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Big Brother

Inszenierung eines Pseudo-Events

Schlagzeilen

 
 

Schon vor dem Start von Big Brother machten sich Endemol und RTL2 im Rahmen ihrer so genannten "Pre-Announcement-Policy", d.h. Ankündigung eines Produktes noch ehe es auf dem Markt ist, daran, für Schlagzeilen in allen möglichen Medien zu sorgen. Schließlich ging es bei der Produktion um die Inszenierung eines so genannten  "Pseudoereignisse" oder "Pseudo-Events", eines Ereignisses, das, neben dem Geschäftsinteresse seiner Macher natürlich, nur deshalb stattfand, weil und damit es von den Medien wahrgenommen, aufgenommen und verbreitet werden konnte. Als mediale Inszenierungen erzeugen solche Pseudo-Events nach »Daniel J. Boorstin (1914-2004) eine künstliche und zugleich verzerrte Wirklichkeit. (Boorstin 1961
Auch wenn, wie Carsten Brosda (2000, S.98) festhält, der Begriff "Pseudoereignis" "in den Debatten um die mediale Ereinis-Inszenierung in den letzten Jahren geradezu inflationäre Verwendung gefunden hat", gilt was er im Anschluss an Bentele (1994, S.245f.) formuliert, weiter: Pseudo-Events seien danach, "dadurch gekennzeichnet,

  • dass sie sich nicht 'spontan' ereignen, sondern 'arrangiert' werden,

  • dass sie dramatischer sind als 'wirkliche' Ereignisse,

  • dass sie leichter zu verbreiten und lebendiger zu gestalten sind,

  • dass sie sich durch eine beliebige Wiederholbarkeit auszeichnen,

  • dass sie Geld kosten und jemand das Interesse hat, dieses Geld zu verdienen."
    (Form der Auflistung, d. Verf.)

Geradezu nach Plan lief die "Anfütterung" großer Print-Leitmedien in deutschen Presselandschaft bzw. die Versorgung ihrer Online-Ausgaben mit "interessantem" Material aus dem Umfeld der Big Brother-Produktion. Das "Kult-Marketing" für Big Brother verfügt dabei über eine äußerst wirksame Referenzierung, d.h. der Begriff erscheint in den verschiedensten Kontexten. Diese Referenzierung, die sich unter größtmöglicher Kontrolle und Lenkung durch die Produktionsfirma Endemol vollzieht, erfolgt über eine Cross-Marketing-Strategie, die darauf zielt, die Berichterstattung in allen sonstigen Medien zu kontrollieren und die Beziehungen zu der Fangemeinde mit der interaktiven Kommunikationsplattform von Big Brother im Internet zu pflegen.
Dabei hat die Produktionsfirma der Presse offenbar häufig die Stichworte selbst vorgegeben, um einen möglichst großen Rummel, anders gesagt eine möglichst hohe Referenzierung des Medienproduktes auch in den massenmedialen Printmedien oder deren Online-Ausgaben zu erreichen. Mit überwältigendem Erfolg, wie man heute weiß. Kaum ein nennenswertes Printmedium ist um die Berichterstattung herumgekommen und in vielen Zeitungen hat man sogar zeitweise Big Brother-Kolumnen eingerichtet. Viele Presseerzeugnisse wollten eben auch selbst vom Rummel um Big Brother profitieren. So kommt Hack (2000) zum Schluss: "Big Brother hat es geschafft, sich in allen Ressorts festzusetzen: Der Mantel berichtet, das Feuilleton beklagt, der Wirtschaftsteil bewundert, die Klatschspalte schwärmt und im Medienressort schiebt man sich die schwarze Kunststoffbrillenfassung auf der Nase zurecht."
In solchen "Rekursionsschleifen" und "wechselseitige(n) Verstärkungsprozesse(n) der Medienberichtsterstattung"  entsteht die "Selbstreferentialität medialer Berichterstattung" (Brosda 2000, S.104, Hervorh. d. Verf.).

Mit folgenden Pressemitteilungen im Stil von Boulevardzeitungen warf man der Presse den Köder zu, um dann in ein werbewirksames Pingpong-Spiel über Sinn und Unsinn, Legitimität oder Illegitimität des Formats beginnen zu können:

  • "Gruppensex im Container? Die Wahrheit über »Big Brother«" (14. 02.)

  • "Big Brother: Drogenexzesse im Haus?" (16.02.)

  • "Menschen in Käfighaltung? Die Wahrheit über »Big Brother«" (18.02.)

  • "Noch härtere Gangart bei Big Brother? Die Wahrheit über Big Brother" (21.02.)

  • "Psychoterror im Big Brother-Haus! Die Wahrheit über Big Brother" (23.02.)

  • "Live-Übertragung von der Toilette? Die Wahrheit über Big Brother" (24.02.)

  • "Eingepfercht und unterernährt! Die Wahrheit über Big Brother" (25.02.)

  • "Gewalt im Big Brother-Haus! Die Wahrheit über Big Brother“ (28.02.)

  • "»Big Brother« – Unabhängige juristische Studie: Keine Verletzung der Menschenwürde!" (28.02.)

  • "Anschlag auf die Menschenwürde! Die Wahrheit über Big Brother" (29.02.)

  • "»Big Brother« – freiwillige Teilnahme der Kandidaten unterliegt de« Schutz des Grundgesetzes!“ (29.02.)

Selbst der »Spiegel ließ es sich in seiner Online-Version nicht nehmen, mit einer Serie von 13 Artikeln zur Inszenierung eines Pseudo-Events bei Big Brother mitzuwirken. Als der Einzug von »Verona Feldbusch in den Big Brother-Container feststand, jagte eine Meldung beim Spiegel die andere:

  1. "Verona Feldbusch klopft an die Tür" (10.05.)

  2. "Verona Feldbusch als Überraschungsgast" (10.05.)

  3. "Wann kommt Verona Feldbusch?" (11.05 )

  4. "Auch »Wigald Boning will rein" (11.05.)

  5. "Verona am Donnerstag im Big-Brother-Container" (15.05.)

  6. "Verona will ihre Gage spenden" (16.05.)

  7. "Verona packt schon ihre Dessous" (17.05.)

  8. "Verona nur eine Nacht bei »Big Brother«“ (18.05.)

  9. "Eigenes Dixi-Klo für Veronas One-Night-Stand“ (19.05.)

  10. "Veronas Nacht mit John" (19.05.)

  11. "Hat »Big Brother« das letzte Wort?" (21.05.)

  12. "John de Mol will Prominente in Container sperren" (23.05.)

  13. "24.000 Mark für Veronas Klo" (25.05.)

(vgl. Günter Hack:  Der Grosse Bruder und seine Verwandtschaft. Ein Essay zur Fernsehshow Big Brother, 17.6.2000)
 

 
   Arbeitsanregungen:
  1. Untersuchen Sie die Schlagzeilen. 

  2. Worauf sollen die Schlagzeilen die Aufmerksamkeit hinlenken?

  3. Welche Bedeutung haben derartige Schlagzeilen in der Presse für die Produktion von Big Brother?

  4. Warum werden derartige Pseudo-Events wie die Besuche von Verona Feldbusch und Tony Polster u. ä. im Big Brother-Haus inszeniert?
     

     
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