Johann Wolfgang von Goethe
wollte in seinem Drama »Egmont«
"einen Wendepunkt in der politischen Geschichte, (...) eine
krisenhafte Periode, die infolge ihres Umbruchcharakters" (Schulz
1997, S.154) gestalten, die die Aufmerksamkeit und das
Interesse seines Publikums erregen konnten, um damit "einen
herausragenden einzelnen, der im Zentrum der geschichtlichen
Ereignisse steht" (ebd.)
in Szene zu setzen. Dabei wollte er kein Geschichts-
sondern ein Charakterdrama gestalten und verzichtete dabei auch
auf historische Detailtreue, wenngleich er die krisenhafte
Situation, die in den Niederlanden Mitte des 16. Jahrhunderts
eingetreten ist, in wesentlichen Grundzügen im Rahmen seiner
dramatischen Handlung so wiedergibt, wie sie die von ihm
genutzten •
historischen Quellen darstellten.
Historisch war
»Lamoral Graf Egmont (1522-1568), Prinz von Gaure, Ritter und Statthalter von
»Artois
und »Flandern
in den »Spanischen
Niederlanden unter der Herrschaft
»Philipps II., (geb. 1527, 1556-98) aus der »Spanischen
Linie der »Habsburgerdynastie- Er
entstammte einem »alten niederländischen Adelsgeschlecht, dessen Name von
ihrer seit dem 11. Jahrhundert ausgeübten Schirmherrschaft über die
Benediktinerabtei Egmond bei Alkmaar in Nordholland und einer in deren
Nähe errichteten, im 16. Jahrhundert aber wieder zerstörten Burg
abgeleitet worden ist. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er am Hof
»Kaiser Karl V. (1500-1558),
der das Gebiet, welches heutzutage in etwa den heutigen Niederlanden, Belgien
und Luxemburg sowie dem französischen Département Nord
entspricht, regierte.
Seit dem »Erbteilungsvertrag
von Brüssel (1522) (•
1522) zwischen den beiden Brüdern
»Karl
(1500-1558) und »Ferdinand
(1503-1564), der das »Haus
Habsburg in die »Österreichische
und »Spanische
Linie aufspaltete, waren die ehemaligen »Burgundischen
Niederlande unter die Herrschaft der spanischen Habsburger
geraten. Nach der Abdankung
»Karls V. (1500-1558), im Jahr
• 1556 fielen diese
Länder endgültig formal an die Spanische Krone. Die
burgundisch-flandrischen Adeligen und Bürgerschaften der
insgesamt ständisch organisierten feudalen Gesellschaft in den
Niederlanden waren, auch wenn sie die Habsburger in einer
dynastisch geprägten Herrschaftsordnung als landfremdes
Fürstengeschlecht hinnahmen, "dem Hause Habsburg von Anfang an
sehr unbequem gewesen." (Ritter
1967, S.307)
Egmont wurde am
Hof Karls V. erzogen
und tat dort zunächst als »Page Dienst. Mit 19 Jahren kämpfte er an der Seite des
Kaisers in Algerien. In Speyer heiratete der 21-jährige •
1544 im Beisein des
Kaisers »Sabine
von Pfalz-Simmern (1528-1578), die Tochter des Pfalzgrafen »Johann II. von Simmern
(1492-1557) aus dem »Haus
Wittelsbach. Zugleich war die Sabine auch die
Schwester des Kurfürsten »Friedrich III. von der Pfalz. Aus der
gemeinhin als glücklich eingeschätzten Ehe Ehe gingen
»12 Kinder hervor.
•
1546 wurde er von Karl V. wegen seiner Verdienste in
Algerien und Deutschland in den 1429 von Herzog »Philipp dem Guten von
Burgund (1396-1467) gestifteten
»Orden des Goldenen Vlieses aufgenommen. Damit gehörte Egmont zu einem elitären Kreis von
Angehörigen des Hochadels, die ein außerordentliches Privileg genossen:
Sie waren nur der Gerichtsbarkeit des Ordens
unterworfen, die von der Gesamtheit seiner Mitglieder ausgeübt wurde. Die Zugehörigkeit zum Orden wurde symbolisch durch ein
goldenes Widderfell symbolisiert, das an einem blau emaillierten
Feuerstein, dem Kennzeichen Burgunds, befestigt war.
•
1554 war Graf Egmont in der
Gunst des Kaiser schon so weit aufgestiegen, dass er an der Spitze einer
•
spanisch-habsburgischen
Gesandtschaft zur Unterzeichnung des Ehevertrages zwischen der englischen
Königin
»Maria Tudor (1516-1558,
Königin 1553-1558, Tochter »Heinrichs VIII.
(1491-1547 ) mit dem
Sohn des Kaisers, dem späteren Philipp II., nach England reiste. Die Ehe
zwischen den beiden blieb allerdings kinderlos.
Im Krieg mit Frankreich
1556-1559, den
»Philipp II., (geb. 1527, 1556-98)
nach dem Rückzug Karls V. von der Macht (•
1556) führte,
konnte sich Egmont als Kommandant der die
spanisch-niederländische Reiterei unter dem Oberkommando
von Herzog »Emanuel Philibert von Savoyen (1528-1580)
auszeichnen. Der Sieg der Spanier über den den französischen
König »Heinrich
II. (1519-1559. König seit 1547) in der »Schlacht von St. Quentin (1557)
(• 1557) und der »Schlacht
von Gravelingen (• 1558)
ging dabei als Heerführer auch auf das Konto von »Lamoral
Graf von Egmont (1522-1568) und den militärischen Ruhm
der ihn sein Leben lang umwehte und ihn zu einer Art Volkshelden
machte, begründet.
Ehe
»Philipp II., (geb. 1527, 1556-98), der im Gegensatz zu
seinem Vater in Spanien erzogen worden war und im Laufe seines
Lebens nur wenige Jahre am Brüsseler Hof verbracht hatte, im
Jahr • 1559 ganz und für
immer nach Spanien übersiedelte, ordnete er die habsburgische
Verwaltung der Niederlande neu. Unter anderem ernannte er
»Graf Egmont
zum • Statthalter
der Provinzen »Artois
und »Flandern
und »Wilhelm
von Oranien (1553-1584) aus dem »Haus
Oranien-Nassau zum •
Statthalter von
»Holland
und »Zeeland.
Egmont hatte
sich ebenso wie der später ermordete »Wilhelm von Oranien
(1533-1584) und der »Graf Hoorn
(1518-1568) berechtigte Hoffnungen auf die
Generalstatthalter- bzw. Regentschaft in den niederländischen Provinzen
gemacht. Doch in das Machtkalkül Philipps II. passte eine
Stärkung des ohnehin sehr auf seine Rechte bedachten
niederländischen Adels nicht. Von ihnen konnte er sich wohl auch
nicht erwarten, dass sie die schon von seinem Vater begonnene
Neueinteilung der niederländischen Bistümer durchzusetzen so
durchsetzen würden, dass ihm damit nicht nur neue Finanzquellen
zufließen, sondern auch ein Schritt hin zur weiteren
Zentralisierung der Verwaltung in den Niederlanden gelingen
würde. Da der niederländische Adel damit eigene Einnahmequellen
verlor, stand er dem Ansinnen ablehnend gegenüber und sah darin
eine Bereicherungsstrategie der katholischen Kirche und der
spanischen Krone auf Kosten ihrer alten Privilegien. Außerdem
ließ auch die Ernennung von »Antoine Perrenot de Granvelle
(1517-86, seit 1661 Kardinal) zum »Erzbischofs von Mecheln
nichts Gutes erahnen.
So übertrug
»Philipp II.
seiner Halbschwester
»Margarete von Parma (1522-1586),
eine illegitime, aber schon 1529 von »Karl
V. anerkannte Tochter, die Regentschaft in den Niederlanden,
die diese bis 1567 innehatte.
»Philipp II. behielt ansonsten die seit etwa einem
Vierteljahrhundert eingerichteten Regierungsinstitutionen (•
Staatsrat, •
Geheimer Rat
und • Finanzrat)
bei,
die dem darin vertretenen niederländischen Hochadel eine
gewisse Mitregierung ermöglichte. Allerdings hatten sich, z. B. im •
Staatsrat, zum
Unmut der er niederländischen Hochadeligen die
Kräfteverhältnisse schon eine Weile lang dadurch verschoben,
dass zusehends der habsburgischen Verwaltung zugehörige
Juristen zu Mitgliedern berufen wurden. Bei der Abdankung »Karls
V. von seiner Herrschaft in den Niederlanden (• 1555)
stellten sie schon fünf Mitglieder, während die Adeligen es
auf sieben Staatsräte brachten. Zudem wurdedas
alltägliche Regierungsgeschäft mehr und mehr in die Hände
des • Geheimen
Rats gelegt, der nur aus Berufsbeamten und
Rechtsgelehrten bestand. Was unter dem Blickwinkel der
Professionalisierung verständlich war, empfand der
niederländische Adel als weiteren Mosaikstein auf dem Weg zur
Schaffung einer absolutistischen Herrschaft der Habsburger im
Land.
Vor allem »Granvelle
(1517-86), der bei der Bistumsreform »Erzbischof
von Mechelen geworden und als Kardinal den kirchlichen
Primat in den Niederlanden erhielt, zog in der Folgezeit den
Unmut und Hass der Niederländer, über alle Standesschranken,
hinweg auf sich. Das lag u. a. daran, dass er mit allen
Nachdruck die Ziele
»Philipps II. bei der Zentralisierung der Kirche und beim
verstärkten Kampf gegen Ketzer, also gegen alle, die den neuen
Glaubensrichtungen (»Lutheraner,
»Wiedertäufer und »Calvinisten)
anhingen, in Angriff nahm. Dabei verabscheuten die Niederländer
nicht nur die drakonischen Maßnahmen der •
Inquisition, die
schon
»Karl V. (1500-1558)
• 1522 in den
Niederlanden eingeführt hatte, sondern der Adel sah sehr wohl,
dass mit den eigens dafür eingerichteten Sondergerichten, die
allein der spanischen Kontrolle unterlagen, an den alten Formen
der Gerichtsbarkeit vorbeiregiert wurde, die im Wesentlichen in
den Händen des niederländischen Adels und der niederländischen
Städte lagen.
Schon Ende Juni
• 1561, kaum ein halbes
Jahr nach der Ernennung »Granvelles,
hatten die drei Provinzstatthalter »Graf
Egmont, »Wilhelm
von Oranien und
Philipp von Montmorency, Graf von Hoorn
(1536-1558), dem Statthalter von »Geldern
und »Zutphen,
offenbar genug von dem selbstherrlichen Auftreten des
Erzbischofs. In einem Brief an den spanischen König
»Philipp II. beschwerten
sie sich darüber, dass dieser sie mehr und mehr von der ihnen
zustehenden Mitregierung ausgeschlossen habe. Sie vertrauten
wohl auf ihre Verdienste und exponierten sich damit auch als
Opposition gegen den Kurs, den »Granvelle
ganz im Einvernehmen mit dem spanischen König eingeschlagen
hatte. In die gleiche Zeit fällt auch die Weigerung der
niederländischen Hochadeligen, ein 2.000 Man starkes Reiterheer
zur Unterstützung des französischen Königs im Kampf gegen die
protestantischen »Hugenotten
zu entsenden, wie es
»Philipp II.
gefordert hatte. Die Regentin
»Margarete von Parma
musste sich sagen lassen, dass die niederländische Reiterei nur
dem Schutz der Niederlande selbst diente und eine Entsendung nur
mit Zustimmung der Provinzen überhaupt in Frage komme. Damit
dieser Konflikt nicht weiter eskalierte und das Ansehen des
spanischen Königs und seiner Regentin nicht weiter beschädigte,
erhält sie vom Staatsrat eine größere Geldsumme, die sie statt
der Truppen nach Frankreich transferiert;
Ein
Dreivierteljahr später schrieben »Graf
Egmont, »Wilhelm
von Oranien und der »Graf von Hoorn
erneut einen Brief an den spanischen König
»Philipp II.,
(geb. 1527, 1556-98), in dem sie gegen die Politik »Granvelles protestierten, um dessen Entlassung baten
und sich weigerten, weiterhin im Staatsrat zu übernehmen.
Als symbolisches Zeichen ihres Unmuts über den Erzbischof ließen
sie am Ende des Jahres alle ihre Bediensteten, angeblich aus
Spargründen, sich mit einer Livree aus einfachem grauen Stoff
bekleiden, auf deren Ärmel, auf eine Idee »Egmonts
hin, eine Narrenkappe als Anspielung auf den »Kardiinalshut
(galero) »Granvelles gestickt
worden war. Zugleich beschlossen die niederländischen Hochadeligen,
sich zu einer
Liga nach französischem Vorbild (»Ligue
du Bien public, 1465) zusammenzuschließen,
sich künftig im •
Staatsrat abzustimmen, um die Macht der spanischen
Regentin zurückzudrängen und zu einer gemeinsamen Regierung von
König und Adel zu kommen.
Ein Jahr später
hatten sie eines ihrer Ziele erreicht. Mitte März
• 1764 ließ
»Philipp II. »Granvelle,
den maßgeblichen Motor seiner Politik in den Niederlanden angesichts des zunehmenden Unmuts über ihn im ganzen Land
auf Gesuch der Regentin »Margarete von Parma
fallen und berief ihn ab, so dass dieser die Niederlande
verließ. Daraufhin nahmen auch die zeitweilig aus dem niederländischen •
Staatsrat
ausgetretenen niederländischen Hochadeligen »Wilhelm von Oranien, »Graf Egmont und
der »Graf von Hoorn
wieder an seinen Beratungen teil. Allerdings mussten schnell feststellen,
dass sich an dem harten Repressionskurs der spanischen Regentin
bei der in den Niederlanden über alle Konfessionsgrenzen hinweg
verabscheuten Ketzerverfolgung nichts geändert hatte. So drückt »Wilhelm von Oranien,
als er an Silvester des gleichen Jahres in einer Rede im
Staatsrat
die Praxis missbilligte, das die Fürsten über die Religion ihrer
Untertanen bestimmten, etwas aus, was nicht nur »Graf Egmont und
dem »Grafen von Hoorn
geteilt wurde, sondern auch von der Bevölkerungsmehrheit in den
Niederlanden, auch wenn diese noch protestantisch war. Das
Plädoyer »Wilhelm von Oraniens
für die Glaubensfreiheit war im Grunde nichts anderes als
die Anerkennung des
religiösen Status quo Im Lande, das sich aller
gegenreformatorischen Repressionsmaßnahmen der Regentin im Vorhandensein von orthodoxen
Katholiken, nur dem äußeren Anschein nach noch Katholiken,
die sich innerlich von der Kirche abgesetzt hatten, »Calvinisten
und »Wiedertäufern
zeigte. Diese Forderung besaß natürlich eine Menge
Sprengkraft, zumal sie in direktem Gegensatz zu dem Stand, was
»Philipp II. wollte und zu dem, was •
1555 zehn Jahre zuvor
mit dem »Augsburger Religionsfrieden
für das »Heilige
Römische Reich (»Cuius
regio, eius religio) auch beschlossen worden war.
Um die Sache
mit
»Philipp II. persönlich zu klären, reiste »Graf Egmont (1522-1568)
im Februar an den spanischen Hof bei Madrid. Dort hielt er sich
von Februar bis Anfang April •
1565 auf. Während dieser
Zeit hat er Gelegenheit, den spanischen König
»Philipp II. mehrmals
zu treffen und ihm als Wortführer der Adelsopposition in den Niederlanden
deren Anliegen vorzutragen. Doch dieser lehnte alle Wünsche
und Forderungen kategorisch ab, auch wenn der Besuch »Egmonts
im Großen und Ganzen harmonisch verlaufen zu sein scheint. Als
Egmont im April mit leeren Händen aus Spanien in die Niederlande
zurückkam, kam es zu einem regelrechten Tumult im •
Staatsrat. Der
Unmut über die gescheiterte Mission Egmonts in Spanien nahm in
den Wochen danach noch weiter zu, als der spanische König im Mai
die Hinrichtung von sechs »radikalreformatorischen
»Wiedertäufern
anordnete, die zuletzt ausgesetzt worden war. Ganz
unbeeindruckt davon bestand
»Philipp II.
weiter auf einem kompromisslosen Vorgehen gegen die
vermeintlichen Ketzerinnen und Ketzer und setzte damit der
zeitweisen Zurückhaltung seiner Regentin »Margarete von Parma ein Ende, die deshalb
aber in den Niederlanden zusehends unter Druck geriet. Das lag
vor allem daran, dass sich Ende Dezember eine bisher so nicht in
Erscheinung getretene Opposition niederer Adeliger formierte,
die sich offen gegen die neuerlichen Erlasse des spanischen
Königs
»Philipp
II. zur Intensivierung der Ketzerverfolgung
positionierte. Ein Vierteljahr später übergaben sie unter
Führung von »Heinrich
von Brederode (1531-1568) in einem feierlichen Zug von
zweihundert unbewaffneten Adeligen, die sich fortan »Geusen (Bettler) nannten,
der Regentin »Margarete von Parma
eine Petition, in der sie um Nachsicht gegenüber
Andersgläubigen baten und die Einberufung der Generalstände
der Niederlande forderten. Die Regentin sagte ihnen gemäßigteres
Vorgehen mit zumindest vorübergehender Aussetzung der
Inquisition gegen Andersgläubige zu. Es dauerte allerdings nicht
lange, bis eine kleine Abordnung der »Geusen
Ende Juni 1566 ein weiteres Gesuch an die Regentin richteten,
indem sie vollständige Religionsfreiheit forderten und
sich für eine Regierung der populären und
einflussreichen Statthalter und niederländischen
Hochadeligen »Wilhelm von Oranien, »Graf Egmont und
dem »Grafen von Hoorn
(1536-1558) aussprachen. Trotz des Drucks, den sie
dadurch auf die Regentin ausübten, ging diese nicht direkt gegen
die »Geusen
vor, sondern nahm sie als Gegenleistung in die Pflicht, gegen die überall zunehmenden
»calvinistischen »Heckenpredigten
einzuschreiten und möglichen Ausschreitungen
entgegenzutreten.
Die ohnehin
angespannte Lage wurde im Laufe des Jahres noch durch weitere
Ereignisse verschärft. So führten eine Missernte und die
fehlenden Einfuhren des notwendigen Ostseegetreides wegen des
schwedisch-dänischen Kriege in den Niederlanden zu einer Hungersnot, die von
radikalen calvinistischen Predigern auch der katholischen
Kirche angelastet wurde. Zudem kam es wegen eines Handelskonflikts mit
England, der die Zufuhr von Wolle unterbrach, zu einer
explodierenden Massenarbeitslosigkeit in den vom Tuchhandel und
der Tuchproduktion lebenden ländlichen Gebieten.
Im August •
1566 entluden sich die
religiösen und sozialen Spannungen. Vom 10. August an
entwickelte sich ein raumgreifender, meistens gewalttätig
verlaufender »Bildersturm
radikaler »Calvinisten
auf katholische Kirchen und Klöster, der sich in wenigen
Tagen auf etliche Regionen der »Spanischen
Niederlande ausweitet. Zunächst ging es in »Flandern
los, das »Graf Egmont
als Provinzstatthalter der spanischen Regentin regierte. Weiter
traf der Bildersturm vor allem die Provinzen »Artois.
»Holland,
»Zeeland,
»Antwerpen
und »Groningen.
»Graf Egmont,
der sich, als der Bildersturm in Flandern losging, sich in »Ypern,
einer der wichtigsten und größten Städte in Flandern aufhielt,
wurde von dem Bischof der Stadt angesichts der
Kirchenplünderungen, die schon in der Umgebung stattgefunden
hatten, in der Stadt zu bleiben, um, wie es seine Aufgabe als
Provinzstatthalter war, die Sicherheit und Ordnung
aufrechtzuerhalten und den etwaigen Bilderstürmern in der Stadt
entgegenzutreten. Doch einen Tag, bevor es richtig in Ypern
losging, reiste dieser am 14. August um die Mittagszeit ab. Am
16. August waren alle Klöster und Kirchen in und um Ypern, einschließlich der Pilgerkirche in Beveren,
ausgeräumt.
In »Gent,
das besonders unter der schlechten Versorgungslage litt, wurde dem
Magistrat am 22. August ein gefälschtes Schreiben von »Graf Egmont vorgelegt, welches nicht nur die Zerstörung der Bilder erlauben
sollte, sondern auch gleichzeitig eine Wache für die
Ausführenden forderte. Beiden Anträgen wurde von Seiten d
es
Genter Magistrats stattgegeben. In der Nacht vom 22. auf den 23.
August kam es folglich zum Bildersturm in der Stadt. Als die
Ausführenden am nächsten Morgen aufgefordert wurden, diese zu
verlassen, waren die Einrichtungen von sieben Pfarrkirchen,
einer Stiftskirche, 25 Klöstern, zehn Armenhäusern und sieben
Kapellen zerstört. Dass der Magistrat auf die Fälschung
hereinfiel, hatte auch damit zu tun, dass solche Aktionen offenbar
oft auch mit Duldung und sogar Unterstützung von Adeligen
stattfanden.
Bei der
Niederschlagung der Unruhen stellten sich zahlreiche hochrangige
Adlige wie »Graf
Egmont auf die Seite der
Statthalterin und halfen ihr bei der letztendlich
erfolgreichen Bekämpfung der Unruhen. Im Auftrag des »Grafen
von Egmont erwarb sich dabei dessen Sekretär, der
niederländische Edelmann »Johannes
Casembroot (1526-1568), der selbst im Ruf stand, zu den
Reformierten zu gehören, den Ruf, mit allen "Randalierern"
kurzen Prozess zu machen, als er in »Oudenaarde
in »Flandern
die Ordnung wiederherstellte.
Die
Briefe, in denen »Margarete von Parma (1522-1586)
erstattete dem spanischen König
»Philipp II.,
(geb. 1527, 1556-98) Anfang September in ausführlichen
Briefen über den Bildersturm und die Lage in den Niederlanden
Bericht. Dort ließ man sich aber drei Wochen Zeit, ehe der
spanische Staatsrat sich überhaupt mit der Sache befasste. Als
er es tat, kam es zwar durchaus zu kontroversen Beratungen über
die künftige Politik in den Niederlanden, letzten Ende setzten
sich aber doch diejenigen durch, die für ein hartes,
militärisches Durchgreifen in den Niederlanden plädierten, weil
sie andernfalls auch in den habsburgischen Besitzungen in
Italien eine ähnliche Entwicklung heraufziehen sahen.
»Philipp II.,
für den die katholische Glaubenseinheit stets Grundlage der
spanischen Staaträson war, schloss sich den "Falken" an und
übertrug »Fernando
Álvarez de Toledo, 3. Herzog von Alba (1507–1582), meist
nur als »Herzog
von Alba bezeichnet, die Aufgabe, die (spanische)
Ordnung in den Niederlande mit militärischen Mitteln
wiederherzustellen. Nachdem dieser offenbar dargelegt hatte,
wie er, nach Ankunft seines Heeres innerhalb eines halben Jahres
seinen Auftrag zu erfüllen gedachte und damit prognostizierte,
dass dazu nicht mehr als ca. 800 Exekutionen seiner dortigen
Gegner nötig wären, erhielt der den Befehl, die verfügbaren
spanischen Truppen, die zu diesem Zeitpunkt wegen der
Auseinandersetzung mit Frankreich noch in Italien standen,
über die
»Spanische
Straße über die Alpenpässe und das deutsch-französische
Grenzgebiet in die Niederlande zu führen und auf dem Weg durch
Anwerbung noch zu verstärken. Dies alles dauerte seine Zeit,
dass »Herzog
von Alba an der Spitze seines Heeres erst Mitte des
nächsten Jahres am 28.8. des nächsten Jahres in »Brüssel
einzieht. Mit seiner Ankunft entmachtete er die Regentin »Margarete von Parma,
die ihm noch auf seinem Vormarsch Briefe geschrieben hatte,
dass sie die Lage wieder unter Kotrolle habe und sein Heer
daher nicht mehr benötigt werde.
Was unter dem »Herzog
von Alba auf die Niederlande zukommen würde, hatten »Wilhelm von Oranien, »
Graf Egmont, »Graf Hoorn und
»Ludwig von Nassau-Dillenburg (1538-1574), einem Anführer
der »Geusen, in
»Dendermonde
schon Anfang Oktober des Vorjahres (•
1566) gemeinsam
erörtert. »Wilhelm von Oranien
hatte die anderen dabei ausdrücklich vor den Plänen des
spanischen Königs gewarnt, die Unruhen in den Niederlanden
militärisch endgültig zu beenden und auch die führenden Köpfe
der Adelsopposition rollen zu lassen. Die Meinungen darüber
gingen wahrscheinlich auseinander. Während »Wilhelm von Oranien
und einige andere daraus die Konsequenzen zogen und vor der
Ankunft des »Herzogs
von Alba im April •
1567 den Niederlanden den Rücken kehrten, blieben »Graf
Egmont, und »Graf Hoorn
vor Ort, was ihnen letzten Endes zum Verhängnis wurde.
Allerdings
gehörte »Wilhelm von Oranien
auch im Gegensatz zu »Graf
Egmont zu denen, die eine von »Margarete von Parma
geforderte Erneuerung des Treueschwurs verweigern, mit dem sie sich
der Loyalität des Hochadels vergewissern will. Ebenso konnte
sich »Wilhelm von Oranien,
der selbst ja kein Niederländer war, auch einfach auf die »Dillenburg,
den Stammsitz des »oranischen
Zweigs des »Hauses
Naussau in dem souveränen Fürstentum zurückziehen. »Graf
Egmont hatte solche Optionen jedenfalls nicht und glaubte im
Ausland mit seiner großen Familie wohl nicht das standesgemäße
Leben fortführen zu können, das er als Hochadeliger in den
Niederlanden genossen hatte.
Die ersten
Wochen nach Ankunft des »Herzogs
von Alba konnten den Eindruck entstehen lassen, dass
alles doch nicht so schlimm, wie angenommen, werden würde. Es
dauerte eine gewisse Zeitlang, bis der neue De-facto-Statthalter
sich mit entsprechenden Institutionen so aufgestellt hatte, dass
er seine Pläne umsetzen konnte. Dazu setzte er Anfang September
den so genannten »Rat
der Unruhen ein, der von der niederländischen Bevölkerung
aber schon bald »Blutrat
genannt wurde. In den Augen des neuen Machthabers war dies ein
geschickter Schachzug, erlaubte es ihm doch an der sonstigen
Gerichtsbarkeit, die sich in den Händen des Adels und der Städte
befand, vorbei zu agieren. Da »Herzog
von Alba alle, die an den Unruhen des vorigen Jahres
beteiligt gewesen waren, des Hochverrats bezichtigte, musste er
bei der Aburteilung seiner Gegner auf keinerlei Privilegien
mehr Rücksicht nehmen.
Das anfängliche
Stillhalten des »Herzogs
von Alba war wohl nur Teil eines perfiden Plans,
Informationen über die Oppositionellen aller Lager zu sammeln,
seine faktischen und potentiellen Gegner in Sicherheit zu wiegen
und in seine Falle zu locken, um sie im Anschluss daran umso
härter verfolgen und auch gemäß seinem dem König unterbreiteten
"Masterplan" binnen kurzer Zeit "liquidieren" zu können.
Der Blutrat verhängte in der Folgezeit Tausende
von Todesurteilen, von denen 1037 tatsächlich vollstreckt
werden. Viele, die verurteilt wurden, entgingen der
Vollstreckung dadurch, dass sie rechtzeitig ins Ausland geflohen
waren. In weit über 10.000 Fällen verloren die
Verurteilten aber ihren gesamten Besitz, was dem spanischen
Regiment »Herzog
von Albas Finanzquellen erschloss die der in ständiger
Finanznot befindlichen Herrschaft der spanischen Habsburger beim
Unterhalt der spanischen Truppen, die von den Niederländern
zusehends als Besatzungsarmee gesehen wurden, zugute kamen.
Am 9. September
holte »Herzog
von Alba aber schon zum Schlag gegen die führenden
oppositionellen Hochadeligen aus, die noch in den Niederlanden
geblieben waren. Er lockte »Lamoral
Graf von Egmont der »Philipp
von Montmorency, Graf von Hoorn (1536-1558) unter einem Vorwand aus ihren Provinzen nach »Brüssel.
Dort ließ er beide festnehmen und für einige Monate in »Gent
einkerkern, ehe deren Sache vor dem »Blutrat
verhandelt wurde. Da der Blutrat beiden Hochverrat und
Majestätsbeleidigung vorwarf, auf beiden Vergehen die
Todesstrafe stand, waren die Aussichten vorn vornherein
schlecht, zumal den Angeklagten de facto die Möglichkeit
genommen worden war, sich mit Hilfe von Anwälten zu verteidigen.
Als »Margarete von Parma (1522-1586)
vier Tage später die Niederlande
verließ, nachdem der spanische König
»Philipp II.,
(geb. 1527, 1556-98) sie auf eigenen Wunsch hin von
ihrer Statthalterschaft entbunden hatte, kam es zu einer
regelrechten Fluchtwelle ins benachbarte Ausland.
Zehntausende, meistens einfache Leute, die Anhänger des neuen
Glaubens waren, flohen entweder nach Deutschland oder England.
Andere flüchten in die Wälder Flanderns (Waldgeusen) oder auch auf
das hohe Meer »Wassergeusen),
um von dort als Seeräuber noch eine längere Zeitlang alle
Schiffe zu kapern, derer sie Herr werden konnten.
»Graf Egmont und »Graf Hoorn half nicht, dass sie Ritter
des »Ordens des Goldenen Vlieses,
waren, der, so seine Bestimmungen, die ihm angehörigen
Mitglieder eigentlich nur der Gerichtsbarkeit der Gesamtheit
seiner Mitglieder warf. Und auch militärische Aktionen der beiden Brüder »Wilhelms von Oranien konnten das Blatt nicht
wenden, zumal der militärische Erfolg nur von kurzer Dauer
war. »Herzog
von Alba ließ am 1.6. auf dem Pferdemarkt von »Brüssel
die ersten 19 niederländischen Adeligen hinrichten.
Vier Tage später, am 5.6. wohnte der »Herzog
von Alba persönlich der Hinrichtung der Grafen »Egmont und »Hoorn bei, die drei Tage zuvor wegen Hochverrats und
Majestätsbeleidigung vom »Rat
der Unruhen (Blutrat) zum Tode verurteilt worden und danach von
»Gent
nach »Brüssel
gebracht worden waren. Die beiden niederländischen
Hochadeligen wurden auf dem Markplatz (»Grote
Markt) öffentlich enthauptet und ihre abgeschlagenen
Köpfe auf Pfählen aufgespießt und zur Schau gestellt.
Egmonts Ehefrau
seit • 1544
und Mutter seiner »12 Kinder,
»Sabine
von Pfalz-Simmern (1528-1578) aus dem
Haus Wittelsbachhatte sich zuvor vergeblich an den
spanischen König
»Philipp II., an den »Herzog
von Alba, an Kaiser »Maximilian
(II.) (1527–1576) und zahlreiche Ritter
des »Ordens des Goldenen Vlieses
gewandt und sie gebeten ihres Mannes und des »Grafen
von Hoorn (1536-1558) Partei zu ergreifen., d
Auch »Johannes
Casembroot (1526-1568), der Sekretär des »Grafen Egmont,
wurde am 9.9.1567 festgenommen und gefoltert, um ihm mögliche
geheime Pläne seines Herrn zu entlocken. Auf Anweisung des »Rats
der Unruhen (Blutrat) wird er im »Kastell
von Vilvoorde hingerichtet. • 1566
war er noch im Auftrag
seines Herrn bei der Niederschlagung der Unruhen in »Flandern
besonders kompromisslos vorgegangen.
Egmonts Ehefrau
»Sabine
von Pfalz-Simmern (1528-1578) musste mit ihren zwölf
Kindern, nachdem der gesamte Besitz des »Grafen Egmont
eingezogen worden war, fortan in ärmlichen Verhältnissen leben.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
28.06.2026