|
Das
Fernsehformat
Big
Brother gehört zum Genre des von
Soziologen so bezeichneten »performativen
Realitätsfernsehens«. Die Bezeichnung hebt darauf ab,
dass bei diesem Genre die Realität eben nur scheinbar Einzug
ins Fernsehen gehalten hat. In Wahrheit aber werden die
Teilnehmer bzw. Kandidaten als Darsteller präsentiert. Dies
geschieht, weil sie selbst entweder freiwillig in eine
bestimmte Rolle schlüpfen oder vom Sender mit den Mitteln
der Bildmontage inszeniert werden. Performativ wirken sie
aber auch, weil sie Darsteller ihrer selbst sind. So spielen
sie letztlich auch, wer sie sind. Die
Selbstdarstellung,
welche die Big Brother-Teilnehmer ist dabei etwas Besonders,
da "man sein Leben, wenn auch weitgehend stilisiert,
sozusagen in actu als gelebtes Leben offenbart, statt es
reflexiv und rekonstruktiv zum Thema zu machen."
(Willems
2000, S.28) Wer bei Big Brother als Darsteller bestehen
will, muss sich von einem "geschärften
Darstellungs- und Inszenierungsbewusstsein" mit
einer "entsprechenden Selbst- und Fremdaufmerksamkeit" bei
seiner Selbstdarstellung leiten lassen.
lebd., S.29, Hervorh. d. Verf.)

(nach:
Bohrmann
2000)
| Gameshow |
feste
Spielregeln; Spiel der Kandidaten miteinander und
gegeneinander |
| Soap |
kleine
Alltagsgeschichten; Dramaturgie der
Fortsetzungsgeschichten; Serie mit feststehendem
Serienende (Staffelende); Kandidaten mit einer
eindeutigen Serienbiographie |
| Talkshow |
Gespräche
über Persönliches und Alltägliches zwischen
Hausbewohnern; Studiotalk in speziellen Sendungen mit
Talkmaster |
| Dokumentation |
Beobachtung
des Alltagslebens von Menschen rund um die Uhr |
Nach
Angela
Keppler
(1994,S.8) handelt es sich
beim performativen Realitätsfernsehen »um Unterhaltungssendungen, die sich
zur Bühne herausgehobener Aktionen machen, mit denen gleichwohl direkt
oder konkret in die Alltagswirklichkeit der Menschen eingegriffen wird.
"The celebrity is a person who is known for his
well-knownness." (Daniel J. Boorstin 1961)
Es sind "Pseudoereignisse"
oder "Pseudo-Events",
die bei Big Brother inszeniert werden, so wie
sie schon der US-amerikanische Historiker und Schriftsteller
»Daniel
J. Boorstin (1914-2004) Anfang der sechziger Jahre des
vorigen Jahrhunderts beschrieben hat (Boorstin
1961). Darunter versteht man im Anschluss an seine
Ausführungen, Ereignisse, die im Grunde genommen nur deshalb
stattfinden, weil und damit sie von den Medien wahrgenommen
und verbreitet werden. Als mediale Inszenierungen erzeugen
solche Pseudo-Events nach Boorstin eine künstliche und
zugleich verzerrte Wirklichkeit. Beispielhaft zeigt er dies
am Beispiel des
Massentourismus auf, der den Pauschalreisenden eigens
für sie inszenierte Vorstellungen von Wirklichkeit als
authentische Wirklichkeit anbietet (der Besuch in in einem
"originalen" »Massai-Dorf
in Afrika etwa oder in einem "Beduinen-Camp" bei einem »Ausflug
aus dem Hotel-Ressort am Roten Meer).
Auch wenn, wie Carsten
Brosda (2000, S.98) festhält, der Begriff
"Pseudoereignis" "in den Debatten um die mediale
Ereinis-Inszenierung in den letzten Jahren geradezu
inflationäre Verwendung gefunden hat", gilt was er im
Anschluss an
Bentele (1994, S.245f.) formuliert, weiter:
Pseudo-Events seien danach, "dadurch gekennzeichnet,
-
dass sie sich
nicht 'spontan' ereignen, sondern 'arrangiert' werden,
-
dass sie
dramatischer sind als 'wirkliche' Ereignisse,
-
dass sie
leichter zu verbreiten und lebendiger zu gestalten sind,
-
dass sie sich
durch eine beliebige Wiederholbarkeit auszeichnen,
-
dass sie Geld
kosten und jemand das Interesse hat, dieses Geld zu
verdienen."
(Form der Auflistung, d. Verf.)
Wie die
Inszenierung des Pseudoereignisses Big Brother zu Beginn von
der Produktionsfirma aufgezogen wurde, macht ein Blick auf
Schlagzeilen in der Presse deutlich, die auf
Pressemitteilungen über Big Brother nicht selten auf den
Titelseiten landeten.
Für
Thomas
Bohrmann
(2000) geht Big Brother jedoch noch darüber hinaus: Die
vollständige Totalität und Abgeschlossenheit, mit der dieser
Big Brother-Alltag präsentiert werde, weise über das bis
dahin Dagewesene im
Reality-TV
hinaus.
Von besonderer Bedeutung ist auch die
Vermarktungsstrategie von Big Brother, die der Sender RTL 2
verfolgt. Sie folgt den Prinzipien des so genannten "Kult-Marketings"
(vgl.
Nieland 1999), bei der "die Sendung selbst als
Kristallisationspunkt verschiedener Trends und Rituale
(fungiert), die in lebensweltlichen Kontexten transformiert
als Anreize und Stabilisatoren des Rezeptionsverhaltens der
Konsumenten Wirkung entfalten." (Brosda 2000,
S.102) In diesem Zusammenhang, so fährt Brosda fort, seien
auch Persiflagen, Satiren, kritische Reportagen und
Talkrunden hilfreich, wenn es darum gehe, "Big Brother als
ein Mediengrenzen transzendierendes gesellschaftliches
Ereignis zu etablieren." (ebd.
)
|
|