlangen.... So begab er
sich, durchaus noch nicht hergestellt, in die Versammlung – und hier
mußte er erleben, daß der Antrag betreffend das Gewerkschaftshaus
soeben eingebracht worden war, und zwar von den Herren Cohn und
Genossen. Die Liberalen stimmten dafür, er ging durch, so glatt, als
sei er der erste beste. Diederich, der den nationalen Verrat der
Cohn und Genossen laut geißeln wollte, konnte nur bellen: der
tückische Streich hatte ihn abermals der Stimme beraubt. Kaum
heimgekehrt, ließ er sich Napoleon Fischer kommen.
„Sie sind entlassen!“
bellte Diederich. Der Maschinenmeister grinste verdächtig. „Schön“,
sagte er und wollte abziehen.
„Halt!“ bellte
Diederich. „Wenn Sie meinen, Sie kommen so leicht los. Gehen Sie mit
dem Freisinn zusammen, dann verlassen Sie sich darauf, daß ich
unseren Vertrag bekanntmache! Sie sollen was erleben!“
„Politik ist
Politik“, bemerkte Napoleon Fischer achselzuckend. Und da Diederich
vor so viel Zynismus nicht einmal mehr bellen konnte, trat Napoleon
Fischer vertraulich näher, fast hätte er Diederich auf die Schulter
geklopft. „Herr Doktor,“ sagte er wohlwollend, „tun Sie doch nur
nicht so. Wir beide: – na ja, ich sage bloß, wir beide ...“ Und sein
Grinsen war so voll Mahnungen, daß Diederich erschauerte. Schnell
bot er Napoleon Fischer eine Zigarre an. Fischer rauchte und sagte:
„Wenn einer von uns
beiden erst anfängt zu reden, wo [418]hört dann der andere auf! Hab’
ich recht, Herr Doktor? Aber wir sind doch keine alten Seichtbeutel,
die immer gleich mit allem herausmüssen, wie zum Beispiel der Herr
Buck.“
„Wieso?“ fragte
Diederich tonlos und fiel von einer Angst in die andere. Der
Maschinenmeister tat erstaunt. „Das wissen Sie nicht? Der Herr Buck
erzählt doch überall, daß Sie den nationalen Rummel nicht so schlimm
meinen. Sie möchten bloß Gausenfeld billig haben, und denken, Sie
kriegen es billiger, wenn Klüsing Angst wegen gewisser Aufträge hat,
weil er nicht national ist.“
„Das sagt er?“ fragte
Diederich, zu Stein geworden.
„Das sagt er“,
wiederholte Fischer. „Und er sagt auch, er tut Ihnen den Gefallen
und spricht für Sie mit Klüsing. Dann werden Sie sich wohl wieder
beruhigen, sagt er.“
Da wich der Bann von
Diederich. „Fischer!“ versetzte er mit kurzem Gebell. „Merken Sie
sich, was jetzt kommt. Den alten Buck werden Sie noch im Rinnstein
stehen und betteln sehen. Jawohl! Dafür werd’ ich sorgen, Fischer.
Adieu.“
Napoleon Fischer war
hinaus, aber Diederich bellte noch lange, im Zimmer umherstampfend,
vor sich hin. Der Schuft, der falsche Biedermann! Hinter allen
Widerständen stak der alte Buck, Diederich hatte es immer geahnt.
Der Antrag Cohn und Genossen war sein Werk gewesen – und jetzt die
infame Verleumdung mit Gausenfeld. Diederichs ganzes Innere bäumte
sich auf, in der Unbestechlichkeit seiner kaisertreuen Gesinnung.
„Und woher weiß er es?“ dachte er mit zornigem Entsetzen. „Hat
Wulckow mich verkauft? Sie glauben wohl alle schon, ich treibe
doppeltes Spiel?“ Denn Kunze und die anderen waren ihm heute
merklich abgekühlt erschienen; sie hielten es scheinbar nicht mehr
für nötig, ihn einzuweihen in das, was vorging? Diederich gehörte
nicht dem [419]Komitee an, er hatte der Sache das Opfer seines
persönlichen Ehrgeizes gebracht. War er darum vielleicht nicht der
eigentliche Gründer der Partei des Kaisers?... Verrat überall,
Intrigen, feindseliger Verdacht – und nirgends schlichte deutsche
Treue.
Da er nur bellen
konnte, mußte er in der nächsten Wahlversammlung hilflos zusehen,
wie Zillich – es war klar, aus welchem persönlichen Interesse –
Jadassohn reden ließ, und wie Jadassohn stürmischen Beifall erntete,
als er gegen die Elenden und die vaterlandslosen Gesellen loszog,
die Napoleon Fischer wählen würden. Diederich bemitleidete dieses
wenig staatsmännische Vorgehen, er wußte sich Jadassohn hoch
überlegen. Andererseits war es nicht zu verkennen, daß Jadassohn, je
weiter er sich durch seinen Erfolg hinreißen ließ, desto lautere
Zustimmung bei gewissen Zuhörern fand, die keineswegs national
anmuteten, sondern sichtlich zu Cohn und Heuteufel gehörten. Sie
waren in verdächtiger Menge erschienen – und Diederich, überreizt
durch die Fallen ringsum, sah am Ursprung auch dieses Manövers
wieder den Erzfeind stehen, ihn, der überall das Böse lenkte, den
alten Buck.
Der alte Buck hatte
blaue Augen, ein menschenfreundliches Lächeln, und er war der
falscheste Hund von allen, die die Gutgesinnten umdrohten. Der
Gedanke an den alten Buck hielt Diederich noch im Traum besessen. Am
folgenden Abend unter der Familienlampe gab er den Seinen keine
Antworten; er führte eingebildete Streiche gegen den alten Buck.
Besonders erbitterte es ihn, daß er den Alten für einen schon
zahnlosen Schwätzer gehalten hatte, und jetzt zeigte er die Zähne.
Nach all seinen humanitären Redensarten wirkte es auf Diederich wie
eine Herausforderung, daß er sich nun doch nicht einfach fressen
[420]ließ. Die heuchlerische Milde, mit der er getan hatte, als
verzeihe er Diederich den Ruin seines Schwiegersohnes! Wozu hatte er
ihn protegiert und in die Stadtverordnetenversammlung gebracht? Nur
damit Diederich sich Blößen gebe und leichter zu fassen sei. Die
Frage des Alten damals, ob Diederich der Stadt sein Grundstück
verkaufen wolle, stellte sich jetzt als die gefährlichste Falle
heraus. Diederich fühlte sich durchschaut von jeher; ihm war jetzt,
als sei bei seiner geheimen Unterredung mit dem Präsidenten von
Wulckow der alte Buck, unsichtbar im Tabaksqualm, dabei gewesen; und
als Diederich, in einer dunklen Winternacht an Gausenfeld
hinangeschlichen, sich in den Graben geduckt und die Augen, die
vielleicht funkelten, geschlossen hatte, da war droben der alte Buck
vorbeigegangen und hatte zu ihm hinabgespäht ... Im Geiste sah
Diederich den Alten sich über ihn beugen und die weiße, weiche Hand
hinhalten, um ihm aus dem Graben zu helfen. Die Güte in seinen Zügen
war krasser Hohn, sie war das Unerträglichste. Er dachte Diederich
kirre zu machen und mit seinen Schlichen leise zurückzuleiten wie
einen verlorenen Sohn. Aber man sollte sehen, wer schließlich die
Treber fraß!
„Was hast du, mein
lieber Sohn?“ fragte Frau Heßling, denn Diederich hatte vor Haß und
Angst schwer aufgestöhnt. Er erschrak; in diesem Augenblick betrat
Emmi das Zimmer, sie hatte es, so meinte Diederich, schon mehrmals
betreten – ging zum Fenster, streckte den Kopf hinaus, seufzte, als
sei sie allein, und begab sich auf den Rückweg. Guste sah ihr nach;
wie Emmi an Diederich vorbeikam, umfaßte Gustes spöttischer Blick
sie beide, und Diederich erschrak noch tiefer: denn dies war das
Lächeln des Umsturzes, das er an Napoleon Fischer kannte. So
lächelte Guste. Vor Schrecken runzelte er die Stirn und rief
[421]barsch: „Was gibt es!“ Schleunigst verkroch sich Guste in ihre
Flickerei, Emmi aber blieb stehen und sah ihn mit den entgeisterten
Augen an, die sie jetzt manchmal hatte. „Was ist mit dir?“ fragte
er, und da sie stumm blieb: „Wen suchst du auf der Straße?“ Sie hob
nur die Schultern, in ihrer Miene geschah gar nichts. „Nun?“
wiederholte er leiser; denn ihr Blick, ihre Haltung, die merkwürdig
unbeteiligt und dadurch überlegen schienen, erschwerten es ihm, laut
zu sein. Sie ließ sich endlich herbei zu sprechen.
„Es hätte sein
können, daß die beiden Fräulein von Brietzen noch gekommen wären.“
„Am späten Abend?“
fragte Diederich. Da sagte Guste: „Weil wir an die Ehre doch gewöhnt
sind. Und überhaupt, sie sind schon gestern mit ihrer Mama
abgereist. Wenn sie einem nicht adieu sagen, weil sie einen gar
nicht kennen, braucht man bloß an der Villa vorbeizugehen.“
„Wie?“ machte Emmi.
„Na gewiß doch!“ Und
das Gesicht überglänzt, triumphierend ließ Guste das Ganze los. „Der
Leutnant reist auch bald hinterher. Er ist doch versetzt.“ Eine
Pause, ein Blick. „Er hat sich versetzen lassen.“
„Du lügst“, sagte
Emmi. Sie hatte gewankt, man sah, wie sie sich steif machte. Den
Kopf sehr hoch, wandte sie sich ab und ließ hinter sich den Vorhang
fallen. Im Zimmer war Stille. Die alte Frau Heßling auf ihrem Sofa
faltete die Hände, Guste sah herausfordernd Diederich nach, der
schnaufend umherlief. Als er wieder bei der Tür war, gab er sich
einen Ruck. Durch den Spalt erblickte er Emmi, die im Eßzimmer auf
einem Stuhl saß oder hing, zusammengekrümmt, als habe man sie
gebunden und dort hingeworfen. Sie zuckte, dann kehrte sie das
Gesicht der Lampe zu; vorhin war es ganz weiß ge[422]wesen und war
jetzt stark gerötet, der Blick sah nichts – und plötzlich sprang sie
auf, fuhr los wie gebrannt, und mit zornigen, unsicheren Schritten
stürmte sie fort, sich anschlagend, ohne Schmerz zu fühlen, fort,
wie in Nebel hinein, wie in Qualm ... Diederich drehte sich in
steigender Angst nach Frau und Mutter um. Da Guste zur
Respektlosigkeit geneigt schien, raffte er den gewohnten Komment
zusammen und stampfte stramm hinter Emmi her.
Noch hatte er nicht
die Treppe erreicht, und droben ward schon heftig die Tür versperrt,
mit Schlüssel und Riegel. Da begann Diederichs Herz so stark zu
klopfen, daß er anhalten mußte. Als er hinaufgelangt war, blieb ihm
nur noch eine schwache, atemlose Stimme, um Einlaß zu verlangen.
Keine Antwort, aber er hörte etwas klirren auf dem Waschtisch, – und
plötzlich schwenkte er die Arme, schrie, schlug gegen die Tür und
schrie unförmlich. Vor seinem eigenen Lärm hörte er nicht, wie sie
öffnete, und schrie noch, als sie schon vor ihm stand. „Was willst
du?“ fragte sie zornig, worauf Diederich sich sammelte. Von der
Treppe spähten mit fragendem Entsetzen Frau Heßling und Guste
hinauf. „Unten bleiben!“ befahl er, und er drängte Emmi in das
Zimmer zurück. Er schloß die Tür. „Das brauchen die anderen nicht zu
riechen“, sagte er knapp, und er nahm aus der Waschschüssel einen
kleinen Schwamm, der von Chloroform troff. Er hielt ihn mit
gestrecktem Arm von sich fort und heischte: „Woher hast du das?“ Sie
warf den Kopf zurück und sah ihn an, sagte aber nichts. Je länger
dies dauerte, um so weniger wichtig fühlte Diederich die Frage
werden, die doch von Rechts wegen die erste war. Schließlich ging er
einfach zum Fenster und warf den Schwamm in den dunklen Hof. Es
platschte, er war in den Bach gefallen. Diederich seufzte
erleichtert.
[423] Jetzt hatte
Emmi eine Frage. „Was führst du hier eigentlich auf? Laß mich
gefälligst machen, was ich will!“
Dies kam ihm
unerwartet. „Ja, was – was willst du denn?“
Sie sah weg, sie
sagte achselzuckend: „Dir kann es gleich sein.“
„Na, höre mal!“
Diederich empörte sich. „Wenn du vor deinem himmlischen Richter dich
nicht mehr genierst, was ich persönlich durchaus mißbillige: ein
bißchen Rücksicht könntest du wohl auch auf uns hier nehmen. Man ist
nicht allein auf der Welt.“
Ihre Gleichgültigkeit
verletzte ihn ernstlich. „Einen Skandal in meinem Hause verbitte ich
mir! Ich bin der erste, den es trifft.“
Plötzlich sah sie ihn
an. „Und ich?“
Er schnappte. „Meine
Ehre –!“ Aber er hörte gleich wieder auf; ihre Miene, die er nie so
ausdrucksvoll gekannt hatte, klagte und höhnte zugleich. In seiner
Verwirrung ging er zur Tür. Hier fiel ihm ein, was das Gegebene sei.
„Im übrigen werde ich
meinerseits als Bruder und Ehrenmann natürlich voll und ganz meine
Pflicht tun. Ich darf erwarten, daß du dir inzwischen die äußerste
Zurückhaltung auferlegst.“ Mit einem Blick nach der Waschschüssel,
aus der noch immer der Geruch kam.
„Dein Ehrenwort!“
„Laß mich in Ruhe“,
sagte Emmi. Da kehrte Diederich zurück.
„Du scheinst dir des
Ernstes der Lage denn doch nicht bewußt zu sein. Du hast, wenn das,
was ich fürchten muß, wahr ist –“
„Es ist wahr“, sagte
Emmi.
[424] „Dann hast du
nicht nur deine eigene Existenz, zum mindesten deine
gesellschaftliche, in Frage gestellt, sondern eine ganze Familie mit
Schande bedeckt. Und wenn ich nun im Namen von Pflicht und Ehre vor
dich hintrete –“
„Dann ist es auch
noch so“, sagte Emmi.
Er erschrak; er
setzte an, um seinen Abscheu zu bekunden vor so viel Zynismus, aber
in Emmis Gesicht stand zu deutlich, was alles sie durchschaut und
abgetan hinter sich ließ. Vor der Überlegenheit ihrer Verzweiflung
kam Diederich ein Schaudern an. In ihm zersprang es wie künstliche
Federn. Die Beine wurden ihm weich, er setzte sich und brachte
hervor: „So sag’ mir doch nur –. Ich will dir auch –.“ Er sah an
Emmis Erscheinung hin, das Wort Verzeihen blieb ihm stecken. „Ich
will dir helfen“, sagte er. Sie sagte müde: „Wie willst du das wohl
machen?“ und sie lehnte sich drüben an die Wand.
Er sah vor sich
nieder. „Du mußt mir freilich einige Aufklärungen geben: ich meine,
über gewisse Einzelheiten. Ich vermute, daß es schon seit deinen
Reitstunden dauert?...“
Sie ließ ihn weiter
vermuten, sie bestätigte nicht, noch widersprach sie – wie er aber
zu ihr aufsah, hatte sie weich geöffnete Lippen, und ihr Blick hing
an ihm mit Staunen. Er begriff, daß sie staunte, weil er vieles, das
sie allein getragen hatte, ihr abnahm, indem er es aussprach. Ein
unbekannter Stolz erfaßte sein Herz, er stand auf und sagte
vertraulich: „Verlaß dich auf mich. Gleich morgen früh gehe ich
hin.“
Sie bewegte leise und
angstvoll den Kopf.
„Du kennst das nicht.
Es ist aus.“
Da machte er seine
Stimme wohlgemut. „Ganz wehrlos sind wir auch nicht! Ich möchte doch
sehen!“
[425] Zum Abschied
gab er ihr die Hand. Sie rief ihn nochmals zurück.
„Du wirst ihn
fordern?“ Sie riß die Augen auf und hielt die Hand vor den Mund.
„Wieso?“ machte
Diederich, denn hieran hatte er nicht mehr gedacht.
„Schwöre mir, daß du
ihn nicht forderst!“
Er versprach es.
Zugleich errötete er, denn er hätte gern noch gewußt, für wen sie
fürchtete, für ihn oder für den anderen. Dem anderen würde er es
nicht gegönnt haben. Aber er unterdrückte die Frage, weil die
Antwort ihr peinlich sein konnte; und er verließ das Zimmer beinahe
auf den Fußspitzen.
Die beiden Frauen,
die noch immer drunten warteten, schickte er streng zu Bett. Er
selbst legte sich erst dann neben Guste, als sie schon schlief. Er
hatte zu bedenken, wie er morgen auftreten würde. Natürlich
imponieren! Zweifel am Ausgang der Sache überhaupt nicht zulassen!
Aber anstatt seiner eigenen, schneidigen Gestalt erschien vor
Diederichs Geist immer wieder ein gedrungener Mann mit blanken
bekümmerten Augen, der bat, aufbrauste und ganz zusammenbrach: Herr
Göppel, Agnes Göppels Vater. Jetzt verstand Diederich in banger
Seele, wie damals dem Vater zumute gewesen war. „Du kennst das
nicht“, meinte Emmi. Er kannte es – weil er es zugefügt hatte.
„Gott bewahre!“ sagte
er laut und wälzte sich herum. „Ich lasse mich auf die Sache nicht
ein. Emmi hat doch nur geblufft mit dem Chloroform. Die Weiber sind
raffiniert genug dafür. Ich werf’ sie hinaus, wie es sich gehört!“
Da stand vor ihm auf regnerischer Straße Agnes und starrte, das
Gesicht weiß von Gaslicht, zu seinem Fenster hinauf. Er deckte das
Bettuch über seine Augen. [426]„Ich kann sie nicht auf die Straße
jagen!“ Es ward Morgen, und er sah verwundert, was mit ihm geschehen
war.
„Ein Leutnant steht
früh auf“, dachte er und entwischte, bevor Guste wach wurde. Hinter
dem Sachsentor die Gärten zwitscherten und dufteten zum
Frühlingshimmel. Die Villen, noch verschlossen, sahen frisch
gewaschen aus und als seien lauter Neuvermählte hineingezogen. „Wer
weiß,“ dachte Diederich und atmete die gute Luft ein, „vielleicht
ist es gar nicht schwer. Es gibt anständige Menschen. Auch liegen
die Dinge doch wesentlich günstiger als –“ Er ließ den Gedanken
lieber fallen. Dort hinten hielt ein Wagen – vor welchem Haus denn?
Also doch. Das Gitter stand offen, auch die Tür. Der Bursche kam ihm
entgegen. „Lassen Sie nur,“ sagte Diederich, „ich sehe den Herrn
Leutnant schon.“ Denn im Zimmer geradeaus packte Herr von Brietzen
einen Koffer. „So früh?“ fragte er, ließ den Deckel des Koffers
fallen und klemmte sich den Finger ein. „Verdammt.“ Diederich dachte
entmutigt: „Er ist auch beim Packen.“
„Welchem Zufall
verdanke ich denn –“ begann Herr von Brietzen, aber Diederich
machte, ohne es zu wollen, eine Bewegung, des Sinnes, daß dies
unnütz sei. Trotzdem natürlich leugnete Herr von Brietzen. Er
leugnete sogar länger als damals Diederich, und Diederich erkannte
dies innerlich an, denn wenn es auf die Ehre eines Mädchens ankam,
hatte ein Leutnant immerhin noch um einige Grade genauer zu sein als
ein Neuteutone. Als man endlich über die Lage der Dinge im reinen
war, stellte Herr von Brietzen sich dem Bruder sofort zur Verfügung,
was von ihm gewiß nicht anders zu erwarten war. Aber Diederich,
trotz seinem tiefen Bangen, erwiderte mit heiterer Stirn, er hoffe,
eine Austragung mit den Waffen er[427]übrige sich, wenn nämlich Herr
von Brietzen –. Und Herr von Brietzen machte eben das Gesicht, das
Diederich vorhergesehen hatte, und brauchte eben die Ausreden, die
in Diederichs Geist schon erklungen waren. In die Enge getrieben,
sagte er den Satz, den Diederich vor allem fürchtete und der, er sah
es ein, nicht zu vermeiden war. Ein Mädchen, das ihre Ehre nicht
mehr hatte, machte man nicht zur Mutter seiner Kinder! Diederich
antwortete darauf, was Herr Göppel geantwortet hatte,
niedergeschlagen wie Herr Göppel. Den rechten Zorn fand er erst, als
er an seine große Drohung gelangte, die Drohung, von der er sich
schon seit gestern den Erfolg versprach.
„Angesichts Ihrer
unritterlichen Weigerung, Herr Leutnant, sehe ich mich leider
veranlaßt, Ihren Oberst von der Sache in Kenntnis zu setzen.“
Wirklich schien Herr
von Brietzen peinlich getroffen. Er fragte unsicher: „Was wollen Sie
damit erreichen? Daß ich eine Moralpredigt kriege? Na schön. Im
übrigen aber –“ Herr von Brietzen festigte sich wieder, „was
Ritterlichkeit ist, darüber denkt der Oberst denn doch wohl etwas
anders als ein Herr, der sich nicht schlägt.“
Da aber stieg
Diederich. Herr von Brietzen möge gefälligst seine Zunge hüten,
sonst könne es ihm passieren, daß er es mit der Neuteutonia zu tun
bekomme! Ihm, Diederich, sei der freudige Blutverlust für die Ehre
der Farben durch seine Schmisse bescheinigt! Er wolle dem Herrn
Leutnant wünschen, daß er einmal in den Fall komme, einen Grafen von
Tauern-Bärenheim zu fordern! „Ich hab’ ihn glatt gefordert!“ Und im
selben Atem behauptete er, daß er so einem frechen Junker noch lange
nicht das Recht einräume, einen bürgerlichen Mann und Familienvater
nur so abzuschießen. „Die Schwester [428]verführen und den Bruder
abschießen, das möchten Sie wohl!“ rief er, außer sich. Herr von
Brietzen, in einem ähnlichen Zustand wie Diederich, sprach davon,
dem Koofmich von seinem Burschen die Fresse einschlagen zu lassen;
und da der Bursche schon bereitstand, räumte Diederich das Feld,
aber nicht ohne einen letzten Schuß. „Wenn Sie meinen, für Ihre
Frechheiten bewilligen wir Ihnen auch noch die Militärvorlage! Sie
sollen sehen, was Umsturz ist!“
Draußen in der
einsamen Allee wütete er weiter, zeigte dem unsichtbaren Feinde die
Faust und stieß Drohungen aus. „Das kann euch schlecht bekommen!
Wenn wir mal Schluß machen!“ Plötzlich bemerkte er, daß die Gärten
noch immer zum Frühlingshimmel zwitscherten und dufteten, und es
ward ihm klar, selbst die Natur, mochte sie schmeicheln oder die
Zähne zeigen, war ohne Einfluß auf die Macht, die Macht über uns,
die ganz unerschütterlich ist. Mit dem Umsturz war leicht drohen;
aber das Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Wulckow und Gausenfeld? Wer treten
wollte, mußte sich treten lassen, das war das eherne Gesetz der
Macht. Diederich, nach seinem Anfall von Auflehnung, fühlte schon
wieder den heimlichen Schauer dessen, den sie tritt ... Ein Wagen
kam von dort hinten: Herr von Brietzen mit seinem Koffer. Diederich,
ehe er es bedachte, machte halb Front, bereit zu grüßen. Aber Herr
von Brietzen sah weg. Diederich freute sich, trotz allem, des
frischen und ritterlichen jungen Offiziers. „Den macht uns niemand
nach“, stellte er fest.
Freilich, nun er die
Meisestraße betrat, ward ihm beklommen. Von weitem sah er Emmi nach
ihm ausspähen. Ihm fiel auf einmal ein, was sie in der vergangenen
Stunde, die ihr Schicksal entschied, durchgemacht haben mußte. Arme
Emmi, nun war es entschieden. [429]Die Macht war wohl erhebend, aber
wenn es die eigene Schwester traf –. „Ich habe nicht gewußt, daß es
mir so nahegehen würde.“ Er nickte hinauf, so ermunternd wie
möglich. Sie war viel schmaler geworden, warum sah das niemand?
Unter ihrem blaß flimmernden Haar hatte sie große schlaflose Augen,
ihre Lippe zitterte, als er ihr zuwinkte; auch das fing er auf in
seiner scharfsichtigen Angst. Die Treppe hinauf schlich er fast. Im
ersten Stock kam sie aus dem Zimmer und ging vor ihm her in den
zweiten. Oben drehte sie sich um – und als sie sein Gesicht gesehen
hatte, ging sie hinein ohne eine Frage, ging bis zum Fenster und
blieb abgewendet stehen. Er raffte sich zusammen, er sagte laut:
„Oh! noch ist nichts verloren.“ Darauf erschrak er und schloß die
Augen. Da er aufstöhnte, wandte sie sich um, kam langsam herbei und
legte, um mitzuweinen, den Kopf an seine Schulter.
Nachher hatte er
einen Auftritt mit Guste, die hetzen wollte. Diederich sagte ihr auf
den Kopf zu, daß sie Emmis Unglück nur mißbrauche, um sich zu rächen
für die ihr nicht gerade günstigen Umstände, unter denen sie selbst
geheiratet worden war. „Emmi läuft wenigstens keinem nach.“ Guste
kreischte auf. „Bin ich dir vielleicht nachgelaufen?“ Er schnitt ab.
„Überhaupt ist sie meine Schwester!“ ... Und da sie nun unter seinem
Schutz lebte, fing er an, sie interessant zu finden und ihr eine
ungewöhnliche Achtung zu erweisen. Nach dem Essen küßte er ihr die
Hand, mochte Guste grinsen. Er verglich die beiden; wieviel gemeiner
war Guste! Magda selbst, die er bevorzugt hatte, weil sie Erfolg
gehabt hatte, kam in seiner Erinnerung nicht mehr auf gegen die
verlassene Emmi. Denn Emmi war durch ihr Unglück feiner und
gewissermaßen ungreifbarer geworden. Wenn ihre Hand so bleich
[430]und abwesend dalag und Emmi stumm in sich versenkt war wie in
einen unbekannten Abgrund, fühlte Diederich sich berührt von der
Ahnung einer tieferen Welt. Die Eigenschaft als Gefallene,
unheimlich und verächtlich bei jeder anderen, um Emmi, Diederichs
Schwester, legte sie eine Luft von seltsamem Schimmer und
fragwürdiger Anziehung. Glänzender zugleich und rührender war nun
Emmi.
Der Leutnant, der das
alles veranlaßt hatte, verlor erheblich gegen sie – und mit ihm die
Macht, in deren Namen er triumphiert hatte. Diederich erfuhr, daß
sie manchmal einen gemeinen und niedrigen Anblick bieten könne: die
Macht und alles, was in ihren Spuren ging, Erfolg, Ehre, Gesinnung.
Er sah Emmi an und mußte zweifeln an dem Wert dessen, was er
erreicht hatte oder noch erstrebte: Gustes und ihres Geldes, des
Denkmals, der hohen Gunst, Gausenfelds, der Auszeichnungen und
Ämter. Er sah Emmi an und dachte auch an Agnes. Agnes, die Weichheit
und Liebe in ihm gepflegt hatte, sie war in seinem Leben das Wahre
gewesen, er hätte es festhalten sollen! Wo war sie jetzt? Tot? Er
saß manchmal da, den Kopf in den Händen. Was hatte er nun? Was hatte
man vom Dienst der Macht? Wieder einmal versagte alles, alle
verrieten ihn, mißbrauchten seine reinsten Absichten, und der alte
Buck beherrschte die Lage. Agnes, die nichts vermochte als leiden,
es beschlich ihn, als ob sie gesiegt habe. Er schrieb nach Berlin
und erkundigte sich nach ihr. Sie war verheiratet und leidlich
gesund. Das erleichterte ihn, aber irgendwie enttäuschte es ihn
auch.
Aber während er, den
Kopf in den Händen, dasaß, kam der Wahltag herbei. Erfüllt von der
Eitelkeit der Dinge, hatte Diederich von allem, was vorging, nichts
mehr sehen [431]wollen, auch nicht, daß die Miene seines
Maschinenmeisters immer feindlicher ward. Am Sonntag der Wahl,
frühmorgens, als Diederich noch im Bett lag, trat Napoleon Fischer
bei ihm ein. Ohne sich im geringsten zu entschuldigen, begann er:
„Ein ernstes Wort in letzter Stunde, Herr Doktor!“ Diesmal war er
es, der Verrat witterte und sich auf den Pakt berief. „Ihre Politik,
Herr Doktor, hat ein doppeltes Gesicht. Uns haben Sie Versprechungen
gemacht, und loyal, wie wir sind, haben wir gegen Sie nicht
agitiert, sondern bloß gegen den Freisinn.“
„Wir auch“,
behauptete Diederich.
„Das glauben Sie
selbst nicht. Sie haben sich bei Heuteufel angebiedert. Er hat Ihnen
Ihr Denkmal schon bewilligt. Wenn Sie nicht gleich heute mit
fliegenden Fahnen zu ihm übergehen, dann tun Sie es sicher bei der
Stichwahl und treiben schnöden Volksverrat.“
Napoleon Fischer tat,
die Arme verschränkt, noch einen langen Schritt auf das Bett zu.
„Sie sollen bloß wissen, Herr Doktor, daß wir die Augen offen
halten.“
Diederich sah sich in
seinem Bett hilflos dem politischen Gegner ausgeliefert. Er suchte
ihn zu besänftigen. „Ich weiß, Fischer, Sie sind ein großer
Politiker. Sie sollten in den Reichstag kommen.“
„Stimmt.“ Napoleon
blinzte von unten. „Denn wenn ich nicht hineinkomme, dann geht in
Netzig in mehreren Betrieben ein Streik los. Einen von den Betrieben
kennen Sie ziemlich genau, Herr Doktor.“ Er machte kehrt. Von der
Tür her faßte er Diederich, der vor Schreck ganz in die Federn
gerutscht war, nochmals ins Auge. „Und darum hoch die internationale
Sozialdemokratie!“ rief er und ging ab.
Diederich rief aus
seinen Federn: „Seine Majestät, der Kaiser hurra!“ Dann aber blieb
nichts übrig, als [432]der Lage ins Gesicht zu sehen. Sie sah
drohend genug aus. Schwer von Ahnungen eilte er auf die Straße, in
den Kriegerverein, zu Klappsch, und überall mußte er erkennen, daß
in den Tagen seiner Mutlosigkeit die tückische Taktik des alten Buck
weitere Erfolge zu verzeichnen gehabt hatte. Die Partei des Kaisers
war verwässert durch Zulauf aus den Reihen des Freisinns und der
Abstand Kunzes von Heuteufel unbeträchtlich gegen die Kluft zwischen
ihm und Napoleon Fischer. Pastor Zillich, der mit seinem Schwager
Heuteufel einen verschämten Gruß austauschte, erklärte, daß die
Partei des Kaisers mit ihrem Erfolg zufrieden sein dürfe, denn
sicher habe sie dem Kandidaten des Freisinns, wenn er schließlich
siege, das nationale Gewissen gestärkt. Da Professor Kühnchen sich
ähnlich äußerte, war der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, daß
ihnen die von Diederich und Wulckow erpreßten Versprechungen noch
nicht genügten, und daß sie sich durch weitere persönliche Vorteile
vom alten Buck hatten gewinnen lassen. Der Korruption des
demokratischen Klüngels war alles zuzutrauen! Was Kunze betraf, so
wollte er auf jeden Fall selbst gewählt werden, notfalls mit Hilfe
der Freisinnigen. Ihn hatte sein Ehrgeiz korrumpiert, er hatte ihn
schon dahin gebracht, zu versprechen, daß er für das Säuglingsheim
eintreten werde! Diederich entrüstete sich; Heuteufel sei hundertmal
schlimmer als irgendein Prolet; und er spielte auf die düsteren
Folgen an, die eine so unpatriotische Haltung haben müsse. Leider
durfte er nicht deutlicher werden – und vor sich das Bild des
Streiks, im Herzen schon die Trümmer des Kaiser-Wilhelm-Denkmals,
Gausenfelds, aller seiner Träume, lief er im Regen umher zwischen
den Wahllokalen und schleppte gutgesinnte Wähler herbei, [433]im
vollen Bewußtsein, daß ihre Kaisertreue den Weg verfehlte und den
schlimmsten Feinden des Kaisers helfe. Abends bei Klappsch,
kotbespritzt bis an den Hals und fiebrig entrückt durch den Lärm des
langen Tages, durch das viele Bier und das Nahen der Entscheidung,
vernahm er das Ergebnis: gegen achttausend Stimmen für Heuteufel,
sechstausend und einige für Napoleon Fischer, Kunze aber hatte
dreitausendsechshundertzweiundsiebzig. Stichwahl zwischen Heuteufel
und Fischer. „Hurra!“ schrie Diederich, denn nichts war verloren und
Zeit war gewonnen.
Mit starkem Schritt
ging er von dannen, den Schwur im Herzen, daß er fortan das Äußerste
tun werde, um die nationale Sache noch zu retten. Es eilte, denn
Pastor Zillich hätte am liebsten sofort alle Mauern mit Zetteln
bedeckt, die den Anhängern der Partei des Kaisers empfahlen, in der
Stichwahl für Heuteufel zu stimmen. Kunze freilich gab sich der
eitlen Hoffnung hin, Heuteufel werde ihm zu Gefallen zurücktreten.
Welche Verblendung! Gleich am Morgen las man die weißen Zettel, auf
denen der Freisinn heuchlerisch erklärte, national sei auch er, die
nationale Gesinnung sei nicht das Privileg einer Minderheit, und
darum –. Der Trick des alten Buck enthüllte sich vollends; wenn
nicht die ganze Partei des Kaisers in den Schoß des Freisinns
zurückkehren sollte, hieß es handeln. Mächtig von Energie gespannt,
traf Diederich von seinen Erkundigungen heimkehrend, im Hausflur auf
Emmi, die einen Schleier vor dem Gesicht hatte und sich bewegte, als
sei alles gleich. „Danke,“ dachte er, „es ist durchaus nicht gleich.
Wohin kämen wir.“ Und er grüßte Emmi verstohlen und mit einer Art
von Scheu.
Er zog sich in sein
Bureau zurück, aus dem der alte Sötbier verschwunden war und wo nun
Diederich, sein eigener [434]Prokurist und nur seinem Gott
verantwortlich, seine folgenschweren Entschlüsse faßte. Er trat zum
Telephon, er verlangte Gausenfeld. Da ging die Tür auf, der
Briefträger legte seinen Packen hin, und Diederich sah obenauf:
Gausenfeld. Er hängte wieder ein, er betrachtete, nickend wie das
Schicksal, den Brief. Schon gemacht. Der Alte hatte ohne Worte
begriffen, daß er seinen Freunden Buck und Konsorten kein Geld mehr
geben dürfe, und daß man nötigenfalls imstande sei, ihn persönlich
verantwortlich zu machen. Gelassen zerriß Diederich den Umschlag –
aber nach zwei Zeilen las er fliegend. Was für eine Überraschung!
Klüsing wollte verkaufen! Er war alt, er sah seinen natürlichen
Nachfolger in Diederich!
Was hieß dies?
Diederich setzte sich in die Ecke und dachte tief. Es hieß vor
allem, daß Wulckow schon eingegriffen hatte. Der Alte war in blasser
Angst wegen der Regierungsaufträge, und der Streik, mit dem Napoleon
Fischer drohte, gab ihm den Rest. Wo war die Zeit, als er sich aus
der Klemme zu ziehen glaubte, wenn er Diederich einen Teil des
Papiers für die „Netziger Zeitung“ anbot. Jetzt bot er ihm ganz
Gausenfeld an! „Man ist eine Macht“, stellte Diederich fest – und es
ging ihm auf, daß Klüsings Zumutung, die Fabrik zu kaufen und
richtig nach ihrem Wert zu bezahlen, wie die Dinge lagen, einfach
lächerlich sei. Worauf er wirklich laut lachte ... Da nahm er wahr,
daß am Schlusse des Briefes, nach der Unterschrift, noch etwas
stand, ein Zusatz, kleiner geschrieben als das übrige und so
unscheinbar, daß Diederich ihn vorhin übersehen hatte. Er
entzifferte – und der Mund ging ihm von selbst auf. Plötzlich tat er
einen Sprung. „Na also!“ rief er frohlockend durch sein einsames
Bureau. „Da haben wir sie!“ Hierauf bemerkte [435]er tiefernst: „Es
ist schauerlich. Ein Abgrund.“ Er las noch einmal, Wort für Wort,
den verhängnisvollen Zusatz, legte den Brief in den Geldschrank und
schloß mit hartem Griff. Dort innen schlummerte nun das Gift für
Buck und die Seinen – geliefert von ihrem Freund. Nicht nur, daß
Klüsing sie nicht mehr mit Geld versah, er verriet sie auch. Aber
sie hatten es verdient, das konnte man sagen; eine solche Verderbnis
hatte wahrscheinlich selbst Klüsing angeekelt. Wer da noch Schonung
übte, machte sich mitschuldig. Diederich prüfte sich. „Schonung wäre
geradezu ein Verbrechen. Sehe jeder, wo er bleibe! Hier heißt es
rücksichtslos vorgehen. Dem Geschwür die Maske herunterreißen und es
mit eisernem Besen auskehren! Ich übernehme es im Interesse des
öffentlichen Wohles, meine Pflicht als nationaler Mann schreibt es
mir vor. Es ist nun mal eine harte Zeit!“
Den Abend darauf war
eine große öffentliche Volksversammlung, einberufen vom freisinnigen
Wahlkomitee in den Riesensaal der „Walhalla“. Mit der regen Hilfe
Gottlieb Hornungs hatte Diederich Vorsorge getroffen, daß die Wähler
Heuteufels keineswegs unter sich blieben. Er selbst fand es unnütz,
die Programmrede des Kandidaten mit anzuhören; er ging hin, als
schon die Diskussion begonnen haben mußte. Gleich im Vorraum stieß
er auf Kunze, der in übler Verfassung war. „Ausrangierter
Schlagetot!“ rief er. „Sehen Sie mich an, Herr, und sagen Sie mir,
ob so ein Mann aussieht, der sich das sagen läßt!“ Da er vor
Aufregung sich nicht weiter erklären konnte, löste Kühnchen ihn ab.
„Zu mir hätte Heuteufel das sagen sollen!“ schrie er. „Da hätte er
nun aber Kühnchen kennengelernt!“ Diederich empfahl dem Major
dringend, seinen Gegner zu verklagen. Aber Kunze [436]brauchte
keinen Ansporn mehr, er vermaß sich, Heuteufel ganz einfach in die
Pfanne zu hauen. Auch dies war Diederich recht, und er stimmte
lebhaft zu, als Kunze erkennen ließ, daß er unter diesen Umständen
lieber mit dem ärgsten Umsturz gehe als mit dem Freisinn. Hiergegen
äußerten Kühnchen und auch Pastor Zillich, der hinzukam, ihre
Bedenken. Die Reichsfeinde – und die Partei des Kaisers! „Bestochene
Feiglinge!“ sagte Diederichs Blick – indes der Major fortfuhr, Rache
zu schnauben. Blutige Tränen sollte die Bande weinen! „Und zwar noch
heute abend“, verhieß darauf Diederich mit einer so eisernen
Bestimmtheit, daß alle stutzten. Er machte eine Pause und blitzte
jeden einzeln an. „Was würden Sie sagen, Herr Pastor, wenn ich Ihren
Freunden vom Freisinn gewisse Machenschaften nachwiese ...“ Pastor
Zillich war erbleicht, Diederich ging zu Kühnchen über.
„Betrügerische Manipulationen mit öffentlichen Geldern ...“ Kühnchen
hüpfte. „Nu leg’ sich eener lang hin!“ rief er schreckensvoll. Kunze
aber brüllte auf. „An mein Herz!“ und er riß Diederich in seine
Arme. „Ich bin ein schlichter Soldat“, versicherte er. „Die Schale
mag rauh sein, aber der Kern ist echt. Beweisen Sie den Kanaillen
ihre Schurkerei, und Major Kunze ist Ihr Freund, als ob Sie mit ihm
im Feuer gestanden hätten bei Marslatuhr!“
Der Major hatte
Tränen in den Augen, Diederich auch. Und so hochgespannt wie ihre
beiden Seelen war die Stimmung im Saal. Der Eintretende sah überall
Arme in die Luft fahren, die aus blauem Dunst bestand, und hier und
dort schrie eine Brust: „Pfui!“ „Sehr richtig!“ oder „Gemeinheit!“
Der Wahlkampf war auf der Höhe, Diederich stürzte sich hinein, mit
unerhörter Erbitterung, denn vor dem Bureau, das der alte Buck in
Person leitete, [437]wer stand am Rand der Bühne und redete?
Sötbier, Diederichs entlassener Prokurist! Aus Rache hielt Sötbier
eine Hetzrede, worin er über die Arbeiterfreundlichkeit gewisser
Herren auf das abfälligste urteilte. Sie sei nichts als ein
demagogischer Kniff, womit man, um gewisser persönlicher Vorteile
willen, das Bürgertum spalten und dem Umsturz Wähler zutreiben
wolle. Früher habe der Betreffende im Gegenteil gesagt: Wer Knecht
ist, soll Knecht bleiben. „Pfui!“ riefen die Organisierten.
Diederich stieß um sich, bis er unter der Bühne stand. „Gemeine
Verleumdung!“ schrie er Sötbier ins Gesicht. „Schämen Sie sich, seit
Ihrer Entlassung sind Sie unter die Nörgler gegangen!“ Der von Kunze
kommandierte Kriegerverein brüllte wie ein Mann: „Gemeinheit!“ und
„Hört, hört!“ – indes die Organisierten pfiffen und Sötbier eine
zitterige Faust machte gegen Diederich, der ihm drohte, er werde ihn
einsperren lassen. Da erhob der alte Buck sich und klingelte.
Als man wieder hören
konnte, sagte er mit weicher Stimme, die anschwoll und erwärmte:
„Mitbürger! Wollt doch dem persönlichen Ehrgeiz einzelner nicht
Nahrung gewähren, indem ihr ihn ernst nehmt! Was sind hier Personen?
Was selbst Klassen? Es geht um das Volk, dazu gehören alle, nur die
Herren nicht. Wir müssen zusammenhalten, wir Bürger dürfen nicht
immer aufs neue den Fehler begehen, der schon in meiner Jugend
begangen wurde, daß wir unser Heil den Bajonetten anvertrauen,
sobald auch die Arbeiter ihr Recht wollen. Daß wir den Arbeitern
niemals ihr Recht geben wollten, das hat den Herren die Macht
verschafft, auch uns das unsere zu nehmen.“
„Sehr wahr!“
[438] „Das Volk, wir
alle haben angesichts der uns abgeforderten Heeresvermehrung die
vielleicht letzte Gelegenheit, unsere Freiheit zu behaupten gegen
Herren, die uns nur noch rüsten, damit wir unfrei sind. Wer Knecht
ist, soll Knecht bleiben, das wird nicht nur euch Arbeitern gesagt:
das sagen die Herren, deren Macht wir immer teurer bezahlen sollen,
uns allen!“
„Sehr wahr! Bravo!
Keinen Mann und keinen Groschen!“ Inmitten bewegter Zustimmung
setzte der alte Buck sich. Diederich, dem äußersten Kampf nahe und
im voraus schweißtriefend, sandte noch einen Blick durch den Saal
und bemerkte Gottlieb Hornung, der die Lieferanten des
Kaiser-Wilhelm-Denkmals befehligte. Pastor Zillich bewegte sich
unter den christlichen Jünglingen, der Kriegerverein war um Kunze
geschart: da zog Diederich blank. „Der Erbfeind erhebt wieder mal
das Haupt!“ schrie er mit Todesverachtung. „Ein Vaterlandsverräter,
wer unserem herrlichen Kaiser versagt, was er“ – „Hu, hu!“ riefen
die Vaterlandsverräter; aber Diederich, unter den Beifallssalven der
Gutgesinnten, schrie weiter, wenn ihm auch die Stimme überschnappte.
„Ein französischer General hat Revanche verlangt!“ Vom Bureau her
fragte jemand: „Wieviel hat er aus Berlin dafür bekommen?“ Worauf
man lachte – indes Diederich mit den Armen hinaufgriff, als wollte
er in die Luft steigen. „Schimmernde Wehr! Blut und Eisen! Mannhafte
Ideale! Starkes Kaisertum!“ Seine Kraftworte stießen rasselnd
aneinander, umlärmt vom Getöse der Gutgesinnten. „Festes Regiment!
Bollwerk gegen die Schlammflut der Demokratie!“
„Ihr Bollwerk heißt
Wulckow!“ rief wieder die Stimme vom Bureau. Diederich fuhr herum,
er erkannte Heuteufel. „Wollen Sie sagen, die Regierung Seiner
Majestät –?“
[439] „Auch ein
Bollwerk!“ sagte Heuteufel. Diederich reckte den Finger nach ihm.
„Sie haben den Kaiser beleidigt!“ rief er mit äußerster
Schneidigkeit. Aber hinter ihm kreischte jemand: „Spitzel!“ Es war
Napoleon Fischer, und seine Genossen wiederholten es aus rauhen
Kehlen. Sie waren aufgesprungen, sie umringten Diederich in
unglückverheißender Weise. „Er provoziert schon wieder! Er will noch
einen ins Loch bringen! ’raus!“ Und Diederich ward angepackt.
Angstverzerrt wand er den Hals, den schwielige Fäuste beengten, nach
dem Vorsitzenden hin und flehte erstickt um Hilfe. Der alte Buck
gewährte sie ihm, er klingelte anhaltend, und er schickte sogar
einige junge Leute aus, damit sie Diederich von seinen Feinden
erretteten. Kaum daß er sich rühren konnte, schwang Diederich den
Finger gegen den alten Buck. „Die demokratische Korruption!“ schrie
er, tanzend vor Leidenschaft. „Ich will sie ihm beweisen!“ „Bravo!
Reden lassen!“ – und das Lager der nationalen Männer setzte sich in
Bewegung, überrannte die Tische und maß sich Aug’ in Auge mit dem
Umsturz. Ein Handgemenge schien bevorzustehen: schon faßte der
Polizeileutnant dort oben seinen Helm an, um sich damit zu bedecken;
es war ein kritischer Moment – da hörte man von der Bühne herab
befehlen: „Ruhe! Er soll sprechen!“ Und es ward fast still, man
hatte einen Zorn vernommen, größer als irgendeiner hier. Der alte
Buck, heraufgewachsen hinter seinem Tisch dort oben, war kein
würdiger Greis mehr, er schien schlanker vor Kraft, vom Haß war er
bleich, und einen Blick schnellte er gegen Diederich: der Atem
stockte einem.
„Er soll sprechen!“
wiederholte der Alte. „Auch Verräter haben das Wort, bevor sie
abgeurteilt werden. So sehen die Verräter an der Nation aus. Sie
haben sich [440]nur äußerlich verändert seit den Zeiten, da mein
Geschlecht kämpfte, fiel, ins Gefängnis und auf die Richtstätte
ging.“
„Haha“, machte hier
Gottlieb Hornung, voll überlegenen Spottes. Zu seinem Unglück saß er
im Armbereich eines starken Arbeiters, der so furchtbar nach ihm
ausholte, daß Hornung, noch bevor der Schlag ihn traf, umfiel
mitsamt seinem Stuhl.
„Schon damals“, rief
der Alte, „gab es solche, die statt der Ehre den Nutzen wählten und
denen keine Herrschaft demütigend schien, wenn sie sie bereicherte.
Der sklavische Materialismus, Frucht und Mittel jeder Tyrannei, er
war es, dem wir unterlagen, und auch ihr, Mitbürger –“
Der Alte breitete die
Arme aus, er spannte sich zu dem letzten Schrei seines Gewissens.
„Mitbürger, auch ihr
lauft heute Gefahr, von ihm verraten und seine Beute zu werden!
Dieser Mensch soll sprechen.“
„Nein!“
„Er soll sprechen.
Dann aber fragt ihn, wieviel eine Gesinnung, die national zu nennen
er die Stirn hat, in barem Gelde beträgt. Fragt ihn, wem er sein
Haus verkauft hat, zu welchem Zweck und mit welchem Nutzen!“
„Wulckow!“ Der Ruf
kam von der Bühne, aber der Saal nahm ihn auf. Diederich,
gebieterische Fäuste hinter sich, gelangte nicht ganz freiwillig die
Stufen zur Bühne hinauf. Dort sah er ratsuchend umher: der alte Buck
saß regungslos, die Hand geballt auf dem Knie und ließ ihn nicht aus
dem Auge; Heuteufel, Cohn, alle Herren des Bureaus erwarteten mit
kalter Gier im Gesicht seinen Zusammenbruch; und „Wulckow!“ rief der
Saal ihm zu, „Wulckow!“ Er stammelte etwas von Verleumdung, das Herz
flog ihm, einen Augenblick schloß er die Augen, in der Hoffnung, er
werde umfallen und der Sache über[441]hoben sein. Aber er fiel nicht
um – und als nichts anderes mehr möglich war, kam ihm ein ungeheurer
Mut. Er griff an seine Brusttasche, seiner Waffe sicher, und er maß
kampfesfreudig den Feind, jenen tückischen Alten, der nun endlich
die Maske des väterlichen Gönners verloren hatte und seinen Haß
bekannte. Diederich blitzte ihn an, er stieß vor ihm beide Fäuste
gegen den Boden. Dann trat er kraftvoll vor den Saal her.
„Wollen Sie was
verdienen?“ brüllte er wie ein Ausrufer in den Tumult – und es ward
still, wie auf ein Zauberwort. „Jeder kann bei mir verdienen!“
brüllte Diederich; mit unverminderter Gewalt. „Jedem, der mir
nachweist, wieviel ich am Verkauf meines Hauses verdient habe, zahle
ich ebensoviel!“
Hierauf schien
niemand gefaßt. Die Lieferanten zuerst riefen „Bravo“, dann
entschlossen sich auch die Christen und die Krieger, aber ohne
rechte Zuversicht, denn es ward wieder „Wulckow!“ gerufen, noch dazu
nach dem Takt von Biergläsern, die man auf die Tische stieß.
Diederich erkannte, daß dies ein vorbereiteter Streich war, der
nicht nur ihm, sondern weit höheren Mächten galt. Er sah sich
unruhig um, und wirklich zückte der Polizeileutnant schon wieder den
Helm. Diederich bedeutete ihm mit der Hand, daß er es schon machen
werde, und er brüllte:
„Nicht Wulckow, ganz
andere Leute! Das freisinnige Säuglingsheim! Dafür hätte ich mein
Haus hergeben sollen, das ist mir nahegelegt worden, ich kann es
beschwören. Ich als nationaler Mann habe mich energisch gewehrt
gegen die Zumutung, die Stadt zu betrügen und den Raub zu teilen mit
einem gewissenlosen Magistratsrat!“
„Sie lügen!“ rief der
alte Buck und stand flammend da. Aber Diederich flammte noch höher,
im Vollgefühl seines [442]Rechtes und seiner sittlichen Sendung. Er
griff in die Brusttasche, und vor dem tausendköpfigen Drachen dort
unten, der ihn anspritzte: „Lügner! Schwindler!“ schwenkte er
furchtlos seinen Schein. „Beweis!“ brüllte er und schwenkte so
lange, bis sie hörten.
„Bei mir ist es nicht
geglückt, aber in Gausenfeld. Jawohl, Mitbürger! In Gausenfeld ...
Wieso? Gleich. Zwei Herren von der freisinnigen Partei sind beim
Besitzer gewesen und haben das Vorkaufsrecht verlangt auf ein
gewisses Terrain, für den Fall, daß das Säuglingsheim dorthin
kommt.“
„Namen! Namen!“
Diederich schlug sich
auf die Brust, auch zum letzten bereit. Klüsing hatte ihm alles
verraten, nur nicht die Namen. Blitzend faßte er die Herren des
Vorstandes ins Auge; einer schien zu erbleichen. „Wer wagt,
gewinnt“, dachte Diederich, und er brüllte:
„Der eine ist Herr
Warenhausbesitzer Cohn!“
Und er trat ab, mit
der Miene erfüllter Pflicht. Drunten nahm Kunze ihn entgegen und
küßte ihn selbstvergessen rechts und links ins Gesicht, wozu die
Nationalgesinnten klatschten. Die anderen schrien: „Beweis!“ oder
„Schwindel!“ Aber „Cohn soll reden!“, das wollten alle, Cohn konnte
sich den Anforderungen unmöglich entziehen. Der alte Buck sah ihn
an, starr, mit einem sichtbaren Zittern der Wangen; und dann
erteilte er ihm von selbst das Wort. Cohn, von Heuteufel mit einem
Stoß versehen, kam ohne rechte Überzeugung hinter dem langen Tisch
des Komitees hervor, schleppte die Füße nach und hatte ungünstig
gewirkt, noch bevor er anfing. Er lächelte entschuldigend. „Meine
Herren, das werden Sie dem Herrn Vorredner doch nicht glauben,“
sagte er so sanft, daß fast [443]niemand es verstand. Dennoch meinte
Cohn schon zu weit gegangen zu sein. „Ich will den Herrn Vorredner
nicht geradezu dementieren, aber so war es denn doch nicht.“
„Aha! Er gibt es zu!“
– und jäh brach ein Aufruhr los, daß Cohn, auf nichts vorbereitet,
einen Sprung rückwärts tat. Der Saal war nur noch ein Fuchteln und
Schäumen. Schon fielen da und dort Gegner übereinander her. „Hurra!“
kreischte Kühnchen und sauste durch die Reihen mit flatterndem Haar,
die Fäuste geschwungen, anfeuernd zur Metzelei ... Auch auf der
Bühne war alles auf den Beinen, außer dem Polizeileutnant. Der alte
Buck hatte den Platz des Vorsitzenden verlassen, und abgekehrt von
dem Volk, über das der letzte Schrei seines Gewissens vergebens
hingegangen war, abseits und allein, richtete er die Augen dorthin,
wo niemand sah, daß sie weinten. Heuteufel sprach entrüstet auf den
Polizeileutnant ein, der sich von seinem Stuhl nicht rührte, ward
aber darüber belehrt, daß der Beamte allein entscheide, ob und wann
er auflöse. Es brauchte nicht gerade in dem Augenblick zu geschehen,
wo es für den Freisinn schlecht stand! Worauf Heuteufel zum Tisch
ging und die Glocke führte. Dazu schrie er: „Der zweite Name!“ Und
da alle Herren auf der Bühne mitschrien, hörte man es endlich und
Heuteufel konnte fortfahren.
„Der zweite, der in
Gausenfeld war, ist Herr Landgerichtsrat Kühlemann! Stimmt.
Kühlemann selbst. Derselbe Kühlemann, aus dessen Nachlaß das
Säuglingsheim gebaut werden soll. Will jemand behaupten, Kühlemann
bestiehlt seinen eigenen Nachlaß? Na also!“ – und Heuteufel zuckte
die Achseln, woraus beifällig gelacht ward. Nicht lange; die
Leidenschaften pfauchten schon wieder. „Beweise! Kühlemann soll
selbst reden! [444]Diebe!“ Herr Kühlemann sei schwerkrank, erklärte
Heuteufel. Man werde hinschicken, man telephoniere schon. „Auweh“,
raunte Kunze seinem Freunde Diederich zu. „Wenn Kühlemann es war,
sind wir fertig und können einpacken.“ „Noch lange nicht!“ verhieß
Diederich, tollkühn. Pastor Zillich seinerseits setzte seine
Hoffnung nur mehr auf den Finger Gottes. Diederich in seiner
Tollkühnheit sagte: „Brauchen wir gar nicht!“ – und er machte sich
über einen Zweifler her, dem er zuredete. Die Gutgesinnten reizte er
zu entschiedener Stellungnahme, ja, er drückte Sozialdemokraten die
Hand, um ihren Haß gegen die bürgerliche Korruption zu verstärken –
und überall hielt er den Leuten Klüsings Brief vor die Augen. Er
schlug so heftig mit dem Handrücken auf das Papier, daß niemand
lesen konnte, und rief: „Steht da Kühlemann? Da steht Buck! Wenn
Kühlemann noch japsen kann, wird er zugeben müssen, daß er es nicht
war. Buck war es!“
Dabei überwachte er
dennoch die Bühne, wo es merkwürdig still geworden war. Die Herren
des Komitees liefen durcheinander, aber sie flüsterten nur. Den
alten Buck sah man nicht mehr. „Was ist los?“ Auch im Saal ward es
ruhiger, noch wußte man nicht, warum. Plötzlich hieß es: „Kühlemann
soll tot sein.“ Diederich fühlte es mehr, als daß er es hörte. Er
gab es plötzlich auf, zu reden und sich abzuarbeiten. Vor Spannung
schnitt er Gesichter. Wenn jemand ihn fragte, antwortete er nicht,
er vernahm ringsum ein wesenloses Gewirr von Lauten und wußte nicht
mehr deutlich, wo er war. Dann kam aber Gottlieb Hornung und sagte:
„Er ist weiß Gott tot. Ich war oben, sie haben telephoniert. Im
Moment ist er gestorben.“
„Im richtigen
Moment“, sagte Diederich und sah sich [445]um, erstaunt, als
erwachte er. „Der Finger Gottes hat sich wieder mal bewährt“,
stellte Pastor Zillich fest, und Diederich ward sich bewußt, daß
dieser Finger doch nicht zu verachten war. Wie, wenn er dem
Schicksal einen anderen Lauf angewiesen hätte?... Die Parteien im
Saale lösten sich auf; das Eingreifen des Todes in die Politik
machte aus den Parteien Leute; sie sprachen gedämpft und verzogen
sich. Als er schon draußen war, erfuhr Diederich noch, der alte Buck
habe eine Ohnmacht erlitten.
Die „Netziger
Zeitung“ berichtete über die „tragisch verlaufene Wahlversammlung“
und schloß daran einen ehrenvollen Nachruf für den hochverdienten
Mitbürger Kühlemann. Den Verblichenen traf kein Makel, wenn etwa
Dinge vorgefallen waren, die der Aufklärung bedurften ... Das
weitere geschah, nachdem Diederich und Napoleon Fischer eine
Besprechung unter vier Augen gehabt hatten. Noch am Abend vor der
Wahl hielt die „Partei des Kaisers“ eine Versammlung ab, von der die
Gegner nicht ausgeschlossen waren. Diederich trat auf und geißelte
mit flammenden Worten die demokratische Korruption und ihr Haupt in
Netzig, das mit Namen zu nennen die Pflicht eines kaisertreuen
Mannes sei – aber er nannte es doch lieber nicht. „Denn, meine
Herren, das Hochgefühl schwellt mir die Brust, daß ich mich verdient
mache um unseren herrlichen Kaiser, wenn ich seinem gefährlichsten
Feinde die Maske abreiße und Ihnen beweise, daß er auch nur
verdienen will.“ Hier kam ihm ein Einfall, oder war es eine
Erinnerung, er wußte nicht. „Seine Majestät haben das erhabene Wort
gesprochen: ‚Mein afrikanisches Kolonialreich für einen Haftbefehl
gegen Eugen Richter!‘ Ich aber, meine Herren, liefere [446]Seiner
Majestät die nächsten Freunde Richters!“ Er ließ die Begeisterung
verrauschen; dann, mit verhältnismäßig gedämpfter Stimme: „Und
darum, meine Herren, habe ich besondere Gründe, zu vermuten, was man
an hoher, sehr hoher Stelle von der Partei des Kaisers erwartet.“ Er
griff an seine Brusttasche, als trüge er dort auch diesmal die
Entscheidung; und plötzlich aus voller Lunge: „Wer jetzt noch seine
Stimme dem Freisinnigen gibt, der ist kein kaisertreuer Mann!“ Da
die Versammlung dies einsah, machte Napoleon Fischer, der zugegen
war, den Versuch, sie auf die gebotenen Konsequenzen ihrer Haltung
hinzuweisen. Sofort fuhr Diederich dazwischen. Die nationalen Wähler
würden schweren Herzens ihre Pflicht tun und das kleinere Übel
wählen. „Aber ich bin der erste, der jedes Paktieren mit dem Umsturz
weit von sich weist!“ Er schlug so lange auf das Rednerpult, bis
Napoleon in der Versenkung verschwand. Und daß Diederichs Entrüstung
echt war, ersah man in der Frühe des Stichwahltages aus der
sozialdemokratischen „Volksstimme“, die unter höhnischen Ausfällen
gegen Diederich selbst alles wiedergab, was er über den alten Buck
gesagt hatte, und zwar nannte sie den Namen. „Heßling fällt hinein,“
sagten die Wähler, „denn jetzt muß Buck ihn verklagen.“ Aber viele
antworteten: „Buck fällt hinein, der andere weiß zuviel.“ Auch die
Freisinnigen, soweit sie der Vernunft zugänglich waren, fanden
jetzt, es sei an der Zeit, vorsichtig zu werden. Wenn die
Nationalen, mit denen nicht zu spaßen schien, nun einmal meinten,
man solle für den Sozialdemokraten stimmen –. Und war der
Sozialdemokrat erst gewählt, dann war es gut, daß man ihn mitgewählt
hatte, sonst ward man noch boykottiert von den Arbeitern ...
[447]Die Entscheidung aber fiel nachmittags um drei. In der
Kaiser-Wilhelm-Straße erscholl Alarmgebläse, alles stürzte an die
Fenster und unter die Ladentüren, um zu sehen, wo es brenne. Es war
der Kriegerverein in Uniform, der herbeimarschierte. Seine Fahne
zeigte ihm den Weg der Ehre. Kühnchen, der das Kommando führte,
hatte die Pickelhaube wild im Nacken sitzen und schwang auf
furchterregende Weise seinen Degen. Diederich in Reih’ und Glied
stapfte mit und freute sich der Zuversicht, daß nun in Reih’ und
Glied, nach Kommandos und auf mechanischem Wege alles Weitere sich
abwickeln werde. Man brauchte nur zu stapfen, und aus dem alten Buck
ward Kompott gemacht unter dem Taktschritt der Macht!... Am anderen
Ende der Straße holte man die neue Fahne ab und empfing sie, bei
schmetternder Musik, mit stolzem Hurra. Unabsehbar verlängert durch
die Werbungen des Patriotismus erreichte der Zug das Klappsche’sche
Lokal. Hier ward in Sektionen eingeschwenkt, und Kühnchen befahl
„Küren“. Der Wahlvorstand, an seiner Spitze Pastor Zillich, wartete
schon, festlich gekleidet, im Hausflur. Kühnchen kommandierte mit
Kampfgeschrei: „Auf, Kameraden, zur Wahl! Wir wählen Fischer!“ –
worauf es vom rechten Flügel ab, unter schmetternder Musik, in das
Wahllokal ging. Dem Kriegerverein aber folgte der ganze Zug.
Klappsch, der auf so viel Begeisterung nicht vorbereitet war, hatte
schon kein Bier mehr. Zuletzt, als die nationale Sache alles
abgeworfen zu haben schien, dessen sie fähig war, kam noch, von
Hurra empfangen, der Bürgermeister Doktor Scheffelweis. Er ließ sich
ganz offenkundig den roten Zettel in die Hand drücken, und bei der
Rückkehr von der Urne sah man ihn freudig bewegt. „Endlich!“ sagte
er und drückte Diederich die Hand. [448]„Heute haben wir den Drachen
besiegt.“ Diederich erwiderte schonungslos: „Sie, Herr
Bürgermeister? Sie stecken noch halb in seinem Rachen. Daß er Sie
nur nicht mitnimmt, jetzt wo er verreckt!“ Während Doktor
Scheffelweis erbleichte, stieg wieder ein Hurra. Wulckow!...
Fünftausend und mehr
Stimmen für Fischer! Heuteufel mit kaum dreitausend war fortgefegt
von der nationalen Woge, und in den Reichstag zog der
Sozialdemokrat. Die „Netziger Zeitung“ stellte einen Sieg der
„Partei des Kaisers“ fest, denn ihr verdanke man es, daß eine
Hochburg des Freisinns gefallen sei – womit aber Nothgroschen weder
große Befriedigung noch lauten Widerspruch weckte. Die eingetretene
Tatsache fanden alle natürlich, aber gleichgültig. Nach dem Rummel
der Wahlzeit hieß es nun wieder Geld verdienen. Das
Kaiser-Wilhelm-Denkmal, noch soeben der Mittelpunkt eines
Bürgerkrieges, regte keinen mehr auf. Der alte Kühlemann hatte der
Stadt sechshunderttausend Mark für gemeinnützige Zwecke vermacht,
sehr anständig. Säuglingsheim oder Kaiser-Wilhelm-Denkmal, es war
wie Schwamm oder Zahnbürste, wenn man zu Gottlieb Hornung kam. In
der entscheidenden Sitzung der Stadtverordneten zeigte es sich, daß
die Sozialdemokraten für das Denkmal waren, also schön. Irgend
jemand schlug vor, gleich ein Komitee zu bilden und dem Herrn
Regierungspräsidenten von Wulckow den Ehrenvorsitz anzubieten. Hier
erhob sich Heuteufel, den seine Niederlage wohl doch geärgert hatte,
und äußerte Bedenken, ob der Regierungspräsident, der einem gewissen
Grundstücksgeschäft nicht fernstehe, sich selbst für berufen halten
werde, das Grundstück mitzubestimmen, auf dem das Denkmal stehen
solle. Man schmunzelte und zwinkerte ein [449]wenig; und Diederich,
dem es kalt durch den Leib schnitt, wartete, ob jetzt der Skandal
kam. Er wartete still, mit einem verstohlenen Kitzel, wie es der
Macht ergehen werde, nun jemand rüttelte. Er hätte nicht sagen
können, was er sich wünschte. Da nichts kam, erhob er sich stramm
und protestierte, ohne übertriebene Anstrengung, gegen eine
Unterstellung, die er schon einmal öffentlich widerlegt habe. Die
andere Seite dagegen habe die ihr zur Last gelegten Mißbräuche
bisher nicht im mindesten entkräftet. „Trösten Sie sich,“ erwiderte
Heuteufel, „Sie werden es bald erleben. Die Klage ist schon
eingereicht.“
Dies bewirkte
immerhin eine Bewegung. Der Eindruck ward freilich abgeschwächt, als
Heuteufel gestehen mußte, daß sein Freund Buck nicht den
Stadtverordneten Doktor Heßling, sondern nur die „Volksstimme“
verklagt habe. „Heßling weiß zuviel“, wiederholte man – und neben
Wulckow, dem der Ehrenvorsitz zufiel, ward Diederich zum
Vorsitzenden des Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitees ernannt. Im
Magistrat fanden diese Beschlüsse in dem Bürgermeister Doktor
Scheffelweis einen warmen Fürsprecher, und sie gingen durch, wobei
der alte Buck durch Abwesenheit glänzte. Wenn er seine Sache selbst
nicht höher einschätzte! Heuteufel sagte: „Soll er sich die
Schweinereien, die er nicht verhindern kann, auch noch persönlich
ansehen?“ Aber damit schadete Heuteufel nur sich selbst. Da der alte
Buck nun in kurzer Zeit zwei Niederlagen erlitten hatte, sah man
voraus, der Prozeß gegen die „Volksstimme“ werde seine dritte sein.
Die Aussage, die man vor Gericht zu machen haben würde, paßte jeder
schon im voraus den gegebenen Umständen an. Heßling war natürlich zu
weit gegangen, sagten vernünftig Denkende. Der alte Buck, den alle
von jeher kannten, war [450]kein Schwindler und Gauner. Eine
Unvorsichtigkeit wäre ihm vielleicht zuzutrauen gewesen, besonders
jetzt, wo er die Schulden seines Bruders bezahlte und selbst schon
das Wasser an der Kehle hatte. Ob er nun wirklich mit Cohn bei
Klüsing gewesen war wegen des Terrains? Ein gutes Geschäft: – es
hätte nur nicht herauskommen dürfen! Und warum mußte Kühlemann genau
in der Minute abkratzen, wo er seinen Freund hätte freischwören
sollen! So viel Pech bedeutete etwas. Herr Tietz, der kaufmännische
Leiter der „Netziger Zeitung“, der in Gausenfeld ein und aus ging,
sagte ausdrücklich, man begehe nur ein Verbrechen gegen sich selbst,
wenn man für Leute eintrete, die augenscheinlich ausgespielt hätten.
Auch machte Tietz darauf aufmerksam, daß der alte Klüsing, der mit
einem Wort die ganze Sache hätte beenden können, sich hütete zu
reden. Er war krank, nur seinetwegen mußte die Verhandlung auf
unbestimmte Zeit vertagt werden.
Was ihn aber nicht
abhielt, seine Fabrik zu verkaufen. Dies war das Neueste, dies waren
die „einschneidenden Veränderungen in einem großen, für das
wirtschaftliche Leben Netzigs hochbedeutsamen Unternehmen“, von
denen die „Netziger Zeitung“ dunkel meldete. Klüsing war mit einem
Berliner Konsortium in Verbindung getreten. Diederich, gefragt,
warum er nicht mittue, zeigte den Brief vor, worin Klüsing ihm,
früher als jedem anderen, den Kauf angeboten hatte. „Und zwar unter
Bedingungen, die nie wiederkommen“, setzte er hinzu. „Leider bin ich
stark engagiert bei meinem Schwager in Eschweiler, ich weiß nicht
einmal, ob ich nicht von Netzig wegziehen muß.“ Aber als
Sachverständiger erklärte er auf Befragen Nothgroschens, der seine
Antwort veröffentlichte, daß der Prospekt eher noch hinter der
Wahrheit zurückbleibe. [451]Gausenfeld sei tatsächlich eine
Goldgrube; der Ankauf der Aktien, die an der Börse zugelassen seien,
könne nur auf das wärmste empfohlen werden. Tatsächlich wurden die
Aktien in Netzig stark gefragt. Wie sachlich und von persönlichem
Interesse unbeeinflußt Diederichs Urteil gewesen war, zeigte sich
bei einer besonderen Gelegenheit, als nämlich der alte Buck Geld
suchte. Denn er war so weit; seine Familie und sein Gemeinsinn
hatten ihn glücklich so weit gebracht, daß auch seine Freunde nicht
mehr mitgingen. Da griff Diederich ein. Er gab dem Alten zweite
Hypothek für sein Haus in der Fleischhauergrube. „Er muß es
verzweifelt nötig gehabt haben“, bemerkte Diederich, sooft er davon
erzählte. „Wenn er es von mir, seinem entschiedensten politischen
Gegner, annimmt! Wer hätte das früher von ihm gedacht!“ Und
Diederich sah gedankenvoll in das Schicksal ... Er setzte hinzu, das
Haus werde ihm teuer zu stehen kommen, wenn es ihm zufalle.
Freilich, aus dem seinen müsse er bald heraus. Und auch dies zeigte,
daß er auf Gausenfeld nicht rechnete ... „Aber“, erklärte Diederich,
„der Alte ist nicht auf Rosen gebettet, wer weiß, wie sein Prozeß
ausgeht – und gerade weil ich ihn politisch bekämpfen muß, wollte
ich zeigen – Sie verstehen.“ Man verstand, und man beglückwünschte
Diederich zu seinem mehr als korrekten Verhalten. Diederich wehrte
ab. „Er hat mir Mangel an Idealismus vorgeworfen, das durfte ich
nicht auf mir sitzen lassen.“ Männliche Rührung zitterte in seiner
Stimme.
Die Schicksale nahmen
ihren Lauf; und wenn man manche auf Terrainschwierigkeiten stoßen
sah, durfte man um so freudiger anerkennen, daß das eigene glatt
ging. Diederich erfuhr dies so recht an dem Tage, als Napoleon
Fischer nach Berlin reiste, um die Militärvorlage abzu[452]lehnen.
Die „Volksstimme“ hatte eine Massendemonstration angekündigt, der
Bahnhof sollte polizeilich besetzt sein; Pflicht eines nationalen
Mannes war es, dabei zu sein. Unterwegs stieß Diederich auf
Jadassohn. Man begrüßte einander so förmlich, wie die kühl
gewordenen Beziehungen es vorschrieben. „Sie wollen sich auch den
Klimbim ansehen?“ fragte Diederich.
„Ich gehe in Urlaub –
nach Paris.“ Tatsächlich trug Jadassohn Kniehosen. Er setzte hinzu:
„Schon um den politischen Dummheiten auszuweichen, die hier begangen
worden sind.“
Diederich beschloß,
vornehm hinwegzuhören über die Verärgerung eines Menschen, der
keinen Erfolg gehabt hatte. „Man dachte eigentlich,“ sagte er, „Sie
würden jetzt Ernst machen.“
„Ich? Wieso?“
„Fräulein Zillich ist
freilich fort zu ihrer Tante.“
„Tante ist gut“,
Jadassohn feixte. „Und man dachte. Sie wohl auch?“
„Mich lassen Sie nur
aus dem Spiel.“ Diederich machte ein Gesicht voll Einverständnis.
„Aber wieso ist Tante gut? Wo ist sie denn hin?“
„Durchgegangen“,
sagte Jadassohn. Da blieb Diederich denn doch stehen und schnaufte.
Käthchen Zillich durchgegangen! In was für Abenteuer hätte man
verwickelt werden können!... Jadassohn sagte weltmännisch:
„Nun ja, nach Berlin.
Die guten Eltern haben noch keine Ahnung. Ich bin weiter nicht böse
mit ihr, Sie verstehen, es mußte mal zum Klappen kommen.“
„So oder so“,
ergänzte Diederich, der sich gefaßt hatte.
„Lieber so als so“,
berichtigte Jadassohn; worauf Diederich, vertraulich die Stimme
gesenkt: „Jetzt kann [453]ich es Ihnen ja sagen, mir kam das Mädchen
schon immer so vor, als ob sie bei Ihnen auch nicht sauer werden
würde.“
Aber Jadassohn
verwahrte sich, nicht ohne Eigenliebe. „Was glauben Sie denn? Ich
selbst habe ihr Empfehlungen mitgegeben. Passen Sie auf, sie macht
Karriere in Berlin.“
„Daran zweifle ich
nicht.“ Diederich zwinkerte. „Ich kenne ihre Qualitäten ... Sie
allerdings haben mich für naiv gehalten.“ Jadassohns Abwehr ließ er
nicht gelten. „Sie haben mich für naiv gehalten. Und zur selben Zeit
bin ich Ihnen verdammt ins Gehege gekommen, jetzt kann ich es ja
sagen.“ Er berichtete dem anderen, der immer unruhiger ward, sein
Erlebnis mit Käthchen im Liebeskabinett – berichtete es so
vollständig, wie es in Wahrheit nicht stattgefunden hatte. Mit einem
Lächeln befriedigter Rache sah er auf Jadassohn, der sichtlich im
Zweifel war, ob hier der Ehrenpunkt Platz greifen müsse. Schließlich
entschied er sich dafür, Diederich auf die Schulter zu klopfen, und
man zog in freundschaftlicher Weise die gebotenen Schlüsse. „Die
Sache bleibt natürlich streng unter uns ... So ein Mädchen muß man
auch gerecht beurteilen, denn woher soll die bessere Lebewelt sich
ergänzen ... Die Adresse? Aber nur Ihnen. Kommt man dann mal nach
Berlin, so weiß man doch, woran man ist.“ „Es hätte sogar einen
gewissen Reiz“, bemerkte Diederich, in sich hineinblickend; und da
Jadassohn sein Gepäck sah, nahmen sie Abschied. „Die Politik hat uns
leider etwas auseinander gebracht, aber im Menschlichen findet man
sich, Gott sei Dank, wieder. Viel Vergnügen in Paris.“
„Vergnügen kommt
nicht in Frage.“ Jadassohn wandte sich um, mit einem Gesicht, als
sei er im Begriff, jemand hineinzulegen. Da er Diederichs
beunruhigte Miene sah, [454]kam er zurück. „In vier Wochen“, sagte
er merkwürdig ernst und gefaßt, „werden Sie es selbst sehen.
Vielleicht ist es vorzuziehen, wenn Sie die Öffentlichkeit schon
jetzt darauf vorbereiten.“ Diederich, ergriffen wider Willen,
fragte: „Was haben Sie vor?“ Und Jadassohn, bedeutungsschwer, mit
dem Lächeln eines opfervollen Entschlusses: „Ich stehe im Begriff,
meine äußere Erscheinung in Einklang zu bringen mit meinen
nationalen Überzeugungen“ ... Als Diederich den Sinn dieser Worte
erfaßt hatte, konnte er nur noch eine achtungsvolle Verbeugung
machen; Jadassohn war schon fort. Dahinten flammten, nun er die
Halle betrat, seine Ohren noch einmal – das letztemal! – auf, wie
zwei Kirchenfenster im Abendschein.
Auf den Bahnhof zu
rückte eine Gruppe von Männern, in deren Mitte eine Standarte
schwebte. Einige Schutzleute kamen nicht eben leichtfüßig die Treppe
herab und stellten sich ihnen entgegen. Alsbald stimmte die Gruppe
die Internationale an. Gleichwohl ward ihr Ansturm von den
Vertretern der Macht erfolgreich zurückgeschlagen. Mehrere kamen
freilich durch und scharten sich um Napoleon Fischer, der, langatmig
wie er war, seine bestickte Reisetasche beinahe am Boden schleppte.
Beim Büfett erfrischte man sich nach diesen, in der Julisonne für
die Sache des Umsturzes bestandenen Strapazen. Dann versuchte
Napoleon Fischer auf dem Bahnsteig, da der Zug ohnedies Verspätung
hatte, eine Ansprache zu halten; aber ein Polizist untersagte es dem
Abgeordneten. Napoleon setzte die bestickte Tasche hin und fletschte
die Zähne. Wie Diederich ihn kannte, war er im Begriff, einen
Widerstand gegen die Staatsgewalt zu begehen. Zu seinem Glück fuhr
der Zug ein – und erst jetzt ward Diederich auf einen untersetzten
Herrn aufmerksam, der sich aber [455]abwandte, wenn man um ihn
herumging. Er hielt einen großen Blumenstrauß vor sich hin und sah
dem Zug entgegen. Diederich kannte doch diese Schultern ... Das ging
mit dem Teufel zu! Aus einem Coupé grüßte Judith Lauer, ihr Mann
half ihr herunter, ja, er überreichte ihr den Blumenstrauß, und sie
nahm ihn mit dem ernsten Lächeln, das sie hatte. Wie die beiden sich
nach dem Ausgang wandten, ging Diederich ihnen schleunigst aus dem
Weg, und er schnaufte dabei. Mit dem Teufel ging es nicht zu, Lauers
Zeit war einfach herum, er war wieder frei. Nicht daß von ihm etwas
zu fürchten stand, immerhin mußte man sich erst wieder daran
gewöhnen, ihn draußen zu wissen ... Und mit einem Bukett holte er
sie ab! Wußte er denn nichts? Er hatte doch Zeit gehabt,
nachzudenken. Und sie, die zu ihm zurückkehrte, nachdem er fertig
gesessen hatte! Es gab Verhältnisse, von denen man sich als
anständiger Mensch nichts träumen ließ. Übrigens stand Diederich den
Dingen nicht näher als jeder andere; er hatte damals nur seine
Pflicht getan. „Alle werden dieselbe peinliche Empfindung haben wie
ich. Man wird ihm allerseits zu verstehen geben, daß er am besten zu
Hause bleibt ... Denn wie man sich bettet, liegt man.“ Käthchen
Zillich hatte es begriffen und die richtige Folgerung gezogen. Was
ihr recht war, konnte gewissen anderen Leuten billig sein, nicht nur
dem Herrn Lauer.
Diederich selbst, der
von achtungsvollen Grüßen geleitet durch die Stadt schritt, nahm
jetzt auf die natürlichste Weise den Platz ein, den seine Verdienste
ihm bereitet hatten. Durch diese harte Zeit hatte er sich nun so
weit hindurchgekämpft, daß bloß noch die Früchte zu pflücken waren.
Die anderen hatten angefangen an ihn zu glauben: alsbald kannte auch
er keinen Zweifel mehr ... [456]Über Gausenfeld liefen neuerdings
ungünstige Gerüchte um, und die Aktien fielen. Woher wußte man, daß
die Regierung der Fabrik ihre Aufträge entzogen und sie dem
Heßlingschen Werk übertragen hatte? Diederich hatte nichts verlauten
lassen, aber man wußte es, noch bevor die Arbeiterentlassungen
kamen, die die „Netziger Zeitung“ so sehr bedauerte. Der alte Buck,
als Vorsitzender des Aufsichtsrates, mußte sie leider persönlich
anregen, was ihm allgemein schadete. Die Regierung ging
wahrscheinlich nur wegen des alten Buck so scharf vor. Es war ein
Fehler gewesen, ihn zum Vorsitzenden zu wählen. Überhaupt hätte er
mit dem Geld, das Heßling ihm anständigerweise gegeben hatte, lieber
Schulden bezahlen sollen, statt Gausenfelder Aktien zu kaufen.
Diederich selbst äußerte überall diese Ansicht. „Wer hätte das
früher von ihm gedacht!“ bemerkte er auch hierzu wieder, und wieder
tat er einen gedankenvollen Blick in das Schicksal. „Man sieht, wozu
einer imstande ist, der den Boden unter den Füßen verliert.“ Worauf
jeder den beklemmenden Eindruck mitnahm, der alte Buck werde auch
ihn selbst, als Aktionär von Gausenfeld, in seinen Ruin
hineinreißen. Denn die Aktien fielen. Infolge der Entlassungen
drohte ein Streik: sie fielen noch tiefer ... Hier machte Kienast
sich Freunde. Kienast war unvermutet in Netzig eingetroffen, zur
Erholung, wie er sagte. Keiner gestand es gern dem anderen ein, daß
er Gausenfelder hatte und hereingefallen war. Kienast hinterbrachte
es dem, daß jener schon verkauft habe. Seine persönliche Meinung
war, daß es hohe Zeit sei. Ein Makler, den er übrigens nicht kannte,
saß dann und wann im Café und kaufte. Einige Monate später brachte
die Zeitung ein tägliches Inserat des Bankhauses Sanft & Co. Wer
noch Gausen[457]felder hatte, konnte sie hier mühelos abstoßen.
Tatsächlich besaß zu Anfang des Herbstes kein Mensch mehr die faulen
Papiere. Dagegen ging das Gerede, Heßling und Gausenfeld sollten
fusioniert werden. Diederich zeigte sich verwundert. „Und der alte
Herr Buck?“ fragte er. „Als Vorsitzender des Aufsichtsrates wird er
wohl noch mitreden wollen. Oder hat er selbst schon verkauft?“ –
„Der hat mehr Sorgen“, hieß es dann. Denn in seiner
Beleidigungssache gegen die „Volksstimme“ war jetzt die Verhandlung
anberaumt. „Er wird wohl hineinfliegen“, meinte man; und Diederich,
mit vollkommener Sachlichkeit: „Schade um ihn. Dann hat er in seinem
letzten Aufsichtsrat gesessen.“
In diesem Vorgefühl
gingen alle zu der Verhandlung. Die auftretenden Zeugen erinnerten
sich nicht. Klüsing hatte schon längst zu jedem vom Verkauf der
Fabrik gesprochen. Hatte er von jenem Terrain besonders gesprochen?
Und hatte er als den Unterhändler den alten Buck genannt? Dies alles
blieb zweifelhaft. In den Kreisen der Stadtverordneten war bekannt
gewesen, daß das Grundstück in Frage komme für das damals in
Aussicht genommene Säuglingsheim. War Buck dafür gewesen? Jedenfalls
nicht dagegen. Mehreren war es aufgefallen, wie lebhaft er sich für
den Platz interessierte. Klüsing selbst, der noch immer krank war,
hatte in seiner kommissarischen Vernehmung ausgesagt, sein Freund
Buck sei bis vor kurzem bei ihm ein und aus gegangen. Wenn Buck ihm
von dem Vorkaufsrecht auf das Terrain gesprochen haben sollte, so
habe er dies keinesfalls in einem für Buck ehrenrührigen Sinne
aufgefaßt ... Der Kläger Buck wünschte festgestellt zu sehen, daß
der verstorbene Kühlemann es gewesen sei, der mit Klüsing verhandelt
habe: Kühlemann selbst, der Spender des Geldes. Aber die
[458]Feststellung mißlang, Klüsings Aussage war unentschieden auch
hierin. Daß Cohn es behauptete, war nicht wesentlich, da Cohn ein
Interesse hatte, seinen eigenen Besuch in Gausenfeld harmlos
erscheinen zu lassen. Als gewichtigster Zeuge blieb Diederich übrig,
dem Klüsing geschrieben und der gleich darauf mit ihm eine
Unterredung gehabt hatte. War damals ein Name gefallen? Er sagte
aus:
„Mir lag nicht daran,
den oder jenen Namen zu erfahren. Ich stelle fest, daß ich, was alle
Zeugen bestätigen, niemals öffentlich den Namen des Herrn Buck
genannt habe. Mein Interesse in der Sache war einzig das der Stadt,
die nicht durch einzelne geschädigt werden sollte. Ich bin für die
politische Moral eingetreten. Persönliche Gehässigkeit liegt mir
fern, und es würde mir leid tun, wenn der Herr Kläger aus dieser
Verhandlung nicht ganz vorwurfsfrei hervorgehen sollte.“
Seinen Worten folgte
ein anerkennendes Gemurmel. Nur Buck schien unzufrieden; er fuhr
auf, rot im Gesicht ... Diederich sollte nun angeben, welches seine
persönliche Auffassung der Sache sei. Er setzte an: da trat Buck
vor, straff aufgerichtet, und seine Augen flammten wieder, wie in
der tragisch verlaufenen Wahlversammlung.
„Ich erlasse es dem
Herrn Zeugen, ein schonendes Gutachten abzugeben über meine Person
und mein Leben. Er ist nicht der Mann dazu. Seine Erfolge sind mit
anderen Mitteln erreicht als die meinen, und sie haben einen anderen
Gegenstand. Mein Haus war immer jedem offen und zugänglich, auch dem
Herrn Zeugen. Mein Leben gehört seit mehr als fünfzig Jahren nicht
mir, es gehört einem Gedanken, den zu meiner Zeit mehrere hatten,
der Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Ich war vermögend, als ich in
die Öffentlichkeit trat. Wenn ich [459]sie verlasse, werde ich arm
sein. Ich brauche keine Verteidigung!“
Er schwieg, sein
Gesicht zitterte noch – aber Diederich zuckte nur die Achseln. Auf
welche Erfolge berief sich der Alte? Er hatte schon längst keine
mehr und brachte nun hohle Worte vor, auf die niemand eine Hypothek
gab. Er tat erhaben und befand sich schon unter den Rädern. Konnte
ein Mensch seine Lage so sehr verkennen? „Wenn einer von uns den
anderen von oben herab zu behandeln hat –“ Und Diederich blitzte. Er
blitzte den Alten, der vergebens flammte, einfach nieder, und
diesmal endgültig, mitsamt der Gerechtigkeit und dem Wohl aller.
Zuerst das eigene Wohl – und gerecht war die Sache, die Erfolg
hatte!... Er fühlte deutlich, daß dies für alle feststand. Auch der
Alte fühlte es, er setzte sich wieder, er bekam runde Schultern, in
seine Miene trat etwas wie Scham. Zu den Schöffen gewendet, sagte
er: „Ich verlange keine Ausnahmestellung, ich unterwerfe mich dem
Urteil meiner Mitbürger.“
Worauf denn
Diederich, als sei nichts geschehen, in seiner Aussage fortfuhr. Sie
war wirklich sehr schonend und machte den besten Eindruck. Seit dem
Prozeß Lauer fand man ihn durchaus günstig verändert; er hatte an
überlegener Ruhe gewonnen, was freilich kein Kunststück hieß, da er
jetzt ein gemachter Mann und fein heraus war. Gerade schlug es
Mittag, und im Saal verbreitete sich summend das Neueste aus der
„Netziger Zeitung“: es war Tatsache, Heßling, Großaktionär von
Gausenfeld, war als Generaldirektor berufen worden ... Neugierig
musterte man ihn – und ihm gegenüber den alten Buck, auf dessen
Kosten er Seide gesponnen hatte. Die zwanzigtausend, die er dem
Alten zuletzt noch geliehen hatte, bekam [460]er nun mit hundert
Prozent zurück, und war noch edel. Daß der Alte sich für das Geld
gerade Gausenfelder gekauft hatte, wirkte wie ein guter Witz von
Heßling und tröstete im Augenblick manchen über den eigenen Verlust.
Bei Diederichs Abgang schwieg man an seinem Wege. Die Grüße drückten
Achtung in dem Grade aus, wo sie in Unterwürfigkeit übergeht. Die
Hereingefallenen grüßten den Erfolg.
Mit dem alten Buck
verfuhren sie unwirscher. Als der Vorsitzende das Urteil verkündete,
ward geklatscht. Nur fünfzig Mark für den Redakteur der
„Volksstimme“! Der Beweis war nicht vollständig erbracht, guter
Glaube ward zugebilligt. Vernichtend für den Kläger, sagten die
Juristen – und wie Buck das Gerichtsgebäude verließ, wichen auch die
Freunde ihm aus. Kleine Leute, die an Gausenfeld ihre Ersparnisse
verloren hatten, schüttelten die Fäuste hinter ihm her. Und allen
brachte dieser Spruch des Gerichts die Erleuchtung, daß sie mit
ihrer Meinung über den alten Buck eigentlich schon längst fertig
waren. Ein Geschäft wie das mit dem Terrain für das Säuglingsheim
mußte wenigstens glücken: das Wort war von Heßling, und es stimmte.
Aber daran lag es: dem alten Buck war seiner Lebtage kein Geschäft
geglückt. Er dünkte sich was Wunder, wenn er als Stadtvater und
Parteiführer mit Schulden abschnitt. Faule Kunden gab es noch mehr!
Der geschäftlichen Fragwürdigkeit aber entsprach die moralische,
dafür zeugte die nie recht aufgeklärte Geschichte mit der Verlobung
seines Sohnes, desselben, der sich jetzt beim Theater umhertrieb.
Und Bucks Politik? Eine internationale Gesinnung, immer nur Opfer
fordern für demagogische Zwecke, aber wie Hund und Katz’ mit der
Regierung, was dann wieder auf die Geschäfte zurückwirkte: das war
die Politik eines Menschen, der nichts mehr zu [461]verlieren hat
und dem es an gutbürgerlicher Mündelsicherheit gebricht. Entrüstet
erkannte man, daß man sich auf Gedeih und Verderb in der Hand eines
Abenteurers befunden hatte. Ihn unschädlich zu machen, war der
allgemeine Herzenswunsch. Da er von selbst aus dem vernichtenden
Urteil die Folgerungen nicht zog, mußten andere sie ihm nahelegen.
Das Verwaltungsrecht enthielt doch wohl eine Bestimmung, wonach ein
Gemeindebeamter sich durch sein Verhalten in und außer dem Amte der
Achtung, die dieses erfordert, würdig zu erweisen hatte. Ob der alte
Buck diese Bestimmung erfüllte? Die Frage aufwerfen, hieß sie
verneinen, wie die „Netziger Zeitung“, ohne natürlich seinen Namen
zu nennen, feststellte. Aber es mußte erst so weit kommen, daß die
Stadtverordnetenversammlung mit der Angelegenheit befaßt ward. Da
endlich, einen Tag vor der Debatte, nahm der hartgesottene Alte
Vernunft an und legte sein Amt als Stadtrat nieder. Seine
politischen Freunde konnten ihn hiernach, bei Gefahr, die letzten
Anhänger zu verlieren, nicht länger an der Spitze der Partei lassen.
Er machte es ihnen nicht leicht, wie es schien; mehrfache Besuche
bei ihm und ein sanfter Druck waren nötig, bevor in der Zeitung sein
Brief erschien: das Wohl der Demokratie sei ihm wichtiger als seins.
Da ihr, unter der Einwirkung von Leidenschaften, die er für
vergänglich halten wolle, jetzt Schaden drohe durch seinen Namen,
trete er zurück. „Wenn es dem Ganzen nützen kann, bin ich bereit,
den ungerechten Makel, den der getäuschte Volkswille mir auferlegt,
zu tragen, im Glauben an die ewige Gerechtigkeit des Volkes, das ihn
dereinst wieder von mir nehmen wird.“
Dies faßte man als
Heuchelei und Überhebung auf; die Wohlmeinenden entschuldigten es
mit Greisenhaftigkeit. [462]Übrigens hatte, was er schrieb oder
nicht schrieb, keinen Belang mehr, denn was war er noch? Leute, die
ihm Stellungen oder Gewinn verdankten, sahen ihm plötzlich ins
Gesicht, ohne an den Hut zu fassen. Manche lachten und machten laute
Bemerkungen: es waren die, denen er nichts zu befehlen gehabt hatte
und die dennoch voll Ergebenheit gewesen waren, solange er das
allgemeine Ansehen genoß. Statt der alten Freunde aber, die auf
seinem täglichen Spaziergang sich niemals vorfanden, kamen neue,
seltsame. Sie begegneten ihm, wenn er heimkehrte und es schon
dämmerte, und es war etwa ein kleiner Geschäftsmann mit gehetzten
Augen, dem der Bankerott im Nacken saß, oder ein düsterer
Trunkenbold, oder irgendein die Häuser entlang streichender
Schatten. Diese sahen ihm, den Schritt verlangsamend, entgegen mit
scheuer oder frecher Vertraulichkeit. Sie rückten wohl zögernd ihre
Kopfbedeckung, dann winkte der alte Buck ihnen zu, und auch die
Hand, die hingehalten ward, nahm er, ganz gleich welche.
Da die Zeit verging,
beachtete auch der Haß ihn nicht mehr. Wer mit Absicht weggesehen
hatte, ging nun gleichgültig vorbei, und manchmal grüßte er wieder,
aus alter Gewohnheit. Ein Vater, der seinen jungen Sohn bei sich
hatte, bekam eine nachdenkliche Miene, und waren sie vorüber,
erklärte er dem Kinde: „Hast du den alten Herrn gesehen, der da so
allein hinschleicht und niemand ansieht? Dann merke dir für dein
Leben, was aus einem Menschen die Schande machen kann.“ Und das Kind
ward fortan beim Anblick des alten Buck von einem geheimnisvollen
Grauen überlaufen, gleich wie das erwachsene Geschlecht, als es
klein war, bei seinem Anblick einen unerklärten Stolz gefühlt hatte.
Junge Leute freilich gab es, die der herrschenden Meinung nicht
folgten. [463]Manchmal, wenn der Alte das Haus verließ, war eben die
Schule aus. Die Herden der Heranwachsenden trabten davon,
ehrfürchtig machten sie ihren Lehrern Platz, und Kühnchen, jetzt
rückhaltlos national, oder Pastor Zillich, sittenstrenger als je
seit dem Unglück mit Käthchen, eilten hindurch, ohne einen Blick für
den Gefallenen. Da blieben am Wege diese wenigen jungen Leute
stehen, jeder für sich, wie es schien, und aus eigenem Antrieb. Ihre
Stirnen sahen weniger glatt aus als die meisten; sie hatten Ausdruck
in den Augen, nun sie Kühnchen und Zillich den Rücken kehrten und
vor dem alten Buck den Kopf entblößten. Unwillkürlich hielt er dann
den Schritt an und sah in diese zukunftsträchtigen Gesichter, noch
einmal voll der Hoffnung, mit der er sein Leben lang in alle
Menschengesichter gesehen hatte.
Diederich inzwischen
hatte wahrhaftig keine Zeit, viel Aufmerksamkeit zu wenden an
nebensächliche Begleiterscheinungen seines Aufstiegs. Die „Netziger
Zeitung“, jetzt unbedingt zu Diederichs Verfügung, stellte fest, daß
Herr Buck selbst es gewesen sei, der, noch bevor er den Vorsitz im
Aufsichtsrat niederlegte, die Berufung des Herrn Doktor Heßling zum
Generaldirektor befürworten mußte. An der Tatsache spürte mancher
einen eigenartigen Geschmack. Doch gab Nothgroschen zu bedenken, daß
Herr Generaldirektor Doktor Heßling sich ein großes und
unbestrittenes Verdienst um die Allgemeinheit erworben habe. Ohne
ihn, der mehr als die Hälfte der Aktien in aller Stille an sich
gebracht hatte, wären sie sicherlich immer tiefer gefallen, und gar
manche Familie verdankte es nur Herrn Doktor Heßling, daß sie vor
dem Zusammenbruch bewahrt blieb. Der Streik war durch die Energie
des neuen [464]Generaldirektors glücklich beschworen. Seine
nationale und kaisertreue Gesinnung bürgte dafür, daß die
Regierungssonne künftig über Gausenfeld nicht mehr untergehen werde.
Kurz, herrliche Zeiten brachen nun an für das wirtschaftliche Leben
Netzigs und besonders für die Papierindustrie – zumal das Gerücht
von einer Fusion des Heßlingschen Werkes mit Gausenfeld, wie aus
sicherer Quelle verlautete, auf Wahrheit beruhte. Nothgroschen
konnte verraten, daß Herr Doktor Heßling nur unter dieser Bedingung
sich habe bewegen lassen, die Leitung Gausenfelds zu übernehmen.
Tatsächlich hatte
Diederich nichts so Eiliges zu tun, als das Aktienkapital erhöhen zu
lassen. Für das neue Kapital ward das Heßlingsche Werk erworben.
Diederich hatte ein glänzendes Geschäft gemacht. Seine erste
Regierungshandlung hatte der Erfolg gekrönt, er war Herr der Lage,
mit seinem Aufsichtsrat aus gefügigen Männern, und konnte daran
gehen, der inneren Organisation des Unternehmens seinen
Herrscherwillen aufzudrücken. Gleich anfangs versammelte er sein
ganzes Volk von Arbeitern und Angestellten. „Einige von euch“, sagte
er, „kennen mich schon, vom Heßlingschen Werk her. Na, und ihr
anderen sollt mich kennenlernen! Wer mir behilflich sein will, ist
willkommen, aber Umsturz wird nicht geduldet! Vor noch nicht zwei
Jahren hab’ ich das einem kleinen Teil von euch gesagt, und jetzt
seht euch an, wie viele ich jetzt unter meinem Befehle habe. Ihr
könnt stolz auf einen solchen Herrn sein! Verlaßt euch auf mich, ich
werde es mir angelegen sein lassen, euern nationalen Sinn zu wecken
und euch zu treuen Anhängern der bestehenden Ordnung zu machen.“ Und
er verhieß ihnen eigene Wohnhäuser, Krankenunterstützungen, billige
[465]Lebensmittel. „Sozialistische Umtriebe aber verbitte ich mir!
Wer in Zukunft anders wählt, als ich will, fliegt!“ Auch dem
Unglauben, sagte Diederich, sei er zu steuern entschlossen; jeden
Sonntag werde er sich überzeugen, wer in der Kirche sei und wer
nicht. „Solange in der Welt die unerlöste Sünde herrscht, wird es
Krieg und Haß, Neid und Zwietracht geben. Und darum: einer muß Herr
sein!“
Um diesen obersten
Grundsatz zur Geltung zu bringen, wurden alle Räume der Fabrik
bedeckt mit Inschriften, die ihn verkündeten. Durchgang verboten!
Wasserholen mit den Eimern der Feuerlöschapparate verboten!
Flaschenbierholen erst recht verboten, denn Diederich hatte nicht
versäumt, mit einer Brauerei einen Vertrag zu schließen, der ihm
Vorteile sicherte vom Konsum seiner Leute ... Essen, Schlafen,
Rauchen, Kinder mitbringen, „Poussieren, Schäkern, Knutschen,
überhaupt jede Unzucht“ strengstens verboten! In den Arbeiterhäusern
waren, noch bevor sie wirklich dastanden, Pflegekinder verboten. Ein
in freier Liebe dahinlebendes Paar, das unter Klüsing zehn Jahre
lang sich der Entdeckung zu entziehen gewußt hatte, wurde feierlich
entlassen. Dieser Vorfall war für Diederich sogar der Anlaß, ein
neues Mittel zur sittlichen Hebung des Volkes zu verwenden. An den
geeigneten Orten ließ er ein in Gausenfeld selbst erzeugtes Papier
aufhängen, bei dessen Benutzung niemand umhin konnte, die
moralischen oder staatserhaltenden Maximen zu beachten, mit denen es
bedruckt war. Zuweilen hörte er die Arbeiter einen von hoher Stelle
stammenden Ausspruch einander zurufen, von dem sie auf diesem Wege
überzeugt worden waren, oder sie sangen ein patriotisches Lied, das
sich ihnen bei derselben Gelegenheit eingeprägt hatte. Ermutigt
durch diese Erfolge, brachte Diederich seine Er[466]findung in den
Handel. Sie trat unter dem Zeichen „Weltmacht“ auf, und wirklich
trug sie, wie eine großzügige Reklame es verkündete, deutschen
Geist, gestützt auf deutsche Technik, siegreich durch die Welt.
Alle Konfliktsstoffe
zwischen Herrn und Arbeitern konnten auch diese erzieherischen
Papiere nicht entfernen. Eines Tages sah Diederich sich veranlaßt,
bekanntzugeben, daß er vom Versicherungsgeld nur Zahnbehandlung,
nicht aber auch Zahnersatz bezahlen werde. Ein Mann hatte sich ein
ganzes Gebiß verfertigen lassen! Da Diederich sich auf seine,
freilich erst nachträglich erlassene Bekanntmachung berief,
prozessierte der Mann und bekam abenteuerlicherweise sogar recht.
Hierdurch in seinem Glauben an die herrschende Ordnung erschüttert,
ward er zum Aufwiegler, verkam sittlich und wäre unter anderen
Umständen unbedingt entlassen worden. So aber konnte Diederich sich
nicht entschließen, das Gebiß, das ihn teuer zu stehen kam,
dahinzugeben, und behielt daher auch den Mann.... Die ganze
Angelegenheit, er verhehlte es sich nicht, war dem Geiste der
Arbeiterschaft nicht zuträglich. Hinzu kam die Einwirkung
gefährlicher politischer Ereignisse. Als im neu eröffneten
Reichstagsgebäude mehrere sozialdemokratische Abgeordnete beim
Kaiserhoch sitzengeblieben waren, da konnte man nicht mehr zweifeln,
die Notwendigkeit einer Umsturzvorlage war bewiesen. Diederich
machte in der Öffentlichkeit dafür Stimmung; seine Leute bereitete
er darauf in einer Ansprache vor, die sie mit düsterem Schweigen
aufnahmen. Die Mehrheit des Reichstages war gewissenlos genug, die
Vorlage abzulehnen, und der Erfolg ließ nicht warten, ein
Industrieller ward ermordet. Ermordet! Ein Industrieller! Der Mörder
behauptete kein Sozialdemokrat zu sein, aber [467]das kannte
Diederich von seinen eigenen Leuten her; und der Ermordete sollte
arbeiterfreundlich gewesen sein, aber das kannte Diederich an sich
selbst. Tage- und wochenlang öffnete er keine Tür ohne Bangen vor
einem dahinter schon gezückten Messer. Sein Bureau erhielt
Selbstschüsse, und gemeinsam mit Guste kroch er jeden Abend durch
das Schlafzimmer und suchte. Seine Telegramme an den Kaiser, mochten
sie von der Stadtverordnetenversammlung ausgehen, vom Vorstand der
„Partei des Kaisers“, vom Unternehmerverband oder vom Kriegerverein:
die Telegramme, mit denen Diederich den Allerhöchsten Herrn
überschüttete, schrien nach Hilfe gegen die von den Sozialisten
angefachte Revolutionsbewegung, der wieder ein Opfer mehr erlegen
war; nach Befreiung von dieser Pest, nach schleunigen gesetzlichen
Maßnahmen, militärischem Schutz der Autorität und des Eigentums,
nach Zuchthausstrafen für Streikende, die jemand abhielten zu
arbeiten.... Die „Netziger Zeitung“, die alles dies pünktlich
wiedergab, vergaß aber keinesfalls hinzuzufügen, wie sehr gerade
Herr Generaldirektor Doktor Heßling sich verdient mache um den
sozialen Frieden und die Arbeiterfürsorge. Jedes von Diederich
neuerbaute Arbeiterhaus führte Nothgroschen stark geschmeichelt im
Bilde vor und schrieb dazu einen hochgestimmten Artikel. Mochten
gewisse andere Arbeitgeber, deren Einfluß in Netzig glücklicherweise
nicht mehr in Frage kam, unter ihren Angestellten subversive
Tendenzen schüren, indem sie sie am Gewinn beteiligten. Die von
Herrn Generaldirektor Doktor Heßling vertretenen Grundsätze
zeitigten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer das denkbar beste
Verhältnis, wie Seine Majestät der Kaiser es überall in der
deutschen Industrie zu sehen wünschten. Ein kräf[468]tiger
Widerstand gegen die unberechtigten Forderungen der Arbeiter sowie
eine Koalition der Arbeitgeber gehörten bekanntlich gleichfalls zum
sozialen Programm des Kaisers, das mit zu verwirklichen ein
Ruhmestitel des Herrn Generaldirektor Doktor Heßling war. – Und
daneben stand Diederichs Bild.
Solche Anerkennung
spornte zu immer eifrigerer Betätigung an – trotz der unerlösten
Sünde, die ihre verheerende Wirkung übrigens nicht nur geschäftlich,
sondern auch in der Familie äußerte. Hier war es leider Kienast, der
Neid und Zwietracht säte. Er behauptete, daß ohne ihn und seine
unauffällige Vermittlung beim Ankauf der Aktien Diederich seine
glänzende Stellung gar nicht erlangt haben würde. Worauf Diederich
erwiderte, daß Kienast durch einen seinen Mitteln entsprechenden
Aktienbesitz entschädigt sei. Dies erkannte der Schwager nicht an,
vielmehr vermaß er sich, für seine pietätlosen Ansprüche eine
rechtliche Grundlage gefunden zu haben. War er nicht als Gatte
Magdas der Mitbesitzer, zu einem Achtel ihres Wertes, der alten
Heßlingschen Fabrik gewesen? Die Fabrik war verkauft, Diederich
hatte bares Geld und Gausenfelder Vorzugsaktien dafür bekommen.
Kienast verlangte ein Achtel der Kapitalrente und der jährlichen
Dividende der Vorzugsaktien. Auf dieses unerhörte Ansinnen erwiderte
Diederich mit aller Energie, daß er weder seinem Schwager noch
seiner Schwester irgend etwas mehr schuldig sei. „Ich war nur
verpflichtet, euch euren Anteil vom jährlichen Gewinn meiner Fabrik
zu zahlen. Meine Fabrik ist verkauft. Gausenfeld gehört nicht mir,
sondern einer Aktiengesellschaft. Was das Kapital betrifft, das ist
mein Privatvermögen. Ihr habt nichts zu fordern.“ – Kienast nannte
dies einen offenen Raub, Die[469]derich, durch die eigenen Argumente
vollkommen überzeugt, sprach von Erpressung, und dann folgte ein
Prozeß.
Der Prozeß dauerte
drei Jahre. Er ward mit immer wachsender Erbitterung geführt,
besonders von seiten Kienasts, der, um sich ihm ganz zu widmen,
seine Stellung in Eschweiler aufgab und mit Magda nach Netzig zog.
Als Hauptzeugen gegen Diederich hatte er den alten Sötbier
aufgestellt, der in seiner Rachsucht nun wirklich beweisen wollte,
daß Diederich schon früher an seine Verwandten nicht die ihnen
zustehenden Summen abgeführt habe. Auch verfiel Kienast darauf,
gewisse Punkte in Diederichs Vergangenheit mit Hilfe des jetzigen
Abgeordneten Napoleon Fischer aufhellen zu wollen: was ihm freilich
niemals recht gelang. Immerhin aber ward Diederich durch dieses
Vorgehen genötigt, zu verschiedenen Malen größere Beträge für die
sozialdemokratische Parteikasse zu erlegen. Und er durfte es sich
sagen, sein persönlicher Verlust schmerzte ihn weniger als der
Abbruch, den dergestalt die nationale Sache erlitt ... Guste, deren
Blick so weit nicht reichte, schürte den Streit der Männer mehr aus
weiblichen Motiven. Ihr Erstes war ein Mädchen, und sie verzieh
Magda ihren Jungen nicht. Magda, die den Geldsachen anfangs nur ein
laues Interesse entgegengebracht hatte, leitete den Beginn der
Feindseligkeiten von dem Tage her, als Emmi mit einem aus Berlin
bezogenen unerhörten Hut erschien. Magda stellte fest, daß Emmi
jetzt von Diederich in der empörendsten Weise bevorzugt wurde. Emmi
bewohnte in Gausenfeld ein eigenes Appartement, wo sie Tees gab. Die
Höhe ihres Toilettegeldes stellte eine Unverschämtheit gegen die
verheiratete Schwester dar. Magda mußte sehen, daß der Vorrang, den
ihre Verheiratung ihr eingetragen hatte, [470]sich in das Gegenteil
verkehrte; und sie beschuldigte Diederich, er habe sich ihrer, vor
dem Anbruch seiner Glanzzeit, heimtückisch entledigt. Wenn Emmi auch
jetzt noch keinen Mann fand, schien dies besondere Gründe zu haben –
die man sich in Netzig denn auch ins Ohr sagte. Magda sah kein
Hindernis, sie laut auszusprechen. Durch Inge Tietz erfuhr man es in
Gausenfeld; aber Inge brachte zugleich eine Waffe gegen die
Verleumderin mit, weil sie nämlich bei Kienasts der Hebamme begegnet
war, und das erste Kind war kaum ein halbes Jahr. Ein furchtbarer
Aufruhr trat hierauf ein, telephonische Beschimpfungen von Haus zu
Haus, Drohungen mit gerichtlicher Klage, wofür man Stoff sammelte,
indem jede der beiden Frauen das Zimmermädchen der anderen anwarb.
Und bald nachdem
Diederich und Kienast mit männlicher Besonnenheit den äußersten
Familienskandal für diesmal noch verhütet hatten, brach er dennoch
aus. Guste und Diederich bekamen anonyme Briefe, die sie vor jedem
Dritten und sogar voreinander verstecken mußten, so grenzenlos
frivol war ihr Inhalt. Noch dazu illustrierten ihn Zeichnungen, die
jedes erlaubte Maß einer wenn auch realistischen Kunst
überschritten. Pünktlich jeden Morgen lagen die harmlos grauen
Umschläge auf dem Frühstückstisch, und jeder ließ den seinen
verschwinden, wobei man tat, als habe man den des anderen nicht
bemerkt. Eines Tages freilich war es aus mit dem Versteckenspiel,
denn Magda hatte die Kühnheit, in Gausenfeld zu erscheinen, versehen
mit einem Packen ganz gleichartiger Briefe, die sie selbst erhalten
haben wollte. Dies fand Guste zu stark. „Du wirst wohl wissen, wer
sie dir schreibt!“ brachte sie hervor, erstickt und rot angelaufen.
Magda sagte, sie könne es sich denken, und darum sei [471]sie
gekommen. „Wenn du es nötig hast,“ erwiderte Guste und zischte, „daß
du dir selbst mußt solche Briefe schreiben, damit du in Stimmung
kommst, dann schreib’ sie wenigstens anderen Leuten nicht, die es
nicht nötig haben!“ Magda protestierte und stieß ihrerseits, grün im
Gesicht, Beschuldigungen aus. Aber Guste war zum Telephon gestürzt,
sie rief Diederich aus dem Bureau herbei; dann lief sie fort und
kehrte mit einem Packen Briefe zurück. Gegenüber trat Diederich ein
und hatte seinen auch schon dabei. Als die drei interessanten
Sammlungen wirkungsvoll ausgebreitet auf dem Tisch lagen, sahen die
drei Verwandten entgeistert einander an. Dann faßten sie sich und
schrien alle gleichzeitig dieselben Anklagen. Um nicht an Boden zu
verlieren, rief Magda das Zeugnis ihres Mannes an, der gleichfalls
heimgesucht sei. Guste behauptete, auch bei Emmi etwas gesehen zu
haben. Emmi ward geholt und gestand unschwer in ihrer wegwerfenden
Art, daß auch ihr die Post solche Schweinereien gebracht habe. Die
meisten habe sie vernichtet. Die alte Frau Heßling sogar war nicht
verschont geblieben! Sie leugnete zwar weinend, solange es ging,
ward aber überführt ... Da dies alles die Angelegenheit nur
erweiterte, aber nicht klärte, trennte man sich beiderseits mit
Drohungen, die innerlich haltlos, aber keineswegs ohne Schrecken
waren. Um ihre Stellung zu befestigen, hielt jede der Parteien
Umschau nach Bundesgenossen, wobei sich zunächst herausstellte, daß
auch Inge Tietz zu den Empfängern der unpassenden Darbietungen
gehörte. Was hiernach zu vermuten stand, bestätigte sich. Der
unheimliche Briefschreiber hatte überall in das Privatleben
eingegriffen, sogar bei Pastor Zillich, ja beim Bürgermeister und
den Seinen. Soweit man blickte, hatte er um das [472]Haus Heßling
und alle guten Häuser, die ihm nahestanden, eine Atmosphäre der
krassesten Obszönität geschaffen. Wochenlang wagte Guste sich nicht
hinaus. Ihr und Diederichs Argwohn warf sich entsetzensvoll von dem
auf jenen. In ganz Netzig traute keiner mehr dem Vertrautesten. Der
Tag kam und die Frühstücksstunde, da im Schoß der Familie Heßling
der Verdacht die letzten Grenzen verletzte. Ein Dokument, unbeirrbar
wie noch keins, zitterte in Gustes Hand; es hielt Augenblicke fest,
die in ihrer Eigentümlichkeit nur ihr und ihrem Gatten, tief
verschwiegen, bewußt waren. Kein Dritter ahnte dies, sonst hörte
alles auf. Dann aber?... Guste sandte über den Kaffeetisch einen
prüfenden Blick zu Diederich: in seiner Hand zitterte das gleiche
Papier, und auch sein Blick prüfte. Schnell schlugen beide,
schreckengepackt, die Augen nieder.
Der Verräter war
überall. Wo niemand sonst war, da war er ein zweites Ich. Durch ihn
ward in nie geahnter Weise alle bürgerliche Ehrbarkeit in Frage
gestellt. Dank seiner Tätigkeit wäre in Netzig jedes moralische
Selbstgefühl und alle gegenseitige Achtung zum Untergang verurteilt
gewesen, hätte man nicht, wie auf allseitige Verabredung,
Gegenmaßregeln getroffen, die sie wiederherstellten. Die
tausendfältigen Ängste, unterirdisch fortarbeitend nach einem
Ausweg, liefen zusammen von allen Seiten, schufen mit der Kraft der
vereinigten Angst den Kanal, der ans Licht führte, und konnten
endlich ihre dunkeln Fluten ergießen über einen Mann. Gottlieb
Hornung wußte nicht, wie ihm geschah. Unter vier Augen mit Diederich
hatte er nach seiner Weise groß getan und sich gewisser Briefe
gerühmt, die er geschrieben haben wollte. Auf Diederichs strenge
Vorhaltungen bemerkte er nur, solche Briefe schriebe doch jetzt
jeder, es sei Mode, [473]ein Gesellschaftsspiel – was Diederich
sofort gebührend zurückwies. Er nahm aus der Unterredung den
Eindruck mit, sein alter Freund und Kommilitone Gottlieb Hornung,
der schon so manche nützlichen Dienste geleistet hatte, sei ganz
geeignet, auch hier einen zu leisten, wäre es selbst unfreiwillig;
weshalb er ihn pflichtgemäß anzeigte. Und als Hornung erst einmal
laut genannt war, zeigte es sich, daß er schon längst überall
verdächtigt war. Er hatte während der Wahlen zahlreiche Einblicke
erhalten, war übrigens aus Netzig und ohne Verwandte, was ihm den
Unfug offenbar erleichtert hatte. Hinzu kam sein Verzweiflungskampf
um das Recht, weder Schwämme noch Zahnbürsten zu verkaufen; dieser
Kampf verbitterte ihn zusehends, er hatte ihm gewisse höhnische
Äußerungen entrissen, über Herrschaften, die die Schwämme wohl nicht
nur außen nötig hätten, und bei denen mit Zähneputzen noch nichts
geschehen sei. Er ward angeklagt und gab in mehreren Fällen seine
Urheberschaft ohne weiteres zu. In den meisten freilich leugnete er
sie um so kräftiger, aber dafür gab es Schreibsachverständige.
Gegenüber der Meinung eines Zeugen wie Heuteufel, der von einer
Epidemie sprach und behauptete, ein einzelner sei zu schwach für
diesen ungeheuren Haufen Mist, standen alle übrigen Aussagen, stand
der öffentliche Wille. Auf das glücklichste vertrat ihn Jadassohn,
der seit seiner Rückkehr aus Paris kleinere Ohren hatte und zum
Staatsanwalt befördert war. Der Erfolg und das Bewußtsein,
einwandfrei dazustehen, hatten ihn sogar Mäßigung gelehrt; er sah
ein, daß Rücksicht auf das große Ganze es gebiete, den Stimmen Gehör
zu schenken, die Hornung für nervös überreizt ausgaben. Am
bestimmtesten tat dies Diederich, der für seinen unglücklichen
Jugendfreund [474]in jeder Weise eintrat. Hornung kam mit einem
Aufenthalt im Sanatorium davon, und als er herausdurfte, versah
Diederich ihn, wenn er nur Netzig verließ, mit Mitteln, die ihn
gegen die Schwämme und Zahnbürsten für einige Zeit wappneten. Auf
die Dauer freilich waren sie wohl die Stärkeren, und ein gutes Ende
ließ sich kaum vorhersagen für Gottlieb Hornung.... Natürlich
hörten, sobald er wohlverwahrt in der Anstalt saß, die Briefe auf.
Oder wenigstens ließ man sich, wenn noch einer kam, nichts mehr
merken, die Affäre war abgetan.
Diederich durfte
wieder sagen: „Mein Haus ist meine Burg.“ Die Familie, nicht länger
schmutzigen Eingriffen ausgesetzt, blühte auf das reinste empor.
Nach Gretchen, die 1894 geboren ward, und Horst, von 1895, folgte
1896 Kraft. Diederich, ein gerechter Vater, legte jedem der Kinder,
noch bevor es da war, ein Konto an und trug vorerst die Kosten der
Ausstattung und der Hebamme ein. Seine Auffassung vom Eheleben war
die strengste. Horst kam nicht ohne Mühe zur Welt. Als es vorüber
war, erklärte Diederich seiner Gattin, daß er, vor die Wahl
gestellt, sie glatt hätte sterben lassen. „So peinlich es mir
gewesen wäre“, setzte er hinzu. „Aber die Rasse ist wichtiger, und
für meine Söhne bin ich dem Kaiser verantwortlich.“ Die Frauen waren
der Kinder wegen da, Frivolitäten und Ungehörigkeiten versagte
Diederich ihnen, war aber nicht abgeneigt, ihnen Erhebung und
Erholung zu gönnen. „Halte dich an die drei großen G“, bedeutete er
Guste. „Gott, Gafee und Gören.“ Auf dem rotgewürfelten Tischtuch,
mit Reichsadler und Kaiserkrone in den Würfeln, lag neben der
Kaffeekanne immer die Bibel, und Guste war gehalten, jeden Morgen
daraus [475]vorzulesen. Am Sonntag ging man zur Kirche. „Es ist oben
erwünscht“, sagte Diederich ernst, wenn Guste sich sträubte. Wie
Diederich in der Furcht seines Herrn, hatte Guste in der Furcht des
ihren zu leben. Beim Eintritt ins Zimmer war es ihr bewußt, daß dem
Gatten der Vortritt gebühre. Die Kinder wieder mußten ihr selbst die
Ehre erweisen, und der Teckel Männe hatte alle zu Vorgesetzten. Beim
Essen dann oblag es Hund und Kindern, sich schweigend zu verhalten;
Gustes Sache war es, aus den Stirnfalten des Gatten zu ersehen, ob
es geboten sei, daß man ihn ungestört lasse, oder aber ihm durch
Geplauder die Sorgen verscheuche. Gewisse Gerichte wurden nur für
den Hausherrn aufgetragen, und Diederich warf an guten Tagen ein
Stück davon über den Tisch, um herzlich lachend zuzusehn, wer es
erwischte, Gretchen, Guste oder Männe. Sein Nachmittagsschlaf war
öfters durch eine Verdauungsstörung beschwert; Gustes Pflicht
erheischte dann, ihm warme Bauchbinden anzulegen. Diederich verhieß
ihr, ächzend und schwer beängstet, daß er sein Testament machen und
einen Vormund einsetzen werde. Guste werde kein Geld in die Hand
bekommen. „Ich hab’ für meine Söhne gearbeitet, aber nicht, damit du
dich nachher amüsierst!“ Guste machte geltend, ihr eigenes Vermögen
sei die Grundlage von allem, aber sie kam schön an ... Freilich,
wenn Guste den Schnupfen hatte, durfte sie nicht erwarten, daß
Diederich nun seinerseits ihre Pflege übernahm. Sie hatte sich dann
nach Möglichkeit von ihm fernzuhalten, denn Diederich war
entschlossen, keine Bazillen zu dulden. Die Fabrik betrat er nur mit
desinfizierenden Tabletten im Munde; und eines Nachts entstand
großer Lärm, weil die Köchin an Influenza erkrankt war und vierzig
Grad Fieber hatte. [476]„Sofort aus dem Hause mit der Schweinerei!“
befahl Diederich; und als sie fort war, irrte er noch lange,
keimtötende Flüssigkeiten verspritzend, durch die Wohnung.
Am Abend bei der
Lektüre des „Lokal-Anzeigers“ erklärte er seiner Gattin immer
wieder, daß leben nicht notwendig sei, wohl aber schiffahren – was
Guste schon darum einsah, weil auch sie die Kaiserin Friedrich nicht
mochte, die uns bekanntlich an England verriet, ganz abgesehen von
gewissen häuslichen Zuständen in Schloß Friedrichskron, die Guste
lebhaft mißbilligte. Gegen England brauchten wir eine starke Flotte;
es mußte unbedingt zerschmettert werden, es war der ärgste Feind des
Kaisers. Und warum? Man wußte es in Netzig ganz genau: nur weil
Seine Majestät einst in angeregter Laune dem Prinzen von Wales dort,
wo es am verlockendsten erschien, einen freundschaftlichen Schlag
versetzt hatte. Außerdem kamen aus England gewisse feine
Papiersorten, deren Einfuhr durch einen siegreichen Krieg am
sichersten abgestellt worden wäre. Über die Zeitung hinweg sagte
Diederich zu Guste: „So wie ich England hasse, hat nur Friedrich der
Große dies Volk von Dieben und Händlern gehaßt. Das ist ein Wort
Seiner Majestät, und ich unterschreibe es.“ Er unterschrieb jedes
Wort in jeder Rede des Kaisers, und zwar in der ersten, stärkeren
Form, nicht in der abgeschwächten, die sie am Tage darauf annahmen.
Alle diese Kernworte deutschen und zeitgemäßen Wesens – Diederich
lebte und webte in ihnen, wie in Ausstrahlungen seiner eigenen
Natur, sein Gedächtnis bewahrte sie, als habe er sie selbst
gesprochen. Manchmal hatte er sie wirklich schon gesprochen. Andere
untermischte er bei öffentlichen Gelegenheiten seinen eigenen
Erfindungen, und weder er noch ein anderer unterschied, was von ihm
[477]kam und was von einem Höheren ... „Dies ist süß“, sagte Guste,
die das Vermischte las. „Der Dreizack gehört in unsere Faust“,
behauptete Diederich unbeirrt, indes Guste ein Erlebnis der Kaiserin
zum besten gab, das sie tief befriedigte. In Hubertusstock gefiel
sich die hohe Frau in einfacher, beinahe bürgerlicher Kleidung. Ein
Briefträger, dem sie sich auf der Landstraße zu erkennen gab, hatte
ihr nicht geglaubt, daß sie es sei, und sie ausgelacht. Nachher war
er vernichtet auf die Knie gesunken und hatte eine Mark erhalten.
Dies entzückte auch Diederich – wie es ihm andererseits an das Herz
griff, daß der Kaiser am Weihnachtsabend auf die Straße ging, um mit
57 Mark neugeprägten Geldes den Armen Berlins ein frohes Fest zu
bereiten – und wie es ihn ahnungsvoll erschauern ließ, daß Seine
Majestät Ehrenbailli des Maltheserordens geworden war. Welten, nie
geahnt, erschloß der „Lokal-Anzeiger“, und dann wieder brachte er
einem die Allerhöchsten Herrschaften gemütlich nahe. Im Erker dort
die dreiviertel lebensgroßen Bronzefiguren der Majestäten schienen
lächelnd näher zu rücken, und den Trompeter von Säckingen, der sie
begleitete, hörte man traulich blasen. „Himmlisch muß es bei Kaisers
sein,“ meinte Guste, „wenn große Wäsche ist. Sie haben hundert Leute
zum Waschen!“ Wohingegen Diederich von tiefem Wohlgefallen erfüllt
ward durch die Teckel des Kaisers, die vor den Schleppen der
Hofdamen keine Achtung zu haben brauchten. Der Plan reifte in ihm,
bei seiner nächsten Soiree seinem Männe volle diesbezügliche
Freiheit zu erteilen. Freilich, schon auf der folgenden Spalte
machte ein Telegramm ihm ernste Sorge, weil es noch immer nicht
feststand, ob der Kaiser und der Zar sich treffen würden. „Wenn es
nicht bald kommt,“ sagte [478]er gewichtig, „müssen wir uns auf
alles gefaßt machen. Die Weltgeschichte läßt nicht mit sich spaßen.“
Gern hielt er sich länger bei drohenden Katastrophen auf, denn „die
deutsche Seele ist ernst, fast tragisch“, stellte er fest.
Aber Guste zeigte
keine Teilnahme mehr, sie gähnte immer häufiger. Unter dem
strafenden Blick des Gatten schien sie sich an eine Pflicht zu
erinnern, sie machte herausfordernde Schlitzaugen und bedrängte ihn
sogar mit ihren Knien. Er wollte noch einen nationalen Gedanken
äußern, da sagte Guste mit ungewohnt strenger Stimme „Quatsch“;
Diederich aber, weit entfernt, diesen Übergriff zu bestrafen,
blinzelte sie an, als erwartete er noch mehr ... Da er sie unten zu
umspannen versuchte, verscheuchte sie vollends ihre Müdigkeit, und
plötzlich hatte er eine mächtige Ohrfeige – worauf er nichts
erwiderte, sondern aufstand und sich schnaufend hinter einen Vorhang
drückte. Und als er wieder in das Licht kam, zeigte es sich, daß
seine Augen keineswegs blitzten, sondern voll Angst und dunkeln
Verlangens standen ... Dies schien Guste die letzten Bedenken zu
nehmen. Sie erhob sich; indes sie in fesselloser Weise mit den
Hüften schaukelte, begann sie ihrerseits heftig zu blitzen, und den
wurstförmigen Finger gebieterisch gegen den Boden gestreckt, zischte
sie: „Auf die Knie, elender Schklafe!“ Und Diederich tat, was sie
heischte! In einer unerhörten und wahnwitzigen Umkehrung aller
Gesetze durfte Guste ihm befehlen: „Du sollst meine herrliche
Gestalt anbeten!“ – und dann auf den Rücken gelagert, ließ er sich
von ihr in den Bauch treten. Freilich unterbrach sie sich inmitten
dieser Tätigkeit und fragte plötzlich ohne ihr grausames Pathos und
streng sachlich: „Haste genug?“ Diederich rührte sich nicht; sofort
ward Guste wieder ganz Herrin. [479]„Ich bin die Herrin, du bist der
Untertan“, versicherte sie ausdrücklich. „Aufgestanden! Marsch!“ –
und sie stieß ihn mit ihren Grübchenfäusten vor sich her nach dem
ehelichen Schlafgemach. „Freu’ dich!“ verhieß sie ihm schon, da
gelang es Diederich, zu entwischen und das Licht abzudrehen. Im
Dunkeln, versagenden Herzens vernahm er, wie Guste dort hinten ihm
die wenigst anständigen Namen gab, wobei sie freilich schon wieder
gähnte. Etwas später lag sie vielleicht schon und schlief –
Diederich aber, noch immer des Äußersten gewärtig, kroch auf allen
Vieren die Estrade hinan und versteckte sich hinter dem bronzenen
Kaiser ...
Regelmäßig nach
solchen nächtlichen Phantasien ließ er sich am Morgen das
Wirtschaftsbuch vorlegen, und wehe, wenn Gustes Rechnung nicht glatt
aufging. Durch ein fürchterliches Strafgericht in Gegenwart aller
Dienstboten setzte Diederich ihrem kurzen Machtdünkel, falls sie
noch eine Erinnerung daran bewahrte, ein jähes Ende. Autorität und
Sitte triumphierten wieder. Auch sonst war dafür gesorgt, daß die
ehelichen Beziehungen nicht allzusehr zum Vorteil Gustes
ausschlugen, denn jeden zweiten, dritten Abend, manchmal noch öfter,
ging Diederich fort – zum Stammtisch in den Ratskeller, wie er
sagte, aber das stimmte nicht immer ... Am Stammtisch war Diederichs
Platz unter einem gotischen Bogen, in dem zu lesen stand: „Je
schöner die Kneip’, desto schlimmer das Weib, je schlimmer das Weib,
desto schöner die Kneip’.“ Und auch die kernigen alten Sinnsprüche
in den übrigen Bogen rächten einen in wohltuender Weise für die
Zugeständnisse, die man, durch die Natur genötigt, der Frau daheim
zuweilen machte. „Wer nicht liebt Wein und Gesang, verdient ein Weib
sein Leben lang“, oder „Behüt [480]euch Gott vor Schmerz und Wunden,
vor bösen Weibern und bösen Hunden“. Dagegen las, wer zwischen
Jadassohn und Heuteufel die Augen zur Decke erhob: „Friedliche Rast
am traulichen Herd, und an der Wand ein schneidiges Schwert. Nach
alter Sitt’ in deutscher Mitt’, kommt trinkt euch aller Sorgen
quitt“. Was allerseits geschah, ohne Unterschied der Konfession und
Partei. Denn auch Cohn und Heuteufel samt ihren näheren Freunden und
Gesinnungsgenossen hatten im Lauf der Zeit sich eingefunden, einer
nach dem anderen und ohne viel Aufsehen, weil es eben auf die Dauer
niemandem möglich war, den Erfolg zu bestreiten oder zu übersehen,
der den nationalen Gedanken beflügelte und immer höher trug. Das
Verhältnis Heuteufels zu seinem Schwager Zillich litt nach wie vor
unter Mißhelligkeiten. Zwischen den Weltanschauungen lagen denn doch
unübersteigbare Schranken, und „in seine religiösen Überzeugungen
läßt sich der Deutsche nicht hineinreden“, wie man auf beiden Seiten
feststellte. In der Politik dagegen war bekanntlich jede Ideologie
vom Übel. Seinerzeit im Frankfurter Parlament hatten gewisse
hochbedeutende Männer gesessen, aber es waren noch keine
Realpolitiker gewesen, und darum hatten sie nichts als Unsinn
gemacht, wie Diederich bemerkte. Übrigens milde gestimmt durch seine
Erfolge, gab er zu, daß das Deutschland der Dichter und Denker
vielleicht auch seine Berechtigung gehabt habe. „Aber es war doch
nur eine Vorstufe, unsere geistigen Leistungen heute liegen auf dem
Gebiet der Industrie und Technik. Der Erfolg beweist.“ Heuteufel
mußte es zugeben. Seine Äußerungen über den Kaiser, über Wirksamkeit
und Bedeutung Seiner Majestät klangen wesentlich zurückhaltender als
ehedem; bei jedem neuen Auf[481]treten des allerhöchsten Redners
stutzte er, versuchte zu nörgeln und ließ doch erkennen, daß er am
liebsten sich einfach angeschlossen hätte. Der entschiedene
Liberalismus, dies ward nachgerade allgemein anerkannt, konnte nur
gewinnen, wenn auch er sich mit der Energie des nationalen Gedankens
erfüllte, wenn er positiv mitarbeitete und bei zielbewußtem
Hochhalten des freiheitlichen Banners doch den Feinden, die uns den
Platz in der Sonne nicht gönnten, ein unerbittliches quos ego
zurief. Denn nicht nur unser Erbfeind Frankreich erhob immer aufs
neue das Haupt: auch die Abrechnung mit den unverschämten Engländern
rückte näher! Die Flotte, für deren Ausbau die geniale Propaganda
unseres genialen Kaisers unermüdlich wirkte, tat uns bitter not, und
unsere Zukunft lag tatsächlich auf dem Wasser, diese Erkenntnis
gewann immer mehr an Boden. Rings um den Stammtisch griff die Idee
der Flotte Platz und ward zur lodernden Flamme, die immer neu mit
deutschem Wein genährt, ihrem Schöpfer huldigte. Die Flotte, diese
Schiffe, verblüffende Maschinen bürgerlicher Erfindung, die in
Betrieb gesetzt, Weltmacht produzierten, genau wie in Gausenfeld
gewisse Maschinen ein gewisses „Weltmacht“ benanntes Papier
produzierten, sie lag Diederich mehr als alles am Herzen, und Cohn
wie Heuteufel wurden dem nationalen Gedanken vor allem durch die
Flotte gewonnen: Eine Landung in England war der Traum, der unter
den gotischen Gewölben des Ratskellers nebelte. Die Augen funkelten,
und die Beschießung Londons ward verhandelt. Die Beschießung von
Paris war eine Begleiterscheinung und vollendete die Pläne, die Gott
mit uns vorhatte. Denn „die christlichen Kanonen tun gute Arbeit“,
wie Pastor Zillich sagte. Nur Major Kunze be[482]zweifelte dies, er
erging sich in den düstersten Voraussagen. Seit er, Kunze, von dem
Genossen Fischer besiegt worden war, hielt er jede Niederlage für
möglich. Aber er blieb der einzige Nörgler. Wer am meisten
triumphierte, war Kühnchen. Die Taten, die der schreckliche kleine
Greis einst im großen Krieg vollführt hatte, jetzt endlich, ein
Vierteljahrhundert später, fanden sie ihre wahre Bestätigung in der
allgemeinen Gesinnung. „Die Saat,“ sagte er, „die wir dunnemals
gesät haben, na nu geht se auf. Daß meine alten Augen das noch sehen
dürfen!“ – und dann schlief er ein bei seiner dritten Flasche.
Im ganzen erfreulich
gestaltete sich auch Diederichs Verhältnis zu Jadassohn. Die
ehemaligen Rivalen, beide gereift und in die Sphäre der gesättigten
Existenzen vorgerückt, beeinträchtigten einander weder politisch
noch am Stammtisch, und auch nicht in jener verschwiegenen Villa,
die Diederich an dem Abend der Woche aufsuchte, wo er ohne Gustes
Wissen dem Stammtisch fernblieb. Sie lag vor dem Sachsentor, es war
die ehemals von Brietzensche Villa, und sie ward bewohnt von einer
einzelnen Dame, die selten öffentlich gesehen ward und dann niemals
zu Fuß. In einer Proszeniumsloge der „Walhalla“ saß sie zuweilen in
großer Aufmachung, ward allgemein durch die Operngläser betrachtet,
aber von niemand gegrüßt; und ihrerseits verhielt sie sich wie eine
Königin, die ihr Inkognito wahrt. Natürlich wußte trotz der
Aufmachung alle Welt, das war Käthchen Zillich, die, in Berlin für
ihren Beruf vorgebildet, ihn in der von Brietzenschen Villa nunmehr
erfolgreich ausübte. Auch verkannte niemand, daß dieser Tatbestand
nicht geeignet schien, das Ansehen des Pastors Zillich zu heben. Die
Gemeinde nahm schweres Ärgernis, zu schweigen [483]von den Spöttern,
die entzückt waren. Um eine Katastrophe abzuwenden, beantragte der
Pastor bei der Polizei die Beseitigung des Übels, stieß aber auf
einen Widerstand, der nur erklärlich schien, wenn man gewisse
Zusammenhänge annahm zwischen der Villa von Brietzen und den
höchsten Stellen der Stadt. An der irdischen Gerechtigkeit nicht
weniger als an der göttlichen verzweifelnd, schwor der Vater, das
Amt des Richters selbst zu übernehmen, und wirklich sollte er eines
Nachmittags, als sie noch im Bette lag, die verlorene Tochter einer
Züchtigung unterzogen haben. Nur der Mutter, die ihm, alles ahnend,
gefolgt war, verdankte Käthchen ihr nacktes Leben, wie die Gemeinde
behauptete. Der Mutter sagte man eine verwerfliche Schwäche nach für
die Tochter in ihrem sündigen Glanz. Was Pastor Zillich betraf, so
erklärte er von der Kanzel herab Käthchen für tot und verfault,
wodurch er sich vor dem Einschreiten des Konsistoriums rettete. Mit
der Zeit verstärkte die ihm widerfahrene Prüfung seine Autorität ...
Diederich seinerseits kannte von den Herren, die an Käthchens
Lebenswandel mit Einlagen beteiligt waren, offiziell nur Jadassohn,
obwohl Jadassohn von allen die kleinsten Einlagen machte, Diederich
vermutete sogar, gar keine. Jadassohns Beziehungen zu Käthchen lagen
eben, noch von früher her, als Hypothek auf dem Unternehmen. So nahm
Diederich keinen Anstand, die Sorgen, die es ihm machte, mit
Jadassohn zu besprechen. Die beiden rückten am Stammtisch in der
Nische zusammen, die die Inschrift trug: „Was einem Mann zur Lust
ein minnig Weiblein brät, gar wohl gerät“; und mit der gebotenen
Rücksicht auf Pastor Zillich, der nicht weit davon über die
christlichen Kanonen handelte, besprachen sie die Angelegenheiten
der Villa von [484]Brietzen. Diederich beklagte sich über Käthchens
unersättliche Ansprüche an seine Kasse, von Jadassohn erwartete er
einen günstigen Einfluß auf sie in dieser Beziehung. Aber Jadassohn
fragte nur: „Wozu haben Sie sie denn? Sie soll doch Geld kosten?“
Und dies war auch wieder richtig. Denn nach seiner ersten kurzen
Genugtuung, Käthchen auf diesem Wege doch noch erworben zu haben,
betrachtete Diederich sie nachgerade nur mehr als einen Posten,
einen stattlichen Posten auf seinem Reklamekonto. „Meine Stellung,“
sagte er zu Jadassohn, „erfordert eine großzügige Repräsentation.
Sonst würde ich, offen gestanden, das ganze Geschäft fallen lassen,
denn unter uns, Käthchen bietet nicht genug.“ Hier lächelte
Jadassohn beredsam, sagte aber nichts. „Überhaupt,“ fuhr Diederich
fort, „ist sie dasselbe Genre wie meine Frau, und meine Frau“ – er
hielt die Hand vor – „ist leistungsfähiger. Sehen Sie, gegen sein
Gemüt kann man nichts machen, nach jedem Abstecher in die Villa von
Brietzen kommt es mir vor, als ob ich meiner Frau etwas schulde.
Lachen Sie nur, tatsächlich schenke ich ihr dann immer was. Wenn es
ihr nur nicht auffällt!“ Jadassohn lachte mit noch mehr Grund, als
Diederich meinte; denn er hatte es schon längst für seine sittliche
Pflicht gehalten, Frau Generaldirektor Heßling aufzuklären über
diese Zusammenhänge.
Im Politischen ergab
sich für Diederich und Jadassohn ein ähnlich ersprießliches
Zusammenwirken wie bei Käthchen; denn gemeinsam beeiferten sie sich,
die Stadt von Schlechtgesinnten zu reinigen, besonders von solchen,
die die Pest der Majestätsbeleidigungen weiter verbreiteten.
Diederich mit seinen vielfachen Beziehungen machte sie ausfindig,
worauf Jadassohn sie ans Messer lieferte. [485]Nach dem Erscheinen
des Sanges an Aegir gestaltete sich ihre Tätigkeit besonders
fruchtbar. In Diederichs eigenem Hause nannte die Klavierlehrerin,
die mit Guste übte, den Sang an Aegir einen –! In das, was sie
gesagt hatte, flog sie selbst ... Wolfgang Buck sogar, der
neuerdings wieder in Netzig weilte, erklärte die Verurteilung für
durchaus angemessen, denn sie befriedige das monarchische Gefühl.
„Einen Freispruch hätte das Volk nicht verstanden“, sagte er am
Stammtisch. „Die Monarchie ist unter den politischen Regimen eben
das, was in der Liebe die strengen und energischen Damen sind. Wer
dementsprechend veranlagt ist, verlangt, daß etwas geschieht, und
mit Milde ist ihm nicht gedient.“ Hier errötete Diederich ... Leider
bekundete Buck solche Gesinnungen nur, solange er nüchtern war.
Späterhin gab er durch seine von früher her sattsam bekannte Art,
die heiligsten Güter in den Schmutz zu ziehen, Gelegenheit genug,
ihn aus jeder anständigen Gesellschaft auszuschließen. Diederich war
es, der ihn vor diesem Schicksal bewahrte. Er verteidigte seinen
Freund. „Die Herren müssen bedenken, er ist erblich belastet, denn
die Familie weist Anzeichen einer schon ziemlich weit
vorgeschrittenen Degeneration auf. Andererseits spricht es für einen
gesunden Kern in ihm, daß das Schauspielerdasein ihn denn doch nicht
befriedigt hat und daß er zu seinem Beruf als Rechtsanwalt
zurückgefunden hat.“ Man erwiderte, es sei verdächtig, wenn Buck
sich über seine fast dreijährigen Erfahrungen beim Theater so völlig
ausschweige. War er überhaupt noch satisfaktionsfähig? Diese Frage
konnte Diederich nicht beantworten; es war ein logisch nicht
begründeter, aber tiefsitzender Drang, der ihn dem Sohn des alten
Buck immer wieder näherte. Immer wieder [486]nahm er mit Eifer eine
Unterredung auf, die doch jedesmal schroff abbrach, nachdem sie die
schärfsten Gegensätze bloßgelegt hatte. Er führte Buck sogar in sein
Heim ein, erlebte dabei aber eine Überraschung. Denn wenn Buck
anfangs wohl nur einem besonders guten Kognak zuliebe kam, bald kam
er sichtlich wegen Emmi. Die beiden verstanden sich über Diederich
hinweg und in einer Art, die ihn befremdete. Sie führten spitze und
scharfe Gespräche, anscheinend ohne das Gemüt oder die anderen
Faktoren, die der Verkehr der Geschlechter normalerweise in Betrieb
setzte; und senkten sie die Stimmen und wurden vertraulich, fand
Diederich sie vollends unheimlich. Er hatte nur die Wahl, ob er
dazwischenfahren und korrekte Verhältnisse herstellen oder aber das
Zimmer verlassen sollte. Zu seinem eigenen Erstaunen entschied er
sich für das letztere. „Sie haben beide sozusagen ihre Schicksale
gehabt, wenn die Schicksale auch danach waren“, sagte er sich mit
der Überlegenheit, die ihm zukam, und ohne viel darauf zu achten,
daß er im Grunde stolz war auf Emmi, stolz, weil Emmi, seine eigene
Schwester, fein genug, besonders genug, ja, fragwürdig genug schien,
um sich mit Wolfgang Buck zu verständigen. „Wer weiß“, dachte er
zögernd, und dann entschlossen: „Warum nicht! Bismarck hat es auch
so gemacht, mit Österreich. Zuerst niedergeworfen, dann ein
Bündnis!“
Aus diesen noch
dunklen Überlegungen heraus widmete Diederich auch dem Vater
Wolfgangs wieder ein gewisses Interesse. Der alte Buck, von einem
Herzleiden befallen, kam nur mehr selten zum Vorschein, und dann
stand er die meiste Zeit vor irgendeinem Schaufenster, scheinbar in
die Auslage vertieft, in Wirklichkeit aber einzig bemüht, zu
verbergen, daß er nicht atmen konnte. Was [487]dachte er? Wie
urteilte er über die neue geschäftliche Blüte Netzigs, den
nationalen Aufschwung und über die, die jetzt die Macht hatten? War
er überzeugt und auch innerlich besiegt? Es kam vor, daß
Generaldirektor Doktor Heßling, der mächtigste Mann der
Bürgerschaft, sich heimlich in ein Haustor drückte, um dann
ungesehen hinterdrein zu schleichen hinter diesem einflußlosen,
schon halb vergessenen Alten: er auf seiner Höhe rätselhaft
beunruhigt durch einen Sterbenden ... Da der alte Buck seine
Hypothekenzinsen nur noch mit Verspätung zahlte, schlug Diederich
dem Sohn vor, er wolle das Haus übernehmen. Natürlich dürfe der alte
Herr es bewohnen, solange er lebe. Auch die Einrichtung wollte
Diederich kaufen und sogleich bezahlen. Wolfgang bestimmte den
Vater, anzunehmen.
Inzwischen ging der
22. März vorüber, Wilhelm der Große war hundert Jahre alt geworden,
und sein Denkmal stand noch immer nicht im Volkspark. Die
Interpellationen in der Stadtverordnetenversammlung nahmen kein
Ende, mehrmals waren unter schweren Kämpfen Nachtragskredite
bewilligt und wieder überschritten worden. Der schwerste Schlag
hatte die Gemeinde getroffen, als Seine Majestät den höchstseligen
Großvater als Fußgänger ablehnten und ein Reiterstandbild befahlen.
Diederich, von Ungeduld getrieben, ging des öfteren am Abend in die
Meisestraße, um sich vom Stand der Arbeiten zu überzeugen. Es war
Mai und peinlich warm noch in der Dämmerung, aber auf dem leeren,
neu angepflanzten Areal des Volksparkes ging ein Luftzug. Diederich
sann wieder einmal mit gereizten Gefühlen dem glänzenden Geschäft
nach, das der Rittergutsbesitzer Herr von Quitzin hier gemacht
hatte. Der hatte es bequem gehabt! Grundstücksgeschäfte waren kein
Kunststück, wenn der Vetter [488]Regierungspräsident war. Die Stadt
mußte ihm einfach das Ganze abnehmen für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal
und mußte zahlen, was er verlangte ... Da tauchten zwei Gestalten
auf; Diederich sah rechtzeitig, wer es war und zog sich ins Gebüsch
zurück.
„Hier läßt sich
atmen“, sagte der alte Buck. Sein Sohn erwiderte:
„Wenn einem hier
nicht die Lust dazu vergeht. Sie haben anderthalb Millionen Schulden
gemacht, um dieses Müllager zu schaffen.“ Und er zeigte auf den
unfertigen Aufbau von steinernen Sockeln, Adlern, Rundbänken, Löwen,
Tempeln und Figuren. Die Adler setzten flügelschlagend ihre Krallen
in den noch leeren Sockel, andere Exemplare nisteten wieder auf
jenen, die Rundbänke symmetrisch unterbrechenden Tempeln; dort
holten aber auch Löwen zum Sprung aus nach dem Vordergrund, wo
ohnehin Aufregung genug herrschte durch flatternde Fahnen und heftig
agierende Menschen. Napoleon der Dritte, in der geknickten Haltung
von Wilhelmshöhe die Rückwand des Sockels zierend, als Besiegter
hinter dem Triumphwagen, war überdies immer in Gefahr, von einem
Löwen angefallen zu werden, der gerade hinter ihm, auf der Treppe
des Monuments, seinen schlimmsten Buckel machte – wohingegen
Bismarck und die anderen Paladine, mitten im Tierkäfig wie zu Hause,
vom Fuß des Sockels mit allen Händen hinauflangten, um mit
anzugreifen bei den Taten des noch abwesenden Herrschers.
„Wer müßte nun dort
oben einhersprengen?“ fragte Wolfgang Buck. „Der Alte war nur ein
Vorläufer. Dies mystisch-heroische Spektakel wird nachher mit Ketten
von uns abgesperrt sein, und wir werden zu gaffen haben: was von
allem der Endzweck war. Theater, und kein gutes.“
[489] Nach einer
Weile – die Dämmerung graute – sagte der Vater: „Und du, mein Sohn?
Auch dir schien es einmal der Endzweck, zu spielen.“
„Wie meinem ganzen
Geschlecht. Mehr können wir nicht. Wir sollten uns leicht und klein
nehmen heute, es ist die sicherste Haltung angesichts der Zukunft;
und ich sage nicht, daß es mehr war als Eitelkeit, weshalb ich die
Bühne wieder verlassen habe. Lächerlich, Vater, ich bin gegangen,
weil einmal, als ich spielte, ein Polizeipräsident geweint hatte.
Aber bedenke auch, ob dies erträglich war. Feinheiten letzten
Grades, Einsicht in Herzen, hohe Moral, Modernität des Intellektes
und der Seele stelle ich für Menschen dar, die meinesgleichen
scheinen, weil sie mir zuwinken und betroffene Gesichter haben.
Nachher aber liefern sie Revolutionäre aus und schießen auf
Streikende. Denn mein Polizeipräsident steht für alle.“
Hier wandte Buck sich
genau dem Busch zu, der Diederich barg.
„Kunst bleibt euch
Kunst, und alles Ungestüm des Geistes rührt nie an euer Leben. Den
Tag, an dem die Meister eurer Kultur dies begriffen hätten wie ich,
würden sie euch, wie ich, allein lassen mit euren wilden Tieren.“
Und er zeigte nach den Löwen und Adlern. Auch der Alte sah auf das
Denkmal; er sagte:
„Sie sind sehr
mächtig geworden; aber durch ihre Macht ist in die Welt weder mehr
Geist noch mehr Güte gekommen. Also war es umsonst. Auch wir waren
scheinbar umsonst da.“ Er blickte auf den Sohn. „Dennoch dürft ihr
ihnen das Feld nicht lassen.“
Wolfgang seufzte
schwer. „Worauf hoffen, Vater? Sie hüten sich, die Dinge auf die
Spitze zu treiben, wie jene Privilegierten vor der Revolution. Aus
der Geschichte [490]haben sie leider Mäßigung gelernt. Ihre soziale
Gesetzgebung baut vor und korrumpiert. Sie sättigt das Volk gerade
so weit, daß es ihm sich nicht mehr verlohnt, ernstlich zu kämpfen,
um Brot, geschweige Freiheit. Wer zeugt noch gegen sie?“
Da reckte der Alte
sich auf, seine Stimme ward noch einmal klangvoll. „Der Geist der
Menschheit“, sagte er, und nach einer Pause, da der Junge den Kopf
gesenkt hielt:
„Du mußt ihm glauben,
mein Sohn. Wenn die Katastrophe, der sie auszuweichen denken,
vorüber sein wird, sei gewiß, die Menschheit wird das, worauf die
erste Revolution folgte, nicht scham- und vernunftloser nennen, als
die Zustände, die die unseren waren.“
Er sagte leise wie
aus der Ferne: „Der würde nicht gelebt haben, der nur in der
Gegenwart lebte.“
Plötzlich schien es,
als schwankte er. Der Sohn griff rasch hin, und an seinem Arm,
zusammengesunken und stockenden Schrittes, verschwand der Alte im
Dunkel. Diederich aber, der auf anderen Wegen enteilte, hatte das
Gefühl, aus einem bösen, wenn auch größtenteils unbegreiflichen
Traum zu kommen, worin an den Grundlagen gerüttelt worden war. Und
trotz dem Unwirklichen, das alles Gehörte an sich hatte, schien hier
tiefer gerüttelt worden zu sein, als je der ihm bekannte Umsturz
rüttelte. Dem einen dieser beiden waren die Tage gezählt, der andere
hatte auch nicht viel vor sich, aber Diederich fühlte, es wäre
besser gewesen, sie hätten einen gesunden Lärm im Lande geschlagen,
als daß sie hier im Dunkeln diese Dinge flüsterten, die doch nur von
Geist und Zukunft handelten.
In der Gegenwart gab
es freilich greifbarere Angelegenheiten. Gemeinsam mit dem Schöpfer
des Denkmals ent[491]warf Diederich das künstlerische Arrangement
für die Feier der Enthüllung – wobei der Schöpfer mehr
Entgegenkommen bewies, als man von ihm erwartet haben würde.
Überhaupt kehrte er bis jetzt nur die guten Seiten seines Berufes
hervor, nämlich Genie und vornehme Gesinnung, während er sich im
übrigen durchaus korrekt und geschäftstüchtig zeigte. Der junge
Mann, ein Neffe des Bürgermeisters Doktor Scheffelweis, lieferte ein
Beispiel dafür, daß es, veralteter Vorurteile ungeachtet, überall
Anständigkeit gibt, und daß noch kein Grund zum Verzweifeln ist,
wenn ein junger Mensch für ein Brotstudium zu faul ist und Künstler
wird. Als er das erstemal von Berlin nach Netzig zurückkehrte, trug
er noch eine Samtjacke und zog der Familie nur Unannehmlichkeiten
zu; aber bei seinem zweiten Besuch besaß er schon einen Zylinder,
und nicht lange, so ward er von Seiner Majestät entdeckt und durfte
für die Siegesallee das wohlgetroffene Bildnis des Markgrafen Hatto
des Gewaltigen schaffen, nebst den Bildnissen seiner beiden
bedeutendsten Zeitgenossen, des Mönches Tassilo, der an einem Tage
hundert Liter Bier trinken konnte, und des Ritters Klitzenzitz, der
die Berliner robotten lehrte, wenn sie ihn dann auch hängten. Auf
die Verdienste des Ritters Klitzenzitz hatten Seine Majestät den
Oberbürgermeister noch besonders aufmerksam gemacht, was wieder
günstig zurückgewirkt hatte auf die Karriere des Bildhauers. Man
konnte nicht Zuvorkommenheit genug haben für einen Mann, auf dem ein
unmittelbarer Strahl der Gnadensonne lag; Diederich stellte ihm sein
Haus zur Verfügung, er mietete ihm auch das Reitpferd, das der
Künstler brauchte, um seine Kräfte spielen zu lassen – und welche
Aussichten, als der berühmte Gast die ersten Zeichenversuche des
kleinen Horst [492]vielversprechend nannte! Diederich bestimmte
stehenden Fußes Horst der Kunst, dieser so zeitgemäßen Laufbahn.
Wulckow, der keinen
Sinn für die Kunst hatte und sich mit dem Günstling Seiner Majestät
nicht zu stellen wußte, bekam vom Denkmalskomitee die Ehrengabe von
2000 Mark, auf die er als Ehrenvorsitzender das Recht hatte; die bei
der Enthüllung zu haltende Festrede aber übertrug das Komitee seinem
ordentlichen Vorsitzenden, dem geistigen Schöpfer des Denkmals und
Begründer der nationalen Bewegung, die zu seiner Errichtung geführt
hatte, Herrn Stadtverordneten Generaldirektor Doktor Heßling, bravo!
Diederich, bewegt und geschwellt, sah sich am Fuße neuer Erhöhungen.
Der Oberpräsident selbst ward erwartet, vor der hohen Exzellenz
sollte Diederich reden, welche Folgen versprach das! Wulckow
freilich schickte sich an, sie zu hintertreiben; gereizt, weil
ausgeschaltet, weigerte er sich sogar, auf der Tribüne der
offiziellen Damen auch Guste zuzulassen. Diederich hatte dieserhalb
mit ihm einen Auftritt, der erregt verlief, aber ohne Ergebnis
blieb. Heftig schnaufend kehrte er zu Guste heim. „Es bleibt dabei,
du sollst keine offizielle Dame sein. Man wird ja sehen, wer
offizieller ist, du oder er! Er soll dich noch bitten! Ich hab’ ihn
Gott sei Dank nicht mehr nötig, aber er vielleicht mich.“ – Und so
kam es, denn als das nächste Heft der „Woche“ erschien, was brachte
es außer den gewohnten Kaiserbildern? Zwei Porträtaufnahmen, die
eine den Schöpfer des Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals darstellend,
wie er gerade an seinem Werk den letzten Hammerschlag tat, die
andere aber den Vorsitzenden des Komitees und seine Gattin,
Diederich samt Guste. Von Wulckow nichts – was allgemein bemerkt und
als Zeichen angesehen ward, daß seine Stel[493]lung erschüttert sei.
Er selbst mußte es fühlen, denn er tat Schritte, um doch noch in die
„Woche“ zu kommen. Er suchte Diederich auf, aber Diederich ließ sich
verleugnen. Der Künstler seinerseits brauchte Ausflüchte. Da geschah
es tatsächlich, daß Wulckow auf der Straße an Guste herantrat. Die
Geschichte mit dem Platz bei den offiziellen Damen sei ein
Mißverständnis ... „Schön hat er gemacht wie unser Männe“,
berichtete Guste. „Aber nun gerade nicht!“ entschied Diederich, und
er nahm keinen Anstand, die Geschichte umherzuerzählen. „Soll man
sich Zwang antun,“ sagte er zu Wolfgang Buck, „wo der Mann doch
geliefert ist? Herr Oberst von Haffke gibt ihn auch schon auf.“ Kühn
setzte er hinzu: „Jetzt sieht er, es gibt noch andere Mächte.
Wulckow hat es zu seinem Schaden nicht verstanden, sich beizeiten
den modernen Lebensbedingungen einer großzügigen Öffentlichkeit
anzupassen, die dem heutigen Kurs ihren Stempel aufdrücken.“ –
„Absolutismus, gemildert durch Reklamesucht“, ergänzte Buck.
Angesichts des
Wulckowschen Niederganges fand Diederich jenen Grundstückshandel,
der ihn selbst so sehr benachteiligt hatte, immer anstößiger. Seine
Entrüstung nahm einen solchen Umfang an, daß der Besuch, den gerade
jetzt der Reichstagsabgeordnete Fischer in Netzig machte, für
Diederich zur wahrhaft befreienden Gelegenheit ward.
Parlamentarismus und Immunität hatten doch ihr Gutes! Denn Napoleon
Fischer stellte sich umgehend im Reichstag hin und enthüllte. Er
enthüllte, ohne daß ihm das geringste geschehen konnte, die
Schiebungen des Regierungspräsidenten von Wulckow in Netzig, seinen
Riesengewinn am Grundstück des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, der nach
Napoleon Fischers Behauptung von der Stadt erpreßt war, und das
Ehrengeschenk von angeblich [494]5000 Mark, dem er den Titel
„Schmiergeld“ gab. Der Zeitung zufolge bemächtigte hier der
Volksvertreter sich ungeheure Erregung. Freilich galt sie nicht
Wulckow, sondern dem Enthüller. Wütend verlangte man Beweise und
Zeugen; Diederich zitterte, in der nächsten Zeile konnte sein Name
kommen. Zum Glück kam er nicht, Napoleon Fischer blieb sich der
Pflicht seines Amtes bewußt. Statt dessen redete der Minister, er
überließ den unerhörten, leider unter dem Schutze der Immunität
begangenen Angriff auf einen Abwesenden, der sich nicht verteidigen
konnte, dem Urteil des Hauses. Das Haus urteilte, indem es dem Herrn
Minister Beifall klatschte. Parlamentarisch war der Fall erledigt,
es erübrigte nur noch, daß auch die Presse ihren Abscheu äußerte
und, soweit sie nicht einwandfrei gesinnt war, ganz leicht dabei mit
dem Auge zwinkerte. Mehrere sozialdemokratische Blätter, die die
Vorsicht außer acht gelassen hatten, mußten ihren verantwortlichen
Redakteur den Gerichten ausliefern, so auch die Netziger
„Volksstimme“. Diederich benutzte diesen Anlaß, um zwischen sich und
denen, die an dem Herrn Regierungspräsidenten hatten zweifeln
können, glatt das Tischtuch zu zerschneiden. Er und Guste machten
Besuch bei Wulckows. „Ich weiß aus erster Quelle,“ sagte er nachher,
„dem Mann ist die größte Zukunft gewiß. Er war neulich auf der Jagd
mit Majestät und hat einen großartigen Witz gerissen.“ Acht Tage
später brachte die „Woche“ ein ganzseitiges Bildnis, Glatze und Bart
auf der einen Hälfte, ein Bauch auf der anderen, und dazu die
Unterschrift: „Regierungspräsident von Wulckow, der geistige
Schöpfer des Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals, gegen den kürzlich
ein allgemein als empörend empfundener Angriff im Reichstag erfolgte
und dessen Ernenn[495]ung zum Oberpräsidenten bevorsteht“ ... Das
Bild des Generaldirektors Heßling mit Frau hatte nur eine
Viertelseite eingenommen. Diederich überzeugte sich, daß der
gebührende Abstand wiederhergestellt war. Die Macht blieb, auch
unter den modernen Lebensbedingungen einer großzügigen
Öffentlichkeit, unangreifbar wie je – was ihn trotz allem tief
befriedigte. Er ward hierdurch innerlich auf das günstigste
vorbereitet für seine Festrede.
Sie war entstanden in
den ehrgeizigen Gesichten vom Schlaf gemiedener Nächte und bei regem
Gedankenaustausch mit Wolfgang Buck und besonders mit Käthchen
Zillich, die für die Größe des kommenden Ereignisses ein merkwürdig
klares Verständnis zeigte. Am Schicksalstage, als Diederich, das
Herz klopfend gegen die Niederschrift seiner Rede, um halb elf mit
seiner Gattin beim Festplatz anfuhr, bot der Platz einen noch wenig
belebten, aber um so besser geordneten Anblick. Vor allem, der
Militärkordon war schon gezogen! – und gelangte man auch nur nach
Gewährung aller Garantien hindurch, so lag doch eben hierin eine
feierliche Erhebung angesichts des nicht privilegierten Volkes, das
hinter unseren Soldaten und am Fuß einer großen schwarzen Brandmauer
in der Sonne die schwitzenden Hälse reckte. Die Tribünen, links und
rechts von den langen weißen Tüchern, hinter denen man Wilhelm den
Großen vermuten durfte, empfingen den Schatten ihrer Zeltdächer
sowie zahlreicher Fahnen. Links die Herren Offiziere waren, wie
Diederich feststellte, durch ihre ins Blut übergegangene Disziplin
befähigt, sich und ihre Damen ohne fremde Hilfe einzurichten; alle
Strenge der polizeilichen Überwachung war nach rechts verlegt, wo
das Zivil sich um die Sitze balgte. Auch Guste gab sich nicht
zufrieden mit dem ihren, einzig [496]das offizielle Festzelt
gegenüber dem Denkmal schien ihr würdig, sie aufzunehmen, sie war
eine offizielle Dame, Wulckow hatte es anerkannt. Diederich mußte
hin mit ihr, wenn er kein Feigling war, aber natürlich ward sein
tollkühner Angriff so nachdrücklich zurückgewiesen, wie er es
vorausgesehen hatte. Der Form wegen und damit Guste nicht an ihm
zweifelte, verwahrte er sich gegen den Ton des Polizeileutnants und
wäre beinahe verhaftet worden. Sein Kronenorden vierter Klasse,
seine schwarzweißrote Schärpe und die Rede, die er vorzeigte,
retteten ihn gerade noch, konnten aber keineswegs, weder vor der
Welt noch vor ihm selbst, als vollwertiger Ersatz gelten für die
Uniform. Sie, die einzige wirkliche Ehre, gebrach ihm nun einmal,
und Diederich mußte auch hier wieder bemerken, daß man ohne Uniform,
trotz sonstiger Erstklassigkeit, doch mit schlechtem Gewissen durchs
Leben ging.
Im Zustand der
Auflösung trat das Ehepaar Heßling seinen allseitig bemerkten
Rückzug an, Guste bläulich geschwollen in ihren Federn, Spitzen und
Brillanten. Diederich schnaufend und nach Kräften den Bauch mit der
Schärpe vorgestreckt, als breitete er die Nationalfarben über seine
Niederlage. So mußten sie hindurch zwischen dem Kriegerverein, der,
Eichenkränze um die Zylinderhüte, unterhalb der Militärtribüne
stand, an seiner Spitze Kühnchen als Landwehrleutnant, und den
Ehrenjungfrauen drüben, weiß mit schwarzweißroten Schärpen und
befehligt von Pastor Zillich im Talar. Nun sie aber anlangten, wer
saß, in der Haltung einer Königin, auf Gustes Stuhl? Man war starr:
Käthchen Zillich. Hier fühlte Diederich sich denn doch bemüßigt,
seinerseits ein Machtwort zu sprechen. „Die Dame hat sich geirrt,
der [497]Platz ist nicht für die Dame“, sagte er, keineswegs zu
Käthchen Zillich, die er für ebenso fremd wie zweideutig zu halten
schien, sondern zu dem Aufsichtsbeamten – und hätten ihm auch nicht
die menschlichen Laute ringsum recht gegeben, Diederich stand hier
für die stummen Gewalten von Ordnung, Sitte und Gesetz, eher wäre
die Tribüne eingestürzt, als daß Käthchen Zillich auf ihr verblieb
... Dennoch geschah das Außerordentliche, daß der Beamte unter
Käthchens ironischem Lächeln die Achseln zuckte, und selbst der
Schutzmann, den Diederich anrief, gab nur einen weiteren
unbegreiflichen Stützpunkt ab für den Übergriff der Unmoral.
Diederich, betäubt vor einer Welt, deren Betrieb gestört schien,
ließ es geschehen, daß Guste abgeschoben ward nach einer Sitzreihe
ganz oben, wobei sie mit Käthchen Zillich einige die Gegensätze
betonende Worte wechselte. Der Meinungsaustausch griff schon auf
Unbeteiligte über und drohte auszuarten: da schmetterte Musik los,
der Einzugsmarsch der Gäste auf der Wartburg, und wirklich bezogen
sie das offizielle Zelt, voran Wulckow, unverkennbar trotz seiner
roten Husarenuniform, zwischen einem Herrn in Frack und Ordensstern
und einem hohen General. War es möglich? Noch zwei hohe Generale!
Und ihre Adjutanten, Uniformen in allen Farben, Sternenblitzen und
ein Wuchs! „Wer ist der Gelbe, der Lange?“ forschte Guste innig.
„Ist das ein schöner Mann!“ – „Wollen Sie mich gefälligst nicht
treten!“ verlangte Diederich, denn auch sein Nachbar war
aufgesprungen, alle verrenkten sich, fieberten und schwelgten. „Sieh
sie dir an, Guste! Emmi ist eine Gans, daß sie nicht mitwollte. Das
ist das einzige, erstklassige Theater, es ist das Höchste, da kann
man nichts machen!“ – „Aber der mit den gelben [498]Aufschlägen!“
schwärmte Guste. „Der Schlanke! Der muß ein echter Aristokrat sein,
das seh’ ich gleich.“ Diederich lachte wollüstig. „Da ist überhaupt
keiner dabei, der nicht ein echter Aristokrat ist, darauf kannst du
Gift nehmen. Wenn ich dir sage, ein Flügeladjutant Seiner Majestät
ist hier!“ – „Der Gelbe!“ – „Persönlich hier!“
Man suchte sich
zurecht. „Der Flügeladjutant! Zwei Divisionsgenerale, Donnerwetter!“
Und die schneidige Anmut der Begrüßungen; sogar der Bürgermeister
Doktor Scheffelweis ward aus seinem bescheidenen Hintergrund gezogen
und durfte in seiner Train-Reserveleutnantsuniform stramm stehen vor
seinen hohen Vorgesetzten. Herr von Quitzin als Ulan besichtigte
durch sein Monokel den Grund und Boden der Veranstaltung, der
vorübergehend ihm selbst gehört hatte. Wulckow aber, der rote Husar,
brachte die volle Bedeutung eines Regierungspräsidenten erst jetzt
zur Geltung, wo er salutierend das gewaltige, von Schnüren umrahmte
Profil seiner unteren Körperteile hervorkehrte. „Das sind die Säulen
unserer Macht!“ rief Diederich in die wuchtigen Klänge des
Einzugsmarsches. „Solange wir solche Herren haben, werden wir der
Schrecken der ganzen Welt sein!“ Und voll überwältigenden Dranges,
in der Meinung, seine Stunde sei da, stürzte er hinunter, nach dem
Rednerpodium. Aber der Schutzmann, der es bewachte, trat ihm
entgegen. „Nee, nee, Sie komm’ noch nich’ran“, sagte der Schutzmann.
Jäh in seinem Schwunge gehemmt, stieß Diederich gegen einen
Aufsichtsbeamten, der ihm nachgesetzt hatte: derselbe wie vorhin,
ein Magistratsdiener, der ihm versicherte, er wisse wohl, der Platz
der Dame mit den gelben Haaren gehöre dem Herrn
Stadt[499]verordneten, „aber auf höheren Befehl hat ihn die Dame
gekriegt“. Das weitere verriet der Mann in ersterbendem Flüsterton,
und Diederich entließ ihn mit einer Bewegung, die sagte: „Dann
allerdings.“ Der Flügeladjutant Seiner Majestät! Dann allerdings!
Diederich überlegte, ob es nicht geboten sei, umzukehren und
Käthchen Zillich öffentlich seine Huldigung zu entbieten.
Er kam nicht mehr
dazu, Oberst von Haffke kommandierte der Fahnenkompagnie Rührt euch,
und auch Kühnchen ließ seine Krieger sich rühren; hinter dem
Festzelt intonierte die Regimentsmusik: Vortreten zum Beten. Dies
geschah, sowohl von seiten der Ehrenjungfrauen wie des
Kriegervereins. Kühnchen in seiner historischen Landwehruniform, die
außer vom Eisernen Kreuz von einem ruhmreichen Flicken geziert ward
– denn hier war eine französische Kugel hindurchgegangen, traf
inmitten des Geländes auf Pastor Zillich in seinem Talar – auch die
Fahnenkompagnie fand sich ein, und man gab unter dem Vortritt
Zillichs dem alten Alliierten die Ehre. Auf der Ziviltribüne ward
das Publikum von den Beamten gehalten, sich zu erheben, die Herren
Offiziere taten es von selbst. Überdies stimmte die Kapelle „Ein’
feste Burg“ an. Zillich schien trotzdem noch irgend etwas
vorzuhaben, aber der Oberpräsident, offenbar in der Annahme, daß der
alte Alliierte nun genug habe, ließ sich, gelblichen Gesichts, auf
seinen Sessel nieder, rechts von ihm der blühende Flügeladjutant,
links die Divisionsgenerale. Als die ganze Versammlung im
offiziellen Zelt nach den ihr innewohnenden Gesetzen gruppiert war,
sah man den Regierungspräsidenten von Wulckow einen Wink erteilen,
infolgedessen ein Schutzmann sich in Bewegung setzte. Er begab sich
zu seinem Kollegen, der das Rednerpodium [500]bewachte, worauf
dieser das Wort an Diederich richtete. „Na, nu komm Se man ’ran“,
sagte der Schutzmann.
Diederich gab acht,
daß er beim Hinaufsteigen nicht stolperte, denn die Beine waren ihm
plötzlich weich geworden, auch sah er verschwommen. Nach einigem
Schnaufen unterschied er im kahlen Umkreis ein Bäumchen, das keine
Blätter hatte, aber mit schwarzweißroten Blüten aus Papier übersät
war. Der Anblick des Bäumchens gab ihm Gedächtnis und Kraft zurück;
er begann.
„Eure Exzellenzen!
Höchste, hohe und geehrte Herren!
Hundert Jahre sind
es, daß der große Kaiser, dessen Denkmal der Enthüllung harrt durch
den Vertreter Seiner Majestät, uns und dem Vaterlande geschenkt
ward; gleichzeitig aber – das macht diese Stunde noch bedeutsamer –
ist fast ein Jahrzehnt vergangen, seit sein großer Enkel den Thron
bestiegen hat! Wie sollten wir da nicht vor allem auf die große
Zeit, die wir selbst miterleben durften, einen stolzen und dankbaren
Rückblick werfen.“
Diederich warf ihn.
Er feierte abwechselnd den beispiellosen Aufschwung der Wirtschaft
und des nationalen Gedankens. Längere Zeit verweilte er beim Ozean.
„Der Ozean ist unentbehrlich für Deutschlands Größe. Der Ozean
beweist uns, daß auf ihm und jenseits von ihm ohne Deutschland und
ohne den Deutschen Kaiser keine Entscheidung mehr fallen darf, denn
das Weltgeschäft ist heute das Hauptgeschäft!“ Aber nicht nur vom
geschäftlichen Standpunkt, noch mehr geistig und sittlich war der
Aufschwung ein beispielloser zu nennen. Wie sah es denn früher aus
mit uns? Diederich entwarf ein wenig schmeichelhaftes Bild des
älteren Geschlechts, das durch eine einseitige humanitäre Bildung zu
zuchtlosen Anschauungen verführt, in nationaler Hinsicht noch keinen
Komment [501]gehabt hatte. Wenn das jetzt gründlich anders geworden
war, wenn wir, im berechtigten Selbstgefühl, das tüchtigste Volk
Europas und der Welt zu sein, von Nörglern und Elenden abgesehen,
nur noch eine einzige nationale Partei bildeten, wem verdankten wir
es? Allein Seiner Majestät, antwortete Diederich. „Er hat den Bürger
aus dem Schlummer gerüttelt, sein erhabenes Beispiel hat uns zu dem
gemacht, was wir sind!“ – wobei Diederich sich auf die Brust schlug.
„Seine Persönlichkeit, seine einzige, unvergleichliche
Persönlichkeit ist stark genug, daß wir allesamt uns efeuartig an
ihr emporranken dürfen!“ rief er aus, obwohl es nicht in seinem
Entwurf stand. „Was Seine Majestät der Kaiser zum Wohl des deutschen
Volkes beschließt, dabei wollen wir ihm jubelnd behilflich sein, ob
wir nun edel sind oder unfrei. Auch der einfache Mann aus der
Werkstatt ist willkommen!“ fügte er wieder aus dem Stegreif hinzu,
jäh inspiriert durch den Geruch des schwitzenden Volkes hinter dem
Militärkordon; denn der Wind, der aufkam, trug ihn her.
„In staunender Weise
ertüchtigt, voll hoher sittlicher Kraft zu positiver Betätigung, und
in unserer blanken Wehr der Schrecken aller Feinde, die uns neidisch
umdrohen, so sind wir die Elite unter den Nationen und bezeichnen
eine zum ersten Male erreichte Höhe germanischer Herrenkultur, die
bestimmt niemals und von niemandem, er sei wer er sei, wird
überboten werden können!“
Hier sah man den
Oberpräsidenten mit dem Kopf nicken, indes der Flügeladjutant die
Hände gegeneinander bewegte: da brachen die Tribünen in Beifall aus.
Bei den Zivilisten wehten Taschentücher, Guste ließ es im Wind
flattern, und, trotz der Unstimmigkeit von vorhin, auch Käthchen
Zillich. Diederich, im Herzen leicht wie [502]die wehenden
Taschentücher, nahm seinen hohen Flug wieder auf.
„Eine solche, nie
dagewesene Blüte aber erreicht ein Herrenvolk nicht in einem
schlaffen, faulen Frieden: nein, sondern unser alter Alliierter hat
es für notwendig gehalten, das deutsche Gold im Feuer zu bewahren.
Durch den Schmelzofen von Jena und Tilsit haben wir hindurchgemußt,
und schließlich ist es uns doch gelungen, siegreich überall unsere
Fahnen aufzupflanzen und auf dem Schlachtfelde die deutsche
Kaiserkrone zu schmieden!“
Und er erinnerte an
das prüfungsreiche Leben Wilhelms des Großen, woraus wir, wie
Diederich feststellte, erkannten, daß der Weltenschöpfer das Volk im
Auge behält, das er sich erwählt hat, und sich auch das
entsprechende Instrument baut. Der große Kaiser seinerseits hatte
sich hierüber niemals Irrtümern hingegeben, dies ward besonders
deutlich in dem großen historischen Augenblick, wo er als König von
Gottes Gnaden, das Zepter in der einen und das Reichsschwert in der
anderen Hand, nur Gott die Ehre gab und von ihm die Krone nahm. In
erhabenem Pflichtgefühl hatte er es weit von sich gewiesen, dem Volk
die Ehre zu geben und vom Volk die Krone zu nehmen, und nicht
zurückgeschreckt war er vor der furchtbaren Verantwortung gegenüber
Gott allein, von der kein Minister, kein Parlament ihn hatte
entbinden können! Diederichs Stimme bebte ergriffen. „Dies erkennt
das Volk denn auch an, indem es die Persönlichkeit des
dahingegangenen Kaisers geradezu vergöttert. Hat er doch Erfolg
gehabt; und wo der Erfolg ist, da ist Gott! Im Mittelalter wäre
Wilhelm der Große heilig gesprochen worden. Heute setzen wir ihm ein
erstklassiges Denkmal!“
Wieder nickte der
Oberpräsident und löste damit wieder [503]ungestüme Zustimmung aus.
Die Sonne war fort, es wehte kälter; und als sei er angeregt durch
den verdüsterten Himmel, ging Diederich zu einer tiefernsten Frage
über.
„Wer hat sich ihm nun
in den Weg gestellt, vor seinem hohen Ziel? Wer war der Feind des
großen Kaisers und seines kaisertreuen Volkes? Der von ihm glücklich
zerschmetterte Napoleon hatte seine Krone nicht von Gott, sondern
vom Volk, daher! Das gibt dem Richterspruch der Geschichte erst
seinen ewigen, überwältigenden Sinn!“ Hier unternahm Diederich es,
zu malen, wie es in dem demokratisch verseuchten, daher von Gott
verlassenen Reich Napoleons des Dritten ausgesehen habe. Der in
leerer Religiosität versteckte krasse Materialismus hatte den
unbedenklichsten Geschäftssinn großgezogen, Mißachtung des Geistes
schloß ihr natürliches Bündnis mit niederer Genußgier. Der Nerv der
Öffentlichkeit war Reklamesucht, und jeden Augenblick schlug sie um
in Verfolgungssucht. Im Äußern nur auf das Prestige gestellt, im
Innern nur auf die Polizei, ohne andern Glauben als die Gewalt,
trachtete man nach nichts als nach Theaterwirkung, trieb ruhmredigen
Pomp mit der vergangenen Heldenepoche, und der einzige Gipfel, den
man wirklich erreichte, war der des Chauvinismus ... „Von all dem
wissen wir nichts!“ rief Diederich und reckte die Hand gegen den
Zeugen dort oben. „Darum kann es mit uns nie und nimmer das Ende mit
Schrecken nehmen, das dem Kaiserreich unseres Erbfeindes vorbehalten
war!“
An dieser Stelle
blitzte es: zwischen dem Militärkordon und der Brandmauer, in der
Gegend, wo das Volk zu vermuten war, durchzuckte es grell die
schwarze Wolke, und ein Donnerschlag folgte, der entschieden zu weit
ging. Die Herren im offiziellen Zelt bekamen mißbilligende Mienen,
und der Oberpräsident hatte gezuckt. Auf der [504]Offizierstribüne
litt selbstverständlich die Haltung nicht im geringsten, beim Zivil
machte sich immerhin eine gewisse Unruhe merklich. Diederich brachte
das Gekreisch zum Verstummen, denn er rief, gleichfalls donnernd:
„Unser alter Alliierter bezeugt es! Wir sind nicht so! Wir sind
ernst, treu und wahr! Deutsch sein, heißt eine Sache um ihrer selbst
willen tun! Wer von uns hätte je aus seiner Gesinnung ein Geschäft
gemacht? Wo gar wären die bestechlichen Beamten? Biederkeit des
Mannes eint hier sich weiblicher Reine, denn das Weibliche zieht uns
hinan, nicht ist es uns Werkzeug unedlen Vergnügens. Das strahlende
Bild echt deutschen Wesens aber erhebt sich auf dem Boden des
Christentums, und das ist der einzig richtige Boden, denn jede
heidnische Kultur, mag sie noch so schön und herrlich sein, wird bei
der ersten Katastrophe erliegen; und die Seele deutschen Wesens ist
die Verehrung der Macht, der überlieferten und von Gott geweihten
Macht, gegen die man nichts machen kann. Darum sollen wir nach wie
vor die höchste Pflicht in der Verteidigung des Vaterlandes sehen,
die höchste Ehre im Rock des Königs und die höchste Arbeit im
Waffenhandwerk!“
Der Donner grollte,
wenn auch eingeschüchtert, wie es schien, durch Diederichs immer
gewaltigere Stimme; dagegen fielen Tropfen, die man einzeln hörte,
so schwer waren sie.
„Aus dem Lande des
Erbfeindes,“ schrie Diederich, „wälzt sich immer wieder die
Schlammflut der Demokratie her, und nur deutsche Mannhaftigkeit und
deutscher Idealismus sind der Damm, der sich ihr entgegenstellt. Die
vaterlandslosen Feinde der göttlichen Weltordnung aber, die unsere
staatliche Ordnung untergraben wollen, die sind auszurotten bis auf
den letzten Stumpf, damit, wenn wir [505]dereinst zum himmlischen
Appell berufen werden, daß dann ein jeder mit gutem Gewissen vor
seinen Gott und seinen alten Kaiser treten kann, und wenn er gefragt
wird, ob er aus ganzem Herzen für des Reiches Wohl mitgearbeitet
habe, er an seine Brust schlagen und offen sagen darf: Ja!“
Wobei Diederich sich
einen solchen Schlag auf die Brust versetzte, daß ihm die Luft
ausblieb. Die notgedrungene Pause, die er eintreten ließ, benutzte
die Ziviltribüne, um durch Unruhe zu bekunden, daß sie seine Rede
für beendet halte; denn das Gewitter stand jetzt genau über den
Köpfen der Festversammlung, und im schwefelgelben Licht, einzeln,
langsam und als warnten sie, klopften immerfort diese eigroßen
Regentropfen ... Diederich hatte wieder Luft.
„Wenn jetzt die Hülle
fällt,“ begann er mit neuem Schwung, „wenn zum Gruß die Fahnen und
Standarten sich neigen, die Degen sich senken und Bajonette im
Präsentiergriff blitzen –“ Da krachte es im Himmel so ungeheuerlich,
daß Diederich sich duckte und, bevor er es sich versah, unter seinem
Pult hockte. Zum Glück kam er wieder hervor, ohne daß sein
Verschwinden bemerkt worden wäre, denn allen war es ähnlich
ergangen. Kaum daß noch jemand hörte, wie Diederich Seine Exzellenz
den Herrn Oberpräsidenten bat, er möge geruhen zu befehlen, daß die
Hülle falle. Immerhin trat der Oberpräsident vor das offizielle Zelt
hinaus, er war gelber als es seine Natur war, das Funkeln seines
Sterns war erloschen, und er sagte schwach: „Im Namen Seiner
Majestät befehle ich: die Hülle falle“ – woraus sie fiel. Auch
ertönte die Wacht am Rhein. Und der Anblick Wilhelms des Großen, wie
er durch die Luft ritt, in der Haltung eines Familienvaters, aber
umringt von allen Furchtbarkeiten der Macht, stählte die Untertanen
noch einmal gegen die [506]Drohungen von oben, das Kaiserhoch des
Oberpräsidenten fand lebhaften Widerhall. Freilich, die Klänge von
Heil dir im Siegerkranz gaben Seiner Exzellenz das Zeichen, daß sie
sich nun bis an den Fuß des Denkmals zu begeben, es zu besichtigen
und den Schöpfer, der schon wartete, durch eine Anrede auszuzeichnen
hatten. Jeder begriff es, daß der hohe Herr zweifelnd den Blick zum
Himmel richtete; aber, wie nicht anders zu erwarten stand, siegte
sein Pflichtgefühl, und siegte um so glänzender, als er der einzige
Herr im Frack war unter so vielen tapferen Militärs. Er wagte sich
kühn hinaus, hin ging er unter den großen langsamen Tropfen, und mit
ihm Ulanen, Kürassiere, Husaren und Train ... Schon war die
Inschrift „Wilhelm der Große“ zur Kenntnis genommen worden, der
Schöpfer, durch eine Anrede ausgezeichnet, bekam seinen Orden, und
gerade sollte auch der geistige Schöpfer Heßling vorgestellt und
geschmückt werden, da platzte der Himmel. Er platzte ganz und auf
einmal, mit einer Heftigkeit, die einem lange verhaltenen Ausbruch
glich. Bevor noch die Herren sich umgedreht hatten, standen sie im
Wasser bis an die Knöchel, Seiner Exzellenz lief es aus Ärmeln und
Hosen. Die Tribünen verschwanden hinter Stürzen Wassers, wie auf
fern wogendem Meer erkannte man, daß die Zeltdächer sich gesenkt
hatten unter der Wucht des Wolkenbruches, in ihren nassen
Umschlingungen wälzten links und rechts sich schreiende Massen. Die
Herren Offiziere machten gegen die Elemente von der blanken Waffe
Gebrauch, durch Schnitte in das Segeltuch bahnten sie sich den
Ausweg. Das Zivil gelangte nur als graue Wickelschlange hinab, die
mit wilden Zuckungen im überschwemmten Gelände badete. Unter solchen
Umständen sah der Oberpräsident es ein, daß der weitere Verlauf
[507]des Festprogramms aus Zweckmäßigkeitsgründen zu unterbleiben
habe. Blitzeumlodert und wasserspritzend wie ein Springbrunnen, trat
er einen beschleunigten Rückzug an, und ihm nach der Flügeladjutant,
die beiden Divisionsgenerale, Dragoner, Husaren, Ulanen und Train.
Unterwegs erinnerten Seine Exzellenz sich des noch immer an ihrem
Finger hängenden Ordens für den geistigen Schöpfer, und pflichttreu
bis zum Äußersten, aber bestrebt, jeden Aufenthalt zu vermeiden,
händigten sie ihn, laufend und wasserspritzend, dem Präsidenten von
Wulckow aus. Wulckow seinerseits begegnete einem Schutzmann, der den
Ereignissen noch standhielt, und betraute ihn mit der Übergabe der
Allerhöchsten Auszeichnung, worauf der Schutzmann durch Sturm und
Grausen irrte, auf der Suche nach Diederich. Schließlich fand er ihn
unter dem Rednerpult im Wasser hockend. „Da hamse ’n Willemsorden“,
sagte der Schutzmann und machte, daß er weiterkam, denn gerade
schlug ein Blitz ein, so nahe, als sollte er die Verleihung des
Ordens verhindern. Diederich hatte nur geseufzt.
Als er es endlich
unternahm, mit einer Gesichtshälfte auf die Erde zu spähen, war der
Umsturz auf ihr noch immer im Wachsen. Drüben die große schwarze
Brandmauer klaffte und ging daran, umzufallen, samt dem Haus
dahinter. Über einen Knäuel von Geschöpfen in jagendem Geisterlicht,
schwefelgelb und blau, bäumten sich die Pferde der Paradekutschen
und nahmen Reißaus. Glücklich das nicht privilegierte Volk, das
draußen und über alle Berge war; die Besitzenden und Gebildeten
dagegen waren in der Lage, daß sie auf ihren Köpfen schon die
fliegenden Trümmer des Umsturzes fühlten, samt dem Feuer von oben.
Kein Wunder, wenn die Umstände ihr Verhalten bestimmten und manche
Damen, in nicht kom[508]mentmäßiger Weise vom Ausgang
zurückgestoßen, schlankweg übereinander rollten. Nur ihrer
Tapferkeit vertrauend, machten die Herren Offiziere gegen jeden, der
sich ihnen entgegenstellte, von ihren Machtmitteln Gebrauch – indes
Fahnentücher, losgerissen im Sturm von den Überresten der Tribünen
und des offiziellen Zeltes, schwarzweißrot durch die Luft sausten,
den Kämpfern um die Ohren. Dazu, hoffnungslos wie die Dinge standen,
spielte die Regimentsmusik immer weiter Heil dir im Siegerkranz,
spielte selbst nach der Durchbrechung des Militärkordons und der
Weltordnung, spielte wie auf einem untergehenden Schiff dem
Entsetzen auf und der Auflösung. Ein neuer Anlauf des Orkans warf
auch sie auseinander – und Diederich, die Augen zugedrückt und
schwindelnd des Endes von allem gewärtig, tauchte zurück in die
kühle Tiefe seines Rednerpultes, das er umklammerte wie das letzte
auf Erden. Sein Abschiedsblick aber hatte umfaßt, was über alle
Begriffe war: das Gehege, das schwarzweißrot behangene rund um den
Volkspark, zusammengebrochen, niedergelegt durch das Gewicht der auf
ihm Lastenden, und dann dies Drunter und Drüber, dies
Umeinanderkugeln, Sichaufhäufen und Abrutschen, dies Kopfstehen und
Dem-anderen-sich-ins-Gesicht-Setzen – und dies Gefegtwerden von den
Peitschen der Höhe, unter Strömen Feuers, diesen Kehraus, wie der
einer betrunkenen Maskerade, Kehraus von Edel und Unfrei,
vornehmstem Rock und aus dem Schlummer erwachtem Bürger, einzigen
Säulen, gottgesandten Männern, idealen Gütern, Husaren, Ulanen,
Dragonern und Train!
Aber die
apokalyptischen Reiter flogen weiter; Diederich merkte es, sie
hatten nur ein Manöver abgehalten für den Jüngsten Tag, der
Ernstfall war es nicht. Unter Vor[509]behalt verließ er seine
Zuflucht und stellte fest, daß es nur noch goß, und daß Kaiser
Wilhelm der Große noch da war, mit allem Zubehör der Macht.
Diederich hatte die ganze Zeit das Gefühl gehabt, das Denkmal sei
zerschmettert und weggeschwommen. Der Festplatz freilich sah aus wie
eine wüste Erinnerung, keine Seele belebte seine Trümmer. Doch, da
hinten bewegte sich eine, sie trug sogar Ulanenuniform: Herr von
Quitzin, der das eingestürzte Haus besichtigte. Dem Blitz erlegen,
rauchte es hinter den Resten seiner großen schwarzen Brandmauer; und
in der Flucht aller hatte nur Herr von Quitzin standgehalten, denn
ihn stärkte ein Gedanke. Diederich sah ihm ins Herz. „Das Haus“,
dachte Herr von Quitzin, „hätten wir auch noch loswerden sollen an
das Pack. Aber nicht zu machen gewesen, haben es mit aller Gewalt
nicht durchgedrückt. Na nu kriege ich die Versicherung. Es gibt
einen Gott.“ Und dann ging er der Feuerwehr entgegen, die zum Glück
nicht mehr wesentlich eingreifen konnte in das Geschäft.
Auch Diederich, durch
das Beispiel ermutigt, machte sich auf den Weg. Er hatte seinen Hut
verloren, am Boden seiner Schuhe schlenkerte Wasser, und in der
rückwärtigen Erweiterung der Beinkleider trug er eine Pfütze mit
sich herum. Da ein Wagen nicht erreichbar schien, beschloß er, die
innere Stadt zu durchqueren. Die Winkel der alten Straßen fingen den
Wind ab, ihm ward es wärmer. „Von einem Katarrh ist nicht die Rede.
Guste soll mir aber doch einen Wickel um den Bauch machen. Wenn sie
nur gefälligst keine Influenza ins Haus einschleppt!“ Nach dieser
Sorge erinnerte er sich seines Ordens: „Der Wilhelms-Orden, Stiftung
Seiner Majestät, wird nur verliehen für hervorragende Verdienste um
die Wohlfahrt und Ver[510]edelung des Volkes ... Den haben wir!“
sagte Diederich laut in der leeren Gasse. „Und wenn es Dynamit
regnet!“ Der Umsturz der Macht von seiten der Natur war ein Versuch
mit unzulänglichen Mitteln gewesen. Diederich zeigte dem Himmel
seinen Wilhelms-Orden und sagte „Etsch“ – worauf er ihn sich
ansteckte, neben den Kronenorden vierter Klasse.
In der
Fleischhauergrube hielten mehrere Fuhrwerke: merkwürdig, vor dem
Haus des alten Buck. Eins war noch dazu ein Landwagen. Sollte etwa
–? Diederich spähte in das Haus: die gläserne Flurtür stand
außerordentlicherweise offen, so als würde jemand erwartet, der
selten kam. Feierlich still die weite Diele, nur, wie er an der
Küche vorbeischlich, ein Wimmern: die alte Magd, mit dem Gesicht auf
den Armen. „Also ist es so weit“ – und plötzlich ward Diederich von
einem Schauer angerührt, er blieb stehen, bereit, den Rückzug
anzutreten. „Dabei habe ich nichts zu tun ... Doch! Dabei habe ich
zu tun, denn hier ist jedes Stück mein, ich habe die Pflicht, dafür
zu sorgen, daß sie mir nachher nichts forttragen.“ Aber nicht nur
dies drängte ihn vorwärts; Schwierigeres und Tieferes kündigte sich
an mit Schnaufen und Bauchklemmen. Gehaltenen Schrittes erstieg er
die flachen alten Stufen und dachte: „Respekt vor einem tapferen
Feind, wenn er das Feld der Ehre deckt! Gott hat gerichtet, ja, ja,
so geht es, keiner kann sagen, ob er nicht eines Tages –. Na hören
Sie, es gibt denn doch Unterschiede, eine Sache ist gut oder nicht
gut. Und für den Ruhm der guten Sache soll man nichts versäumen,
unser alter Kaiser hat sich wahrscheinlich auch zusammennehmen
müssen, als er nach Wilhelmshöhe zu dem gänzlich erledigten Napoleon
ging.“
[511] Hier war er
schon im Zwischengeschoß und betrat vorsichtig den langen Gang, an
dessen Ende die Tür offen, auch hier wieder offen stand. Sich gegen
die Wand drücken, und einen Blick hinein. Ein Bett, mit dem Fuß
hergewendet, darin lehnte an gehäuften Kissen der alte Buck und
schien nicht bei sich. Kein Laut; war er denn allein? Behutsam auf
die Gegenseite – nun sah man die verhängten Fenster und davor im
Halbkreis die Familie: dem Bett zunächst Judith Lauer ganz starr,
dann Wolfgang mit einem Gesicht, das niemand erwartet hätte;
zwischen den Fenstern die zusammengedrängte Herde der fünf Töchter
neben dem bankerotten Vater, der nicht einmal mehr elegant war;
weiterhin der verbauerte Sohn mit seiner stumpfblickenden Frau, und
endlich Lauer, der gesessen hatte. Mit gutem Grund hielten alle sich
so still; zu dieser Stunde verloren sie die letzte Aussicht, noch
einmal mitzureden! Sie waren obenauf gewesen und hatten sich in
Sicherheit gewiegt, solange der Alte standhielt. Er war gefallen,
und sie mit, er verschwand, und sie alle mit. Er hatte immer nur auf
Flugsand gestanden, da er nicht auf der Macht stand. Nichtig Ziele,
die fortführten von der Macht! Fruchtlos der Geist, denn nichts
hinterließ er als Verfall! Verblendung jeder Ehrgeiz, der nicht
Fäuste hatte und Geld in den Fäusten!
Woher aber dies
Gesicht, das Wolfgang hatte? Es sah nicht aus wie Trauer, obwohl
Tränen aus seinen dort hinüberverlangenden Augen fielen; es sah aus
wie Neid, gramvoller Neid. Was hatten die anderen? Judith Lauer,
deren Brauen sich dunkel zusammenzogen, ihr Mann, der aufseufzte –
und die Frau des Ältesten sogar faltete vor dem Gesicht ihre
Arbeiterinnenhände. Diederich, in ent[512]schlossener Haltung,
stellte sich mitten vor die Tür. Es war dunkel im Gang, die da sahen
nicht, und mochten sie; aber der Alte? Sein Gesicht war genau
hierhergerichtet, und wo es hinsah, ahnte man dennoch mehr als hier
war, Erscheinungen, die niemand ihm verstellen konnte. Ihren
Widerschein in seinen überraschten Augen, öffnete er auf den Kissen
langsam die Arme, versuchte sie zu heben, hob, bewegte sie, winkend
und empfangend – wen doch? Wie viele wohl, mit so langem Winken und
Empfangen? Ein ganzes Volk, sollte man glauben, und welchen Wesens,
daß es durch sein Kommen dies geisterhafte Glück hervorrief in den
Zügen des alten Buck?
Da erschrak er, als
sei er einem Fremden begegnet, der Grauen mitbrachte: erschrak und
rang nach Atem. Diederich, ihm gegenüber, machte sich noch strammer,
wölbte die schwarzweißrote Schärpe, streckte die Orden vor, und für
alle Fälle blitzte er. Der Alte ließ auf einmal den Kopf fallen,
tief vornüber fiel er ganz, wie gebrochen. Die Seinen schrien auf.
Vom Entsetzen gedämpft, rief die Frau des Ältesten: „Er hat etwas
gesehen! Er hat den Teufel gesehen!“ Judith Lauer stand langsam auf
und schloß die Tür. Diederich war schon entwichen.
(Quelle: Kurt Wolff Verlag Leipzig-Wien Der Roman wurde
abgeschlossen Anfang Juli 1914, Vierundfünfzigstes bis
zweiundachtzigstes Tausend, Gedruckt in der Spamerschen
Buchdruckerei in Leipzig Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1918,(Project Gutenberg)
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