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Sexualisierte Gewalt

Didaktische und methodische Aspekte

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Glossar
Was sind teachSam-Projekte? [ Sexualisierte Gewalt Didaktische und methodische Aspekte Überblick Begriff Patriarchalische Rahmenbedingungen Vergewaltigungsmythen und kognitive Verzerrungen Das Dunkelfeld von Gewalterfahrungen Strafrecht und Strafrechtstatbestände Hindernisse für die Anzeige durch die Opfer Sexuelle Gewalt gegen Jungen Bausteine Links ins Internet ] ...
 

Das Thema • Sexualisierte Gewalt ist aus vielerlei Gründen ein wichtiges Thema für den Unterricht.

Sexualität als Entwicklungsaufgabe

Unter allgemeinen pädagogischen Aspekten ist das Thema von großer ▪ entwicklungspsychologischer Bedeutung in der • Adoleszenz. Den • Umgang mit Sexualität zu lernen ist dabei eine der zentralen ▪ Entwicklungsaufgaben, bei der es darum geht, einen verantwortlichen Umgang mit Sexualität zu lernen, der aus der "Verbindung der reifenden reproduktionsfähigen Sexualität mit dem Selbst und den sozialen Bindungen (...) viele neue Bewährungsräume und Krisen der humanen Existenz (eröffnet)." (Fend 2003, S.254)  Was Jungen und Mädchen in dieser Lebensphase erfahren, ist Ergebnis ihres eigenen Mittuns als "aktive 'Mitspieler', die sich einbringen und oft mit persönlichem Einsatz im Rahmen eines kulturellen Rahmenkontextes an der Integration der Sexualität in ihre psycho-physische Bedürfnisstruktur arbeiten." (ebd.)

Sexualisierte Gewalt im Internet

Insbesondere in den sozialen Netzwerken betätigen sich die Schülerinnen und Schüler als solche aktiven Mitspieler*innen und werden dabei oft selbst Opfer sexualisierter Gewalt. Sie können z. B. Opfer von »Cybergrooming (engl., Anbahnung über Informationstechnik) werden werden, wenn sie als Minderjährige oder junge Erwachsene von den Tätern gezielt über das Internet per Chat, Fotos, Videos, Sexting, Erpressung z. B. mit Hilfe pornografischer Videoaufnahmen angesprochen, um damit das Opfer in eine Falle zu locken und weitere sexuelle Kontakte anzubahnen, die dann von sexuell motivierten Übergriffen bis zu Vergewaltigungen führen können. Cybergrooming findet vor allem dort statt auf Online-Plattformen wie YouTube oder TikTok, in sozialen Netzwerken wie Instagram, in Gruppenchats bei WhatsApp, in Online-Games oder auf Gamingplattformen wie beispielsweise Steam statt. Die Strategie der Täter*innen ist es dabei,  ein vermeintliches Vertrauensverhältnis mit ihren Opfern aufzubauen. Sie versuchen daher nach einer erfolgreichen ersten Kontaktaufnahme die Opfer zur Fortführung der Kommunikation auf "privatere" Kommunikationskanäle wie Videochatdienste und Messenger zu locken. Sie nutzen gerne Profilinformationen von Kindern und Jugendlichen, um an private Informationen zu gelangen und um in der Folge Nähe, Gemeinsamkeit und eine gewisse Intimität des Verhältnisses suggerieren zu können. Im Netz agieren sie meistens anonym oder unter falscher Identität, wenn sie ihre Opfer manipulieren und zu sexuellen Handlungen im Netz oder in der analogen Welt bewegen wollen.

Auch mit missbräuchlichem • Sexting erfahren die Opfer sexualisierte Gewalt. Eigentlich wollen sich Kinder und Jugendliche dabei nur ausprobieren und experimentieren, wie sie in sexueller Hinsicht auf andere wirken, aber das eigentlich freiwillige Versenden und Empfangen selbst produzierter, freizügiger oder erotischer Aufnahmen via Computer oder Smartphone, etwa zwischen Beziehungspartner*innen oder Sexualpartner*innen, wird oft von dem Empfänger oder der Empfängerin des "sexy Pics" einfach ohne Zustimmung des anderen weitergeleitet. Damit gerät die weitere Verbreitung "kompromittierender" Bilder aus der Kontrolle der jeweils abgebildeten Person, die Bilder sind weltweit abruf- und kopierbar, sind allen anderen Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern zugänglich und werden damit zu einem Mittel des Internet Shaming (»Online Shaming), das von den Opfern als besonders leidvoll erlebt wird und oft auch den Beginn eines längeren • Cybermobbing-Dramas darstellt.

Auch die Erpressung mit freizügigen Bildern, Nacktbildern oder Videos, zu denen die Opfer von Täter*innen gedrängt werden (»Sextortion), ist ein besonders drastisches Beispiel sexualisierter Gewalt. Die Täter und Täterinnen drohen mit der Veröffentlichung oder Verbreitung der Aufnahmen und fordern Geld, wollen die Opfer zu sexuellen Handlungen zwingen, oder verlangen weiteres • Sexting-"Material".

Sexualisierte Gewalt im Alltag

Es sind nicht allein die großen "Missbrauchsskandale" wie der »Weinstein- und der »Epstein-Skandal, die wegen der medialen Aufmerksamkeit, mit der sie begleitet wurden, natürlich auch an den Jugendlichen nicht vorbeigehen und auch bei ihnen, mit oder ohne tiefere Beziehung zum »MeToo Movement, für Diskussionen sorgen. Wenn man berücksichtigt, wie groß der Anteil nicht angezeigter sexualisierter Gewalt in unserer Gesellschaft ist ( • Dunkelfeld-Studie, 2026) dann ist auch davon auszugehen, dass viele von ihnen in ihren Familien Zeuge oder Opfer sexualisierter Gewalt werden, über die in irgendeiner Weise zu sprechen, ihnen meistens sehr schwer fällt. Ein Grund also mehr, mit geeigneten didaktischen Konzepten auch das Thema sexualisierter Gewalt in (Ex-)Partnerschaften zum Thema zu machen.

Vor allem aber benötigen die Schülerinnen und Schülern ein Verständnis dafür, ▪ was man heutzutage unter sexualisierter Gewalt versteht. Sie müssen verstehen lernen, dass sexualisierte Gewalt ein Problem ist, das mit den patriarchalischen Strukturen von Macht und Gewalt in unserer Gesellschaft zusammenhängt und nicht primär ein individuelles Problem darstellt. Sie müssen lernen, dass es bei sexualisierter Gewalt also nicht vor allem um Sex geht, sondern "das Ausüben von Macht und Unterdrückung." (Gysi 2018, S.19) Dazu müssen sie darüber reflektieren, wo sexualisierte Gewalt beginnt und "endet" und vor allem die männlichen Jugendlichen müssen sich mit den Konzepten der • hegemonialen und der ▪ komplizenhaften Männlichkeit auseinandersetzen. Zudem müssen sie sich mit gängigen • Vergewaltigungsmythen und, im Perspektivenwechsel, damit befassen, was Opfer heutzutage immer noch veranlasst, • Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung nicht zur Anzeige zu bringen. auseinandersetzen. Und zuguterletzt müssen sie Kenntnisse über die • strafrechtlichen Folgen sexualisierter Gewalttatbestände erwerben.

Sexualisierte Gewalt im Deutschunterricht

Der Deutschunterricht bietet zahlreiche Möglichkeiten, sich des Themas sexualisierter Gewalt anzunehmen und mit fachsspezifischen Lernzielen zu verbinden. Bei der Arbeit mit ▪ Sachtexten (pragmatischen Texten) aller Art können Texte ausgewählt werden, die sich mit den unterschiedlichen Facetten dieses Themas befassen.

Dies kann bei den verschiedenen ▪ schulischen Schreibformen zur ▪ Textwiedergabe ebenso erfolgen wie bei der Texterörterung oder der ▪ Textanalyse oder auch den verschiedenen Formen freien erörternden Schreibens. Und auch Aufgaben zur Gestaltung privater Geschäftsbriefe lassen sich mit diesem Thema formulieren.

Im ▪ Literaturunterricht spielt das Thema im Zusammenhang mit der ▪ Analyse und Interpretation unterschiedlicher Texten eine bedeutende Rolle, von denen hier nur einige wenige angeführt werden.

Im Grunde ist die Darstellung sexualisierter Gewalt schon seit der Antike einer der zentralen literarischen Topoi.

Sie thematisieren sexualisierte Gewalt teils explizit, teils in Form struktureller oder gesellschaftlich legitimierter Gewaltverhältnisse. Besonders in klassischen Texten wird es häufig im Zusammenhang mit Macht, Moral, Religion, Krieg oder patriarchalen Strukturen verhandelt. Fast immer steht die literarischen Texte, die sich mit diesem Topos befassen "vor dem Problem, etwas kaum in Sprache zu Fassendes sprachlich zu repräsentieren. So kommt es einerseits zu semantischen Verschiebungen, die den Effekt haben, sexualisierte Gewalt zu verharmlosen. Andererseits können literarische Texte wie kaum ein anderes Medium die verschiedenen Facetten der traumatischen Erfahrung sexualisierter Gewalt vermitteln." (Künzel 2021, S. 117)

Nicht selten verbirgt sich hinter dem ▪ Motiv des Verführers und der Verführten handfeste sexualisierte Gewalt. Die von Elisabeth Frenzel (41992, S.756) gegebene Definition des Begriffs Verführung als "durch Versprechungen, Drohungen, Alkoholeinfluß oder Erregung der Sinnlichkeit eines unbescholtenen Mädchens zum Geschlechtsverkehr" zeigt allein schon, wie sich hinter dem Begriff und Motiv Macht und Gewalt in der patriarchalischen Gesellschaft zeigt, die allen Formen sexualisierter Gewalt zugrunde liegt.

In der Literatur der Aufklärung trat, auch wenn dies in der Realität so kaum der Fall gewesen ist, an die Stelle der "gutgläubige(n) Naiven" der Vergangenheit "eine im Sinne des paradiesischen Urzustandes ›Unschudige‹, die man gern in den unterprivilegierten Schichten fand, während der teuflische Verführer häufig, wenn auch nicht immer, einem höheren Stand angehörte." (ebd., S.761)

Die Literatur des 18. Jahrhunderts gestaltete seine Sozial- und Moralkritik auch durch Hinzufügung des Kindsmordmotivs und brachte damit "die Stellung des Mädchens in der Gesellschaft, die Schande der unehelichen Mutter und de(n) Makel des unehelichen Kindes" (Frenzel 41992, S.767) besonders drastisch zur Sprache wie die Kritik an der für die Geschlechter geltenden doppelten Moral.

Auch ▪ Friedrich Schiller (1759-1805) thematisiert in seinem Drama ›Kabale und Liebe, das von der leidenschaftlichen Liebe zwischen der bürgerlichen Musikertochter Louise Miller und dem Adelssohn Ferdinand von Walter handelt, die durch niederträchtige Intrigen (Kabalen) zerstört wird, sexuellen Machtmissbrauch durch adelige Autoritäten. Die Bedrohung der bürgerlichen Luise durch den Vater Ferdinands, des Präsidenten, zeigt deutlich das Zusammenspiel von Standesprivileg, männlicher Macht und sexueller Erpressung.

Ein zentrales Werk ist die NovelleDie Marquise von O…‹ von ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811). Die Erzählung schildert die Geschichte einer Frau, die während kriegerischer Wirren bewusstlos wird und später unerklärlich schwanger ist. Schließlich stellt sich heraus, dass sie von einem russischen Offizier, der zunächst als Retter erscheint, vergewaltigt wurde. Der Text thematisiert dabei nicht nur die Tat selbst, sondern vor allem gesellschaftliche Verdrängung, Ehrvorstellungen und patriarchale Moral. Auch Kleists NovelleDas Erdbeben in Chili‹ berührt Fragen sexueller Moral und sozialer Repression: Eine Frau wird wegen eines außerehelichen Verhältnisses zum Tode verurteilt, wodurch strukturelle Gewalt und religiös legitimierte Kontrolle weiblicher Sexualität sichtbar werden. Eine besondere Rolle spielt die sexualisierte Gewalt auch in Kleist Komödie ▪ ›Der zerbrochne Krug‹, in der der skrupellose ▪ Dorfrichter Adam die junge Nachbarstochter ▪ Eve Rull erpresst, zu sexuellen Handlungen nötigt.

Im 19. Jahrhundert zeigt »Theodor Fontanes (1819-1898) Roman »›Effi Briest‹ zwar keine explizite sexualisierte Gewalt, wohl aber ein starkes Machtgefälle in einer ▪ arrangierten bürgerlichen Ehe. Die sehr junge Effi wird in eine Beziehung gedrängt, die durch Altersunterschied, gesellschaftliche Kontrolle und normative Moral geprägt ist. Hier wird vor allem strukturelle Gewalt gegen Frauen deutlich.

Ähnliche Macht- und Besitzverhältnisse prägen »Georg Büchners (1813-1837) Dramenfragment »›Woyzeck‹, in dem Sexualität eng mit sozialer Unterdrückung, ökonomischer Abhängigkeit und männlichem Besitzdenken verknüpft ist.

Im 19. Jahrhundert gibt es aber auch Werke wie die Erzählung •"Die Totenwacht" (1894) von »Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916), in den der Wille des Opfers sexueller Gewalt nicht gebrochen wurde. "In diesen Erzählungen", betont Künzel (2024, S.20), die den Zusammenhang von Rape-and-Revenge (Vergewaltigung und Rache) (vgl. ebd., S.12) untersucht, "geht es um Empowerment, sprich: die (Wieder-)Erlangung von Kontrolle, Handlungs- und Entscheidungsmacht, die den Opfern durch die (sexualisierte) Gewalt entzogen wurde." In der Erzählung trifft die dreißigjährige Anna, die am Sarg ihrer verstorbenen Mutter die Totenwacht hält, nach vielen Jahren wieder auf ihren einstigen Vergewaltiger Georg Huber, den Sohn eines wohlhabenden Landwirts. Dieser bietet ihr nun quasi zur "Wiedergutmachung" die Ehe an. Mit ihrem klaren und einfachen Nein verlangt sie von Georg, der das nicht versteht, den Raum zu verlassen und bricht damit dessen Willen. (vgl. ebd., S,20)

In der literarischen Moderne treten körperliche und ▪ psychische Gewalt stärker ins Zentrum. ▪ Franz Kafkas (1883-1924) ▪ ›Die Verwandlung (1915) behandelt zwar keine sexualisierte Gewalt im engeren Sinn, wird jedoch häufig im Kontext von Körperlichkeit, Entwürdigung und familiären Machtstrukturen interpretiert.

Deutlich expliziter werden Grenzüberschreitungen in dem Roman »›Die Blechtrommel‹ (1959) von »Günter Grass (1927-2015), wo sexuelle Gewalt und Macht im Kontext von Krieg und gesellschaftlicher Verrohung erscheinen. Schließlich stellt »Ingeborg Bachmanns (1926-1972) Roman »›Malina‹ (1971) dar, wie die Protagonistin von Anfang an dem dominanten Mann unterworfen ist und sich von dessen Wertschätzung, Zeit und Aufmerksamkeit vollkommen abhängig macht. Mit jeder Demütigung und Ablehnung verliert sie ein Stück ihrer Identität, bis psychische Probleme unausweichlich sind. Damit thematisiert das Werk die ▪ psychische Gewalt  gegen Frauen als ein tief verankertes patriarchales Strukturproblem.

Sexualisierte Gewalt gegenüber männlichen Jugendlichen

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 23.02.2026

 
 

 
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