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zerbrochne Krug"
Heinrich von Kleists (1777-1811)
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Komödie • "Der
zerbrochne Krug" enthält zahlreiche Bezüge zu den politischen
und gesellschaftlichen Verhältnissen der Zeit an der Wende von 18.
zum 19. Jahrhundert.
Insgesamt war
Berlin um 1800 eine Stadt zwischen Tradition und Moderne. Bis zum
Beginn der Industrialisierung war Berlin eine von einer Akzisemauer
(Zollmauer) umgebene, barocke Residenz- und Garnisonsstadt, die noch
sehr vom Absolutismus unter »Friedrichs
II. (1712-1786), dem Großen geprägt war. Hier
herrschte militärischer Drill und eine ständische Ordnung, zugleich
gehörten aber auch die Ideen der Aufklärung, eine kulturelle Blüte
und der gesellschaftliche Wandel zu den Eindrücken, die die Stadt
nach außen erweckte. Wer damals durch Berlin spazierte, konnte
sowohl die Macht des preußischen Staates als auch die Anfänge einer
modernen bürgerlichen Gesellschaft erleben.
Um 1800 war Berlin
eine Stadt des Übergangs. Mit rund 170.000 Einwohnern gehörte sie zu
den größten Städten im deutschsprachigen Raum, wirkte jedoch im
Vergleich zu Metropolen wie London, das um 1800 bereits eine Million
Einwohner*innen hatte, oder Paris, das 1801 ca. 547.000 Bewohner
besaß, noch überschaubar. (vgl.
Möller
1994, S.79)
Wer durch die
Straßen Berlins ging, begegnete einer Mischung aus höfischer Pracht,
aufstrebendem Bürgertum und einfachen Handwerkern. Breite Straßen
und repräsentative Bauten in der Nähe des Stadtschlosses standen
neben engen Gassen, in denen ärmere Bevölkerungsschichten unter
einfachen Bedingungen lebten.
Das öffentliche
Leben wurde stark vom preußischen Staat geprägt. Soldaten gehörten
zum alltäglichen Straßenbild, da Preußen als Militärstaat galt.
Uniformen bestimmten das Stadtbild ebenso wie die strenge
gesellschaftliche Ordnung. Dennoch "»militarisierten« (die Soldaten)
die Garnisonsstädte genauso wenig, wie die Studenten die
Universitätsstädte »akademisierten«." (Clark
2008, S.186) "Natürlich waren Soldaten", fährt
Clark
(2008) an anderer Stelle fort, "auf den Straßen der
Garnisonsstädte ein vertrauter Anblick, und sie tauchten auf allen
gesellschaftlichen Ebenen auf – von den Wirtshäusern bis hin zu den
Salons der Patrizier. Andererseits deutet kaum etwas darauf hin,
dass dies mit einer Durchdringung der städtischen Zivilgesellschaft
mit militaristischen Werten oder Verhaltensweisen einherging." (ebd.)
An manchen Stellen der Stadt bildeten
die Kasernen, in denen jeweils bis zu 800 Menschen, gemeine Soldaten
ebenso wie Unteroffiziere und Offiziere lebten, einen eigenen "kleine(n)
Staat [...], in welchem [...] doch Ordnung und Disziplin" herrschte.
(Gaedicke
1806, S.101) Die Exerzierplätze der Soldaten lagen zum Teil in
der Stadt (Alexanderplatz, Wilhelmplatz, Dönhofscher Platz,
Lustgarten), der größte aber, für den man eine halbe Stunde
benötigte, um ihn zu umrunden, lag direkt beim Brandenburger Tor
außerhalb der Stadt. (vgl.
ebd. 1806, S.161) Der Alltag der einfachen Soldaten war, wenn
kein Krieg geführt wurde, von einem eintönigen Kasernenleben
geprägt, bei dem vor allem eine Maßnahme, den • "Müßiggang"
der Soldaten bekämpfen sollte: Exerzieren, exerzieren, exerzieren,
damit die ▪ "Pursche
" untätiger Weise nicht "leicht auf böse Gedancken, als auf
Stehlen, Rauben, und andere Leichtfertigkeiten" kamen. (Fleming
1726, S.124f.) Wie das unter dem Kommando gnadenloser Offiziere
aussah, beschreibt der Freiherr
»Johann
„Hans“ Friedrich von Fleming (1670-1733) in seinem umfangreichen
Handbuch »Der
Vollkommene Teutsche Soldat (1726). Natürlich war das Exerzieren
nicht nur ein Mittel gegen den Müßiggang und seine Folgen, sondern
die dabei eingeforderte absolute Disziplin bei dem "dauernde(n)
Wiederholen von Handlungen und stundlange(n) Exerzieren war die
Voraussetzung dafür, dass die Soldaten diese Handlungen auch unter
den extremen Bedingungen einer Schlacht auszuführen imstande waren."
(Oster
2010, S.145)
Während
Adlige und hohe Beamte Zugang zum Hof und zu den politischen Zentren
hatten, lebten Handwerker, Tagelöhner und Dienstboten oft unter
bescheidenen Verhältnissen. Da das
Straßenbetteln bei strenger
Strafe verboten war (vgl.
ebd., S.56) und von mehrere "Armenwächter" dafür sorgten, dass
Bettler aufgegriffen und in das Arbeitshaus verbracht wurden, sorgte
die Stadt um der Belästigung durch Bettler*innen zu entgehen, mit
verschiedenen "Armenanstalten" (ebd.,
S.23f.) (Arbeitshäuser, "worinnen die Bettler zum Arbeiten
angehalten wurden" "Armen-Casse", "Armen-Friedhöfe",
"Brennmaterial-Unterstützungsgesellschaften",
"Armen-Speisungsanstalten". "Bürger-Rettungs-Insitut". "Charité" (ebd.)
etc.)
Gleichzeitig
entwickelte sich Berlin zu einem wichtigen Zentrum der Aufklärung
und der Bildung. In Salons trafen sich Gelehrte, Künstler und
Angehörige des Bürgertums, um über Literatur, Philosophie und
Politik zu diskutieren. Besonders die jüdischen Salons, etwa die von
Rahel Levin Varnhagen, förderten den geistigen Austausch zwischen
unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen. Die Ideen der
Aufklärung, die Vernunft, Bildung und individuelle Freiheit
betonten, prägten das kulturelle Leben der Stadt nachhaltig.
Auch kulturell bot
Berlin zahlreiche Anregungen. Theateraufführungen, Konzerte und
Lesungen erfreuten sich wachsender Beliebtheit. Besonders das von
»August Wilhelm Iffland
(1759-1814) geleitete »Nationaltheater zog
viele Besucher an. Literatur und Kunst gewannen zunehmend an
Bedeutung, und die Stadt entwickelte sich zu einem wichtigen
geistigen Zentrum Preußens.
Der Alltag vieler
Berliner war jedoch deutlich weniger glamourös. Die meisten Menschen
arbeiteten hart und waren von den Schwankungen der Wirtschaft
abhängig. Märkte bildeten wichtige Treffpunkte, auf denen
Lebensmittel, Stoffe und Gebrauchsgegenstände verkauft wurden.
Pferdekutschen, Handwagen und Fußgänger bestimmten den Verkehr.
Nachts wurden die Straßen nur spärlich beleuchtet, sodass Dunkelheit
und Unsicherheit zum Alltag gehörten.
Zum
wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung Berlins und
Brandenburg-Preußens trug vor allem auch die französische Kolonie
bei, die sich seit dem 17. Jahrhundert in Berlin ansiedeln durfte.
(vgl.
Gaedicke 1806, S.177f.)
Die Franzosen, die
nach Berlin kamen, waren zunächst einmal französische »Hugenotten,
Anhänger der Lehren des Reformators »Johannes
Calvin (1509-1564), die in ihrem Land über lange Jahre brutal
verfolgt wurden. Als der französische König »Ludwig
XIV. (1638-1715) im Jahr 1685 das »Edikt
von Nantes (1598) aufhob, das den Hugenotten im katholischen
Frankreich religiöse Toleranz und volle Bürgerrechte gewährt hatte,
wurde der protestantische Glaube im Königreich Frankreich endgültig
illegal. Den Hugenotten drohten fortan Galeerenstrafe, Haft oder der
Tod, was eine Massenflucht von rund 200.000 Menschen auslöste. Auf
diese Weise gelangte auch der französische Philosoph der •
europäischen Aufklärung
▪
Voltaire (François-Marie Arouet) (1694-1778)
Brandenburg-Preußen war zu dieser Zeit noch vom •
Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) völlig verwüstet und
entvölkert und Berlin selbst zählte kaum noch 10.000 Einwohner.
(vgl.
Gaedicke 1806, S.50) Der Große »Kurfürst,
»Friedrich
Wilhelm
(1620-1688), der selbst Calvinist war, erließ nur wenige Wochen
nach dem französischen Verbot das »Edikt
von Potsdam. Darin bot er den französischen Flüchtlingen
weitreichende Privilegien wie kostenlose Grundstücke, mehrjährige
Steuerbefreiungen, Anschubfinanzierungen für Handwerker und das
Recht auf freie Religionsausübung in ihrer Muttersprache, um sein
Land zu modernisieren. Rund 20.000 Hugenotten folgten dem Ruf nach
Brandenburg, von denen sich etwa 6.000 in Berlin niederließen. Um
das Jahr 1700 war damit fast jeder dritte Berliner französischer
Herkunft. In die französische Kolonie konnten aber auch andere sich
hier niederlassende Fremde und Ausländer, ohne Rücksicht auf
Religion oder Nation aufgenommen werden. Im Jahr 1803 hatte die
Kolonie 4382 Mitglieder. (vgl.
ebd., S.178) Die gezielte Förderung der Einwanderung zeigt
im Übrigen, "wie wenig Bedeutung der volksmäßigen Einheit eines
Staates im 17. und 18. Jahrhundert beigemessen wird." (vgl.
Möller
1994, S.80)
Auf dem
Gendarmenmarkt der
Berliner Friedrichstadt errichteten sie von 1701 bis 1705 ihre
eigene Kirche. Von 1780 bis 1785 wurden die Deutsche und
Französische Kirche auf dem Gendarmenmarkt jeweils um einen
Kuppelturm, den »Deutschen
Dom und den »Französischen
Dom, erweitert. In den Jahren 1774 bis 1776 ließ »Friedrich
II. (1712-1786) das »Französische
Komödienhaus errichten, an dessen Stelle später (1801/02) das
schon 1817 wieder vollständig abgebrannte Nationaltheater von »Carl
Gotthard Langhans (1732-1808) erbaut wurde.
In Berlin
angekommen, bildeten die Hugenotten im 18. Jahrhundert eine Art
"Staat im Staate" mit einer beachtlichen rechtlichen Autonomie. Die
französische Kolonie besaß eine eigene Gerichtsbarkeit und
Verwaltung, sodass Rechtsstreitigkeiten von eigenen französischen
Richtern nach französischem Recht verhandelt wurden. Zudem gründeten
sie eigene Schulen, wie das heute noch existierende Französische
Gymnasium, sowie eigene Krankenhäuser und Waisenhäuser. (vgl.
Gaedicke 1806, S.178)
Die Einwanderer
waren hochqualifizierte Handwerker, Kaufleute, Gelehrte und
Militärs, die die preußische Wirtschaft grundlegend
revolutionierten. Sie führten feine Gewerbe wie die Seiden- und
Samtweberei, die Uhrmacherei, die Spiegelfabrikation und die Gold-
und Silberschmiedekunst ein, die es in Brandenburg zuvor kaum
gegeben hatte. Auch die Landwirtschaft profitierte, da französische
Gärtner erstmals Blumenkohl, Spargel, Kopfsalat und Tabak in der
Region kultivierten.
Darüber hinaus
prägten sie das Geistesleben, da Französisch zur Sprache der
Berliner Bildungsschicht avancierte und viele Hugenotten als
Professoren oder königliche Erzieher arbeiteten.
Im Laufe des späten
18. und frühen 19. Jahrhunderts vermischte sich die Kolonie jedoch
immer stärker mit der deutschen Bevölkerung. Im Zuge der »Stein-Hardenbergschen
Reformen von 1809 wurden die rechtlichen Sonderprivilegien der
französischen Kolonie schließlich aufgehoben, und ihre Mitglieder
wurden reguläre preußische Staatsbürger.
Während der
napoleonischen Besatzung Berlins (1806-1808), während der »Napoleon
I., Bonaparte (1769-1821), dem Triumphator über die Preußen in
der »Doppelschlacht
von Jena und Auerstedt (1806) durch Kontributionen,
Einquartierungen, Armeelieferungen und Kunstraub die Finanzierung
seiner Expansionspolitik stützen und zugleich mit verschiedenen
Maßnahmen einen Aufstand der Berliner gegen die Besatzer verhindern
wollte, zeigten sich die Hugenotten zudem überaus
preußisch-patriotisch und distanzierten sich von den französischen
Besatzern.
Unter »Friedrich
Wilhelm II. (1774-1797), der nach dem Tod »Friedrichs
II. (1712-1786), dem Großen bis 1797 das
preußische Königreich regierte, setzte der Ausbau der
Infrastruktur der Stadt ein. Die Prachtstraße
»Unter den Linden, auf der sich der Hauptverkehr der Stadt
abspielte, wurde gepflastert. Das war dringend nötig geworden, weil
die Fuhrwerke aller Art wegen der Mist-, Sperrmüll- und Schutthaufen
in den angrenzenden Gassen und Straßen kaum durchkamen. Wo Fuhrwerke
und größere Menschenmengen auf den Straßen waren, wirbelten sie
ständig Staubwolken von den sandigen Böden.
Das Stadtbild wurde
von zwei- bis dreigeschossigen Häusern dominiert. Viele davon
stammten noch aus der Zeit als "Ackerbürgerstadt" – Häuser, zu denen
Ställe, Scheunen und Gärten im hinteren Teil des Grundstücks
gehörten.
Schon in der
Herrschaftszeit »Friedrichs
II. (1712-1786) wurden zudem viele einheitliche, barocke
Typenhäuser für Weber und Handwerker hochgezogen. Diese Häuser
wirkten von außen ordentlich und geordnet, im Inneren sah es jedoch
oft düster aus.
Obwohl die Stadt
wuchs und sich zunehmend zu einem kulturellen und politischen
Zentrum entwickelte, fehlten vielerorts grundlegende sanitäre
Einrichtungen. Es gab weder eine moderne Kanalisation noch eine
geregelte Müllentsorgung. Daher schütteten die Berliner Abfälle und
Fäkalien in die Gosse und entleerten ihre Nachttöpfe in die
Rinnsteine. Aber auch private Abortgruben und die Viehhaltung
innerhalb des Mauerrings verbreiteten allerorten ihren beißenden
Gestank.
Noch 1785 gab es in
Berlin "Straßen, wo große Kloaken aufgetürmt liegen, faule Sümpfe in
beständiger Gärung fließen und schädliches Ungeziefer sich
generieret; selbst am königlichen Schloß sind Exkremente von
Menschen und Tieren zu finden, die vor den Vorübergehenden eben
nicht die angenehmsten Gerüche verbreiten." (Glatzer
1956, S,213f.)
Besonders in den dicht besiedelten Vierteln war dies nach
heutigem Ermessen fast unerträglich. Die städtische Reinigung kam
den Mengen an Fäkalien, Abfällen und Unrat kaum hinterher. Nur die
wenigsten Stadtviertel wurden von Öllaternen beleuchtet. Aus
Sparsamkeitsgründen reichte die Ölmenge nur dafür aus, die Lichter
bis Mitternacht brennen zu lassen. (vgl.
Schönpflug 2010, S.96)
Auch die
Wasserversorgung war problematisch. Zwar wurden die "unansehnliche(n)
Ziehbrunnen [...] in der Mitte der Straßen" (Gaedicke
1806, S.86) schon Anfang des 18.
Jahrhunderts beseitigt und überwiegend von "Brunnen mit Ventilen"
(ebd.) ersetzt,
aber das Wasser wohl am ehesten in den Schlosshöfen einwandfrei.
Dennoch soll es in der Regel so gut gewesen sein, dass es von den
Einwohner*innen der Stadt "ohne Beschwerden" wie
"Hartleibigkeit und Magendrücken" (ebd.,
S.87) getrunken werden konnte. Allerdings sei die Qualität des
Wassers sehr unterschiedlich gewesen. Oft lagen sie auch nicht weit entfernt von den
Fäkaliengruben, so dass das Trinkwasser leicht verunreinigt werden
konnte. Noch kannte man die Zusammenhänge zwischen Hygiene,
Krankheitserregern und Infektionen kaum und führte Krankheiten daher
oft auf "schlechte Luft" oder andere Umweltfaktoren zurück.
Krankheiten wie Typhus, Ruhr, Pocken – sie waren in Preußen die
häufigste Todesursache (vgl.
Möller
1994, S.84) – oder Tuberkulose traten
unter solch miserablen hygienischen Bedingungen daher regelmäßig auf
und konnten sich in der dicht besiedelten Stadt schnell ausbreiten.
Epidemien gehörten daher zum Alltag der Bevölkerung. Zwar gab es
bereits erste Ansätze einer öffentlichen Gesundheitsfürsorge, doch
die medizinischen Möglichkeiten waren begrenzt, und wirksame
Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung standen noch am Anfang ihrer
Entwicklung.
Die
Wohnverhältnisse vieler Menschen im letzten Drittel des 18.
Jahrhunderts verschärften die hygienischen Probleme zusätzlich.
Besonders die ärmeren Bevölkerungsschichten lebten oft auf engem
Raum in schlecht belüfteten Wohnungen. Mehrere Personen teilten sich
häufig ein Zimmer, und Haustiere wurden teilweise im selben Gebäude
gehalten. Feuchtigkeit, Schmutz und mangelnde Waschmöglichkeiten
begünstigten die Verbreitung von Läusen, Flöhen und anderen
Parasiten. Während Dienstboten und Tagelöhner oft gar keine eigenen
Wohnung besaßen, sondern in ungeheizten Kammern unter dem Dach
(Dachbucht), im Keller oder auf Schlafbänken oder Strohsäcken in den Küchen ihrer
jeweiligen Dienstherren schliefen, betteten sich der Adel und das
wohlhabende Bürgertum in ihren repräsentativen Bürgerhäusern und
Palais in warme Himmelbetten und genossen ihre behagliche
Inneneinrichtung.
Aber auch in den
unteren Bürgerschichten ging es sehr schlicht zu. "Ihre Wohnungen
bestanden aus Stube, Kammer und Küche. Unbeheizte Kammer und
getünchte Zimmer waren die Regel, die Möblierung sparsam und
einfach. Außer den tönernen oder eisernen Öfen, auf denen die Armen,
um Holz zu sparen, auch noch kochten, bestand die Einrichtung aus
Ofenbänken, Kästen, Truhen, Tisch und Stühlen. Der räumlichen Enge
konnte man in den Familien kleinerer Handwerker kaum entfliehen,
denn die Stube war Aufenthalts-, Arbeitsraum und Kinderzimmer
zugleich." (Möller
1994, S.400)
Berlin konnte auch
mit zahlreichen Fabriken und Manufakturen aufwarten, in denen
Tausende von Arbeiter*innen und Kinder arbeiteten. Es wurde
geschätzt, dass annähernd 50.000 Menschen von der Arbeit und dem
geringen Lohn in den Wolle-, Seiden- und Baumwoll- Manufakturen, der
Herstellung von Gold- und Silberarbeiten, Porzellan - und
Fayencewaren, von Bronzearbeiten, von Tapeten- , Lackier-, Tischler
- und Bildhauer - Arbeiten oder der Arbeit in Pulver- und
Wagenfabriken sowie Zuckersiedereien lebten. (Gaedicke
1806, S.162f.) Die größten Fabriken und Manufakturen arbeiteten
dabei für den königlichen Hof, aber auch das Textilgewerbe hatte
große Produktionsstätten.
Als es in den
1790er Jahren europaweit zu einer Krise im Textilgewerbe kam, hatte
dies für Berlin besonders schwerwiegende Folgen. Der Textilsektor
war nämlich in mit 25.000 Personen der größte Gewerbezweig der
Stadt, der der wachsenden Konkurrenz nicht mehr standhalten konnte.
Nur ein geringer Teil der etwa 13.000 Männer und Frauen, die
arbeitslos wurden, fand ein Dach über dem Kopf in den Waisenhäusern
und Hospitälern. (vgl.
Schönpflug 2010, S.96)
Wie
Clark
2008, S.184ff.) darstellt, hatte die stetige Vergrößerung der
preußischen Armee auf die brandenburgisch-preußischen Städte
zwei Seiten. Zum einen arbeiteten, da der Militärdienst in
Friedenszeiten keine Vollzeitbeschäftigung und der Sold sehr gering
war, arbeiteten zahlreiche Soldaten und ihre Ehefrauen als billige
Arbeitskräfte in städtischen Werkstätten und Textilmanufakturen. Das
brachte ihnen nicht nur ein Mehrfaches ihres Grundsolds als
Zusatzeinkommen ein, sondern damit auch die die lokale Kaufkraft.
Zudem wurde die Textilindustrie mit Lohnarbeiter*innen versorgt, die
nicht in den Gilden organisiert waren. Dies führte jedoch auch immer
wieder zu Spannungen, denn Soldaten arbeiteten in ihrer dienstfreien
Zeit zu Niedriglöhnen, die geringer waren als das, was
Handwerkslehrlinge in den Werkstätten verdienten. die keine Soldaten
beschäftigten.

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Viele einfache
Soldaten waren aber auf dieses Zusatzeinkommen angewiesen, um sich
und ihre Familien über Wasser zu halten. Wenn es aus
unterschiedlichen Gründen kaum zusätzliche Arbeit für sie gab, blieb
den Angehörigen der Garnisonssoldaten oft nichts anderes übrig als
auf den Straßen zu betteln,
auch wenn
dies streng untersagt war. Besser schlugen sich dann die
Soldaten durch, die sich, weil sie sich mit den Befestigungsanlagen
gut auskannten, als Schmuggler von Waren über die Steuergrenzen (Azisegrenzen)
der Stadt betätigten.
Andererseits kam es
auch immer wieder zu Spannungen zwischen Bürgern und Soldaten, die
mit dem System der Zwangseinquartierung von Soldaten zu tun hatte. Zwar
ließ schon »Friedrich
II. (1712-1786), der Große, etliche Kasernen bauen, aber noch um
1800 wurden viele unverheiratete Soldaten in Bürgerhäusern zwangseinquartiert.
(vgl.
Gaedicke 1806, S.101) Wer im
späten 18. Jahrhundert in Berlin lebte, musste also damit rechnen,
seinen Wohnraum
unfreiwillig zu teilen.
Bürgerliche
Familien, Handwerker und Gastwirte waren gesetzlich verpflichtet,
Soldaten (mitunter auch deren Frauen und Kinder) aufzunehmen. Ein
Zimmer, die so genannte "Montierungskammer" musste in den oft
ohnehin kleinen Wohnungen für den Soldaten freigehalten werden. Dazu
hatte der Hausherr nicht nur das Bett zu stellen, sondern oft auch
für die Reinigung der Uniformen zu sorgen. Das führte im
Familienalltag immer wieder zu Konflikten, da da ständig fremde, oft
Militärangehörige mit wenig Sinn für Sitte, Anstand und gegenseitige
Rücksichtsnahme mit der Familien in der Wohnung lebten. In Preußen
machte eine Verordnung für die Zwangseinquartierung die folgenden
Auflagen: "Ein Quartier ist ordonnanzgemäß, wenn 4 Mann darin
schlafen und auf ebenso vielen Wollrädern spinnen können, d. h. die
Stube muß 208 Quadratfuß [= 20,5 m2] haben, Kammern
sollen 78 Quadratfuß [= 7,7 m2] groß sein ... Die
Hauseigentümer müssen das Quartier unentgeltlich geben, Sie müssen
ferner die Stuben heizen und reinigen, die Betten machen und zu
Mittag kochen. Die Kosten für den Unterhalt der Utensilien und der
Betten, für die Reinigung der Betten und der Wäsche, für Stroh,
Licht usw. werden vom Kompaniechef bezahlt, der diese Ausgaben aus
den etatmäßig zugewiesenen Geldern bestreitet. Das nötige Holz wird
den Wirten in natura unentgeltlich geliefert." (zit. n.
Möller
1994, S.401)
Wohlhabende Bürger
konnten sich freilich von der Zwangseinweisung von Soldaten dadurch
freikaufen, dass sie ärmere Haushalte dafür bezahlten, die
Militärangehörigen aufzunehmen, was diesen wieder ein zusätzliches
Einkommen verschaffte.
Für Unfrieden
zwischen den Bürgern und den Soldaten sorgte auch, dass die Soldaten
einer eigenen Gerichtsbarkeit unterworfen worden und dies immer
wieder zu Kompetenzstreitigkeiten mit den städtischen Behörden
führte. Nicht selten missbrauchten Militärkommandeure auch ihre
Macht, um eigenmächtig Vorräte zu requirieren oder Zivilisten zu
zwangsrekrutieren.
Im Allgemeinen
freilich "entwickelte sich eine bestimmte Art von Miteinander
zwischen dem Militärpersonal und der städtischen Bevölkerung" (Clark
2008, S.186)
Mit dem Einsetzen
der Industrialisierung in den ersten Jahrzehnten des 19.
Jahrhunderts änderte sich das Stadtbild zusehends. Da zehntausende
Menschen auf der Suche nach Arbeit in den Fabriken in die preußische
Hauptstadt strömten, platzte die Stadt förmlich aus allen Nähten. Da
es kaum staatliche Bauvorschriften oder sozialen Wohnungsbau gab,
entwickelte sich die Unterbringung der Arbeiterklasse zu einer
sozialen Katastrophe. In den Berliner »Mietskasernen
mit ihren unzähligen Hinterhöfen, die für die Menschen gebaut
wurden, die ihre Arbeitskraft in den Fabriken für einen Hungerlohn
verkaufen mussten, drängten sich die in sozialem Elend wohnenden
Lohnarbeiter*innen mit ihren großen Familien unter meist unwürdigen
Bedingungen.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
06.07.2026
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