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Big Brother

Kontroverse in Gutachten

 
 

Big Brother hat vor seinem Beginn und danach heftige Debatten in der deutschen Öffentlichkeit hervorgerufen. "Für mich gehört »Big Brother« auch zur Geschichte des Senders »RTL 2. Was haben die im Programm? Reality TV, schlechte Doku-Soaps, Sexfilme. Der Sender ist seinem Format treu geblieben, nur hat er es geschafft, eine andere Wirkung zu erzielen." erläutert der Dokumentarfilmer Thomas Schadt, Lehrender an der Filmakademie Ludwigsburg.( Der Mensch ist ein gar wunderliches Marketingprodukt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Mai 2000) 
Aber auch Prominente legten sich bei Big Brother keine große Zurückhaltung auf:

  • »Thomas Gottschalk erklärte dazu in "Bild am Sonntag": "Ich glaube, dass man unseren Kindern mit 'Big Brother' die Rübe verstopft... Du musst dich nur hundert Tage in eine Kiste setzen, dummes Zeug erzählen, andere aus der Kiste rausmobben, und wenn du als einziger überlebst, bist du am Ende reich und berühmt - 'ne klasse Lebensphilosophie."

  • »Harald Schmidt äußerte sich im "Spiegel": "Das Affenartige der Gesellschaft ist zu erkennen, dieses Sich-Kratzen, Nagen, permanente Mützentragen".

Der Kampf um die Meinungshoheit wurde aber auch mit Gutachten verschiedener Experten geführt, die längere Zeit den öffentlichen Diskurs geprägt haben. In vier verschiedenen Gutachten haben Rechts- und Medienexperten ihre Ansichten über Menschenrechtsverletzungen, Programmfreiheit und Sendeformat von Big Brother dargelegt.
Drei dieser Gutachten wurden von RTL 2 selbst in Auftrag gegeben, eines wurde im Auftrag der »Landesmedienanstalten erstellt:

Von den Landesmedien- anstalten in Auftrag gegebenes Gutachten

Von RTL 2 in Auftrag gegebene unabhängige Gutachten

Udo Di Fabrio,
Münchener Prof. für Rechtswissenschaft und Verfassungsrichter
Hubertus Gehrsdorf,
Lehrender an der Uni Rostock
Lothar Mikos,
Lehrender an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam
»Dieter Dörr (geb.1952)
Prof. f. Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht an der Uni Mainz
Menschenwürde kann durch Kommerzialisierung und Degradierung der Teilnehmer zum Objekt auch dann verletzt sein, wenn die Teilnahme auf Freiwilligkeit  beruht

Freiwilligkeitsprinzip setzt voraus, dass man die Folgen erkennen kann

Big Brother enthält zwar ein vergleichsweise großes Gefährdungspotential für Menschenrechtsverletzung, aber Auswirkungen sind nicht eindeutig

Verbot von Big Brother ist nicht zu begründen

Rundfunkfreiheit vorrangig gegenüber Geschmacks- urteilen und individuellen Vorstellungen über das "Gute" und das "Böse"

vgl. Auszüge aus der "Rheingold-Studie"

Big Brother folgt Spielregeln wie andere Game-Shows auch 

Freiwillige Kandidatinnen und Kandidaten lösen freiwillig bestimmte Aufgaben

freiwillige Teilnahme der Kandidaten spricht gegen die Verletzung der Menschenwürde

allerdings: Klare Abwägung von Programmfreiheit und Menschenwürde nötig

vgl. Auszüge aus Dörr-Gutachten

(vgl. Karina Peckham, "Big Brother" - Unterhaltung und Überwachung, Seminararbeit bei Prof. Peter Glotz, SS 2000, Uni Erfurt)

Das Dörr-Gutachten

In seinem von »RTL II in Auftrag gegebenem Gutachten über Big Brother kam Prof. Dr. Dieter Dörr, der an der Universität Mainz Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht lehrt, zum Ergebnis:

"Eine Gefährdung des Rechtsgutes Menschenwürde als Teil der objektiven Wertordnung kommt ebenso wenig in Betracht, wie eine Verletzung der Menschenwürde der Teilnehmer oder der Rezipienten." 

Dabei hat er bei seiner Reflexion über Programmfreiheit und Menschenwürde den Schutz der Teilnehmer, der Zuschauer und den Schutz der gesellschaftlichen Werteordnung im Blick. Dies belegen die nachfolgenden Zitate aus dem Gutachten:

  • "Daher darf [...] die staatlich betriebene Schutzpflicht zugunsten des Betroffenen niemals soweit gehen, dass sie die in der Menschenwürde gewährleistete Freiheit zu selbstbestimmter Lebensgestaltung verdrängt oder auch nur beeinträchtigt."

  • "Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die Aufklärung der Teilnehmer über den Ablauf der Sendungen, die Spielbedingungen und die Situationen die entstehen können, bei »Big Brother« sehr viel weiter reicht, als bei anderen Sendegenres."

  • "Demnach ist festzustellen, dass die einzelnen Sendungen der Sendereihe »Big Brother« vom Teilnehmerschutz her gesehen nicht gegen die Menschenwürde verstoßen, weil sie die Freiwilligkeit der Entscheidung, also die Selbstbestimmung der Teilnehmer als Ausfluss der Menschenwürde, respektieren und sicherstellen."

  • "Nach den zu erwartenden Situationen und Geschehnisabläufen (alltägliche Handlungen, Gespräche, Lösen von Aufgaben, sonstiger Umgang der Kandidaten miteinander) kann keine Rede davon sein, dass durch die Ausstrahlung der Sendung (»Big Brother«) bei Kindern, Jugendlichen oder ganz allgemein bei den Zuschauern ein menschenverachtendes und daher mit der Menschenwürde unvereinbares Menschenbild befördert wird."

  • "Bei der Sendereihe »Big Brother« ist eine systematische Untergrabung des Menschenbildes, wie es Art 1 Abs. 1 GG zugrunde legt, im Hinblick auf die angeführten Beispiele wie Ausgrenzen von Minderheiten aus der menschlichen Gemeinschaft, Schüren von Hass gegen Einzelne oder gegen Bevölkerungsgruppen, Propagieren von Gewalt zwischen Menschen allgemein oder Vermittlung eines mit der Menschenwürde schlechthin vereinbaren Frauenbildes in keiner Weise zu erwarten. Aus diesem Blickwinkel ist daher eine Verletzung der Menschenwürde auszuschließen." 
    (www.berlinonline.de/wissen/berline...g/archiv

Die "Reingold-Studie"

Die tiefenpsychologische Studie des Kölner Instituts für Markt- und Medienanalysen "Rheingold" unterscheidet vier verschiedene Blickrichtungen, die von den Zuschauern eingenommen werden, um die Welt einmal mit anderen Augen zu sehen. Sie unterscheidet den göttlichen Blick, den Alltags-Blick, den Beziehungs-Blick und die Psycho-Blick voneinander.

  • Der göttliche Blick: Die göttliche Blickrichtung auf Big Brother besteht letzten Endes in einer Allmachtsfantasie, der Vorstellung, dass einem nichts aber auch gar nichts entgeht und man demzufolge die gesamte Situation und die Beteiligten unter Kontrolle hat. In den Abstimmungen darüber, wer den "Container" verlassen muss oder nicht, findet diese Fantasie ihren Ausdruck.
  • Der Alltags-Blick: Es ist beinahe wie beim Puppenspiel mit der Puppenstube, bei dem Kinder das Alltagsleben nachstellen und damit für sich begreifbar machen, was erwachsene Zuschauer unter diesem Blickwinkel erleben: die Faszinationskraft des Alltäglichen, eines Alltags, bei dem, sofern man genau hinschaut, im Kleinsten und in den einfachsten Dingen eine unglaubliche Dynamik und Dramatik steckt. Big Brother, so die Studie, ermöglicht seinen Zuschauern, den ihnen allzu selbstverständlich gewordenen eigenen Alltag wieder neu zu verstehen, nach dem Motto: "Wenn ich so sehe, wie die putzen, sich waschen oder rumlungern, habe ich das Gefühl, dass ich doch ganz normal bin." So wird Big Brother zur Folie für Projektionen, die ihren Ursprung im Alltagsleben der zusehenden Meschen selbst haben. Projektleiter der Rheingold-Studie, Stephan Grünewald, hat dies wie folgt beschrieben: "Angesichts der bunten, gestellten und eher glänzenden Bilderflut der Soaps, Serien und Illustrierten haben es viele Menschen in unserer Kultur verlernt, sich ihren eigenen scheinbar grauen Alltag anzusehen."
  • Der Beziehungs-Blick: Was sich im Big Brother-Setting vor den Augen der Zuschauer entwickelt hat den Charakter eines sozialen Experiments, bei dem die Zuschauer beobachten können, wie sich im "Container" eine eigene Kommunikations- und Interaktionskultur herausbildet, die bestimmte Gruppenbildungsprozesse nachsichzieht. Was mit und unter den "Bewohnern" (des Big Brother-Camps) geschieht, regt die Zuschauer an, ihre eigenen die Beziehungen  und Konfliktstrategien zu überprüfen Der Zuschauer wird auf der Plattform der stellvertretender Selbsterfahrung, die ihm Big Brother dafür bietet, quasi Teilnehmer eines gruppendynamischen Prozesses, der sie mit ihren eigenen Ängsten, Hoffnungen, Möglichkeiten und Grenzen konfrontiert. Stephan Grünewald: "Big Brother verspricht die Kompensation sozialer Defizite. Die Zuschauer haben es in unserer Gesellschaft durch die vielfältigen Freizeit- und Unterhaltungsangebote, durch Rückzugs- und Ablenkungsmöglichkeiten fast schon verlernt, eine ausgeprägte und stabile eigene Beziehungs- und Streitkultur zu entwickeln."
  •  Der Psycho-Blick: Wie anderswo kaum möglich, haben die Zuschauer bei Big Brother die Gelegenheit, das Verhalten der "Bewohner" unter Extrembedingungen zu beobachten. Dabei können sie auch eine fast wissenschaftlichen, zumindest jedoch psychologische Blickrichtung auf das medial präsentierte Geschehen einnehmen. Ist diese Perspektive eingenommen, können sich die Zuschauer ausgesprochen intensiv mit den Biografen der "Bewohner" auseinandersetzen und dabei versuchen, hinter die Fassaden der Vorderbühne, wie Goffman (1983/2011, S.100) das nennt, der Personen zu sehen. Auf diese Weise kommt einkollektives Psychospiel in Gang, bei dem die einzelnen Zuschauer im Wettstreit mit Freunden und Bekannten mit den jeweils eigenen Beobachtungen, Analysen und Prognosen punkten wollen. Und wer mit seinen Deutungen und Prognosen im Fortgang der Big Brother-Staffel richtig lieg, entwickelt bald das souveräne Gefühl, Welt und Leben zu verstehen. Und das wiederum tut angesichts der Tatsache, dass die komplexe Welt um uns herum in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft gewöhnlich eher das Gegenteil vermittelt, einfach gut.
    (Quelle u. a.: rheinische post online , 20.1.01)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet: 29.09.2013

 
 
   Arbeitsanregungen:
  1. Informieren Sie sich über die Menschenrechte im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

  2. Erläutern Sie dabei das Recht auf Würde.

  3. Zeigen Sie, welche Grundrechte im Zusammenhang mit Big Brother eine Rolle spielen könnten.

  4. Nehmen Sie zu den Ergebnissen der Gutachten Stellung.

  5. Überprüfen Sie die Aussagen von Dörr in einer gemeinsamen Betrachtung einer Sendung von Big Brother.

  6. Zeigen Sie auf, welche sozialen Defizite Big Brother zu kompensieren helfen kann.
  7. Vergleichen Sie die Ergebnisse dieser Studie mit den Gratifikationen des Uses-and-Gratification-Approachs in der Publikumsforschung.
     
     
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