Beim Umgang mit •
sexualisierter Gewalt und Delikten
gegen die sexuelle Selbstbestimmung spielen die so genannten
Vergewaltigungsmythen eine außerordentlich wichtige Rolle in der
Gesellschaft. Das bekannteste Beispiel dafür ist wohl der Mythos, "dass es sexualisierter Gewalt primär um Sex
gehe, statt bei um das Ausüben von Macht und Unterdrückung." (Gysi
2018, S.19)
Neuere Konzepte gehen dagegen davon aus, dass die sexuelle Handlung
nur einen Teilaspekt der kriminellen Handlung darstellt, "der für
sich genommen bereits tiefgreifende psychische und körperliche
Konsequenzen für das Opfer hat."
(ebd.)
Vergewaltigungsmythen,
so definiert Gysi (2018,
S.18) den Begriff, sind "vorurteilshafte,
stereotype oder falsche Annahmen über Vergewaltigung, Täter und und
Opfer von Vergewaltigungen (Beispiele für Vergewaltigungsmythen:
»Wer vergewaltigt wird, ist immer irgendwie auch selber schuld«,
»Die meisten Anzeigen sind falsch«)".
Dabei
ist der Mythos von der hohen Zahl von Falschanschuldigen
statistisch gesehen haltlos. Man geht nämlich davon aus, dass unter
10% aller Anzeigen tatsächlich Falschanzeigen sind. Dennoch wird der
Mythos immer noch weiter verbreitet und auf zweifelhafte Anzeichen
gestützt, wird dabei das Opfer als unglaubwürdig hingestellt (z. B.
bei jungen Frauen, die sich angeblich auf diese Weise wichtig machen
wollen) (vgl. Gysi
2018, S.19)
Solchen und anderen
»Vergewaltigungsmythen begegnet man heute auf Schritt und Tritt, wenn
es um konkrete Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung geht.
Finden sie eine große gesellschaftliche Akzeptanz spricht man auch
von »Rape
Culture.
Hierzu nur einige
Beispiele, die
Wikipedia aufführt):
-
Die meisten
Vergewaltigungen erfolgen durch Fremde und passieren an dunklen,
einsamen Plätzen, welche daher von Frauen gemieden werden müssen
(In Wahrheit findet die Mehrheit der Vergewaltigungen in den
eigenen vier Wänden statt und die Täter sind Partner oder
Bekannte).
-
Es werden nur
junge und hübsche Frauen vergewaltigt, die die Täter z. B. durch
ihren Kleidungsstil zur Tat provozieren (In Wahrheit werden die
verschiedensten Menschen vergewaltigt und ihre Kleiderwahl zum
jeweiligen Zeitpunkt der Tat ist sehr unterschiedlich, was
darauf schließen lässt, dass nicht sie, sondern die Täter für
die Tat verantwortlich sind).
-
Wenn sich eine
Person nicht wehrt, ist es keine Vergewaltigung (Diese
Argumentation kommt häufig bei Angeklagten in
Sexualstrafverfahren vor, die dann insistieren, davon
ausgegangen zu sein, dass ihr Gegenüber ebenfalls Sex wollte. In
Wahrheit sind die Reaktionen von Betroffenen von sexualisierter
Gewalt unterschiedlich. Viele Opfer verfallen beispielsweise in
eine Schockstarre und wehren sich daher nicht)."
Solche und andere
männerzentrierte Vergewaltigungsmythen sollen die männlichen Täter
entlasten. Sie individualisieren die ▪
Vergewaltigung, wenn
es sich um Angehörige der eigenen "Wir"-Gruppe (der ›weißen‹ Männer
handelt, kulturalisieren und rassifizieren sie allerdings immer
wieder, wenn es um die anderen Männer geht. (▪
Ethnosexismus) (vgl.
Spies 2023,
S.135)

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Ein ebenfalls
häufig vorkommenden männerzentrierter Vergewaltigungsmythos ist die
so genannte "Dampfkesselmetapher".
Sie besagt, dass Männer ihre sexuellen Triebe nur bedingt
kontrollieren könnten und Frauen sich daher entsprechend verhalten
müssten, um Vergewaltigungen zu entgehen. Die empirische Forschung
findet allerdings bei Sexualstraftätern äußerst heterogene Motive
für ihre Taten.
Die Akzeptanz von
Vergewaltigungsmythen bedingt »Victim
blaming oder die Täter-Opfer-Umkehr (Schuldumkehr). Sie sorgt
somit dafür, dass die Schuld für sexuelle Übergriffe nicht bei
Tätern, sondern bei Opfern gesucht wird.
Dieselbe Funktion
erfüllt auch das so genannte »Slutshaming.
Dabei verweisen die Täter darauf, dass ihre weiblichen Opfer sich im
Hinblick auf ihr äußeres Erscheinungsbild und ihr Verhalten in der
Öffentlichkeit sich nicht den "Gepflogenheiten" gemäß verhalten
hätten. Sie hätten, so wir behauptet, sexuell aufreizende Kleidung
getragen, hätten sich durch die Einnahme der Pille als sexuell aktiv
ausgewiesen, schon vorehelichen Geschlechtsverkehr und andere
Sexualpartner gehabt oder sich prostituiert.
Wer allerdings glaubt, dass
die moderne Richter*innen frei von solchen Vorurteilen an Sexualdelikte
herangehen, wird durch die Ergebnisse der Forschung eines Besseren
belehrt. Häufig folgen nämlich auch sie Vergewaltigungsmythen, auch
wenn ihnen das oft gar nicht bewusst ist.
"Opferfeindliche
Voreinstellungen beeinflussen, wie Informationen aufgenommen und
verarbeit werden, welche Hinweise in welcher Art und Weise beachtet
werden, und welche Abklärungen erinnert werden." (ebd.) Dabei ist dieser
Mangel an Objektivität und Neutralität, der auf Vergewaltigungsmythen
zurückgeführt werden kann,
den in diesem
Handlungsfeld agierenden professionellen Akteuren wie Richter*innen
und Rechtsanwält*innen,
Polizist*innen oder Psychotherapeut*innen meistens gar nicht
bewusst.
In einem Leitfaden
für Richter machen
Schafran u. a. (2011) deutlich:
"Sexualstrafverfahren stellen eine außergewöhnliche Herausforderung
für die Justiz dar. Dies, weil sie mit einer Vielzahl von tief
verankerten stereotypen Vorstellungen und falschen Konzepten
behaftet sind, welche Gerichtsverfahren aushöhlen können (...). Der
weit verbreitete Irrglaube, dass es bei Vergewaltigungen um sexuelle
Lust gehe - statt um Macht und Kontrolle -, beeinflusst jeden Aspekt
des Umgangs des Justizsystems mit sexueller Gewalt (...). Solche
Straftaten durch diese voreingenommene Optik zu betrachten hat zu
tiefgreifenden fehlerhaften polizeilichen Abklärungen,
Strafverfahren, Juryentscheiden, Medienberichten und Reaktionen der
Öffentlichkeit geführt." (zit. n. Gysi
2018, S.19)
Solche falschen
Konzepte können auch als
• kognitive Verzerrungen
angesehen werden.
Unsere Neigung zu ▪
kognitiven Verzerrungen verschiedener Art ist wissenschaftlich in
zahlreichen Experimenten und Studien belegt. Dabei können wir gewöhnlich
in einem Bereich mehr und in einem anderen Bereich weniger zu
solchen Verzerrungen tendieren
Ganz allgemein kann
dabei von dem so genannten ▪
Gender-Bias, dem geschlechtsbezogenen Verzerrungseffekt
ausgehen, der auf einer verzerrten Wahrnehmung durch sexistische Vorurteile und
Stereotype beruht. Gedankliche Annahmen, Eigengruppenbevorzugung und
statistische Fehler können dabei zu •
Attributionsfehlern und
•
Bestätigungsfehlern
führen, die zu einer falschen
Darstellung geschlechtsspezifischer Verhältnisse führen. Auch
das hartnäckige •
Beharren auf Überzeugungen (Belief perseverance) und ersten
Hypothese, obwohl neue Informationen dieser Hypothese widersprechen,
gehört hier dazu.
Ebenso kann die »Hypothese
von der gerechten Welt (just-world fallacy oder just-world
hypothesis), wonach Menschen "das bekommen, was sie verdienen",
dazu führen, dass zahlreiche Menschen zum
Victim-Blaming, der Täter-Opfer-Umkehr, tendieren und das Opfer
beschuldigen. Der Just-World-Bias lässt manche Menschen glauben,
dass das, was einem Individuum im Leben passiert, von Natur aus mit
seinen Handlungen verbunden ist und daher als zu Recht verdient
angesehen wird. Häufig gibt es dabei auch Korrelationen zu
Positionen eines rechten Autoritarismus und religiösen
Überzeugungen.
Angenommen wird
dabei in der ▪ patriarchale Gesellschaft,
dass nur bestimmte "schlechte" Frauen oder solche, die sich
"schlecht benehmen" vergewaltigt werden. Dadurch werden bestimmte
Frauen von der Mehrheit der Frauen separiert. Indem man ihre
"Andersartigkeit" betont, wird auch die Vorstellung vermindert, dass
jeder anfällig für Vergewaltigung ist. Ein häufiger
Vergewaltigungsmythos ist, dass kein Ereignis zufällig ist. Dies
fördert die Idee, dass die Frauen, die vergewaltigt werden, nicht
ohne Grund vergewaltigt wurden, sondern dass sie es verdient haben.
Die ▪
patriarchale Gesellschaft nutzt auch
das Stereotyp, dass Männer aggressiv seien oder verweist auf die
schon oben erwähnte "Dampfkesselmetapher"
sind, um Vergewaltigung zu "normalisieren". Damit versetzt sie
Frauen sogar schon in Angst, bevor sie überhaupt vergewaltigt
werden.
Auch das • Meine-Seite-Denken
(Myside-Bias), das darauf darauf beruht, dass Menschen Beweise bewerten
und generieren sowie Hypothesen auf eine
Art und Weise testen, die sich an ihren eigenen früheren
Überzeugungen, Meinungen und Einstellungen orientiert (vgl. Stanovich 2020,
S.2), ist ein allgemeines
gesellschaftliches Problem. Zugleich handelt sich um eines der am
weitesten verbreiteten und universellsten kognitiven Vorurteile
überhaupt. (vgl.
Stanovich 2020;
S.3)
Vor diesen, das haben Untersuchungen des
• Meine-Seite-Denken
(Myside-Bias) ergeben, sind eben auch die kognitiven Eliten
nicht gefeit (Stanovich 2020a).
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
23.02.2026
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