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Big Brother

Die "Zlatkoisierung" geht weiter

Mehr als ein Jahrzehnt Big Brother


Es ist noch gar nicht so lange her, dass der „Spanner“ als solcher gesellschaftlich geächtet und »Voyerismus als eine Abart sexuellen Verhaltens (»Paraphilie) gegeißelt worden ist, weil es dabei um die erregende Lust am Betrachten sexueller Handlungen geht. Diese Zeiten sind inzwischen vorüber und die  Lust am Betrachten anderer Personen in sexuellen Kontexten kann in gewissem Rahmen als durchaus normal gelten. In einer von der Illustrierten »stern referierten kanadischen Studie von B. J. Rye und Glenn J. Meany (2007a, 2007b) würden sich 70 Prozent der befragten Männer bei Gelegenheit nicht entgehen lassen, anderen Menschen beim Ausziehen oder bei sexuellen Handlungen zuzuschauen. Und selbst auf das Risiko hin (Risikofaktor 1:4), dabei entdeckt zu werden, ziehen das gerade mal 10% weniger in Betracht. Aber auch Frauen sind der Studie nach dafür durchaus zu haben: 40%, und unter dem gleichen Risiko noch 35%, würden der erregenden Lust beim Zusehen freien Lauf lassen. Kein Wunder also, wenn der Sexualtherapeut und Professor für medizinische Psychologie, Ulrich Clement, an gleicher Stelle folgert: "Die Schaulust wird normal. Es wird schamlos hingesehen, ohne große Peinlichkeit." (Clement 2007)
Die Schaulust hat dabei längst den Bereich der Sexualität transzendiert und "Spannen" ist nicht nur in diesem Bereich zu einem "Volkssport" (Clement 2007) geworden. Der moderne Voyerist sitzt vor dem Bildschirm, "spannt" hemmungslos, was das Fernsehen und das Internet auf den unterschiedlichen Plattformen hergeben. Seitdem »
Big Brother über die deutschen Fernseher flimmert, und das geschieht seit dem Jahr 2000, sind hier, längst bevor das Web 2.0 und seine Videosharing-Plattformen (z. B. »YouTube 2005 gegründet!) an den Start gingen, die Dämme gebrochen. Und dabei ist auch dieses Fernsehformat, das bei seinem Start allerorten aneckte und damit erst recht populär gemacht worden ist, selbst Ergebnis eines längeren Prozesses, der gesellschaftliche und medien- bzw. fernsehgeschichtliche Aspekte umfasst. Big Brother ist eben nicht einfach vom Himmel gefallen und auch nicht nur eine, unter kommerziellen Gesichtspunkten, glänzende Idee gewesen, sondern selbst ein historisch-gesellschaftliches Produkt, an deren Erfolgsgeschichte zahlreich Faktoren beteiligt sind. Wie Bettina Fromm (2001) betont, "(ist)  real Privates im Fernsehen nicht erst seit der Erfindung von 'Big Brother' und anderen 'real life shows' ins Zentrum des Zuschauerinteresses gerückt (…). Vielmehr können die Anfänge dieser Entwicklung bereits bis in die frühen 90er Jahre zurückverfolgt werden. Mit Sendungen wie beispielsweise den »Daily Talks, Beziehungsshows (z.B. '»Nur die Liebe zählt', '»Verzeih mir') und Suchsendungen (z.B. 'Bitte melde Dich!') wurden Formate lanciert, in denen das Private in bis dato ungekannter Form Einzug ins Medium hielt. Authentizität, Emotion und Normalbürger als Protagonisten ihrer eigenen wahren Geschichte wurden schon damals zu zentralen Bestandteilen des Sendekonzeptes erhoben. In den Daily Talks wird Privates besprochen, in Beziehungsshows werden qua Konzept authentische Schicksale inszeniert. »Doku-Soaps, ein Exportartikel aus Großbritannien und seit 1998 im deutschen Fernsehen zu sehen, zeigen real privates Leben im Vollzug. (…)  Das Format 'Big Brother' und dessen Nachfolger können als logische Konsequenz der medialen Entwicklung verstanden werden. In der 'real life show' findet das Leben der Teilnehmer in einem virtuell geschaffenem bzw. begrenzten Raum statt, selbstverständlich unter ganz besonderen Bedingungen."
Wer sich heute noch einmal die Publikumsschelte in Erinnerung ruft, mit der eine, vor allem bildungsbürgerliche geprägte Mittelschicht, auf das neuartige "Unterschichtfernsehen" (Nolte 2004, S.42) herabblickte, wird Mühe haben, dies angesichts heutiger Programmangebote und der weiteren Differenzierung des Reality TV-Angebotes nachvollziehen zu können. Ganz vorneweg der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz »Kurt Beck (geb. 1949, SPD), der mit seiner Aussage: "Ein Experiment wie mit Ratten" verlangte, auf die Sendung zu verzichten. Und auch wenn der Stern ehemaliger Big Brother-Stars wie z. B. »
Zlatko Trpkowski (geb. 1976) längst untergegangen ist (vgl. Nareyek (2007 "Jetzt repariere ich wieder Autos") ist, was der ehemalige Chefredakteur des ZDF, »Klaus Bresser (geb. 1936), in seiner Dankesrede beim Empfang des von der »Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) verliehenen Medienpreises für Sprachkultur 2000 die "Zlatkoisierung des Fernsehens" genannt hat, in vielerlei Hinsicht längst "tagtägliche traurige Fernsehwirklichkeit" geworden, bei der in "endlosen Laber-Shows (…) alles beim Namen genannt, alles - bis in den letzten Winkel - offengelegt, eingestanden, gebeichtet wird. Sexuelles explizit. Absonderliche Neigungen und Triebe werden ausgebreitet, physische Leiden und psychische Defekte dem gebannten Publikum vorgeführt, Everything goes.“ Und selbst wenn das, was in solchen Sendungen "„zur Ergötzung des Publikums" inszeniert werde, in denen Menschen sich "selbst erniedrigen, sich zu Deppen und Kasperln machen, die Barrieren einreißen, die ihre Privatsphäre, ja ihre körperliche Unversehrtheit, ihr Leben schützen", freiwillig geschehe, müsse, so Bresser, doch "die Frage gestellt werden, ob Quotenerfolg jedes Mittel rechtfertigt, ob Profitgier und Zynismus die einzigen Berufseigenschaften von Fernsehunternehmern sein können." Und, was er schlicht "zum Kotzen findet", ist die "Zlatkoisierung des Mediums" Fernsehen, welche "ganz systematisch die Verflachung der Programme organisiert, die Verblödung des Publikums als Voraussetzung für weiteren kommerziellen Erfolg einkalkuliert" und im Zusammenspiel der geschäftlichen Interessen von Produzenten, Programmgeschäftsführern und Sendereigentümern "aus immer mehr Teilen des Fernsehens einen Rummelplatz, ein Panoptikum, ein Abnormitätenkabinett (macht)" (Bresser 2000). Was aber noch weit schwerer wiegt, ist die Tatsache, dass sich mit dem Aufstieg der Privatsender seit den späten 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht nur die immer wieder kulturkritisch bemäkelte Bilderflut zugenommen hat, sondern die Vervielfachung des Programmangebots und der Sender auch zu einer klassenspezifischen Nutzung bestimmter Sendeformate und Sender geführt hat, die "mit RTL und SAT. 1" und in deren Gefolge auch anderer Sender "ein spezielles Unterschichtfernsehen" entstanden ist, das der "Demonstration und auch der Verfestigung von Klassenunterschieden dient." (Nolte 2004, S.41f.)
Das kann auch die Betrachtung der Wirkungsmechanismen von Sendungen wie Big Brother nicht ändern. Gewiss hat diese, wie Bettina Fromm (2001)
hervorhebt, "mit dem eindimensionalen (und eigentlich aus der Psychopathologie stammenden und auf Sexualität bezogenen) Begriff 'Voyeurismus'  (...) das nicht viel zu tun", sondern vielmehr mit gesamtgesellschaftlichen Prozessen. So gäben "derartige Formate beispielsweise die Möglichkeit, sich mit der Lebenswelt der ebenfalls unprominenten Darsteller zu identifizieren und diese ins Verhältnis zum eigenen Alltag zu setzen - sei es in der Zustimmung oder in der Abgrenzung. Dieses in der Medienforschung als 'parasozialer Vergleich' benannte Phänomen wie auch der Aufbau von parasozialen Beziehungen zu Bildschirmakteuren wie beispielsweise den Talk-Moderatoren wurde in wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema immer wieder als zentrale Sehmotive herausgestellt. Im Zeitalter der Individualisierung, in dem nichts unmöglich erscheint und klare Verhaltensvorgaben zur Lebensführung fehlen, dient die Rezeption der Identitätsbildung, bieten die Vielzahl der Kontakte über den Bildschirm Erweiterung und Alternativen zur alltäglichen Kommunikation, manchmal auch Ersatz."

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013

 
   
   Arbeitsanregungen:
  1. Recherchieren Sie im Internet über »Zlatko Trpkowski (geb. 1976) und arbeiten Sie an seinem Beispiel heraus, wie die Interessen des einzelnen mit den denen der Medienmacher in zusammenwirken.

  2. Arbeiten Sie Thesen und Argumente zur so genannten "Zlatkoisierung des Fernsehens" bzw. der konvergenten Medienwelt heraus. 

  3. Formulieren Sie zu einer der Thesen oder zu einem der Argumente eine Gegenargumentation.
     

 
     
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