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Unfallgaffer

Die Sensationslust wird immer größer

Presseerklärung der Arbeitsgemeinschaft der Notärzte in Bayern (2010)

 
 
 

In einem Fünftel der Notfalleinsätze wird der Rettungsdienst durch Schaulustige – speziell bei Verkehrsunfällen – behindert. Jedes 6. Unfallopfer gerät dadurch in zusätzliche Gefahr.
Dies betrifft sowohl Behinderungen bei der Anfahrt (Fehlen einer Rettungsgasse), als auch bei der Versorgung am Unfallort. Zuschauer bedrängen die Retter körperlich wie verbal durch demotivierende Kommentare, die konkrete Vorwürfe enthalten. Nach einer Studie der Ruhruniversität Bochum zum Verhalten bei Unfällen wurde festgestellt, dass 80% der Deutschen potentielle Gaffer sind. Eine Untersuchung der Bundesanstalt für Straßenwesen (BAST) zeigte, dass bei 75% der Unfälle Schaulustige für die Behinderung verantwortlich sind. Neu ist eine Steigerung, dass Zuschauer in aggressiver Weise den Helfern gegenüber auftreten. Zunehmende Gewalt gegenüber Einsatzkräften ist eine neue Dimension im Rettungsdienst.

Das Anspruchsdenken und die Sensationslust der Bevölkerung werden immer größer

Ausfluss der Sensationslust und der Voyeurismus sind der Anspruch Not- und Unglücksfälle möglichst unmittelbar zu erleben. Dabei wird auf die Arbeit des Rettungspersonals keine Rücksicht genommen, stellt der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der in Bayern tätigen Notärzte Prof. Dr. med. Peter Sefrin (Würzburg) fest. Gerade Jugendliche haben durch den Konsum von bildhaften Darstellungen den Abstand zum persönlichen Leid der Unfallopfer verloren. Deshalb geht der Vorschlag der Politik in Person des Innenministers von Schleswig-Holstein Gaffer mit drastischen Unfallbildern zu konfrontieren, an der Realität vorbei. Diese Bilder findet jeder Fernsehzuschauer täglich zur besten Sendezeit. Neugier ist zwar eine natürliche Eigenschaft des Menschen, nur wenn sie zur aggressiven Voyeurismus mutiert, dann wird es nicht nur für das Opfer, sondern auch für die Helfer gefährlich. Neugier ist von Hause aus nicht negativ, vor allem, wenn daraus bei Erkennen einer Hilfsbedürftigkeit eine konkrete Hilfe resultieren könnte.
Von Patienten werden Zuschauer als unangenehm und belastend empfunden. Aber auch Helfer empfinden Gaffer als Belastung und teilweise als Bedrohung, wenn diese sie bei der Hilfeleistung behindern. Obwohl es gesetzliche Möglichkeiten gibt Schaulustige, die die Rettung behindern, vom Unfallort - durch Platzverweis oder durch Bußgelder zu entfernen – ist dieses Verfahren für Einsatzkräfte nicht umsetzbar. Für sie, aber auch die Polizei hat die Hilfeleistung eine höhere Priorität, als das Verfolgen von Gaffern.

Inzwischen ist es keine Seltenheit mehr, dass Rettungskräfte die Polizei alarmieren müssen, um sich und den Patienten vor aggressiven Gaffern zu schützen. Notarzt und Personal werden heute nicht mehr nur als Helfer, sondern als Repräsentanten einer Obrigkeit gesehen. Übergriffe bis zu körperlichen Angriffen sind die Folge, wenn die Gaffer nicht in der unmittelbaren Nähe zum Schadensereignis stehen können. Die Abstumpfung im Hinblick auf schreckliche Schadensfälle zeigt sich auch darin, dass das Geschehen mit Handys fotografiert oder als Video gespeichert wird, um es hinterher im Internet zu veröffentlichen.

Die Notärzte Bayerns sehen sich nicht als Regulierer oder Strafverfolger, sondern appellieren an Unfallzeugen ihre Inkompetenz des Helfens durch aktive Auffrischung ihrer Erste-Hilfe-Kenntnisse auszugleichen.

Presseerklärung der Arbeitsgemeinschaft der Notärzte in Bayern (18.5.2010)
 www.agbn.de

 

 
      
   
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie aus dem Text heraus, wie sich das Unfallgaffen nach Ansicht der Arbeitsgemeinschaft der Notärzte in Bayern entwickelt hat.

  2. Welche Gründe werden für diese Entwicklung genannt?

  3. Welche Möglichkeiten und Grenzen sehen die Notärzte, um dem Unfallgaffen entgegenzuwirken?

  4. Setzen Sie sich mit den Aussagen auseinander.
     

 
     
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