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Big Brother

Big Brother im konvergenten New Media-Kontext

 
 
Es ist noch nicht allzu lange her, dass Vorschläge von Produktionsfirmen, eine erfolgreich laufende Fernsehsendung mit einem aufwändig produzierten Internet-Angebot zu ergänzen, in den Schubladen verschwanden, weil es hieß, man könne damit kein Geld verdienen. Mittlerweile haben sich auch da die Zeiten geändert. Ob "Wochenshow" oder Big Brother - das Webgeschäft boomt und ihre Erträge müssen mittlerweile, wie Lutz Meier in der Financial Times betont, " die immer geringer werdenden Zuwächse aus dem TV-Geschäft ersetzen". (ftd, 5.10.00)

Dabei ist mit Big Brother im deutschsprachigen Bereich erstmals eine so umfassende und strategisch angegangene Durchdringung des Fernsehens mit New-Media-Konzepten des Internets erfolgt. 

Diese Durchdringung basiert nach Günter Hack (2000) auf drei Säulen:

  • Frequenz
  • Referenz
  • Living Content

Das Medienprodukt Big Brother besitzt eine außergewöhnliche hohe Frequenz, d.h. es kann einem Rezipienten während eines bestimmten Zeitraums sehr häufig - und dies dazu meist in wechselnden Kontexten (vgl. Referenz) begegnen. Dabei trägt die vom tagtäglichen Seriencharakter mit festem Sendeplatz (sog. Daily Soap-Effekt) geförderte "rituelle" Nutzung durch die Rezipienten zu einer besonders hohen Frequenz bei. Diese parasoziale Interaktion führt dazu, "dass die Bewohner sich - regelmäßiges Einschalten seitens der Rezipienten vorausgesetzt - quasi wie unauffällige Nachbarn in den Tagesablauf des Rezipienten integrieren". (Hack 2000)

Big Brother verfügt daneben über eine äußerst wirksame Referenzierung, d.h. es erscheint in den verschiedensten Kontexten. Diese Referenzierung, die sich unter größtmöglicher Kontrolle und Lenkung durch die Produktionsfirma Endemol vollzieht, erfolgt über das sog. Cross-Marketing, Berichterstattung in allen sonstigen Medien und mittels der interaktiven Kommunikationsplattform der Big Brother-Website. Dabei hat die Produktionsfirma der Presse offenbar häufig die Stichworte selbst vorgegeben, um einen möglichst großen Rummel, anders gesagt eine möglichst hohe Referenzierung des Medienproduktes auch in den massenmedialen Printmedien oder deren Online-Ausgaben zu erreichen. Mit überwältigendem Erfolg, wie man heute weiß. Kaum ein nennenswertes Printmedium ist um die Berichterstattung herumgekommen und in vielen Zeitungen hat man sogar zeitweise Big Brother-Kolumnen eingerichtet. "Big Brother hat es geschafft, sich in allen Ressorts festzusetzen: Der Mantel berichtet, das Feuilleton beklagt, der Wirtschaftsteil bewundert, die Klatschspalte schwärmt und im Medienressort schiebt man sich die schwarze Kunststoffbrillenfassung auf der Nase zurecht." (Hack 2000) In solchen "Rekursionsschleifen" und "wechselseitige(n) Verstärkungsprozesse(n) der Medienberichtsterstattung"  entsteht die "Selbstreferentialität medialer Berichterstattung" (Brosda 2000, S.104, Hervorh. d. Verf.).

Living Content bezeichnet in diesem Zusammenhang zunächst nichts anderes als dass der Inhalt des Medienproduktes Big Brother "lebendig ist und sich permanent allein durch seine nackte Existenz selbst re-produziert". (Hack 2000) Diese auf der einen Seite in der Tradition der Simulationsspiele wie Life, The Sims, auf der anderen Seite in der Tradition der Bots in verschiedenen MUDs u.ä. stehende Entwicklung könnte - wie schon am Beispiel von Lara Croft erkennbar - zur Entwicklung von vollsynthetischen, künstlichen Stars führen. Diese stellen dann "einen organischen oder künstlich hergestellten Medienakteur" dar, "der in Lage ist, während seiner Medienpräsenz aus inneren Regeln heraus selbständig zu agieren und sein Handeln selbständig veränderten Bedingungen in seinem Umfeld anzupassen, sowie mit anderen Akteuren in seinem medialen Kontext interagieren zu können." (Hack 2000)

(vgl. Günter Hack:  Der Grosse Bruder und seine Verwandtschaft. Ein Essay zur Fernsehshow Big Brother, 17.6.2000)

Aus der so fundierten Verschmelzung von Fernsehformaten und Internetformaten ergibt sich zwangsläufig auch die strategische Zusammenarbeit von Produktionsfirmen mit den großen Telekommunikationsanbietern. Die Übernahme der Produktionsfirma Endemol durch den spanischen Telekom-Riesen Telefónica legt davon ein beredtes Zeugnis ab. Und im Interesse der Telekommunikationsriesen liegt natürlich auch vor allem die Entwicklung webfähiger Formate.

Dabei gilt:

  • Produktionsfirmen verkaufen den Sendern häufig nur noch die Ausstrahlungsrechte.

  • Weitere Vermarktung (Mehrfachverwertung), vor allem im Internet,  übernehmen die Produktionsfirmen bzw. die Konzerne, zu denen sie gehören, selbst.

  • Formate werden verstärkt unter dem Aspekt ihrer Mehrfachverwertung produziert.

Big Brother ist als Medienprodukt weit mehr als nur eine Fernsehsendung bzw. Fernsehformat. Eine ganz erhebliche Bedeutung für den medialen, aber auch wirtschaftlichen Erfolg - sie sind ohnehin nicht mehr zu trennen - spielt die »Website von Big Brother. Ihr fällt bei der Referenzierung der Seite eine Schlüsselrolle zu. Ihre Interaktivität liefert im Zusammenwirken mit speziellen Tracking- und Analyseinstrumenten ein nahezu perfektes Instrumentarium, um "Aktivitäten und Reaktionen des Users/Rezipienten mit dem Medienangebot zu verweben." Und in diesem Prozess liefert der User sogar noch kostenlos jenes Feedback, das dem Produzenten ermöglicht, sein Produkt für die Werbekundschaft weiter zu optimieren. (Hack 2000) Darin zeigt sich das Format Big Brother in seiner Verwandtschaft zum Orwellschen Big Brother.

Die Website von Big Brother - »www.bigbrother-haus.de - wird in Zusammenarbeit mit  "Worldonline" betrieben und ihre Geschichte ist eine einzige Erfolgsstory: 

  • In der ersten Woche ihres Bestehens 3,5 Millionen Zugriffe pro Tag  

  • Im April 2000 wurde schon der 100 millionste Besucher auf der Website gezählt;  damit zu diesem Zeitpunkt die best besuchte Website Europas und eine der meist besuchten der Welt (www.bigbrother-haus.de/archiv/)

Die Big Brother-Website stellt eine Corporate Website dar, die ihre Besucher durch ein umfangreiches Angebot auf den Binnenseiten möglichst lange im eigenen Angebot halten will und bestenfalls Klicks zu den eigenen Kooperationspartnern zulässt. Von diesen führt der Weg dann geradezu selbstverständlich wieder zurück zur eigenen Website. Bei diesem Konzept geht es um Territorialität, wie Hack betont, und deshalb wird von der Produktionsfirma alles unternommen, um Vermarktung im Internet vollkommen im Griff zu behalten. Hier geht es ums Geld und um nichts anderes. Kein Wunder also wenn unabhängige Fan-Websites vollkommen ignoriert oder beim geringsten Verstoß gegen geschützte Rechte von Endemol mit massiven Abmahnungen angegangen werden. (Hack 2000) Nach dem Motto Fans ja, aber nur dann, wenn Endemol den Fanclub kontrollieren und die von den Fans generierten Daten auswerten kann, bleibt von der ehemals freien Verlinkung im WWW nichts mehr übrig.
(vgl. Günter Hack:  Der Grosse Bruder und seine Verwandtschaft. Ein Essay zur Fernsehshow Big Brother, 17.6.2000)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013

     


   Arbeitsanregungen:

  1. Untersuchen Sie die aktuelle Corporate Website von Big Brother und stellen Sie fest, welche Angebote und Dienstleistungen im Content der Big Brother-Seite derzeit zu finden sind.

  2. Notieren Sie Ihr Ergebnis in Form eines Mind Maps (ggf. auf einer Wandzeitung)

  3. Zeigen Sie, welche Links aus der Big Brother-Website herausführen.

  4. Überlegen Sie, welche Bedeutung das das Konzept der Corporate Website für die Produktionsfirma Endemol besitzt und diskutieren Sie die Auswirkungen auf die Nutzer und die Medienlandschaft im Zeitalter des Internets.
     

     
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