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Politische Beteiligung

Die "Lust am Shitstorm" als politische Partizipation?

Gert Egle (2015)

 
 
  Wer im Mittelalter auf einem Markt beim Diebstahl von Lebensmitteln erwischt wurde, konnte schnell am Pranger landen. Dabei wurde der Straftäter z. B. an einen Holzpfosten gefesselt und öffentlich vorgeführt. Wer an dem Angeprangerten vorbeikam, der durfte ihn vielerorts nicht nur beschimpfen, sondern auch mit Gegenständen bewerfen. Wer am Pranger stand, war als Konsequenz der Schande, die er zu erdulden hatte, ganz oder zumindest für lange Zeit aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Als der deutschstämmige US-Basketballstar Dirk Nowitzki im Januar 2012 in einem ING-Diba-Werbespot in einer Metzgerei eine Scheibe Fleischwurst verspeiste, wurde er mitsamt der Firma für die er warb, an den Pranger unserer Zeit gestellt. Im Internet brach ein Sturm der Entrüstung von Veganern und Vegetariern los, die darin einen Skandal sahen. In einem so genannten Shitstorm entluden aufgebrachte Internetnutzer, was sie vom Fleischkonsum allgemein, dem Töten von Tieren und Menschen, die sich beim Fleischessen auch noch zu Werbezwecken ablichteten, hielten. Mit ihren Posts überfluteten sie die Facebook-Seite der Bank und fügten ihr damit einen nicht bezifferbaren Imageschaden zu.
"Shitstorm (englisch shitstorm, 'Scheißesturm', zusammengesetzt aus shit 'Scheiße' und storm 'Sturm')",  so wird in Wikipedia (25.2.2015) ausgeführt, "bezeichnet im Deutschen das Auftreten des als Flamewar bekannten Phänomens bei Diskussionen im Rahmen von sozialen Netzwerken, Blogs oder Kommentarfunktionen von Internetseiten. Der Duden definiert einen Shitstorm als 'Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht'. Typisch für einen Shitstorm ist darüber hinaus, dass die Verfasser von Posts und Tweets sowohl inhaltlich wie auch in der Art der Formulierungen (häufig aggressiv, beleidigend oder auch bedrohend) oft deutlich über das ursprüngliche Ziel und den ursprünglichen Anlass hinausschießen und damit eine eigene Dynamik entwickeln.

Wohl gemerkt, während an den alten Pranger im Normalfalle ein Straftäter auf Anordnung der Gerichtsbarkeit gestellt wurde, speisten sich dieser und andere Shitstorms aus dem vermeintlich politisch ganz korrekten Energiehaushalt von Wutbürgern, die "Dampf ablassen" und solche öffentlichen "Bekenntnisse" zu "ungehemmtem" Fleischverzehr künftig verhindern wollten. Und so manchem, der an einem Shitstorm ähnlicher Art, der sich gegen politisch Verantwortliche oder Prominente ebenso richten kann, wie gegen Firmen und Institutionen, sieht darin eine neue Möglichkeit, vom Schreibtisch oder besser vom mobilen Endgerät an jedem Ort und zu jeder Zeit politisch "mitmischen" zu können.
Die Vorstellungen von politischer Beteiligung, die dahinter stehen, sind für das, was viele - ihrem Alltagsverständnis folgend - für politische Partizipation (von lat. participare = teilhaben) halten, nicht untypisch. Denn im Alltagsgebrauch wird darunter oft verstanden, sich irgendwie politisch oder sozial zu engagieren. Manch einer meint auch, dass →politisches Interesse schon als politische Partizipation aufgefasst werden kann. Und manche sind sogar der Ansicht, dass das "Liken" bestimmter Informationen im Web (Stichwort: »Clicktivism) oder das Tragen eines Schriftzuges wie z.B. "Rettet die Wale" auf dem T-Shirt schon zeige (Stichwort: »Slacktivism), dass man nicht nur politisch interessiert, sondern auch willens sei, politisch mitzumischen.
Allerdings gibt es auch in der Wissenschaft heutzutage ernsthafte Stimmen, die angesichts der neuen Online-Interaktionsformen, wie sie z. B. bei "liking" und "sharing" (Facebook; Google+) oder "favoriting" und "tweeting" bzw. "retweeting" (Twitter) praktiziert werden, fordern, dass solche niederschwelligen Partizipationsformen zu einer Erweiterung bzw. Neudefinition des Begriffs der politischen Partizipation führen müssten. (vgl. Buchstein 1996, Voss 2014, Kneuer 2014, S.199f.)
Die Politikwissenschaft versteht unter unter politischer Partizipation allerdings (nur) solche Handlungen, "die Bürger freiwillig mit dem Ziel vornehmen, Entscheidungen auf verschiedenen Ebenen des politischen Systems zu beeinflussen." (Kaase 1997, S.160)
Eine derart strenge Definition wird indessen nicht von allen geteilt. So werden politische Partizipationshandlungen und soziales und gesellschaftliches Engagement auch häufig unter dem Oberbegriff bürgerschaftliches oder zivilgesellschaftliches Engagement zusammengefasst. (vgl. ebd.)

Schon seit langem hat man in der Politikwissenschaft aber auch darauf hingewiesen, dass man vor allem wohl "bei kollektiven Erscheinungen politischer Partizipation" nicht davon ausgehen kann, dass jede Person, die daran teilnimmt, auch "eine instrumentelle, auf politische Ziele hin gerichtete Partizipationsmotivation" besitzt (Kaase 1995b, S.462). So macht es vielen u. U. auch einfach "Spaß" mitzumachen und mit einem minimalen Kosten-Nutzen-Aufwand zu denen dazuzugehören, die sich auf diese Art und Weise miteinander vernetzen. Eine solcherart hedonistisch orientierte Partizipation reicht indessen wohl kaum aus, den mitunter langwierigen und mitunter auch mit Enttäuschungen verlaufenden Prozess der Einflussnahme auf politische Entscheidungen über einen längeren Zeitraum zu gehen. Und diejenigen, insbesondere Jüngere, die sich an den neuen Formen niederschwelliger Partizipation beteiligen, haben die offensichtlich auch nicht im Sinn. Ihnen geht es darum, ein Zeichen zu setzen und dafür reicht ihnen offenbar auch eine symbolische Form politischer Beteiligung, wie sie z. B. beim "liking" und "sharing" in den großen sozialen Netzwerken oder beim "favoriting" und " tweeting" bzw. "retweetíng" mit Hilfe von twitter möglich ist. Dass dahinter natürlich auch die mangelnde Bereitschaft steht, sich längerfristig für ein bestimmtes Ziel einzusetzen, liegt auf der Hand. (vgl. auch: Ritzi u.a. 2012, S.261)
Ein »Shit-Storm in den sozialen Medien, wie ihn so manche Firma wegen irgendeines ihr unterstellten Fehlverhaltens über sich hat ergehen lassen müssen (»Beispiele von Shitstorms), ist natürlich häufig eine einem realen Sturm vergleichbare Front Unzufriedener, erleidet aber doch oft das gleiche Schicksal wie sein reales Pendant: Nach dem Sturm fällt er eben wieder in sich zusammen.
Dennoch: Die "Lust am Shitstorm", welche die Aktivität vieler prägt, die daran teilnehmen, kann als ein Beispiel für die hedonistische Partizipation im Zeitalter des Web 2.0 gelten. Weiß der Himmel, wohin das führt!

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 20.07.2016

 
     
     
   Arbeitsanregungen:
  1. Erläutern Sie, weshalb das Herumtragen einer Botschaft wie "Rettet die Wale" nicht als politische Partizipation angesehen wird. Welche Umstände könnten diese Einschätzung verändern?

  2. Was unterscheidet einen Shitstorm von politischer Partizipation und unter welchen Umständen kann er als Form politischer Beteiligung im Sinne der oben dargestellten Definition aufgefasst werden. Ziehen Sie dazu auch die »Beispiele von Shitstorms auf Wikipedia heran.
     

 
     
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