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Aspekte der Erzähltextanalyse

Josef K. und der Kaufmann Block

Franz Kafka: Der Prozess - Kaufmann Block / Kündigung des Advokaten

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur
Literarische Gattungen Autorinnen und Autoren  Franz Kafka Überblick Biografischer Überblick Brief an den Vater Parabeln Der Prozess (Roman) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Gesamttext (Kapiteleinteilung nach Malcom Pasley 1990) • Handlungsverlauf Überblick KapitelanordnungVerhaftungGespräch mit Frau Grubach/ Dann Fräulein BürstnerErste UntersuchungIm leeren Sitzungssaal/ Der Student/ Die Kanzleien Der Prügler  Der Onkel / Leni Advokat / Fabrikant / Maler Kaufmann Block / Kündigung des AdvokatenText Überblick [ Aspekte der Erzähltextanalyse Josef K. und der Kaufmann Block ] BausteineIm DomEndeB.s FreundinStaatsanwaltZu ElsaKampf mit dem Direktor-StellvertreterDas HausFahrt zur MutterBausteine Erzählstrukturen Einzelne InterpretationsaspekteTextauswahlBausteineLinks ins Internet   Das Schloss (Roman) Erzählungen Links ins Internet Schreibformen Operatoren im Fach Deutsch
 

Gesamttext (Kapiteleinteilung nach Malcom Pasley 1990)
• Tex
t: Kaufmann Block / Kündigung des Advokaten

Im Kapitel • "Kaufmann Block / Kündigung des Advokaten" in • Franz Kafkas Roman • "Der Prozess" gibt die Begegnung und Kommunikation von Josef K. und dem Kaufmann Block einen weiteren Einblick in den Gang und in den Bedingungen des Prozesses gegen K.

Die nachfolgende Auflistung soll die Begegnung von K. und und dem Kaufmann Block strukturiert erfassen und im Sinne einer weitgehend deskriptiv angelegten Textanalyse beschreiben. Dabei stehen die Umstände, unter denen sich die Kündigung des Advokaten in dem Dialog mit K. im Einzelnen vollzieht, nicht im Zentrum der Analyse, sondern die Bedeutung, die die Begegnung K.s mit dem Kaufmann im Haus des Advokaten für Josef K. besitzt.

Die Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe der Hamburger Lesehefte (2008).

K.  und Block im Vorzimmer und Flur der Wohnung des Advokaten
  • K. geht nach zehn Uhr in der Nacht (HL 120) zum Haus des Advokaten, um diesem seine Vertretung zu entziehen. Als er am Haus ankommt, bemerkt er zwei fremde Augen am Guckfenster zur Wohnung des Advokaten und hört, wie drinnen jemand den "Warnungsruf" (HL 120) "Er ist es!"( HL 120) ausstößt und damit offenbar an eine zuvor mit dem Adressaten der Äußerung stattgefundene Kommunikation über ihn anschließt.

  • K. hat es eilig der Sache auf den Grund zu gehen, zumal er hört, wie die Türschlüssel zur anderen Wohnung im Parterre des Hauses, die von dem Mann mit dem Schlafrock bewohnt wird, hastig umgedreht wird. (HL 120) Ehe der lästige Mann herauskommen und sich wieder einmischen kann, will K. unbedingt in die Wohnung des Advokaten gelangen.

  • So drängt K. zur Tür hinein und stürmt ins Vorzimmer. (HL 120)

  • Dort sieht K. gerade noch wie • Leni, die offensichtlich mit dem Warnruf über sein überraschendes Erscheinen informiert werden sollte, nur mit einem Hemd bekleidet, durch den Hausflur davonläuft (HL 120f.)

  • K. will von dem "kleine(n), dürre(n) Mann mit Vollbart“, der ihm, ohne seinen Rock (gemeint ist der »Herrenrock, der wie ein Kittel, aber aufwändiger in Stoff und Taillierung bis zu den Knien herabreicht) zu tragen, die Haustüre geöffnet und Leni gewarnt hat, wissen, ob er beim Advokaten angestellt und ob Leni seine "Geliebte" sei (HL 121). Dabei baut er sich mit ein wenig gespreizten Beinen und hinter dem Rücken verschlungenen Händen vor ihm auf (HL 121) und fühlt sich schon durch die Art seiner Kleidung geschützt und "dem mageren Kleinen sehr überlegen.“ (HL 121) Indem er Block so abwertet, versucht er wohl, in ihm keinen Konkurrenten um die Gunst Lenis zu sehen. Die körpersprachlichen Signale, die K. sendet, schüchtern Block ein, der die Frage, ob • Leni seine Geliebte sei, erschrocken von sich weist. (HL 121)
    Trotz alledem wirkt das Verhalten von K. nicht sonderlich kongruent, wenn K. auf der einen Seite, jeden Winkel nach Leni absuchen lässt, gleichzeitig aber betont, dass das Ganze völlig an ihm "abtropfe“ ("Er fühlte sich so frei, wie man es sonst nur ist, wenn man in der Fremde mit niedrigen Leuten spricht, alles, was einen selbst betrifft, bei sich behält, nur gleichmütig von den Interessen der anderen redet, sie dadurch vor sich selbst erhöht, aber auch nach Belieben fallen lassen kann.", HL 121) •

K. und Block im Arbeitszimmer des Advokaten
In der Küche: K. mit Leni und Block
  • K. lässt auf der Suche nach Leni, von der er annimmt, dass sie sich vor ihm versteckt (HL 122), von Block zunächst ins Arbeitszimmer und von dort zur Küche führen, wo • Leni "in weißer Schürze" (H 122) am Herd steht, um offenbar Essen für den Advokaten zuzubereiten. Dort weist er den Kaufmann an, auf einem abseits stehenden Sessel Platz (HL 122) zu nehmen.

  • Auf seine Frage an Leni, wer der Mann sei und die Unterstellung, er sei ihr Geliebter, bekommt er von Leni zu hören, dass der Mann, obwohl sie ihn wenig später mit seinem Kosenamen "Rudi" (HL 122) anspricht und duzt, nur "ein gewisser Block" sei, dazu "ein bedauernswerter Mensch" und "armer Kaufmann". (HL 122).

  • Block, der offenbar spürt, worauf das Ganze hinausläuft, macht sich in seiner Ecke unsichtbar, indem er die Kerze aus, mit der er K. über den dunklen Flur in die Küche geführt hat, ausmacht und auch versucht, die Rauchentwicklung des Dochtes zu verhindern, die über den Geruchssinn auf ihn hinweisen könnte, zu verhindern.

  • K. lehnt daraufhin die Aufforderung • Lenis  ab, mit ihm ins Arbeitszimmer zu wechseln, um das Gespräch unter vier Augen fortsetzen zu können.

  • Weil Leni noch die Antwort auf ihre Fragen schuldet und sie K. vermitteln will, dass er grundlos eifersüchtig zu sein scheint, fordert sie "Rudi", den Kaufmann, auf, sie gegen die "Verdächtigungen" K.s in Schutz zu nehmen, was dieser wenig überzeugend tut ("Ich wüsste auch nicht, warum sie eifersüchtig sein sollten" HL 122). K. lässt die Sache daraufhin zunächst auf sich beruhen, kann sich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass das Ganze ein abgekartetes Spiel zwischen Leni und Block darstellt ("Man hätte denken können, er hätte nicht Acht gegeben, aber er war vollständig eingeweiht." HL 122)

  • Damit Block es in seiner Ecke nicht verstehen kann, flüstert sie K. zu, dass sie sich nur deshalb Block "ein wenig angenommen" habe, weil er ein wichtiger Klient des Advokaten sei. (HL 123)

In der Küche: K. und Block über Blocks Erfahrungen mit dem Gericht, seinen Prozessverlauf und den Advokaten
  • K. verzichtet darauf, Leni vor seinem Gespräch mit dem Advokaten, darüber zu informieren, dass er Huld seine Vertretung im Prozess entziehen will und fordert sie auf, dem Advokaten das zubereitete Essen zu bringen. So verlässt Leni für eine Weile die Küche. (HL 123)

  • Bevor sie aus der Küche hinausgeht, meldet sich der Kaufmann aus seiner Ecke noch einmal "leise" zu mit einer an K. gerichteten Äußerung zu  Wort ("Sie sind auch ein Klient des Advokaten", HL 123), wird aber sowohl von K. ("Was kümmert sie denn das?") als auch von Leni wie ein Kind zurechtgewiesen ("Wirst du still sein.", HL 123) Dabei macht Lenis Äußerung schon darauf aufmerksam, dass zwischen ihr und dem Kaufmann eine Beziehung besteht, die der zuvor geäußerten Feststellung, es handle sich bei Block um eine "große Kundschaft des Advokaten" (HL 123) in ein anderes Licht rückt.

  • Weil K. glaubt, dass Leni seine Prozessangelegenheiten nicht hinreichend überblickt (HL 124) und ihm entsprechend ihrer früheren Ratschläge bei der ihrer ersten Begegnung ("man muss das Geständnis machen" HL 77) wahrscheinlich von der Kündigung des Advokaten abgeraten hätte (HL 124), will er den Kaufmann, dessen Bedeutung Leni ja unterstrichen hatte, über seine Erfahrungen mit dem Advokaten und seinen bisherigen Prozessverlauf befragen.

  • K. setzt sich zu dem Advokaten und ermuntert ihn, über seine Erfahrungen zu berichten. Auf diese Weise erfährt K, dass Huld den Kaufmann in Geschäftsangelegenheiten schon zwei Jahrzehnte vertritt und im "eigenen Prozess" des Kaufmanns aber schon länger als fünf Jahre die Vertretung innehat.

  • Ehe Block ins Detail geht und K. die Erfahrungen, die er in dieser Zeit mit dem Advokaten und seiner Arbeit preisgibt, will er sich, da der Advokat "rachsüchtig" (HL 124) sei, absichern und verlangt, dass auch K. ihm ein Geheimnis anvertrauen müsse, das ihn aus Angst vor dessen Preisgabe zur Verschwiegenheit über das ihm von Block Anvertraute zwinge.

  • Nachdem K. dies verspricht, rückt Block heraus, dass er, obgleich dies überhaupt nicht erlaubt sei, neben dem Advokaten noch weitere fünf Winkeladvokaten mit seinem Fall beschäftige, um, selbst wenn ihn das fast finanziell ruiniert habe (HL 125), alles Mögliche zu tun, um seinen Prozess nicht zu verlieren. (HL 125) Winkeladvokat ist dabei eine Bezeichnung, mit der im 19. Jahrhundert Personen bezeichnet wurden, die zwar keine anerkannte Qualifikation als Rechtsanwalt (Advokat) besaßen und daher im Grunde genommen unbefugt und heimlich im Winkel, also versteckt, in Rechtsangelegenheiten tätig wurden.

  • Auf eine Bemerkung Blocks hin, will K. wissen, ob Block persönlich in irgendeiner Weise auf das Gericht Einfluss nehmen bzw. wie er sagt, bei Gericht arbeite (HL 125), und ob dies etwas gebracht habe. Block erklärt ihm, dass er das zwar versucht habe, allerdings schnell zur Einsicht gelangt sei, dass das, zumindest in seinem Fall, keinen Erfolg habe und zudem seine Kräfte verschlissen habe. Zudem wisse K. ja selbst, dass allein das "bloße Sitzen und Warten" (HL 125) im Wartezimmer der Gerichtskanzleien, wo er ihn bei seinem Besuch (HL 50) gesehen habe, angesichts der "schwere(n) Luft" (HL 125), die dort auf dem Dachboden herrsche, sehr anstrengend sei.

  • K. rückt angesichts dessen, was ihm der Kaufmann berichtet, von seinem eingangs gewonnen Eindruck, Block sei eine lächerliche Figur, die über keinerlei angemessene Einschätzungen des Gerichts verfüge (HL 121) ab. Ein Motiv dürfte auch sein, dass der Kaufmann wohl doch nicht zu den  "niedrigen Leuten" HL 121) zählt, über die er sich gerade noch so arrogant erhoben hat. Schließlich hatte bei seinem Besuch auf dem Dachboden, wo die Gerichtskanzleien untergebracht sind, den Eindruck gewonnen, dass die dort Wartenden trotz ihrer vernachlässigt wirkenden Kleidung "den höheren Klassen" (HL 50) angehörten, zu der er sich selbst auch zählte. Sozial gesehen ist ihm Block damit gleichgestellt.

  • Zugleich will K. von Block als damaligem Augenzeugen aucheine Rückmeldung darüber bekommen, wie sein Auftreten im Wartezimmer der Kanzleien auf dem Dachboden unter den anderen dort wartenden Angeklagten angekommen ist. Dazu gibt er ihm vor, dass er sich damals als "ehrenvoll aufgenommen" (HL 126) vorgekommen sei, weil, wie er vermutet, die anderen Wartenden sogar für ihn aufgestanden seien. (HL 50)

  • Ernüchtert muss K. mit der Antwort Blocks zur Kenntnis nehmen, dass diese Art der Ehrerbietung aber nicht ihm, sondern allein dem mit ihm in das Wartezimmer eintretenden Gerichtsdiener gegolten habe, zumal man dort oben gewusst habe, dass K. ein Angeklagter wie alle anderen sei.

  • Zugleich erfährt er, dass der eine oder andere, weil im Verlauf der Prozesse "immer wieder viele Dinge zur Sprache kommen, für die der Verstand nicht ausreicht" (HL 126), auch immer wieder zu althergebrachtem und einer eigenen Dynamik (HL 127) folgendem "Aberglauben" Zuflucht nähmen, um sich bestimmte Dinge zu erklären oder den möglichen Fort- bzw. Ausgang von Prozessen vorherzusagen. So hätte man aus der Zeichnung der Lippen von Josef K. darauf geschlossen, dass er in naher Zukunft verurteilt werde. (HL 126) Auch wenn Block selbst nach eigener Aussage nicht solchem Aberglauben folge, hätten solche Dinge, wenn sie verbreitet würden eben doch ihren Einfluss.

  • Auf seine Frage, ob die Angeklagten sich außerhalb des Gerichts träfen und ihre Meinungen und Erfahrungen austauschten, bekommt er zu hören, dass dies schon auf Grund der großen Zahl der Angeklagten kaum möglich sei. Der eigentliche Hinderungsgrund für den mangelnden Kontakt der Angeklagten zueinander aber seien ihre ganz unterschiedlichen Interessen. (HL 126) Vor allem aber gelte: "Gemeinsam lässt sich gegen das Gericht nichts durchsetzen." HL 126)

  • Auf K.s Bemerkung hin, das Warten der Angeklagten im Wartezimmer sei im so nutzlos erschienen (HL 127), verteidigt Block das Warten, bleibt allerdings eine Begründung dafür schuldig. Stattdessen behauptet er erneut, dass das "eigenständige Eingreifen" (HL 127) eines Angeklagten rundherum nutzlos sei und er aus diesem Grunde seine Angelegenheit außer vom Advokaten Huld auch von den von ihm bestellten Winkeladvokaten vertreten lasse.

  • Dann berichtet Block K., wie er seinen Prozess über die Jahre hin "fortgewälzt" (HL 127) hat, ohne dass es, über die Jahre betrachtet, aller gelehrten, aber letztlich inhaltlosen Eingaben des Advokaten zum Trotz (HL 127) und einiger Untersuchungen in seinem Prozess greifbare Fortschritte, geschweige denn die Anberaumung eines Termins für die "Hauptverhandlung" gegeben hat. (HL 128)

  • Im Grunde genommen bestätigt Block mit der Schilderung seiner Erfahrungen mit dem Advokaten das, was K. schon eine Weile, einen Monat, nachdem er ihm das Mandat erteilt hat (HL 80) an einem Wintervormittag (HL 80) in seinem Büro (HL 80), "willenlos" (HL 89) seinen sich ihm aufdrängenden Gedanken überlassen, über die Arbeit des Advokaten in seinem eigenen Fall dachte (HL 88) und seinen Plan befördert hatte, selbst in den Prozess einzugreifen (HL 88) und "dem Advokaten die Vertretung sehr bald, am besten noch an diesem Abend, zu entziehen." (HL 90)

  • Auch wenn der Letzteres nicht allein Huld, einem "kleinen Advokaten" (HL 129) in der Hierarchie, anlasten könne, weil die Hauptverhandlung bei Gericht durchzusetzen, in die Willkür der wirklich "großen Advokaten" gestellt sei, die eben nur "den (verteidigen), den sie verteidigen wollen" (HL 129) und man weder wisse, er sie seien, noch jemals persönlich Kontakt mit ihnen aufnehmen könne, habe er eben Hilfe bei seinen Winkeladvokaten gesucht, um in seiner Sache alles zu unternehmen, was möglich sei.

In der Küche: K., Leni und der Kaufmann Block über das Leben Blocks im Haus des Advokaten
  • Als Leni vom Advokaten, dem sie zwischenzeitlich zum Ärger von K. länger, als ihm lieb war (HL 127), Gesellschaft geleistet hatte, in die Küche zurückkehrt, gelingt es K. in ihrer Anwesenheit nicht, Block zu weiteren Ausführungen über die Winkeladvokaten und ihre Arbeit zu bewegen. (HL 130)

  • K., hat inzwischen seine Meinung über Block geändert und den Eindruck gewonnen, dass Block, zumindest aufgrund der von ihm mitgeteilten Erfahrungen, die er in seiner langen Prozessdauer gemacht hat, "einen gewissen Wert" (HL 130) hat. Daher stößt ihm die liebevolle, aber weiterhin herablassende Art auf, mit der Leni ihn weiterhin behandelt (HL 130) unangenehm auf und vermischt sich mit dem "geheimen Ärger" (HL 131), den er seit seiner Ankunft auf Leni verspürt.

  • Als er zu seiner völligen Überraschung von Leni erfährt, dass Block im Haus des Advokaten öfters übernachtet (HL 131), wird er aber, ehe er sich weiter dazu äußern kann, von Leni darüber unterrichtet, dass dies nur deshalb so sei, weil Block selbst, wenn sie ihn beim Advokaten angemeldet habe, nur dann, und zwar zu jeder beliebigen Tag- und Nachtzeit, von Huld zu sich gerufen werde, wenn es dem Advokaten gerade in den Kram passe. (HL 131)

  • Bei K., der "zu jeder beliebigen Stunde" (HL 131) und heute sogar, nachdem sie ihn gerade angemeldet hat, noch um "elf Uhr nachts" (HL 131) empfangen werde, sei dies anders und vor allem auf das zurückzuführen, was seine Freunde, im konkreten Fall natürlich Leni, für ihn als Helferin tue. Als Dank dafür wolle sie nur, dass K. sie "lieb" habe. (HL 131)

  • K. denkt für einen Moment darüber nach, wobei je nach Betonung seines Gedankens ("Dich lieb haben?" (HL 131)) ein Zweifel an der Person oder an der Tatsache, überhaupt zu einem solchen Gefühl fähig zu sein, herauszuhören bzw. herauszulesen ist, ehe ihm der mit einem beiläufig, geradezu lakonischen "Nun ja" eingeleitete Gedanke durch den Kopf geht, er habe sie "lieb" (HL 131). Aussprechen kann und will er dies freilich nicht. Statt, wie von Leni offenbar gewünscht, dankbar dafür zu sein, dass sie ihm eigener Aussage nach ermöglicht, jederzeit mit einem Anliegen vom Advokaten empfangen zu werden, gibt er mit der Ansicht, keine anderen Gründe zu akzeptieren (HL 131) zu verstehen, dass er dafür als der Klient, der er er nun mal ist, (ihre) Hilfe nicht benötige und deshalb auch niemandem dafür Dank schulde.

  • Leni, die von K. damit bewusst vor den Kopf gestoßen wird, wendet sich daraufhin an Block, den sie mit ihrer rhetorischen Frage ("Wie schlimm er heute ist, nicht?" HL 131) in einer Sache, die nach K.s Ansicht, diesen überhaupt nichts angeht (HL 131), zu dem Kommentar verleitet, dass für die Bevorzugung K.s im Vergleich zu ihm, auch eine Rolle spiele, dass K.s vergleichsweise junger Prozess dem Advokaten eben in dieser Phase noch interessanter erscheine. Seine Botschaft, mit der Person als solcher habe das Ganze eigentlich nichts tun, zumal das, wenn der Prozess länger dauere. "anders" werde, ist dabei natürlich auch ein Angriff auf das gerade zur Schau gestellte Selbstbewusstsein K.s in dieser Frage.

  • Leni erkennt sofort, dass es dadurch zu einem Konflikt kommen könnte. Aus diesem Grunde will sie die Situation vorbeugend entschärfen und versucht, den kritischen Beigeschmack der Äußerung Blocks einfach "wegzulachen", ihn vor K. als "lieb", aber "geschwätzig" hinzustellen (HL 131) und K. davor zu warnen, ihm irgendetwas zu glauben. (HL 131) Zudem sei die Gunst des Advokaten eben schon von der Person des Klienten abhängig, Block jedenfalls könne er einfach nicht leiden und empfange ihn nur dann, wenn ihm eben danach sei (HL 131).

  • Um K.s ganz andere Bedeutung als Klient, aber auch als "Liebhaber", dessen mögliche Eifersucht (HL 121) sie wohl weiterhin für die abweisende Haltung K.s ihr gegenüber verantwortlich macht, gegenüber Block zu betonen, erklärt Leni die Gründe, weshalb sie Block erlaube, hier im Haus des Advokaten zu schlafen. Er müsse eben zu jeder Tages- und Nachtzeit parat stehen, wenn es dem Advokaten gerade passe, mit ihm zu sprechen. (HL 131)

  • Daraufhin zeigt sie K, auch das Schlafzimmer, ein niedriges fensterloses "Dienstmädchenzimmer", mit einem schmalen Bett, das den kleinen Raum nahezu vollständig ausfüllte, und einer Kerze, einem Tintenfass und einer Feder als Schreibgeräte sowie einem Bündel Papiere, die in einer Wandnische zu sehen waren. (HL 132) Die "Luke" an der Türe, von der erst später die Rede ist (HL 141), als Leni während der vor den Augen K.s vorexerzierten Demütigung Blocks (HL 141f.) dem Advokaten gegenüber erklärt, sie habe Block in dem nahezu dunklen und nur über einen Luftschacht mit Lift versorgten Dienstmädchenzimmer "eingesperrt" (HL 141), damit er sie nicht bei der Arbeit störe, macht schließlich deutlich, dass es sich im Grunde um eine Art Gefängniszelle handelte und bei Block um einen Gefangenen mit zeitweise Freigang im Hause des Advokaten.

  • Wahrscheinlich ist es die Bemerkung Blocks gegenüber K., dass die ihm von Leni gewährte Unterbringung im Dienstmädchenzimmer "sehr vorteilhaft" (HL 132) sei, dass K. daran zweifelt, ob seine zwischenzeitlich positivere Einschätzung (HL 130) nicht doch falsch sei, selbst wenn einiges über seine Erfahrungen mit seinem Prozess zu berichten gewusst habe. So macht er sich, auch zusätzlich angetrieben von seinem Ärger, den er an diesem Tag die ganze Zeit über Leni verspürt Luft, und herrscht sie an, Block doch ins Bett zu bringen. (HL 132) In jedem Fall kann er die Gegenwart des Advokaten von einem Moment auf den anderen nicht mehr ertragen. (HL 132) Mehr noch: K. will unverzüglich zum Advokaten gehen, um sich mit dessen Kündigung "nicht nur vom Advokaten, sondern auch von Leni und dem Kaufmann" (HL 132) zu befreien.

  • Auf die Erinnerung Blocks hin, K. solle ihm noch sein Geheimnis anvertrauen, reagiert K. barsch, aber ganz direkt, dass er auf der Stelle dem Advokaten seine Vertretung entziehen werde. Block kann dies offenbar gar nicht fassen, hält dies offenbar für ein Ding der Unmöglichkeit, ganz so, wie es der Advokat wohl nicht nur K., sondern auch ihm erklärt hat: "ein Angeklagter, der einmal einen bestimmten Advokaten genommen hat, muss bei ihm bleiben, geschehe was immer" (HL 87) und deshalb komme es auch nicht vor.

Im Schlafzimmer des Advokaten: Die Demütigung Blocks durch den Advokaten vor den Augen von Josef K.
  • Als K. in das Zimmer des Advokaten tritt, trifft der den kränklichen Advokaten in seinem Bett an. Als der Advokat bemerkt, dass K. die Tür hinter sich verschlossen hat, um Leni daran zu hindern, ins Zimmer zu kommen, bringt er das Gespräch zunächst einmal auf die "Zudringlichkeiten" (HL 133) Lenis, von denen er nicht nur wisse, sondern sie ihr auch verzeihe. Er erklärt sie damit, dass sie die meisten Angeklagten schön finde, sich deshalb an sie hänge und alle liebe (HL 133) Im Übrigen sei das mit der Schönheit quasi ein Naturgesetz und deshalb sei selbst Block schön, der ansonsten ja lediglich ein "elende(r) Wurm" (HL 134) sei.

  • Da K. sich nicht weiter auf das Thema einlassen will, teilt er dem Advokaten mit, dass er gekommen sei, um ihm sein Mandat zu entziehen. (HL 134)

  • Der Advokat rechtfertigt in dem folgenden Gespräch seine Aktivitäten und Unterlassungen im Prozess von K. mit verschiedenen Argumenten (HL 134 ff.), kann aber K. nicht von seinem Vorhaben abbringen, der von dem Angebot, seine Kündigung noch am gleichen Tag zurücknehmen zu können (HL 137), aber keinen Gebrauch machen will.

  • Der Advokat, der K., vorhält, die Bedeutung des ihm übertragenen Mandats, ebenso wie seine Lage und die Gründe, weshalb er "zu gut" oder zumindest "zu nachlässig" (HL 137) behandelt werde, völlig zu verkennen, will er Block zu sich rufen lassen, um K. "zeigen, wie andere Angeklagte behandelt werden." (HL 137)

  • Die nachfolgende quasi-öffentliche Demütigung Blocks durch den Advokaten und seiner Helfershelferin Leni hat, so inszeniert K. auch alles erscheint ("K. hatte das Gefühl, als höre er ein einstudiertes Gespräch, das sich schon oft wiederholt hatte, das sich noch oft wiederholen würde" (HL 140f.)) hat einen rituellen Charakter und macht Block in den Augen K.s. zu einem "Hund des Advokaten" (HL 141), bestärkt ihn aber um so mehr, in seiner Entscheidung, dem Advokaten seine Vertretung zu entziehen (HL  141), weil er annimmt, der Advokat wolle mit der Vorführung Blocks erreichen, auch ihn vollständig seiner Macht zu unterwerfen. (HL  141)

Die rituelle Unterwerfung Blocks unter die Macht des Advokaten
  • Auf Anweisung des Advokaten, der Leni in das Zimmer, in dem er bis dahin allein mit K. verhandelt hatte, gerufen hatte, wird der Kaufmann in militärischem Befehlston sofort zum Advokaten beordert (HL 138), worauf dieser auch sofort erscheint, aber an der Tür zum Zimmer zunächst stehen bleibt (HL 138), wohl um sich erst noch einmal zu versichern, ob er wirklich vom Advokaten erwartet, oder, wie offenbar schon häufiger, wieder davongejagt werde. (HL 138) Er bestätigt damit, was Leni schon zuvor gesagt hatte (HL 131).

  • Was sich danach vor den Augen des sich zunächst vollkommen distanziert verhaltenden K. ereignet, oszilliert zwischen einer Audienz eines leibeigenen Untergegebenen bei einem Gottkönig und einem Verhör vor der kirchlichen Inquisition.

  • Wie ein Schwerverbrecher, der vor den Richterstuhl zitiert worden ist, geht Block auf den Zehenspitzen und mit den Händen auf dem Rücken zu dem Bett des Advokaten, den er, da dieser sein Federbett bis zum Kinn hochgezogen hat (HL 137), aber zunächst nicht einmal sehen kann. Als er dann vom Advokaten angesprochen wird, fährt er zusammen und erklärt in tief gebeugter Haltung, dass er ohne eigene Wünsche zu haben, einfach als Diener auf Anweisung erschienen sei.(HL 138).

  • Als der Advokat ihm danach zwar bestätigt, dass er gerufen worden sei, aber dennoch "ungelegen" (HL 138), wie eigentlich immer, vor ihm erscheine, erwartet Block offenbar Prügel, ist bereit in einem solchen Fall sofort davonzulaufen kann und fürchtet den strafenden Blick des Advokaten, den er bis dahin noch nicht einmal zu sehen bekommen hat, so sehr dass er am ganzen Leib zittert. (HL 138)

  • Der Advokat kündigt Block daraufhin an, er weder ihm nun sagen, was er vom "dritten Richter", der ein Freund von ihm sei, über seine Prozesssache erfahren habe, und Block Anstalten macht, vor dem Advokaten niederzuknien (HL 139), mischt sich K., auch wenn Leni ihn dabei hindern will, entrüstet über diese devote Haltung Blocks ein, und weist ihn mit seiner Frage "Was tust du?" (HL 139) zurecht.

  • Der Advokat, der offensichtlich merkt, dass K. sich damit auf die Seite Blocks stellt, verschärft sofort den Ton gegenüber diesem und lässt ihn, ganz im Stile des alttestamentarischen Gebots "Du sollst keine fremden Götter neben mir haben", wie es im biblischen Buch »Exodus als erstes der zehn Gebote festgehalten wird, seine völlige Hörigkeit dem Advokaten gegenüber bekennen.

  • Im Buch Exodus heißt es im »20. Kapitel: "Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. (...) Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld." Kafka hat den Namen des Advokaten offensichtlich bewusst gewählt und den Advokaten damit auch auktorial charakterisiert. Dass der Name mit dem Gestus göttlicher Huld konnotiert wird, entspricht dem Selbstverständnis des Advokaten und bringt zum Ausdruck, dass alle Angeklagten, die sich von ihm vertreten lassen, von seiner (gnädigen) Huld, d. h. seiner Bereitschaft, sich überhaupt mit seinem Anliegen zu befassen, abhängig sind (auch Block spricht diese Abhängigkeit ja explizit an, HL 131. Zugleich bringt die quasi religiöse Überhöhung der von dem Advokaten geforderten Alleinvertretung eines Angeklagten (HL 87) in der Art eines eingeforderten (Glaubens-)Bekenntnisses (HL 131), wie er es abzugeben, von Block verlangt, zum Ausdruck, dass er auch in dieser Situation von Block absolute Hörigkeit fordert und ihn damit warnt, auf Einmischungen von Josef K. überhaupt zu reagieren.

  • Block nimmt an, dass K. dem Advokaten verraten habe, dass noch Winkeladvokaten beschäftigt, hat aber, da das ihm von K. anvertraute Geheimnis als Retourkutsche wertlos ist, nichts gegen K. in der Hand und kann ihn daher nur mit bösen Blicken und entrüstetem Kopfschütteln strafen. (HL 139)

  • Doch K. hat keineswegs die Absicht, angesichts dessen, was er zu sehen bekommt, sich auf die Seite des Opfers zu schlagen. Stattdessen distanziert er sich vollkommen von ihm, kann sich überhaupt nicht mehr erklären, wie er mit so einem Menschen gerade noch "freundschaftlich" (HL 139) über seine Angelegenheiten hatte sprechen wollen, und beteiligt sich sogar noch an der weiteren Abwertung und Herabsetzung Blocks ("knie nieder oder krieche auf allen vieren, ich werde mich nicht darum kümmern." HL 139) Im Grunde genommen bewahrheitet sich damit, was Block über das vollkommen entsolidarisierte Verhältnis der Angeklagten zueinander vorher gesagt hat. (HL 127)

  • Alles gefallen lassen, vor allem von einem Angeklagten, dazu noch so unerfahrenen wie K., will sich Block indessen nicht. Mit fuchtelnden Armen, die K. offenbar drohen sollen, geht schnurstracks auf ihn zu, und verwehrt sich gegen diese Art von Beleidigungen, zumal er, anknüpfend an die oben dargestellte "gnädige Huld" des Advokaten, betont, dass sie beide im Hause des Advokaten "nur aus Barmherzigkeit geduldet sind"(HL 139), die sie einander vollkommen gleichwertig mache.

  • Die Erklärung, die er K.  für sein Verhalten vor dem Advokaten liefert, es sei besser überhaupt etwas zu tun, als in Passivität zu verharren, da man sonst, "ohne es zu wissen, auf einer Waagschale sein und mit seinen Sünden gewogen werden" (HL 139) könne, beruhe schließlich auch auf einem "alten Rechtsspruch".

  • Seine Äußerung steht damit in diametralem Gegensatz zu dem, was K. beim Anblick des noch in Arbeit befindlichen Porträts des Richters mit der Binde um die Augen und der Waage beim Maler Titorelli festgestellt hat, als er erfährt, dass die von dem Maler als Auftragsarbeit Gerechtigkeit zugleich die Darstellung einer Siegesgöttin sei (HL 104): "die Gerechtigkeit muss ruhen, sonst schwankt die Waage und es ist kein gerechtes Urteil möglich." (HL 105)

  • K. führt Block seltsame Erklärung auf seine Verwirrung zurück (HL 139), die ihm offenbar verunmögliche zu sehen, was der Advokat mit seiner Vorführung letzten Endes beabsichtigte, nämlich zu zeigen, was einem keineswegs so privilegiert behandelten Angeklagten wie ihm widerfahren könnte, wenn er die "Huld" des Advokaten leichtfertig aufs Spiel setzt, wie er es mit seiner Kündigung des Mandats getan hatte.

  • K. wundert sich dennoch darüber, dass Block trotz der Demütigungen, die er über sich ergehen lassen muss, überhaupt den Mut aufbringe, den Advokaten mit den von ihm bestellten Winkeladvokaten zu hintergehen und dazu noch mit seinen Angriffen auf K. und seiner direkten Beschwerde über ihn beim Advokaten sich der Gefahr aussetzte, dass K. entgegen seines Versprechens ("Nein, ich bin kein Verräter.", HL 124) ihn doch verraten könnte.

  • Block kniet sich dann vor dem Bett des Advokaten nieder, wobei die Verwendung der Partikel "schon" (HL 141) im Zusammenhang mit seiner devoten Ansprache "mein Advokat" (HL 140) signalisiert, dass Block zum einen weiß, was nun auf ihn zukommen und was dabei von ihm erwartet wird, und zum anderen beschwichtigend wirken soll, weil er nicht schon früher in die Knie gegangen ist. So nimmt es auch kein Wunder, dass K. sofort den Eindruck bekommt, dass die ganze Szene nur eine Inszenierung darstellt. (HL 140)

  • Das nachfolgende Gespräch zwischen Leni und dem Advokaten liest sich wie ein Rapport über einen zur Umerziehung internierten Verbrecher. Block. Ehe der Advokat geneigt ist, ihm weitere Informationen über den möglichen Fortgang seines schon über fünf Jahre dauernden Prozesses zu geben, will er sich über das Wohlverhalten des Angeklagten Block von Leni Bericht erstatten lassen. Block selbst kommt in dem Gespräch nicht zur Wort, versucht aber durch verschiedene Gesten ("lebhafte, aber stumme Zeichen", HL 140)  Leni dazu zu bewegen, sich positiv über ihn zu äußern. So reibt er die Hände wie ein kleines Kind, um seine körpersprachlich ausgedrückte Bitte zu intensivieren. (HL141)

  • K. kann das Bild, das sich vor seinen Augen darstellt, kaum ertragen, dass nämlich ein alter Kaufmann sich auf eine solche Art und Weise selbst vor einem jungen Mädchen demütigt, erzeugt in K. ein Gefühl der Fremdscham, weil es auch ihn als (reinen) Zuschauer des Geschehens fast "entwürdigte". (HL 141). Dieses Beschämtwerden erlebt er als Fremdscham, die sich psychologisch auch durch die "Sympathie und gefühlte Nähe zu einer als peinlich erlebten Person" (Hilgers 2012, S.338) erklärt werden kann, zeigt auch, dass sich bei aller sich selbst vergewissernden Distanzierung, die K. im Hinblick auf Block bekundet, ihm, zumindest unbewusst, ein Rest von Überzeugung erhalten bleibt, dass er, wie Block gesagt hat, eben auch "nur" ein Angeklagter ist. Trotzdem: Die Äußerung des Erzählers zu diesem Thema zeigt, das K. dieses Gefühl nicht als wie auch immer geartetes Mitgefühl erlebt, sondern es zur weiteren Abwertung Blocks rationalisiert.

  • Schon zu Beginn der Befragung Leni durch den Advokaten über das Verhalten Blocks ist sich K. offenbar ganz darüber im Klaren, dass er, wenn er die Entscheidung, dem Advokaten sein Mandat zu entziehen, nicht schon vorher getroffen hätte, dies nach dem, was er zu sehen bekommt, in jedem Fall getroffen hätte. (HL 141) Er spielt sogar noch mit dem Gedanken, ob er die menschenunwürdige Behandlung Blocks "an einem höheren Ort" (HL 141) zur Anzeige bringen sollte, will er damit wohl nur rechtfertigen, dass er ohne weitere Scham dem Geschehen weiter zusieht und seinen Lauf lässt.

  • Die Antworten, die Leni dem Advokaten auf dessen Fragen hin gibt, zeichnen das Bild eines Gefängnisses, indem Block der Willkür des Advokaten und seiner Helfershelferin Leni vollständig ausgesetzt ist. Leni kann ihn nach Gutdünken in das dunkle Dienstmädchenzimmer, das sie ihm zum Schlafen zugewiesen hat, tagsüber einsperren (HL 141) und ihn über eine Luke in der Türe mit Wasser versorgen und kontrollieren, was er darin treibt. So kann sie berichten, dass er den ganzen Tag über auf dem Bett kniend unter großen Mühen die immer gleiche Seite einer offenbar schwer verständlichen Prozessakte gelesen habe (HL 141), die ihm der Advokat in vollem Bewusstsein darüber, dass Block sie nicht verstehen könne, hat zuteil werden lassen. Ihr Zweck sei, wie der Advokat betont, nur dazu da, Block auf diese Weise zu demonstrieren, wie sinnlos es sei, ohne anwaltliche Vertretung in einem Prozess voranzukommen. (HL 142)

  • Die positive Rückmeldung, die Leni dem Advokaten über das Verhalten Blocks gibt, erschwert Huld nach eigenen Worten,  Block die Wahrheit über den Fortgang seines Prozesses mitzuteilen. Ein Richter, der insgesamt nicht gut auf Block zu sprechen gewesen sei, weil er immer wieder so schlau sei, den Prozess zu verschleppen (HL 142), habe ihn gewarnt, sich nicht vor den Karren dieses Angeklagten, der ihn offensichtlich missbrauche (HL 142), spannen zu lassen. Er habe aber betont, dass er, obwohl er als Person wahrlich nichts Angenehmes ausstrahle, sich in seinem Prozess aber, auch wenn er dabei übertrieben habe, eifrig und insgesamt untadelhaft sei.

  • Allerdings habe der Richter Zweifel an seinem Urteil über Block gehabt. Würde er nämlich erfahren, dass sein Prozess noch nicht einmal begonnen und kein Anzeichen auf seinen Beginn hindeute (HL 142) , wäre es um die vermeintliche Tadellosigkeit des Angeklagten sicher geschehen, so die unausgesprochene, aber vorausgesetzte Folgerung des Richters. Ehe Block, der offenkundig erschrocken auf diese Nachricht reagiert, nachfragen kann, setzt der Advokat zu der beschwichtigenden Erklärung an, diese Äußerung des Richters habe eigentlich für Block keine Bedeutung (HL 143). Solange er unter seinem "Schutz" (HL 143) stehe, sei seine Angst vor einem unmittelbar bevorstehenden "Endurteil" (HL 142)nicht nur sinnlos, sondern widere ihn auch deshalb an, weil sie ja auch auch von mangelndem Vertrauen in seine Arbeit als Advokat zeuge. Im Grunde beruhten die unterschiedlichen Einschätzungen des Prozessverlaufs einfach auf Meinungsunterschieden darüber, ob das "Glockenzeichen" (HL 142), das in einem Prozess zu bestimmter Zeit gegeben werde, als Beginn des eigentlichen Prozesses interpretiert werden oder eben nicht. Da Block die Argumente für die eine oder andere Sicht der Dinge ohnehin nicht verstehe, wolle er sie vor ihm auch nicht weiter ausbreiten.

  • Block lässt sich davon aber nicht beruhigen, ergibt sich aber in sein Schicksal. Die Aussage des Richters erzeugt in ihm eine panische Angst, die er in einer Art Übersprungshandlung im Fell des Bettvorlegers, auf dem er kniet, solange abzustreifen hofft (HL 142), bis Leni, die offensichtlich merkt, dass damit die Inszenierung vor K. aus dem Ruder laufen und ihrer Kontrolle entgleiten könnte, interveniert, Block an dessen Rockkragen hochzieht und mahnt, diese selbstbezogenen Handlungen zu unterlassen und sich wieder voll und ganz dem Advokaten zuzuwenden, um aufnehmen zu können, was dieser ihm ihm sage. (HL 142)

Damit endet das Kapitel.

Gesamttext (Kapiteleinteilung nach Malcom Pasley 1990)
• Text: Kaufmann Block / Kündigung des Advokaten

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 08.12.2023

 
 

 
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