Väter und Söhne

Väter - die zurückgewiesenen Kinder


Handlungsschemata, mit denen erwachsene Männer ihre Beziehungen zu anderen gestalten, sind in besonderem Maße von der Beziehung abhängig, die sie als Sohn ihres eigenen Vaters erlebt haben. "Diese Beziehung ist", so behaupten Vogt/Sirridge (1993, S.12f.), "beeinflusst alles im Leben eines Mannes, von der Art, wie er sich selbst innerlich begreift, bis zu der Art, wie er alle anderen Menschen, aber auch Macht, die Wirtschaft, Politik und sogar seine Wahrnehmung der Natur sieht."
Viele der heute heranwachsenden jungen Männer wachsen ohne Väter im Haushalt einer alleinerziehenden Mutter auf. Ihnen fehlt das unmittelbare Vorbild eines Mannes, ihres Vaters, der ihnen neben anderen Instanzen ein Rollenmuster von Maskulinität vorlebt. Zum Leid, das die Jungen durch den fehlenden Vater sondern auch  Wenn doch, dann wissen viele Väter heute offenbar aber auch nicht so recht, "was sie mit ihren Söhnen anfangen sollen, und sie fühlen sich als Väter hilflos und wie erfroren." (ebd.) Die
 

Gefühle des "Verletztseins", von "Entfremdung" und "Verlorenheit",  die nach Ansicht von Vogt/Sirridge (1993, S.12f.) viele Männer in unserer Zeit bewegen, haben, so die beiden Psychologen,  neben anderen Gründen, vor allem eine Ursache: den Zusammenbruch der Beziehungen zwischen Söhnen und Vätern." (ebd.) Söhne haben oft das Gefühl, von ihrem Vater verraten und im Stich gelassen zu werden, und die Väter wissen nicht, wie sie mit ihren Söhnen, die sich ihrer Meinung nach ziellos treiben lassen, umgehen sollen. Dabei suchen Väter häufig keinen Kontakt zu Vätern bzw. Männern, die sich in ähnlicher Lage befinden. Sie beißen sich durch, "machen ihr Ding" alleine und damit verschärfen sie ihre Lage, wenn sich die ersten Anzeichen von Verzweiflung über die verpassten Gelegenheiten und langsam wachsender Einsamkeit einstellen.
August Napier, ein bekannter Familientherapeut, meint gar, dass das Problem der heutigen Väter vor allem ist, dass selbst zurückgewiesene Kinder seien.

 Die Jungen fühlen sich nicht nur von ihren anderweitig beschäftigten und psychologisch unerreichbaren Vätern verlassen, sie sind auch dem Ärger ihrer unglücklichen Mütter ausgesetzt. Es gibt eine Menge soziologischen Beweismaterials, das darauf hinweist, dass diese Zurückweisung ein zentrales Problem bei Männern ist: vom höheren Aufkommen des Alkoholismus und der Drogensucht, von der viel höheren Selbstmordrate bis zur generellen gefühlsmäßigen Isolation der Männer.
Wie also sind wir zu »zurückgewiesenen Kindern« geworden? Was ist schiefgelaufen? Ein Teil der Antwort ist in der sich verändernden Struktur der Familie zu finden. Wenn vierzig Prozent aller Ehen (und sechzig Prozent aller Zweitehen) auseinanderbrechen, weiß man, dass es eine große Anzahl von Jungen und Mädchen gibt, die tagein, tagaus ohne die körperliche Anwesenheit eines Vaters leben. Darüber hinaus führen die Anforderungen ihres Berufes dazu, dass sich die Männer von allen Erlebnissen und Aktivitäten, die die Woche über zu Hause stattfinden, entfernen. Dadurch geht nicht nur die Macht und die Möglichkeit verloren, mit der der Vater bei der Erstellung von Ordnung und Disziplin helfen kann, sondern auch die notwendige Balance von Energie und Augenmaß für die Dinge, die Vater und Mutter gemeinsam einbringen. Die Söhne sind der Möglichkeit beraubt, auf dem Weg ins Nebenzimmer buchstäblich auf den Vater zu stoßen, Hilfe bei ihren Mathematikaufgaben einzuholen oder von ihm ins Bett gebracht zu werden. Die Jungen lernen, dass die Zeit mit dem Vater vorherbestimmt und begrenzt ist und sich auf ein ferienartiges Wochenende beschränkt, das vollgestopft ist mit Kinobesuchen, Pizza, Ausnahmen von Regeln und Kartoffelchips. Nicht mehr gegeben sind ruhige Momente, tägliche Routine, »Regelmäßigkeit« - das Gefühl, in Frieden Tag für Tag miteinander zu leben.
Was bewirkt diese Situation in der nächsten Generation? Sie schafft ein alle Generationen umfassendes Problem männlicher Isolierung und Entbundenheit gegenüber allen Verpflichtungen. Leider wächst heutzutage ein Sohn zum Vater heran mit dem Gefühl, dass es »natürlicher« ist, abwesend als vorhanden zu sein, ein Außenseiter zu sein, der von außen einen Blick wirft und sich nur vage der Nähe in der Familie bewusst ist, die für ihn nicht greifbar ist.
Eine weitere Antwort auf die Frage nach den Ursprüngen dieses Gefühls der Entfremdung liegt in dem pausenlosen kulturellen Beschuss mit den Bildern »echter Männer«, denen wir ausgesetzt sind und die diese als gänzlich mit sich selbst beschäftigte und »raue Individualisten« zeigen. Die Aufmerksamkeit gilt in viel höherem Maße dem Wettbewerb als der Kooperation. Wettbewerb ist natürlich wichtig, doch als der höchste Wert auf der Werteskala bewirkt er vor allem die tiefe Isolation des einzelnen Mannes. […]

(aus: Vogt/Sirridge, Söhne ohne Väter, 1993, S.12-15,  Auszüge) 
 


   Arbeitsanregungen
  1. Zeigen Sie, welche Ursachen und Auswirkungen die Tatsache hat, dass Jungen heutzutage nach Ansicht der Autoren "ohne Rollenmuster der Maskulinität" aufwachsen.
  2. Was verstehen die Autoren unter dem Phänomen der "zurückgewiesenen Kinder"?
  3. Welche Auswirkungen besitzt dies für die Vaterrolle?
  4. Worauf führen die Autoren das bei Männer weit verbreitete Gefühl der Entfremdung zurück?

  

      
   
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