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Big Brother

Niemand kann sich einen gläsernen Menschen wünschen

Bischof Karl Lehmann


Allenthalben geht die Diskussion über ein Experiment, bei dem zehn Menschen für 100 Tage von der Außenwelt abgeschirmt sind und in einem Wohncontainer leben. Sie werden dabei ständig gefilmt. "Big Brother ", der große Bruder, kann in dieser Zeit alles beobachten. Wer nicht recht mitspielt, kann gleichsam abgewählt werden. Es ist nicht zu übersehen, wie viele Menschen sich freiwillig für dieses Experiment meldeten.
Die Sendung ist in der Zwischenzeit ins Gerede gekommen. [...]
Nicht nur allgemein wird die Menschenwürde verletzt. Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie naiv man hier ein umfassendes Überwachungssystem aufbaut. Die Menschen in unserem Land, die die Staatsdiktatur der ehemaligen DDR erfahren haben, kennen - wenigstens in Ansätzen - noch so etwas. Niemand kann sich den gläsernen Menschen wünschen. Haben Franz Kafka und George Orwell umsonst vor einem Leben gewarnt, in dem Menschen wie in einem gigantischen Gefängnis lückenlos überwacht werden?
Oder soll das Ganze nur ein Spiel sein? Aber immerhin über 100 Tage! Zum Menschen gehören Öffentlichkeit und Intimität, Gesellschaft und personale Sphäre. Der Mensch braucht darum einen gewissen Raum für sich selbst. Wie weit er ihn gebraucht, ist seine eigene Sache. Aber er sollte grundsätzlich ermöglicht sein. Zum Haus gehört seit alter Zeit ein "Kämmerlein" oder eine Kammer, in die man sich zurückziehen kann. Wenn dies grundsätzlich aufgehoben wird, nimmt man dem Menschen ein Stück weit seine Persönlichkeit und enteignet ihn. So etwas ist schamlos und propagiert - gewollt oder ungewollt - ein falsches Menschenbild.
Wie reagiert man in solchen Fällen? Im Einzelfall sind Verbote unumgänglich. Dies ist vor allem dann notwendig, wenn die Moral der Medienverantwortlichen bei RTL II nicht mehr von selbst die richtigen Impulse sendet. Aber eigentlich hat der Zuschauer die größte Macht. In diesem Sinne haben wir es alle an der Hand, ob wir mitspielen oder nicht. Deshalb möchte ich die Zuschauer auffordern, von diesem ihrem ureigenen Recht gebrauch zu machen. Wollten wir selbst bis in alle Winkel hinein verfolgt und regelrecht ausgezogen werden? Wir haben schon genügend Enthüllungsjournalismus jeglicher Art. Darum sollte endlich der mündige Zuschauer, der ein Stück weit immer noch der Souverän über die Sendungen ist, seine Meinung zu dieser menschenverachtenden Praxis deutlich äußern und die rote Karte zeigen.

(aus: Bischof Karl Lehmann, Mainz, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Wort des Bischofs zum Sonntag im Südwestrundfunk, II. Programm, am 12. März 2000) 
 

     
 
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