Wer sich auf die
Suche nach den Vorstellungen begibt, die die Menschen in früheren
Zeiten über Liebe, Erotik und
Sexualität gehabt haben, muss sich auf eine Zeitreise einlassen, die
nur dann funktioniert, wenn man die Brille moderner Ansichten
abnimmt und sich auf eine Fremderfahrung einlässt, die viel Anderes,
Unverständliches und, aus unserer heutigen Sicht, ganz und gar
"Unmögliches" bereithält.
Allzu schnell werden ansonsten beim
Betrachten von bildlichen Darstellungen und manchen Texten der
Zeit Maßstäbe an das Fremde angelegt, mit denen wir uns im Grunde
genommen nur schnell und
ohne weitere Mühe ihren Sinn zurechtschustern und dabei alles
Befremdliche einebnen, ohne dass die Begegnung mit diesem uns und
unsere Vorstellungen und sozialen Praktiken in diesem Bereich
einbezieht und damit ermöglicht, zu neuen Erkenntnissen in einem
selbstreflexiven Prozess zu gelangen.
Schnelle Antworten darauf, wie, wann, warum oder wie häufig "sie"
"es" vor hunderten von Jahren "gemacht" haben, um wie in einer Art
Lexikon der Erotik in alten, vergilbten Ansichten zu blättern,
taugen daher wenig.
Wer sich aber
ernsthaft und auch mit der Bereitschaft, etwas Zeit und Mühe darauf
zu verwenden, darauf
einlässt, wird in den nachfolgenden Ausführungen, die in keiner
Weise den Anspruch erheben wollen und können, das Thema in allen
Facetten und schon gar nicht erschöpfend darzustellen, vielfache
Möglichkeiten finden, die Zugänge zu dieser fremden Welt eröffnen
können und interessante Vergleiche mit unserem heutigen Empfinden
und Umgehen mit Erotik und Sexualität finden, bei der ja schon ein einzelner
Mausklick genügt, um in die "Untiefen" der Pornographie zu kommen.
Liebe und Erotik sind in den permissiven Gesellschaften wie der
unseren in einer Weise
gerahmt, dass vielen Menschen, die hier leben, andere Gestaltungen
des Geschlechterverhältnisses als zurückgeblieben und unakzeptabel
vorkommen.
Wenn Frauen, die in den aufgeklärten Gesellschaften Europas
leben, aufgrund religiöser Überzeugungen und der Normen der streng
patriarchalisch ausgerichteten Kultur, der sie sich zugehörig
fühlen, so kleiden, dass ihre Geschlechtsmerkmale, so gut es geht,
dem männlichen Blick entzogen sind, wenn Muslima, sofern sie es
überhaupt wagen, im Burkini ein öffentliches Bad betreten,
muslimische Frauen Männern die Begrüßung mit Handschlag verweigern,
dann geraten unsere Vorstellungen über das Recht darauf, ein
selbstbestimmtes Leben führen zu können, schnell an ihre Grenzen.
Auf breite Ablehnung stoßen soziale Praktiken traditionaler, meist
muslimischer Gesellschaften, bei denen die männlichen
Familienmitglieder darüber wachen sollen, dass ihre weiblichen
Verwandten keinen vorehelichen Geschlechtsverkehr haben oder sich gar des
Ehebruchs schuldig machen. Wenn wir dann noch hören, dass in manchen
dieser traditionalen Gesellschaften, in denen das islamische Recht
gilt, "ehebrechende" Frauen gemäß der »Scharia
auf grausame Weise hingerichtet werden, dann empfinden wir eine
solche Abscheu darüber, dass wir uns nicht einmal mehr in solche
Praktiken hineindenken wollen. Religiöser Fundamentalismus, wir
kennen ihn meistens als Islamismus, mit dem wir die meisten dieser
Erscheinungen in Verbindung bringen, ist uns heute ganz und gar
fremd.
Wenn es um Fragen geht, die mit Liebe, Erotik und Sexualität
verbunden sind, reagieren wir also, wenn wir auf Anderes und Fremdes
treffen, das nicht zu unseren permissiven Vorstellungen in diesem
Bereich passt, auf unterschiedliche Art und Weise.
Vorstellungen, in denen es oft um ein keusches Leben geht,
erscheinen vielen als verklemmt und spießig und vor allem repressiv.
Keuschheit ist dieser Auffassung nach stets Ausdruck einer
patriarchalisch dominierten repressiven Sexualmoral. Dass
vorehelicher Geschlechtsverkehr auch bis heute in modernen
Gesellschaften zumindest sozial sanktioniert ist, zeigt ein Blick
auf einige Staaten des mittleren Westens der USA, in denen solche
puritanisch-evangelikale Traditionen, die auch andere Schamgrenzen
ziehen, nahezu ungebrochen fortgeführt werden.
Literarisch hat dies
schon »Nathanel
Hawthorne (1804-1864) mit seinem Roman »"Der
scharlachrote Buchstabe" (1850) angeklagt, der das
Schicksal der Ehebrecherin
Hester Prynne schildert, die, weil sie trotz ihrer öffentlichen »Anprangerung den
Vater ihres unehelichen Kindes
nicht nennen will, neben anderen Sanktionen dafür, dazu verurteilt
ist, ein scharlachrotes "A" als Zeichen ihrer Ächtung auf der Brust
zu tragen. Der Roman, dessen Geschichte etwa 200 Jahre früher im
gerade erst von englischen Puritanern gegründeten Boston im 17.
Jahrhundert spielt, ist zugleich ein herausragendes Beispiel dafür,
wie Literatur als eine Art "Archiv" (Greiner
22014, S.21) fungieren kann, "das die Wandlungen der
Gefühlskultur sammelt und aufbewahrt" (ebd.)
und uns mit der gebotenen kritischen Distanz zur Fiktionalität des
jeweiligen Werkes – Literatur ist schließlich keine Quelle im
geschichtswissenschaftlichen Sinne –, bei der Überwindung der
historischen Distanz zu einer, insbesondere auch in diesem Bereich
fremden Zeit unterstützen kann.
Geht es um Sexualität und die Sexualmoral regieren wir heute, auch
wenn dies nicht alle Formen von Sexualität betrifft, besonders
sensibel, weil es dabei auch immer, wie
Willems
(2012, Bd. I, S.50) betont,
um die "Vorstellung von der Selbstverwirklichung in der
Liebe" geht, in die sich, unserem modernen Verständnis
nach, niemand mehr, weder durch Religion oder Gesellschaft reinreden
lassen will.
Wer sich mit Liebe und Erotik
in früheren Zeiten, aber auch heute in anderen Kulturen,, muss sich über
diese Voraussetzungen eigenen Urteilens im Klaren sein. Er / sie
muss sich gerade in diesem Bereich auf eine Spurensuche einlassen,
die das Fremde bis zum gewissen Grade "erfahrbar", zumindest aber
nachvollziehbar werden lässt, um im besten Fall das Eigene besser zu
verstehen. Dabei muss man versuchen, die historische Distanz zu
überwinden und ihre Erscheinungsformen nicht mit vorschnellen
Interpretationen, die aus unserem eigenen Verständnis und Umgang mit
Sexualität resultieren, vorschnell zu überziehen, um das Fremde, das
Irritierende und Ungewöhnliche so schnell wie möglich in die
bewährten Denkmuster, mit denen wir uns in unserem Leben
orientieren, einzupassen, ja in diese hineinzuplanieren.