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Big Brother

Zuschauermotive und Gratifikationen

 
 

Der Publikumserfolg, den Endemol Entertainment mit Big Brother errungen hat, stellt alles, was bisher im deutschen Reality-TV gesendet worden ist, weit in den Schatten. 
Warum die Sendung ein Erfolgskonzept war und ist, hat immer wieder Fragen aufgeworfen und unterschiedliche Antworten hervorgerufen, und im Kampf um die Quote und die Deutungshoheit bei der politisch-moralisch-ethischen Beurteilung des Sendeformats hat man in der Anfangszeit der Serie sogar wissenschaftliche Gutachten erstellen lassen.
Was immer den einzelnen Zuschauer bewegt, sich Big Brother (regelmäßig) anzusehen, die Faszination, die davon ausgeht, verweist auch ein Stück weit darauf, dass in der Medien-Gesellschaft manches, was den Menschen im Miteinander häufig unmittelbar zugänglich gewesen ist und im normalen Alltagsleben erfahren, erprobt und schlicht gelebt worden ist, heute aus zweiter Hand, nämlich durch die Medien, an die Menschen herangebracht wird. So nutzen viele Zuschauer Big Brother, um durch die Beobachtung des Gruppenschicksals eigene Grundfragen, die sich ihnen über das Zusammenlebens stellen, in allen möglichen Harmonie- und Krisenwendungen durchzuspielen. In Big Brother erleben sie die Gruppendynamik mit, erhalten sie medial-real vorgelebt, wie Konflikte entstehen und bewältigt werden können oder auch nicht. Sie spielen mit in einem kollektiv angelegten Psycho- und Gesellschaftsspiel, das auch auf dem "sozialstrukturellen(n) Realitätsverlust für das Individuum" beruht, das in einer komplexen und auf vielfältige Weise differenzierten Gesellschaft mit "Fremdheiten, Unwissen über die privaten Lebensrealitäten der anderen" umzugehen hat. (Willems (2000, S. 33, Hervorh. d. verf.)
Die Lust am Blick hinter die Kulissen und der damit einhergehenden Veröffentlichung des Privaten macht einen der wesentlichen Gründe für den Unterhaltungswert von Big Brother aus. Beides habe, das betont Herbert Willems (2000, S. 32ff.) im Anschluss an den Philosophen und Soziologen »Norbert Elias (1897-1990), etwas mit dem Entstehen von Scham- und Peinlichkeitsgrenzen in der Moderne zu tun, die dazu geführt hätten, das "zahlreiche, vor allem körperliche oder körperbezogene Verhaltensweisen 'hinter die Kulissen' verlegt werden." Sind diese Kulissen erst einmal errichtet, oder wie Willems fortfährt, sind solche Grenzen erst einmal "normative Realität" geworden, dann entstehen eben erst solche "Überschreitungsmöglichkeiten und Überschreitungswünsche (...) aus der Intimität auszubrechen oder (...) in die Intimität - anderer - einzubrechen." (ebd., vgl. Elias 1939/1976) Was in der Realität kaum möglich sei, ließe sich, das zeigt Big Brother, mit Hilfe von Medien offenbar erfüllen.

Vor allem die Gruppe der 14- bis 29-Jährigen wurde mit diesem Programmangebot in einem Umfang angesprochen, der bis dahin von keinem Fernsehformat nur annähernd erreicht worden ist.

In einer Studie (über 800 Befragte) des Kommunikationswissenschaftlers Jürgen Grimm an der Universität Augsburg über die erste Staffel von Big Brother im Jahr 2000 wurde festgestellt (nach: rheinische post online , 20.1.01):

  • Zuschauer sehen Big Brother vor allem aus Neugier.
  • Die meisten Zuseher denken nicht, dass durch Big Brother die Menschenwürde verletzt wird.
  • Weibliche Zuschauer sind unter den Vielsehern der Sendung in der Mehrzahl, allerdings nicht in einem Maße wie bei den Daily-Soaps.
  • Die verhältnismäßig meisten Big Brother-Fans sind zwischen 10 und 17 Jahren alt. 
  • Je älter die Zuschauer sind, desto stärker entwickeln sie eine kritische Haltung zur Sendung.
  • Es gibt keine einhelligen Motive für das Sehen der Sendung. Für Vielseher spielt allerdings die Kompensation der Einsamkeit eine große Rolle.
  • Ein weiteres Motiv stellt reine Neugier dar oder die Tatsache, "dass man sich über einzelne Mitwirkende so schön aufregen kann", wie die Befragten angaben.
  • Die vor Beginn und kurz nach dem Beginn der Reality-Soap vorhandene Medienhysterie hat sehr zum Erfolg von Big Brother beigetragen.
  • Viele Zuschauer finden es besonders reizvoll, dass neben der Inszenierung von Geschehen sich immer wieder Authentizität erkennen lasse.
    nach Überzeugung von Grimm nicht nur die anfängliche
    Medienhysterie beigetragen. Gerade dass bei aller
    Inszenierung immer wieder Authentizität durchbreche, mache
    für viele Zuschauer den Reiz aus.

Außer diesen empirischen Ergebnissen lassen sich mit dem so genannten "Uses-and-Gratifications-Approach" aus der Publikumsforschung bestimmte Aspekte der besonderen Attraktivität des Sendeformats von Big Brother theoretisch erklären und in Beziehung zu den empirischen Befunden setzen.
Der Uses-and-Gratifications-Ansatz geht davon aus, dass massenmedial vermittelte Inhalte vor allem deshalb rezipiert werden, weil sich die in der Massenkommunikation aktiven Rezipienten davon eine Art Belohnung, in der Sprache des Ansatzes eine Gratifikation, erwarten. 
Vier verschiedene Gratifikationen können im Zusammenhang mit Big Brother eine Rolle spielen:

 

Gratifikation

Ursachen und Merkmale 

Ablenkung und Zeitvertreib
  • Vertreiben der alltäglichen Langeweile und Routine

  • Unterhaltung

  • Flucht vor persönlichen Problemen (Eskapismus)

Aufbau einer persönlichen Beziehung zum Medienakteur
  • Zuschauer fühlt sich mit dem Medienakteur geradezu freundschaftlich verbunden und handelt so, als stehe er in realem sozialen Kontakt mit ihm (Teichert, 1973)

  • Parasoziale Interaktion (Teichert) als Ersatz und Kompensation des Mangels an realen sozialen Beziehungen und Kontakten

Sozialer Nutzen
  • Gesprächsstoff für Alltagskonversationen

  • Einteilung des Alltagslebens in medienbedingte Zeitabschnitte (Sendezeiten); dadurch Strukturierung sozialer Interaktionen durch die Art der Mediennutzung

Ich-Identität
  • Identifikationsprozesse mit Container-Bewohnern können zu einer verstärkten Selbsterfahrung der Zuschauer führen

  • Identifikationen zur Projektion von eigenen Wünschen, Träumen, Sehnsüchten sowie zur Legitimation der eigenen Verhältnisse  (Burkart 1998)

(vgl. Karina Peckham, "Big Brother" - Unterhaltung und Überwachung, Seminararbeit bei Prof. Peter Glotz, SS 2000, Uni Erfurt)
 

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 10.05.2015

     
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