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Selbstdarstellung von Rechtsextremisten im Social Web

Lena Gnls

Autonome Nationalist/innen - der "nationale schwarze Block"


Ein Profilname wie Lena Gnls liest sich wie ein Programm, steht er doch ausgeschrieben für einen Slogan der Autonomen Nationalisten (AN)bzw. des sogenannten "nationalen schwarzen Blocks", nämlich "Good night left side", "»Anti-Antifa" eben, das Pendant zur linken, seit Anfang der 1980er Jahre unter diesem »Akronym meist militant agierenden »Antifa"-Bewegung.
"Das Selbstverständnis", erklärt Jan Schedler (2010) "ist gekennzeichnet durch eine spezifische Kombination von rebellischer Attitüde und revolutionärem Pathos. Leitlinien wie »Revolutionär - statt Reaktionär«

 oder »Während andere noch reden, handeln wir. Autonom« zeugen sowohl von der Abgrenzung gegenüber dem tradierten Auftreten der extremen Rechten als auch der Selbststilisierung als revolutionäre Elite."  Dabei seien es vor allem jüngere Neonazis, die sich von eingefahrenen Mustern der eigenen Szene abgewandt hätten und in der Art, wie sie sich nach innen und außen, individuell oder im Kollektiv, präsentierten, am Zeitgeist ausrichteten. "Sie verstehen sich selbst als Trendsetter in der extremen Rechten", fährt Schedler (ebd.) fort, "als szeneinterne Avantgarde, als neu und innovativ."

Schon ein erster Blick auf zahlreiche Profilbilder von Anhängern dieser Gruppe zeigt, dass sie soziale Netzwerke vor allem zur Selbstinszenierung nutzen. Da zeigt man sich gerne vermummt, am liebsten mit Mundtuch, trägt Sonnenbrille, dazu die mit etlichen Buttons bewehrte Baseballmütze und den Kapuzenpulli, um klar zu signalisieren, dass man sich zum so genannten "nationalen schwarzen Block" zählt. Es kommt aber auch vor, dass man dafür andere Signale setzt: So kommt es gerade bei den Autonomen Nationalisten offenbar häufiger vor, dass »Bart Simpson, die Figur aus der Zeichentrick-Kultserie im Fernsehen, ein T-Hirt mit dem antisemitischen "Fuck Isreal" trägt. (vgl. Groß/Baldauf 2011, S. 7) Vor allem wollen die Autonomen Nationalisten eines nicht, auf das gängige Klischee gewalttätiger Arbeitsloser Schläger mit Glatze und Stiefel reduziert werden. (vgl. Schedler 2010, S.22)
Dabei ist der so genannte »Schwarze Block mit der entsprechenden Uniformierung keineswegs eine Erfindung der Rechten. Der Begriff, der nie eine Gruppierung mit festen Organisationsstrukturen bezeichnet, entstand in den späten 1970er Jahren, als mehr und mehr so genannte Nichtorganisierte, sich selbst als Autonome bezeichnende Gruppen in den Demonstrationen der »Anti-Atomkraft-Bewegung und der »Friedensbewegung mitmarschierten und dabei zum Schutz vor der Erkennung durch Polizei, Staatsschutz oder auch Neonazis vermummt auftraten. Heute verbindet sich mit dem Begriff nicht mehr nur eine Demonstrationstechnik, sondern vor allem die Signalisierung einer besonders ausgeprägten Gewaltbereitschaft zur Durchsetzung politischer Ziele auf der Straße und zur gezielten Provokation gewalttätiger Auseinandersetzungen mit der Polizei, die das seit 1985 geltende in »§ 17a Abs. 2 des »Versammlungsgesetzes »Versammlungsgesetz verankerte »Vermummungsverbot immer wieder durchzusetzen versucht. Seit den 1990er Jahren treten auch rechte Gruppen in Schwarzer-Block-Formationen auf und unterscheiden sich in ihrem einschüchternden martialischen Look und Habitus kaum von denen ihrer linken Kontrahenten. Diese Tatsache darf aber nicht, wie in der Politik manchmal üblich, dazu verleiten, linke und rechte Autonome einfach gleichzusetzen und das ganz unterschiedliche Gefahrenpotential zu verkennen. (vgl, Mletzko 2010, S,16f.)  Rechter Extremismus ist nämlich eine reale Bedrohung für alle Menschen und die "Autonomen Nationalisten" zeigen dies, wie in der von Jan Schedler und Alexander Häusler (2011) herausgegebenen, sozialwissenschaftlichen Studie "Autonome Nationalisten. Neonazismus in Bewegung betont wird, in besonders deutlicher Weise.

Die Autonomen Nationalisten, die sich vielerorts aus dem Spektrum der »Freien Kameradschaften entwickelten, stellen ihrem eigenen Selbstverständnis nach eine strukturelle Organisation ohne formale Organisation dar. Sie wollen anders als die durchorganisierte politische Rechte zeigen, wie einer der Kameradschaftskader, Christian Worch, formulierte, dass man sich "auch zugehörig fühlen kann, ohne einen Mitgliedsausweis oder ein Parteibuch in der Tasche zu haben" (zit. n. Speit 2011) Das geht heutzutage schon einmal so weit, dass sich einige autonomen Nationalist/innen überhaupt nicht zur rechtsextremen Szene in Deutschland zählen. Sie stammen womöglich auch aus dem Umkreis des gegnerischen linken Lagers, dessen Symboliken und Insignien von den Autonomen Nationalisten gerne aus ihrem eigentlichen politischen Kontext herausgerissen oder auf Einzelaspekte reduziert werden, um sie mit ihrer eigenen Ideologie neu zu besetzen. Gerade auf diese Art und Weise will man vor allem junge Menschen gezielt ansprechen, "die sich unabhängig von den politischen Inhalten durch Ästhetik und Codes der Linken angezogen fühlen. (Schedler 2010, S.23)
Was die Autonomen Nationalisten neben ihrem militanten Auftreten, das etliche Jugendliche anzieht, für junge Leute aber besonders attraktiv werden lässt, ist ihre Adaption jugendkultureller Codes aus allen möglichen jugendlichen Lebenswelten, sofern sie sich in die eigenen Denk- und Verhaltensschemata einpassen lassen.  So können sie von anderen oft nicht ohne weiteres als Verbreiter/innen rechtsextremer Vorstellungen demaskiert werden. (vgl. Groß/Baldauf 2011, S. 7)
Was sie auf Videoplattformen oder in Communities inszenieren, wirkt zudem hochprofessionell gemacht und ihre "zeitgemäße(n), popkulturelle(n) Anleihen sorgen für Assoziationen, die sich im Bereich frisch, jung, hip und cool bewegen" (ebd., vgl. Schedler und Alexander Häusler 2011) Dies und ihre stilistische Anlehnung an die kulturellen Ausdrucksformen der Linken hat, wie Schedler betont, dazu geführt, dass "der Neonazismus durch die 'Autonomen Nationalisten' insgesamt attraktiver für Jugendliche geworden" ist. (zit. n. »PM 139 der Ruhruniversität Bochum v. 09.05.2011). Ihre Popularität unter Jugendlichen verdanken die Autonomen Nationalisten, darin sind sich alle Verfasser der Studie über die AN einig, vor allem Action und Lifestyle, mit denen sie an jugendliche Erlebniswelten anknüpfen, nicht aber einer spezifischen Ausprägung rechtsextremer Ideologie.
So etwas wie eine eigene Ideologie haben die AN ungeachtet ihrer "stylischen Pop-Ups auf den Webseiten und der radikalen Rhetorik auf den Straßen" indessen nach Fabian Virchow, einem Mitverfasser der oben genannten Studie über die Autonomen Nationalisten, nicht entwickelt. Mit ihrem biologistischen Menschenbild und nationalistischen Volksgemeinschaftsverständnis reproduzierten sie einen traditionellen völkischen Nationalismus, (vgl. Speit 2011) und das ohne wesentliche ideologische Veränderungen. So stellt Schedler gegen alle Einwände fest: "Doch das sind ganz klar Neonazis." (zit. n. »PM 139 der Ruhruniversität Bochum v. 09.05.2011). Dennoch ist das Label AN, wie Schedler und Häusler beobachtet haben, inzwischen auf dem Rückzug, da unter dieser "Dachmarke" des rechten Extremismus einfach vieles zusammengefasst wurde, was offenbar aus unterschiedlichen Gründen nicht zueinander passt, und auch unter eingefleischten Anhängern der Szene wird mittlerweile eine Rückbesinnung auf alte Werte und Traditionen gefordert. (vgl. Speit 2011
So wird man - auch in sozialen Netzwerken beobachten müssen - wie die Erschließung neuer "Themenfelder, die viele Jugendliche interessieren: so etwa Umweltschutz (als »Heimatschutz« auf der Basis der Blut-und-Boden-Ideologie), Tierschutz (z. B. rassistische Argumente gegen das »Schächten) oder Kapitalismuskritik (»völkischer Antikapitalismus« gemäß der NS-Parole »Gemeinnutz statt Eigennutz«" (Groß/Baldauf 2011, S. 7f.) mit der "Rückbesinnung" auf solche altbekannten rechtsextremistischen Werte konkret in Einklang gebracht werden.
Trotz solcher Rückbesinnung die "Bricolage", die Dekontextualisierung und Neukonstruktion von ästhetisch-stilistischen und strategisch-aktionistischen Elementen zu einer extrem rechten Rekodierung "das jugendkulturelle Identitätsangebot der extremen Rechten" deutlich erweitert und ihrem Kampf um den öffentlichen Raum bei Demonstrationen u. ä. m. "einen neuartigen Erlebnischarakter´" verliehen. Die Autonomen Nationalisten haben aller Tendenz zur Rückbesinnung auf altbekannte Inhalte und Verhaltensformen der Rechten das Auftreten des deutschen Neonazismus insgesamt modernisiert. (vgl. Schedler 2010, S.23) Ihre "Stilbastelei" mit zahlreichen Anleihen beim linken Antifa-Gegner und x-beliebigen anderen jugendkulturellen Kontexte macht die Autonomen Nationalisten aber auch beim ihrem rechtem networking in den sozialen Netzwerken gleichermaßen attraktiv wie schwer identifizierbar bzw. demaskierbar.

Gert Egle, www.teachsam.de, 08.10.2012, zuletzt bearbeitet am: 21.12.2013

 

 


   Arbeitsanregungen:

  1. Arbeiten Sie heraus, was die Autonomen Nationalisten in der rechten Szene auszeichnet.

  2. Zeigen Sie, worauf ihr Selbstverständnis als Trendsetter in der rechten Szene beruht.

  3. Arbeiten Sie heraus, wie und mit welchen Zielen die Autonomen Nationalisten in den sozialen Netzwerken agieren.

  4. Erläutern Sie, warum von den Autonomen Nationalisten eine vergleichsweise hohe Faszination für Jugendliche ausgeht.

  5. Visualisieren Sie das Ergebnis Ihrer Untersuchungen in Form einer Concept Map. (→Visualisieren Sie den Text in Form einer Concept Map), einem Mind Map oder einer WordCloud.

   Arbeitsanregungen zur →Texterörterung:

   Setzen Sie sich mit dem Text kritisch auseinander.

  1. Geben Sie dazu den Text in Form einer strukturierten Textwiedergabe wieder.

  2. Erörtern Sie unter Bezugnahme auf den Text, worauf die Attraktivität der Autonomen Nationalisten beruht und zeigen Sie möglichst konkrete Ansätze auf, wie man dieser Form des Rechtsextremismus in Schule und Gesellschaft begegnen könnte.
     

 
     
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